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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

»Wir beide, deine Mutter und ich, haben diese ganzen zwanzig Jahre vollständig schweigend verlebt«, begann er sein Geplauder (es kam im höchsten Grade gekünstelt und unnatürlich heraus), »und alles, was bei uns geschah, ging schweigend vor sich. Der hauptsächlichste Charakterzug unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war die Schweigsamkeit. Ich glaube, wir haben uns sogar nicht ein einziges Mal miteinander gestritten. Allerdings bin ich oft fortgereist und habe sie allein gelassen, aber schließlich bin ich doch immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Nous revenons toujours, das ist eben eine fundamentale Eigenschaft der Männer, die aus ihrer Großmut entspringt. Wenn das eheliche Verhältnis nur von den Frauen abhinge, würde keine einzige Ehe Bestand haben. Demut, Nachgiebigkeit, Unterwürfigkeit und gleichzeitig Festigkeit, Kraft, richtige Kraft – das ist der Charakter deiner Mutter. Du sollst wissen, sie ist die beste von allen Frauen, die ich auf der Welt kennengelernt habe. Und daß sie Kraft besitzt – das kann ich bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie aufrecht erhielt. Handelt es sich, ich will nicht sagen um Überzeugungen, denn von eigentlichen Überzeugungen kann da keine Rede sein, sondern um das, was diese Leute für ihre Überzeugung halten und was ihnen folglich heilig ist, dann lassen sie sich geradezu auf die Folter spannen. Na, und das kannst du dir wohl selbst sagen: habe ich Ähnlichkeit mit einem Folterknecht? Das ist der Grund, weshalb ich es vorgezogen habe, zu allem zu schweigen; ich habe es nicht bloß deswegen getan, weil es bequemer ist, und ich muß gestehen, ich bereue es nicht. Auf diese Weise machte sich alles ganz von selbst, mit Wohlwollen und Humanität, so daß ich mir nicht einmal ein Verdienst zuschreibe. Ich bemerke beiläufig, in Klammern, daß ich Grund zu der Vermutung habe, daß sie an meine Humanität nie geglaubt und daher immer gezittert hat; aber trotz dieses Zitterns fügte sie sich doch keiner geistigen Einwirkung. Diese Leute verstehen das irgendwie, wir aber verstehen da manches nicht; und überhaupt verstehen sie es besser als unsereiner, mit ihren Angelegenheiten fertig zu werden. Sie vermögen es, in Lagen, die für sie ganz unnatürlich sind, auf ihre Art weiterzuleben und in ganz fremdartigen Lagen sie selbst zu bleiben. Wir verstehen das nicht so.«

»Wer sind diese Leute? Ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Das Volk, mein Freund; ich spreche vom Volk. Es hat seine große Lebenskraft und seinen historischen Weitblick in sittlicher und politischer Hinsicht bewiesen. Aber um auf unsern Gegenstand zurückzukommen, so möchte ich über deine Mutter bemerken, daß sie denn doch nicht immer schweigt, deine Mutter redet auch manchmal, aber sie redet so, daß man ohne weiteres sieht, daß man mit allem, was man vorher gesagt hat, nur seine Zeit verloren hat, und wenn man selbst fünf Jahre lang allmählich auf sie einzuwirken versucht hat. Außerdem sind ihre Erwiderungen höchst überraschend. Wieder sollst du wissen: ich nenne sie durchaus nicht dumm; im Gegenteil, sie besitzt in ihrer Art Verstand und sogar sehr bemerkenswerten Verstand; aber du glaubst vielleicht nicht an ihren Verstand ...«

»Warum nicht? Ich glaube nur nicht, daß Sie selbst an ihren Verstand wirklich und ohne Verstellung glauben.«

»Hm! Du hältst mich für eine Art Chamäleon? Mein Freund, ich erlaube dir ... als einem verwöhnten Sohn ein bißchen sehr viel ... aber mag es diesmal so bleiben.«

