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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

»Wie ich floh, das heißt, wie ich zu Ihnen fliehen wollte, das ist eine sehr einfache Geschichte. Erinnern Sie sich wohl noch, Tatjana Pawlowna, daß ungefähr zwei Wochen nach meinem Einzug Touchard Ihnen einen Brief schrieb, ja? Mir hat später Marja Iwanowna den Brief gezeigt, er hatte sich ebenfalls in den Papieren des verstorbenen Andronikow gefunden. Touchard war auf einmal zu der Ansicht gelangt, daß er zu wenig Geld für mich gefordert habe, und erklärte Ihnen nun in seinem Brief höchst ›würdevoll‹, in seinem Institut würden nur Söhne von Fürsten und Senatoren erzogen und er halte es mit dem Ansehen seines Institutes für unvereinbar, daß ihm ein Zögling von solcher Herkunft wie ich angehöre, wenn er nicht eine Zulage bekäme.«

»Mon cher, du könntest ...«

»Oh, seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt«, unterbrach ich ihn; »ich will nur ein bißchen von Touchard erzählen. Sie antworteten ihm vierzehn Tage darauf schon aus der Provinz, Tatjana Pawlowna, und schlugen es ihm rundweg ab. Ich erinnere mich, wie er damals mit dunkelrotem Kopf in unser Klassenzimmer hereinkam. Er war ein sehr kleiner, sehr stämmiger Franzose, etwa fünfundvierzig Jahre alt, und stammte tatsächlich aus Paris, wo er Schuster gewesen war, aber er war schon seit undenklichen Zeiten in Moskau an einer staatlichen Anstalt als Lehrer des Französischen angestellt und hatte sogar einen ziemlich hohen Rang, auf den er nicht wenig stolz war – ein ganz ungebildeter Mensch. Zöglinge waren wir bei ihm nur sechs, von denen einer wirklich der Neffe eines Moskauer Senators war, und wir lebten alle bei ihm ganz wie Mitglieder der Familie, im wesentlichen unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr affektierten Dame, der Tochter eines russischen Beamten. Ich hatte in diesen paar Wochen meinen Kameraden gegenüber sehr großgetan und mich mit meinem blauen Rock und mit meinem Papa Andrej Petrowitsch gebrüstet, und ihre Fragen, warum ich Dolgorukij hieße und nicht Wersilow, hatten mich nicht in Verlegenheit gesetzt, weil ich den Grund eben selbst nicht kannte.«

»Andrej Petrowitsch!« rief Tatjana Pawlowna in beinahe drohendem Ton. Meine Mutter dagegen folgte meiner Erzählung mit der größten Teilnahme und wünschte offenbar, daß ich fortfahren möchte.

»Ce Touchard ..., ich erinnere mich jetzt tatsächlich, daß er so ein kleiner, beweglicher Kerl war«, sagte Wersilow langsam, »aber er war mir damals von durchaus vertrauenswürdiger Seite empfohlen worden ...«

»Ce Touchard kam mit dem Brief in der Hand herein, trat an unseren großen eichenen Tisch, an dem wir alle sechs irgend etwas büffelten, faßte mich derb an der Schulter, riß mich von meinem Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.

»Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!« schrie er und wies mich in ein winzig kleines Zimmerchen links vom Vorzimmer, wo nur ein einfacher Tisch, ein Rohrstuhl und ein mit Wachstuch überzogenes Sofa standen – genauso, wie jetzt bei mir oben in meinem Giebelzimmer. Erstaunt und höchst verschüchtert ging ich hinüber; ich war noch nie von jemand so grob behandelt worden. Eine halbe Stunde darauf, als Touchard das Klassenzimmer verlassen hatte, begann ich mit meinen Kameraden Blicke zu wechseln, und wir lachten uns gegenseitig an; natürlich lachten sie über mich, aber ich merkte das nicht und dachte, wir lachten einfach, weil wir vergnügt wären. Da kam plötzlich Touchard herbeigestürzt, packte mich am Haar und riß mich heftig davon.

