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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

Ich überschüttete ihn damals mit Fragen und stürzte mich auf ihn wie ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir stets bereitwillig und geradeheraus, aber zu guter Letzt leitete er die Erörterung immer auf Sentenzen von ganz allgemeinem Inhalt hin, so daß es in Wirklichkeit nicht möglich war, ein Resultat zu gewinnen. Und dabei hatten mich alle diese Fragen mein ganzes Leben lang beunruhigt, und ich gestehe offen, daß ich noch in Moskau ihre Entscheidung aufgeschoben hatte, und zwar eben bis zu unserm Wiedersehen in Petersburg. Ich sprach das ihm gegenüber sogar offen aus, und er lachte nicht über mich – im Gegenteil, ich erinnere mich, daß er mir die Hand drückte. Über die allgemeine Politik und die sozialen Fragen konnte ich fast nichts aus ihm herausbekommen, und gerade diese Fragen beunruhigten mich im Hinblick auf meine »Idee« am allermeisten. Über Leute wie Dergatschew entlockte ich ihm einmal die Bemerkung, sie seien »unter aller Kritik«; aber gleichzeitig fügte er sonderbarerweise hinzu, er behalte sich »das Recht vor, seiner Meinung keinerlei Bedeutung beizulegen«. Darüber, wie die jetzigen Staaten und die jetzige Welt ein Ende nehmen würden und in welcher Weise eine neue soziale Gesellschaftsordnung an ihre Stelle treten würde, wollte er sich schrecklich lange nicht äußern, aber endlich preßte ich doch einmal ein paar Worte aus ihm heraus.

»Ich glaube, das wird alles in äußerst gewöhnlicher Weise vor sich gehen«, sagte er. »Es werden ganz einfach alle Staaten, obwohl ihre Budgets aufs schönste balancieren und »keine Defizits vorhanden sind«, un beau matin definitiv in der Klemme sitzen und alle ohne Ausnahme den Wunsch haben, nicht zu bezahlen, damit sie alle ohne Ausnahme sich in einem allgemeinen Bankrott erneuern können. Dem wird sich jedoch das ganze konservative Element der ganzen Welt widersetzen, denn eben dieses wird der Aktionär und Gläubiger sein und wird den Bankrott nicht zulassen wollen. Dann wird selbstverständlich sozusagen ein allgemeiner Oxydationsprozeß beginnen; es werden viele Juden dazukommen, und die Herrschaft der Juden wird beginnen; darauf aber werden alle diejenigen, die niemals Aktien gehabt und überhaupt nichts besessen haben, das heißt alle Armen, an dem Oxydationsprozeß natürlich nicht teilnehmen wollen ... Es wird ein Kampf beginnen, und nach siebenundsiebzig Niederlagen werden die Armen die Aktionäre vernichten, ihnen ihre Aktien wegnehmen und sich auf ihren Platz setzen, natürlich als Aktionäre. Vielleicht werden sie auch irgend etwas Neues sagen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlicher ist, daß sie bald ebenfalls Bankrott machen werden. Weitere Vermutungen über die Schicksale, die das Angesicht der Welt verwandeln werden, vermag ich nicht aufzustellen, mein Freund. Übrigens, lies doch in der Apokalypse nach ...«

»Wird denn wirklich all das so materiell zugehen? Soll denn wirklich die jetzige Welt nur infolge der Finanzen ein Ende nehmen?«

»Oh, selbstverständlich habe ich nur ein kleines Eckchen des ganzen Bildes geschildert, aber auch dieses Eckchen ist ja mit dem Ganzen verbunden, sozusagen durch unzerreißbare Bande.«

»Was soll man denn nun tun?«

»Ach, mein Gott, da brauchst du es noch nicht so eilig zu haben: das geht alles nicht so schnell. Überhaupt aber ist das allerbeste, nichts zu tun; wenigstens kann man sich dann mit ruhigem Gewissen sagen, daß man an nichts teilgenommen hat.«

»Ach, lassen Sie doch solche Reden, und sprechen Sie zur Sache! Ich möchte wissen, was ich tun und wie ich leben muß.«

»Was du tun mußt, mein Lieber? Sei ehrlich, lüge nie, begehre nie deines Nächsten Haus, kurz, sage dir die Zehn Gebote auf: da ist das alles für alle Ewigkeit verzeichnet.«

»Genug davon, hören Sie auf! Das sind ja alles so alte Dinge, und außerdem sind es – nur Worte; was aber nötig ist, ist eine Tat.«

»Na, wenn dich die Langeweile so sehr plagt, so bemühe dich, jemanden oder etwas liebzugewinnen oder auch nur einfach dich an irgend etwas zu hängen.«

»Sie machen sich nur über mich lustig! Und außerdem, was kann ich, ein einzelner Mensch, mit Ihren Zehn Geboten ausrichten?«

»Erfülle sie nur, trotz all deiner Fragen und Zweifel, und du wirst ein großer Mensch sein.«

