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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Ich will seine Erzählung nicht wörtlich hersetzen, sondern nur in Kürze den Hauptinhalt angeben.

Vor anderthalb Jahren war Wersilow durch Vermittlung des alten Fürsten Sokolskij ein Freund der Familie Achmakow geworden (sie befanden sich damals alle im Ausland, in Ems) und hatte auf diese einen starken Eindruck gemacht, und zwar in erster Linie auf den General Achmakow selbst, der noch kein alter Mann war, aber die ganze reiche Mitgift seiner Frau Katerina Nikolajewna während der drei Jahre ihrer Ehe am Kartentisch verspielt und infolge seines ausschweifenden Lebenswandels schon einen Schlaganfall gehabt hatte. Von diesem erholte er sich im Ausland; in Ems aber hielt er sich wegen seiner Tochter aus erster Ehe auf. Dies war ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, sehr schön, wie man sagt, dabei aber auch sehr exzentrisch. Eine Mitgift hatte sie nicht; man hoffte in dieser Hinsicht, wie gewöhnlich, auf den alten Fürsten. Katerina Nikolajewna war, wie man sagt, eine gute Stiefmutter. Aber das junge Mädchen faßte aus irgendeinem Grund eine besondere Neigung zu Wersilow. Dieser predigte damals »etwas Fanatisches«, nach Kraffts Ausdruck, ein neues Leben, er hatte »fromme Anwandlungen erster Güte«, nach Andronikows sonderbarem, vielleicht spöttischem Ausdruck, der mir mitgeteilt wurde. Aber merkwürdig war, daß alle bald aufhörten, ihn gern zu haben. Der General fürchtete sich sogar vor ihm. Krafft bestritt durchaus nicht die Wahrheit des Gerüchts, daß Wersilow es fertiggebracht habe, dem kranken Mann den Gedanken in den Kopf zu setzen, daß Katerina Nikolajewna dem jungen Fürsten Sokolskij gegenüber nicht gleichgültig sei (dieser war damals von Ems weggereist und hatte sich nach Paris begeben). Er habe das nicht geradezu getan, sondern »nach seiner Gewohnheit« durch Andeutungen, Anspielungen und gewundene Redensarten, »denn darauf versteht er sich meisterhaft«, sagte Krafft. Überhaupt muß ich sagen, daß Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und halten wollte als für einen Menschen, der wirklich von etwas Höherem erfüllt oder auch nur originell war. Ich aber wußte schon aus anderer Quelle als von Krafft, daß, nachdem Wersilow zuerst einen außerordentlichen Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt hatte, es allmählich zwischen ihnen zu einem völligen Bruch gekommen war. Wie dieses Spiel im einzelnen vorgegangen war, das konnte ich von Krafft nicht erfahren, aber von dem beiderseitigen Haß, der nach der ursprünglichen Freundschaft zwischen den beiden entstanden war, haben mir alle meine Gewährsmänner übereinstimmend berichtet. Dann aber geschah etwas Seltsames: Katerina Nikolajewnas kränkliche Stieftochter verliebte sich anscheinend in Wersilow: entweder es imponierte ihr etwas an ihm, oder seine Reden hatten bei ihr gezündet, oder was da sonst für ein Grund vorhanden sein mochte: jedenfalls steht fest, daß Wersilow eine Zeitlang fast alle Tage bei diesem jungen Mädchen verbrachte. Die Sache endete damit, daß das junge Mädchen auf einmal ihrem Vater erklärte, sie wolle Wersilow heiraten. Daß sie das tatsächlich erklärt hat, haben alle bestätigt: Krafft und Andronikow und Marja Iwanowna und sogar Tatjana Pawlowna, die sich einmal in meiner Gegenwart verplapperte. Es wurde sogar versichert, daß Wersilow die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht nur selbst gewünscht, sondern auch sehr energisch darauf gedrängt habe, und daß das Einverständnis dieser beiden ungleichartigen Personen, des gealterten Mannes und des jungen Mädchens, ein beiderseitiges gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte in demselben Maße, in dem er sich von der früher so geliebten Katerina Nikolajewna abwandte, angefangen, seine Tochter beinah zu vergöttern, namentlich nach dem Schlaganfall. Als die erbittertste Gegnerin dieser geplanten Ehe erwies sich jedoch Katerina Nikolajewna selbst. Es fanden sehr viele geheime, sehr unerquickliche Zusammenstöße in der Familie statt, Zank und Streit, kurz allerlei garstige Szenen. Der Vater begann schließlich angesichts der Hartnäckigkeit seiner verliebten und von Wersilow »fanatisierten« (ein Ausdruck Kraffts) Tochter nachzugeben. Aber Katerina Nikolajewna setzte ihren Widerstand mit unerbittlichem Haß fort. Und gerade hier beginnt nun ein Wirrwarr, aus dem niemand klug wird. Ich gebe im folgenden Kraffts auf Tatsachen gegründete Vermutung wieder; indes ist auch dies eben nur eine Vermutung.

