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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 123
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Nun fahre ich in der Erzählung der Haupthandlung fort.

Nachdem Tatjana Pawlowna meiner habhaft geworden war, setzte sie mich in eine Droschke und brachte mich nach ihrer Wohnung, befahl der Köchin, sogleich den Samowar zurechtzumachen, und wusch und säuberte mich eigenhändig bei sich in der Küche. In der Küche sagte sie laut zu mir, um halb zwölf werde Katerina Nikolajewna selbst zu ihr kommen – so hatten sie das kurz vorher miteinander verabredet –, um mit mir die Zusammenkunft zu haben. Auf diese Weise hörte das dort auch Marja. Ein paar Minuten darauf brachte sie den Samowar herein, aber wiederum zwei Minuten darauf, als Tatjana Pawlowna sie rief, gab sie keine Antwort, und es stellte sich heraus, daß sie fortgegangen war. Ich bitte den Leser, dies sehr zu beachten; es war damals, wie ich annehme, drei Viertel zehn. Tatjana Pawlowna ärgerte sich zwar darüber, daß sie so, ohne zu fragen, verschwunden war, dachte aber, sie sei zum Kaufmann gegangen, und vergaß die Sache zunächst. Und wir hatten ja auch ganz andere Dinge im Kopf; wir redeten ununterbrochen, da es ja auch genug zu reden gab, und infolgedessen schenkte zum Beispiel ich dem Verschwinden Marjas fast überhaupt keine Beachtung; ich bitte den Leser, sich auch dies zu merken.

Selbstverständlich war ich ganz benommen; ich legte ihr meine Empfindungen dar; das wichtigste aber war: wir erwarteten Katerina Nikolajewna, und der Gedanke, daß ich in einer Stunde ihr endlich gegenüberstehen würde, und noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, machte mich zittern und beben. Endlich, als ich zwei Tassen Tee getrunken hatte, stand Tatjana Pawlowna plötzlich auf, nahm eine Schere vom Tisch und sagte:

»Zeig deine Tasche her, wir müssen den Brief herausnehmen – wir können sie doch nicht in ihrer Gegenwart auftrennen.«

»Richtig!« rief ich und knöpfte den Rock auf.

»Was ist denn das für eine Pfuscharbeit? Wer hat das zugenäht?«

»Ich selbst, ich selbst, Tatjana Pawlowna.«

»Na, das sieht man, daß du das selbst gemacht hast! Na, da ist er ...«

Wir zogen den Brief heraus; das alte Kuvert war noch dasselbe, aber darin steckte ein leeres Blatt Papier.

»Was ist das?« rief Tatjana Pawlowna, es hin und her drehend. »Was hast du denn?«

Aber ich stand sprachlos und blaß da ... und sank auf einmal kraftlos auf einen Stuhl nieder; wahrhaftig, ich bekam beinahe einen Ohnmachtsanfall.

»Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?« kreischte Tatjana Pawlowna. »Wo ist denn dein Schriftstück?«

»Lambert!« rief ich, plötzlich aufspringend und mir vor die Stirn schlagend; ich hatte den Zusammenhang erraten.

Eilig, nur mühsam atmend, setzte ich ihr alles auseinander – von der Nacht bei Lambert und von unserm damaligen Komplott; übrigens hatte ich ihr dies Komplott schon tags zuvor eingestanden.

»Sie haben es gestohlen; gestohlen!« schrie ich, stampfte auf den Fußboden und raufte mir die Haare.

»Schlimm!« sagte Tatjana Pawlowna, als sie begriffen hatte, wie es stand. »Wieviel ist die Uhr?«

Es war ungefähr elf.

»Ach, daß Marja nicht da ist. Marja, Marja!«

»Was befehlen Sie, gnädiges Fräulein?« antwortete Marja auf einmal von der Küche aus.

