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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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V

Sie waren aus Moskau gekommen. Sie war schon lange Witwe, »aber Hofrätin«; ihr Mann war Beamter gewesen und hatte fast nichts hinterlassen »außer einer Pension von zweihundert Rubeln. Na, was sind zweihundert Rubel? Aber ich habe Olga doch gut erzogen und sie das Gymnasium besuchen lassen. Und wie sie gelernt hat, wie sie gelernt hat; eine silberne Medaille hat sie bekommen...« (Hier folgte natürlich ein langer Tränenerguß.) Ihr verstorbener Mann hatte bei einem hiesigen Petersburger Kaufmann ein Kapital eingebüßt, fast viertausend Rubel. Auf einmal war dieser Kaufmann wieder reich geworden; »ich habe Dokumente, fragte andere Leute um Rat, und man sagte mir: ›Strengen Sie nur einen Prozeß an, Sie werden bestimmt alles bekommen.‹ Ich nahm denn auch die Sache in Angriff; der Kaufmann zeigte einiges Entgegenkommen. ›Reisen Sie selbst hin!‹ sagte man mir. Ich machte mich also mit Olga auf. Vor einem Monat kamen wir hier an. Unsere Mittel waren nur sehr beschränkt; so nahmen wir uns denn dieses Zimmerchen, weil es das kleinste von allen war und in einem anständigen Hause, das sahen wir selbst, und das war uns das Wichtigste: wir sind unerfahrene Frauen, uns kann jeder beleidigen und zu Schaden bringen. Na, Ihnen bezahlten wir die Miete für einen Monat voraus, und dann kam eine Ausgabe nach der andern; Petersburg ist so scheußlich teuer, und unser Kaufmann weigerte sich rundweg, uns etwas zu bezahlen: ›Ich kenne Sie nicht und weiß von nichts‹, sagte er. Mein Dokument aber ist nicht ordnungsgemäß, das weiß ich selbst. Und da rieten mir die Leute: ›Gehen Sie zu dem berühmten Advokaten, der ist Professor gewesen, nicht so ein bloßer Advokat, sondern Jurist, der wird Ihnen gewiß sagen, was Sie tun müssen.‹ Ich trug ihm meine letzten fünfzehn Rubel hin; er empfing mich und hörte mich nicht drei Minuten lang an, dann sagte er: ›Ich seh schon, ich weiß schon‹, sagte er, ›wenn der Kaufmann will‹, sagte er, ›wird er es Ihnen zurückgeben, wenn er nicht will, wird er es nicht tun, und wenn Sie einen Prozeß anfangen, werden Sie womöglich noch die Kosten zu bezahlen haben; das beste ist, Sie vergleichen sich mit ihm.‹ Und dann machte er noch einen Scherz aus dem Evangelium: ›Seien Sie willfährig Ihrem Widersacher bald‹, sagt er, ›dieweil Sie noch bei ihm auf dem Wege sind; sonst werden Sie nicht von dannen herauskommen, bis Sie auch den letzten Heller bezahlt haben‹, begleitete mich bis an die Tür und lachte. Meine fünfzehn Rubel waren hin! Ich kam zu Olga zurück, wir saßen uns einander gegenüber, und ich fing an zu weinen. Sie weinte nicht; sie saß ganz stolz da und war empört. So ist sie von jeher gewesen, ihr ganzes Leben lang, sogar schon als kleines Kind; nie hat sie gestöhnt, nie geweint, sondern immer dagesessen und ein finsteres Gesicht gemacht, so daß mir ganz bange wurde, wenn ich sie ansah. Und werden Sie es glauben: ich habe Angst vor ihr gehabt, ordentlich Angst habe ich vor ihr gehabt, schon längst, und ich habe manchmal