Danach verstand es Wersilow in seiner feinen, unwiderstehlichen Art, dem jungen Mädchen die Meinung beizubringen, daß Katerina Nikolajewna mit der Ehe deswegen nicht einverstanden sei, weil sie sich selbst in ihn verliebt habe, ihn schon lange mit ihrer Eifersucht quäle, ihn verfolge, gegen ihn intrigiere, ihm bereits ihre Liebe erklärt habe und ihn jetzt am liebsten vergiften möchte, weil er eine andere liebe; kurz, so etwas Ähnliches sagte er. Das allergarstigste war aber, daß er darüber auch dem Vater, dem Mann der »treulosen« Gattin, Andeutungen machte, mit der Erklärung, die Sache mit dem Fürsten sei nur eine zeitweilige Zerstreuung gewesen. Natürlich wurde nun das Familienleben zur reinen Hölle. Nach einer Variante habe Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter herzlich geliebt und sei nun in Verzweiflung darüber gewesen, daß sie dieser gegenüber in solcher Weise verleumdet worden sei, gar nicht zu reden von ihrem Verhältnis zu ihrem kranken Mann. Aber neben dieser Variante existiert noch eine andere, der zu meinem Leidwesen Krafft völligen Glauben schenkte und die – auch ich selbst für richtig hielt (von alledem hatte ich schon früher gehört). Es wurde nämlich behauptet (Andronikow soll es von Katerina Nikolajewna selbst gehört haben), es habe ganz im Gegenteil Wersilow schon früher, das heißt, ehe sich das junge Mädchen in ihn verliebte, Katerina Nikolajewna eine Liebeserklärung gemacht; von dieser, die früher seine Freundin, eine Zeitlang sogar seine schwärmerische Verehrerin gewesen sei, aber ihm doch nie so ganz getraut und ihm immer widerstrebt habe, sei Wersilows Liebeserklärung mit starkem Haß und giftigem Hohn aufgenommen worden. Sie habe ihn in aller Form hinausgeworfen, weil er ihr im Hinblick auf den bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall ihres Mannes geradeheraus den Vorschlag gemacht habe, dann seine Frau zu werden. Auf diese Weise habe Katerina Nikolajewna einen besonderen Haß gegen Wersilow empfinden müssen, als sie nachher gesehen habe, daß er sich so offen um die Hand ihrer Stieftochter bemühte. Marja Iwanowna, die mir das alles in Moskau mitteilte, glaubte sowohl an die eine als auch an die andere Version, das heißt, sie glaubte alles zusammen: sie behauptete ausdrücklich, das habe sich alles zugleich zutragen können, das sei so etwas wie la haine dans l'amour, gekränkter Liebesstolz von beiden Seiten usw. usw., kurz eine Art von höchst subtiler romantischer Verwickelung, etwas, was jedes ernstdenkenden, vernünftigen Menschen unwürdig sei, noch dazu, wenn es sich mit Gemeinheit paare. Aber Marja Iwanowna hatte sich auch selbst von ihrer Kindheit an mit Romanen vollgestopft und las solche trotz ihres prächtigen Charakters Tag und Nacht. Als Resultat ergab sich, daß Wersilow sich der Gemeinheit, der Lüge, der Intrige, eines ganz schändlichen, abscheulichen Benehmens schuldig gemacht hatte, was um so schlimmer war, als die Sache tatsächlich einen tragischen Ausgang nahm: das arme, sinnlos verliebte junge Mädchen vergiftete sich, wie man sagt, mit Phosphorzündhölzern; indes weiß ich auch jetzt noch nicht, ob dieses letzte Gerücht wahr ist; jedenfalls suchte man es auf alle Weise zu unterdrücken. Das junge Mädchen war nur zwei Wochen lang krank und starb dann. Die Geschichte mit den Zündhölzern blieb infolgedessen zweifelhaft, aber Krafft glaubte auch daran fest. Dann starb bald darauf auch der Vater des jungen Mädchens, wie man sagt, aus Gram, der auch den zweiten Schlaganfall hervorgerufen haben soll; doch geschah das erst nach drei Monaten. Aber nach der Beerdigung des jungen Mädchens versetzte der junge Fürst Sokolskij, der aus Paris nach Ems zurückgekehrt war, Wersilow öffentlich im Kurgarten eine Ohrfeige, und dieser antwortete darauf nicht mit einer Herausforderung; vielmehr erschien er gleich am nächsten Tag auf der Promenade, als ob nichts vorgefallen wäre. Da nun zogen sich alle von ihm zurück, auch in Petersburg. Wersilow unterhielt zwar noch einigen Verkehr, aber in einem ganz anderen Kreis. Seine Bekannten aus der besseren Gesellschaft verurteilten ihn sämtlich, obgleich kaum jemand von allen Einzelheiten Kenntnis hatte; man wußte nur etwas von dem romanhaften Tod des jungen Mädchens und von der Ohrfeige. Eine vollständige Kenntnis, soweit das überhaupt möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte der verstorbene Andronikow, der schon lange mit den Achmakows in geschäftlicher Beziehung gestanden und namentlich mit Katerina Nikolajewna in einer bestimmten Angelegenheit zu tun gehabt hatte. Aber er hielt alle diese Dinge sogar vor seiner Familie geheim und teilte nur Krafft und Marja Iwanowna etwas davon mit, und auch das nur, weil es notwendig war.

