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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

Nun bin ich mit der Schilderung meiner »Idee« fertig. Wenn diese Schilderung schlecht und oberflächlich ausgefallen ist, so bin ich daran schuld und nicht die »Idee«. Ich habe schon vorher bemerkt, daß gerade die einfachsten Ideen am allerschwersten zu erfassen sind; jetzt füge ich noch hinzu, daß sie auch am schwersten darzulegen sind, und dazu kommt noch, daß ich eine frühere Gestalt meiner »Idee« geschildert habe. Es besteht für die Ideen auch ein Gesetz, das das Gegenstück hierzu bildet: schlechte, schnell entstandene Ideen werden außerordentlich schnell erfaßt, und zwar unfehlbar von der großen Menge und von der ganzen Straße; ja, sie werden für die höchsten und genialsten angesehen, aber nur an dem Tag, wo sie in Erscheinung treten. Was billig ist, ist nicht dauerhaft. Die schnelle Verständlichkeit ist nur ein Zeichen der Schlechtigkeit dessen, was verstanden wird. Die Idee Bismarcks wurde in einem Augenblick für genial erachtet, und Bismarck selbst für ein Genie; aber gerade diese Schnelligkeit ist verdächtig: warten wir einmal zehn Jahre, und sehen wir dann zu, was von Bismarcks Idee und vielleicht von dem Herrn Kanzler selbst übriggeblieben ist. Diese höchst nebensächliche und nicht zur Sache gehörige Bemerkung setze ich natürlich nicht zum Zweck eines Vergleichs hierher, sondern ebenfalls nur, um mich später daran zu erinnern. (Das zur Erläuterung für einen gar zu unverständigen Leser.)

Jetzt aber will ich zwei Geschichten erzählen, um damit den über die »Idee« handelnden Abschnitt endgültig abzuschließen, so daß sie mich nachher in meiner Erzählung nicht mehr stören wird.

Im Sommer, im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon vollständig frei geworden war, bat mich einmal Marja Iwanowna, nach Troizkij Possad zu einem alten dort wohnenden Fräulein zu fahren und ihr einen Auftrag auszurichten; der Auftrag selbst ist ohne Interesse und verdient nicht, daß ich näher auf ihn eingehe. Als ich an demselben Tag zurückfuhr, bemerkte ich im Eisenbahnwagen einen ziemlich häßlichen jungen Mann, der nicht schlecht, aber unsauber gekleidet war, ein Gesicht voller Pickel und einen schmutzigbraunen Teint hatte. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er unfehlbar auf jeder Haltestelle ausstieg und einen Schnaps trank. Gegen Ende der Fahrt hatte sich um ihn ein lustiger Kreis gebildet, übrigens eine recht schäbige Gesellschaft. Ein Kaufmann, der schon etwas betrunken war, war von der Fähigkeit des jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und dabei doch nüchtern zu bleiben, ganz besonders entzückt. Sehr einverstanden mit dieser Neigung war auch ein noch junger Bursche, der furchtbar dumm aussah, furchtbar viel redete, nach deutscher Art gekleidet war und einen sehr häßlichen Geruch verbreitete, ein Lakai, wie ich später erfuhr; dieser hatte sich mit dem trinklustigen jungen Mann sogar angefreundet und veranlaßte ihn jedesmal, wenn der Zug hielt, zum Aufstehen durch die Einladung: »Jetzt ist es Zeit, einen Schnaps zu trinken«, worauf dann beide Arm in Arm ausstiegen. Der trinklustige junge Mann redete fast keine Silbe, aber die schwatzende Gesellschaft, die um ihn herumsaß, wurde immer größer und größer; er hörte nur zu, was sie alle sagten, lächelte fortwährend mit einem schleimigen Kichern und brachte von Zeit zu Zeit, aber immer ganz unerwartet, einen Laut hervor, der ungefähr wie »Türlürlü!