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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Also das war der Mensch, um den mein Herz so viele Jahre lang geklopft hatte? Und was hatte ich denn von Krafft erwartet? Was für neue Mitteilungen hatte ich mir von ihm versprochen?

Als ich von Krafft herauskam, verspürte ich starken Hunger; es war schon gegen Abend, und ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Ich ging, gleich dort auf der Petersburger Seite, auf dem Großen Prospekt in ein kleines Restaurant, um dort zwanzig oder höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben; eine größere Ausgabe hätte ich mir damals unter keinen Umständen gestattet. Ich ließ mir eine Suppe geben, und nachdem ich sie verzehrt hatte, setzte ich mich, wie ich mich erinnere, an ein Fenster und sah hinaus. Im Zimmer waren viele Menschen; es roch nach angebranntem Fett, Restaurationsservietten und Tabak. Es war widerlich. Über meinem Kopf pochte eine stimmlose Nachtigall trübsinnig und melancholisch mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs. In dem anstoßenden Billardzimmer wurde gelärmt; ich aber saß da und überließ mich meinen Gedanken. Der Sonnenuntergang (warum hatte sich Krafft nur darüber gewundert, daß ich den Sonnenuntergang nicht gern hatte?) erweckte in mir neue, unerwartete Empfindungen, die ganz und gar nicht zu dem Ort paßten. Mir schwebte immer der stille Blick meiner Mutter vor, ihre lieben Augen, die mich nun schon einen ganzen Monat lang so schüchtern ansahen. In der letzten Zeit war ich zu Hause recht grob gewesen, namentlich ihr gegenüber; eigentlich wollte ich zu Wersilow grob sein, aber da ich mich an ihn nicht herantraute, so peinigte ich nach meiner schlechten Gewohnheit meine Mutter. Ich hatte sie sogar ganz verängstigt; oft sah sie mich, wenn Andrej Petrowitsch eintrat, mit einem so flehenden Blick an, weil sie einen heftigen Ausbruch meinerseits befürchtete ... Sehr sonderbar war es, daß ich hier, im Restaurant, zum erstenmal darüber nachdachte, daß Wersilow zu mir du sagte, sie aber Sie. Gewundert hatte ich mich darüber auch schon früher, und zwar nicht in einem für sie günstigen Sinne; jetzt aber stellte ich darüber besondere Überlegungen an – und sehr sonderbare Gedanken zogen einer nach dem andern durch meinen Kopf. Ich blieb lange auf meinem Platz sitzen, bis zum Einbruch völliger Dunkelheit. Ich dachte auch an meine Schwester ...

Es war für mich ein entscheidender Augenblick. Ich mußte unter allen Umständen einen Entschluß fassen! War ich denn dazu wirklich unfähig? Was war denn so Schweres daran, alle Beziehungen abzubrechen, wenn diese Menschen zudem selbst nichts von mir wissen wollten? Meine Mutter und meine Schwester? Aber diese beiden wollte ich in keinem Fall verlassen – welche Wendung die Sache auch nehmen mochte.

Es ist wahr: das Auftreten dieses Menschen in meinem Leben, als ich noch in der ersten Kindheit war, hatte zwar nur einen Augenblick gedauert, mir aber doch jenen bedeutsamen Stoß gegeben, von dem mein Bewußtsein begann. Wäre ich damals nicht mit ihm zusammengetroffen, so würden mein Verstand, meine Denkart, mein Schicksal sich gewiß anders gestaltet haben, sogar trotz meines mir vom Schicksal vorherbestimmten Charakters, dem ich allerdings nicht hätte entgehen können.

