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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Der alte Fürst sagte mir später, es sei mir gelungen, das in einer höchst edlen Weise herauszubringen.

Aufrichtiger Schmerz prägte sich auf dem Gesicht des Fürsten aus.

»Sie haben mich nur nicht ausreden lassen«, sagte er mit Wärme. »Wenn ich mich mit Worten, die mir aus der Seele kamen; an Sie wandte, so waren gerade meine jetzigen Gefühle für Andrej Petrowitsch der Grund dazu. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht sofort alle näheren Umstände mitteilen kann, aber ich versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß ich an mein unglückseliges Benehmen in Ems schon längst mit der tiefsten Reue zurückdenke. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, beschloß ich, Andrej Petrowitsch jede nur mögliche Genugtuung zu geben, das heißt, ihn buchstäblich geradezu um Verzeihung zu bitten, in der Form, die er selbst bestimmen wird. Höhere, mächtige Einwirkungen sind die Ursache dieser Änderung meiner Anschauung gewesen. Der Umstand, daß wir miteinander prozessierten, hätte auf meinen Entschluß nicht den geringsten Einfluß gehabt. Aber sein gestriges Verhalten mir gegenüber hat sozusagen meine Seele erschüttert, und ob Sie es glauben oder nicht, selbst in diesem Augenblick bin ich noch nicht recht zu mir gekommen. Und nun muß ich Ihnen mitteilen – ich bin auch zum Fürsten gerade in der Absicht gekommen, ihm von einem ungewöhnlichen Ereignis Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also genau zu der Zeit, wo er mit unserem Rechtsanwalt das Dokument abfaßte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter von Andrej Petrowitsch und überbrachte mir eine Forderung von ihm ... eine formelle Forderung wegen des Vorfalls in Ems ...«

»Er hat Sie gefordert?« rief ich und fühlte, daß mir die Augen zu brennen anfingen und das Blut mir ins Gesicht strömte.

»Ja, er hat mich gefordert; ich nahm die Forderung sofort an, beschloß aber, ihm noch vor dem Duell einen Brief zu schicken, in dem ich ihm meine Ansicht über mein Benehmen darlege und meine tiefe Reue wegen dieses schrecklichen Irrtums ausspreche... denn es ist nur ein Irrtum gewesen, ein unglückseliger, verhängnisvoller Irrtum. Ich möchte noch bemerken, daß ich bei meiner Stellung im Regiment befürchten mußte, durch diesen Schritt in eine mißliche Lage zu geraten: denn durch einen solchen Brief vor dem Duell setzte ich mich der Gefahr aus, von der öffentlichen Meinung verurteilt zu werden... Sie verstehen? Aber trotzdem entschloß ich mich dazu und bin nur nicht dazu gekommen, den Brief abzusenden, weil ich eine Stunde nach der Forderung von ihm wieder ein Billett erhielt, in dem er mich bittet, ihm die Störung zu verzeihen und die Forderung zu vergessen, und hinzufügt, er bereue diese ›momentane Anwandlung einer schwächlichen, selbstsüchtigen Gesinnung‹; das sind seine eigenen Worte. Auf diese Weise hat er mir nun den beabsichtigten Schritt mit dem Brief außerordentlich erleichtert. Ich habe ihn noch nicht abgeschickt, bin aber gerade in der Absicht hergekommen, mit dem Fürsten ein paar Worte über diese Angelegenheit zu reden... Und glauben Sie mir: ich selbst habe unter den Vorwürfen meines Gewissens vielleicht weit mehr gelitten, als sonst jemand bei dieser Sache gelitten hat... Genügt Ihnen diese Erklärung, Arkadij Makarowitsch, wenigstens für den Augenblick, vorläufig? Wollen Sie mir die Ehre erweisen, an meine Aufrichtigkeit rückhaltlos zu glauben?«

Ich war vollständig besiegt; ich sah eine unbezweifelbare Offenherzigkeit, die ich in keiner Weise erwartet hatte. Ich hatte überhaupt nichts Derartiges erwartet. Ich murmelte etwas zur Antwort und streckte ihm einfach meine beiden Hände hin; er schüttelte sie erfreut in den seinen. Darauf führte er den alten Fürsten weg und sprach ungefähr fünf Minuten lang mit ihm in dessen Schlafzimmer.

»Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen machen wollen«, sagte er mit lauter Stimme in bestimmtem Ton zu mir, als er von dort wieder herauskam, »so fahren Sie gleich mit mir mit, und ich werde Ihnen den Brief zeigen, den ich jetzt sofort an Andrej Petrowitsch absenden werde, und zugleich auch seinen Brief an mich.«

Ich willigte mit großer Freude ein. Mein Fürst zeigte sich, als er mich zur Tür begleitete, sehr geschäftig und rief mich ebenfalls auf einen Augenblick in sein Schlafzimmer.

»Mon ami, wie freue ich mich, wie freue ich mich ... Wir wollen über all das noch später miteinander reden. Übrigens, hier habe ich zwei Briefe in meiner Mappe; der eine muß eigenhändig abgegeben werden, und es ist dabei eine mündliche Erklärung nötig; der andere ist an die Bank – auch da muß...«

Mit diesen Worten händigte er mir zwei Briefe ein, die angeblich sehr eilig waren und besondere Mühe und Sorgfalt erforderten. Ich sollte hinfahren, sie persönlich übergeben, eine Quittung ausstellen und so weiter.

»Ach, Sie Schlaukopf!« rief ich, als ich die Briefe in Empfang nahm, »ich möchte schwören, daß das alles dummes Zeug ist und es sich gar nicht um wichtige Geschäfte handelt, sondern Sie sich diese beiden Aufträge absichtlich ausgedacht haben, um mich glauben zu machen, daß ich hier eine Tätigkeit ausübe und mein Geld nicht umsonst bekomme!«

»Mon enfant, ich kann dir versichern, daß du dich darin irrst, es sind wirklich zwei ganz unaufschiebbare Sachen ... Cher enfant!« rief er auf einmal höchst gerührt, »mein lieber junger Mann!« (Er legte mir beide Hände auf den Kopf.) »Ich segne dich und dein Los... Bleibe immer so reinen Herzens, wie du jetzt bist... so gut und brav, wie nur möglich... Liebe alles Schöne... in all seinen verschiedenen Gestalten ... Na, enfin ... enfin rendons grâce... et je te bénis!«

Er sprach nicht zu Ende und begann, über meinen Kopf gebeugt, zu schluchzen. Ich muß gestehen, auch mir war das Weinen nahe; wenigstens umarmte ich meinen wunderlichen Kauz innig und mit Freuden. Wir küßten uns von Herzen.

Fürst Serjosha (vollständiger: Fürst Sergej Petrowitsch, so werde ich ihn nennen) brachte mich in einem höchst eleganten Einspänner nach seiner Wohnung, und mein erstes war, die Pracht dieser Wohnung zu bewundern. Das heißt, prächtig war sie eigentlich nicht, wohl aber so, wie es bei den »feinsten Leuten« üblich ist: hohe, große, helle Zimmer (ich sah zwei davon, die übrigen waren geschlossen), und die Möbel zwar nicht in Gott weiß was für einem Versailler oder Renaissance-Stil, aber weich, bequem, reichlich, alles auf großem Fuß; dazu Teppiche, geschnitztes Holzwerk und Statuetten. Dabei hieß es von den Fürsten Sokolskij allgemein, sie seien bettelarm und besäßen geradezu nichts. Ich hatte indes flüchtig gehört, daß dieser Fürst überall, wo er nur konnte, den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, hier und in Moskau und in seinem früheren Regiment und in Paris; er sei sogar ein Spieler und habe Schulden. Ich hatte einen verknüllten Rock an, auf dem obendrein Flaumfedern saßen, weil ich unausgekleidet geschlafen hatte, und das Hemd trug ich schon den vierten Tag. Übrigens war mein Rock noch durchaus nicht schlecht, aber da ich zu dem Fürsten hingeraten war, fiel mir Wersilows Anregung ein, mir andere Kleider machen zu lassen.

