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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Siebentes Kapitel

I

Ich schildere alle diese Szenen, ohne mich selbst zu schonen, um mir alles klar ins Gedächtnis zurückzurufen und mir jene Empfindungen wieder lebendig zu machen. Als ich nach oben in mein Zimmerchen kam, wußte ich gar nicht, ob ich mich schämen oder wie nach Erfüllung einer Pflicht triumphieren sollte. Wenn ich auch nur ein bißchen erfahrener gewesen wäre, so hätte ich mir gesagt, daß der geringste Zweifel in einer derartigen Sache den Ausschlag nach der schlechten Seite hin gibt. Aber ein anderer Umstand machte mich irre: ich begreife zwar nicht, worüber ich mich freute; ich freute mich aber in der Tat gewaltig, obwohl ich zweifelte oder vielmehr deutlich einsah, daß ich mich unten blamiert hatte. Sogar daß Tatjana Pawlowna mich so arg ausgeschimpft hatte – erschien mir nur komisch und amüsant, ohne mich irgendwie ärgerlich zu machen. Wahrscheinlich kam das alles daher, daß ich nun doch die Kette zerrissen hatte und mich zum erstenmal frei fühlte.

Ich fühlte auch, daß ich meine Situation verdorben hatte: es war mir jetzt noch viel dunkler, wie ich mich hinsichtlich des Briefes über die Erbschaft zu verhalten hätte. Jetzt würde man bestimmt glauben, ich wolle mich an Wersilow rächen. Aber schon unten, während all dieser Wortgefechte, hatte ich mir vorgenommen, die Angelegenheit mit dem Brief über die Erbschaft einem Schiedsrichter vorzulegen und mich zu diesem Zweck an Wassin zu wenden und, wenn es mir mit Wassin nicht glückte, noch wieder an jemand anders; ich wußte auch schon, an wen. »Ein einziges Mal, nur zu diesem Zweck, will ich zu Wassin hingehen«, dachte ich bei mir, »dann aber, dann will ich für alle auf lange Zeit verschwinden, auf mehrere Monate, und für Wassin sogar ganz besonders; nur mit meiner Mutter und mit meiner Schwester werde ich vielleicht ab und zu zusammenkommen.« Mein ganzes Verhalten war nicht in Ordnung; ich fühlte, daß ich etwas getan hatte, es aber nicht so getan hatte, wie es richtig gewesen wäre, und – und ich war dennoch zufrieden; ich wiederhole: ich freute mich dennoch über irgend etwas.

Ich beabsichtigte, mich früh schlafen zu legen, da ich vorhersah, daß ich am nächsten Tag viel Lauferei haben würde. Abgesehen von dem Mieten einer Wohnung und dem Umzug hatte ich noch mehrere Entschlüsse gefaßt, die ich auf die eine oder andere Weise auszuführen beabsichtigte. Aber der Abend sollte nicht ohne ein merkwürdiges Ereignis zu Ende gehen, und Wersilow verstand es, mich in das größte Erstaunen zu versetzen. Er war noch nie in mein Giebelstübchen gekommen, und plötzlich – ich war noch nicht eine Stunde oben – hörte ich seine Schritte auf der Treppe: er rief mich, ich möchte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze hinaus, streckte ihm nach unten die Hand entgegen, die er ergriff, und half ihm beim Heraufsteigen.

»Merci, mein Freund«, sagte er, »ich bin noch nie hier heraufgekommen, nicht einmal als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte schon, was das hier für ein Zimmer sein würde, aber eine solche Hundehütte hatte ich mir denn doch nicht vorgestellt.« Er stellte sich in die Mitte meines Stübchens und sah sich neugierig um. »Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg.«

In der Tat hatte das Zimmer einige Ähnlichkeit mit dem Innern eines Sarges; und ich war sogar überrascht, wie richtig er es mit einem einzigen Wort charakterisiert hatte. Es war ein enges, schmales Kämmerchen; in der Höhe meiner Schulter, nicht höher, begann der Winkel, den die Wand und das Dach miteinander bildeten, den obersten Teil des Daches konnte ich mit der Hand berühren. Wersilow hielt sich im ersten Augenblick unwillkürlich gebückt, aus Furcht, mit dem Kopf gegen die Wand zu stoßen; er stieß indessen nicht daran und setzte sich schließlich ganz ruhig auf mein Sofa, auf dem bereits mein Bett zurechtgemacht war. Was mich anlangt, so setzte ich mich nicht hin und blickte ihn höchst verwundert an.

