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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er es nicht einmal für nötig hielt, diese seine Stimmung zu verbergen. Überhaupt hatte er uns gegenüber in der letzten Zeit die Gewohnheit angenommen, sich ganz ungeniert zu dekuvrieren, und zwar nicht nur hinsichtlich seiner schlechten, sondern sogar auch seiner lächerlichen Eigenschaften, was doch sonst jeder ängstlich vermeidet; und dabei wußte er genau, daß wir alles bis auf das letzte Tüpfelchen verstanden. Im letzten Jahr war er (worüber sich Tatjana Pawlowna gelegentlich aussprach) in seiner Kleidung sehr heruntergekommen: seine Anzüge waren zwar immer noch anständig, aber schon alt und nicht mehr elegant. Auch neigte er jetzt dazu, die Wäsche zwei Tage lang zu tragen, worüber meine Mutter ordentlich traurig war; das hielten sie für ein großes Opfer, und diese ganze kleine Gruppe ihm ergebener weiblicher Wesen sah darin eine Heldentat. Er trug immer weiche, breitkrempige schwarze Hüte; als er in der Tür den Hut abnahm, sprang auf seinem Kopf ein ganzes Büschel seines sehr dichten, aber schon angegrauten Haars in die Höhe. Es machte mir immer Vergnügen, sein Haar zu beobachten, wenn er den Hut abnahm.

»Guten Abend; seid ihr alle zusammen und sogar er dabei? Ich hörte seine Stimme schon, als ich noch im Vorzimmer war; gewiß hat er auf mich geschimpft?«

Wenn er über mich Witze machte, so war das immer ein Zeichen, daß er sich in vergnügter Stimmung befand. Ich gab ihm natürlich keine Antwort. Lukerja kam herein mit einem großen Paket, das allerlei Dinge enthielt, die er eingekauft hatte, und legte es auf den Tisch.

»Ich habe gesiegt, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen; Berufung einzulegen werden die Fürsten gewiß nicht unternehmen. Die Erbschaft fällt mir zu! Ich habe auch gleich jemanden gefunden, der mir tausend Rubel geliehen hat. Sofja, leg doch die Arbeit weg, streng nicht deine Augen an! Lisa, du bist wohl von der Arbeit gekommen?«

»Ja, Papa«, antwortete Lisa mit freundlicher Miene; sie nannte ihn Vater; ich konnte mich dazu um keinen Preis bereit finden.

»Bist du müde?«

»Freilich.«

»Laß die Arbeit, geh morgen nicht hin, und gib diese Tätigkeit ganz auf!«

»Das würde mir nicht bekommen, Papa.«

»Aber ich bitte dich darum ... Ich kann es gar nicht leiden, wenn Frauen arbeiten, Tatjana Pawlowna.«

»Wie kann man denn ohne Arbeit leben? Das wäre ja noch schöner, wenn eine Frau nicht arbeitete! ...«

»Ich weiß, ich weiß; das ist ja alles sehr gut und richtig, und ich bin im voraus mit allem einverstanden; aber ich spreche hauptsächlich von der Handarbeit. Denkt euch nur, das war für mich in meiner Kindheit eine der peinlichsten oder richtiger eine der absonderlichsten Empfindungen. In meinen dunklen Erinnerungen an die Zeit, wo ich fünf oder sechs Jahre alt war, sehe ich am häufigsten – natürlich mit einem Gefühl des Widerwillens – eine Gesellschaft von klugen Frauen mit ernsten, finsteren Gesichtern um einen runden Tisch versammelt, auf dem Scheren, Stoffe, Schnittmuster und Modebilder liegen. Alle geben sie ihr Urteil ab und disputieren, schütteln wichtig und langsam die Köpfe, nehmen Maß und berechnen und machen sich zum Zuschneiden fertig. Alle diese sonst so freundlichen Personen, die mich so lieb hatten, waren auf einmal unnahbar geworden; wenn ich zu laut wurde, schickten sie mich sofort hinaus. Selbst meine arme Kinderfrau, die mich an der Hand hielt, antwortete nicht auf mein Rufen und auf mein Zupfen, sondern schaute und lauschte nur, als ob da ein Paradiesvogel säße und sänge. Diesen strengen Ausdruck der verständigen Gesichter und das wichtige Wesen vor dem Beginn des Zuschneidens kann ich mir noch heute nicht ohne eine sehr unangenehme Empfindung vorstellen. Sie, Tatjana Pawlowna, finden ja am Zuschneiden ein besonderes Vergnügen! Aber so aristokratisch das auch sein mag, ich liebe doch mehr eine Frau, die gar nicht arbeitet. Beziehe das nicht auf dich, Sofja... Wie solltest du auch! Die Frau ist auch ohne das eine große Macht. Das ist übrigens auch dir bekannt, Sonja. Wie denken Sie darüber, Arkadij Makarowitsch? Sie machen gewiß Opposition?«