Und nun stellte es sich heraus, daß dieser Mensch nur ein Phantasiegebilde von mir war, ein Phantasiegebilde aus meinen Kinderjahren. Ich selbst hatte ihn mir so ausgedacht, in Wirklichkeit aber war er ein ganz anderer und stand tief, tief unter dem Gebilde meiner Phantasie. Zu einem sittlich reinen Menschen war ich hergereist, nicht zu diesem. Und warum hatte ich ihn ein für allemal liebgewonnen in jenem kurzen Augenblick, als ich, noch ein kleines Kind, ihn damals erblickte? Dieses »ein für allemal« mußte nun verschwinden. Ich werde später einmal, wenn sich dazu Platz findet, diese unsere erste Begegnung erzählen: es war ein ganz unbedeutender Vorgang, auf den sich keine Folgerung bauen ließ. Aber ich baute eine ganze Pyramide von Folgerungen darauf auf. Ich begann diese Pyramide schon unter der Decke meines Kinderbettchens, wenn ich vor dem Einschlafen weinte und meinen Gedanken nachhing; worüber ich weinte und worüber ich nachdachte, das weiß ich selbst nicht. Darüber, daß ich so verlassen war? Darüber, daß ich gequält wurde? Aber gequält wurde ich nur wenig, nur zwei Jahre lang in der Touchardschen Pension, in die er mich brachte, worauf er für immer wegfuhr. Nachher hat mich niemand mehr gequält; vielmehr habe sogar ich selbst stolz auf meine Mitschüler hinabgeblickt. Und ich kann auch jene sich selbst bejammernden vaterlosen Kinder nicht ausstehen! Ich kenne nichts Ekelhafteres, als wenn diese illegitimen vaterlosen Kinder, alle diese Ausgestoßenen und überhaupt diese ganze Bagage, mit der ich nicht das geringste Mitleid habe, sich auf einmal feierlich vor dem Publikum erheben und kläglich, aber erbaulich losheulen: »Seht, wie man an uns gehandelt hat!« Am liebsten würde ich diese vaterlosen Kinder durchhauen. Niemand von dieser widerwärtigen Gesellschaft hat Verständnis dafür, daß es für ihn sehr viel anständiger ist, zu schweigen und nicht zu heulen und sich nicht zu Klagen herabzuwürdigen. Wenn du dich aber dazu herabwürdigst, du Sohn der Liebe, dann hast du dein Los verdient. So denke ich darüber!

Aber nicht das war lächerlich, daß ich früher »unter meinem Bettdeckchen« phantastischen Träumereien nachgehangen hatte, sondern daß ich nun gerade um seinetwillen hergereist war, wieder um dieses erdachten Menschen willen, und meine Hauptziele dabei fast vergessen hatte. Ich war hergefahren, um ihm im Kampf gegen die Verleumdung, bei der Überwindung seiner Feinde zu helfen. Jenes Schriftstück, von dem Krafft gesprochen hatte, jener Brief, den diese Frau an Andronikow geschrieben hatte und um den sie jetzt solche Angst ausstand, jener Brief, der ihr Lebensglück zertrümmern und sie an den Bettelstab bringen konnte und von dem sie annahm, daß er sich in Wersilows Händen befinde, – dieser Brief befand sich nicht in Wersilows Händen, sondern war in meiner Seitentasche eingenäht! Ich hatte ihn selbst eingenäht, und bisher wußte kein Mensch auf der ganzen Welt etwas davon. Daß Marja Iwanowna, die das Schriftstück »in Verwahrung« gehabt hatte, bei ihrer Vorliebe für alles Romanhafte für nötig befunden hatte, es mir zu übergeben und keinem andern, das hatte von ihrer Ansicht und ihrem freien Willen abgehangen, und ich bin nicht verpflichtet, es zu erklären; vielleicht erzähle ich die Geschichte einmal bei Gelegenheit; aber nachdem ich in so unerwarteter Weise eine Waffe in die Hand bekommen hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich in Petersburg zu zeigen. Allerdings beabsichtigte ich diesem Menschen nur insgeheim zu helfen, ohne selbst hervorzutreten und ohne mich zu ereifern und ohne von ihm Belobigungen oder Umarmungen zu erwarten. Und niemals, niemals wollte ich mich dazu herabwürdigen, ihm irgendeinen Vorwurf zu machen! Was konnte er denn auch dafür, daß ich mich in ihn verliebt und mir aus ihm ein phantastisches Ideal zurechtgemacht hatte? Und vielleicht liebte ich ihn nicht einmal. Sein origineller Geist, sein interessanter Charakter, seine Intrigen und Abenteuer und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte, all das hätte mich, wie ich glaubte, nicht mehr halten können; es genügte schon das eine, daß meine phantastische Puppe zerbrochen war und ich ihn vielleicht nicht mehr lieben konnte. Was war es denn also, was mich hielt und woran ich mich festklammerte? Das war die Frage. Und als Resultat ergab sich, daß nur ich der Dumme war und sonst niemand.

