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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

»Vor zwei Monaten stand ich hier hinter der Portiere ... Sie wissen es ja ... und Sie sprachen mit Tatjana Pawlowna über einen Brief. Ich kam hervorgestürzt, und außer mir, wie ich war, sagte ich mehr, als ich hätte sagen sollen. Sie verstanden sofort, daß ich etwas wußte ... Sie mußten es verstehen ... Sie suchten ein wichtiges Schriftstück und waren deswegen in Sorge ... Warten Sie, Katerina Nikolajewna, beherrschen Sie sich noch und sagen Sie noch nichts! Ich erkläre Ihnen, daß Ihr Verdacht begründet war: dieses Schriftstück existiert ... das heißt, es war vorhanden ... ich habe es gesehen; es war Ihr Brief an Andronikow, nicht wahr?«

»Sie haben diesen Brief gesehen?« fragte sie schnell in sichtlicher Verwirrung und Aufregung. »Wo haben Sie ihn gesehen?«

»Ich habe ihn ... ich habe ihn bei Krafft gesehen ... bei dem, der sich erschossen hat ...«

»Wirklich? Sie haben den Brief wirklich selbst gesehen? Was ist aus ihm geworden?«

»Krafft hat ihn zerrissen.«

»In Ihrer Gegenwart? Haben Sie es gesehen?«

»Ja, in meiner Gegenwart. Er zerriß ihn wahrscheinlich im Hinblick auf seinen Tod ... Ich wußte ja damals nicht, daß er sich erschießen würde ...«

»Also ist er vernichtet, Gott sei Dank!« sagte sie langsam, sie atmete tief auf und bekreuzigte sich.

Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte sie insofern belogen, als sich das Schriftstück in meinem Besitz befand und Krafft es niemals gehabt hatte, aber das war nur eine Nebensache, in der Hauptsache hatte ich sie nicht belogen, denn in dem Augenblick, wo ich log, nahm ich mir fest vor, diesen Brief noch an demselben Abend zu verbrennen. Ich schwöre, wenn ich ihn in diesem Augenblick in der Tasche gehabt hätte, so hätte ich ihn hervorgezogen und ihr gegeben, aber ich hatte ihn nicht bei mir, er befand sich in meiner Wohnung. Übrigens hätte ich ihn ihr vielleicht doch nicht gegeben, denn ich hätte mich damals sehr geschämt, ihr zu bekennen, daß er sich in meinen Händen befand und daß ich ihn so lange aufbewahrt und auf etwas gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Aber wie dem auch sei: jedenfalls wollte ich ihn zu Hause verbrennen und hatte also nicht gelogen! Ich kann beschwören, daß ich in diesem Augenblick ein reines Gewissen hatte.

