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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Ich mußte noch am gleichen Tage Jefim Swerjew aufsuchen, der früher auf dem Gymnasium mein Schulkamerad gewesen war, aber das Gymnasium verlassen hatte, um in Petersburg in eine höhere Fachschule einzutreten. Er selbst verdient keine nähere Beschreibung, und in eigentlich freundschaftlichen Beziehungen hatte ich mit ihm nicht gestanden; aber in Petersburg hatte ich ihn aufgesucht, weil er (infolge verschiedener Umstände, die auseinanderzusetzen sich ebenfalls nicht lohnt) imstande war, mir sogleich die Adresse eines für mich außerordentlich wichtigen Herrn Krafft mitzuteilen, sobald dieser aus Wilna zurückgekehrt sein würde. Swerjew erwartete ihn gerade an jenem oder am folgenden Tag, was er mich vor zwei Tagen hatte wissen lassen. Ich mußte nach der Petersburger Seite gehen, verspürte aber keine Müdigkeit.

Swerjew (er war ebenfalls neunzehn Jahre alt) traf ich auf dem Hof des Hauses seiner Tante, bei der er zur Zeit wohnte. Er hatte soeben zu Mittag gegessen und ging im Hof auf Stelzen; er teilte mir sofort mit, daß Krafft schon gestern angekommen und in seiner früheren Wohnung, eben dort auf der Petersburger Seite abgestiegen sei und selbst lebhaft wünsche, so bald wie möglich mit mir zusammenzukommen, um mir eine wichtige Mitteilung zu machen.

»Er muß wieder anderswohin reisen«, fügte Jefim hinzu.

Da eine Zusammenkunft mit Krafft unter den vorliegenden Umständen für mich von allergrößter Wichtigkeit war, bat ich Jefim, mich sogleich nach dessen Wohnung zu führen, die seiner Angabe nach nur ein paar Schritte entfernt in einer Seitengasse lag. Aber Swerjew erklärte, er habe Krafft schon vor einer Stunde gesprochen und dieser sei zu Dergatschew gegangen.

»Gehen wir also zu Dergatschew; warum sträubst du dich immer dagegen; hast du Angst?«

In der Tat, es war möglich, daß Krafft sich bei Dergatschew sehr lange aufhielt, und wo sollte ich dann auf ihn warten? Vor einem Besuch bei Dergatschew hatte ich keine Angst, aber ich mochte nicht hingehen, obgleich dies schon das dritte Mal war, daß Jefim mich hinschleppen wollte. Und dabei begleitete er seine Frage: »Hast du Angst?« immer mit einem unangenehmen spöttischen Lächeln. Meinerseits lag, wie ich im voraus bemerke, keine Feigheit vor, und wenn ich mich davor fürchtete, so hatte das einen ganz andern Grund. Diesmal jedoch entschloß ich mich hinzugehen; es war ebenfalls nur ein paar Schritte weit entfernt. Unterwegs fragte ich Jefim, ob er immer noch an der Absicht, nach Amerika zu gehen, festhalte.

»Vielleicht warte ich damit noch«, antwortete er und lachte dabei ein wenig.

Ich mochte ihn nicht besonders gern, oder vielmehr: ich konnte ihn absolut nicht leiden. Er hatte sehr helles Haar und ein volles, gar zu weißes Gesicht, von einer geradezu unanständigen, kinderhaften Weiße; von Statur war er sogar größer als ich, aber doch konnte man ihn nur für siebzehnjährig halten. Gegenstände, über die ich mit ihm hätte sprechen können, gab es keine.

»Wie ist es denn dort? Trifft man da immer einen Haufen Menschen?« fragte ich, um mich vorher zu orientieren.

»Warum hast du denn immer solche Angst?« spottete er wieder.

»Scher dich zum Teufel mit deiner Angst!« erwiderte ich ärgerlich.

»Von einem Haufen Menschen kann nicht die Rede sein. Es kommen nur Bekannte hin, lauter Gesinnungsgenossen; du kannst ganz beruhigt sein.«

»Was kümmert das mich, ob es Gesinnungsgenossen sind oder nicht! Bin ich etwa da auch ein Gesinnungsgenosse? Was kann ihnen denn Vertrauen zu mir einflößen?«

»Ich bringe dich mit, das genügt. Sie haben schon von dir gehört. Auch Krafft kann über dich Auskunft geben.«

»Hör mal, wird Wassin da sein?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wenn er da ist, dann stoß mich doch an, gleich wenn wir hereinkommen, und zeig ihn mir; hörst du?«

Über Wassin hatte ich schon viel gehört und interessierte mich schon lange für ihn.

