Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
Schließen

Navigation:

II

Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskij-Brücke in einem Mietshaus von gewaltiger Größe in einer Hofwohnung. Als ich gerade ins Tor treten wollte, stieß ich mit Wersilow zusammen, der von meiner Wohnung kam.

»Nach meiner Gewohnheit«, sagte er, »bin ich auf dem Spaziergang nach deiner Wohnung gegangen und habe sogar bei Pjotr Ippolitowitsch eine Weile auf dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Die Leute zanken sich da fortwährend, und heute hat die Frau sich sogar ins Bett gelegt und weint. Ich habe es eine Zeitlang mit angesehen und bin dann weggegangen.«

Ich wurde aus irgendeinem Grund ärgerlich.

»Ich bin offenbar der einzige Mensch, zu dem Sie hingehen, und außer mir und Pjotr Ippolitowitsch scheinen Sie in ganz Petersburg niemanden zu kennen?«

»Mein Freund ... das ist ja ganz gleichgültig.«

»Wohin wollen Sie denn jetzt?«

»Zu dir möchte ich nicht noch einmal umkehren. Wenn du magst – laß uns zusammen spazierengehen; es ist ein herrlicher Abend.«

»Wenn Sie, statt mir abstrakte Erörterungen vorzutragen, menschlich mit mir gesprochen hätten und mir zum Beispiel nur wegen dieses verdammten Spielens eine kleine Warnung hätten zukommen lassen, hätte ich mich vielleicht nicht wie ein Narr da hineinziehen lassen«, sagte ich plötzlich.

»Du bereust es? Das ist gut«, erwiderte er langsam, den Mund kaum öffnend. »Ich habe mir immer schon gedacht, daß das Spiel bei dir nicht die Hauptsache, sondern nur so eine zeit–wei–lige Verirrung ist ... Du hast recht, mein Freund: das Spiel ist eine Schweinerei, und außerdem kann man sich da zugrunde richten.«

»Und fremdes Geld verspielen.«

»Hast du denn auch fremdes Geld verspielt?«

»Ihr Geld habe ich verspielt. Ich ließ mir von dem Fürsten Geld auf Ihr Konto geben. Allerdings war es eine schreckliche Absurdität und Dummheit von meiner Seite.... Ihr Geld für das meinige zu halten, aber ich beabsichtigte, es alles wiederzugewinnen.«

»Ich möchte dir noch einmal bemerken, mein Lieber, daß mir da kein Geld gehört. Ich weiß, daß sich dieser junge Mensch selbst in der Klemme befindet, und ich rechne trotz seiner Versprechungen nicht darauf, etwas von ihm zu erhalten.«

»Wenn es sich so verhält, befinde ich mich in doppelt schlimmer Lage... in einer lächerlichen Lage. Welchen Anlaß hat er unter solchen Umständen, mir Geld zu geben, und ich, es von ihm anzunehmen?«

»Das ist nun deine eigene Sache ... Aber hast du wirklich auch nicht den allergeringsten Anlaß, Geld von ihm zu nehmen, wie?«

»Außer unserer Freundschaft....«

»Ja, außer eurer Freundschaft? Gibt es nicht irgendeine Tatsache, auf Grund derer es dir möglich erscheinen kann, von ihm Geld anzunehmen, wie? Etwa infolge irgendwelcher Erwägungen?«

»Infolge von was für Erwägungen? Ich verstehe Sie nicht.«

»Um so besser, wenn du mich nicht verstehst, und ich muß gestehen, mein Freund, ich war davon überzeugt. Brisons là, mon cher, und gib dir Mühe, das Spielen aufzugeben!«

»Wenn Sie mir das doch früher gesagt hätten! Und auch jetzt sagen Sie es nur so lässig und obenhin.«

»Wenn ich es dir früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur miteinander überworfen, und du hättest mich nicht so gern abends zu dir kommen lassen. Und du mußt wissen, mein Lieber, daß all solche frühzeitigen Ratschläge zur Rettung weiter nichts sind als ein Eindringen in ein fremdes Gewissen auf fremde Kosten. Ich habe mich oft genug in das Gewissen anderer Leute eingedrängt, und das Ende vom Lied war immer, daß ich Nasenstüber und Spott und Hohn erntete. Auf die Nasenstüber und den Spott und Hohn allerdings pfeife ich, aber die Hauptsache ist, daß man durch derartige Manöver absolut nichts erreicht: niemand hört auf einen, und wenn man noch so eindringlich redet... und alle können einen bald nicht mehr leiden.«