»Ein Mensch, von dem niemand etwas weiß.«

»Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werden wird.«

»Ach, Sie treiben ja wirklich nur Ihren Scherz mit mir!«

»Nun, wenn du dir die Sache so zu Herzen nimmst, so ist das beste, du suchst dir so schnell wie möglich ein Spezialgebiet: werde Baumeister oder Advokat, und wenn du dann deine richtige, ernste Tätigkeit haben wirst, so wirst du dich beruhigen und die Torheiten vergessen.«

Ich schwieg: na, was konnte ich wohl daraus lernen? Und doch befand ich mich nach jedem derartigen Gespräch in noch größerer Aufregung als vorher. Außerdem sah ich klar, daß er immer ein Geheimnis für sich behielt; und gerade dies zog mich immer mehr und mehr zu ihm hin.

»Hören Sie«, unterbrach ich ihn bei einer Gelegenheit, »ich habe immer den Verdacht, daß Sie all das nur so äußerlich hinreden; weil Sie sich ärgern und leiden, daß Sie aber im geheimen, für sich, selbst der Fanatiker einer höheren Idee sind und das nur verbergen oder sich schämen, es zu bekennen.«

»Ich danke dir, mein Lieber.«

»Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein. Sagen Sie, womit kann ich im gegebenen Augenblicke am nützlichsten sein? Ich weiß, daß es Ihnen nicht möglich ist, diese Frage endgültig zu beantworten, aber ich möchte auch nur Ihre Meinung kennenlernen: sagen Sie sie mir, und wie Sie sagen, so werde ich handeln, das schwöre ich Ihnen! Nun, worin liegt denn ein großer Gedanke?«

»Nun, Steine in Brot zu verwandeln – da hast du einen großen Gedanken.«

»Ist das der größte? Nein, wirklich, Sie haben mir da einen wirklichen Weg gezeigt; sagen Sie doch: ist das der größte?«

»Ein sehr großer, mein Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte; groß, aber zweiten Ranges und nur im betreffenden Augenblick groß: der Mensch ißt sich satt und denkt dann nicht mehr daran, vielmehr sagt er sofort: »Na, nun habe ich mich satt gegessen, was soll ich jetzt tun?« Die Frage wird in alle Ewigkeit offenbleiben.«

»Sie sprachen einmal von den »Genfer Ideen«; ich habe nicht verstanden, was diese »Genfer Ideen« eigentlich sind.«

»Die Genfer Ideen, das ist die Tugend ohne Christus, mein Freund; das sind die jetzigen Ideen oder, richtiger gesagt, die Idee der ganzen jetzigen Zivilisation. Kurz, das ist eine jener langen Geschichten, von denen anzufangen eine sehr mißliche Sache ist, und es wird weit besser sein, wenn wir beide von etwas anderem reden, und noch besser, wenn wir von etwas anderem schweigen.«

»Sie wollen immer schweigen!«

»Mein Freund, denke daran, daß Schweigen gut, ungefährlich und schön ist.«

»Schön?«

»Allerdings. Das Schweigen ist immer schön, und der Schweigsame ist immer schöner als der Redende.«

»Ja, wenn man so redet wie wir beide miteinander, dann kommt es allerdings auf dasselbe hinaus, wie wenn man schweigt. Hol der Teufel diese Schönheit, und vor allen Dingen hol der Teufel diesen Nutzen!«

»Mein Lieber«, sagte er auf einmal zu mir in einem veränderten, besonders eindringlichen Ton, der sogar gefühlvoll klang. »Mein Lieber, ich beabsichtige durchaus nicht, dich von deinen Idealen zu irgendeiner spießbürgerlichen Tugend wegzulocken; ich suche dich nicht zu dem Glauben zu bekehren, daß Glück besser ist als Heldentum; im Gegenteil, Heldentum steht höher als jedes Glück, und schon allein die Fähigkeit zum Heldentum macht glücklich. Also das wollen wir als einen zwischen uns festgestellten Satz betrachten. Gerade deswegen schätze ich dich hoch, weil du in unserer Zeit der Oxydation es fertiggebracht hast, in deiner Seele dir »deine Idee« zu schaffen (rege dich nicht auf; ich habe das sehr gut im Gedächtnis behalten). Aber dabei muß man doch auch an das rechte Maß denken, weil du jetzt ein aufsehenerregendes Leben erstrebst: du möchtest etwas anzünden, etwas zerschmettern, eine ganz Rußland überragende Stellung einnehmen, wie eine Gewitterwolke vorüberziehen und alle Menschen in Angst und Entzücken zurücklassen und selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verschwinden. Sicherlich ist deine Seele jetzt von derartigen Gedanken erfüllt, und darum halte ich es auch für notwendig, dich zu warnen, denn ich habe dich aufrichtig liebgewonnen, mein Freund.«

Was konnte ich daraus für mich entnehmen? In diesen Reden bekundete sich nur Besorgnis um mich, um mein materielles Schicksal; da sprach ein Vater seine prosaischen, wenn auch guten Gefühle aus, aber war es etwa das, was ich im Hinblick auf die Ideen brauchte, für die jeder ehrenhafte Vater seinen Sohn sogar in den Tod schicken müßte, wie es im Altertum Horaz mit seinen Söhnen für die Idee Roms tat?