»Nein, durchaus nicht«, antwortete ich. »Besonders gut gefällt mir der Satz, daß die Frau eine große Macht ist, obgleich ich nicht verstehe, in welche Verbindung Sie das mit der Arbeit bringen. Aber daß man arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, das wissen Sie selbst.«

»Aber nun genug!« sagte er, zu meiner Mutter gewendet, die über das ganze Gesicht strahlte (als er sich an mich wandte, hatte sie heftig zu zittern angefangen), »wenigstens in der ersten Zeit möchte ich keine Handarbeiten zu sehen bekommen; ich bitte um meiner selbst willen darum. Du, Arkadij, bist als moderner Jüngling gewiß ein bißchen Sozialist; na, willst du es mir glauben, mein Freund, daß die größten Liebhaber des Müßigganges unter dem zeit seines Lebens arbeitenden Volk zu finden sind?«

»Diese Leute lieben vielleicht die Erholung, aber nicht den Müßiggang.«

»Nein, gerade den Müßiggang, das völlige Nichtstun, das ist ihr Ideal! Ich habe einen Menschen gekannt, der lebenslänglich arbeiten mußte, obwohl er nicht zum Volk gehörte; er besaß einen ziemlich entwickelten Verstand und einen Blick für das Allgemeine. Der gab sich sein ganzes Leben hindurch, vielleicht täglich, mit Genuß und Rührung seinen Träumereien vom völligen Müßiggang hin; er malte sich sozusagen sein Ideal bis zur höchsten Vollendung aus, bis zu unbegrenzter Unabhängigkeit und ewiger Freiheit, zu träumen und müßig zu reflektieren. So ging das mit ihm, bis er unter der Arbeit vollständig zusammenbrach; zu helfen war ihm nicht, er starb im Krankenhaus. Ich bin manchmal allen Ernstes geneigt, zu glauben, daß der angebliche Genuß, den die Arbeit gewährt, eine Erfindung müßiger Leute ist, natürlich tugendhafter Leute. Das ist eine der ›Genfer Ideen‹ vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vorgestern habe ich mir aus einer Zeitung eine Annonce ausgeschnitten, da ist sie« (er zog ein Blättchen Papier aus der Westentasche), »das stammt von den unzähligen ›Studenten‹, die die alten Sprachen und Mathematik verstehen und bereit sind, zur Erteilung von Unterricht ›nach auswärts‹ zu gehen oder in eine Dachstube oder sonstwohin. Also hören Sie: ›Eine Lehrerin bereitet zum Eintritt in alle Lehranstalten vor‹ (hören Sie: in alle!) ›und gibt auch Rechenunterricht‹, – das ist nur eine Zeile, aber sie ist klassisch! Sie bereitet zum Eintritt in alle Lehranstalten vor, also natürlich doch auch im Rechnen? Nein, vom Rechnen spricht sie besonders. Das ist schon der richtige Hunger, das ist schon der höchste Grad der Not. Rührend ist dabei gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals zur Lehrerin ausgebildet und dürfte kaum imstande sein, in irgendeinem Fach zu unterrichten. Aber vor dem Ertrinken trägt sie ihren letzten Rubel in die Zeitungsexpedition und läßt einsetzen, daß sie für alle Unterrichtsanstalten vorbereite und außerdem Rechenstunde gebe. Per tutto mundo e in altri siti.«

»Ach, Andrej Petrowitsch, der sollte man helfen! Wo wohnt sie?« rief Tatjana Pawlowna.