losweinen wollen, es aber in ihrer Gegenwart nicht gewagt. Ich ging nun zum letztenmal zu dem Kaufmann hin und vergoß bei ihm Ströme von Tränen: ›Schön‹, sagte er, ohne überhaupt hinzuhören. Dabei aber saßen wir, wie ich Ihnen bekennen muß, schon lange ohne Geld da, weil wir nicht damit gerechnet hatten, so lange von Hause weg zu sein. Ich fing an, nach und nach dieses und jenes von unseren Kleidern ins Leihhaus zu tragen; von dem Erlös für das Versetzte lebten wir dann. Alle unsere Sachen hatten wir schon versetzt; da gab sie mir ihre letzte Wäsche, und ich brach in bittere Tränen aus. Sie stampfte mit dem Fuß, sprang auf und lief selbst zu dem Kaufmann hin. Er ist Witwer und sagt zu ihr: ›Kommen Sie übermorgen um fünf Uhr, vielleicht kann ich Ihnen dann etwas Gutes sagen.‹ Als sie zurückkam, war sie ganz heiter geworden: ›Na‹, sagt sie, ›vielleicht wird er mir etwas Gutes sagen.‹ Nun, ich freute mich ebenfalls, aber ich hatte doch so ein Gefühl der Kälte ums Herz. ›Da steckt etwas dahinter‹, denke ich, aber ich wagte nicht, sie weiter zu fragen. Als sie zwei Tage darauf von dem Kaufmann zurückkommt, ist sie ganz blaß, zittert am ganzen Leib und wirft sich auf das Bett – ich verstand gleich alles und wagte nicht, sie zu fragen. Was meinen Sie: er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, der Halunke, und hinzugefügt: ›Und wenn ich völlige Unschuld finde, gebe ich Ihnen noch vierzig Rubel.‹ Das hatte er ihr ins Gesicht gesagt, der schamlose Mensch. Sie hatte sich dann, erzählt sie mir, auf ihn gestürzt; aber er stieß sie zurück, flüchtete sich ins Nachbarzimmer und schloß sogar die Tür hinter sich zu. Und dabei hatten wir, das sage ich Ihnen auf mein Gewissen, fast nichts mehr zu essen. Wir trugen eine Jacke weg, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie, und dann ging sie nach der Zeitung und annoncierte, daß sie in allen Wissenschaften und im Rechnen Vorbereitungsunterricht gibt: ›Wenigstens dreißig Kopeken werde ich doch für die Stunde bezahlt bekommen‹, sagte sie. Und in der letzten Zeit, Mütterchen, bin ich über sie geradezu entsetzt gewesen: sie redet kein Wort mit mir, sitzt stundenlang am Fenster und blickt auf das Dach des Hauses gegenüber; dann auf einmal schreit sie: ›Meinetwegen Wäsche waschen, meinetwegen Erde graben!‹ Immer nur so ein paar Worte stößt sie heraus und stampft dabei mit dem Fuß. Und wir haben hier gar keine Bekannten, niemand, an den wir uns wenden könnten: ›Was wird aus uns werden?‹ denke ich. Aber mit ihr zu reden, davor fürchtete ich mich immer. Einmal hatte sie am Tage ein Weilchen geschlafen, wachte auf, öffnete die Augen und sah mich an; ich sitze auf dem Koffer und sehe sie auch an; da stand sie schweigend auf, trat zu mir, umarmte mich ganz fest, und da konnten wir beide uns nicht mehr halten und fingen an zu weinen; wir sitzen da und weinen und lassen uns nicht aus den Armen. Es war das erstemal in ihrem ganzen Leben, daß sie sich so benahm. So sitzen wir beieinander, als Ihre Nastasja hereinkommt und sagt: ›Da ist eine Dame, die nach Ihnen fragt und Sie sprechen möchte.‹ Das war vor vier Tagen. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist sehr gut angezogen; sie spricht zwar Russisch, aber mit deutscher Färbung: ›Sie haben in der Zeitung annonciert‹, sagt sie, ›daß Sie Stunden geben?‹ Wir waren über diese ihre Frage so froh und glücklich und baten sie, Platz zu nehmen; sie lacht so freundlich: ›Zu mir sollen Sie nicht‹, sagt sie, ›aber meine Nichte hat kleine Kinder; wenn es Ihnen recht ist, so bemühen Sie sich bitte zu uns; da können wir dann alles besprechen.‹ Sie gab uns ihre Adresse: an der Wosnessenskij -Brücke, Nummer soundso, Wohnung Nummer soundso. Sie ging weg. Olga machte sich auf und lief noch an demselben Tag hin. Was meinen Sie, nach zwei Stunden kam sie zurück, verfiel in einen Weinkrampf und schlug mit den Armen um sich. Nachher erzählt sie mir: ›Ich fragte den Hausknecht: »Wo ist hier die Wohnung Nummer soundso?« Der Hausknecht‹, sagt sie, ›sah mich so an und fragte: »Was wollen Sie denn in der Wohnung?«‹ Er sagte das so sonderbar, daß sie schon da hätte stutzig werden können. Sie war aber von jeher so stolz und ungeduldig und konnte solche unpassenden Fragen gar nicht ausstehen. ›Na, gehen Sie da!‹ sagte er und wies mit dem Finger auf die Treppe; er selbst aber drehte sich um und ging in sein Kämmerchen. Und was meinen Sie? Sie geht hinein und erkundigt sich – da kommen gleich von allen Seiten Frauenzimmer herbeigelaufen! ›Treten Sie näher, treten Sie näher!‹ rufen sie, lauter geschminkte, garstige Frauenzimmer; sie lachen, stürzen auf sie zu, spielen Klavier und ziehen sie mit sich. ›Ich wollte von ihnen weg‹, sagt sie, ›aber sie ließen mich nicht los.‹ Da ergriff sie eine furchtbare Angst, die Beine versagten ihr den Dienst, aber die Frauenzimmer ließen sie nicht los, redeten freundlich auf sie ein, machten Bierflaschen auf, reichten ihr Bier und wollten sie zum Trinken nötigen. Da sprang sie auf und rief zitternd aus voller Kehle: ›Lassen Sie mich weg, lassen Sie mich weg!‹ Sie stürzte zur Tür, aber sie halten die Tür zu; sie schreit und schreit, da kommt die, die kurz vorher bei uns gewesen war, hinzugelaufen, schlägt meine Olga zweimal ins Gesicht, stößt sie zur Tür hinaus und sagt: ›Du bist nicht wert, du dumme Gans, in einem vornehmen Hause zu leben!‹ Und eine andere schreit ihr noch auf der Treppe nach: ›Du bist von selbst zu uns gekommen, um aufgenommen zu werden, weil du nichts zu essen hast; wir mögen eine solche Fratze gar nicht ansehen!‹ Die ganze Nacht lag sie im Fieber und phantasierte, und am andern Morgen funkeln ihr die Augen, sie steht auf und geht im Zimmer umher: ›Vor Gericht werde ich das Weib bringen‹, sagt sie, ›vor Gericht!‹ Ich schweige still und denke: ›Was wirst du beim Gericht erreichen? Womit willst du einen Beweis führen?‹ Sie geht hin und her, ringt die Hände, die Tränen laufen ihr über die Wangen; die Lippen aber preßte sie fest zusammen und bewegte sie nicht. Und ihr Gesicht hat sich von eben jenem Augenblick an verfinstert und blieb so bis zum Ende. Am dritten Tage wurde ihr etwas leichter zumute; sie schwieg, als hätte sie sich beruhigt. Und gerade an diesem Tag, um vier Uhr nachmittags, besuchte uns Herr Wersilow.