»Und da es nun so steht«, fuhr ich in höchster Erregung fort, »so sagen Sie mir, bitte: haben Sie mich nur deswegen an sich herangezogen und mich bei sich empfangen, weil Sie argwöhnten, ich wisse etwas von diesem Schriftstück? Warten Sie, Katerina Nikolajewna, schweigen Sie noch einen kleinen Augenblick, und lassen Sie mich alles zu Ende sagen: ich habe die ganze Zeit über, während ich bei Ihnen verkehrte, diese ganze Zeit über habe ich geargwöhnt, daß Sie nur deswegen freundlich zu mir wären, um etwas über diesen Brief von mir herauszulocken, um mich zur Ablegung eines Geständnisses zu bringen ... Warten Sie noch einen Augenblick: ich argwöhnte es, aber ich litt unter diesem Argwohn. Ihre Doppelzüngigkeit war für mich unerträglich, denn ... denn ich hatte in Ihnen das edelste Wesen der Welt gefunden! Ich sage es geradeheraus, ich sage es geradeheraus: ich war Ihr Feind, aber ich hatte in Ihnen das edelste Wesen der Welt gefunden! Ich war mit einem Schlag völlig besiegt worden. Aber Ihre Doppelzüngigkeit, das heißt, der Verdacht, daß Sie doppelzüngig seien, quälte mich ... Jetzt muß sich alles entscheiden, alles muß sich klären, der richtige Zeitpunkt ist gekommen; aber warten Sie noch ein wenig, reden Sie noch nicht; hören Sie erst, wie ich selbst diese ganze Sache ansehe, gerade jetzt, in diesem Augenblick; ich sage geradeheraus: selbst wenn es so war, werde ich Ihnen doch deswegen nicht zürnen ... das heißt, ich wollte sagen, ich werde mich nicht gekränkt fühlen, denn das ist ja so natürlich, ich habe ja Verständnis dafür. Was kann denn daran Unnatürliches und Schlechtes sein? Sie machten sich Sorge wegen eines Schriftstücks; Sie argwöhnten, daß jemand alles wußte; nun, da war es doch sehr erklärlich, daß Sie wünschten, der Betreffende möchte sich verplappern ... Daran ist nichts Schlechtes, absolut nichts. Ich rede ganz aufrichtig. Aber doch ist es erforderlich, daß Sie mir jetzt etwas darüber sagen ... ein Geständnis ablegen (verzeihen Sie diesen Ausdruck!). Ich muß die Wahrheit erfahren. Das ist aus einem gewissen Grund notwendig! Also sagen Sie nun: sind Sie nur deswegen freundlich zu mir gewesen, um etwas über dieses Schriftstück aus mir herauszulocken ... Katerina Nikolajewna?«

Ich redete wie ein Wasserfall, und meine Stirn glühte. Sie hörte mich ohne die frühere Unruhe an; vielmehr drückte ihr Gesicht eine freundliche Empfindung aus; aber sie machte den Eindruck, als sei sie verlegen, als schäme sie sich.

»Ja, deswegen«, sagte sie langsam und halblaut. »Verzeihen Sie mir, ich habe unrecht gehandelt«, fügte sie auf einmal hinzu und hob ein wenig zu mir hin die Hände auf. Das hatte ich in keiner Weise erwartet. Alles hatte ich erwartet, nur nicht diese beiden Worte; nicht einmal von ihr, die ich doch schon so gut kannte.

»Und Sie sagen zu mir: ›Ich habe unrecht gehandelt‹! So geradezu: ›Ich habe unrecht gehandelt‹!« rief ich.

»Oh, ich fühlte schon lange, daß ich Ihnen unrecht tat ... und bin jetzt sogar froh darüber, daß es herausgekommen ist ...«

»Sie haben es schon lange gefühlt? Warum haben Sie es denn nicht schon früher gesagt?«

»Ich wußte nicht recht, wie ich es sagen sollte«, versetzte sie lächelnd, »das heißt, ich hätte es wohl gewußt« (sie lächelte wieder), »aber ich schämte mich immer ... denn ich hatte Sie tatsächlich anfangs nur deswegen an mich ›herangezogen‹, wie Sie sich ausdrückten, aber dann wurde mir das bald widerwärtig ... und ich wurde dieser ganzen Verstellung überdrüssig, das versichere ich Ihnen!« fügte sie nicht ohne Bitterkeit hinzu. »Und auch all dieser Mühen und Sorgen!«

»Und warum, warum haben Sie mich damals nicht gefragt, mich ganz offen gefragt? Sie hätten sagen sollen: ›Du weißt ja von dem Brief, warum verstellst du dich denn?‹ Und ich hätte Ihnen sogleich alles gesagt, hätte sogleich ein Geständnis abgelegt!«

»Ja, ich ... ich fürchtete mich ein bißchen vor Ihnen. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen ebenfalls nicht. Und um die Wahrheit zu sagen: wenn ich List anwandte, so haben Sie es ja doch auch getan«, fügte sie lächelnd hinzu.