»Ach, deren gibt es eine Menge!« Er schob die Annonce wieder in die Tasche. »In diesem Paket sind lauter Näschereien, für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Sofja und ich lieben keine Süßigkeiten. Vielleicht ist es auch für dich etwas, junger Mann. Ich habe alles selbst bei Jelissejew und bei Ballet eingekauft. Wir haben lange genug ›am Hungertuche genagt‹, wie Lukerja sagt.« (NB Keiner von uns hatte jemals wirklich gehungert.) »Hier sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und Erdbeertorte; sogar einen ausgezeichneten Likör habe ich mitgebracht, auch Nüsse. Merkwürdig, daß ich bis auf den heutigen Tag, von meiner Kindheit an, gern Nüsse esse, Tatjana Pawlowna, und zwar die gewöhnlichste Sorte, wissen Sie. Lisa schlägt darin nach mir; sie liebt es ebenfalls, wie ein Eichhörnchen Nüsse zu knacken. Aber es gibt nichts Reizvolleres, Tatjana Pawlowna, als sich manchmal, wenn man an seine Kindheit zurückdenkt, unversehens für einige Augenblicke in den Wald zu versetzen, ins Gebüsch, wo man sich selbst Nüsse pflückt... Die Tage sind schon beinah herbstlich, aber klar und manchmal so frisch; man versteckt sich im Dickicht oder streift im Wald umher, es riecht nach Blättern ... Ich sehe eine Art Zustimmung in deinem Blick, Arkadij Makarowitsch?«

»Ich habe meine ersten Kinderjahre ebenfalls auf dem Lande verlebt.«

»Wie? Du bist doch wohl in Moskau gewesen... wenn ich nicht irre.«

»Er wohnte damals bei Andronikows in Moskau, als Sie hinkamen, aber vorher hatte er bei Ihrer seligen Tante Warwara Stepanowna auf dem Lande gelebt«, fiel Tatjana Pawlowna ein.

»Da ist Geld, Sofja, verwahre es! In den nächsten Tagen soll ich fünftausend bekommen.«

»Also haben die Fürsten gar keine Hoffnung mehr?« fragte Tatjana Pawlowna.

»Absolut keine, Tatjana Pawlowna.«

»Ich habe Ihnen, Andrej Petrowitsch, und allen Ihren Angehörigen immer alles Gute gewünscht und bin eine Freundin des Hauses gewesen; aber obwohl mir die Fürsten fremd sind, tun sie mir, weiß Gott, doch leid. Seien Sie mir deswegen nicht böse, Andrej Petrowitsch!«

»Ich beabsichtige nicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.«

»Sie kennen ja meine Ansicht darüber, Andrej Petrowitsch; die Fürsten hätten den Prozeß unterlassen, wenn Sie ihnen gleich zu Anfang eine Teilung zu gleichen Teilen vorgeschlagen hätten; jetzt ist es natürlich zu spät dazu. Übrigens wage ich nicht, darüber zu urteilen... Ich sage es nur deshalb, weil der Verstorbene sie in seinem Testament gewiß nicht übergangen hätte.«

»Er hätte sie nicht nur nicht übergangen, sondern sicherlich ihnen alles hinterlassen und nur mich übergangen, wenn er es verstanden hätte, die Sache zu regeln und das Testament aufzusetzen, wie es sich gehört; aber jetzt ist das Gesetz auf meiner Seite – und damit basta! Teilen kann und will ich nicht, Tatjana Pawlowna. Die Sache ist erledigt.«

Er sagte das sogar mit einem gewissen Ingrimm, was bei ihm nur selten vorkam. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug traurig die Augen nieder: Wersilow wußte, daß sie Tatjana Pawlownas Ansicht billigte.

›Das ist wie eine Emser Ohrfeige!‹ dachte ich im stillen. Dem Schriftstück, das mir Krafft eingehändigt hatte und das in meiner Tasche steckte, wäre ein trauriges Los beschieden gewesen, wenn es ihm in die Hände gefallen wäre. Ich fühlte auf einmal, daß ich all das noch auf dem Halse hatte; dieser Gedanke, in Verbindung mit allem übrigen, wirkte auf mich aufreizend.

»Arkadij, es wäre mir lieb, wenn du dich ein bißchen besser kleidetest, mein Freund; du bist ja nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen guten französischen Schneider empfehlen, der gewissenhaft und geschmackvoll arbeitet.«

»Ich bitte Sie, mir nie wieder solche Vorschläge zu machen«, rief ich heftig.