»Untersteh dich nicht, dich zu anständigen Kindern hinzusetzen; du bist von schlechter Herkunft und nicht besser als ein Lakai!«

Nach diesen Worten schlug er mich schmerzhaft auf meine volle, rote Backe. Das machte ihm sofort Vergnügen, und er schlug mich zum zweiten und zum dritten Mal. Ich weinte und schluchzte, ich war furchtbar erstaunt. Eine ganze Stunde lang saß ich da, das Gesicht mit den Händen, bedeckend, und weinte und weinte. Es war etwas geschehen, was ich absolut nicht begreifen konnte. Ich begriff nicht, wie ein eigentlich nicht boshafter Mensch wie Touchard, ein Ausländer, der sich sogar über die Befreiung der russischen Bauern gefreut hatte, einen so dummen kleinen Jungen wie mich hatte schlagen können. Übrigens war ich nur erstaunt, fühlte mich aber nicht beleidigt; mich beleidigt zu fühlen, das verstand ich noch nicht. Ich meinte, ich hätte irgendeine Unart begangen; wenn ich aber wieder artig wäre, so würde mir verziehen werden, und wir würden wieder alle vergnügt sein und auf den Hof gehen, um da zu spielen, und das schönste Leben führen, das man sich nur denken kann.«

»Wenn ich davon nur etwas gewußt hatte, mein Freund ...«, sagte Wersilow gedehnt mit dem lässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen. »Aber was ist dieser Touchard für eine Kanaille gewesen! Ich gebe jedoch noch nicht die Hoffnung auf, daß du deinem Herzen einen Stoß geben und uns schließlich das alles verzeihen wirst und wir dann wieder das schönste Leben führen werden, das man sich nur denken kann.«

Er gähnte nun deutlich.

»Ich erhebe ja gar keine Beschuldigungen, durchaus nicht, und glauben Sie mir, ich beklage mich auch nicht über Touchard!« rief ich, einigermaßen aus dem Konzept gebracht. »Geschlagen hat er mich ungefähr zwei Monate lang. Ich erinnere mich, daß ich ihn immer irgendwie entwaffnen wollte, auf ihn zustürzte, um ihm die Hände zu küssen, und sie auch wirklich küßte, und daß ich immer weinte und weinte. Meine Kameraden lachten über mich und verachteten mich, weil Touchard anfing, mich manchmal wie einen Bedienten zu gebrauchen, und mir befahl, ihm seine Kleider hinzureichen, wenn er sich anzog. Dabei kam mir meine Bedientennatur unwillkürlich zustatten: ich gab mir die größte Mühe, es ihm recht zu machen, und fühlte mich in keiner Weise beleidigt, weil ich eben noch nichts von alledem verstand, und ich wundere mich sogar bis heute noch darüber, daß ich damals noch so dumm war, meine niedrige Stellung den andern gegenüber nicht zu begreifen. Allerdings erklärten meine Kameraden mir auch damals schon manches, es war eine nette Vorschule. Später liebte Touchard es mehr, mich von hinten mit dem Knie zu stoßen als mir ins Gesicht zu schlagen, und nach einem halben Jahr war er mitunter sogar freundlich zu mir; nur ab und zu, aber sicher einmal im Monat, schlug er mich noch, zur Erinnerung, damit ich nicht vergäße, wer ich sei. Auch durfte ich bald wieder mit den andern Knaben zusammensitzen und mit ihnen spielen; aber nicht ein einziges Mal in den ganzen zweieinhalb Jahren vergaß Touchard den Unterschied unserer sozialen Stellung und gebrauchte mich, wenn auch nicht in starkem Maße, aber doch immer noch beständig zu allerlei Dienstleistungen, und zwar – wie ich glaube –, um meinem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen.