»Ja, ja, ich hatte es nicht anders verdient!« rief ich, tief ergriffen. »Oh, Sie kennen noch nicht die ganze Abgrundtiefe meines Falles!«

»Nun, am Ende gar Abgrundtiefe! Da erkenne ich Ihre Ausdrucksweise wieder«, bemerkte sie lächelnd. »Dieser Brief«, fügte sie traurig hinzu, »war die traurigste, leichtfertigste Handlung meines ganzen Lebens. Das Bewußtsein dieser Handlung war mir ein steter Vorwurf. Unter der Einwirkung von mancherlei Umständen und Befürchtungen kam ich dazu, an meinem lieben, großherzigen Vater zu zweifeln. Da ich wußte, daß dieser Brief ... in die Hände schlechter Menschen fallen konnte ... und allen Grund hatte, das zu glauben« (sie sagte das mit warmer Empfindung), »zitterte ich vor Furcht, sie könnten ihn mißbrauchen, ihn Papa zeigen ... und bei seinem Zustand ... konnte das auf ihn, auf seine Gesundheit ... die nachteiligste Wirkung ausüben ... und er hätte aufgehört, mich zu lieben ... Ja«, fügte sie hinzu, indem sie mir offen in die Augen sah; wahrscheinlich hatte sie im Nu etwas in meinem Blick wahrgenommen, »ja, ich fürchtete auch für mein eigenes Schicksal: ich fürchtete, er ... könnte unter dem Einfluß seiner Krankheit ... mir seine gütigen Zuwendungen entziehen ... Dieses Gefühl wirkte ebenfalls mit, aber ich habe ihm gewiß auch darin unrecht getan: er ist so gut und großherzig, daß er mir gewiß verziehen hätte. Das ist alles, was sich zugetragen hat. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhielt, das war nicht nötig«, schloß sie, und ihre Miene wurde auf einmal wieder verlegen. »Ich schäme mich vor Ihnen.«

»Nein, Sie haben keinen Anlaß, sich zu schämen!« rief ich.

»Ich habe in der Tat mit ... mit Ihrem heißen Blut gerechnet ... und bekenne das«, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Katerina Nikolajewna! Sagen Sie, wer, wer zwingt Sie, mir laut solche Geständnisse zu machen?« rief ich wie ein Trunkener. »Sie brauchten doch nur aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken und in der feinsten Weise, so klar, wie zweimal zwei vier ist, zu beweisen, daß das zwar geschehen sei, aber nichts zu bedeuten habe, – Sie verstehen: in der Art, wie die Leute in Ihren höheren Kreisen gewöhnlich mit der Wahrheit umzugehen verstehen. Ich bin ja ein dummer, weltfremder Mensch; ich hätte Ihnen sogleich geglaubt, ich hätte Ihnen alles geglaubt, was Sie gesagt hätten! Sie hätten ja doch ganz leicht so verfahren können! Sie fürchten sich doch nicht etwa wirklich vor mir? Wie konnten Sie sich freiwillig vor so einem Naseweis, vor so einem unreifen Jüngling so erniedrigen?«

»Darin wenigstens habe ich mich vor Ihnen nicht erniedrigt«, sagte sie mit größter Würde; sie hatte anscheinend diesen Ausruf nicht recht verstanden.

»Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Das ist es ja, was ich sage!...«

»Ach, das war so schlecht und so leichtfertig von mir!« rief sie und hob die Hand zu ihrem Gesicht, als wollte sie es damit bedecken. »Ich habe mich noch gestern so geschämt, und darum war ich auch so mißmutig, als Sie bei mir waren ... Die ganze Sache ist die«, fügte sie hinzu, »daß jetzt meine Verhältnisse sich auf einmal so gestaltet haben, daß ich unbedingt endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses unglückseligen Briefes in Erfahrung bringen mußte; sonst hätte ich ihn wohl schon beinah vergessen ... denn ich habe Sie keineswegs nur deshalb bei mir empfangen«, fügte sie auf einmal hinzu.

Mein Herz erzitterte.