« klang, wobei er in der Manier eines Clowns den Finger an die Nase hielt. Das erheiterte den Kaufmann, den Lakaien und alle andern sehr, und sie lachten darüber recht laut und ausgelassen. Es ist gar nicht zu verstehen, worüber die Leute manchmal lachen. Auch ich trat heran – und ich begreife nicht, wodurch dieser junge Mann mir ebenfalls irgendwie gefiel, vielleicht durch die entschiedene Verletzung der allgemein üblichen, obligatorischen Anstandsregeln, kurz, ich merkte nicht, daß er ein Dummkopf war; ich stand sogar mit ihm bald auf du und du, und als wir ausstiegen, erfuhr ich von ihm, daß er am Abend nach acht Uhr nach dem Twerskoi-Boulevard kommen würde. Es hatte sich herausgestellt, daß er ein früherer Student war. Ich kam auf den Boulevard, und nun höre man, was er mich für einen Streich lehrte: wir gingen beide alle Boulevards entlang, und wenn wir zu dieser schon späten Stunde eine anständige Frauensperson gehen sahen und ringsum keine Leute in der Nähe waren, so machten wir uns gleich an sie heran. Ohne ein Wort zu ihr zu sagen, traten wir, er an ihre eine, ich an ihre andere Seite und begannen mit der ruhigsten Miene, als ob wir sie gar nicht bemerkten, miteinander ein höchst unanständiges Gespräch. Wir nannten die Dinge mit ihren eigentlichen Namen, und zwar mit der harmlosesten Miene und als sei es ganz in der Ordnung, und ließen uns bei der Behandlung verschiedener Schändlichkeiten und Schweinereien auf solche Finessen ein, wie sie die schmutzigste Phantasie des schmutzigsten Wüstlings sich nicht hätte ausdenken können. (Ich hatte mir alle diese Kenntnisse natürlich schon in der Schule angeeignet, sogar schon vor dem Eintritt ins Gymnasium, kannte aber nur die Worte, nicht die Sache.) Die betreffende Frauensperson bekam immer einen großen Schreck und suchte möglichst schnell von uns wegzukommen, aber wir beschleunigten gleichfalls unsere Schritte und – setzten unser Gespräch fort. Das arme Opfer konnte natürlich nichts dagegen tun; schreien konnte sie nicht, Zeugen waren nicht da, und es wäre doch auch peinlich gewesen, sich über solche Dinge zu beschweren. Diesen Spaß machten wir uns etwa acht Tage lang; ich verstehe nicht, wie ich daran Gefallen finden konnte; ich fand auch eigentlich kein Gefallen daran, ich machte es nur so mit. Anfangs schien mir dieses Benehmen originell, weil es aus den gewöhnlichen, konventionellen Umgangsformen herausfiel; zudem konnte ich die Weiber nicht leiden. Ich erzählte einmal dem Studenten, daß Jean-Jacques Rousseau in seiner Beichte gesteht, er habe sich als junger Mann damit vergnügt, gewisse gewöhnlich verhüllte Körperteile verstohlenerweise aus einem Winkel entblößt hervorzustrecken und so auf vorübergehende Frauen zu warten. Der Student antwortete mir mit seinem Türlürlü. Ich hatte schon gemerkt, daß er furchtbar unwissend war und sich für erstaunlich wenige Dinge interessierte. Von einer verborgenen Idee, die ich bei ihm zu finden erwartet hatte, war nicht die Spur vorhanden. Statt der Originalität fand ich nur eine erdrückende Einförmigkeit. Ich mochte ihn immer weniger leiden. Schließlich endete die ganze Sache auf völlig unerwartete Weise: wir hatten uns wieder einmal, als es schon ganz dunkel war, an ein junges Mädchen herangemacht, das schnell und furchtsam den Boulevard entlangging; sie war noch sehr jung, vielleicht erst sechzehn Jahre oder noch jünger, und sehr sauber und bescheiden gekleidet. Vielleicht lebte sie von ihrer Hände Arbeit und kehrte nun von ihrer Tätigkeit nach Hause zu ihrer alten Mutter zurück, einer armen Witwe mit zahlreichen Kindern; aber es hat keinen Zweck, hier gefühlvoll zu werden. Das Mädchen hörte unser Gespräch eine Zeitlang an und eilte hastig weiter, mit gesenktem Kopf, herabgelassenem Schleier, ängstlich und zitternd, aber auf einmal blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soviel ich mich erinnere, recht hübschen, aber etwas mageren Gesicht zurück und rief uns mit funkelnden Augen zu:

»Ach, was sind Sie für gemeine Menschen!«

Vielleicht war ihr das Weinen nahe, aber es geschah etwas ganz anderes: sie holte aus und versetzte mit ihrer kleinen, mageren Hand dem Studenten eine Ohrfeige, wie sie geschickter vielleicht noch nie jemandem gegeben worden ist. Es klatschte nur so! Er wollte schimpfen und sich auf sie stürzen, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen fand Zeit davonzulaufen. Als wir allein geblieben waren, gerieten wir sofort miteinander in Streit: ich sprach alles aus, was sich während dieser ganzen Zeit in mir an Unzufriedenheit angesammelt hatte; ich sagte ihm, er sei ein Typ von kläglicher Unbegabtheit und Mittelmäßigkeit und habe nie die geringste Spur einer Idee besessen. Er belegte mich mit Schimpfworten ... (ich hatte ihm einmal von meiner illegitimen Herkunft Mitteilung gemacht), dann spuckten wir voreinander aus, und seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen. An jenem Abend war ich sehr ärgerlich, am andern Tag schon nicht mehr so sehr, und am dritten hatte ich die ganze Sache vergessen. Und sollte man es glauben: ich dachte zwar nachher noch manchmal an dieses junge Mädchen, aber doch nur gelegentlich und flüchtig. Erst nach meiner Ankunft in Petersburg (ich mochte wohl schon vierzehn Tage da sein) erinnerte ich mich auf einmal an diese ganze Szene und schämte mich plötzlich so sehr, daß mir buchstäblich die Tränen der Scham über die Wangen liefen. Der Gedanke daran quälte mich den ganzen Abend und die ganze Nacht und quält mich mitunter auch jetzt noch. Ich konnte anfangs gar nicht begreifen, wie es überhaupt möglich gewesen war, daß ich mich damals so unwürdig und gemein benommen hatte, und besonders, daß ich diesen Vorfall vergessen, mich seiner nicht geschämt und ihn nicht bereut hatte. Erst jetzt ist es mir klargeworden, woran das lag: schuld daran war meine »Idee«. Um es kurz zu machen, ich komme zu folgender Schlußfolgerung: wenn jemand einen feststehenden, dauernden, starken Gedanken im Kopf hat und von ihm völlig in Anspruch genommen ist, dann wird er dadurch gewissermaßen aus der Welt in die Einöde versetzt, und alles, was geschieht, gleitet nur flüchtig an ihm vorüber, an der Hauptsache vorbei. Selbst die äußeren Eindrücke werden nicht in normaler Weise aufgenommen. Und das wichtigste ist außerdem, daß man immer eine Ausrede hat. Wie oft peinigte ich in dieser Zeit meine Mutter, und in wie schmählicher Weise ließ ich meine Schwester unbeachtet: ›Ach was, ich habe meine »Idee«, alles andere sind Bagatellen!‹, so ungefähr sagte ich im stillen zu mir. Ich selbst wurde beleidigt, schwer beleidigt, ich ging beleidigt davon, und dann sagte ich plötzlich zu mir selbst: ›Ach was, ich nehme eine unwürdige Stellung ein, aber ich habe doch meine »Idee«, und davon wissen die anderen nichts.‹ Die »Idee« tröstete mich in Schande und Erniedrigung; aber auch alle meine Schändlichkeiten versteckten sich hinter der »Idee«; sie machte mir sozusagen alles leichter, jedoch breitete sie auch vor meine Augen eine Art Nebel; aber eine so unklare Auffassung der Ereignisse und Dinge kann natürlich auch der »Idee« selbst schädlich werden, von anderem ganz zu schweigen.