Dergatschew wohnte in einem kleinen Nebengebäude auf dem Hof eines Holzhauses, das einer Kaufmannsfrau gehörte, hatte aber dafür auch das Nebengebäude vollständig für sich. Es waren im ganzen drei saubere Zimmer. An allen vier Fenstern waren die Rouleaus heruntergelassen. Er war Techniker und hatte in Petersburg eine Anstellung; ich hatte flüchtig gehört, daß ihm eine vorteilhafte private Stellung in der Provinz angeboten sei und er sich schon zum Umzug anschicke.

Kaum hatten wir das winzige Vorzimmer betreten, als wir Stimmen vernahmen; es wurde, wie es schien, hitzig debattiert, und jemand rief: »Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat; quae ferrum non sanat, ignis sanat!«

Ich befand mich tatsächlich in einiger Unruhe. Allerdings war ich nicht an Gesellschaft gewöhnt, von welcher Art auch immer sie sein mochte. Auf dem Gymnasium hatte ich mich zwar mit den Kameraden geduzt; in freundschaftlichen Beziehungen jedoch hatte ich eigentlich fast mit keinem von ihnen gestanden; ich hatte mir gleichsam meinen Winkel geschaffen und in diesem Winkel gelebt. Aber das war es nicht, was mich besorgt machte. Auf jeden Fall nahm ich mir vor, mich nicht auf Debatten einzulassen und nur das Allernotwendigste zu sprechen, so daß niemand daraus über mich irgendwelche Schlüsse ziehen könne; die Hauptsache war: nicht zu debattieren.

In dem wirklich gar zu kleinen Zimmer befanden sich sieben Menschen, und mit den Damen zehn. Dergatschew war fünfundzwanzig Jahre alt und verheiratet. Seine Frau hatte eine Schwester und noch eine andere Verwandte; auch diese beiden wohnten bei Dergatschew. Das Zimmer war zwar etwas dürftig möbliert, aber doch ausreichend, und es war sogar sauber. An der Wand hing ein lithographiertes Porträt von sehr billiger Sorte und in der Ecke ein Heiligenbild ohne metallene Einfassung, aber mit einem brennenden Lämpchen davor. Dergatschew trat auf mich zu, drückte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.

»Setzen Sie sich, wir sind hier lauter gute Bekannte.«

»Seien Sie so freundlich!« fügte sofort eine recht hübsche, sehr bescheiden gekleidete junge Frau hinzu und ging dann mit einer leichten Verbeugung zu mir hin sogleich hinaus. Dies war seine Frau; wie es schien, hatte sie sich an der Debatte beteiligt und ging jetzt hinaus, um ihr Kind zu nähren. Es blieben aber noch zwei Damen im Zimmer – die eine etwa zwanzigjährig, von sehr kleinem Wuchs, ebenfalls nicht häßlich, in schwarzem Kleid; die andere ungefähr dreißig Jahre alt, mager und mit scharfblickenden Augen. Beide saßen da, hörten eifrig zu, redeten aber nicht selbst mit.

Was die Männer anlangt, so standen sie sämtlich; es saßen außer mir nur Krafft und Wassin; diese beiden hatte mir Jefim sogleich gezeigt, da ich auch Krafft jetzt zum erstenmal im Leben sah. Ich stand auf und trat zu ihm heran, um mich mit ihm bekannt zu machen. Sein Gesicht werde ich nie vergessen: es wies keine besondere Schönheit auf, aber es lag darin außerordentlich viel Sanftmut und Zartgefühl, obgleich auch das Bewußtsein des eigenen Wertes darin stark zum Ausdruck kam. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, ziemlich hager, etwas mehr als mittelgroß, hatte helles Haar und ein ernsthaftes, aber weiches Gesicht; eine eigentümliche Stille lag in seinem ganzen Wesen. Hätte ich aber die Wahl gehabt, so hätte ich doch mein vielleicht sehr gewöhnliches Gesicht nicht mit seinem Gesicht, das mir so interessant schien, vertauschen wollen. Es lag in seinem Gesicht etwas, was ich in meinem nicht hätte haben mögen, etwas gar zu Ruhiges in geistigem Sinne, eine Art von geheimem, unbewußtem Stolz. Übrigens kann ich wahrscheinlich damals nicht buchstäblich so geurteilt haben; es scheint mir jetzt nur so, daß ich damals so urteilte, jetzt, das heißt nach dem Ereignis.

»Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind«, sagte Krafft. »Ich habe einen Brief, der Sie angeht. Wir wollen hier noch ein Weilchen sitzen, und dann lassen Sie uns zu mir gehen.«

Dergatschew war von mittlerer Größe, breitschultrig, kräftig, brünett und trug einen großen Bart; in seinem Blick lag eine schnelle Auffassungsgabe und in seinem ganzen Wesen eine große Zurückhaltung, eine gewisse stete Behutsamkeit; obgleich er meist schwieg, war er doch offenbar derjenige, der das Gespräch leitete. Wassins Physiognomie machte mir keinen starken Eindruck, obgleich ich über ihn gehört hatte, daß er ein außerordentlich kluger Mensch sei: er war blond, hatte große, hellgraue Augen, ein sehr offenes Gesicht, in dem aber gleichzeitig eine außerordentliche Festigkeit ausgeprägt war; man konnte sich vorher sagen, daß er wohl sehr wenig mitteilsam war, aber sein Blick war klug, klüger als der Dergatschews, tiefer und klüger als der aller im Zimmer Anwesenden; indes übertreibe ich vielleicht jetzt alles. Von den übrigen erinnere ich mich nur noch an zwei Persönlichkeiten aus dieser ganzen jugendlichen Gesellschaft: der eine war ein hochgewachsener Mann mit bräunlichem Teint und schwarzem Backenbart; er redete viel, mochte etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein und war wohl Lehrer oder so etwas Ähnliches, und dann war da noch ein junger Bursche in meinem Alter, in einem altrussischen Überrock, mit faltigem Gesicht; er verhielt sich schweigsam und hörte nur zu. Später erfuhr ich, daß er ein Bauer war.

»Nein, das darf man nicht behaupten«, begann, offenbar in Fortsetzung der vorherigen Debatte, der Lehrer mit dem schwarzen Backenbart, der hitzigste von allen. »Von mathematisch zwingenden Beweisen will ich gar nicht reden, aber diese Idee, die ich auch ohne mathematisch zwingende Beweise zu glauben bereit bin ...«

»Warte einen Augenblick, Tichomirow!« unterbrach ihn Dergatschew laut. »Die soeben eingetretenen Herren können das nicht verstehen. Sehen Sie, dies hier«, wandte er sich plötzlich an mich allein (und ich muß gestehen, wenn er beabsichtigte, mir als einem Neuling auf den Zahn zu fühlen oder mich zum Sprechen zu bringen, so war das ein sehr geschicktes Verfahren; ich merkte das sofort und bereitete mich vor), »sehen Sie, dies hier ist Herr Krafft, der uns allen durch die Festigkeit seines Charakters und seiner Ansichten schon hinreichend bekannt ist. Er ist infolge einer sehr gewöhnlichen Tatsache zu einer sehr ungewöhnlichen Schlußfolgerung gelangt, durch die er uns alle in Erstaunen versetzt hat. Sein Resultat ist, daß das russische Volk ein Volk zweiten Ranges sei ...«

»Dritten Ranges«, rief jemand.

»... zweiten Ranges sei, das dazu prädestiniert sei, als Material für einen edleren Volksstamm zu dienen, nicht aber eine eigene selbständige Rolle in den Geschicken der Menschheit zu spielen. Auf Grund dieses seines vielleicht richtigen Schlusses ist Herr Krafft zu der weiteren Folgerung gelangt, daß durch diese Idee jede fernere Tätigkeit eines jeden Russen gelähmt werden müsse, daß alle sozusagen die Arme müßten sinken lassen und ...«

