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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Es bleiben noch die Antworten auf die Fragen »Warum?« und »Wozu?« und »ist es eine sittlich gute Handlungsweise?« usw. usw.; auf diese Fragen hatte ich zu antworten versprochen.

Es tut mir leid, daß ich den Leser gleich von vornherein enttäuschen muß, es tut mir leid und freut mich zugleich. Man wisse also, daß in meiner »Idee« absolut nichts von einem Gefühl der »Rache« liegt, nichts Byronsches, keine Flüche, keine Klagen wegen Vaterlosigkeit, keine Tränen über illegitime Geburt, nichts Derartiges, nichts. Kurz, sollten meine Aufzeichnungen einer romantischen Dame in die Hände fallen, so wird sie sogleich ein Gesicht ziehen. Der ganze Zweck meiner »Idee« ist Absonderung von den Menschen.

»Aber Absonderung kann man erreichen, auch ohne damit zu renommieren, daß man ein Rothschild werden will. Inwiefern muß man dazu ein Rothschild sein?«

»Insofern, als ich außer der Absonderung auch Macht brauche.«

Ich schicke voraus: der Leser wird über die Offenherzigkeit meiner Beichte vielleicht einen Schreck bekommen und sich in seiner Harmlosigkeit fragen: ›Wie ist es nur möglich, daß der Verfasser dabei nicht errötet?!‹ Darauf antworte ich: ich schreibe nicht, um gedruckt zu werden; einen Leser werde ich wahrscheinlich erst nach zehn Jahren haben, wenn alles schon dermaßen klargeworden, in die Vergangenheit zurückgewichen und bewiesen sein wird, daß zum Erröten kein Anlaß mehr bestehen wird. Wenn ich mich daher in diesen meinen Aufzeichnungen manchmal an den Leser wende, so ist das lediglich eine Form. Mein Leser ist ein Geschöpf meiner Phantasie.

Nein, nicht meine illegitime Geburt, mit der ich bei Touchard so viel gehänselt wurde, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht die Rachsucht und nicht das Recht zu protestieren haben meine »Idee« hervorgerufen; schuld an allem ist einzig und allein mein Charakter. Von meinem zwölften Jahre an, glaube ich, das heißt fast von der Zeit an, wo das richtige Bewußtsein erwacht, konnte ich die Menschen nicht mehr leiden. Nicht eigentlich, daß ich sie nicht leiden konnte, aber der Verkehr mit ihnen wurde mir lästig. Es war mir in Augenblicken reiner Empfindung manchmal selbst überaus schmerzlich, daß ich nicht einmal denen gegenüber, die mir nahestehen, alles aussprechen kann (das heißt, ich könnte es wohl, aber ich will es nicht; ich halte mich aus einem mir selbst unklaren Grund zurück), und daß ich so mißtrauisch, mürrisch und schweigsam bin. Und ferner habe ich schon lange, fast seit meiner Kindheit, bei mir noch einen anderen Charakterzug bemerkt: daß ich zu häufig Beschuldigungen aufbringe, zu sehr geneigt bin, andere Leute zu beschuldigen; aber auf die Betätigung dieser Neigung folgte sehr oft unverzüglich ein anderer, mir besonders peinlicher Gedanke: ›Tragen vielleicht nicht sie die Schuld, sondern ich selbst?‹ Und wie oft beschuldigte ich mich ohne Grund! Um nicht solche Fragen beantworten zu müssen, suchte ich natürlich die Einsamkeit. Überdies habe ich, sosehr ich mich auch bemühte (und ich habe mich wirklich bemüht), an der Gesellschaft der Menschen nichts finden können; wenigstens erwies sich, daß alle meine Altersgenossen, alle meine Kameraden in ihrer Denkweise unter mir standen; ich besinne mich auf keine einzige Ausnahme.