Jetzt das zweite Geschichtchen.

Marja Iwanowna feierte am ersten April vorigen Jahres ihren Namenstag. Am Abend waren einige Gäste da, nur sehr wenige Personen. Auf einmal kommt Agrafena ganz atemlos herein und sagt, im Flur vor der Küche schreie ein ausgesetztes kleines Kind und sie wisse nicht, was sie tun solle. Diese Nachricht regte alle sehr auf, alle gingen hin und sahen einen Spankorb und in dem Spankorb ein drei oder vier Wochen altes, wimmerndes kleines Mädchen. Ich nahm den Korb auf, trug ihn in die Küche und fand sogleich einen zusammengefalteten Zettel: »Liebe Wohltäter, erweist diesem kleinen, auf den Namen Arina getauften Mädchen wohlwollende Hilfe; dann werden wir und sie lebenslänglich unsere Tränen zum Thron Gottes hinaufsenden, und wir wünschen Euch auch Glück zum Namenstag. Leute, die Ihr nicht kennt.« Aber nun brachte mich der von mir so hochgeachtete Nikolai Semjonowitsch sehr auf: er machte ein sehr ernstes Gesicht und erklärte, die Kleine müsse unverzüglich ins Findelhaus geschickt werden. Ich wurde sehr traurig. Sie lebten sehr ökonomisch, hatten aber keine Kinder, und Nikolai Semjonowitsch war immer froh darüber. Ich nahm die kleine Arinotschka behutsam aus dem Korb heraus und hob sie an den Schulterchen in die Höhe; aus dem Korb kam ein säuerlicher, scharfer Geruch, wie er Säuglingen, die lange Zeit nicht gewaschen sind, eigen ist. Nachdem ich mich eine Weile mit Nikolai Semjonowitsch gestritten hatte, erklärte ich ihm plötzlich, ich würde das kleine Mädchen auf meine Kosten aufziehen. Dem widersetzte er sich trotz all seiner sonstigen Milde doch mit einiger Strenge, und obwohl er mit einem Scherz schloß, hielt er seine Absicht hinsichtlich des Findelhauses doch mit aller Kraft aufrecht. Dennoch geschah es nach meinem Willen; auf demselben Hof, aber im andern Nebengebäude, wohnte ein sehr armer Tischler, ein schon bejahrter, trunksüchtiger Mann; seiner Frau aber, einem noch ziemlich jungen, sehr gesunden Weib, war soeben ein Säugling gestorben und, was die Hauptsache war, das einzige Kind, das ihnen nach achtjähriger kinderloser Ehe geboren war, ebenfalls ein Mädchen und infolge eines seltsamen glücklichen Zufalls ebenfalls eine Arinotschka. Ich sage: infolge eines glücklichen Zufalls, denn als wir in der Küche miteinander stritten, kam diese Frau, die von dem Ereignis gehört hatte, herbeigelaufen, um das Kindchen anzusehen, und als sie hörte, daß es eine Arinotschka sei, wurde sie ganz gerührt. Die Milch war ihr noch nicht vergangen; sie machte ihre Brust frei und legte das Kind daran. Ich setzte ihr mit Bitten zu, sie möchte das Kind zu sich nehmen, ich würde ihr monatlich dafür bezahlen. Sie fürchtete, ihr Mann würde es vielleicht nicht erlauben, nahm das Kind aber doch für diese Nacht mit. Am Morgen erlaubte es der Mann für acht Rubel monatlich, und ich bezahlte ihm diesen Betrag gleich für den ersten Monat im voraus; er vertrank das Geld sofort. Nikolai Semjonowitsch, der immer noch sonderbar lächelte, erklärte sich bereit, dem Tischler gegenüber dafür zu bürgen, daß ich das Geld, die acht Rubel monatlich, pünktlich bezahlen würde. Ich wollte Nikolai Semjonowitsch, um ihn sicherzustellen, meine sechzig Rubel einhändigen, aber er nahm sie nicht an; übrigens wußte er, daß ich Geld