»Erzählen Sie mir etwas von meinem Vater, und, wenn Sie das können, die Wahrheit!«

»Über Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch gehörte, wie du schon weißt, zum Gutsgesinde und trachtete sozusagen nach einem gewissen Ruhm ...«

»Ich möchte wetten, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!«

»Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil, und wenn du willst, mich freut es sehr, daß du in der Stimmung bist, deinen Scharfsinn zu üben; ich versichere dir, daß ich mich gerade jetzt in einer höchst reuevollen Gemütsverfassung befinde und gerade jetzt, in diesem Augenblick, vielleicht zum tausendsten Mal machtlos all das bedaure, was vor zwanzig Jahren geschehen ist. Gott weiß, daß sich alles damals im höchsten Grad zufällig ereignete ... nun, und dann auch so human, wie es nur in meiner Macht lag; wenigstens wie ich mir damals eine Handlung der Humanität vorstellte. Oh, wir brannten damals alle vor Eifer, Gutes zu tun, dem Gemeinwohl, der höchsten Idee zu dienen, wir verwarfen die Rangstufen, die Vorrechte unserer Geburt, die Stellung des Gutsherrn und sogar die Hypothekenbank; wenigstens taten das manche von uns ... Mein Ehrenwort darauf. Wir waren nicht viele, aber wir redeten gut und, ich versichere es dir, handelten sogar manchmal gut.«

»Zum Beispiel damals, als Sie an seiner Schulter schluchzten?«

»Mein Freund, ich bin mit dir im voraus in allen Stücken einer Meinung; übrigens, das von der Schulter hast du von mir selbst gehört; du mißbrauchst also in diesem Augenblick meine eigene Offenherzigkeit und Vertraulichkeit; aber du mußt doch selbst zugeben, daß diese Schultergeschichte wirklich nicht so schlecht war, wie sie auf den ersten Blick scheint, namentlich für jene Zeit; wir hatten ja damals eben erst angefangen. Natürlich schauspielerte ich, aber ich wußte ja damals noch nicht, daß ich schauspielerte. Schauspielerst du zum Beispiel niemals in Fällen, wo es praktisch ist?«

»Ich bin vorhin unten ein bißchen zu gefühlvoll gewesen, und als ich hier nach oben kam, schämte ich mich sehr bei dem Gedanken, Sie könnten denken, daß ich geschauspielert hätte. Das ist richtig, daß man sich manchmal trotz aller Aufrichtigkeit des Gefühls doch verstellt; aber vorhin unten war mein Benehmen durchaus natürlich, das kann ich beschwören.«

»Genauso ist es; du hast es mit wenigen Worten sehr treffend ausgedrückt: Trotz aller Aufrichtigkeit des Gefühls verstellt man sich doch«; nun, ganz ebenso ging es auch mir: ich verstellte mich zwar, aber mein Schluchzen war vollkommen aufrichtig. Ich bestreite nicht, daß Makar Iwanowitsch diese Schultergeschichte noch als eine Steigerung des Hohnes hätte auffassen können, wenn er scharfsinniger gewesen wäre; aber seine Ehrlichkeit ließ ihn damals nicht scharfblickend sein. Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals leid tat; ich erinnere mich aber, daß ich damals sehr wünschte, ihm leid zu tun.«

»Wissen Sie«, unterbrach ich ihn, »auch jetzt, während Sie das sagen, spotten Sie. Und überhaupt haben Sie die ganze Zeit, diesen ganzen Monat, wenn Sie mit mir gesprochen haben, immer gespottet. Warum haben Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?«

