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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Ich begreife nicht, warum mich damals auf einmal ein so schrecklicher Ingrimm überkam. Überhaupt erinnere ich mich mit großem Mißbehagen an die Heftigkeit, zu der ich mich bei diesem Zusammensein mehrmals hinreißen ließ; ich stand plötzlich vom Stuhl auf.

»Wissen Sie was«, sagte ich, »Sie sagten, Sie seien hauptsächlich hergekommen, damit meine Mutter denken möchte, wir hätten uns miteinander ausgesöhnt. Es ist nun genug Zeit vergangen, so daß sie das denken kann; ist es Ihnen also nicht gefällig, mich nun allein zu lassen?«

Er wurde ein wenig rot und erhob sich von seinem Platz.

»Mein Lieber, du bist gegen mich sehr unhöflich. Also auf Wiedersehen; mit Gewalt kann ich dich nicht liebenswürdig machen. Ich möchte mir nur eine Frage erlauben: willst du wirklich die Beziehungen zum Fürsten abbrechen?«

»Aha! Das wußte ich doch, daß Sie Ihre besondere Absicht hatten ...«

»Das heißt, du vermutest, ich sei hergekommen, um dich zu überreden, beim Fürsten zu bleiben, weil ich selbst davon Vorteil hätte. Aber, mein Freund, dann denkst du wohl am Ende auch, ich hätte dich aus Moskau herkommen lassen, weil ich dabei irgendwelchen Vorteil für mich selbst im Auge gehabt hätte? Oh, wie mißtrauisch bist du! Ich wünsche dir ganz im Gegenteil alles Gute. Und gerade jetzt, wo sich meine Vermögensverhältnisse so gebessert haben, würde ich wünschen, daß du wenigstens manchmal mir und deiner Mutter erlauben möchtest, dir behilflich zu sein.«

»Ich kann Sie nicht leiden, Wersilow.«

»Auch noch »Wersilow«! Übrigens, ich bedaure es sehr, daß ich dir nicht habe diesen Namen verleihen können, denn im Grunde besteht darin meine ganze Schuld, wenn eine solche überhaupt vorhanden ist, nicht wahr? Aber noch einmal: ich konnte doch eine verheiratete Frau nicht heiraten, das mußt du doch selbst sagen.«

»Das war wahrscheinlich der Grund, weshalb Sie eine Unverheiratete heiraten wollten.«

Ein leichtes Zucken lief über sein Gesicht hin.

»Du redest von Ems. Hör mal, Arkadij, du hast dir schon unten in Gegenwart deiner Mutter diesen selben Angriff erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen. So wisse denn, daß du gerade hierin arg vorbeigeschossen hast. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lidija Achmakowa weißt du geradezu nichts. Du weißt auch nicht, inwiefern deine Mutter selbst bei dieser Geschichte beteiligt gewesen ist, jawohl, obwohl sie damals nicht bei mir war; und wenn ich jemals eine herzensgute Frau gesehen habe, so war es damals deine Mutter. Aber genug davon, das alles ist vorläufig noch Geheimnis; du aber sprichst ohne eigene Kenntnis nur nach, was du von anderen gehört hast.«

»Der Fürst hat mir gerade heute gesagt, Sie seien ein Liebhaber halbflügger Mädchen.«

»Das hat der Fürst gesagt?«

»Ja, und hören Sie, wenn Sie wollen, werde ich Ihnen ganz genau sagen, weshalb Sie jetzt zu mir gekommen sind. Ich habe diese ganze Zeit dagesessen und mich gefragt, welches wohl der geheime Zweck dieses Besuches sein möge, und jetzt glaube ich es endlich erraten zu haben.«

Er war schon im Begriff hinauszugehen, blieb aber nun stehen und wandte mir erwartungsvoll das Gesicht zu.

»Vorhin habe ich beiläufig erwähnt, daß Touchards Brief an Tatjana Pawlowna, der unter Andronikows Papiere gekommen war, sich nach dessen Tod in Moskau in Marja Iwanownas Händen befunden habe. Ich sah, wie dabei plötzlich in Ihrem Gesicht etwas zuckte, und habe erst jetzt, als soeben noch einmal ein ganz ebensolches Zucken über Ihr Gesicht ging, den Grund erraten: es schoß Ihnen damals unten der Gedanke durch den Kopf, wenn sich ein Brief aus Andronikows Nachlaß in Marja Iwanownas Händen befindet, warum könne das nicht auch mit einem andern der Fall sein? Und Andronikow konnte doch viele wichtige Briefe hinterlassen haben, nicht wahr?«

»Und wenn ich jetzt zu dir kam, so wollte ich dich dazu bringen, daß du dich über irgend etwas verplappertest?«

»Das werden Sie selbst am besten wissen.«

Er wurde sehr blaß.

»Auf diese Vermutung bist du nicht allein verfallen; da spürt man die Einwirkung einer Frau. Und wieviel Haß in deinen Worten, in deiner unhöflichen Vermutung liegt!«

»Die Einwirkung einer Frau? Und diese Frau habe ich gerade heute gesehen! Sie wünschen vielleicht eben deswegen, daß ich beim Fürsten bleibe, damit Sie ihr nachspionieren können?«

»Ich sehe jedenfalls, daß du auf deinem neuen Wege reichlich weit gehst. Ist das am Ende »deine Idee«? Fahre so fort, mein Freund; du besitzt zweifellos Anlagen zum Detektiv. Wem ein Talent verliehen ist, der muß es zur höchsten Vollendung ausbilden.«

Er hielt inne, um Atem zu schöpfen.

»Nehmen Sie sich in acht, Wersilow, machen Sie mich nicht zu Ihrem Feind!«

»Mein Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen niemand aus, die behält jeder für sich. Und nun bitte ich dich, mir zu leuchten. Du bist zwar mein Feind, aber doch wohl nicht in dem Grade, daß du wünschen solltest, ich möchte mir das Genick brechen. Tiens, mon ami«, fuhr er fort, während er die Treppe hinunterstieg, »stelle dir vor, ich habe dich diesen ganzen Monat lang für einen guten Kerl gehalten. Du hast eine solche Begierde, einen solchen Durst zu leben, daß, wenn dir ein Leben von dreifacher Länge bewilligt würde, du auch daran noch nicht genug hättest: das steht dir auf dem Gesicht geschrieben; na, und solche Menschen sind meistens gute Kerle. Und nun sieh mal an, wie ich mich geirrt habe!«

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