besaß, und traute mir. Durch dieses taktvolle Benehmen von seiner Seite wurde unser momentaner Zwist ausgeglichen. Marja Iwanowna sagte nichts, wunderte sich aber darüber, daß ich eine solche Sorge auf mich nahm. Besonders hoch rechnete ich ihnen das Taktgefühl an, das sie darin bewiesen, daß Sie sich beide nicht den geringsten Scherz über mich erlaubten, sondern vielmehr von da an die Sache so ernst behandelten, wie es sich gehörte. Ich lief alle Tage etwa dreimal zu Darja Rodiwonowna, und eine Woche darauf schenkte ich ihr persönlich insgeheim ohne Wissen ihres Mannes noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich eine kleine Bettdecke und Windeln. Aber nach zehn Tagen wurde Rinotschka auf einmal krank. Ich holte sogleich einen Arzt; er verschrieb etwas, und wir mühten uns die ganze Nacht ab und quälten das kleine Wesen mit der widerwärtigen Arznei, aber am andern Tage erklärte der Arzt, es sei nichts mehr zu machen, und erwiderte auf meine Bitten – übrigens waren es wohl mehr Vorwürfe – mit edler Friedfertigkeit: »Ich bin nicht Gott.« Das Zünglein, die Lippen und der ganze Mund der Kleinen hatten sich mit einem dünnen, weißen Überzug bedeckt, und sie starb noch an jenem Abend; die großen schwarzen Augen hielt sie auf mich gerichtet, als ob sie schon alles verstünde. Ich begreife nicht, daß es mir nicht in den Sinn kam, die kleine Leiche photographieren zu lassen. Na, ob man es glaubt oder nicht, ich habe an jenem Abend nicht geweint, sondern geradezu geheult, was ich mir früher nie gestattet hatte, und Marja Iwanowna sah sich genötigt, mich zu trösten, und es war wieder kein Beiklang von Spott dabei, weder von ihrer noch von seiner Seite. Der Tischler fertigte einen kleinen Sarg an; Marja Iwanowna verzierte ihn mit einer Rüsche und legte ein hübsches Kissen hinein; ich aber kaufte Blumen und bestreute das Kindchen damit: so trugen wir mein armes Grashälmchen fort, das ich, ob man's glauben will oder nicht, bis auf den heutigen Tag nicht habe vergessen können. Bald darauf aber gab mir dieses plötzlich eingetretene Ereignis doch Anlaß zu sehr ernstem Nachdenken. Allerdings war mir Rinotschka nicht teuer zu stehen gekommen: alles in allem, mit dem Särglein, der Beerdigung, dem Arzt, den Blumen und der Zahlung an Darja Rodiwonowna, hatte ich dreißig Rubel ausgegeben. Dieses Geld brachte ich bei der Abreise nach Petersburg durch Einsparungen an den vierzig Rubeln Reisegeld, die mir Wersilow geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger Sachen vor der Abreise wieder ein, so daß mein ganzes »Kapital« unangerührt blieb. ›Aber‹, dachte ich, ›wenn ich solche Seitensprünge mache, werde ich nicht weit kommen.‹ Aus der Geschichte mit dem Studenten hatte sich ergeben, daß die »Idee« einen für andere Eindrücke stumpf machen und von den wirklichen Geschehnissen abziehen kann. Aus der Geschichte mit Rinotschka ergab sich das Gegenteil: daß keine »Idee« imstande ist, einen (wenigstens gilt das von mir) dermaßen mit sich fortzureißen, daß man nicht plötzlich vor irgendeinem packenden Ereignis stehenbleibt und ihm auf einmal alles opfert, was man schon in jahrelanger Arbeit für die »Idee« getan hat. Und nichtsdestoweniger waren beide Schlußfolgerungen richtig.

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