Ja, ich bin finster und verstecke mich fortwährend. Ich hege oft den Wunsch, aus der menschlichen Gesellschaft auszuscheiden. Ich werde vielleicht den Menschen Gutes tun, aber oft sehe ich zu einer solchen Handlungsweise nicht den geringsten Anlaß. Auch sind die Menschen keineswegs so nett, daß man sich ihretwegen Sorgen machen sollte. Warum treten sie nicht geradeheraus und offen an einen heran, und warum muß ich unbedingt als erster mich an sie heranmachen? Das ist eine Frage, die ich mir oft vorgelegt habe. Ich bin ein dankbares Wesen und habe das schon durch Hunderte von Dummheiten bewiesen. Ich würde Offenheit augenblicklich mit Offenheit erwidern und den Betreffenden sofort liebgewinnen. Und das habe ich auch schon oft getan; aber alle haben mich sogleich hinters Licht geführt und sich mit Hohn und Spott vor mir versteckt. Der offenherzigste von allen war noch Lambert, der mich in meiner Kindheit viel prügelte; aber auch der war nur ein offenherziger Schuft und Übeltäter, und seine Offenherzigkeit war nur eine Folge seiner Dummheit. Das waren meine Gedanken, als ich nach Petersburg kam.

Als ich damals aus Dergatschews Wohnung heraustrat (weiß der Himmel, was mich zu ihm hingezogen hatte), schloß ich mich an Wassin an und sprach ihm in einem Anfall von Begeisterung meine Bewunderung aus. Und was geschah? Noch am selben Abend fühlte ich, daß meine Zuneigung zu ihm sehr viel geringer geworden war. Warum? Ebendarum, weil ich ihm meine Bewunderung ausgesprochen und mich dadurch vor ihm erniedrigt hatte. Es könnte scheinen, daß gerade das Gegenteil zu erwarten sei: ein Mensch, der so gerecht und offenherzig ist, daß er einem anderen sogar zu seinem eigenen Schaden die gebührende Anerkennung zollt, ein solcher Mensch steht doch, was seinen eigenen Wert anlangt, höher als jeder andere. Aber – ich sah das ein und mochte Wassin doch weniger gern, sogar sehr viel weniger; ich wähle absichtlich ein Beispiel, das dem Leser bereits bekannt ist. Sogar an Krafft dachte ich mit einem unangenehmen, bitteren Gefühl zurück, weil er mich selbst ins Vorzimmer hinausgeführt hatte, und diese Empfindung dauerte bis zum nächsten Tag, als völlig klar wurde, wie es mit Krafft gestanden hatte, und ich ihm nicht mehr zürnen konnte. Etwas Ähnliches hatte ich im Gymnasium, und zwar schon in den untersten Klassen, durchgemacht: wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in den Wissenschaften oder in witzigen Antworten oder an Körperkraft, dann hörte ich sofort auf, mit ihm zu verkehren und zu reden. Nicht daß ich ihn gehaßt oder ihm etwas Schlechtes gewünscht hätte; ich wandte mich einfach von ihm ab, weil das nun einmal in meinem Charakter lag.

Ja, ich habe mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß mir bestimmt jeder ins Gesicht gelacht hätte, wenn er erfahren hätte, was unter meiner Hirnschale vorging. Dies ist der Grund, weshalb ich das heimliche Wesen so liebgewann. Ja, ich arbeitete mit aller Kraft an meinen Luftschlössern, dergestalt, daß ich zu Gesprächen mit anderen Menschen gar keine Zeit hatte; man folgerte daraus, daß ich menschenscheu sei, und zog aus meiner Zerstreutheit noch häßlichere Schlüsse zu meinen Ungunsten, aber meine roten Wangen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich fühlte ich mich, wenn ich mich ins Bett gelegt, die Decke über den Kopf gezogen hatte und nun ganz allein, in vollster Einsamkeit, ohne daß Menschen um mich herum gewesen wären oder ich auch nur einen Laut von ihnen gehört hätte, anfing, mein Leben in Gedanken umzugestalten. Solchen Träumereien gab ich mich mit brennendem Eifer hin, bis ich meine »Idee« fand, worauf dann alle meine bis dahin törichten Phantasien auf einmal verständig wurden und aus der Form des erdichteten Romans in die Form vernunftmäßiger Wirklichkeit übergingen.