»Natürlich nicht«, fuhr sie mit einem feinen Lächeln fort, »natürlich nicht! Ich ... Sie bemerkten vorhin sehr treffend, Arkadij Makarowitsch, daß ich oft mit Ihnen geredet habe wie ein Student mit einem anderen Studenten. Ich versichere Ihnen, daß ich mich in der vornehmen Gesellschaft manchmal sehr langweile; besonders ist das nach meinem Aufenthalt im Ausland und nach all unserm Familienunglück der Fall ... Ich gehe jetzt auch nur selten irgendwohin, und zwar nicht nur aus Trägheit. Ich habe oft ein großes Verlangen, aufs Land zu fahren. Dort würde ich meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon vor langer Zeit beiseite gelegt habe und zu deren Lektüre ich hier einfach nicht komme. Davon habe ich schon früher einmal mit Ihnen gesprochen. Erinnern Sie sich wohl, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese, zwei Zeitungen an einem Tag?«

»Ich habe nicht darüber gelacht...«

»Natürlich, Sie hat das ebenfalls sehr erregt, und ich habe es Ihnen schon längst gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Sie erinnern sich, wir lasen immer zusammen die ›Fakta‹, wie Sie es nannten« (sie lächelte). »Sie sind zwar sehr oft ein bißchen ... sonderbar, aber Sie wurden manchmal ganz lebhaft und wußten dann immer ein treffendes Wort zu sagen und interessierten sich gerade für das, was mich interessierte. Wenn Sie sich als ›Student‹ ausgeben, dann sind Sie wirklich nett und originell. Andere Rollen scheinen Ihnen weniger zu liegen«, fügte sie mit einem reizenden, listigen Lächeln hinzu. »Sie erinnern sich, wir haben manchmal stundenlang nur von Zahlen gesprochen, gerechnet und abgemessen und uns Sorgen darum gemacht, wieviel Schulen es bei uns gibt, und welche Richtung die Bildung bei uns nimmt. Wir zählten die Mordtaten und sonstigen Kriminalverbrechen und verglichen sie mit den guten Nachrichten ... wir wollten wissen, wohin das alles strebt und was schließlich aus uns selbst wird. Ich habe in Ihnen einen aufrichtigen Menschen gefunden. In der vornehmen Gesellschaft spricht man mit uns Frauen niemals so. In der vorigen Woche knüpfte ich mit dem Fürsten ***ew ein Gespräch über Bismarck an, weil ich mich dafür sehr interessierte und ich nicht imstande war, allein darüber ins klare zu kommen, und denken Sie sich, er setzte sich neben mich und begann mir die Sache auseinanderzusetzen, sogar sehr eingehend, aber mit einer ironischen Färbung und mit jener mir unerträglichen Herablassung, mit der die ›Herren der Schöpfung‹ gewöhnlich mit uns Frauen reden, wenn wir uns um Dinge kümmern, die uns ihrer Meinung nach nichts angehen ... Und wissen Sie noch, wie Sie und ich einmal über Bismarck beinah ins Zanken gekommen wären? Sie erklärten mir, Sie hätten eine eigene Idee, die ›viel anständiger‹ sei als die Bismarcks«, sagte sie und lachte plötzlich auf. »Ich bin in meinem Leben nur zwei Männern begegnet, die mit mir ganz ernsthaft gesprochen haben: das war mein verstorbener Mann, ein sehr, sehr kluger und ... vor-neh-mer Mensch«, sagte sie mit starkem Nachdruck, »und dann noch – Sie wissen selbst, wer der zweite war ...«

»Wersilow!« rief ich. Ich lauschte atemlos auf jedes ihrer Worte.

»Ja, ich hörte ihn sehr gern reden; ich wurde im Umgang mit ihm zuletzt ganz offenherzig ... vielleicht zu offenherzig, aber gerade dann glaubte er mir nicht!«

»Er glaubte Ihnen nicht?«

»Nein, und es hat mir ja überhaupt nie jemand geglaubt.«

»Aber Wersilow, Wersilow!«

»Nicht genug, daß er mir nicht glaubte«, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen und mit einem seltsamen Lächeln, »er meinte auch, in mir steckten ›alle möglichen Laster‹.«

»Von denen Sie doch kein einziges besitzen!«

»Doch, auch ich habe welche.«

»Wersilow hat Sie nicht geliebt; daher hat er Sie auch nicht verstanden!« rief ich mit blitzenden Augen.