»Die Hauptsache ist jetzt ein Schriftstück«, schloß Krafft, »vor dem Frau Achmakowa große Furcht hat.«

Auch hierüber machte er mir Mitteilungen; hier sind sie:

Als Katerina Nikolajewnas Vater, der alte Fürst, sich im Ausland bereits von seinem Anfall zu erholen begann, beging sie die Unvorsichtigkeit, an Andronikow unter dem Siegel des Geheimnisses (Katerina Nikolajewna schenkte ihm volles Vertrauen) einen sehr kompromittierenden Brief zu schreiben. Es zeigte sich damals bei dem in der Rekonvaleszenz begriffenen Fürsten tatsächlich ein Hang, das Geld zu vergeuden und beinahe aus dem Fenster zu werfen: er fing an, im Ausland ganz unnütze, teure Sachen wie Gemälde und Vasen zu kaufen, größere Summen zu Gott weiß was für Zwecken zu verschenken und zu spenden, sogar zur Förderung von allerlei dortigen Instituten; einem vornehmen russischen Verschwender hätte er beinahe für ein gewaltiges Stück Geld hinter dem Rücken seiner Angehörigen ein heruntergekommenes, mit Prozessen behaftetes Gut abgekauft; und schließlich schien es, daß er faktisch an eine neue Ehe denke. Und da hatte nun in Anbetracht alles dessen Katerina Nikolajewna, die während der Krankheit ihres Vaters nicht von seiner Seite wich, an Andronikow als Juristen und »alten Freund« einen Brief geschrieben und darin gefragt, ob es gesetzlich möglich sei, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihm die Rechtsfähigkeit zu entziehen und wie sich das eventuell am besten machen lasse, so daß kein häßliches Aufsehen entstehe, niemand ihr einen Vorwurf machen könne und die Empfindungen des Vaters dabei geschont würden und so weiter und so weiter. Andronikow soll ihr gleich damals unter Anführung vernünftiger Gründe entschieden abgeraten haben: später aber, nachdem der Fürst vollständig wiederhergestellt war, war es unmöglich, auf diese Idee noch einmal zurückzukommen; aber der Brief war in Andronikows Händen geblieben. Und nun starb dieser; Katerina Nikolajewna erinnerte sich sogleich an den Brief; sie sagte sich, wenn er unter den Papieren des Verstorbenen zum Vorschein käme und in die Hände des alten Fürsten gelangte, so würde dieser sie unzweifelhaft für immer aus dem Hause jagen, sie enterben und ihr auch bei seinen Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der Gedanke, daß die eigene Tochter an seinem Verstand gezweifelt und sogar beabsichtigt hatte, ihn für irrsinnig erklären zu lassen, hätte dieses Lamm in ein wildes Tier verwandelt. Sie aber war als Witwe dank der Spielsucht ihres Mannes völlig mittellos zurückgeblieben und konnte einzig und allein auf ihren Vater rechnen: sie hoffte fest, von ihm eine neue Mitgift, ebenso groß wie die erste, zu erhalten.

