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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Drittes Kapitel

I

Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer das nicht glaubt, dem antworte ich, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich das Geld von ihm annahm, fest davon überzeugt war, ich könne, wenn ich nur wolle, mir auch aus einer anderen Quelle noch weit mehr verschaffen. Ich nahm es also nicht aus Not, sondern aus Zartgefühl, um ihn nicht zu kränken. Ach Gott, so urteilte ich damals! Aber dennoch war mir sehr schwer ums Herz, als ich von ihm wegging: ich sah, wie auffallend sich sein Betragen mir gegenüber an diesem Vormittag geändert hatte; in einem solchen Ton hatte er noch nie zu mir geredet, und seine gegen Wersilow gerichteten Äußerungen waren ja schon die reine Rebellion. Stebelkow hatte ihn allerdings durch irgend etwas schwer geärgert, aber jenes Benehmen hatte schon vor Stebelkows Ankunft begonnen. Ich wiederhole noch einmal: eine Veränderung gegen früher war auch schon an all den letzten Tagen zu bemerken gewesen, aber nicht eine solche, nicht eine so weitgehende - das war die Hauptsache.

Möglich, daß auch die dumme Nachricht über diesen Flügeladjutanten Baron Bjoring auf seine Stimmung eingewirkt hatte ... Ich war ja ebenfalls aufgeregt weggegangen, aber ... Das war es eben, daß mir damals etwas ganz anderes entgegenleuchtete und ich so vieles leichtsinnigerweise unbeachtet ließ: ich beeilte mich, meine Aufmerksamkeit davon abzuwenden, wies alles Dunkle von mir und wandte mich dem Leuchtenden zu ...

Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Matwej geradeswegs – sollte man es glauben, zu wem? – zu Stebelkow! Das war es eben, daß er mich kurz vorher nicht so sehr durch sein Erscheinen beim Fürsten in Erstaunen versetzt hatte (denn er hatte diesem ja versprochen zu kommen), als vielmehr dadurch, daß er mir zwar nach seiner dummen Gewohnheit zugezwinkert hatte, aber gar nicht mit Bezug auf das Thema, auf welches meine Erwartung gerichtet war. Am vorhergehenden Abend hatte ich von ihm durch die Stadtpost ein für mich ziemlich rätselhaftes Briefchen erhalten, in welchem er mich dringend bat, gerade heute zwischen eins und zwei zu ihm zu kommen; er könne mir Dinge mitteilen, die mich überraschen würden. Und nun hatte er soeben dort beim Fürsten sich nicht das geringste anmerken lassen, daß er mir einen solchen Brief geschrieben hatte. Was konnte es zwischen Stebelkow und mir für Geheimnisse geben? Ein solcher Gedanke war geradezu lächerlich, aber im Hinblick auf alles Vorhergegangene befand ich mich jetzt, während ich zu ihm fuhr, sogar in einer gewissen Aufregung. Ich hatte mich allerdings einmal, vor ungefähr vierzehn Tagen, an ihn gewandt und Geld von ihm haben wollen, und er war auch bereit gewesen, mir welches zu geben, aber wir hatten uns damals aus irgendeinem Grund nicht einigen können, und ich hatte selbst auf das Darlehen verzichtet; er hatte damals nach seiner Gewohnheit etwas Unverständliches gemurmelt, und es war mir so vorgekommen, als wolle er mir irgendeinen Vorschlag machen, mir irgendwelche besonderen Bedingungen anbieten, und da ich ihn jedesmal, wenn ich ihn beim Fürsten traf, sehr von oben herab zu behandeln pflegte, so hatte ich jeden Gedanken an besondere Bedingungen stolz abgeschnitten und war weggegangen, obwohl er mir bis zur Haustür nachgelaufen kam. Ich hatte mir damals das Geld vom Fürsten geben lassen.

Stebelkow lebte ganz für sich allein und war recht wohlhabend: er hatte eine aus vier schönen Zimmern bestehende Wohnung, hübsche Möbel, männliche und weibliche Dienerschaft und eine Haushälterin, die übrigens schon ziemlich bejahrt war. Als ich bei ihm eintrat, war ich sehr zornig.

