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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Aber er bekam von mir dafür seine Strafe! Ich wurde ein schrecklicher Despot. Selbstverständlich taten wir dieser Szene nachher nie wieder Erwähnung. Vielmehr verkehrten wir zwei Tage darauf bei einem neuen Zusammensein miteinander, als ob gar nichts geschehen wäre – ja noch mehr: ich war an diesem zweiten Abend beinah grob zu ihm, und er benahm sich ebenfalls etwas trocken. Das geschah wieder in meiner Wohnung; aus einem mir selbst nicht recht verständlichen Grund ging ich meinerseits immer noch nicht zu ihm, obwohl ich sehr gern meine Mutter wiedergesehen hätte.

Wir redeten in dieser ganzen Zeit, das heißt in diesen ganzen zwei Monaten, nur von den abstraktesten Gegenständen. Und das wundert mich: wir taten nichts weiter, als daß wir uns über diese abstrakten, wenn auch natürlich allgemein menschlichen und sehr wichtigen Gegenstände unterhielten, aber mit unseren konkreten persönlichen Verhältnissen standen sie in gar keiner Beziehung. Und doch gab es da vieles, sehr vieles, dessen Besprechung und Klarlegung wünschenswert, ja sogar dringlich notwendig war, aber davon schwiegen wir. Ich sprach nicht einmal von meiner Mutter und von Lisa und ... na, natürlich auch nicht von mir selbst, von meiner ganzen Geschichte. Ob ich mich aus Schamgefühl so benahm oder aus einer Art von jugendlicher Dummheit – ich weiß es nicht. Ich nehme an, daß ich es aus Dummheit tat, denn über das Schamgefühl hätte ich doch hinwegkommen können. Aber ich tyrannisierte ihn furchtbar und verstieg mich mehrmals geradezu zur Unverschämtheit, sogar gegen meine eigene Herzensneigung; das geschah alles in einer unwiderstehlichen Weise ganz von selbst, ich war nicht imstande, mich selbst zu hemmen. Was aber ihn betrifft, so hatte sein Ton wie früher eine etwas spöttische Färbung, war jedoch trotz aller meiner Unarten immer sehr freundlich. Auffällig war mir auch, daß er es vorzog, selbst zu mir zu kommen, so daß ich schließlich nur sehr selten zu meiner Mutter kam, einmal in der Woche, nicht öfter, besonders in der letzten Zeit, als ich schon ganz in den Strudel hineingeraten war. Er kam immer abends, saß eine Weile bei mir und plauderte; auch mit dem Wirt plauderte er sehr gern; letzteres ärgerte mich bei einem Menschen wie ihm gewaltig. Es ging mir auch der Gedanke durch den Kopf: »Hat er denn außer mir sonst niemand, zu dem er gehen könnte?« Aber ich wußte bestimmt, daß er Bekannte hatte; in der letzten Zeit hatte er sogar in der vornehmen Gesellschaft viele frühere Beziehungen wieder angeknüpft, die er im letzten Jahre hatte fallenlassen, aber es schien, daß er von ihnen nicht sonderlich entzückt war und manche nur offiziell erneuert hatte und lieber zu mir kam. Es war manchmal ordentlich rührend, daß er, wenn er abends bei mir eintrat, beim Öffnen der Tür fast jedesmal von einer gewissen Schüchternheit befallen wurde und mir im ersten Augenblick immer mit einer sonderbaren Unruhe ins Gesicht sah, als wollte er sagen: »Störe ich auch nicht? Sonst sag's – dann gehe ich wieder.« Er sagte das sogar mitunter. So kam er zum Beispiel einmal – es war gerade in der letzten Zeit – herein, als ich einen soeben vom Schneider gelieferten Anzug angezogen hatte, schon vollständig fertig war und zum Fürsten Serjosha fahren wollte, um mich mit ihm nach einem bestimmten Ort zu begeben (wohin, das werde ich später erklären). Er aber setzte sich, nachdem er hereingekommen war, hin, wahrscheinlich ohne zu bemerken, daß ich im Begriff war auszugehen; es überkam ihn zeitweilig eine höchst sonderbare Zerstreutheit. Und nun mußte er auch noch von meinem Wirt zu reden anfangen; da brauste ich auf:

»Ach, hol den Wirt der Teufel!«

»Ach so, mein Lieber«, sagte er, indem er sich schnell von seinem Platz erhob, »es scheint, du willst ausgehen, und ich störe dich ... Bitte, verzeih!«