Und nun will ich geradeheraus sagen: ich kann es bis auf diesen Augenblick nicht begreifen, wie es zuging, daß damals Olga, die doch so mißtrauisch war, ihm beinah gleich vom ersten Wort an Vertrauen schenkte. Was uns am meisten an ihm gefiel, das war, daß er eine so ernste, ja strenge Miene hatte und ruhig, bedächtig und immer so höflich redete – was höflich, geradezu respektvoll redete er, und dabei war an ihm keine Spur von einer anderen Absicht zu bemerken: man sah ohne weiteres, daß da ein Mensch von reiner Gesinnung gekommen war. ›Ich habe‹, sagt er, ›Ihre Annonce in der Zeitung gelesen; Sie haben sie nicht richtig abgefaßt, Fräulein‹, sagt er, ›so daß Sie sich dadurch sogar schaden können.‹ Und er fing an, es ihr zu erklären; offen gestanden, ich habe es nicht begriffen, es war irgend etwas wegen dem Rechnen, aber ich sehe, daß Olga errötet, wie neu belebt ist, aufmerksam zuhört und sich eifrig mit ihm in ein Gespräch einläßt (er ist ja jedenfalls ein recht kluger Mensch!]; ich höre, daß sie sich sogar bei ihm bedankt. Er fragte sie ausführlich nach allem, und es war zu merken, daß er lange in Moskau gewohnt hatte, und auch die Direktrice des Gymnasiums kannte er, wie sich herausstellte, persönlich. ›Stunden werde ich Ihnen bestimmt verschaffen können‹, sagt er, ›denn ich bin hier mit vielen Leuten bekannt und kann mich sogar an viele einflußreiche Persönlichkeiten mit einer Bitte wenden; wenn Sie daher vielleicht lieber eine feste Stellung wünschen sollten, so können wir auch das ins Auge fassen ... zunächst aber‹, sagt er, ›verzeihen Sie mir eine offene Frage: kann ich Ihnen nicht jetzt gleich irgendwie nützlich sein? Nicht ich‹, sagt er, ›tue Ihnen, sondern Sie tun mir einen Gefallen damit, wenn Sie mir gestatten, Ihnen irgendeinen Dienst zu erweisen. Betrachten Sie es als ein Ihnen gegebenes Darlehen‹, sagt er, ›und sobald Sie eine Stelle bekommen haben, können Sie es mir gleich zurückgeben. Ich für meine Person – das können Sie mir auf mein Ehrenwort glauben –, ich würde, wenn ich später einmal selbst in solche Not geriete und umgekehrt Sie sich in guter Lebenslage befänden, ohne weiteres mit der Bitte um eine kleine Unterstützung zu Ihnen kommen und auch meine Frau und meine Tochter zu Ihnen schicken ...‹ Das heißt, ich erinnere mich nicht mehr an alle seine Worte; ich kann nur sagen, daß ich hier in Tränen ausbrach, denn ich sah, daß auch Olgas Lippen vor Dankbarkeit zuckten. ›Wenn ich es annehme‹, antwortet sie ihm, ›so tue ich es deshalb, weil ich zu einem ehrenhaften, humanen Mann, der mein Vater sein könnte, Vertrauen habe ...‹ Und so schön sagte sie das zu ihm, kurz und vornehm: ›Zu einem humanen Mann‹, sagt sie. Er stand sogleich auf: ›Bestimmt, ganz bestimmt‹, sagt er, ›werde ich Ihnen Stunden und eine Stelle verschaffen; gleich heute werde ich die Sache in Angriff nehmen, denn Sie besitzen ja ein dazu völlig ausreichendes Zeugnis.‹ Ja, ich habe vergessen zu sagen, daß er gleich zu Anfang, nachdem er hereingekommen war, alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium durchgesehen hatte; sie zeigte sie ihm, und er selbst examinierte sie in verschiedenen Gegenständen ... Olga sagte nachher zu mir: ›Siehst du wohl, er hat mich in vielen Fächern examiniert, Mamachen, und was ist er‹, sagt sie, ›für ein kluger Mann; mit einem geistig so hochstehenden, gebildeten Mann spricht man nur alle Jubeljahre einmal ...