»Ich freue mich, daß Sie endlich einmal mit mir von etwas anderem reden als von abstrakten Dingen. Da ist noch etwas, wonach ich Sie fragen möchte; ich wollte es schon lange, habe es aber, wenn ich mit Ihnen zusammen war, nie fertiggebracht. Gut, daß wir auf der Straße sind. Erinnern Sie sich noch, wie wir an jenem Abend, an dem letzten Abend, vor zwei Monaten, in Ihrer Wohnung in meinem ›Sarg‹ beide zusammensaßen und ich Sie nach Mama und Makar Iwanowitsch befragte – erinnern Sie sich noch, wie ungeniert ich damals mit Ihnen redete? Wie konnten Sie es dulden, daß so ein Grünschnabel von Sohn in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Und was taten Sie? Sie äußerten mit keinem Wort Ihre Mißbilligung, sondern redeten vielmehr selbst sehr zwanglos und veranlaßten mich dadurch zu noch ungenierterer Ausdrucksweise.«

»Mein Freund, es ist mir sehr angenehm, dich solche Gefühle aussprechen zu hören... Ja, ich erinnere mich sehr wohl daran, ich wartete damals tatsächlich auf ein Erröten in deinem Gesicht, und wenn ich selbst dich in deinem Ton noch bestärkte, so hatte ich dabei vielleicht gerade die Absicht, dich bis an die Grenze zu führen....«

»Und Sie haben mich nur noch mehr in die Irre geführt und den reinen Quell in meiner Seele noch mehr getrübt! Ja, ich bin von einer kläglichen Unreife und weiß manchmal selbst nicht, was schlecht und was gut ist. Hätten Sie mir damals auch nur ein ganz kleines Stückchen des richtigen Weges gezeigt, dann hätte ich das übrige schon erraten und wäre sogleich wieder auf die richtige Bahn gekommen. Aber Sie haben mich damals nur ärgerlich gemacht.«

»Cher enfant, ich habe immer geahnt, daß du und ich uns auf die eine oder andere Weise einmal in unseren Anschauungen zusammenfinden würden: diese Röte ist dir doch jetzt ganz von selbst, ohne irgendwelche Belehrung von meiner Seite, ins Gesicht gestiegen, und ich kann dir versichern, das ist für dich selbst das beste ... Ich habe wahrgenommen, mein Lieber, daß du in der letzten Zeit sehr gewonnen hast ... ob das wirklich von dem Umgang mit diesem kleinen Fürsten herkommt?«

»Loben Sie mich nicht, ich kann das nicht leiden. Lassen Sie mich nicht im Herzen den peinlichen Verdacht hegen, daß Sie mich zum Schaden der Wahrheit aus Jesuitismus loben, um sich meine Zuneigung zu erhalten. Aber in der letzten Zeit ... sehen Sie ... habe ich mit Damen verkehrt. Ich bin sehr gut aufgenommen worden, zum Beispiel von Anna Andrejewna, wissen Sie das?«

»Ich habe es von ihr selbst gehört, mein Freund. Ja, sie ist ein sehr liebes, kluges Mädchen. Mais brisons là, mon cher. Ich fühle mich heute ganz merkwürdig schlecht – ob es Hypochondrie ist? Ich führe es auf die Hämorrhoiden zurück. Wie steht es denn zu Hause? So einigermaßen? Du hast dich mit ihnen natürlich ausgesöhnt, und ihr habt euch umarmt? Cela va sans dire. Ich werde manchmal geradezu traurig, wenn ich zu ihnen zurückkehre, selbst wenn der Spaziergang unerfreulich gewesen ist. Wahrhaftig, mitunter mache ich im Regen einen unnötigen Umweg, um nur möglichst spät in dieses Heim zurückzukommen ... Und langweilig ist es da, langweilig, o Gott!«

