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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Der Leser denkt gewiß, ich hätte mich, als ich aus Jefims Wohnung herauskam, in der schrecklichsten Gemütsverfassung befunden, aber er irrt sich. Ich begriff sehr wohl, daß das nur ein Vorgang gewesen war, wie er zwischen Gymnasiasten nicht selten ist, daß aber der Ernst der Sache dadurch nicht berührt wurde. Meinen Kaffee trank ich erst auf der Wassilij-Insel; ich vermied absichtlich mein gestriges Restaurant auf der Petersburger Seite; dieses Restaurant und die Nachtigall waren mir doppelt verhaßt geworden. Ich besitze eine sonderbare Eigenheit: ich bin imstande, Orte und Gegenstände ebenso zu hassen, als wären sie Personen. Dafür habe ich in Petersburg auch einige glückliche Orte, das heißt solche, wo ich aus irgendeinem Grunde einmal glücklich gewesen bin, – und was tue ich? Ich spare mir diese Orte auf und vermeide sie absichtlich möglichst lange, um später, wenn ich ganz allein und unglücklich sein werde, hinzugehen, dort zu trauern und mich meinen Erinnerungen zu überlassen. Während des Kaffeetrinkens ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber schwerlich realistischer. Ein Realismus, der nicht über die eigene Nasenspitze hinausreicht, ist gefährlicher als die unverständigste Phantasterei, weil er blind ist. Aber obgleich ich Jefim alle Gerechtigkeit widerfahren ließ (er dachte wahrscheinlich in diesem Augenblick, ich ginge auf der Straße und schimpfte auf ihn), so gab ich darum doch nicht das geringste von meinen Überzeugungen preis, wie ich es auch heute nicht tue. Ich habe Menschen kennengelernt, die bei dem ersten Eimer kalten Wassers, den sie über den Kopf bekamen, nicht nur von ihren Unternehmungen, sondern auch von ihren Ideen zurücktraten und selbst über das zu lachen anfingen, was sie eine Stunde vorher für heilig gehalten hatten; oh, wie leicht geht ein solcher Meinungswechsel bei ihnen vor! Mochte auch Jefim sogar im Kern der -Sache mehr recht gehabt haben als ich und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und nur geschauspielert haben, so befand sich doch in der tiefsten Tiefe der Sache ein Punkt, in welchem auch ich recht hatte; in gewisser Hinsicht war die Gerechtigkeit auch auf meiner Seite, und vor allen Dingen war auf meiner Seite etwas, was diese Menschen niemals begreifen konnten.

Bei Wassin, an der Fontanka, bei der Semjonowskij-Brücke, war ich beinahe Punkt zwölf Uhr, traf ihn aber nicht zu Hause an. Seine Beschäftigung hatte er auf der Wassilij-Insel; nach Hause aber pflegte er zu genau festgesetzten Stunden zu kommen, unter anderm fast immer um zwölf. Da überdies noch irgendein Feiertag war, so hatte ich geglaubt, ich würde ihn bestimmt zu Hause finden; da dies aber nicht der Fall war, beschloß ich, auf ihn zu warten, obwohl ich zum erstenmal bei ihm war.

Meine Erwägungen waren folgende. Die Sache mit dem Brief über die Erbschaft war eine Gewissenssache, und wenn ich Wassin zum Richter erwählte, so bewies ich ihm eben dadurch die ganze Größe meiner Hochachtung, was ihm natürlich schmeicheln mußte. Selbstverständlich machte mir dieser Brief wirklich schwere Sorgen, und ich war in der Tat der Ansicht, daß die Entscheidung seitens eines unbeteiligten Dritten erforderlich sei; aber doch vermute ich, daß ich auch damals ohne jede fremde Hilfe mich hätte aus der Klemme ziehen können. Und die Hauptsache war: ich wußte das selbst; ich brauchte ja den Brief nur Wersilow einzuhändigen, dann konnte er tun, was er wollte, das war die Lösung der Frage. Selbst in einer solchen Sache als höchster Richter aufzutreten und die Entscheidung zu treffen, wäre sogar ganz falsch gewesen. Wenn ich durch die schweigende Einhändigung des Briefes für meine Person aus der Sache ausschied, so hatte ich schon allein dadurch sofort gewonnenes Spiel, daß ich mich auf einen Standpunkt stellte, der den Wersilowschen bedeutend überragte, denn indem ich, soweit es mich anging, auf alle Vorteile aus der Erbschaft verzichtete (da mir als dem Sohn Wersilows sicherlich etwas von diesem Geld zugefallen wäre, wenn nicht sogleich, so doch später), sicherte ich mir für das ganze Leben das Recht, Wersilows künftige Handlungen von einem höheren moralischen Gesichtspunkt aus zu beurteilen. Mir aber einen Vorwurf zu machen, als hätte ich die Fürsten zugrunde gerichtet, dazu würde auch wieder niemand berechtigt sein, da das Schriftstück keine entscheidende juristische Bedeutung hatte. Das alles überlegte ich mir und machte ich mir vollkommen klar, während ich in Wassins Abwesenheit in seinem Zimmer saß, und es kam mir sogar auf einmal der Gedanke in den Kopf, ich, der ich anscheinend so begierig war, mir von ihm Ratschläge für mein Verhalten geben zu lassen, wäre einzig und allein in der Absicht zu ihm gekommen, damit er sähe, was für ein edler, selbstloser Mensch ich selbst sei, und damit ich auf diese Weise die gestrige Selbsterniedrigung ihm gegenüber wieder quitt machte.