»Deine Mutter sagt«, begann er, »sie habe nicht gewußt, ob sie von dir das Geld annehmen solle, das du ihr vorhin für deinen einmonatigen Unterhalt angeboten hast. Im Hinblick auf einen solchen Sarg können wir das Geld nicht nehmen; vielmehr müßtest du eigentlich von uns noch etwas herausbekommen! Ich bin niemals hiergewesen und ... kann mir gar nicht vorstellen, daß hier jemand wohnen kann.«

»Ich habe mich daran gewöhnt. Aber Sie hier bei mir zu sehen, daran kann ich mich nach alledem, was unten vorgegangen ist, absolut nicht gewöhnen.«

»Nun ja, du warst unten reichlich grob, aber ... ich habe jedenfalls meine besonderen Absichten, die ich dir auch erklären werde, obwohl übrigens an meinem Kommen nichts Ungewöhnliches zu finden ist; selbst das, was sich unten zugetragen hat, liegt ebenfalls durchaus in der natürlichen Entwicklung der Dinge. Aber ich bitte dich um alles in der Welt, erkläre mir nur eines: war denn das, was du da unten erzählt und worauf du uns so feierlich vorbereitet hast und was du dann mit solchem Aplomb in Angriff nahmst, war denn das wirklich alles, was du uns zu entdecken oder mitzuteilen beabsichtigtest, und hättest du weiter gar nichts zu sagen?«

»Es war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.«

»Das war herzlich wenig, mein Freund. Ich muß gestehen, nach deinen vorhergehenden Anstalten zu urteilen, und wie du uns zum Lachen auffordertest, kurz gesagt, wenn ich bedenke, was du für große Lust hattest, zu erzählen, – da hatte ich doch mehr erwartet.«

»Sollte Ihnen das nicht ganz gleichgültig sein?«

»Was mich zu dieser Bemerkung veranlaßt, ist auch eigentlich nur mein Gefühl für das rechte Maß: die Sache war nicht ein solches Geprassel wert, und es wurde dadurch das richtige Größenverhältnis zerstört. Einen ganzen Monat lang hast du geschwiegen und Kraft gesammelt, und was dann auf einmal zutage kommt, ist nicht der Rede wert.«

»Ich wollte noch vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich auch nur dies erzählt habe. Nicht alles kann man mit Worten erzählen, und manches erzählt man am besten nie. Ich meinerseits habe übrigens genug gesagt, aber Sie haben es ja nicht verstanden.«

»Ah, also auch du leidest manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht recht in Worte kleiden lassen will! Das ist ein edles Leiden, mein Freund, das nur Auserwählten beschieden ist; ein Dummkopf ist immer mit dem, was er gesagt hat, zufrieden und spricht zudem immer mehr, als nötig ist, sozusagen auf Vorrat.«

»So wie zum Beispiel ich unten; ich habe auch mehr gesprochen, als nötig war: ich verlangte ›den ganzen Wersilow‹; das war weit mehr, als nötig war; ich habe Wersilow überhaupt nicht nötig.«