»Mama ...«

»Deine Mutter ist das vortrefflichste, beste Wesen von der Welt, mais ... Kurz, ich bin ihrer und Lisas wohl nicht wert. Übrigens, was ist denn heute eigentlich bei ihnen los? In den letzten Tagen sind die Frauenspersonen da alle so eigentümlich gewesen ... Weißt du, ich gebe mir immer Mühe, dergleichen zu ignorieren, aber heute muß da bei ihnen doch etwas passiert sein ... Du hast nichts bemerkt?«

»Ich weiß absolut von nichts, und ich hätte überhaupt nichts bemerkt, wenn nicht diese verdammte Tatjana Pawlowna dazugekommen wäre, die sich immer mit mir herumbeißen muß. Aber Sie haben recht: da muß etwas passiert sein. Ich habe Lisa vorhin bei Anna Andrejewna getroffen; sie war auch dort schon so seltsam ... ich war ganz erstaunt über sie. Sie wissen wohl, daß sie mit Anna Andrejewna verkehrt?«

»Ja, ich weiß es, mein Freund. Aber ... wann bist du denn heute bei Anna Andrejewna gewesen, ich meine um welche Stunde? Ich muß das wegen einer Feststellung wissen.«

»Von zwei bis drei. Und denken Sie sich, als ich wegging, kam der Fürst ...«

Und nun schilderte ich ihm meinen Besuch mit der größten Ausführlichkeit. Er hörte alles schweigend an; über die Möglichkeit einer Bewerbung des Fürsten um Anna Andrejewnas Hand äußerte er kein Wort; auf meine begeisterten Lobreden über Anna Andrejewna murmelte er wieder, sie sei ein liebes Mädchen.

»Ich habe sie heute in großes Erstaunen versetzt durch die Mitteilung einer ganz frisch gebackenen Neuigkeit, die in der vornehmen Welt zirkuliert: daß Katerina Nikolajewna Achmakowa den Baron Bjoring heiraten wird«, sagte ich plötzlich, als wäre in meinem Innern auf einmal eine Schleuse aufgegangen.

»Ja? Kannst du dir das vorstellen, sie hat mir diese selbe ›Neuigkeit‹ heute schon erzählt, vor zwölf Uhr, also erheblich früher, als du sie damit in Erstaunen versetzt hast.«

»Was Sie sagen!« rief ich und blieb verwundert stehen. »Aber woher konnte sie es erfahren haben? Doch, was rede ich? Selbstverständlich konnte sie es früher erfahren haben als ich, aber denken Sie nur: sie hörte es von mir an, als sei es ihr eine vollständige Neuigkeit! Indessen ... was will ich denn? Es lebe die Toleranz! Man muß in toleranter Weise alle Charaktere gelten lassen, nicht wahr? Ich zum Beispiel hätte alles gleich weitererzählt; sie aber verwahrt es wie in einer Schnupftabaksdose ... Aber wenn auch, wenn auch, sie ist dennoch ein allerliebstes Wesen und ein vortrefflicher Charakter!«

»Oh, ohne Zweifel, ein jeder in seiner Art! Und was das Originellste ist, diese vortrefflichen Charaktere verstehen es manchmal, einen ganz außerordentlich zu befremden; stell dir das vor: Anna Andrejewna verblüffte mich heute mit der Frage, ob ich Katerina Nikolajewna Achmakowa liebe oder nicht.«

»Was für eine wunderliche, unglaubliche Frage!« rief ich, wieder wie vor den Kopf geschlagen. Es wurde mir sogar dunkel vor Augen. Noch niemals hatte ich mit ihm von diesem Thema zu reden angefangen, und nun – tat er es von selbst ...