Alles floß zusammen und nahm die Richtung auf ein Ziel hin. Meine Phantasien waren übrigens auch vorher nicht gar so töricht gewesen, trotz ihrer unzählbaren Menge. Aber ich hatte unter ihnen meine besonderen Lieblinge gehabt ... Indessen kann ich sie hier nicht vorführen.

Macht! Ich bin überzeugt, daß es sehr vielen Menschen sehr lächerlich vorkommen würde, wenn sie erführen, daß ein solches »Subjekt« wie ich nach Macht trachtet. Aber ich will sie in noch größeres Erstaunen versetzen: vielleicht schon von meinen ersten Träumereien an, das heißt fast seit meiner frühesten Kindheit, habe ich mich nie anders denken können als auf dem ersten Platz, immer und auf allen Gebieten des Lebens. Ich füge noch ein sonderbares Geständnis hinzu: vielleicht dauert das noch bis auf den heutigen Tag. Ich bemerke dabei, daß ich deswegen nicht um Verzeihung bitte.

Und darin besteht eben meine »Idee«, darin liegt ihre Kraft, daß Geld der einzige Weg ist, der sogar ein unbedeutendes Subjekt auf den ersten Platz führt. Ich bin vielleicht gar nicht einmal ein unbedeutendes Subjekt, aber ich weiß zum Beispiel aus dem Spiegel, daß mein Äußeres mir schadet, da ich ein ganz ordinäres Gesicht habe. Aber wenn ich erst so reich sein werde wie Rothschild, wer wird dann an meinem Gesicht etwas auszusetzen haben, und werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit ihrer Schönheit Hals über Kopf zu mir gelaufen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie selbst schließlich ganz aufrichtig mich für einen schönen Mann halten werden. Ich bin vielleicht klug. Wenn sich jedoch in der Gesellschaft jemand findet, der sehr klug ist, dann bin ich erledigt. Aber wenn ich ein Rothschild bin, kann dann dieser kluge Mann gegen mich aufkommen? Es wird ihm neben mir nicht einmal vergönnt werden, den Mund auf zu tun! Ich bin vielleicht geistreich; rivalisiert jedoch ein Talleyrand, ein Piron mit mir, so bin ich in den Schatten gestellt; aber wenn ich ein Rothschild bin, wo bleibt da ein Piron und vielleicht sogar ein Talleyrand? Das Geld ist sicherlich eine despotische Macht, aber zugleich ist es der größte Gleichmacher, und darin liegt seine Hauptstärke. Das Geld macht alle Ungleichheiten gleich. All das ist mir schon in Moskau klargeworden.

Man wird in diesem Gedanken natürlich nur eine Unverschämtheit sehen, den Wunsch, andere zu vergewaltigen, das Streben eines unbedeutenden Subjektes, über talentvolle Mitmenschen zu triumphieren. Ich gebe zu, daß dieser Gedanke dreist ist (ebendeshalb ist er so wonnevoll). Aber mag er es sein, mag er es sein: meint jemand, ich hätte mir damals Macht gewünscht, um andere Menschen zu erdrücken und mich so zu rächen? Das ist es ja eben, daß ein ordinärer Mensch unbedingt so handeln würde. Ja noch mehr: ich bin überzeugt, daß Tausende von talentvollen, hochstehenden Männern, wenn ihnen auf einmal Rothschilds Millionen zufielen, die Selbstbeherrschung verlieren, sich wie die gemeinste, gewöhnlichste Sorte betragen und ihre Mitmenschen in der ärgsten Weise bedrücken würden. Meine Idee ist von anderer Art. Ich bin vor dem Geld nicht bange; es wird mich nicht bedrücken und mich nicht veranlassen, andere zu bedrücken.