»Mein Freund, du möchtest, wie ich sehe, das, was du unten verloren hast, wieder einbringen. Du bereust offenbar dein Vorgehen, und da bereuen bei uns soviel bedeutet wie sofort von neuem über den Gegner herfallen, so möchtest du nicht zum zweitenmal einen Fehlangriff auf mich machen. Ich bin zu früh hergekommen; du hast dich noch nicht abgekühlt und kannst überdies keine Kritik vertragen. Aber um Himmels willen, setz dich doch; ich bin hergekommen, um dir etwas mitzuteilen; danke, so ist's recht. Nach dem, was du unten beim Fortgehen zu deiner Mutter gesagt hast, ist es nur zu deutlich, daß wir jedenfalls am besten tun, wenn wir uns trennen. Ich bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, dies in möglichst milder Form und ohne einen Skandal auszuführen, damit deine Mutter sich nicht noch mehr grämt und ängstigt. Schon daß ich selbst zu dir ging, ist für sie eine Ermutigung gewesen: sie glaubt so halb und halb, wir würden uns noch versöhnen, na, und dann werde alles weitergehen wie bisher. Ich meine, wenn du und ich jetzt hier ein- oder zweimal recht laut lachten, so würden wir ihre schüchternen Herzen da unten in Entzücken versetzen. Mögen es auch nur schlichte Herzen sein, so sind sie doch von aufrichtiger, ehrlicher Liebe erfüllt, warum sollte man ihnen da bei sich bietender Gelegenheit nicht eine Freundlichkeit erweisen? Nun also, das wäre das eine. Zweitens: warum sollen wir uns denn durchaus mit Rachedurst, mit Zähneknirschen, mit Verwünschungen und so weiter voneinander trennen? Ohne Zweifel haben wir keinen Anlaß, einander um den Hals zu fallen, aber man kann doch sozusagen mit gegenseitiger Hochachtung voneinander scheiden, nicht wahr?«

»Das ist alles Unsinn! Ich verspreche, daß ich ohne einen Skandal ausziehen werde – also genug davon! Geben Sie sich denn diese Mühe im Interesse meiner Mutter? Mir scheint vielmehr, daß die Gemütsruhe meiner Mutter Ihnen gleichgültig ist und Sie aus andern Gründen so reden.«

»Du glaubst mir nicht?«

»Sie sprechen mit mir geradezu wie mit einem kleinen Kind!«

»Mein Freund, ich bin bereit, dich tausendmal für alles um Verzeihung zu bitten, was du da auf meine Rechnung setzt, für all diese Jahre deiner Kindheit und so weiter, aber, cher enfant, was würde denn dabei herauskommen? Du bist so verständig, daß du dich nicht selbst wirst in eine so dumme Situation bringen wollen. Ich will gar nicht einmal davon reden, daß ich sogar bis zu diesem Augenblick den Sinn deiner Vorwürfe nicht ganz verstehe: in der Tat, woran gibst du mir eigentlich die Schuld? Daß du nicht als ein Wersilow geboren bist? Oder ist es das nicht? Ah, du lachst verächtlich und wehrst mit den Händen ab, also das ist es nicht?«

»Sie können mir glauben, daß es das nicht ist. Und Sie können mir auch glauben, daß es mir gar nicht als eine Ehre erscheint, den Namen Wersilow zu tragen.«

»Ob das eine Ehre ist, wollen wir beiseite lassen; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt demokratisch sein; aber wenn es so steht, was machst du mir denn dann eigentlich zum Vorwurf?«

»Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was ich erfahren mußte und was ich vorher nie hatte begreifen können: daß Sie mich nicht haben Schuster werden lassen und ich Ihnen folglich noch zu Dank verpflichtet bin. Es ist mir unbegreiflich, woher ich so undankbar bin, selbst jetzt noch, nachdem man mich belehrt hat. Ob da nicht etwa Ihr Blut aus mir spricht, Andrej Petrowitsch?«

»Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du selbst zugeben müssen, daß du mit allen deinen heftigen Äußerungen unten, statt mich zu treffen, wie du es beabsichtigtest, nur deine Mutter gequält und gepeinigt hast. Und doch steht es, sollte man meinen, dir nicht zu, über sie zu Gericht zu sitzen. Was hat sie denn dir gegenüber verschuldet? Bei dieser Gelegenheit könntest du mir noch etwas anderes erklären, mein Freund: warum und zu welchem Zweck hast du denn in der Vorschule und auf dem Gymnasium und in deinem ganzen Leben allen Leuten, sogar, wie ich später gehört habe, dem ersten besten, mit dem du zusammenkamst, von deiner illegitimen Herkunft erzählt? Ich habe gehört, du hättest das mit einer besonderen Passion getan. Und doch ist das alles dummes Zeug und häßliche Verleumdung: du bist ein legitimes Kind, ein Dolgorukij, ein Sohn von Makar Iwanytsch Dolgorukij, eines achtbaren Mannes von vortrefflichem Verstand und Charakter. Wenn du aber eine höhere Bildung empfangen hast, so verdankst du das in der Tat deinem früheren Gutsherrn Wersilow, aber was folgt daraus? Das wichtigste aber ist dies: dadurch, daß du überall von deiner illegitimen Herkunft geredet hast, was selbstverständlich schon an sich eine Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und aus falschem Stolz deine Mutter vor den Richterstuhl jedes beliebigen Lumpenkerls geschleppt. Das ist sehr unedel gehandelt, mein Freund, um so mehr, als deine Mütter persönlich an nichts Schuld trägt: sie ist von Charakter das reinste Wesen, das man sich nur denken kann, und wenn sie nicht Frau Wersilowa ist, so liegt das nur daran, daß sie bis jetzt noch verheiratet ist.«