»Welchen Grund gab sie denn für ihre Frage an?«

»Gar keinen, mein Freund, absolut gar keinen; die Schnupftabaksdose wurde sogleich wieder geschlossen, noch dichter als vorher, und vor allem ist folgendes bemerkenswert: ein solches Gespräch mit mir habe ich immer für völlig ausgeschlossen angesehen, und sie ebenfalls ... Übrigens sagst du ja selbst, daß du sie kennst, und kannst daher beurteilen, wie ihr eine derartige Frage zu Gesicht steht ... Oder weißt du etwas darüber?«

»Ich bin darüber ebenso verblüfft wie Sie. Es war wohl eine wunderliche Neugier, vielleicht ein Scherz?«

»Oh, im Gegenteil, es war die ernsthafteste Frage, die man sich nur denken kann, und eigentlich nicht eine Frage, sondern beinahe sozusagen ein Verhör, und augenscheinlich aus ganz besonderen, bestimmten Ursachen. Besuchst du sie bald wieder? Könntest du nicht etwas darüber in Erfahrung bringen? Ich möchte dich sogar darum bitten, siehst du ...«

»Aber vor allen Dingen: wie kann sie es überhaupt für möglich halten, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben! Verzeihen Sie, ich bin immer noch ganz starr vor Staunen. Nie, nie habe ich es mir erlaubt, mit Ihnen über dieses oder ein ähnliches Thema zu reden ...«

»Daran hast du sehr klug getan, mein Lieber.«

»Ihre früheren Intrigen und Ihre früheren Beziehungen sind natürlich zwischen uns kein angemessenes Gesprächsthema, und es wäre meinerseits sogar dumm, wenn ich davon anfinge; aber gerade in der letzten Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals im stillen für mich ausgerufen: wie hätten sich die Dinge gestaltet, wenn Sie diese Frau jemals geliebt hätten, auch nur einen Augenblick lang? Oh, dann hätten Sie nie in bezug auf sie, in Ihrem Urteil über sie den schrecklichen Irrtum begangen, den Sie nachher wirklich begangen haben! Was das Resultat dieses Irrtums gewesen ist, das weiß ich: ich weiß von Ihrer beiderseitigen Feindschaft und von Ihrem sozusagen beiderseitigen Abscheu gegeneinander; davon habe ich gehört, sehr viel gehört, schon in Moskau, aber dabei springt einem doch vor allem gerade die Tatsache der heftigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, also des geraden Gegenteils von Liebe in die Augen, und nun richtet Anna Andrejewna auf einmal an Sie die Frage: ›Lieben Sie sie?‹ Ist sie wirklich so schlecht unterrichtet? Ganz seltsam! Sie hat einen Scherz gemacht, ich versichere es Ihnen, sie hat einen Scherz gemacht!«

»Aber ich finde, mein Lieber«, erwiderte Wersilow, und in seiner Stimme wurde ein gefühlvoller, warmer, zu Herzen gehender Klang vernehmbar, was bei ihm nur sehr selten vorkam, »ich finde, daß auch du selbst bei diesem Gegenstand sehr lebhaft wirst. Du sagtest soeben, daß du mit Damen verkehrst ... es ist mir natürlich peinlich, dich über dieses Thema, wie du dich ausdrücktest, irgendwie auszufragen ... Aber steht vielleicht auch ›diese Frau‹ auf der Liste deiner neuen Freundinnen?«

»Diese Frau ...«, die Stimme fing mir plötzlich an zu zittern, »hören Sie, Andrej Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten vom lebendigen Leben sagten – erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses lebendige Leben sei etwas so Schlichtes und Einfaches und sehe einen so gerade und offen an, daß man eben wegen dieser Geradheit und Offenheit gar nicht glauben könne, daß es eben jener Schatz sei, den wir unser ganzes Leben lang mit solcher Mühe suchen ... Und nun sehen Sie: Sie, der Sie eine solche Anschauung haben, sind einer idealen Frauengestalt begegnet und haben in diesem Ideal von Vollkommenheit – ›alle möglichen Laster‹ zu finden geglaubt! Unerhört!«

Der Leser kann daraus ersehen, in welcher Ekstase ich mich befand.

»›Alle möglichen Laster!‹ Holla, diesen Ausdruck kenne ich!« rief Wersilow. »Und wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir von diesem Ausdruck Mitteilung gemacht hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das bekundet eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich vielleicht sogar wegen einer Diskretion und Verschwiegenheit loben muß, deren nur wenige Männer fähig sind ...«

Seine Stimme hatte einen so liebenswürdigen, herzlichen, lachenden Klang ... auch in seinen Worten lag etwas freundlich Aufmunterndes und ebenso in seinem hellen Gesicht, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen konnte. Er war erstaunlich lebhaft geworden. Unwillkürlich begann ich vor Freude zu strahlen.

