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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Sechstes Kapitel

I

Meine Hoffnungen gingen nicht ganz in Erfüllung: ich traf die Meinigen nicht allein: Wersilow war zwar nicht da, aber bei meiner Mutter saß Tatjana Pawlowna, also doch eine fremde Person. Die Hälfte meiner hochherzigen Stimmung war mit einemmal wie weggeblasen. Es ist erstaunlich, wie schnell sich in solchen Fällen ein Umschwung in meiner Stimmung vollzieht; ein Sandkörnchen oder ein Härchen ist ausreichend, um eine gute Regung zu verscheuchen und eine schlechte an deren Stelle treten zu lassen. Meine schlechten Empfindungen lassen sich zu meinem Bedauern nicht so schnell vertreiben, obwohl ich nicht nachtragend bin. Als ich eintrat, huschte mir der Gedanke durch den Kopf, daß meine Mutter soeben schnell den Faden ihres Gesprächs mit Tatjana Pawlowna abgerissen habe, das recht lebhaft gewesen zu sein schien. Meine Schwester war nur einen Augenblick vor mir von ihrer Arbeit nach Hause gekommen und befand sich noch in ihrem Kämmerchen.

Die Wohnung bestand aus drei Zimmern. Dasjenige, in dem sich alle gewöhnlich aufhielten, das Mittel- oder Wohnzimmer, war bei uns ziemlich groß und machte beinah einen anständigen Eindruck. Es befanden sich darin ein paar bequeme rote Sofas, die allerdings stark abgescheuert waren (Wersilow duldete keine Überzüge), ein paar leidliche Teppiche, einige Tische und unnötige Tischchen. Rechts davon lag Wersilows Zimmer, das eng und schmal und einfenstrig war; darin stand ein jämmerlicher Schreibtisch, auf dem mehrere unbenutzte Bücher und vergessene Schriftstücke umherlagen, und vor dem Schreibtisch ein nicht minder jämmerlicher Polsterstuhl mit einer zerbrochenen und spitz nach oben vorstehenden Sprungfeder, über die Wersilow oft stöhnte und schimpfte. In diesem selben Zimmer wurde auch auf einem ebenfalls sehr abgenutzten Sofa ein Nachtlager für ihn zurechtgemacht; er haßte dieses sein Zimmer und tat, wie es schien, nichts darin, sondern zog es vor, ganze Stunden müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Links vom Wohnzimmer war ein genau ebensolches Zimmer, dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. In das Wohnzimmer gelangte man vom Flur aus, der mit dem Eingang in die Küche seinen Abschluß fand. Dort in der Küche wohnte die Köchin Lukerja, und wenn sie kochte, erfüllte sie erbarmungslos die ganze Wohnung mit dem Qualm von angebranntem Fett. Es gab Augenblicke, wo Wersilow wegen dieses Küchendunstes laut sein Leben und sein Schicksal verfluchte, und in diesem einen Punkt sympathisierte ich mit ihm vollständig; auch ich haßte diese Gerüche, obgleich sie gar nicht bis zu meinem Zimmer drangen: ich wohnte oben in einem Giebelzimmer unter dem Dach, wohin ich auf einer sehr steilen, knarrenden Treppe hinaufstieg. An bemerkenswerten Dingen waren da nur ein halbrundes Fenster und eine furchtbar niedrige Decke, ein Sofa mit Wachstuchbezug, auf das Lukerja zur Nacht für mich ein Laken breitete und ein Kissen legte, und sonst nur zwei Möbelstücke – ein ganz einfacher Brettertisch und ein Rohrstuhl mit löchrigem Sitz.