»Glaubst du das?« antwortete er in sanftem Ton. »Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, auch wenn ich wirklich spotte, so spotte ich nicht über dich oder wenigstens nicht über dich allein; da kannst du beruhigt sein. Aber ich spotte jetzt nicht, und damals – kurz, ich habe damals alles getan, was ich konnte, und glaube mir, ohne Rücksicht auf meinen Vorteil. Wir, das heißt die Vornehmeren im Gegensatz zum Volk, verstanden damals gar nicht, zu unserm Vorteil zu handeln; im Gegenteil, wir fügten uns selbst soviel Schaden wie möglich zu, und ich vermute, daß wir das damals für einen ›höheren, eigenen Vorteil‹ hielten, natürlich im höheren Sinn. Die jetzige Generation der progressiven Menschen ist unvergleichlich raffgieriger, als wir es waren. Ich teilte damals, noch ehe wir die Sünde begingen, Makar Iwanowitsch alles mit der größten Offenherzigkeit mit. Ich gebe jetzt zu, daß ich ihm vieles davon überhaupt nicht hätte mitteilen sollen, und am wenigsten mit solcher Offenherzigkeit: ganz zu schweigen von der Humanität, wäre es sogar höflicher gewesen; aber probier's mal und halte plötzlich inne, wenn du so recht ins Tanzen hineingekommen bist und gerade noch einen schönen Pas machen möchtest! Aber vielleicht sind die Forderungen, die das Schöne und das Edle an uns stellen, wirklich gerade von dieser Art; ich habe mein ganzes Leben lang darüber nicht ins klare kommen können. Indes ist das ein zu tiefsinniges Thema für unser oberflächliches Gespräch, aber ich versichere dir, daß ich mich noch jetzt bei der Erinnerung manchmal halbtot schäme. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an, und ich erinnere mich, daß er immerzu schwieg und ich allein redete. Denke dir, ich hatte die Vorstellung, daß er sich vor mir fürchte, das heißt vor meinem Recht als Gutsherr gegenüber dem Leibeigenen, und ich erinnere mich, daß ich mich aus aller Kraft bemühte, ihn zu ermutigen; ich redete ihm zu, er möchte ohne jede Besorgnis alle seine Wünsche aussprechen und auch freimütig Kritik üben. Als Bürgschaft gab ich ihm mein Wort, wenn er auf meine Bedingungen nicht eingehen wolle – das heißt dreitausend Rubel, Freilassung (für ihn und seine Frau selbstverständlich) und Wegziehen in die weite Welt (ohne die Frau selbstverständlich)–, dann möge er es offen sagen, und ich würde ihn sofort freilassen, ihm seine Frau zurückschicken, ihnen beiden eine Entschädigung zahlen – wohl eben jene dreitausend Rubel –, und dann sollten nicht sie von mir irgendwohin wegziehen, sondern ich selbst würde von ihnen auf drei Jahre wegreisen und ganz allein nach Italien gehen. Mon ami, Mademoiselle Saposhkowa hätte ich nicht nach Italien mitgenommen, da kannst du sicher sein: meine Gefühle waren in jenen Augenblicken überaus rein. Und was geschah? Dieser Makar begriff sehr wohl, daß ich meine Versprechungen erfüllen würde, aber er schwieg weiter, und erst als ich schon zum drittenmal ansetzte, wich er zurück, wehrte mit der Hand ab und verließ das Zimmer, und zwar – ich versichere dir – in einer formlosen Manier, die mich damals geradezu in Erstaunen versetzte. Ich sah mich damals flüchtig im Spiegel und kann meinen Gesichtsausdruck nicht vergessen. Überhaupt, wenn solche Leute schweigen, so ist das das allerschlimmste; dieser Mann aber hatte einen finsteren Charakter, und ich muß gestehen, als ich ihn in mein Zimmer rufen ließ, hegte ich nicht nur Mißtrauen gegen ihn, sondern fürchtete mich sogar vor ihm gewaltig: in dieser Volksschicht gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen eine Personifikation der Unmanierlichkeit darstellen, und davor fürchtet man sich mehr als vor dem Durchgeprügelt werden. Sic. Und wie riskant war die Geschichte für mich, wie riskant! Wenn er es nun über den ganzen Hof ausgeschrien, ausgebrüllt hätte, dieser ländliche Uria – na, was wäre dann aus mir geworden, so einem kleinen David, und was hätte ich dann tun können? Aus diesem Grund brachte ich zuallererst die dreitausend Rubel in Aktion; das tat ich ganz instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück geirrt: dieser Makar Iwanowitsch war eine ganz andere Art von Mensch ...«