Es zuckte etwas in ihrem Gesicht.

»Lassen Sie diesen Gegenstand, und reden Sie nie wieder zu mir von ... von diesem Menschen ...«, sagte sie erregt und mit großer Heftigkeit. »Aber nun genug; es ist Zeit, daß ich gehe.« (Sie stand auf, um fortzugehen.) »Nun, wie ist's? Verzeihen Sie mir oder nicht?« sagte sie und sah mich dabei mit klarem Blick an.

»Ich ... Ihnen ... verzeihen! Hören Sie, eine Frage, Katerina Nikolajewna, und seien Sie darüber nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten werden?«

»Das ist noch ganz unentschieden«, antwortete sie verlegen und anscheinend erschrocken.

»Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie mir diese Frage, verzeihen Sie sie mir!«

»Ja, ein sehr guter Mensch ...«

»Antworten Sie nicht weiter, würdigen Sie mich keiner Antwort mehr! Ich weiß ja, daß solche Fragen von meiner Seite eine Unmöglichkeit sind! Ich wollte nur wissen, ob er Ihrer würdig ist, aber ich werde mich selbst über ihn erkundigen.«

»Ach, ich bitte Sie!« rief sie erschrocken.

»Also dann werde ich es nicht tun, ich werde es nicht tun. Ich werde nichts unternehmen ... Nur das will ich Ihnen noch sagen: möge Ihnen Gott jedes Glück geben, jedes Glück, das Sie sich wünschen ... zum Lohn dafür, daß Sie selbst mir jetzt in dieser einen Stunde soviel Glück gegeben haben! Sie haben mir jetzt Ihr Bild für allezeit ins Herz geprägt. Ich habe einen Schatz erworben: den Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist und plumpe Koketterie und war unglücklich ... weil ich diesen Gedanken nicht mit Ihrem Bild vereinigen konnte ... in den letzten Tagen habe ich Tag und Nacht darüber nachgedacht, und nun auf einmal wird alles klar wie der Tag! Als ich hier eintrat, glaubte ich Jesuitismus, Hinterlist, eine spionierende Schlange zu finden; aber ich fand ein ehrenhaftes, prächtiges Wesen, einen Studenten! ... Sie lachen? Es tut nichts, Sie sind ja eine Heilige; Sie können nicht über das lachen, was heilig ist ...«

»O nein, ich lache auch nur darüber, daß Sie so schreckliche Ausdrücke gebrauchen ... Was bedeutet denn dieses ›eine spionierende Schlange‹?« fragte sie lachend.

»Heute entschlüpfte Ihnen ein wertvoller Ausdruck«, fuhr ich in meiner Begeisterung fort. »Wie konnten Sie mir nur so ins Gesicht sagen, Sie hätten mit meinem heißen Blut gerechnet? Nun, wenn Sie auch eine Heilige sind und dies sogar selbst gestehen, da Sie sich irgendeine Schuld einbildeten und sich bestrafen wollten ... Obwohl übrigens keinerlei Schuld da war, denn wenn auch irgend etwas da gewesen sein sollte, so ist doch alles, was von Ihnen ausgeht, heilig. Aber Sie konnten es doch vermeiden, gerade dieses Wort, diesen Ausdruck zu gebrauchen! ... Eine solche geradezu unnatürliche Offenherzigkeit ist nur ein Beweis für Ihre ideale Keuschheit, für Ihre Achtung vor mir, für Ihr Vertrauen zu mir!« rief ich ohne Zusammenhang. »Oh, erröten Sie nicht, erröten Sie nicht! ... Und wer, wer konnte Sie so verleumden und von Ihnen sagen, Sie seien eine Frau mit allerlei Leidenschaften? Oh, verzeihen Sie mir; ich sehe einen Ausdruck der Qual auf Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem unreifen jungen Menschen, der außer sich geraten ist, seine plumpen Worte! Aber kommt es denn jetzt auf Worte und Ausdrücke an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken ... Wersilow hat einmal gesagt, Othello habe nicht deswegen Desdemona und dann sich selbst getötet, weil er eifersüchtig gewesen sei, sondern weil man ihm sein Ideal geraubt habe ... Ich habe das verstanden, weil auch mir heute mein Ideal wiedergegeben worden ist!«

»Sie loben mich zu sehr: ich verdiene das nicht«, sagte sie mit warmer Empfindung. »Erinnern Sie sich wohl noch an das, was ich Ihnen von Ihren Augen gesagt habe?« fügte sie scherzhaft hinzu.

»Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und daß ich jede Fliege zu einem Kamel vergrößerte! Nein, hier ist nichts vergrößert! ... Wie, Sie gehen fort?«

Sie stand mitten im Zimmer, ihren Muff und ihren Schal in der Hand.

»Nein, ich warte noch, bis Sie fort sind, und gehe erst dann selbst. Ich will noch ein paar Worte für Tatjana Pawlowna aufschreiben.«

»Ich gehe gleich, sogleich, aber noch einmal: mögen Sie glücklich werden, sei es allein oder mit dem, den Sie erwählen, das gebe Gott! Ich aber, ich brauche nur ein Ideal!«

»Lieber, guter Arkadij Makarowitsch, seien Sie überzeugt, daß ich Sie ... Mein Vater sagte von Ihnen immer: ›Ein lieber, guter Junge!‹ Seien Sie überzeugt, ich werde immer an Ihre Erzählungen von dem armen, bei fremden Leuten lebenden Knaben und seinen einsamen Träumereien denken ... Ich kann es nur zu gut verstehen, daß Ihre Seele sich so hat entwickeln müssen ... Aber jetzt, wenn wir auch Studenten sind«, fügte sie mit einem bittenden, verschämten Lächeln hinzu, indem sie mir die Hand drückte, »jetzt dürfen wir nicht mehr miteinander wie bisher verkehren, und ... und Sie verstehen das gewiß selbst?«

»Wir dürfen es nicht?«

»Nein, wir dürfen es nicht, für lange Zeit nicht ... das ist nun meine Schuld ... Ich sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist ... Wir werden uns manchmal bei Papa sehen ...«

»Sie fürchten mein ›heißes Blut‹, Sie trauen mir nicht?« wollte ich schon ausrufen; aber ihr Gesicht nahm auf einmal einen solchen Ausdruck der Scham an, daß mir die Worte nicht über die Lippen wollten.

»Sagen Sie«, hielt sie mich noch einmal zurück, als ich schon dicht bei der Tür war, »haben Sie selbst gesehen, daß ... jener Brief ... zerrissen wurde? Besinnen Sie sich genau darauf? Woher wußten Sie damals, daß es eben jener Brief an Andronikow war?«

»Krafft hat mir den Inhalt erzählt und mir den Brief sogar gezeigt ... Leben Sie wohl! Wenn ich bei Ihnen in Ihrem Zimmer war, so war ich in Ihrer Gegenwart immer schüchtern; wenn Sie aber hinausgegangen waren, so hatte ich die größte Lust, mich hinzuwerfen und die Stelle des Fußbodens zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte ...«, sagte ich auf einmal unwillkürlich, ohne selbst zu wissen, wie und warum ich es sagte; dann ging ich, ohne sie anzusehen, schnell hinaus.

Ich fuhr nach Hause. Meine Seele war von Entzücken erfüllt; in meinem Kopfe wirbelte alles bunt durcheinander. Als ich zu Mamas Haus kam, erinnerte ich mich plötzlich an Lisas Undankbarkeit gegenüber Anna Andrejewna und an das harte, ungeheuerliche Urteil, das sie vorhin über diese ausgesprochen hatte, und das Herz tat mir auf einmal um sie alle weh! ›Was haben sie doch alle für harte Herzen! Ja, und Lisa, was mit der nur sein mag?‹ dachte ich, während ich die Stufen zur Haustür hinaufstieg.

Ich entließ Matwej mit dem Befehl, mich um neun Uhr von meiner Wohnung abzuholen.

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