Ich brauche das Geld nicht, oder, richtiger gesagt, ich brauche nicht das Geld und nicht einmal die Macht, sondern nur das, was man durch die Macht erlangt und was man ohne Macht auf keine Weise erlangen kann: das ist ein einsames, ruhiges Kraftbewußtsein! Das ist die erschöpfendste Definition der Freiheit, diese Definition, mit der sich die Welt so herumschlägt! Freiheit! Endlich habe ich dieses große Wort hingeschrieben ... Ja, das einsame Kraftbewußtsein ist etwas Verlockendes und Schönes. Ich besitze Kraft, und ich bin ruhig. Jupiter hat den Donnerkeil in der Hand, und was tut er: er ist ruhig; hört man ihn etwa häufig donnern? Ein Dummkopf könnte glauben, er schlafe. Aber man setze irgendeinen Literaten oder ein dummes Bauernweib an Jupiters Stelle – und das Gedonner würde nicht abreißen!

Wenn ich erst die Macht habe, so überlegte ich, dann werde ich gar nicht das Bedürfnis haben, mich ihrer zu bedienen; ich versichere, daß ich selbst, aus eigenem, freiem Willen, überall den letzten Platz einnehmen werde. Wenn ich ein Rothschild wäre, so würde ich mit einem schlechten, alten Überzieher und mit einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß ich auf der Straße gestoßen werde, daß ich genötigt bin, eilig durch den Schmutz zu springen, damit mich die Droschken nicht überfahren? Das Bewußtsein, daß ich es bin, Rothschild selbst, würde mich in diesem Augenblick sogar heiter stimmen. Ich weiß, daß ich vielleicht ein so feines Diner wie kein anderer und den besten Koch von der Welt haben kann, und es genügt mir, daß ich es weiß. Ich werde ein Stück Brot mit Schinken essen und schon durch das Bewußtsein satt sein. Ich denke sogar heute noch so.

Ich werde mich nicht an die Aristokratie herandrängen, sondern sie sich an mich, ich werde nicht auf die Weiber Jagd machen, sondern sie werden von selbst angelaufen kommen und mir alles anbieten, was eine Frau anbieten kann. Die »gemeinen« Weiber werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird die Neugier zu dem sonderbaren, stolzen, verschlossenen, gegen alles gleichgültigen Wesen hinziehen. Ich werde zu den einen wie zu den andern freundlich sein und ihnen vielleicht Geld geben, selbst aber von ihnen nichts annehmen. Neugier erzeugt Leidenschaft, und so werde auch ich ihnen vielleicht Leidenschaft einflößen. Aber ich versichere: sie werden, ohne etwas erreicht zu haben, wieder weggehen, höchstens mit Geschenken. Dadurch werde ich für sie doppelt interessant werden.

... Genug schon ist mir Solches Wissen.

Merkwürdig, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens zutreffend ist) schon als Siebzehnjähriger verliebt habe.