»Sagen Sie, war denn die Sünde damals schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten den Mann noch vor Begehung der Sünde rufen lassen?«

»Das heißt, siehst du, das ist so zu verstehen ...«

»Also sie war begangen. Sie sagten soeben, Sie hätten sich in ihm geirrt; er sei eine ganz andere Art von Mensch gewesen; was denn für eine?«

»Ja, was er eigentlich für ein Mensch war, das weiß ich bis heute noch nicht. Aber eine andere Art von Mensch war er und, weißt du, sogar ein sehr anständiger Mensch; ich schließe das daraus, daß ich mich zuletzt dreimal so sehr vor ihm schämte als anfangs. Gleich am nächsten Tag erklärte er sich ohne viele Worte bereit, wegzuziehen; selbstverständlich vergaß er dabei keine der ihm angebotenen Entschädigungen.«

»Er hat das Geld angenommen?«

»Und wie! Weißt du, mein Freund, er hat mich in diesem Punkt sogar in Erstaunen versetzt. Dreitausend Rubel hatte ich damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich brachte siebenhundert zusammen und händigte sie ihm als erste Rate ein, und was tat er? Er verlangte von mir über die übrigen zweitausenddreihundert Rubel einen Schuldschein, zur Sicherheit mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Dann nach zwei Jahren trieb er auf Grund dieses Schuldscheins das Geld von mir auf gerichtlichem Wege ein, mitsamt den Zinsen, so daß er mich wieder in Erstaunen versetzte, um so mehr, als er beim Umherziehen milde Gaben zum Bau einer Kirche sammelte, wie er denn seitdem nun schon zwanzig Jahre umherwandert. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld nötig hat ... Geld ist doch eine so weltliche Sache ... Ich hatte es ihm in jenem Augenblick allerdings aufrichtig und sozusagen in der ersten Hitze angeboten, aber dann, im Verlauf so langer Zeit, hatte ich mir die Sache natürlich überlegt ... und rechnete darauf, daß er wenigstens Nachsicht mit mir haben würde ... oder sozusagen mit uns, mit mir und ihr, daß er sich wenigstens gedulden würde. Aber er geduldete sich nicht einmal ...«

(Ich füge hier eine notwendige Zwischenbemerkung ein: wäre der Fall eingetreten, daß meine Mutter Herrn Wersilow überlebt hätte, so wäre sie buchstäblich ohne einen Groschen für ihre alten Tage zurückgeblieben, wenn sie nicht diese dreitausend Rubel von Makar Iwanowitsch gehabt hätte, die sich durch die Zinsen längst verdoppelt hatten und die er ihr völlig unangerührt bis auf den letzten Rubel im vorigen Jahr testamentarisch hinterlassen hat. Er hatte Wersilow schon damals richtig beurteilt.)

»Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch sei mehrmals zu Ihnen zu Besuch gekommen und immer in Mamas Wohnung eingekehrt?«