»Erlaube mal, Dergatschew, das kann man nicht so behaupten«, fiel Tichomirow wieder ungeduldig ein, und Dergatschew überließ ihm sofort das Wort. »In Anbetracht dessen, daß Krafft ernste Studien gemacht, seine Schlüsse, denen er eine mathematische Sicherheit zuerkennt, auf physiologischen Tatsachen aufgebaut und vielleicht zwei Jahre auf seine Idee verwandt hat (die ich in aller Seelenruhe a priori annehmen würde), in Anbetracht dessen, das heißt in Anbetracht der ernsten seelischen Erregung Kraffts, stellt sich diese Sache geradezu als ein Phänomen dar. Aus alledem resultiert eine Frage, die Krafft nicht verstehen kann, und eben mit dieser müssen wir uns beschäftigen, das heißt mit Kraffts Verständnislosigkeit, denn das ist das Phänomen. Es muß entschieden werden, ob dieses Phänomen als Einzelfall in die Klinik gehört oder eine Eigenschaft ist, die sich bei anderen auf normalem Wege wiederholen kann; das ist interessant im Hinblick auf die gemeinsame Sache. Kraffts Ansicht über Rußland halte ich für richtig und möchte sogar sagen, daß ich mich darüber freue; wenn sich alle diese Ansicht zu eigen machten, so würde sie vielen die Hände losbinden und sie von patriotischen Vorurteilen befreien ...«

»Ich habe mich dabei nicht von Patriotismus leiten lassen«, sagte Krafft wie mit Überwindung. Alle diese Debatten schienen ihm unangenehm zu sein.

»Patriotismus oder nicht, das kann man beiseite lassen«, bemerkte der sehr schweigsame Wassin.

»Aber sagen Sie nur, inwiefern könnte denn Kraffts Schlußfolgerung den Eifer für die Sache der ganzen Menschheit abschwächen?« schrie der Lehrer (er war der einzige, welcher schrie; alle übrigen sprachen leise). »Mag auch Rußland zu einer Stellung zweiten Ranges verurteilt sein; man kann doch auch noch andere Arbeit leisten als nur für Rußland. Und außerdem, wie kann denn Krafft ein Patriot sein, wenn er nicht mehr an Rußland glaubt?«

»Dafür ist er eben ein Deutscher«, ließ sich wieder eine Stimme vernehmen.

»Ich bin Russe«, sagte Krafft.

»Das ist eine Frage, die nicht in direkter Beziehung zur Sache steht«, bemerkte Dergatschew auf den Zwischenruf.

»Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus«, fuhr Tichomirow, ohne auf etwas hinzuhören, fort. »Wenn Rußland nur Material für edlere Volksstämme ist, warum soll es dann nicht als solches Material dienen? Das ist doch eine ganz achtbare Rolle. Warum soll man sich im Hinblick auf die Erweiterung der Aufgaben nicht mit dieser Idee zufriedengeben? Die Menschheit steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, die bereits begonnen hat. Nur Blinde können die uns bevorstehende Aufgabe ableugnen. Laßt Rußland fahren, wenn ihr an seine Zukunft nicht mehr glaubt, und arbeitet für ein zukünftiges, für ein noch unbekanntes Volk, das aber aus der ganzen Menschheit ohne Unterschied der Volksstämme bestehen wird. Auch ohne das würde Rußland irgendwann sterben; die Völker, selbst die begabtesten, leben nur anderthalb, höchstens zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob es zweitausend oder zweihundert Jahre sind? Die Römer haben nicht einmal anderthalb Jahrtausende wahrhaft gelebt und sich dann ebenfalls in Material verwandelt. Sie existieren schon längst nicht mehr, aber sie haben eine Idee hinterlassen, die als Element des Künftigen in die Geschicke der Menschheit eingegangen ist. Wie kann jemand nur sagen, es sei zwecklos, etwas zu tun! Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der es jemals zwecklos wäre, etwas zu tun! Arbeitet für die Menschheit und macht euch um alles übrige keine Sorgen! Arbeit gibt es so viel, daß unser ganzes Leben dazu nicht ausreicht, wenn man sich nur aufmerksam umsieht.«

»Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben«, sagte hinter der Tür Frau Dergatschewa. Die Tür war ein wenig geöffnet; und man konnte sehen, daß sie, das Kind an der Brust haltend, mit zugedeckter Brust dastand und eifrig zuhörte.