»Bist du da? Aber was machen wir jetzt? Ich will schnell zu ihr hin ... Ach, du Tölpel, du Tölpel!«

»Und ich will zu Lambert!« schrie ich. »Ich erwürge ihn, wenn es nötig ist!«

»Gnädiges Fräulein!« schrie Marja plötzlich von der Küche her, »Da ist eine, die Sie dringend sprechen möchte ...«

Aber sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als die »eine« bereits hastig mit Geschrei und Geheul selbst aus der Küche hereingestürzt kam. Es war Alfonsinka. Ich will die nun folgende Szene nicht in allen Einzelheiten schildern; es war alles Betrug und Schauspielerei, aber ich muß bemerken, daß Alfonsinka ihre Rolle großartig spielte. Mit Tränen der Reue und wütenden Gebärden schnatterte sie (natürlich auf französisch) los: sie habe damals selbst die Tasche aufgetrennt und den Brief herausgenommen, jetzt befinde er sich in Lamberts Händen, und im Verein mit »diesem Räuber«, cet homme noir, wolle Lambert madame la générale zu sich einladen und erschießen, jetzt gleich, in einer Stunde ... sie habe das alles von ihnen erfahren und auf einmal einen furchtbaren Schreck bekommen, weil sie bei ihnen eine Pistole, un pistolet, gesehen habe, und sei jetzt schnell zu uns gestürzt, damit wir hinkämen, die Generalin retteten, das Verbrechen verhinderten ... Cet homme noir ...

Kurz, all das war sehr wahrscheinlich, und sogar der Umstand, daß einige Angaben Alfonsinas recht dumm waren, erhöhte die Wahrscheinlichkeit noch.

»Was für ein homme noir?« schrie Tatjana Pawlowna.

»Tiens, j'ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens, Versiloff.«

»Wersilow, das ist nicht möglich!« rief ich.

»Ach, doch, möglich ist es schon!« schrie Tatjana Pawlowna. »Aber so rede doch, Mütterchen, spring nicht herum und fuhrwerke nicht mit den Armen umher; was haben sie da vor? Setz uns das vernünftig auseinander, Mütterchen: ich kann doch nicht glauben, daß sie sie erschießen wollen!«

Das »Mütterchen« setzte die Sache folgendermaßen auseinander (NB. es war alles Lüge, sage ich noch einmal im voraus): Wersilow werde hinter der Tür sitzen, Lambert aber werde ihr, sobald sie eintrete, cette lettre zeigen, dann werde Wersilow hervorspringen, und sie würden sie ... »Oh, ils feront leur vengeance!« Sie, Alfonsina, fürchte ein Unglück, da sie selbst an der Sache beteiligt sei; cette dame aber, la générale, werde bestimmt kommen, »sofort, sofort«, weil sie ihr eine Abschrift des Briefes zugeschickt hätten und diese sich sogleich überzeugen könne, daß sie den Brief wirklich besäßen; darum werde sie zu ihnen kommen. Geschrieben habe den Brief an sie Lambert allein, und von Wersilow wisse die Generalin nichts; Lambert habe sich ihr vorgestellt als einer, der soeben aus Moskau angekommen sei, von einer Moskauer Dame, une dame de Moscou (NB. Marja Iwanowna!).

»Ach, mir ist ganz übel! Ach, mir ist ganz übel!« rief Tatjana Pawlowna.

»Sauvez-la! Sauvez-la!« schrie Alfonsina.

Natürlich lag in dieser verrückten Darstellung schon auf den ersten Blick etwas Ungeheuerliches, aber zum Nachdenken nahmen wir uns keine Zeit, weil die Sache in ihrem Kern sehr glaubhaft aussah. Man konnte ja zwar annehmen, und mit großer Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Einladung zuerst zu uns, zu Tatjana Pawlowna, kommen werde, um über die Sache Klarheit zu erhalten; aber möglich war doch auch, daß sie es anders machte und direkt zu ihnen hinfuhr, und dann – war sie verloren! Auch war schwer zu glauben, daß sie so ohne weiteres zu dem ihr unbekannten Lambert auf die erste Aufforderung hineilen würde; aber dagegen ließ sich wieder sagen, daß sie möglicherweise auch dies tun würde, vielleicht deswegen, weil sie durch den Anblick der Abschrift zu der Überzeugung gelangt war, daß jene Leute ihren Brief wirklich in Händen hatten, und dann war ebendasselbe Unglück sicher! Vor allen Dingen hatten wir gar keine Zeit, um die Sache ordentlich zu überlegen.

»Und Wersilow wird sie ermorden! Wenn er sich so weit erniedrigt hat, mit Lambert gemeinsame Sache zu machen, so wird er sie auch ermorden! Da kommt der Doppelgänger zutage!« rief ich.