»Hören Sie mal, mein Verehrter«, begann ich schon in der Tür, »was soll erstens einmal dieser Brief bedeuten? Ich wünsche keine Korrespondenz zwischen mir und Ihnen. Und warum haben Sie mir nicht einfach vorhin beim Fürsten gesagt, was Sie von mir wünschen: ich stand doch zu Ihren Diensten?«

»Aber warum haben Sie denn vorhin ebenfalls geschwiegen und mich nicht gefragt?« versetzte er, den Mund zu einem äußerst selbstzufriedenen Lächeln auseinanderziehend.

»Weil nicht ich an Sie ein Anliegen habe, sondern Sie an mich«, rief ich, plötzlich hitzig werdend.

»Aber warum sind Sie denn zu mir gekommen, wenn es so steht?« antwortete er und sprang von seinem Platz ordentlich ein bißchen in die Höhe vor Vergnügen. Ich drehte mich sofort um und wollte hinausgehen, aber er faßte mich an der Schulter.

»Nein, nein, ich habe nur Spaß gemacht. Es ist eine wichtige Sache. Sie werden selbst sehen.«

Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war neugierig. Wir saßen an der Vorderkante eines großen Schreibtisches einander gegenüber. Er lächelte schlau und machte Miene, den Finger in die Höhe zu heben.

»Bitte, lassen Sie all Ihre schlauen Mätzchen und das Fingeraufheben und namentlich all Ihre geheimnisvollen Andeutungen beiseite, und kommen Sie ohne weiteres zur Sache, sonst gehe ich sofort weg!« rief ich wieder im Zorn.

»Sie ... sind stolz!« sagte er, und es klang wie ein dummer Vorwurf; er beugte sich in seinem Lehnstuhl nach vorn zu mir hin und zog alle Runzeln auf seiner Stirn nach oben.

»Das muß man ihnen gegenüber auch sein.«

»Sie ... haben sich heute von dem Fürsten Geld geben lassen, dreihundert Rubel; ich habe auch Geld, und mein Geld ist besser.«

»Woher wissen Sie das, daß ich mir von ihm etwas habe geben lassen?« fragte ich höchst verwundert. »Hat er Ihnen denn selbst davon gesagt?«

»Ja, er hat mir davon gesagt; regen Sie sich nicht auf; es kam nur so zufällig im Lauf des Gespräches die Rede darauf, nur ganz zufällig, nicht absichtlich. Er sagte es mir. Aber Sie hätten es nicht von ihm zu nehmen brauchen. Nicht wahr?«

»Aber Sie, Sie schinden ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente heraus.«

»Ich habe einen Mont de piété, aber ich schinde niemanden. Ich halte ihn nur für meine Freunde, anderen Leuten gebe ich nichts. Anderen bleibt mein Mont de piété ...«

Dieser sein Mont de piété war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, die unter fremdem Namen in einer anderen Wohnung untergebracht war und vorzüglich prosperierte.

»Aber meinen Freunden gebe ich große Summen.«

»Na, ist denn etwa der Fürst ein solcher Freund von Ihnen?«

»Al-ler-dings; aber ... er führt häßliche Reden. Daß er solche Reden führt, werde ich mir nicht gefallen lassen.«

»Haben Sie ihn denn so in Händen? Ist er Ihnen viel schuldig?«

»Ja ... er ist mir viel schuldig.«

»Er wird es Ihnen bezahlen; er hat eine Erbschaft gemacht ...«

»Die Erbschaft gehört nicht ihm; er ist mir Geld schuldig und ist mir noch anderes schuldig. Die Erbschaft reicht nicht. Ich werde Ihnen Geld zinslos geben.«

»Auch als einem ›Freund‹? Womit habe ich denn das verdient?« erwiderte ich lachend.

»Sie werden es schon noch verdienen.« Er beugte sich wieder mit dem ganzen Oberkörper zu mir hin und wollte den Finger in die Höhe heben.

»Stebelkow! Ohne Finger, sonst gehe ich weg.«

»Hören Sie mal ... er kann Anna Andrejewna heiraten!« Dabei kniff er auf teuflische Weise das linke Auge zu.

