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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?« fragte ich.

»Sie ist eine schlechte Person, sie ist hinterlistig und verdient dein Vertrauen nicht ... Sie unterhält den Verkehr mit dir nur, um dich auszuhorchen«, flüsterte sie mir hastig und ingrimmig zu. Ich hatte noch nie einen solchen Ausdruck auf ihrem Gesicht gesehen.

»Lisa, ich bitte dich! Sie ist ja ein so entzückendes Mädchen!«

»Nun, dann bin ich schlecht.«

»Was hast du nur?«

»Ich bin sehr schlecht. Vielleicht ist sie ein entzückendes Mädchen, und ich bin schlecht. Genug davon, lassen wir das! Hör einmal: Mama läßt dich um etwas bitten, was sie selbst dir nicht zu sagen wagt, so hat sie sich ausgedrückt. Liebster Arkadij! Hör auf zu spielen, lieber Bruder; ich bitte dich darum ... und Mama auch ...«

»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... Ich weiß, daß das eine klägliche Schwäche ist, aber ... das sind nur Kindereien und weiter nichts! Siehst du, ich bin wie ein Dummkopf in Schulden geraten und will nun nur gewinnen, um meine Schulden zu bezahlen. Gewinnen kann ich, weil ich bisher ohne Berechnung wie ein Dummkopf blind drauflos gespielt habe; aber jetzt werde ich um jeden Rubel ängstlich besorgt sein ... Da müßte ich nicht der sein, der ich bin, wenn ich nicht gewinnen sollte! Das Spiel ist bei mir eine Leidenschaft geworden; es ist mir nicht die Hauptsache, sondern nur ein vorübergehender Zeitvertreib, versichere ich dir! Ich bin willensstark genug, um jeden Augenblick, sobald ich will, aufhören zu können. Ich werde das Geld zurückzahlen und dann ganz und gar wieder euch gehören. Sage unserer Mama nur, ich würde euch nie verlassen ...«

»Diese dreihundert Rubel vorhin sind dir teuer zu stehen gekommen!«

»Woher weißt du das?« fragte ich zusammenzuckend.

»Darja Onissimowna hat vorhin alles mit angehört ...«

Aber in diesem Augenblick drängte mich Lisa plötzlich hinter eine Portiere, und wir befanden uns nun beide hinter einem Vorhang in der sogenannten »Laterne«, das heißt in einem runden, kleinen Zimmerchen, das nur aus Fenstern bestand. Ich war noch nicht wieder recht zur Besinnung gekommen, da hörte ich eine bekannte Stimme, Sporenklirren und bekannte Schritte.

»Fürst Sergej«, flüsterte ich.

»Ja, er ist es«, antwortete sie ebenso.

»Warum bist du denn so erschrocken?«

»Einen besonderen Grund habe ich nicht; ich möchte nur nicht, daß er mich hier sieht ...«

»Tiens, er wird dir doch nicht nachstellen?« sagte ich lächelnd. »Sonst würde ich ihm den Kopf waschen. Wo willst du denn hin?«

»Wir wollen weggehen; ich komme mit dir.«

»Hast du dich denn drinnen schon verabschiedet?«

»Ja, das habe ich; mein Pelzjackett ist im Vorzimmer ...«

Wir gingen hinaus; als wir auf der Treppe waren, kam mir ein überraschender Gedanke.

»Weißt du, Lisa, er ist vielleicht hergekommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen?«

»Nein! ... er wird ihr keinen Heiratsantrag machen ...«, erwiderte sie langsam und mit leiser Stimme, aber in festem Ton.

»Du weißt nicht, Lisa, ich habe mich zwar vorhin mit ihm gezankt – wenn dir das nun einmal wiedererzählt worden ist –, aber, weiß Gott, ich habe ihn von Herzen gern und wünsche ihm hierbei Erfolg ... Wir haben uns vorhin wieder versöhnt. Wenn man sich glücklich fühlt, ist man so gutherzig ... Siehst du, er hat viele schöne Neigungen ... er besitzt auch eine humane Denkweise ... wenigstens Ansätze dazu ... und wenn er in die Hände eines so energischen, klugen Mädchens kommt, wie es Fräulein Wersilowa ist, so würden sich alle Unebenheiten seines Charakters ausgleichen, und er würde glücklich sein. Schade, daß ich keine Zeit habe ... aber fahren wir doch ein Stückchen gemeinsam; ich möchte dir etwas mitteilen ...«

»Nein, fahr nur allein; ich muß in eine andere Richtung. Kommst du zum Mittagessen?«

»Ja, ich werde kommen; ich habe es ja versprochen. Hör mal, Lisa: ein Schurke, kurz, ein greuliches Subjekt, na, Stebelkow, wenn du ihn kennst, der hat auf sein Verhalten einen sonderbaren Einfluß ... es handelt sich um Wechsel ... Na, kurz, der hat ihn in der Hand und hat ihn schrecklich in die Enge getrieben, und der Fürst fühlt sich tief niedergedrückt, und jetzt sehen sie beide die einzige Rettung in einem Heiratsantrag an Anna Andrejewna. Man sollte diese eigentlich warnen; aber nein, das ist Unsinn: all diese Angelegenheiten wird sie nachher selbst in Ordnung bringen. Aber wie ist's? Wird sie ihm einen Korb geben, was meinst du?«

»Leb wohl, ich habe keine Zeit mehr«, brach Lisa das Gespräch ab, und in dem Blick, mit dem sie mich streifte, sah ich auf einmal einen solchen Haß, daß ich vor Schreck ordentlich aufschrie:

»Lisa, Liebste, warum bist du mir so böse?«

»Ich bin dir nicht böse; hör nur auf zu spielen ...«

»Ach so, wegen des Spiels! Ich werde es aufgeben.«

»Du sagtest eben: ›wenn man sich glücklich fühlt‹; also bist du sehr glücklich?«

»Furchtbar glücklich, Lisa, furchtbar glücklich! Mein Gott, es ist schon drei, schon drei durch! ... Leb wohl, Lisa! Sag mal, Lisotschka: darf man denn eine Frau warten lassen? Ist das erlaubt?«

»Du meinst, bei einem Rendezvous, nicht wahr?« antwortete Lisa, unmerklich lächelnd, aber ihr lächelndes Gesicht hatte etwas Leichenhaftes und zuckte.

»Gib mir deine Hand, damit sie mir Glück bringt!«

»Damit sie dir Glück bringt? Meine Hand? Um keinen Preis gebe ich sie dir!«

Sie entfernte sich schnell. Und die Hauptsache war: sie hatte das in so ernstem Ton gerufen. Ich warf mich in meinen Schlitten.

Ja, ja, eben dieses »Glück« war damals die Hauptursache, weswegen ich wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!

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