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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Wie ich es erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der dem Fürsten allerlei ganz neue, eben erst in Umlauf gekommene Klatschgeschichten aus der vornehmen Gesellschaft zu erzählen begann und dadurch sofort das Interesse des leicht beeinflußbaren alten Mannes erregte und ihn erheiterte. Ich erhob mich schweigend und mit fragender Miene vom Bett.

»Ich habe Ihnen alles gesagt, Arkadij Makarowitsch«, begann sie ohne Umschweife, »unser Schicksal liegt in Ihren Händen.«

»Aber ich habe Ihnen doch bereits gesagt, daß ich außerstande bin ... Die heiligsten Verpflichtungen hindern mich, das zu tun, worauf Sie rechnen ...«

»Wirklich? Das ist Ihre Antwort? Nun, mag ich immerhin zugrunde gehen, aber der alte Mann? Wie stellen Sie sich den weiteren Verlauf vor: er wird ja heute abend den Verstand verlieren!«

»Nein, er wird den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief seiner Tochter zeige, in welchem diese einen Rechtsanwalt um Rat fragt, wie sie ihren Vater für irrsinnig erklären lassen könne!« rief ich aufgeregt. »Das ist es, was er nicht ertragen würde. Ich kann Ihnen versichern, daß er an diesen Brief nicht glaubt; er hat es mir schon gesagt.«

Ich log das hinzu, daß er mir so etwas gesagt hätte, aber das geschah aus gutem Grund.

»Hat er Ihnen das schon gesagt? Das hatte ich mir doch gedacht! Dann bin ich verloren; er hat auch schon geweint und nach Hause verlangt.«

»Teilen Sie mir doch mit, worin denn eigentlich Ihr Plan besteht?« fragte ich nachdrücklich. Sie errötete, sozusagen aus verwundetem Hochmut, aber sie nahm sich zusammen und antwortete:

»Mit diesem Brief seiner Tochter in der Hand stehen wir in den Augen der Welt gerechtfertigt da. Ich werde sogleich zum Fürsten W. und zu Boris Michailowitsch Pelischtschew, seinen Jugendfreunden, schicken; beide sind in der guten Gesellschaft angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, und ich weiß, daß sie schon vor zwei Jahren über gewisse Handlungen seiner erbarmungslosen, habgierigen Tochter entrüstet waren. Sie werden ihn natürlich mit seiner Tochter versöhnen, auf meine Bitte hin, darauf werde ich selbst bestehen; aber dennoch wird die Lage der Dinge vollständig geändert sein. Außerdem werden dann auch meine Verwandten, die Fanariotows – darauf rechne ich mit Bestimmtheit –, sich entschließen, mich in meinen gerechten Ansprüchen zu unterstützen. Aber die Hauptsache ist für mich sein Glück; möge er endlich einsehen und richtig würdigen, wer ihm in Wirklichkeit ergeben ist. Natürlich rechne ich ganz besonders auf Ihren Einfluß, Arkadij Makarowitsch: Sie sind ihm so zugetan ... Und wer liebt ihn denn auch wirklich außer Ihnen und mir? Er hat in den letzten Tagen fortwährend von Ihnen gesprochen und sich nach Ihnen gesehnt; Sie sind sein ›junger Freund‹ ... Selbstverständlich wird nachher mein ganzes Leben lang meine Dankbarkeit keine Grenzen kennen ...«

Da stellte sie mir also schon eine Belohnung in Aussicht, vielleicht Geld.

Ich unterbrach sie in scharfem Ton.

»Sie mögen reden, was Sie wollen, ich bin außerstande«, sagte ich mit dem Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit. »Alles, was ich kann, ist, Ihre Offenherzigkeit in gleicher Weise zu erwidern und Ihnen meinen endgültigen Entschluß mitzuteilen: ich werde diesen verhängnisvollen Brief in allernächster Zeit Katerina Nikolajewna einhändigen, aber unter der Bedingung, daß sie von dem, was jetzt geschehen ist, nichts dazu benutzt, einen Skandal hervorzurufen, und daß sie mir vorher ihr Wort darauf gibt, Ihrem Glück nicht hinderlich zu sein. Das ist alles, was ich tun kann.«

»Das darf unter keinen Umständen geschehen!« sagte sie, über das ganze Gesicht errötend. Schon der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie schonen würde, versetzte sie in Entrüstung.

»Ich ändere meinen Entschluß nicht, Anna Andrejewna.«

»Vielleicht werden Sie ihn doch ändern.«

»Wenden Sie sich an Lambert!«

»Arkadij Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück aus Ihrem Eigensinn entstehen wird«, sagte sie finster und erbittert.

»Ein Unglück wird geschehen, das ist sicher ... der Kopf ist mir ganz schwindlig. Ich habe nun mit Ihnen genug geredet: ich habe meinen Entschluß gefaßt, und damit ist die Sache erledigt. Ich bitte Sie nur dringend – bringen Sie Ihren Bruder nicht zu mir!«

»Aber er möchte doch gerade alles wiedergutmachen ...«

»Er braucht nichts wiedergutzumachen! Ich habe kein Verlangen danach, ich will es nicht, ich will es nicht!« rief ich und griff dabei nach meinem Kopf. (Oh, vielleicht behandelte ich sie damals gar zu sehr von oben herab!) »Aber sagen Sie mal: wo wird der Fürst denn heute die Nacht zubringen? Etwa hier?«

»Er wird die Nacht hier zubringen, bei Ihnen, mit Ihnen zusammen.«

»Noch heute abend ziehe ich in eine andere Wohnung.«

Und nach diesen schonungslosen Worten ergriff ich meine Mütze und begann mir den Pelz anzuziehen. Anna Andrejewna beobachtete mich in finsterem Schweigen. Sie tat mir leid, oh, sie tat mir leid, dieses stolze Mädchen! Aber ich lief aus der Wohnung, ohne ihr auch nur mit einem Wort Hoffnung gemacht zu haben.

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