Übrigens hatten sich bei uns doch einige Überreste eines gewissen ehemaligen Komforts erhalten; so befand sich zum Beispiel im Wohnzimmer eine sehr hübsche Porzellanlampe, und an einer Wand hing ein vortrefflicher großer Kupferstich der Dresdner Madonna und gegenüber an einer andern Wand eine kostbare Photographie der Bronzetüren des Domes von Florenz, in gewaltigem Format. In demselben Zimmer hing in einer Ecke ein großer Heiligenschrein mit altertümlichen, schon lange im Besitz der Familie befindlichen Heiligenbildern, von denen das eine (alle Heiligen) eine große, vergoldete Silbereinfassung hatte, eben das, welches sie hatten versetzen wollen, und ein anderes (das Bild der Muttergottes) eine mit Perlen gestickte samtene. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das am Vorabend eines jeden Feiertages angezündet wurde. Wersilow verhielt sich den Heiligenbildern gegenüber, was ihre religiöse Bedeutung anbetraf, gleichgültig und runzelte nur manchmal, jedoch mit sichtlicher Selbstbeherrschung, die Stirn über das von der Goldeinfassung reflektierte Licht des Lämpchens, indem er ein klein wenig darüber klagte, daß das seiner Sehkraft schade, aber er hinderte meine Mutter doch nicht, das Lämpchen anzuzünden.

Ich kam gewöhnlich schweigend und mürrisch herein, sah irgendwohin in eine Ecke und grüßte mitunter nicht einmal beim Eintreten. Ich war sonst immer früher nach Hause gekommen als dieses Mal, und das Mittagessen wurde mir dann nach oben gebracht.

Als ich jetzt eintrat, sagte ich auf einmal: »Guten Abend, Mama«, was ich früher nie getan hatte; indes vermochte ich mich aus Verlegenheit auch diesmal nicht dazu zu zwingen, sie anzusehen, und setzte mich am entgegengesetzten Ende des Zimmers hin. Ich war sehr müde, aber daran dachte ich nicht.

»Dieser Flegel kommt immer noch so unhöflich wie früher zu euch herein«, schalt Tatjana Pawlowna über mich. Schimpfworte hatte sie sich auch früher gegen mich erlaubt, und das war schon zwischen ihr und mir zur Gewohnheit geworden.

»Guten Abend ...«, erwiderte meine Mutter; sie schien ganz die Fassung darüber verloren zu haben, daß ich sie begrüßt hatte. »Das Essen ist schon längst fertig«, fügte sie fast verwirrt hinzu. »Wenn nur die Suppe nicht schon kalt geworden ist, aber ich will gleich Lukerja sagen, daß sie die Koteletts ...« Sie wollte eilig aufstehen, um in die Küche zu gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat schämte ich mich plötzlich darüber, daß sie so hastig aufsprang, um mich zu bedienen, was ich doch bisher selbst von ihr verlangt hatte.

»Danke schön, Mama, ich habe schon zu Mittag gegessen. Wenn ich nicht störe, möchte ich mich hier ein bißchen erholen.«

»Ach ... was soll das ... warum denn nicht, setzen Sie sich doch ...«

»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Mama, ich werde zu Andrej Petrowitsch nicht mehr grob sein«, unterbrach ich sie kurz.

»Ach, Herrgott, wie großmütig von ihm!« rief Tatjana Pawlowna. »Sonja, Täubchen, sagst du denn wirklich immer noch zu ihm Sie? Was ist er denn Großes, daß ihm solche Ehre erwiesen werden müßte, und noch dazu von seiner eigenen Mutter! Nun sieh mal an, du bist ja ganz verlegen vor ihm geworden, es ist eine Schande!«

»Es wäre mir selbst sehr lieb, Mama; wenn Sie mich duzen wollten.«

»Ach... nun schön, dann werde ich es tun«, sagte meine Mutter eilig. »Ich... ich habe es ja auch nicht immer... nun, und von jetzt an werde ich es mir merken.«

Sie war ganz rot geworden. Ihr Gesicht war manchmal außerordentlich anziehend... Es war gutmütig, aber durchaus nicht einfältig, nur etwas blaß und blutarm. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und auf ihrer Stirn sammelten sich schon viele kleine Runzeln, aber um die Augen waren noch keine Fältchen vorhanden, und die großen, offenen Augen leuchteten immer mit einem stillen, ruhigen Glanz, der mich gleich vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Es gefiel mir auch gut, daß in ihrem Gesicht so gar nichts Trauriges oder Bedrücktes lag; im Gegenteil, der Ausdruck desselben wäre sogar heiter gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, manchmal ohne jeden Anlaß. Sie fuhr nicht selten in völlig grundlosem Schreck von ihrem Platz in die Höhe oder horchte ängstlich nach irgendeinem neuen Gespräch hin, bis sie sich überzeugt hatte, daß alles wie früher gut stand; denn »gut« und »wie früher«, das bedeutete bei ihr dasselbe. Wenn sich nur nichts veränderte, wenn sich nur nichts Neues zutrug, mochte es selbst etwas Glückliches sein!... Man hätte denken können, sie sei als Kind so verschüchtert worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch das Oval ihres länglichen Gesichts, und ich glaube, wenn ihre Backenknochen nur ein ganz klein bißchen weniger breit gewesen wären, so hätte man sie nicht nur in ihrer Jugend, sondern auch jetzt noch eine Schönheit nennen können. Sie war jetzt nicht mehr als neununddreißig Jahre alt, aber in ihrem dunkelblonden Haar traten schon eine Menge grauer Fäden hervor.