Krafft wußte über das Schicksal dieses Briefes nur sehr wenig, bemerkte aber, Andronikow habe »wichtige Papiere niemals vernichtet« und habe außerdem zwar einen weiten Blick, aber auch ein »weites Gewissen« gehabt. (Ich war ordentlich erstaunt darüber, daß Krafft bei aller Liebe und Hochachtung, die er gegen Andronikow empfunden hatte, doch so objektiv urteilte.) Aber Krafft war doch davon überzeugt, daß das kompromittierende Schriftstück infolge der nahen Beziehungen, in denen Wersilow zu der Witwe und den Töchtern Andronikows stand, in dessen Hände gekommen sei; es war bereits bekannt, daß diese weiblichen Personen alle von dem Verstorbenen hinterlassenen Papiere sogleich bereitwilligst Wersilow zur Verfügung gestellt hatten. Krafft wußte ferner, daß auch Katerina Nikolajewna bereits vermutete, der Brief sei in Wersilows Händen, daß sie ebendeswegen in Angst war, da sie glaubte, Wersilow werde mit dem Briefe sogleich zum alten Fürsten gehen; daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland bereits in Petersburg Nachforschungen nach dem Briefe angestellt hatte, bei Andronikows gewesen war und jetzt ihre Nachforschungen fortsetzte, da sie immer noch eine Spur von Hoffnung hatte, daß der Brief vielleicht doch nicht in Wersilows Besitz sei, und endlich, daß sie einzig und allein in dieser Absicht nach Moskau gereist war und dort Marja Iwanowna dringend gebeten hatte, in den Papieren, die sie bei sich aufbewahrte, nachzusuchen. Von Marja Iwanownas Existenz und ihren Beziehungen zu dem verstorbenen Andronikow hatte sie erst ganz vor kurzem erfahren, erst nachdem sie nach Petersburg zurückgekehrt war.

»Sie glauben, daß sie den Brief bei Marja Iwanowna nicht gefunden hat?« fragte ich und hatte dabei meine eigenen Gedanken.

»Wenn Marja Iwanowna nicht einmal Ihnen etwas darüber mitgeteilt hat, dann hat sie ihn vielleicht auch gar nicht.«

»Also nehmen Sie an, daß das Schriftstück sich in Wersilows Händen befindet?«

»Das ist allerdings das wahrscheinlichste. Indes, ich weiß es nicht, möglich ist alles«, sagte er. Es war ihm anzusehen, daß er sehr ermüdet war.

Ich richtete weiter keine Fragen an ihn, wozu auch? Die Hauptsache war mir jetzt klargeworden; trotz dieses ganzen schmählichen Wirrwarrs hatte alles, was ich befürchtete, seine Bestätigung gefunden.

»Das alles ist wie ein Traum, wie Fieberphantasien«, sagte ich tieftraurig und griff nach meinem Hut.

»Dieser Mensch ist Ihnen wohl sehr teuer?« fragte Krafft mit sichtlicher, großer Teilnahme, die ich in diesem Augenblick auf seinem Gesicht las.

»Ich hatte es mir schon vorher gedacht«, sagte ich, »daß ich auch von Ihnen nicht alles erfahren würde. Die einzige Hoffnung, die mir noch bleibt, ist Frau Achmakowa. Auf die hatte ich schon von vornherein gerechnet. Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.«

Krafft sah mich einigermaßen erstaunt an.