Krafft hatte alles mit leisem Lächeln angehört und sagte nun endlich mit etwas gequältem Gesichtsausdruck, aber mit voller Aufrichtigkeit:

»Ich verstehe nicht, wie jemand, der unter der Einwirkung eines beherrschenden Gedankens steht, dem sich Verstand und Herz völlig unterordnen, wie ein solcher für irgend etwas außerhalb dieses Gedankens Liegendes leben kann.«

»Aber wenn man Ihnen logisch und mathematisch beweist, daß Ihr Schluß irrig ist, daß der ganze Gedanke irrig ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der gemeinsamen nützlichen Tätigkeit nur deswegen auszuschließen, weil Rußland zu einer Stellung zweiten Ranges prädestiniert ist; wenn man Ihnen zeigt, daß sich Ihnen statt des engen Horizonts die Unendlichkeit erschließt, daß statt der engen Idee des Patriotismus ...«

»Ach!« unterbrach ihn Krafft mit einer leise abwehrenden Handbewegung, »ich habe Ihnen ja gesagt, daß es sich dabei nicht um Patriotismus handelt.«

»Hier liegt offenbar ein Mißverständnis vor«, mischte sich plötzlich Wassin in das Gespräch. »Der Fehler besteht darin, daß Kraffts Schluß nicht lediglich ein logischer Schluß ist, sondern sozusagen ein Schluß, der sich in ein Gefühl verwandelt hat. Nicht alle Naturen sind von gleicher Art; bei vielen Menschen verwandelt sich ein logischer Schluß manchmal in ein sehr starkes Gefühl, welches das ganze Wesen ergreift und welches zu vertreiben oder umzugestalten sehr schwer ist. Will man einen solchen Menschen kurieren, so muß man in einem derartigen Fall das Gefühl selbst verändern, was nur dadurch möglich ist, daß man es durch ein anderes, gleich starkes ersetzt. Das ist immer schwer und in vielen Fällen unmöglich.«

»Ein Irrtum!« schrie der streitsüchtige Opponent. »Ein logischer Schluß vertreibt ohne weiteres die vorgefaßten Meinungen. Die verstandesmäßige Überzeugung gebiert das entsprechende Gefühl. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor und formuliert seinerseits, sobald er sich im Menschen festgesetzt hat, ein neues!«

»Die Menschen sind sehr verschiedenartig: die einen wechseln ihre Gefühle leicht, die andern schwer«, antwortete Wassin in einem Ton, als wünsche er die Debatte nicht weiter fortzusetzen; aber ich war entzückt von seinem Gedanken.

»Es verhält sich genauso, wie Sie gesagt haben!« Mit diesen Worten wandte ich mich auf einmal an ihn; das Eis des Schweigens war bei mir gebrochen, und ich begann plötzlich zu reden. »Ganz richtig, an Stelle des einen Gefühles muß man ein anderes hervorrufen, um das erstere zu ersetzen. In Moskau lebte vor vier Jahren ein General ... Sehen Sie, meine Herren, ich habe ihn nicht gekannt, aber ... Vielleicht konnte er auch durch seine Persönlichkeit keine besondere Hochachtung erwecken ... Und außerdem konnte auch sein Verhalten selbst unverständig erscheinen, aber ... Also, sehen Sie, es starb ihm ein kleines Kind, das heißt, eigentlich zwei kleine Mädchen, eins nach dem anderen, am Scharlach ... Und was sagen Sie dazu: das schmetterte ihn so nieder, daß er sich ganz seiner Traurigkeit überließ, dermaßen, daß es gar nicht anzusehen war, – und es endete damit, daß er starb, ein halbes Jahr darauf. Daß dies die Ursache seines Todes war, steht fest! Wodurch hätte man ihn also wieder aufrichten können? Antwort: durch ein gleich starkes Gefühl! Man hätte diese beiden kleinen Mädchen aus dem Grab herausholen und ihm wiedergeben müssen – das war das Ganze; das heißt, so etwas Ähnliches hätte man tun müssen. So starb er denn. Und dabei hätte man ihm die schönsten Schlüsse vorführen können: daß das Leben schnell vergeht und daß alle Menschen sterblich sind, und man hätte ihm aus dem Kalender die statistischen Angaben vor Augen halten können, wie viele Kinder am Scharlach sterben ... Er war pensioniert ...«

Ganz außer Atem hielt ich inne und sah mich rings um.

»Das gehört gar nicht hierher«, sagte jemand.

»Der von Ihnen angeführte Vorgang ist zwar mit dem vorliegenden Fall nicht gleichartig, hat aber doch einige Ähnlichkeit mit ihm und trägt zum besseren Verständnis der Sache bei«, sagte Wassin, sich zu mir wendend.

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