Daß ich aber entfloh, das heißt, daß ich entfliehen wollte, das begab sich erst fünf Monate nach diesen ersten beiden Monaten. Ich bin überhaupt mein ganzes Leben lang immer nur schwer zu einem Entschluß gekommen. Wenn ich mich abends ins Bett gelegt und die Bettdecke über den Kopf gezogen hatte, begann meine Phantasie sich sofort mit Ihnen zu beschäftigen, Andrej Petrowitsch, nur mit Ihnen; ich weiß absolut nicht, warum das der Fall war. Ich träumte sogar von Ihnen. Ganz besonders malte ich es mir immer leidenschaftlich aus, wie Sie auf einmal hereintreten würden und ich auf Sie losstürzen würde und Sie mich von dort wegnehmen und zu sich in jenes Zimmer bringen würden und wie wir dann wieder ins Theater fahren würden und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns nie wieder trennen würden – das war mir die Hauptsache! Wenn ich aber am Morgen wieder aufwachte, dann begannen auch sogleich von neuem die Spöttereien und das Verächtlichmachen durch die anderen Knaben; einer von ihnen hatte es sich geradezu zur Regel gemacht, mich zu prügeln, und zwang mich, ihm beim Anziehen der Stiefel behilflich zu sein; er belegte mich mit den häßlichsten Schimpfnamen und bemühte sich besonders, mir meine Herkunft klarzumachen, zum großen Vergnügen aller Zuhörer. Wenn aber endlich Touchard selbst erschien, dann wurde mir unerträglich weh ums Herz. Ich fühlte, daß mir hier nie Verzeihung zuteil werden würde, – oh, ich begann schon allmählich zu begreifen, was man mir nicht verzieh und worin eigentlich mein Verschulden bestand! Und da kam ich schließlich auf den Gedanken zu fliehen. Ganze zwei Monate beschäftigte ich mich mit diesem Gedanken, endlich faßte ich einen Entschluß; das war im September. Ich wartete die Zeit ab, wo am Sonnabend alle meine Mitschüler für den Sonntag weggefahren waren, und packte unterdessen heimlich und sorgsam die notwendigsten Sachen in ein Bündelchen; an Geld besaß ich zwei Rubel. Ich wollte warten, bis es dunkel wurde. ›Ich steige die Treppe hinunter‹; dachte ich, ›und gehe aus dem Hause, und dann gehe ich davon.‹ Wohin? Ich wußte, daß Andronikow schon nach Petersburg versetzt war, und beschloß, Frau Fanariotowas Haus in der Arbat-Straße aufzusuchen: ›die Nacht über werde ich umhergehen oder irgendwo sitzen, am Morgen aber werde ich jemand auf dem Hof des Hauses fragen, wo Andrej Petrowitsch jetzt ist, und wenn er nicht in Moskau ist, in welcher Stadt oder in welchem Land er sich befindet. Das wird man mir gewiß sagen. Ich werde weggehen und dann irgendwo an einer andern Stelle wieder jemand fragen, nach welchem Schlagbaum ich gehen muß, wenn ich nach der und der Stadt will; nun, und so werde ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter wandern. Ich werde immerzu gehen; übernachten werde ich irgendwo im Gesträuch, und essen werde ich nur Brot; zwei Rubel werden zum Brotkaufen lange reichen.‹

Am Sonnabend aber wollte es mir auf keine Weise gelingen zu entschlüpfen; ich mußte bis zum nächsten Tag, dem Sonntag, warten. Es traf sich gut, daß am Sonntag auch Touchard mit seiner Frau irgendwohin fuhr, so daß im ganzen Haus niemand zurückblieb als ich und Agafja. Ich wartete, wie ich mich erinnere, mit schrecklicher Ungeduld auf den Anbruch der Nacht; ich saß in unserm Saal am Fenster und blickte hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen Holzhäusern und den spärlichen Passanten. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend, und man konnte aus dem Fenster einen Schlagbaum sehen: ›Ob das wohl der richtige ist?‹ schoß es mir durch den Kopf. Die Sonne ging ganz rot unter; der Himmel sah so kalt aus, und ein scharfer Wind wirbelte, gerade wie heute, den Staub auf. Endlich war es ganz dunkel geworden; ich trat vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber ganz schnell, denn ich hatte es sehr eilig; ich nahm mein Bündelchen und ging auf den Zehenspitzen unsere knarrende Treppe hinab, in großer Angst, Agafja könne mich von der Küche aus hören. Der Schlüssel steckte in der Tür, ich öffnete sie, und plötzlich lag die rabenschwarze Nacht vor mir wie ein endloses, von Gefahren erfülltes, unbekanntes Land, und der Wind riß mir beinahe die Mütze vom Kopfe. Ich trat einen Schritt hinaus; auf dem gegenüberliegenden Gehsteig ließ sich das heisere Gebrüll und Geschimpfe eines vorübergehenden Betrunkenen vernehmen; ich blieb stehen, blickte um mich und kehrte leise um, ging wieder leise nach oben, zog mich leise aus, tat mein Bündel beiseite und legte mich ins Bett mit dem Gesicht nach unten, ohne Tränen und ohne Gedanken, und von diesem selben Augenblick an begann ich zu denken, Andrej Petrowitsch! Von diesem selben Augenblick an, in dem ich mir bewußt wurde, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern obendrein auch noch ein Feigling war, von diesem Augenblick an begann meine richtige, wirkliche Entwicklung!«