Aber wie ich von anderen Ehrlichkeit verlange, so werde ich auch selbst ehrlich sein: ich muß bekennen, daß das in meiner Tasche eingenähte Schriftstück in mir nicht nur den leidenschaftlichen Wunsch erregt hatte, Wersilow zu Hilfe zu eilen. Jetzt ist mir das alles vollständig klar, und auch schon damals brachte mich ein anderer Gedanke zum Erröten. Es hatte mir eine Frau vorgeschwebt, ein stolzes Wesen aus den höchsten Kreisen, der ich Auge in Auge gegenübertreten würde; sie würde mich verachten, über mich lachen wie über eine armselige Maus, ohne auch nur zu ahnen, daß ich der Herr ihres Schicksals bin. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau berauscht und besonders im Eisenbahnwagen, als ich hierherfuhr; ich habe das schon weiter oben eingestanden. Ja, ich haßte diese Frau, aber ich liebte sie bereits als mein Opfer, und das alles ist die reine Wahrheit, so war das alles in Wirklichkeit. Aber dabei war das ein so kindisches Benehmen, wie ich es nicht einmal von einem solchen Menschen wie mir erwartet hätte. Ich schildere meine damaligen Empfindungen, das heißt das, was mir damals durch den Kopf ging, als ich in dem Restaurant unter der Nachtigall saß und den Entschluß faßte, noch an diesem Abend ein für allemal mit ihnen zu brechen. Der Gedanke an die kurz vorher erfolgte Begegnung mit dieser Frau trieb mir plötzlich die Schamröte ins Gesicht. Eine schmähliche Begegnung! Ein schmählicher, dummer Eindruck, der – und das war das Wichtigste – auf das deutlichste meine Unfähigkeit zu ernstem Handeln bewies. Es bewies nur – so dachte ich damals –, daß ich nicht einmal den dümmsten Verlockungen Widerstand zu leisten imstande sei, während ich doch selbst eben erst zu Krafft gesagt hatte, ich hätte »meinen Platz« und meine Aufgabe, und selbst ein Leben von dreifacher Länge würde mir noch zu wenig sein. Voll Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich meine Idee beiseite geworfen und mich in Wersilows Angelegenheiten eingemischt hatte, dafür könnte man noch eine Entschuldigung vorbringen; aber daß ich wie ein überraschter Hase mich von einer Seite nach der andern warf und mich auf alle möglichen Lappalien einließ, daran war offenbar nichts anderes als meine Dummheit schuld. Hatte mich der Teufel reiten müssen, zu Dergatschew hinzugehen und dort mit meinen Dummheiten herauszuplatzen, obwohl ich doch schon längst wußte, daß ich es nicht verstehe, etwas verständig und vernünftig darzulegen, und am besten tue zu schweigen! Und so ein Wassin mußte mich dann durch den Hinweis darauf trösten, daß ich »noch fünfzig Lebensjahre vor mir hätte und somit kein Grund vorläge, mich zu grämen«. Dieser sein Gedanke ist schön, das gebe ich zu, und macht seinem unbestreitbaren Verstand alle Ehre; schön ist er schon dadurch, daß er ganz einfach ist, und das Einfachste begreift man immer erst zuletzt, wenn man schon alles, was wunderlicher und dümmer ist, durchprobiert hat; aber ich hatte diesen Gedanken schon selbst gekannt, noch ehe Wassin ihn aussprach; diesen Gedanken hatte ich schon seit mehr als drei Jahren gehabt; ja noch mehr: in ihm steckte zum Teil »meine Idee«. – Das war's, was mir damals in dem Restaurant durch den Kopf ging.

Mir war widerwärtig zumute, als ich, müde vom Gehen und von meinen Gedanken, am Abend zwischen sieben und acht Uhr nach dem Semjonowskij Polk wanderte. Es war schon ganz dunkel geworden, und das Wetter hatte sich geändert: es war trocken, aber ein unangenehmer Petersburger Wind, so recht schneidend und scharf, hatte sich erhoben, blies mir in den Rücken und wirbelte ringsumher Staub und Sand auf. Wie viele verdrießliche Gesichter bekam ich bei dem einfachen Volk zu sehen, das eilig von seiner Arbeit und von seinem Gewerbe nach den dürftigen Wohnungen zurückkehrte! Jedem stand seine eigene mürrische Sorge im Gesicht geschrieben, und es war in der ganzen Menge vielleicht kein einziger gemeinsamer, einigender Gedanke zu finden! Krafft hatte recht: ein jeder lebt nur für sich. Ich stieß auf einen kleinen Knaben, so klein, daß man sich wundern mußte, wie er um diese Tageszeit noch allein auf der Straße sein konnte; er schien sich verlaufen zu haben; eine Frau blieb einen Augenblick stehen, um ihn anzuhören, aber da sie ihn nicht verstand, breitete sie ratlos die Arme aus, ging weiter und ließ ihn im Dunkeln allein stehen. Ich trat zu ihm heran, aber er bekam auf einmal vor mir Angst und lief davon. Als ich mich unserer Wohnung näherte, nahm ich mir vor, nie zu Wassin zu gehen. Während ich die Treppe hinaufstieg, empfand ich den lebhaften Wunsch, die Meinigen allein zu Hause zu finden, ohne Wersilow, damit ich vor seiner Ankunft noch zu meiner Mutter oder zu meiner lieben Schwester ein freundliches Wort sagen könnte; mit der letzteren hatte ich einen ganzen Monat lang fast nie ein Wort gesprochen. Es traf sich wirklich so, daß er nicht zu Hause war...

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