Quälen und erdrücken will und werde ich niemand; aber ich weiß, daß, wenn ich irgend jemand, einen Feind von mir, zugrunde richten wollte, niemand mir dabei hinderlich sein, sondern vielmehr alle mir behilflich sein würden, und dieses Bewußtsein würde mir wieder genügen. Ich würde mich nicht einmal an jemand rächen. Ich habe mich immer darüber gewundert, wie James Rothschild hat einwilligen können, Baron zu werden! Warum, wozu, da er doch auch ohnedies alle Menschen auf der Welt überragte? ›Mag mich doch jener unverschämte General auf der Poststation beleidigen, wo wir beide auf frische Pferde warten; wenn er wüßte, wer ich bin, würde er selbst hinlaufen, um sie mir anzuspannen, und würde eifrig hinzuspringen, um mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Reisewagen behilflich zu sein! In der Zeitung hat einmal gestanden, daß ein ausländischer Graf oder Baron in einem von Wien abgehenden Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor den Augen der Mitreisenden die Pantoffeln angezogen hat; und dieser ist ordinär genug gewesen, das zuzulassen. Oh, mag diese junge Dame, deren Schönheit geradezu Schrecken einflößt (jawohl: Schrecken, es gibt solche Schönheit), diese Tochter einer hochmütigen, vornehmen Aristokratin, mag sie, wenn sie zufällig auf einem Dampfschiff oder sonstwo mit mir zusammentrifft, mich von der Seite ansehen und, die Nase rümpfend, sich geringschätzig darüber wundern, wie dieser bescheidene, häßliche Mensch, mit einem Buch oder einer Zeitung in der Hand, hat so dreist sein können, sich in die erste Klasse einzudrängen und sich neben sie zu setzen. Aber wenn sie wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren – sie wird es erfahren und sich aus freien Stücken neben mich setzen, demütig, schüchtern und freundlich; sie wird meinen Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen ...‹ Ich setze diese aus der frühesten Zeit stammenden kleinen Bilder absichtlich hierher, um den Gedanken klarer zum Ausdruck zu bringen; aber diese kleinen Bilder sind blaß und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles.

Man wird sagen, es sei dumm, so zu leben: warum solle man sich nicht einen Palast anschaffen, ein offenes Haus haben, Gesellschaft um sich versammeln, Einfluß ausüben, sich verheiraten? Aber was würde dann der Rothschild für ein Mensch werden? Er würde ein ebensolcher Mensch werden wie alle. Der ganze Reiz der »Idee«, ihre ganze sittliche Kraft würde verschwinden. Ich habe schon als Kind den Monolog des »Geizigen Ritters« bei Puschkin auswendig gelernt; etwas Höheres als dies, was die Idee anlangt, hat Puschkin nicht geschaffen! Dieselben Anschauungen habe ich heute noch.

»Aber dein Ideal ist gar zu niedrig«, wird man zu mir sagen. »Geld, Reichtum! Das Richtige ist doch Förderung des Gemeinwohls, sind Handlungen der Menschenliebe.«

Aber woher weiß denn jemand, wie ich meinen Reichtum gebrauchen würde? Inwiefern ist es denn unmoralisch und niedrig, daß diese Millionen aus einer Menge von schlechten, schmutzigen Judenhänden in die Hände eines nüchternen, charakterfesten Asketen zusammenströmen, der die Welt mit scharfem Blick ansieht? Überhaupt klingen alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen jetzt noch sehr romanhaft, und es ist vielleicht zwecklos, wenn ich sie niederschreibe; sie wären wohl besser in meinem Kopf geblieben; ich weiß auch, daß diese Zeilen vielleicht von niemand werden gelesen werden; aber wenn sie jemand lesen sollte, wird er mir dann wohl glauben, daß ich den Rothschildschen Millionen vielleicht wirklich nicht gewachsen sein werde? Nicht etwa, weil sie mich erdrücken würden, sondern in ganz anderem, entgegengesetztem Sinne. In meinen Zukunftsträumen habe ich schon mehrmals jenen künftigen Moment ins Auge gefaßt, wo mein Machtbewußtsein vollauf befriedigt sein, die Macht aber mir als etwas Geringwertiges erscheinen wird. Dann werde ich, nicht aus Langeweile oder zielloser Verdrossenheit, sondern weil mein uferloses Streben auf noch Größeres abzielen wird, meine Millionen den Menschen hingeben; mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum unter sich verteilen, ich aber, ich werde wieder in der untersten Schicht verschwinden! Vielleicht verwandle ich mich sogar in jenen Bettler, der auf dem Dampfer starb, nur mit dem Unterschied, daß man in meinen Lumpen nichts eingenäht finden wird. Allein das Bewußtsein, daß sich Millionen in meinen Händen befunden haben und ich sie wie eine Hekatombe Gold in den Schmutz geworfen habe, wird mich dann in meiner Vereinsamung nähren. Ich neige auch jetzt noch dazu, so zu denken. Ja, meine »Idee« ist eine Festung, in der ich mich immer und unter allen Umständen vor allen Menschen verbergen kann, und sei es in Gestalt des Bettlers, der auf dem Dampfer starb. Das ist meine Dichtung! Und wisset, daß ich meine lasterhafte Machtfülle ganz brauche, nur um mir selbst zu beweisen, daß ich imstande bin, auf sie zu verzichten.