Als mir das alles zum Bewußtsein kam, empfand ich einen starken Ärger; trotzdem aber ging ich nicht fort, sondern blieb da, obgleich ich mit Sicherheit wußte, daß mein Ärger von Minute zu Minute wachsen würde.

Zunächst begann mir Wassins Zimmer sehr zu mißfallen. »Zeige mir dein Zimmer, und ich kenne deinen Charakter«, könnte man wirklich sagen. Wassin wohnte in einem möblierten Zimmer als Untermieter bei Leuten, die offenbar arm waren, aus dem Vermieten ein Geschäft machten und außer ihm noch andere Untermieter hatten. Ich kenne diese engen, nur notdürftig möblierten Zimmerchen, die doch komfortabel scheinen möchten; da steht regelmäßig ein gepolstertes Sofa vom Trödelmarkt, das von der Stelle zu rücken gefährlich ist, ferner ein Waschtisch und hinter einem Wandschirm ein eisernes Bett. Wassin war offenbar der beste, zuverlässigste Untermieter: einen solchen »besten« Untermieter hat unfehlbar jede Wirtin, und dafür wird er auch besonders gut behandelt: es wird bei ihm mit besonderer Sorgfalt ausgefegt und aufgeräumt, eine Lithographie über das Sofa gehängt, ein schwindsüchtiger kleiner Teppich unter den Tisch gelegt. Menschen, die diese muffige Sauberkeit und vor allem diesen respektvollen Diensteifer der Wirtinnen lieben, sind von vornherein verdächtig. Ich war überzeugt, daß Wassin selbst sich durch den Ruf, der beste Untermieter zu sein, geschmeichelt fühlte. Ich weiß nicht warum, aber der Anblick dieser beiden mit Büchern bepackten Tische versetzte mich allmählich in Wut. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß, alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung einer deutschen Wirtin und ihres Dienstmädchens zusammenfällt. Bücher waren in Menge vorhanden, und nicht etwa Zeitungen und Journale, sondern richtige Bücher, – und er las sie augenscheinlich und machte wahrscheinlich, wenn er sich zum Lesen hinsetzte oder sich anschickte zu schreiben, eine höchst wichtige, eifrige Miene. Ich weiß nicht, aber ich habe es lieber, wenn die Bücher unordentlich umhergeworfen sind; da sieht man wenigstens, daß ihr Besitzer aus der Beschäftigung mit ihnen nicht eine gottesdienstliche Handlung macht. Wahrscheinlich war dieser Wassin gegen einen Besucher außerordentlich höflich, aber gewiß sagte jede seiner Bewegungen zu dem Besucher: »Ich will also jetzt so ein, anderthalb Stunden mit dir zusammensitzen und reden, aber dann, wenn du gegangen sein wirst, werde ich mich wieder an meine Arbeit machen.« Sicherlich konnte man mit ihm ein höchst interessantes Gespräch führen und von ihm viel Neues hören, aber – »ich unterhalte mich jetzt mit dir und will schon dein lebhaftes Interesse erwecken, aber wenn du gegangen bist, dann werde ich Dinge vornehmen, die für mich interessanter sind ...« Und trotzdem ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Daß ich seines Rates eigentlich gar nicht bedurfte, davon war ich bereits endgültig überzeugt.