Tatjana Pawlowna warf ihr einen entschieden unwilligen Blick zu.

»So einen dummen Jungen Sie zu nennen! Und so vor ihm zu zittern! Du bist lächerlich, Sofja; ich muß mich über dich ärgern, weißt du!«

»Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt immer so zu ihm? Aber vielleicht machen Sie nur Spaß, wie?« fügte meine Mutter hinzu, als sie so etwas wie ein Lächeln auf Tatjana Pawlownas Gesicht bemerkte. Tatjana Pawlownas Schimpfen konnte man in der Tat manchmal nicht gut für Ernst nehmen, aber sie lächelte jetzt (wenn sie überhaupt lächelte) gewiß nur über meine Mutter; denn sie liebte deren Gutherzigkeit sehr und hatte ohne Zweifel schon bemerkt, wie glücklich sie in diesem Augenblick über meine Friedfertigkeit war.

»Ich muß mich natürlich verletzt fühlen, wenn Sie so ohne weiteres über einen herfallen, Tatjana Pawlowna, und gerade jetzt, wo ich beim Hereinkommen ›Guten Abend, Mama‹ gesagt habe, was ich bisher nie getan hatte«, hielt ich schließlich doch für nötig, ihr zu bemerken.

»Nun stellt euch das nur einmal vor«, brauste sie sofort auf, »das hält er für eine große Tat! Man soll dir wohl auf den Knien dafür danken, daß du dich einmal in deinem Leben höflich benommen hast? Und ist denn das etwa Höflichkeit? Warum siehst du in die Ecke, wenn du hereinkommst? Als ob ich nicht wüßte, wie barsch und unwirsch du sie behandelst! Du hättest auch zu mir ›Guten Abend‹ sagen können; ich habe dich in Windeln gelegt und bin deine Patin.«

Selbstverständlich verschmähte ich es, darauf zu antworten. In diesem Augenblick trat gerade meine Schwester ins Zimmer, und ich wandte mich schnell zu ihr.

»Lisa, ich habe heute mit Wassin gesprochen, und er hat sich bei mir nach dir erkundigt. Du hast ihn kennengelernt?«

»Ja, in Luga, im vorigen Jahr«, antwortete sie ganz schlicht, indem sie sich neben mich setzte und mich freundlich ansah. Ich hatte (ich weiß nicht warum) gemeint, sie würde dunkelrot werden, sowie ich zu ihr etwas von Wassin sagen würde. Meine Schwester war blond, hellblond, und schlug in der Haarfarbe weder nach der Mutter noch nach dem Vater, aber die Augen und der ovale Gesichtsschnitt waren fast ganz wie bei der Mutter. Die Nase war sehr gerade, klein und regelmäßig. Übrigens möchte ich noch eine Besonderheit hervorheben: sie hatte kleine Sommersprossen im Gesicht, was bei der Mutter ganz und gar nicht der Fall war. Von Wersilow hatte sie nur sehr wenig, höchstens die schlanke Gestalt, den hohen Wuchs und eine eigentümliche Anmut im Gang. Mit mir besaß sie nicht die geringste Ähnlichkeit; wir waren zwei entgegengesetzte Pole.

»Ich habe mit ihnen etwa drei Monate lang verkehrt«, fügte Lisa hinzu.