»Denken Sie sich, eine Selbstmörderin ist schuld daran, daß ich die ganze Nacht über angezogen geschlafen habe«, bemerkte ich lässig, und da er sogleich Interesse zeigte, erzählte ich ihm die Geschichte in aller Kürze. Aber ihn beschäftigte offenbar vor allen Dingen sein Brief. Besonders frappierte es mich, daß er nicht nur nicht gelächelt, sondern nicht einmal den geringsten Ansatz dazu hatte sehen lassen, als ich ihm vorher geradeheraus erklärt hatte, daß ich ihn zum Duell fordern wolle. Wenn ich auch verstanden hatte, mich so zu benehmen, daß ihm das Lachen vergehen mußte, so war das doch von einem Menschen seiner Art merkwürdig. Wir setzten uns mitten im Zimmer an seinem riesigen Schreibtisch einander gegenüber, und er gab mir seinen schon fertigen und ins reine geschriebenen Brief an Wersilow zum Durchlesen. Der Inhalt dieses Schriftstückes stimmte mit dem überein, was er mir vorher bei meinem Fürsten gesagt hatte; es war sogar mit leidenschaftlicher Hitze geschrieben. Von dieser seiner augenscheinlichen Offenherzigkeit und Bereitwilligkeit zu allem Guten wußte ich allerdings noch nicht endgültig, wie ich sie auffassen sollte, aber ich begann schon willfährig zu werden, denn in der Tat, warum sollte ich nicht daran glauben? Was für ein Mensch er auch sein und was man auch von ihm erzählen mochte, er konnte darum doch gute Neigungen haben. Ich sah auch Wersilows letztes, aus sieben Zeilen bestehendes Billett, die Zurückziehung der Forderung. Wenngleich er wirklich darin etwas von seiner »schwächlichen, selbstsüchtigen Gesinnung« schrieb, so atmete das ganze Billett doch einen gewissen Hochmut... oder, richtiger gesagt, in diesem ganzen Vorgehen sprach sich eine gewisse Geringschätzung aus. Ich äußerte das übrigens nicht.

»Wie sehen Sie aber diese Zurückziehung der Forderung an?« fragte ich. »Sie glauben doch wohl nicht, daß er Angst bekommen hat?«

»Gewiß nicht«, erwiderte der Fürst lächelnd, aber das Lächeln machte einen sehr ernsten Eindruck, wie denn überhaupt seine Miene immer sorgenvoller wurde. »Ich weiß sehr wohl, daß er ein mutiger Mann ist. Hier liegt natürlich eine besondere Anschauungsweise vor ... eine eigenartige Gemütsstimmung...«

»Ohne Zweifel«, unterbrach ich ihn eifrig. »Ein gewisser Wassin sagt, in seinem Vorgehen mit jenem ans Licht gekommenen Brief und mit dem Verzicht auf die Erbschaft erkenne man den Wunsch, sich auf ein »Piedestal« zu stellen ... Meiner Meinung nach führt niemand solche Taten aus, um damit zu prunken, sondern sie entspringen aus dem tiefsten Innern des Menschen.«

»Ich kenne Herrn Wassin sehr gut«, bemerkte der Fürst.

»Ach ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.«

Wir sahen einander plötzlich an, und ich erinnere mich, daß ich ein bißchen rot wurde. Wenigstens brach er das Gespräch ab. Ich hatte übrigens große Lust, es weiter fortzusetzen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich am vorhergehenden Tag gehabt hatte, erregte in mir den Wunsch, ihm einige Fragen vorzulegen; ich wußte nur nicht recht, wie ich dabei zu Werke gehen sollte. Und überhaupt fühlte ich mich nicht sehr behaglich. Es frappierte mich auch seine erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit und die Ungezwungenheit seines Benehmens, kurz, diese ganze glänzende Politur, die diese Leute beinahe schon in der Wiege annehmen. In seinem Brief hatte ich zwei recht grobe grammatische Fehler gefunden. Überhaupt benehme ich mich bei solchen Begegnungen nie unterwürfig, sondern werde absichtlich schroff, was manchmal vielleicht töricht ist. Aber im gegenwärtigen Fall trug dazu besonders noch der Gedanke bei, daß ich Federchen auf dem Rock hatte, so daß ich sogar ein paarmal ausrutschte und zu familiär wurde ... Ich bemerkte still für mich, daß der Fürst mich mitunter sehr aufmerksam musterte.