Ich saß schon ungefähr eine Stunde und länger, und zwar am Fenster auf einem der beiden dort stehenden Rohrstühle. Wütend machte mich auch der Umstand, daß die Zeit verging und ich mir noch vor dem Abend eine Wohnung suchen mußte. Ich wollte schon vor Langeweile ein Buch in die Hand nehmen, tat es aber doch nicht: bei dem bloßen Gedanken an eine Zerstreuung verdoppelte sich bei mir das Gefühl des Widerwillens. Über eine Stunde hatte schon die tiefe Stille gedauert, da vernahm ich plötzlich irgendwo ganz in der Nähe hinter der Tür, die durch das Sofa verstellt war, unwillkürlich ein allmählich immer lauter werdendes Geflüster. Es sprachen zwei Stimmen, offenbar Frauenstimmen, das war zu hören, aber die Worte zu verstehen war ganz unmöglich, trotzdem jedoch begann ich aus Langeweile hinzuhorchen. Es war klar, daß sie lebhaft und leidenschaftlich redeten und daß es sich nicht um Schnittmuster handelte. Sie suchten sich über etwas zu einigen oder stritten miteinander, oder die eine Stimme redete zu und bat, die andere aber wollte nicht darauf hören und widersprach. Jedenfalls waren es andere Untermieter. Bald wurde mir die Geschichte langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich zwar noch weiter hinhörte, aber nur mechanisch, und manchmal ganz vergaß, daß ich etwas hörte; da begab sich plötzlich etwas Ungewöhnliches: es klang, als sei jemand mit beiden Beinen von einem Stuhl herabgesprungen oder als sei er auf einmal von seinem Platz aufgesprungen und stampfe mit den Füßen. Dann ertönte ein Stöhnen und auf einmal ein Schreien, oder vielmehr nicht ein Schreien, sondern ein tierisches, wütendes Kreischen, als wäre es der betreffenden Person schon ganz gleichgültig, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte zur Tür und öffnete sie; gleichzeitig mit meiner Tür wurde auch eine andere Tür am Ende des Flurs geöffnet, die Tür der Wirtin, wie ich später erfuhr, und zwei neugierige Köpfe blickten heraus. Das Schreien verstummte jedoch sogleich wieder, und plötzlich öffnete sich die Tür der Nachbarinnen neben der meinigen, und eine, wie es mir schien, noch junge Frauensperson stürzte schnell heraus und lief die Treppe hinunter. Eine andere, ältere Frau wollte sie zurückhalten, aber es gelang ihr nicht, und sie stöhnte nur hinter ihr her:

»Olga, Olga, wo willst du hin? Ach mein Gott!«

Aber als sie unsere beiden Türen offen sah, machte sie die ihrige eilig wieder zu, ließ jedoch eine Ritze offenstehen und horchte durch diese hindurch nach der Treppe hin, bis die Schritte der hinunterlaufenden Olga ganz verstummt waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles war wieder still geworden. Ein bedeutungsloser, vielleicht auch lächerlicher Vorfall; ich hörte bald auf, an ihn zu denken.

Ungefähr eine Viertelstunde darauf erscholl auf dem Flur dicht vor Wassins Tür recht laut und ungezwungen eine Männerstimme. Jemand faßte die Türklinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem Flur einen hochgewachsenen Mann erkennen konnte, der offenbar auch mich erblickt hatte und mich sogar musterte, aber noch nicht ins Zimmer hereinkam, sondern sich, die Klinke in der Hand haltend, über den ganzen Flur hin mit der Wirtin unterhielt. Die Wirtin rief ihm lustig mit ihrer Diskantstimme ihre Antworten zurück, und es war schon an ihrem Ton zu hören, daß sie den Besucher bereits lange kannte, schätzte und verehrte, sowohl als soliden Gast wie als lustigen Herrn. Der lustige Herr rief ihr seine Scherze zu, aber es handelte sich nur darum, daß Wassin nicht zu Hause sei, daß er ihn nie antreffen könne, daß ihm das schon bei der Geburt so beschieden sei und daß er wieder wie das letztemal warten wolle; alles das schien die Wirtin für höchst witzig zu halten. Endlich kam der Gast herein und riß dabei die Tür sperrangelweit auf.

Es war ein Herr, der offenbar bei einem recht guten Schneider arbeiten ließ und daher gut, was man »herrschaftlich« nennt, gekleidet war, aber dabei hatte er doch absolut nichts Herrschaftliches in seiner Erscheinung, obwohl das entschieden sein Wunsch war. Wodurch er sich auszeichnete, das war nicht so sehr Ungezwungenheit als vielmehr eine natürliche Unverschämtheit, die aber doch weniger Beleidigendes hat als diejenige Unverschämtheit, die sich jemand vor dem Spiegel einübt. Sein dunkelblondes, leicht angegrautes Haar, die schwarzen Brauen, der große Bart und die großen Augen verliehen ihm nichts Charakteristisches, sondern gaben seiner Physiognomie vielmehr einen allgemein üblichen Ausdruck, wie man ihn bei sehr vielen Menschen findet. Ein solcher Mensch ist lachlustig und lacht, aber merkwürdigerweise wird man in seiner Gesellschaft nie vergnügt. Von der komischen Miene geht er schnell zu einer ernsten über, von der ernsten wieder zu einer spaßigen oder lustig zwinkernden, aber alles ohne Zusammenhang und Anlaß ... Übrigens hat es keinen rechten Sinn, ihn im voraus zu schildern. Ich habe diesen Herrn später weit genauer und näher kennengelernt, und daher schildere ich ihn jetzt unwillkürlich auf Grund eingehenderer Kenntnis, als ich sie damals hatte, wo er die Tür öffnete und ins Zimmer trat. Aber auch jetzt würde es mir schwerfallen, etwas Genaues und Bestimmtes über ihn zu sagen, weil das Hauptcharakteristikum dieser Menschen gerade der Mangel an Regelmäßigkeit, Konsequenz und Bestimmtheit ist.

Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir auf einmal der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß dies gewiß Wassins Stiefvater sei, ein gewisser Herr Stebelkow, über den ich schon etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich keineswegs sagen konnte, was es eigentlich gewesen war: ich erinnerte mich nur, daß es nichts Gutes gewesen war. Ich wußte, daß Wassin lange als Waise unter seiner Vormundschaft gestanden, sich aber schon längst von seinem Einfluß frei gemacht hatte, daß ihre Ziele und Interessen ganz verschieden waren und daß sie in jeder Hinsicht voneinander getrennt lebten. Ich erinnerte mich auch, daß dieser Stebelkow einiges Kapital besaß und ein Spekulant und Hans in allen Gassen war; kurz, ich hatte über ihn wohl schon allerlei Details gewußt, sie aber wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne mir eine Verbeugung zu machen, stellte seinen Zylinderhut auf den Sofatisch, den er mit dem Fuße energisch wegschob; dann setzte er sich nicht eigentlich, sondern flegelte sich geradezu auf das Sofa hin, auf das ich mich nicht zu setzen gewagt hatte, so daß es nur so krachte, streckte die Beine aus, hob die Spitze seines rechten Lackstiefels in die Höhe und begann sie wohlgefällig zu betrachten. Natürlich wandte er sich dann sogleich zu mir hin und maß mich mit seinen großen, etwas starren Augen.

»Ich treffe ihn nie zu Hause an!« sagte er und nickte mir flüchtig mit dem Kopf zu.

Ich schwieg.

»Er ist unpünktlich! Hat seine eigenen Ansichten über Geschäftsangelegenheiten. Von der Petersburger Seite?«

»Das heißt, Sie sind von der Petersburger Seite gekommen?« fragte ich zurück.

»Nein, das frage ich Sie.«

»Ich ... ich bin von der Petersburger Seite gekommen, aber wie haben Sie das erfahren?«

»Wie ich es erfahren habe? Hm! ...« Er zwinkerte mit den Augen, ließ sich aber nicht dazu herbei, mir eine Erklärung zu geben.

»Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, sondern war jetzt nur dort und bin von da hierhergekommen.«

Er fuhr fort, schweigend in einer bedeutsamen Weise zu lächeln; dieses Lächeln mißfiel mir außerordentlich. In diesem Zuzwinkern lag etwas Dummes.

»Bei Herrn Dergatschew?« sagte er endlich.

»Was ist bei Dergatschew?« fragte ich, die Augen aufreißend.

Er sah mich triumphierend an.

»Ich kenne ihn gar nicht.«

»Hm.«

»Wie es Ihnen beliebt!« antwortete ich.

Er wurde mir geradezu widerwärtig.

»Hm, ja. Nein, erlauben Sie; Sie kaufen in einem Laden eine Ware; in einem andern Laden nebenan kauft ein anderer Käufer eine andere Ware; was meinen Sie, was das für eine Ware ist? Sie kaufen Geld bei einem Kaufmann, den man einen Darleiher nennt ... denn das Geld ist ebenfalls eine Ware, und ein Darleiher ist ebenfalls ein Kaufmann ... Folgen Sie meiner Darlegung?«

»Meinetwegen, ich folge.«

»Ein dritter Käufer geht vorbei, zeigt auf den einen der beiden Läden und sagt: »Das ist ein gediegenes Geschäft«, und dann zeigt er auf den andern Laden und sagt: »Das ist kein gediegenes Geschäft.« Was kann ich daraus in bezug auf diesen Käufer für einen Schluß ziehen?«

»Wie soll ich das wissen?«

»Nein, erlauben Sie! Ich will Ihnen ein Beispiel anführen; es geht nichts über ein gutes Beispiel. Ich gehe auf dem Newskij Prospekt und bemerke, daß auf der anderen Seite der Straße auf dem Gehsteig ein Herr geht, über dessen Charakter ich gern Klarheit haben möchte. Wir gehen auf den gegenüberliegenden Seiten bis dicht an die Kreuzung mit der Morskaja-Straße, und gerade da, wo sich das Englische Magazin befindet, bemerken wir einen dritten Fußgänger, der soeben von einem Pferdefuhrwerk überfahren worden ist. Nun passen Sie einmal recht auf: es geht ein vierter Herr vorüber und wünscht über den Charakter von uns allen dreien, den Überfahrenen eingeschlossen, Klarheit zu haben, was praktische Tüchtigkeit und Gediegenheit anlangt ... Folgen Sie auch?«