»Ja, mein Freund, und ich muß gestehen, daß ich anfangs vor diesen Besuchen große Angst hatte. In dieser ganzen Zeit von zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs- oder siebenmal gekommen, und die ersten Male habe ich, wenn ich zu Hause war, mich versteckt gehalten. Ich begriff anfangs nicht einmal, was das zu bedeuten hatte und warum er sich zeigte. Aber nachdem ich dann ordentlich nachgedacht hatte, schien es mir, daß das von seiner Seite gar nicht so dumm war. Und bei einer späteren Gelegenheit überkam mich eine gewisse Neugier, und ich ging ihn mir ansehen, und ich versichere dir, ich gewann von ihm einen höchst eigenartigen Eindruck. Das war, als er schon zum dritten- oder viertenmal kam, gerade zu der Zeit, wo ich Friedensrichter geworden war und mich natürlich mit dem größten Eifer daranmachte, Rußland zu studieren. Ich hörte von ihm sogar außerordentlich viel Neues. Außerdem fand ich bei ihm gerade etwas, was ich in keiner Weise zu finden erwartet hatte: Herzensgüte, Gleichmut und, was das Erstaunlichste war, beinahe eine gewisse Heiterkeit. Er erlaubte sich nicht die geringste Anspielung darauf (tu comprends) und besaß im höchsten Grade die Fähigkeit, über geschäftliche Dinge zu sprechen und gut zu sprechen, das heißt ohne den bei solchen Leuten häufigen bäuerischen Tiefsinn, den ich, wie ich dir bekennen muß, trotz all meiner demokratischen Gesinnung nicht leiden kann, und ohne all diese forcierten Russizismen, mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne die ›echten Russen‹ zu sprechen pflegen. Dabei redete er sehr wenig von Religion, wenn man nicht selbst das Gespräch darauf brachte, und er erzählte sogar, wenn man selbst ein Interesse dafür bekundete, Geschichten über die Klöster und das Klosterleben, die in ihrer Art allerliebst waren. Die Hauptsache aber war seine achtungsvolle Gesinnung, diese bescheidene, achtungsvolle Gesinnung, die zur Gleichheit im höheren Sinne unumgänglich notwendig ist, ja ohne die man meiner Ansicht nach auch keinen Vorrang vor andern erlangen kann. Gerade durch das Fehlen auch nur des geringsten Eigendünkels wird die Vornehmheit im höheren Sinne erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich, ohne zu zweifeln, seines eigenen Wertes bewußt ist, welche Stellung auch immer das Schicksal ihm angewiesen hat. Diese Fähigkeit, gerade in seiner eigenen Lage sich seines Wertes bewußt zu sein, ist auf der Welt außerordentlich selten, wenigstens ebenso selten wie die wahre eigene Würde ... Das wirst du selber erkennen, wenn du länger lebst. Aber am meisten überraschte mich, allerdings erst später, nicht gleich zu Anfang«, fügte Wersilow hinzu, »der Umstand, daß dieser Makar außerordentlich wohlgestaltet und, ich versichere dir, außerordentlich hübsch war. Freilich war er schon alt, aber

»Gebräunt, von hohem Wuchs, gerade«,

schlicht und würdevoll; ich wunderte mich sogar über meine arme Sofja, daß sie mich damals ihm hatte vorziehen können; er war fünfzig Jahre alt, aber immer noch frisch und kräftig, und ich war gegen ihn nur ein windiges Bürschchen. Übrigens war er, wie ich mich erinnere, auch damals schon auffällig grau, muß sie also auch mit demselben grauen Haar geheiratet haben ... Vielleicht hat das dabei mitgewirkt.«

Dieser Wersilow hatte eine sehr häßliche, dem höheren Ton entlehnte Manier an sich: er äußerte manchmal (wenn es nicht anders ging) ein paar recht verständige, hübsche Gedanken, schloß dann aber plötzlich absichtlich mit einer Dummheit von der Art dieser Vermutung über die Wirkung, welche Makar Iwanowitschs graues Haar auf meine Mutter ausgeübt habe. Er tat das absichtlich und wahrscheinlich, ohne zu wissen warum, aus einer recht dummen gesellschaftlichen Gewohnheit. Wenn man ihm zuhörte, konnte man glauben, er spräche in vollem Ernst, und dabei spottete er innerlich nur oder machte sich lustig.

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