»Sagen Sie mal, Fürst«, platzte ich auf einmal mit einer Frage heraus, »finden Sie es nicht im stillen lächerlich, daß ich, der ich noch ein solcher »Milchbart« bin, Sie zum Duell fordern wollte, und noch dazu wegen einer fremden Beleidigung?«

»Durch eine dem Vater angetane Beleidigung kann man sich sehr wohl beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.«

»Aber mir scheint doch, daß es furchtbar lächerlich ist ... von einem andern Standpunkt aus ... das heißt, selbstverständlich nicht von meinem eigenen. Um so mehr, als ich ein Dolgorukij bin und kein Wersilow. Aber wenn Sie mir hierin, um mich freundlich zu stimmen, oder aus weltmännischem Anstand die Unwahrheit sagen, so täuschen Sie mich wohl auch in allem übrigen?«

»Nein, ich finde es nicht lächerlich«, wiederholte er ganz ernst. »Es ist doch nur natürlich, daß Sie das Blut Ihres Vaters in sich fühlen ... Sie sind freilich noch zu jung, denn ... ich weiß nicht ... ich glaube, wer noch nicht die Volljährigkeit erreicht hat, darf sich nicht schlagen, und man darf keine Forderung von ihm annehmen ... nach den geltenden Regeln ... Aber wenn Sie wollen, ein ernster Einwand läßt sich vielleicht erheben: wenn Sie eine Forderung ohne Wissen des Beleidigten ergehen lassen, so bringen Sie dadurch gewissermaßen zum Ausdruck, daß Sie selbst ihn wenig achten, nicht wahr?«

Unser Gespräch wurde plötzlich durch einen Diener unterbrochen, der eintrat, um etwas zu melden. Der Fürst, der ihn erwartet zu haben schien, stand, als er ihn erblickte, ohne zu Ende zu sprechen, auf und trat schnell an ihn heran, so daß dieser seine Meldung nur halblaut abstattete und ich sie natürlich nicht verstand.

»Entschuldigen Sie mich!« wandte sich der Fürst an mich. »Ich bin in einer Minute wieder da.«

Er ging hinaus. Ich blieb allein zurück, ging im Zimmer auf und ab und dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir und mißfiel mir gleichzeitig stark. Er hatte etwas an sich, was ich selbst nicht näher zu bezeichnen gewußt hätte, was mich aber abstieß. »Wenn er so gar nicht über mich lacht, so benimmt er sich dabei ohne Zweifel durchaus wahr und aufrichtig, aber wenn er über mich lachte, so ... würde er mir vielleicht klüger vorkommen ...«, so dachte ich sonderbarerweise. Ich trat an den Tisch und las noch einmal den Brief an Wersilow durch. Ich versank darüber in Gedanken und vergaß sogar die Zeit, und als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß die Minute des Fürsten sich unstreitig schon zu einer ganzen Viertelstunde verlängert hatte. Das versetzte mich in einige Erregung; ich ging noch einmal auf und ab, nahm endlich meinen Hut und beschloß, wie ich mich erinnere, hinauszugehen, um, wenn ich jemanden träfe, den Fürsten rufen zu lassen und, wenn er käme, mich gleich von ihm zu verabschieden, mit der Begründung, ich hätte zu tun und könne nicht länger warten. Es schien mir, daß dies das Angemessenste sein würde; denn es quälte mich ein bißchen der Gedanke, er behandle mich nachlässig, weil er mich so lange allein ließ. Die beiden Türen dieses Zimmers, beide geschlossen, befanden sich an den beiden Enden ein und derselben Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir hereingekommen waren, oder wohl mehr aus Zerstreutheit, öffnete ich die eine von ihnen und erblickte plötzlich in einem langen, schmalen Zimmer eine auf dem Sofa sitzende weibliche Gestalt – meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand da, und sie wartete offenbar auf jemand. Aber ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich auch nur zu wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut mit jemand sprach und nach seinem Zimmer zurückkehrte. Schnell machte ich die Tür wieder zu, und der durch die andere Tür eintretende Fürst merkte nichts. Ich erinnere mich, daß er sich zu entschuldigen begann und etwas von einer Anna Fjodorowna sagte ... Aber ich war so überrascht und verwirrt, daß ich fast nichts verstand, und stotterte, ich müsse unbedingt nach Hause; dann ging ich, ohne mich zurückhalten zu lassen, schnell hinaus. Der wohlerzogene Fürst wird wohl über meine Manieren recht erstaunt gewesen sein. Er geleitete mich bis ins Vorzimmer und redete fortwährend, aber ich antwortete nicht und sah ihn nicht an.

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