»Entschuldigen Sie, nur mit großer Mühe.«

»Gut; das hatte ich mir auch gedacht. Ich wechsle jetzt das Thema. Ich bin in einem deutschen Badeort mit Mineralquellen; ich bin schon wiederholt dagewesen; wie der Ort heißt, das ist ganz egal. Ich gehe in dem Badeort umher und sehe Engländer. Mit einem Engländer läßt sich, wie Sie wissen, nur schwer Bekanntschaft anknüpfen; aber siehe da, nach zwei Monaten haben wir unsere Kur beendet und befinden uns alle in den Bergen; wir steigen in größerer Gesellschaft hinauf, mit spitzen Bergstöcken, auf irgendeinen Berg; wie er heißt, das ist ganz egal. An einem Kreuzweg, das heißt an einem Rastort, gerade da, wo die Mönche den Chartreuse fabrizieren (beachten Sie das wohl!), treffe ich einen Einheimischen, der allein dasteht und schweigend vor sich hin blickt. Ich möchte etwas über seine Solidität erfahren: was meinen Sie, könnte ich mich wohl um Auskunft an den Trupp Engländer wenden, mit dem ich zusammen gehe, einzig und allein deswegen, weil ich in dem Badeort nicht verstanden habe, mit ihnen ein Gespräch anzuknüpfen?«

»Wie soll ich das wissen? Entschuldigen Sie, es fällt mir sehr schwer, Ihnen zu folgen.«

»Es fällt Ihnen schwer?«

»Ja, Sie ermüden mich.«

»Hm.« Er zwinkerte mir zu und machte mit der Hand eine Bewegung, die wahrscheinlich zum Ausdruck bringen sollte, daß er sich als triumphierenden Sieger fühle; dann zog er sehr ernst und ruhig aus der Tasche eine Zeitung, die er offenbar erst gekauft hatte, faltete sie auseinander und begann die letzte Seite zu lesen; mich schien er nun vollständig in Ruhe lassen zu wollen. Etwa fünf Minuten lang sah er nicht nach mir hin.

»Brest-Grajewo sind ja nicht gefallen, was? Sie sind ja gestiegen, sie steigen ja! Ich kenne viele Leute, die dadurch hereingefallen sind.«

Er sah mich mit lebhaftem Interesse an.

»Ich verstehe vorläufig von diesen Börsengeschäften nur sehr wenig«, antwortete ich.

»Sie lehnen es ab?«

»Was?«

»Das Geld.«

»Nicht, daß ich Geld ablehnte, aber ... aber meines Erachtens muß zuerst eine Idee da sein, dann kommt auch das Geld.«

»Das heißt, erlauben Sie ... da ist zum Beispiel ein Mensch, der sozusagen ein eigenes Kapital besitzt ...«

»Zuerst muß eine höhere Idee da sein, dann kommt das Geld, aber ohne eine höhere Idee geht die menschliche Gesellschaft mitsamt dem Geld zugrunde.«

Ich weiß nicht, warum ich anfing, hitzig zu werden. Er sah mich in einer etwas stumpfsinnigen Weise an, als würde er nicht daraus klug, aber auf einmal überzog ein sehr vergnügtes, listiges Lächeln sein ganzes Gesicht.

»Aber Wersilow, wie ist's mit dem? Der hat's ja gekriegt, der hat's gekriegt! Gestern hat das Gericht es ihm zuerkannt, wie?«

Ich sah auf einmal zu meiner Überraschung, daß er schon längst wußte, wer ich war, und vielleicht auch sonst noch sehr vieles wußte. Ich verstehe nur nicht, warum ich plötzlich errötete und ihn höchst dumm anblickte, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Er triumphierte offenbar und schaute mich vergnügt an, als hätte er mich auf eine recht schlaue Weise ertappt und überführt.

»Nein«, sagte er und zog beide Augenbrauen in die Höhe, »wenn Sie etwas über Herrn Wersilow wissen wollen, so müssen Sie mich fragen! Was habe ich Ihnen jetzt eben über Gediegenheit gesagt? Vor anderthalb Jahren hätte er mit diesem kleinen Kind ein kolossales Geschäft machen können – jawohl, aber er griff es falsch an, jawohl.«

»Mit was für einem kleinen Kind?«

»Mit dem Säugling, den er jetzt heimlich aufzieht, aber er profitiert dadurch nichts ... denn ...«

»Was ist das für ein Säugling? Was heißt das?«

»Natürlich sein Kind, sein eigenes Kind, das ihm Mademoiselle Lidija Achmakowa geboren hat ... »Es hatte eine schöne Maid in Liebe mir ihr Herz geweiht« ... Phosphorzündhölzchen – wie?«

»Was ist das für dummes Zeug, was für ein Unsinn! Die Achmakowa hat nie ein Kind von ihm gehabt!«

»Oho! Als ob ich bei der Geschichte nicht dabeigewesen wäre! Ich bin ja doch Arzt und Geburtshelfer. Mein Name ist Stebelkow; haben Sie nicht von mir gehört? Praktiziert habe ich allerdings schon damals lange nicht mehr, aber einen praktischen Rat in einem praktischen Fall zu geben, dazu war ich imstande.«