»Ach, dieser ›Doppelgänger‹!« stöhnte Tatjana Pawlowna händeringend. »Na, da ist weiter nichts zu machen«, entschied sie kurz, »nimm deine Mütze und deinen Pelz, und dann alle zusammen vorwärts marsch! Bring uns geradeswegs zu ihnen, liebes Kind! Ach, das ist ja ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina Nikolajewna kommen sollte, so sage ihr, ich würde gleich wieder zurück sein; sie möchte sich hinsetzen und auf mich warten, und wenn sie nicht warten will, so schließ die Tür zu und halte sie mit Gewalt zurück! Sag ihr, ich hätte es so befohlen! Hundert Rubel bekommst du, Marja, wenn du mir diesen Dienst erweist.«

Wir liefen auf die Treppe hinaus. Zweifellos war dies das Beste, was man sich nur aussinnen konnte, denn jedenfalls war die schlimmste Gefahr in Lamberts Wohnung zu befürchten; wenn aber Katerina Nikolajewna wirklich vorher zu Tatjana Pawlowna kam, so konnte Marja sie noch zurückhalten. Und doch änderte Tatjana Pawlowna, als wir schon eine Droschke gerufen hatten, auf einmal ihren Entschluß wieder.

»Fahr du mit ihr hin!« befahl sie mir, indem sie mich mit Alfonsinka allein ließ. »Und dort stirb für sie, wenn's nötig sein sollte, verstehst du? Ich komme gleich nach; ich will nur vorher noch schnell zu ihr, vielleicht treffe ich sie noch, denn die Geschichte kommt mir immerhin verdächtig vor!«

Sie schlug schleunigst die Richtung nach Katerina Nikolajewnas Wohnung ein. Ich aber machte mich mit Alfonsinka auf die Fahrt zu Lambert. Ich trieb den Kutscher zur Eile an und versuchte während der Fahrt, Alfonsinka weiter auszufragen, aber diese antwortete größtenteils nur mit Ausrufen und zuletzt mit Tränen. Aber Gott schützte und bewahrte uns alle, als alles schon nur noch an einem dünnen Faden hing. Wir hatten noch nicht den vierten Teil des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter mir schreien hörte: es wurde mein Name gerufen. Ich sah mich um: Trischatow suchte uns in einer Droschke einzuholen. »Wo wollen Sie hin?« rief er erschrocken. »Und mit ihr, mit Alfonsinka!«

»Trischatow!« rief ich ihm zu. »Sie haben die Wahrheit gesagt – es droht ein großes Unglück! Ich fahre zu dem Halunken Lambert! Fahren Sie mit, je mehr wir sind, desto besser!«

»Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatow. »Lambert täuscht Sie, und Alfonsinka täuscht Sie ebenfalls. Mich schickt der Pockennarbige; sie sind nicht zu Hause: ich bin soeben Wersilow und Lambert begegnet, sie fuhren zu Tatjana Pawlowna ... sie sind jetzt dort ...«

Ich ließ den Kutscher halten und sprang zu Trischatow in seine Droschke hinüber. Bis auf den heutigen Tag ist es mir unbegreiflich, wie ich es fertigbrachte, mich so schnell zu entschließen, aber ich glaubte ihm sofort und entschloß mich. Alfonsinka erhob ein gewaltiges Geschrei, aber wir kümmerten uns nicht weiter um sie, und ich weiß tatsächlich nicht, ob sie umkehrte und uns nachfuhr oder ob sie sich nach Hause begab; jedenfalls habe ich sie nicht mehr gesehen.

In der Droschke teilte mir Trischatow, vor Aufregung keuchend, mit Mühe und Not mit, es bestehe ein heimlicher Operationsplan; Lambert sei mit dem Pockennarbigen schon so gut wie einig gewesen, aber im letzten Augenblick sei der Pockennarbige ihm untreu geworden und habe ihn, Trischatow, soeben selbst zu Tatjana Pawlowna geschickt, um ihr zu sagen, sie solle Lambert und Alfonsinka nicht trauen. Trischatow fügte noch hinzu, weiter wisse er nichts, da ihm der Pockennarbige weiter nichts mitgeteilt habe, denn dieser habe keine Zeit mehr gehabt, er habe selbst eilig irgendwohin gemußt, und es sei alles sehr hastig zugegangen. »Ich sah Sie abfahren«, fuhr Trischatow fort, »und jagte Ihnen nach.« Es war natürlich klar, daß auch dieser Pockennarbige vollständig orientiert war, da er Trischatow direkt zu Tatjana Pawlowna geschickt hatte; aber dies war wieder ein neues Rätsel.

Damit jedoch kein Wirrwarr entsteht, will ich, bevor ich die Katastrophe schildere, alles der Wahrheit gemäß erklären und damit zum letztenmal vorgreifen.

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