‹ Und dabei strahlt sie nur so über das ganze Gesicht. Das Geld, sechzig Rubel, liegt auf dem Tisch: ›Nehmen Sie es, Mamachen‹, sagt sie, ›wenn ich eine Stelle bekomme, so soll es unsere erste Pflicht sein, es so schnell wie möglich zurückzugeben; wir wollen ihm beweisen, daß wir ehrliche Menschen sind; daß wir Taktgefühl besitzen, das hat er schon gesehen.‹ Darauf schwieg sie ein Weilchen, und ich sehe, daß sie so tief atmet: ›Wissen Sie, Mamachen‹, sagt sie plötzlich zu mir, ›wenn wir taktlos wären, so hätten wir es vielleicht aus Stolz gar nicht angenommen, aber dadurch, daß wir es jetzt angenommen haben, haben wir ihm unser Taktgefühl bewiesen, daß wir ihm als einem achtbaren, schon älteren Mann Vertrauen schenken, nicht wahr?‹ Ich verstand sie zuerst nicht recht und sage: ›Warum sollten wir nicht von einem vornehmen, reichen Mann eine Wohltat annehmen, Olga, wenn er überdies ein gutes Herz hat?‹ Da machte sie ein finsteres Gesicht: ›Nein, Mamachen‹, sagt sie, ›das ist nicht richtig, nicht die Wohltat haben wir nötig, sondern seine Humanität‹, sagt sie, ›ist das Wertvolle. Das Geld aber hätten wir lieber überhaupt nicht nehmen sollen, Mamachen; wenn er versprochen hat, mir eine Stelle zu verschaffen, so ist auch das schon genug ... wenn wir auch noch so sehr Not leiden.‹ – ›Na, Olga‹, sage ich, ›unsere Not ist doch so groß, daß wir es gar nicht ablehnen konnten‹, und ich lächelte sogar dabei. Na, ich freute mich im stillen, aber nach einer Stunde sagt sie zu mir in festem Ton: ›Geben Sie das Geld vorläufig noch nicht aus, Mamachen!‹ – ›Warum nicht?‹ sage ich. – ›Ich will es nicht‹, antwortete sie, brach ab und verstummte. Den ganzen Abend über schwieg sie; erst in der Nacht zwischen eins und zwei wache ich auf und höre, daß Olga sich im Bette herumdreht. ›Schlafen Sie nicht, Mamachen?‹ – ›Nein‹, antworte ich, ›ich schlafe nicht.‹ – ›Wissen Sie‹, sagt sie, ›er hat mich doch beleidigen wollen.‹ – ›Was redest du, was redest du?‹ – ›Es ist bestimmt so‹, sagt sie, ›er ist ein gemeiner Mensch; keine Kopeke von seinem Geld dürfen Sie ausgeben!‹ Ich wollte ihr zureden und fing sogar in meinem Bett an zu weinen – aber sie drehte sich nach der Wand um: ›Schweigen Sie still‹, sagt sie, ›und lassen Sie mich schlafen!‹ Am Morgen sehe ich nach ihr hin; sie geht umher und sieht ganz entstellt aus; und ob Sie es mir nun glauben oder nicht, aber ich sage es, wie vor dem Gericht Gottes: sie hatte nicht mehr ihren Verstand! Gleich von der Zeit an, wo sie in diesem unanständigen Hause beleidigt worden war, war ihr Herz irre geworden ... und auch ihr Verstand. Ich sehe sie an diesem Morgen an und weiß gar nicht, was ich denken soll; es war mir unheimlich; ich denke: ›Ich will ihr mit keinem Wort widersprechen.‹ – ›Seine Adresse hat er uns nicht hiergelassen, Mamachen‹, sagt sie. – ›Schäme dich, Olga‹, sage ich, ›du hast ihn doch selbst gestern vertrauensvoll angehört und ihn dann selbst gelobt, und du warst nahe daran, vor Dankbarkeit Tränen zu vergießen.‹ Kaum hatte ich das gesagt, da kreischte sie auf und stampfte mit dem Fuße: ›Sie haben eine gemeine Denkweise‹, sagt sie, ›Sie sind noch in der alten Zeit aufgewachsen, in der Zeit der Leibeigenschaft!