»Sie sind Geburtshelfer ... haben Sie denn die Achmakowa entbunden?«

»Nein, ich habe bei der Achmakowa nichts gemacht. Es wohnte da in der Vorstadt ein Doktor Granz, der eine große Familie hatte; man bezahlte ihm einen halben Taler, das ist da so die Taxe bei den Ärzten, und außerdem kannte ihn niemand; der tat es denn an meiner Stelle ... Ich hatte ihn empfohlen, damit die Sache im Dunkel des Geheimnisses bliebe. Folgen Sie auch? Ich aber gab nur auf eine Frage Wersilows, auf eine Frage Andrej Petrowitschs, einen praktischen Rat; es war eine ganz geheime Frage, unter vier Augen. Aber Andrej Petrowitsch zog es vor, auf zwei Hasen Jagd zu machen.«

Ich hörte mit größtem Erstaunen zu.

»»Wer zwei Hasen zugleich jagt, bekommt keinen«, sagen die Leute oder richtiger die gewöhnlichen Leute. Ich aber sage so: Ausnahmen, die sich fortwährend wiederholen, verwandeln sich in eine allgemeine Regel. Er machte noch auf einen andern Hasen Jagd, das heißt, ins Russische übersetzt, noch auf eine andere Dame – und er erreichte gar nichts. Wenn man etwas gegriffen hat, dann muß man es auch festhalten. Wo schnelles Handeln nötig ist, da zaudert er. Wersilow ist ein »Weiberprophet«, so hat ihn der junge Fürst Sokolskij damals in meiner Gegenwart sehr hübsch charakterisiert. Nein, zu mir müssen Sie kommen! Wenn Sie viel über Wersilow erfahren wollen, dann müssen Sie zu mir kommen!«

Es machte ihm augenscheinlich das größte Vergnügen zu sehen, wie ich vor Erstaunen den Mund aufriß. Von einem Säugling hatte ich bisher noch nie etwas gehört. Und gerade in diesem Augenblick wurde bei den Nachbarinnen plötzlich die Tür heftig zugeschlagen, und es trat jemand schnell in ihr Zimmer.

»Wersilow wohnt im Semjonowskij Polk, in der Moshaiskaja-Straße, im Hause der Frau Litwinowa, Wohnung Nummer dreizehn; ich bin selbst auf dem Adreßbüro gewesen!« schrie eine Frauenstimme im Ton höchster Aufregung; wir konnten jedes Wort verstehen; Stebelkow zog die Augenbrauen in die Höhe und hob einen Finger über seinen Kopf.

»Wir reden hier von ihm, und da ist auch etwas mit ihm los ... Da haben wir die Ausnahmen, die sich fortwährend wiederholen! Quand on parle d'une corde ...«

Mit einem schnellen Sprung kniete er sich auf das Sofa und horchte an der Tür, an der es stand.

Auch ich war aufs äußerste überrascht. Ich sagte mir, daß das wahrscheinlich dasselbe junge weibliche Wesen sein mußte, das vorher in solcher Aufregung weggelaufen war. Aber in welcher Weise war Wersilow auch hierbei beteiligt? Auf einmal erscholl wieder ein ebensolches Kreischen wie vorher, das Kreischen eines vor Wut ganz sinnlos gewordenen Menschen, dem man etwas nicht gibt oder den man von etwas zurückhält. Der Unterschied gegen vorhin war nur der, daß das Geschrei und Gekreisch noch länger dauerte. Es war ein Kampf zu hören sowie hastig wiederholte Worte: »Ich will es nicht, ich will es nicht; geben Sie es wieder her, geben Sie es gleich wieder her!« oder so ähnlich – ich kann mich nicht genau darauf besinnen. Darauf lief ebenso wie vorher jemand eilig zur Tür und öffnete sie. Beide Nachbarinnen liefen auf den Flur hinaus; die eine suchte wie vorher offenbar die andere zurückzuhalten. Stebelkow, der schon längst vom Sofa heruntergesprungen war und mit Genuß lauschte, stürzte nur so zur Tür hin und rannte ganz ungeniert auf den Flur, gerade auf die Nachbarinnen los. Selbstverständlich lief ich ebenfalls zur Tür. Aber sein Erscheinen auf dem Flur wirkte wie ein Guß kalten Wassers: die Nachbarinnen verschwanden schleunigst wieder und schlugen die Tür geräuschvoll hinter sich zu. Stebelkow wollte ihnen nachstürzen, blieb jedoch stehen, hob einen Finger in die Höhe, lächelte und überlegte; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln einen außerordentlich häßlichen, hinterlistigen, boshaften Ausdruck. Als er die Wirtin erblickte, die wieder an ihrer Tür stand, lief er schnell auf Zehenspitzen den Flur entlang zu ihr; nachdem er dann ein paar Minuten mit ihr geflüstert und offenbar die gewünschte Auskunft erhalten hatte, kehrte er, nunmehr in würdevoller, entschlossener Haltung, in das Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen kurzen Blick in den Spiegel, strich sich das Haar in die Höhe und begab sich mit selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur noch anzusehen, zu den Nachbarinnen. Einen Augenblick lauschte er an der Tür, indem er das Ohr heranhielt und siegesgewiß über den Flur hin der Wirtin zublinzelte, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf schüttelte, als ob sie sagen wollte: ›Oh, Sie Schwerenöter, Sie Schwerenöter!‹. Endlich klopfte er mit einem Ausdruck von Entschiedenheit und höchstem Taktgefühl, wobei er sich vor Taktgefühl geradezu krümmte, mit den Fingerknöcheln bei den Nachbarinnen an. Eine Stimme rief:

»Wer ist da?«

»Möchten Sie mir nicht gestatten, in einer sehr wichtigen Angelegenheit einzutreten?« sagte Stebelkow laut und würdevoll.

Die Nachbarinnen zauderten, öffneten dann aber doch, anfangs nur ein klein wenig, etwa zu einem Viertel; aber Stebelkow faßte sofort mit kräftigem Griff die Klinke und verhinderte, daß die Tür wieder geschlossen würde. Es entspann sich ein Gespräch. Stebelkow sprach laut und suchte dabei immer mehr ins Zimmer einzudringen; ich erinnere mich nicht mehr der Worte, aber er sprach von Wersilow, er könne ihnen Mitteilungen machen, ihnen alles erklären: »Nein, wenn Sie etwas wissen wollen, dann müssen Sie mich fragen«, »nein, wenn Sie etwas wissen wollen, dann müssen Sie zu mir kommen« – in dieser Art. Sie ließen ihn sehr bald herein. Ich kehrte zu dem Sofa zurück und fing an zu horchen, aber ich konnte nicht alles verstehen, ich hörte nur, daß häufig der Name Wersilow vorkam. An dem Tonfall der Stimme erkannte ich, daß Stebelkow bereits das Gespräch beherrschte, daß er nicht mehr einschmeichelnd sprach, sondern herrisch und lässig, in der Art, wie er vorher zu mir gesagt hatte: »Folgen Sie auch?« »Nun passen Sie einmal recht auf!« und so weiter. Übrigens mußte er sich wohl alle Mühe geben; gegenüber den Frauenspersonen liebenswürdig zu sein. Schon zweimal war er in ein lautes Gelächter ausgebrochen, und sicherlich bei ganz unpassender Gelegenheit, denn zugleich mit seiner Stimme und manchmal sogar dieselbe übertönend, waren die beiden weiblichen Stimmen zu vernehmen, die durchaus keinen lustigen Klang hatten, am wenigsten die der jungen Frauensperson, derjenigen, die vorher so gekreischt hatte. Sie sprach viel, nervös und hastig; offenbar erhob sie gegen jemand irgendwelche Beschuldigung und Anklage und suchte Recht und Gericht. Aber Stebelkow gab nicht nach; er erhob seine Stimme immer lauter und lauter und lachte immer öfter und öfter; Menschen von diesem Schlage verstehen es nicht, andere anzuhören. Ich ging bald vom Sofa wieder weg, weil ich mich des Horchens zu schämen anfing, und setzte mich wieder auf meinen alten Platz am Fenster, auf den Rohrstuhl. Ich war davon überzeugt, daß Wassin von diesem Herrn überhaupt nichts hielt, daß er aber, wenn ich dieselbe Meinung ausspräche, sofort mit würdevollem Ernst für ihn eintreten und belehrend bemerken würde, das sei eben »ein Mann der Praxis, einer der jetzigen Geschäftsleute«, den dürfe man »nicht von unseren allgemeinen, abstrakten Gesichtspunkten aus beurteilen«. In diesem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich mich erinnere, seelisch ganz zerschlagen, das Herz klopfte mir heftig, und ich erwartete mit Bestimmtheit etwas Ungewöhnliches. Es vergingen ungefähr zehn Minuten, und auf einmal, mitten in einem schmetternden Gelächter Stebelkows, sprang jemand gerade wie vorher vom Stuhl auf, dann ertönte Geschrei der beiden Frauenspersonen; es war zu hören, daß auch Stebelkow aufsprang, daß er etwas in jetzt ganz anders klingendem Ton sagte, wie wenn er sich rechtfertigte und bäte, ihn zu Ende anzuhören. Aber sie hörten ihn nicht zu Ende an, sondern schrien zornig: »Hinaus! Sie sind ein Schurke, ein schamloser Mensch!« Kurz, es war klar, daß er hinausgeworfen wurde. Ich öffnete die Tür gerade in dem Augenblick, als er aus dem Zimmer der Nachbarinnen auf den Flur hinaussprang; es machte sogar den Eindruck, als ob sie ihn buchstäblich mit den Händen hinausstießen. Als er mich erblickte, schrie er auf einmal los, indem er auf mich zeigte:

»Da ist ein Sohn Wersilows! Wenn Sie mir nicht glauben, da ist ein Sohn von ihm, sein eigener Sohn! Bitte sehr!« Er packte mich ohne weiteres am Arm. »Das ist ein Sohn von ihm, sein leiblicher Sohn!« wiederholte er, indem er mich zu den Damen hinzog, ohne übrigens ein Wort der Erklärung für mich hinzuzufügen.