»Leben Sie wohl, Krafft! Warum drängen Sie sich Leuten auf, die von Ihnen nichts wissen wollen? Ist es nicht das beste, den ganzen Verkehr abzubrechen, wie?«

»Und wo soll man dann hin?« fragte er, finster zur Erde blickend.

»Zu sich, zu sich! Den ganzen Verkehr abbrechen und zu sich gehen!«

»Nach Amerika?«

»Nach Amerika! Zu sich, nur zu sich! Darin besteht meine ganze Idee, Krafft!« sagte ich begeistert.

Er sah mich neugierig an.

»Haben Sie denn einen solchen Ort: ›zu sich‹?«

»Jawohl. Auf Wiedersehen, Krafft; ich danke Ihnen und bedaure, Ihnen soviel Mühe gemacht zu haben! Ich würde an Ihrer Stelle, wenn ich selbst ein solches Rußland im Kopfe hätte, alle diese Menschen zum Teufel jagen: macht, daß ihr wegkommt; intrigiert und beißt euch untereinander – was geht's mich an!«

»Bleiben Sie noch ein Weilchen!« sagte er auf einmal, als er mich schon bis zur Eingangstür begleitet hatte.

Ich wunderte mich ein bißchen, kehrte um und setzte mich wieder hin. Krafft setzte sich mir gegenüber. Wir lächelten uns gegenseitig an. Ich sehe das alles vor mir, als geschähe es jetzt. Ich erinnere mich deutlich, daß sich in mir ein Gefühl der Bewunderung für ihn regte.

»Es gefällt mir an Ihnen, daß Sie ein so höflicher Mensch sind«, sagte ich plötzlich.

»Ja?«

»Ich glaube, es gefällt mir darum, weil ich selbst es so selten verstehe, höflich zu sein, obwohl ich wünschen möchte, es zu verstehen ... Nun, aber vielleicht ist es ganz gut, wenn die Menschen einen beleidigen: wenigstens befreien sie einen so von dem Unglück, sie lieben zu müssen.«

»Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?« fragte er. Er hatte offenbar gar nicht gehört, was ich gesagt hatte. »Welche Stunde? Das weiß ich nicht. Den Sonnenuntergang habe ich nicht gern.«

»Nein?« erwiderte er, anscheinend besonders interessiert, versank aber sogleich wieder in seine Gedanken.

»Sie wollen wieder verreisen?« fragte ich.

»Ja ... ich verreise.«

»Bald?«

»Ja.«

»Brauchen Sie denn wirklich, um nach Wilna zu fahren, einen Revolver?« fragte ich ohne den geringsten Hintergedanken und ohne überhaupt etwas dabei zu denken. Ich fragte nur, weil der Revolver blitzte und ich nicht recht wußte, wovon ich reden sollte.

Er wendete sich um und sah den Revolver starr an.

»Nein, ich tue es nur so aus Gewohnheit.«

»Wenn ich einen Revolver hätte, so würde ich ihn irgendwo verwahren und einschließen. Wissen Sie, so ein Ding hat wahrhaftig etwas Verführerisches! Ich glaube zwar nicht gerade an eine Selbstmordepidemie, aber wenn man so ein Ding immer vor Augen, hat – wirklich, es gibt Augenblicke, wo es einen verführen könnte.«

»Lassen Sie dieses Thema!« sagte er und stand plötzlich vom Stuhl auf.

»Ich rede dabei nicht von mir«, fügte ich, ebenfalls aufstehend, hinzu, »ich werde nie davon Gebrauch machen. Mir können Sie ein Leben von dreifacher Länge geben – es wird mir immer noch zu wenig sein.«

»Leben Sie recht lange!« entfuhr es ihm anscheinend unwillkürlich.

Er lächelte zerstreut und ging sonderbarerweise geradeswegs ins Vorzimmer, als wollte er mich hinausbegleiten, natürlich ohne zu bemerken, was er tat.

»Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen bei allem, was Sie vorhaben, Krafft«, sagte ich, als ich bereits auf die Treppe hinaustrat.

»Wollen's hoffen!« erwiderte er in festem Ton.

»Auf Wiedersehen!«

»Wollen auch das hoffen!«

Ich erinnere mich an den letzten Blick, den er auf mich richtete.

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