‹ – Und ich mochte sagen, was ich wollte, sie ergriff ihren Hut und lief hinaus, und ich rief ihr noch nach. ›Was hat sie nur?‹ denke ich, ›wo ist sie hingelaufen?‹ Sie war aber nach dem Adreßbüro gelaufen, hatte sich dort erkundigt, wo Herr Wersilow wohnt, und als sie zurückkam, sagte sie: ›Gleich heute bringe ich ihm sein Geld zurück und schleudere es ihm ins Gesicht; er hat mich ebenso beleidigen wollen wie Safronow‹ (das ist unser Kaufmann), ›nur hat mich Safronow wie ein grober Bauer beleidigt, und er wie ein hinterhältiger Jesuit.‹ Und da klopfte gerade unglücklicherweise dieser Herr von gestern bei uns an. ›Ich höre‹, sagt er, ›daß hier von Wersilow die Rede ist; über den kann ich Ihnen Auskunft geben.‹ Sowie sie den Namen Wersilow hörte, stürzte sie auch schon wie eine Rasende auf ihn los und redet und redet; ich sehe sie an und staune: sie war sonst immer so schweigsam gewesen und hatte mit niemandem so geredet, und nun redete sie so, und noch dazu mit einem ganz unbekannten Menschen! Die Wangen brannten ihr, und ihre Augen funkelten ... Er aber sagte auch noch: ›Sie haben ganz recht, mein Fräulein; Wersilow ist genau von derselben Sorte wie manche Generäle hier in Petersburg, von denen in den Zeitungen geschrieben steht; so ein General legt all seine Orden an und geht bei allen Gouvernanten umher, die sich in den Zeitungen anzeigen; so geht er herum und findet, was er wünscht; und wenn er an einer Stelle nicht findet, was er wünscht, so sitzt er ein Weilchen da und redet und macht die schönsten Versprechungen und geht wieder weg; so hat er sich doch wenigstens einen kleinen Spaß gemacht.‹ Olga lachte sogar auf, aber es klang so böse. Und ich sehe, wie dieser Herr ihre Hand erfaßt und an sein Herz zieht: ›Mein Fräulein‹, sagt er, ›ich besitze selbst eigenes Vermögen und könnte jeden Augenblick einem schönen Mädchen einen Antrag machen; aber lieber‹, sagt er, ›möchte ich vorher nur das allerliebste Händchen küssen ...‹, und ich sehe, wie er ihre Hand an die Lippen zieht, um sie zu küssen. Wie sprang sie da auf, und ich zugleich, und da haben wir ihn beide hinausgejagt. Gegen Abend nahm mir Olga das Geld weg und lief damit fort, und als sie wiederkommt, sagt sie: ›Ich habe mich an dem ehrlosen Menschen gerächt, Mamachen!‹ – ›Ach, Olga, Olga‹, sage ich, ›vielleicht haben wir unser Glück zerstört und du hast einen edlen, wohltätigen Menschen beleidigt!‹ Vor Ärger über sie fing ich an zu weinen, ich konnte mich nicht halten. Da schreit sie mich an: ›Ich will nicht, ich will nicht! Und wenn er der ehrenhafteste Mensch von der Welt ist, auch dann will ich kein Almosen von ihm! Auch daß mich jemand bemitleidet, auch das will ich nicht!‹ Ich legte mich schlafen und dachte weiter an nichts Schlimmes. Wie oft habe ich den Nagel in der Wand betrachtet, der von einem Spiegel da steckengeblieben ist – aber ich war ahnungslos, ganz ahnungslos; weder gestern noch früher ist mir so etwas in den Sinn gekommen, darauf bin ich nicht verfallen, und von Olga hätte ich das gar nicht erwartet. Ich habe gewöhnlich einen festen Schlaf, ich schnarche; das Blut strömt mir nach dem Kopf und beklemmt mir manchmal auch das Herz; dann schreie ich im Schlaf auf, so daß Olga mich schon mitunter in der Nacht geweckt und gesagt hat: ›Was ist nur mit Ihnen, Mamachen; wie fest Sie schlafen; man kann Sie ja gar nicht wachbekommen, wenn es nötig sein sollte.