»Diskretion, Verschwiegenheit! O nein, nein!« rief ich errötend und drückte gleichzeitig seine Hand, die ich, ohne mir dessen bewußt zu werden, ergriffen hatte und ebenso unbewußt in der meinigen behielt. »Nein, davon ist nicht die Rede! ... Kurz, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es kann da auch niemals, niemals etwas geschehen«, sagte ich, mühsam Atem holend, und ich flog empor, und es verlangte mich so zu fliegen, und es war mir so wohl. »Wissen Sie ... na, mag es denn einmal sein, nur dieses eine kleine Mal! Sehen Sie, mein lieber, prächtiger Papa – Sie erlauben doch, daß ich Sie Papa nenne –, über seine Beziehungen zu einer Frau, auch wenn sie von reinster Art sind, kann ein Sohn nicht mit seinem Vater, ja überhaupt niemand mit einem Dritten sprechen! Die Pflicht zu schweigen ist sogar um so heiliger, je reiner diese Beziehungen sind! Eine Verletzung dieser Pflicht wäre eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit; kurz, ein Vertrauter ist da unmöglich! Aber wenn überhaupt nichts vorliegt, absolut nichts, dann darf man doch davon reden, nicht wahr?«

»Soviel das Herz will.«

»Eine unbescheidene, sehr unbescheidene Frage: Sie haben ja doch in Ihrem Leben Frauen kennengelernt und Verhältnisse mit ihnen gehabt? ... Ich rede nur im allgemeinen, ganz im allgemeinen, nicht von irgendeinem besonderen Fall!« sagte ich errötend; ich konnte vor Entzücken kaum die Worte deutlich aussprechen.

»Nehmen wir an, daß solche Sünden vorgekommen sind.«

»Nun, dann hören Sie sich einmal folgenden Fall an, und erklären Sie ihn mir auf Grund Ihrer größeren Erfahrung. Eine Dame sagt zu Ihnen beim Abschied, so ganz von ungefähr, und indem sie zur Seite blickt: ›Morgen um drei Uhr werde ich da und da sein‹ ... na, meinetwegen bei Tatjana Pawlowna«, entfuhr es mir, und ich flog nun endgültig in die Luft empor. Das Herz klopfte mir heftig und wollte stehenbleiben; ich machte sogar im Reden eine Pause, ich konnte nicht weiterreden. Er hörte gespannt zu.

»Nun also, am nächsten Tag begebe ich mich zu Tatjana Pawlowna und überlege beim Eintreten in das Haus: wenn mir die Köchin aufmacht – Sie kennen doch ihre Köchin? –, dann werde ich sofort fragen, ob Tatjana Pawlowna zu Hause ist. Und wenn die Köchin antwortet, Tatjana Pawlowna sei nicht zu Hause und es sitze schon eine Dame drinnen und warte auf sie – was muß ich dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie ... kurz, wenn Sie ...«

»Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Aber hat es denn stattgefunden? Heute stattgefunden? Ja?«

»O nein, nein, nein, es war nichts, nichts! Es hat stattgefunden, aber es war ganz anders; ein Rendezvous, aber nicht zu solchem Zweck, und das sage ich gleich im voraus, um nicht ein Schuft zu sein: es hat stattgefunden, aber ...«

»Mein Freund, das alles beginnt so interessant zu werden, daß ich vorschlagen möchte ...«

»Ich habe selbst früher jedem Bittenden einen Zehner oder Fünfundzwanziger gegeben! Für ein Schnäpschen! Geben Sie mir nur ein paar Kopeken; ein Leutnant bittet inständig, ein Leutnant außer Dienst!« Mit diesen Worten trat uns plötzlich die große Gestalt eines Bettlers, vielleicht wirklich eines früheren Leutnants, in den Weg. Das merkwürdigste war, daß er für sein Gewerbe recht gut gekleidet war und doch die Hand hinhielt.

 << Kapitel 61  Kapitel 63 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.