Ohne Zweifel wird man einwenden, das sei poetische Verstiegenheit und ich würde die Millionen, wenn ich einmal in ihren Besitz gelangt wäre, nie aus der Hand lassen und mich nicht in den Bettler von Saratow verwandeln. Vielleicht werde ich sie wirklich nicht aus der Hand lassen; ich habe nur die Idealgestalt meines Gedankens gezeichnet. Aber ich füge im vollen Ernst hinzu: wenn ich bei der Ansammlung von Reichtümern bis zu der Ziffer des Rothschildschen Vermögens gelangt sein sollte, dann könnte die Sache tatsächlich damit enden, daß ich mein Geld der Gesellschaft hingäbe. (Vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer würde es allerdings schwer sein, das auszuführen.) Und ich würde nicht etwa die Hälfte hingeben, denn das wäre eine unwürdige Handlungsweise: ich würde dann lediglich um die Hälfte ärmer sein, weiter nichts; sondern ich würde schlechthin alles hingeben, alles bis auf die letzte Kopeke, denn dadurch, daß ich ein Bettler würde, würde ich plötzlich noch einmal so reich sein wie Rothschild! Wenn die Menschen das nicht verstehen, dann kann ich nichts dafür; eine Erläuterung werde ich nicht geben.

»Das ist Fakirtum, poetische Phantasie eines unbedeutenden, kraftlosen Menschen«, werden die Leute urteilen, »der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Ja, ich gebe zu, daß es zum Teil der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit ist, aber wohl kaum der der Kraftlosigkeit. Es machte mir besonderes Vergnügen, mir gerade ein talentloses, mittelmäßiges Individuum vorzustellen, das der ganzen Welt gegenüberträte und lächelnd zu ihr sagte: »Ihr seid Männer wie Galilei und Kopernikus, wie Karl der Große und Napoleon, wie Puschkin und Shakespeare, ihr seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, ich aber bin talentlos und illegitim und stehe dennoch über euch, weil ihr selbst euch mir untergeordnet habt.« Ich bekenne, ich bin in dieser Phantasie so weit gegangen, sogar die Bildung zu verwerfen. Es schien mir, daß es schöner sein würde, wenn dieser Mensch sogar einen starken Mangel an Bildung aufwiese. Dieser denn doch zu weit getriebene Gedanke beeinträchtigte damals sogar meine Fortschritte in der siebenten Klasse des Gymnasiums; ich hörte infolge eben dieses Fanatismus auf zu lernen, in der Vorstellung, der Mangel an Bildung werde die Schönheit meines Ideals noch steigern. Jetzt habe ich meine Ansicht in diesem Punkt geändert: die Bildung stört nicht.

Meine Herren, können Sie es denn wirklich gar nicht vertragen, wenn jemand auch nur im geringsten selbständig denkt? Glücklich, wer ein Schönheitsideal besitzt, mag es auch ein falsches sein! Aber an das meine glaube ich. Ich habe es nur nicht ordentlich auseinandergesetzt, zu ungeschickt und schülerhaft. Nach zehn Jahren würde ich es natürlich besser darlegen können. Das Obige will ich mir zur Erinnerung aufheben.

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