»Was hast du denn?«

»Ich finde natürlich nichts Kränkendes darin, aber wir beide harmonieren überhaupt nicht in unserer Denkweise, sondern haben vielmehr recht verschiedene Ansichten. So werde ich in den nächsten Tagen, schon morgen, aufhören, zum Fürsten zu gehen, weil ich sehe, daß da nicht das geringste für mich zu tun ist ...«

»Aber eben darin, daß du hingehst und bei ihm sitzt, besteht deine Tätigkeit.«

»Eine solche Auffassung ist für mich herabwürdigend.«

»Das verstehe ich nicht; übrigens, wenn du so zartfühlend bist, so nimm doch von ihm kein Geld an, sondern geh bloß so hin! Du würdest ihn durch dein Fortbleiben furchtbar kränken; er hat dich schon liebgewonnen, das kannst du glauben ... Indessen, wie du willst ...«

Die Sache war ihm augenscheinlich unangenehm.

»Sie sagen, ich sollte ihn nicht um Geld bitten, aber Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich heute bereits eine Gemeinheit begangen habe: Sie haben mir vorher nicht abgeraten, und so habe ich heute von ihm das Gehalt für einen Monat gefordert.«

»Also hast du die Angelegenheit bereits geordnet; ich hatte, wie ich gestehen muß, gemeint, du würdest nicht darum bitten; was seid ihr doch alle jetzt für geschickte Leute! Es gibt heutzutage keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.«

Er ärgerte sich sehr; ich war ebenfalls furchtbar zornig.

»Ich mußte doch meine Rechnung mit Ihnen begleichen ... Sie haben mich dazu gezwungen – ich weiß jetzt nicht, was ich anfangen soll.«

»Übrigens, Sofja, gib doch gleich Arkadij seine sechzig Rubel zurück; und du, mein Freund, nimm es mir nicht übel, daß ich mich mit der Rückzahlung so beeile. Ich sehe es dir am Gesicht an, daß du irgendein Unternehmen planst und dazu ... ein Anlagekapital oder etwas Ähnliches nötig hast.«

»Ich weiß nicht, was mein Gesicht ausdrückt, aber ich hätte nie von Mama erwartet, daß sie Ihnen etwas von diesem Geld sagen würde, da ich sie doch ausdrücklich um Verschwiegenheit gebeten hatte«, erwiderte ich und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht sagen, wie tief ich mich gekränkt fühlte.

»Arkascha, mein Täubchen, um Gottes willen verzeih mir; ich konnte nicht anders als es sagen ...«

»Mein Freund«, sagte er, zu mir gewendet, »beschwere dich nicht darüber, daß sie mir deine Geheimnisse entdeckt hat; zudem hat sie nur in der besten Absicht gehandelt: sie wollte als Mutter einfach mit der kindlichen Liebe des Sohnes prahlen. Aber sei überzeugt, ich hätte auch ohne das erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse stehen auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat ›eine eigene Idee‹, Tatjana Pawlowna, das habe ich Ihnen schon gesagt.«

»Lassen wir mein ehrliches Gesicht beiseite«, fuhr ich zornig fort, »ich weiß, daß Sie einen manchmal ganz durchschauen können, obgleich Sie bei anderen Gelegenheiten manchmal nicht über Ihre eigene Nase hinaussehen, und bin über Ihren Scharfblick oft erstaunt gewesen. Nun ja, ich habe eine ›eigene Idee‹. Daß Sie sich gerade dieses Ausdrucks bedient haben, ist natürlich nur Zufall, aber ich scheue mich nicht zu bekennen: ich habe eine ›Idee‹. Ich scheue mich nicht und schäme mich nicht.«

»Das ist die Hauptsache: schäme dich dessen nicht!«

»Aber trotzdem werde ich sie Ihnen nie entdecken.«

»Das heißt, du hältst mich einer solchen Mitteilung nicht für würdig. Du brauchst mir gar nichts zu sagen, mein Freund; ich kenne den Kern deiner Idee auch so schon, jedenfalls läuft es darauf hinaus:

›Ich ziehe in die Wüste mich zurück.‹

Tatjana Pawlowna, meiner Ansicht nach will er ein Rothschild oder so etwas Ähnliches werden und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstverständlich wird er Ihnen und mir großmütig eine Pension aussetzen, mir allerdings vielleicht auch nicht; aber auf jeden Fäll werden wir ihn bald nicht mehr zu sehen bekommen. Es ist mit ihm wie mit dem Neumond – kaum hat er sich gezeigt, so geht er auch schon wieder unter.«

Ich zuckte innerlich zusammen. Freilich war das alles nur ein Zufall: er wußte nichts und hatte nicht das Richtige getroffen, obwohl er gerade den Namen Rothschild erwähnt hatte; aber wie hatte er es fertiggebracht, meine Gefühle so genau anzugeben: daß ich mit ihnen brechen und von ihnen fortgehen wollte? Er hatte alles im voraus erraten und wollte nun den tragischen Ernst der Sache im voraus mit seinen zynischen Scherzen besudeln. Daß er sich furchtbar ärgerte, daran war nicht im geringsten zu zweifeln.