»Lassen Sie es genug sein; ich bin mit Ihnen völlig einer Meinung, und im Vertrauen auf Ihre Klugheit hoffe ich bestimmt, daß Sie diese schon zu lange Moralpredigt abbrechen werden. Sie lieben ja so sehr das rechte Maß; nun, in allen Dingen muß das rechte Maß innegehalten werden, sogar in Ihrer plötzlichen Liebe zu meiner Mutter. Ich will Ihnen etwas anderes vorschlagen: da Sie sich nun einmal dazu entschlossen haben, zu mir heraufzukommen und bei mir eine viertel oder eine halbe Stunde zu sitzen (ich weiß allerdings immer noch nicht, wozu eigentlich; nun, nehmen wir an, zur Beruhigung meiner Mutter), und da es Ihnen überdies ein solcher Genuß ist, mit mir zu reden, trotz allem, was unten vorgefallen ist, so erzählen Sie mir doch lieber etwas von meinem Vater – von diesem Makar Iwanow, dem Pilger. Gerade aus Ihrem Mund würde ich gern etwas über ihn hören; ich hatte schon längst vor, Sie danach zu fragen. Und da wir uns nun voneinander trennen, und vielleicht für lange Zeit, so würde ich gern von Ihnen auch noch auf eine andere Frage eine Antwort erhalten: haben Sie denn während dieser ganzen zwanzig Jahre nicht so weit auf die beschränkte Anschauungsweise meiner Mutter, und jetzt auch meiner Schwester, einwirken können, um durch Ihren zivilisierenden Einfluß das geistige Dunkel zu verscheuchen, in welchem sie infolge ihrer früheren Umgebung befangen war? Oh, ich rede nicht von ihrer Reinheit! Sie hat ohnehin in moralischer Hinsicht immer unendlich weit über Ihnen gestanden – entschuldigen Sie! –, aber ... sie ist doch nur eine unendlich hochstehende Leiche. Leben, wirklich leben tut nur, Wersilow, und alles übrige, was ihn umgibt und mit ihm verbunden ist, vegetiert nur unter der strikten Bedingung, daß es die Ehre hat, ihn mit seinen Kräften und Lebenssäften zu ernähren. Aber früher einmal muß doch auch sie lebendig gewesen sein? Sie haben doch irgend etwas an ihr liebgewonnen? Sie ist doch auch einmal ein Weib gewesen?«

»Mein Freund, genau besehen, ist sie das niemals gewesen«, antwortete er mir, indem er sofort in seine ursprüngliche damalige Manier, mit mir zu verkehren, hineingeriet, in diese Manier, die ich noch so gut im Gedächtnis habe und die mich damals in Wut versetzte; nämlich anscheinend war er die Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit selbst, sah man aber näher hin, so war alles an ihm der vollendetste Spott, so daß ich manchmal aus seinem Gesicht gar nicht klug werden konnte. »Sie ist niemals ein Weib gewesen! Die Russin ist niemals ein Weib.«

»Aber die Polin, die Französin, die sind es? Oder die Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, das ist etwas, was einen zivilisierten Russen der höheren Stände, einen Mann wie Wersilow, zu fesseln vermag?«

»Na, konnte ich etwa erwarten, hier auf einen Slawophilen zu stoßen?« rief Wersilow lachend.

Ich habe das, was er sagte, Wort für Wort im Gedächtnis: er redete sogar mit großem Genuß und sichtlichem Vergnügen. Es war mir völlig klar, daß er weder um nur zu plaudern noch um meine Mutter zu beruhigen zu mir gekommen war, sondern daß er dabei sicherlich andere Zwecke verfolgte.

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