Und ganz bescheiden beeilte er sich wegzugehen. Aber gerade diese Sanftheit mir gegenüber von Seiten eines solchen Mannes, der in der Gesellschaft eine unabhängige Stellung einnahm und so viele persönliche Vorzüge besaß, ließ in meinem Herzen auf einmal meine ganze Zärtlichkeit zu ihm und all meinen Glauben an ihn wieder lebendig werden. Aber wenn er mich so liebte, warum hielt er mich denn damals in der Zeit meiner Schande nicht zurück? Hätte er damals nur ein Wort gesagt, so würde ich mich vielleicht beherrscht haben. Übrigens vielleicht auch nicht. Aber sehen mußte er dieses mein stutzerhaftes, renommistisches Benehmen, meinen Kutscher Matwej (ich wollte ihn sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, aber er stieg nicht ein; ja, es geschah sogar mehrmals, daß er sich nicht hineinsetzen wollte); er sah, daß ich das Geld vergeudete – aber kein Wort, kein Wort, nicht einmal eine neugierige Frage! Das hat mich bis auf den heutigen Tag gewundert und wundert mich auch jetzt noch. Ich aber genierte mich damals vor ihm selbstverständlich nicht im geringsten und tat alles ganz offen, obgleich ich natürlich auch kein Wort zur Erklärung sagte. Er fragte nichts, und ich sagte nichts.

Übrigens, zwei- oder dreimal fingen wir doch auch an, über persönliche Angelegenheiten zu sprechen. So fragte ich ihn einmal am Anfang, bald nach dem Verzicht auf die Erbschaft, wovon er denn nun leben werde.

»Irgendwie so, mein Freund«, antwortete er mit der größten Seelenruhe.

Jetzt weiß ich, daß sogar Tatjana Pawlownas kleines Kapital, etwa fünftausend Rubel, in diesen letzten zwei Jahren zur Hälfte für Wersilow verausgabt worden war.

Ein andermal kamen wir auf Mama zu sprechen:

»Mein Freund«, sagte er plötzlich in traurigem Ton, »ich habe zu Sofja Andrejewna oft zu Anfang unserer Verbindung gesagt, übrigens sowohl zu Anfang als auch in der Mitte und am Ende: »Meine Teure, ich quäle dich, und ich zerquäle dich ganz und empfinde kein Mitleid, solange ich dich noch habe; aber wenn du sterben solltest, so weiß ich, daß ich mich mit Selbstvorwürfen zu Tode martern werde.««

Ich erinnere mich übrigens, daß er an jenem Abend besonders offenherzig war:

»Wenn ich noch ein charakterschwacher, bedeutungsloser Mensch wäre und unter diesem Bewußtsein litte! Aber das ist eben nicht der Fall; ich weiß ja, daß ich unendlich stark bin, und was meinst du, wodurch? Eben durch diese unmittelbare Fähigkeit, mich in alle möglichen Verhältnisse einzuleben – eine Fähigkeit, die allen klugen Russen unserer Generation eigen ist. Ich bin durch nichts zu ruinieren, durch nichts zu vernichten, durch nichts in Erstaunen zu setzen. Ich habe ein zähes Leben wie ein Hofhund. Ich kann auf die bequemste Weise zwei entgegengesetzte Gefühle zu ein und derselben Zeit empfinden – und das selbstverständlich ganz unwillkürlich. Aber nichtsdestoweniger weiß ich, daß das ehrlos ist, besonders weil es gar zu verständig ist. Ich habe mein Leben jetzt bis nahe an die Fünfzig gebracht und weiß bis jetzt noch nicht, ob es gut oder schlecht ist, daß ich so lange gelebt habe. Natürlich liebe ich das Leben, das ergibt sich ohne weiteres aus der Sache selbst; aber wenn ein Mensch, wie ich, das Leben liebt, ist das unwürdig. In letzter Zeit ist etwas Neues aufgekommen und Menschen wie Krafft leben sich nicht in die Verhältnisse ein, sondern schießen sich tot. Aber es ist ja klar, daß die Kraffts dumm sind; na, aber wir sind klug – mithin ist es auch hier nicht möglich, eine Parallele zu ziehen, und die Frage bleibt dennoch offen. Und steht denn die Erde nur für solche Leute wie uns? Das wahrscheinlichste ist: ja; aber dieser Gedanke ist doch gar zu trostlos. Übrigens aber ... übrigens aber bleibt die Frage dennoch offen.«

Er sagte das mit trauriger Miene, und trotzdem wußte ich nicht, ob es aufrichtig gemeint war. Er hatte immer so eine Art von Sicherheitswinkel, den er unter keinen Umständen verlassen wollte.

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