»Sagst du von Wassin mit ihnen, Lisa? Du mußt sagen mit ihm und nicht mit ihnen. Entschuldige, Schwester, daß ich dich korrigiere, aber es ist mir schmerzlich, daß deine Erziehung anscheinend ganz vernachlässigt worden ist.«

»So etwas in Gegenwart deiner Mutter zu sagen, ist von deiner Seite niederträchtig«, fuhr Tatjana Pawlowna heftig auf. »Und du redest Unsinn: ihre Erziehung ist durchaus nicht vernachlässigt worden.«

»Von meiner Mutter habe ich gar nicht gesprochen«, erwiderte ich in scharfem Ton. »Ich kann Ihnen sagen, Mama, daß ich Lisa als Ihr vollständiges Ebenbild betrachte. Sie haben sie, was Herzensgüte und schönen Charakter anbetrifft, zu einem ebenso prächtigen Wesen herangebildet, wie Sie es gewiß selbst gewesen sind und noch jetzt sind und lebenslänglich sein werden ... Ich rede nur von der äußeren Politur, von all diesen Dummheiten des gesellschaftlichen Verkehrs, die ja allerdings unumgänglich nötig sind. Ich bin nur darüber empört, daß Wersilow, wenn er hörte, daß du von Wassin ihnen sagst und nicht ihm, dich gewiß gar nicht korrigieren würde, – so hochmütig und gleichgültig benimmt er sich gegen uns. Das ist es, was mich wütend macht.«

»Ist selbst ein ungeleckter Bär und will andern Leuten Politur beibringen! Erdreisten Sie sich nicht, mein Herr, noch einmal in Gegenwart Ihrer Mutter so bloß ›Wersilow‹ zu sagen, und ebensowenig in meiner Gegenwart; das dulde ich nicht!« rief Tatjana Pawlowna mit blitzenden Augen.

»Mama, ich habe heute mein Gehalt bekommen, fünfzig Rubel; bitte, nehmen Sie es, da ist es!«

Ich trat zu ihr und hielt ihr das Geld hin; sie geriet sogleich wieder in Aufregung.

»Ach, ich weiß nicht, ob ich es nehmen soll!« sagte sie, als ob sie Angst hätte, das Geld zu berühren. Ich verstand das nicht.

»Aber ich bitte Sie, Mama, wenn Sie beide mich in der Familie als Sohn und Bruder ansehen, so ...«

»Ach, ich fühle mich dir gegenüber schuldig, Arkadij; ich sollte dir ein Geständnis machen, aber ich habe solche Furcht ...«

Sie sagte das mit einem schüchternen, schmeichelnden Lächeln; ich verstand sie wieder nicht und unterbrach sie:

»Übrigens, Mama, wissen Sie schon, daß heute vor Gericht Andrej Petrowitschs Prozeß mit den Fürsten Sokolskij entschieden worden ist?«

»Ach ja, ich weiß!« rief sie und legte erschrocken die Handflächen vor der Brust zusammen (eine bei ihr sehr häufige Geste).

»Heute?« rief Tatjana Pawlowna, heftig zusammenzuckend. »Aber das ist doch nicht möglich; er hätte doch etwas davon gesagt. Hat er es dir gesagt?« wandte sie sich zu meiner Mutter.

»Ach nein, daß es heute war, das hat er nicht gesagt. Aber ich habe schon die ganze Woche über solche Angst gehabt. Selbst wenn wir verloren haben sollten, würde ich Gott danken; wenn wir nur die Last von den Schultern los wären und alles wieder wäre wie früher!«

»Also auch Ihnen hat er es nicht gesagt, Mama!« rief ich. »Was ist das für ein Mensch! Da haben wir gleich eine Probe seiner Gleichgültigkeit und seines Hochmuts gegen uns; was habe ich eben gesagt?«

»Aber wie ist der Prozeß entschieden, wie ist er entschieden? Und wer hat es dir gesagt?« fuhr Tatjana Pawlowna auf mich los. »So rede doch!«

»Da kommt er ja selbst! Vielleicht wird er es erzählen«, sagte ich, da ich seine Schritte auf dem Flur hörte, und setzte mich schnell neben Lisa.

»Um Gottes willen, Bruder, schone Mama; sei verträglich zu Andrej Petrowitsch ...«, flüsterte mir meine Schwester zu.

»Ja, das werde ich sein, gewiß; ich habe mir das schon, als ich nach Hause kam, vorgenommen«, erwiderte ich und drückte ihr die Hand.

Lisa sah mich sehr mißtrauisch an, und sie sollte recht behalten.

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