Ich setzte ihm auch oft mit Fragen über die Religion zu, aber hier war der Nebel am allerschlimmsten. Auf die Frage, was ich in der Hinsicht tun müsse, antwortete er mir in der dümmsten Weise wie einem kleinen Jungen: »Man muß an Gott glauben, mein Lieber.«

»Na, aber wenn ich das alles nicht glaube?« rief ich einmal in gereiztem Ton.

»Nun, das ist ja wunderschön, mein Lieber.«

»Wieso wunderschön?«

»Das ist das allerbeste Zeichen, mein Freund, sogar das zuverlässigste, weil unser russischer Atheist, wenn er nur in Wahrheit Atheist ist und halbwegs Verstand besitzt, der beste Mensch auf der ganzen Welt ist und immer geneigt sein wird, Gott freundlich zu behandeln, weil er unbedingt gutherzig ist und gutherzig deswegen, weil er maßlos damit zufrieden ist, daß er – ein Atheist ist. Unsere Atheisten sind achtenswerte Leute und im höchsten Grade zuverlässig, sozusagen die Stützen des Vaterlandes ...«

Das war ja freilich etwas, aber ich hatte etwas anderes gewollt; nur einmal ging er tiefer auf die Sache ein, aber in so sonderbarer Weise, daß er mich in das größte Erstaunen versetzte, besonders wenn ich an das dachte, was ich über seinen Übertritt zum Katholizismus und über seine Büßerketten gehört hatte.

»Mein Lieber«, sagte er einmal zu mir, nicht in meiner Wohnung, sondern auf der Straße, nach einem langen Gespräch; ich begleitete ihn. »Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, das ist unmöglich. Und doch soll man sie lieben. Darum tue ihnen Gutes, unterdrücke deine Gefühle, halte dir die Nase zu und schließe die Augen (letzteres ist unbedingt nötig). Ertrage Böses von ihnen, nach Möglichkeit ohne dich über sie zu ärgern, eingedenk, daß auch du ein Mensch bist. Selbstverständlich bist du dazu berufen, streng zu ihnen zu sein, wenn du nur ein bißchen klüger bist als der Durchschnitt. Die Menschen sind von Natur niedrig und lieben gern aus Furcht; geh du auf eine solche Liebe nicht ein und höre nicht auf, ihnen gegenüber Verachtung zu empfinden. Allah befiehlt irgendwo im Koran dem Propheten, er solle die »Störrischen« wie Mäuse betrachten, ihnen Gutes tun und an ihnen vorübergehen – das klingt etwas stolz, ist aber das Richtige. Verstehe es, sie sogar dann zu verachten, wenn sie gut sind, denn gerade dann sind sie am häufigsten garstig. O mein Lieber, wenn ich das sage, so urteile ich nach mir selbst! Wer auch nur ein bißchen Verstand besitzt, der kann nicht leben, ohne sich zu verachten; ob er ehrenhaft ist oder nicht, das macht dabei nichts aus. Seinen Nächsten zu lieben, ohne ihn zu verachten, das ist unmöglich. Meiner Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit, seinen Nächsten zu lieben, geschaffen. Es steckt da gleich von Anfang an ein Fehler in den Ausdrücken, und unter »Liebe zur Menschheit« kann man nur die Liebe zu derjenigen Menschheit verstehen, die man selbst in seiner Seele geschaffen hat (mit anderen Worten: man hat sich selbst geschaffen, und die Liebe ist eine Liebe zu sich selbst) und die daher niemals in Wirklichkeit existieren wird.«

»Sie wird nie existieren?«

»Mein Freund, ich gebe zu, daß das ein bißchen dumm wäre, aber das ist nicht meine Schuld; und da ich bei der Schöpfung der Welt nicht um Rat gefragt worden bin, so nehme ich für mich das Recht in Anspruch, in dieser Beziehung meine eigene Meinung zu haben.«

»Aber wie kann man Sie bei solchen Anschauungen einen Christen nennen«, rief ich, »einen Mönch mit Büßerketten, einen Prediger? Das ist mir unbegreiflich!«

»Wer nennt mich denn so?«

Ich erzählte es ihm; er hörte sehr aufmerksam zu, brach aber dann das Gespräch ab.

Ich erinnere mich nicht, welcher Anlaß uns auf dieses für mich denkwürdige Gespräch gebracht hatte; aber er war dabei ordentlich hitzig geworden, was bei ihm sonst nie vorkam. Er sprach in leidenschaftlicher Erregung und ohne Spott, als ob er nicht zu mir, sondern zu einem andern redete. Aber ich glaubte ihm trotzdem wieder nicht: es war doch nicht möglich, daß er mit einem Menschen wie mir über solche Dinge ernsthaft gesprochen hätte!

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