»Und jetzt, von dieser Minute an, habe ich dich fürs ganze Leben durchschaut!« rief auf einmal Tatjana Pawlowna, von ihrem Platz aufspringend, und zwar so unerwartet, daß ich in keiner Weise darauf vorbereitet war. »Ja, du warst nicht nur damals ein Lakai, sondern du bist es auch jetzt noch; in dir steckt eine Lakaienseele! Andrej Petrowitsch hätte dich ja ebensogut zu einem Schuster in die Lehre geben können. Er hätte dir sogar eine Wohltat damit erwiesen, wenn er dich hätte ein Handwerk erlernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich verlangen oder fordern können? Dein Vater Makar Iwanytsch hat ihn nicht nur gebeten, sondern beinahe von ihm gefordert, er möchte euch, seine Kinder, nicht aus den unteren Ständen herausheben. Nein, du weißt das nicht zu schätzen, daß er dich bis zur Universität gebracht hat und daß du durch ihn schöne Vorrechte erlangt hast. Nun sieh mal einer an, die andern Jungen haben ihn gehänselt, und da hat er geschworen, sich an der Menschheit zu rächen ... So ein unwürdiges Subjekt!«

Ich muß gestehen, ich war durch diese heftigen Worte ganz überrascht. Ich stand auf und sah eine Weile vor mich hin, ohne zu wissen, was ich sagen sollte.

»Da hat mir ja Tatjana Pawlowna wirklich etwas Neues gesagt«, wandte ich mich endlich in festem Ton an Wersilow, »ich bin offenbar wirklich in hohem Grade eine Lakaienseele. Denn nicht zufrieden damit, daß Wersilow mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat, habe ich mich nicht einmal durch die ›schönen Vorrechte‹ rühren lassen; ›nein‹, habe ich gesagt, ›gib mir den ganzen Wersilow, gib mir einen Vater!‹ ... Das ist's, was ich verlangt habe – wie sollte ich da nicht eine Lakaiennatur haben? Mama, es liegt mir schon seit acht Jahren schwer auf dem Gewissen, wie ich Sie damals empfangen habe, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, aber jetzt habe ich keine Zeit, davon zu reden; Tatjana Pawlowna wird mich nicht erzählen lassen. Lassen wir es bis morgen, Mama; vielleicht sehe ich Sie morgen noch, Tatjana Pawlowna! Nun, was sagen Sie dazu, daß ich sogar in so hohem Grade eine Lakaiennatur bin, daß ich es nicht einmal für zulässig halte, wenn jemand zu Lebzeiten seiner Frau noch eine andere heiraten will. Und das hätte ja doch Andrej Petrowitsch in Ems beinahe getan! Mama, wenn Sie nicht mehr bei einem Mann bleiben mögen, der es fertigbringt, morgen eine andere zu heiraten, so denken Sie daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen verspricht, Ihnen ein respektvoller Sohn zu sein, denken Sie daran und kommen Sie zu mir; ich stelle nur die eine Bedingung: ›Entweder er oder ich‹ – wollen Sie? Ich verlange keine sofortige Antwort: ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht sofort eine Antwort geben kann ...«

Aber ich konnte nicht zu Ende reden, weil meine Aufregung gar zu groß war und ich verwirrt wurde. Meine Mutter war ganz blaß geworden, und die Stimme schien ihr den Dienst zu versagen: sie konnte kein Wort herausbringen. Tatjana Pawlowna redete etwas, sehr laut und sehr lange, ohne daß ich sie ordentlich verstehen konnte, und ein paarmal stieß sie mich mit der Faust gegen die Schulter. Ich besinne mich nur, daß sie schrie, was ich gesagt hätte, sei »unwahr, das Produkt einer niedrigen Gesinnung, nichts als ausgetüftelter Unsinn«. Wersilow saß da, ohne sich zu rühren; er machte ein sehr ernstes Gesicht und lächelte nicht. Ich ging nach meinem Stübchen hinauf. Der letzte Blick, der mich aus dem Zimmer begleitete, war ein vorwurfsvoller Blick meiner Schwester; sie schüttelte mit sehr ernster Miene den Kopf hinter mir her.

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