»Hören Sie, Stebelkow, das Gespräch nimmt einen so skandalösen Charakter an ... Wie können Sie sich erdreisten, Anna Andrejewnas Namen in den Mund zu nehmen?«

»Regen Sie sich nicht auf!«

»Ich höre nur mit großer Überwindung zu, weil ich deutlich sehe, daß da irgendeine Gaunerei dahintersteckt, die ich in Erfahrung bringen möchte ... Aber es kann auch sein, daß mir die Geduld reißt, Stebelkow!«

»Regen Sie sich nicht auf, und seien Sie nicht stolz! Lassen Sie nur ein Weilchen Ihren Stolz beiseite, und hören Sie mich an; nachher können Sie dann wieder stolz sein. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch wohl? Daß der Fürst sie vielleicht heiraten wird ... das wissen Sie doch wohl?«

»Von diesem Projekt habe ich allerdings gehört und weiß alles, aber ich habe niemals mit dem Fürsten darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß dieses Projekt seinen Ursprung im Kopf des alten Fürsten Sokolskij hat, der immer noch krank ist; aber ich habe nie mit ihm darüber gesprochen und bin dabei ganz unbeteiligt. Ich sage Ihnen das einzig und allein zur Erklärung und erlaube mir nun, Sie zu fragen: erstens, warum haben Sie mit mir davon zu reden angefangen? Und zweitens, spricht der Fürst wirklich mit Ihnen über solche Dinge?«

»Er spricht mit mir nicht davon; er will mit mir nicht davon sprechen, aber ich spreche mit ihm davon, und er will es nicht hören. Darum hat er mich vorhin so angeschrien.«

»Sehr recht von ihm! Das billige ich durchaus.«

»Der alte Fürst Sokolskij wird Anna Andrejewna eine große Mitgift geben; sie hat sich bei ihm beliebt gemacht. Dann wird Fürst Sokolskij als Bräutigam mir das ganze Geld zurückzahlen. Auch die nicht in Geld bestehende Schuld wird er zurückerstatten. Das wird er sicher tun! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückgeben könnte.«

»Aber ich, ich, inwiefern kann ich Ihnen denn dabei helfen?«

»In einem sehr wichtigen Punkt: Sie sind da bekannt; Sie sind da überall bekannt. Sie können alles in Erfahrung bringen.«

»Zum Teufel ... was denn in Erfahrung bringen?«

»Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will. Das können Sie alles zuverlässig in Erfahrung bringen.«

»Und Sie erdreisten sich, mir den Vorschlag zu machen, ich solle Ihr Spion sein, und noch dazu für Geld?« rief ich und sprang empört auf.

»Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Lassen Sie nur noch ein kleines Weilchen den Stolz beiseite, nur etwa für fünf Minuten!« Er nötigte mich, wieder Platz zu nehmen. Durch meine Gebärden und Ausrufe ließ er sich offenbar nicht einschüchtern; aber ich beschloß, ihn bis zu Ende anzuhören.

»Ich muß es bald erfahren, bald erfahren, denn ... denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie gesehen, wie er vorhin an der bitteren Pille geschluckt hat, als der Offizier das von dem Baron und Frau Achmakowa erzählte?«

Ich erniedrigte mich wirklich dadurch, daß ich noch länger zuhörte, aber meine Neugier war dermaßen angeregt, daß ich sie nicht überwinden konnte.

»Hören Sie ... Sie sind ein nichtsnutziger Mensch!« sagte ich in energischem Ton. »Wenn ich hier sitze und zuhöre und es dulde, daß Sie von solchen Personen reden ... und sogar selbst antworte, so tue ich das keineswegs, weil ich Ihnen ein Recht dazu zugestehe. Ich sehe nur, daß es da um eine Gemeinheit geht ... Vor allen Dingen: was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna haben?«

»Gar keine, aber er ist wütend.«

»Das ist nicht wahr!«

»Doch, er ist wütend. Frau Achmakowa ist für ihn jetzt passé. Er hat da sein Paroli verloren, jetzt bleibt ihm nur noch Anna Andrejewna. Ich werde Ihnen zweitausend Rubel geben ... zinslos und ohne einen Wechsel.«

Nach diesen Worten legte er mit entschlossener, gewichtiger Miene den Oberkörper gegen die Stuhllehne zurück und sah mich mit weitgeöffneten Augen an. Ich erwiderte diesen Blick ebenso.

»Sie tragen Anzüge aus der Großen Millionnaja-Straße: dazu braucht man Geld, viel Geld; ich habe besseres Geld als er. Ich werde Ihnen mehr als zweitausend Rubel geben ...«

»Aber wofür? Wofür, zum Teufel?«

Ich stampfte mit dem Fuß. Er beugte sich zu mir hin und sagte mit besonderem Nachdruck:

»Dafür, daß Sie sich nicht in den Weg stellen.«

»Ich mische mich ja sowieso nicht ein«, rief ich.

»Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.«

»Es liegt mir nichts an Ihrer Zustimmung. Ich wünsche selbst lebhaft, daß diese Verbindung zustande kommt, aber ich bin der Ansicht, daß das nicht meine Sache ist und daß eine Einmischung meinerseits geradezu unpassend sein würde.«

»Sehen Sie wohl, sehen Sie wohl, unpassend!« sagte er und hob den Finger in die Höhe.

»Was soll das heißen: ›Sehen Sie wohl‹?«

»Unpassend ... Hehe!« Er fing auf einmal an zu lachen. »Ich verstehe, ich verstehe, daß es für Sie unpassend sein würde, aber ... Sie werden sich also nicht in den Weg stellen?« fragte er, mit den Augen zwinkernd. Aber in diesem Zwinkern lag etwas überaus Freches, Höhnisches, Gemeines! Offenbar setzte er bei mir eine gemeine Gesinnung voraus und rechnete mit dieser gemeinen Gesinnung ... Das war klar, aber ich begriff absolut nicht, um was es sich handelte.

»Anna Andrejewna ist doch ebenfalls Ihre Schwester«, sagte er nachdrücklich.

»Erdreisten Sie sich nicht, darüber zu sprechen! Und überhaupt nicht über Anna Andrejewna!«

»Lassen Sie doch den Stolz beiseite, nur noch eine kleine Minute! Hören Sie mal: er wird Geld bekommen und alle versorgen«, sagte Stebelkow mit besonderer Betonung, »alle, alle; Sie folgen?«

»Also glauben Sie, ich würde von ihm Geld annehmen?«

»Sie nehmen doch jetzt welches von ihm an?«

»Ich nehme mein eigenes Geld!«

»Wieso Ihr eigenes?«

»Dieses Geld gehört Wersilow: er schuldet Wersilow zwanzigtausend Rubel.«

»Also schuldet er sie doch nur Wersilow und nicht Ihnen.«

»Wersilow ist mein Vater.«

»Nicht doch, Sie sind ein Dolgorukij, kein Wersilow.«

»Das ist ganz egal!« Ich brachte es damals wirklich fertig, so zu argumentieren! Ich wußte, daß das nicht ganz egal war, ich war nicht so dumm, aber doch argumentierte ich damals so, wieder aus »Zartgefühl«.

»Genug davon!« rief ich. »Ich verstehe von Ihrem Gerede absolut nichts. Wie konnten Sie nur so dreist sein, mich wegen solcher Possen herzurufen?«

»Verstehen Sie denn wirklich nicht? Stellen Sie sich nur absichtlich so oder nicht?« sagte Stebelkow langsam, wobei er mich durchdringend und mit einem mißtrauischen Lächeln ansah.

»Ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht verstehe!«

»Ich sage: er kann dann alle versorgen, alle; nur stellen Sie sich nicht in den Weg, und reden Sie nicht dagegen ...«

»Sie haben wohl den Verstand verloren! Was wollen Sie fortwährend mit diesem ›alle‹? Wird er Wersilow versorgen, was?«

»Sie sind doch nicht allein da, und auch Wersilow nicht ... es gibt auch noch andere Menschen. Und Anna Andrejewna ist ebensogut Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna!«

Ich sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Auf einmal zeigte sich in seinem widerwärtigen Blick sogar ein flüchtiger Ausdruck von Mitleid mit mir:

»Sie verstehen nicht, um so besser! Das ist gut, sehr gut, daß Sie nicht verstehen. Das ist löblich ... wenn Sie wirklich nicht verstehen.«

Ich geriet vollständig in Wut.

»Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren Narrheiten, Sie verrückter Mensch!« schrie ich und griff nach meinem Hut.

»Das sind keine Narrheiten! Also soll es so sein? Aber wissen Sie, Sie werden wiederkommen.«

»Nein!« erwiderte ich schroff von der Schwelle aus.

»Sie werden wiederkommen, und dann ... dann werden wir ein anderes Gespräch miteinander führen. Das wird das Hauptgespräch sein. Zweitausend Rubel, vergessen Sie es nicht!«

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