»Mama, verzeihen Sie meine Heftigkeit, um so mehr, als man vor Andrej Petrowitsch ja ohnehin nichts verborgen halten kann«, sagte ich, indem ich ein gekünsteltes Gelächter anschlug und mich bemühte, wenigstens für einen Augenblick alles als Scherz darzustellen.

»Das beste, mein Lieber, ist, daß du gelacht hast. Es ist kaum zu glauben, wie sehr dadurch jeder Mensch gewinnt, sogar in seinem Äußeren. Ich rede im vollsten Ernst. Er macht immer so ein Gesicht, Tatjana Pawlowna, als hätte er etwas so Wichtiges im Sinn, daß er sogar selbst dadurch ganz beschämt ist.«

»Ich möchte Sie ernstlich bitten, etwas rücksichtsvoller zu sein, Andrej Petrowitsch.«

»Du hast recht, mein Freund; aber das mußte doch ein für allemal ausgesprochen werden, damit man später nie wieder darauf zurückzukommen braucht. Du bist aus Moskau zu uns hergekommen, um sofort zu rebellieren; das ist's, was wir vorläufig über die Zwecke deiner Ankunft wissen. Darüber, daß du hergekommen bist, um uns durch etwas in Erstaunen zu versetzen, darüber will ich gar nicht erst reden. Ferner bist du nun schon einen ganzen Monat bei uns und ranzt uns fortwährend an, obwohl du doch offenbar ein kluger Mensch bist und als solcher das Anranzen denjenigen überlassen könntest, die sich auf keine andere Weise an den Menschen für ihre eigene Wertlosigkeit rächen können. Du versteckst dich fortwährend, obwohl doch dein ehrliches Gesicht und deine roten Wangen deutliches Zeugnis dafür ablegen, daß du allen Menschen mit vollkommener Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna; ich begreife nicht, wodurch die jungen Leute jetzt sämtlich Hypochonder sind.«

»Wenn Sie nicht einmal wußten, wo ich aufgewachsen bin, wie können Sie dann wissen, wodurch jemand ein Hypochonder wird?«

»Da haben wir des Rätsels Lösung: du hast dich gekränkt gefühlt, weil ich vergessen hatte, wo du aufgewachsen bist!«

»Durchaus nicht, beschuldigen Sie mich nicht fälschlich solcher Dummheiten! Mama, Andrej Petrowitsch hat mich soeben dafür gelobt, daß ich gelacht habe; nun gut, lassen Sie uns lachen – warum sitzen wir so trübselig da! Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich Ihnen ein paar Geschichtchen aus meinem Leben erzählen, um so mehr, als Andrej Petrowitsch von meinen Erlebnissen absolut nichts weiß.«

Es kochte in mir. Ich wußte, daß wir nie wieder so zusammensitzen würden wie jetzt und daß, wenn ich dieses Haus würde verlassen haben, ich es nie mehr betreten würde, – und so konnte ich mich denn am Vorabend dieser wichtigen Entscheidung nicht beherrschen. Er selbst forderte mich dazu heraus, in dieser Weise Schluß zu machen.

»Das wird natürlich sehr nett sein, vorausgesetzt, daß es wirklich komisch ist«, bemerkte er, indem er mich durchdringend ansah. »Du bist da, wo du aufgewachsen bist, ein bißchen derb geworden, mein Freund, indessen, sonst bist du immer noch ziemlich manierlich. Er ist heute sehr liebenswürdig, Tatjana Pawlowna, und Sie haben sehr gut daran getan, daß Sie endlich das Paket aufgemacht haben.«

Aber Tatjana Pawlowna machte ein finsteres Gesicht; sie wandte sich bei seinen Worten nicht einmal nach ihm um und fuhr fort, das Paket aufzumachen und die Näschereien auf Teller, die ihr gereicht wurden, zu verteilen. Auch meine Mutter saß in verständnisloser Verwunderung da; natürlich merkte und ahnte sie, daß unser Rededuell einen üblen Ausgang nehmen würde. Meine Schwester berührte mich noch einmal am Ellbogen.

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