‹ – ›Ach ja, Olga‹, habe ich dann erwidert, ›ich schlafe sehr fest, sehr fest.‹ Jedenfalls hat sie nun gestern gewartet, bis ich anfing zu schnarchen, und ist dann unbesorgt aufgestanden. Und dieser lange Riemen vom Koffer hat sich immer so offen herumgetrieben, den ganzen Monat; noch gestern morgen habe ich gedacht: ›Ich muß ihn doch endlich wegräumen, damit er einem nicht im Weg liegt.‹ Und den Stuhl hat sie nachher jedenfalls mit dem Fuß weggestoßen und, damit er nicht polterte, an der Seite ihren Rock auf den Fußboden gelegt. Und ich bin gewiß erst lange, lange nachher, eine ganze Stunde oder noch länger nachher, aufgewacht. ›Olga!‹ rufe ich, ›Olga!‹ Es schoß mir gleich so etwas durch den Kopf, daß ich rief. Ob ich nun ihr Atmen vom Bett her nicht hörte oder am Ende trotz der Dunkelheit erkannte, daß das Bett leer war, kurz, ich stand plötzlich auf und fühlte mit der Hand hin: niemand war im Bett, und das Kissen war kalt. Da hörte mir fast das Herz auf zu schlagen; ich stand auf dem gleichen Fleck ohne Besinnung, mein Verstand wurde ganz wirr. ›Sie wird hinausgegangen sein‹, denke ich; ich ging am Bett einen Schritt weiter, und da sehe ich in der Ecke bei der Tür, als ob sie selbst da stände. Ich stehe da und schweige und blicke nach ihr hin, und es ist mir, als ob auch sie aus der Dunkelheit heraus mich ansieht, ohne sich aber zu rühren. ›Aber wozu ist sie nur auf den Stuhl gestiegen?‹ denke ich. – ›Olga‹, flüstere ich ganz ängstlich, ›Olga, hörst du?‹ Da auf einmal war mir's, als ob in meinem Innern alles hell wurde; ich tue ein paar Schritte vorwärts, strecke beide Arme nach vorn, gerade nach ihr hin und umfasse sie, aber sie schaukelt in meinen Armen; ich fasse fester zu, aber sie schaukelt wieder. Nun begriff ich alles und wollte es doch nicht begreifen ... Ich wollte schreien, bekam aber keinen Ton aus der Kehle ... ›Ach!‹ dachte ich; dann fiel ich lang auf den Fußboden, und nun fing ich an zu schreien ...«


»Wassin«, sagte ich am Morgen zwischen fünf und sechs Uhr, »wenn Ihr Stebelkow sich nicht eingemengt hätte, wäre das vielleicht nicht passiert.«

»Wer kann das wissen; es wäre wohl doch passiert. So kann man in diesem Fall nicht urteilen; es war sowieso schon alles dazu reif ... Allerdings, dieser Stebelkow ist manchmal ...«

Er sprach den Satz nicht zu Ende und runzelte sehr unangenehm die Stirn. Zwischen sechs und sieben fuhr er wieder weg; er hatte es übernommen, alles zu besorgen. Ich blieb endlich völlig allein zurück. Es war schon hell geworden. Im Kopf war mir ein wenig schwindlig. Wersilow stand mir vor Augen: die Erzählung dieser Frau hatte ihn mir in einem ganz anderen Lichte gezeigt. Um bequemer darüber nachzudenken, legte ich mich so, wie ich war, in Kleidern und Stiefeln, auf Wassins Bett, nur für einen Augenblick, ganz ohne die Absicht zu schlafen – und schlief auf einmal ein, ohne daß ich mich nachher hätte besinnen können, wie es zugegangen war. Ich schlief beinah vier Stunden; niemand weckte mich.

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