Die Junge stand auf dem Flur, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der Tür. Ich erinnere mich nur, daß dieses arme Mädchen ungefähr zwanzig Jahre alt, ganz hübsch, aber mager und von kränklichem Aussehen war; sie hatte rötliches Haar und im Gesicht eine ziemliche Ähnlichkeit mit meiner Schwester; dieser letztere Umstand fiel mir beim ersten flüchtigen Blick auf, und er ist in meinem Gedächtnis haftengeblieben; nur hat sich Lisa niemals in einer solchen zornigen Wut befunden – das war auch bei ihrem Charakter vollständig ausgeschlossen – wie das junge Mädchen, das vor mir stand: ihre Lippen waren weiß, die hellgrauen Augen funkelten, und sie zitterte am ganzen Leib vor Empörung. Ich erinnere mich auch noch, daß ich meine eigene Lage als recht dumm und unwürdig empfand, da ich absolut nicht wußte, was ich sagen sollte. Das verdankte ich diesem unverschämten Menschen!

»Was geht mich das an, daß er ein Sohn von ihm ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, so ist er ein Schurke. Wenn Sie ein Sohn Wersilows sind«, wandte sie sich plötzlich an mich, »so bestellen Sie Ihrem Vater von mir, daß er ein Schurke ist, ein gemeiner, schamloser Mensch, und daß ich sein Geld nicht will ... Da, da, da, geben Sie ihm dieses Geld zurück!«

Sie zog schnell einige Banknoten aus der Tasche, aber die Ältere (das heißt ihre Mutter, wie sich später herausstellte) faßte sie an der Hand.

»Olga, aber vielleicht ist es gar nicht wahr, vielleicht ist er gar nicht sein Sohn!«

Olga sah sie schnell an, überlegte einen Augenblick, warf mir einen verächtlichen Blick zu und wendete sich nach dem Zimmer zurück, aber bevor sie die Tür zuschlug, schrie sie, auf der Schwelle stehend, noch einmal wütend Stebelkow zu:

»Verschwinden Sie!«

Sie stampfte dabei sogar mit dem Fuß. Dann wurde die Tür zugeschlagen und von innen verschlossen. Stebelkow, der mich immer noch an der Schulter gefaßt hielt, hob einen Finger in die Höhe, zog den Mund zu einem langen, nachdenklichen Lächeln auseinander und richtete einen starken, fragenden Blick auf mich.

»Ich finde Ihr Benehmen mir gegenüber lächerlich und unwürdig«, murmelte ich entrüstet.

Aber er hörte gar nicht, was ich sagte, obgleich er mich unverwandt ansah.

»Das müßte man un-ter-su-chen!« sagte er nachdenklich.

»Aber wie konnten Sie sich erdreisten, mich hinzuzuziehen? Wer war das? Was war das für eine Frauensperson? Sie haben mich an der Schulter gefaßt und herangeholt; was soll das heißen?«

»Ach, hol's der Teufel! Das ist so ein Mädchen, dem die Unschuld geraubt ist ... eine sich ›oft wiederholende Ausnahme‹. Sie folgen doch?«

Er setzte mir den Finger auf die Brust.

»Ach, hol's der Teufel!« rief ich und stieß seinen Finger weg.

Aber plötzlich und ganz unerwartet begann er zu lachen, leise, unhörbar, lange und vergnügt. Endlich setzte er seinen Hut auf und bemerkte mit schnell verändertem, jetzt finster aussehendem Gesichtsausdruck und zusammengezogenen Brauen:

»Man müßte der Wirtin Mitteilung machen ... sie müßten hinausgesetzt werden, – das müßte geschehen, und zwar so schnell wie möglich, sonst werden sie hier noch ... Na, Sie werden sehen! Denken Sie an das, was ich gesagt habe; Sie werden sehen! Hol's der Teufel, ja!« fuhr er, auf einmal wieder heiter werdend, fort. »Sie wollen ja wohl auf Grischa warten?«

»Nein, ich werde nicht länger auf ihn warten«, antwortete ich in bestimmtem Ton.

»Na, es ist ja auch ganz egal ...«

Und ohne einen Laut weiter hinzuzufügen, wandte er sich um, ging hinaus und stieg die Treppe hinunter; auch die Wirtin, die offenbar Erklärungen und Mitteilungen von ihm erwartete, würdigte er keines Blickes. Ich nahm ebenfalls meinen Hut, bat die Wirtin, zu bestellen, daß ich, Dolgorukij, dagewesen sei, und lief die Treppe hinab.

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