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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 118
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Es beginnen nun die letzten vierundzwanzig Stunden meiner Aufzeichnungen, und ich bin am Ende!

Es war, glaube ich, etwa halb elf, als ich in großer Aufregung und, soviel ich mich erinnere, in einer sonderbaren Zerstreutheit, aber mit einem endgültigen Entschluß im Herzen, mich zu meiner Wohnung hingeschleppt hatte. Ich hatte mich nicht beeilt; ich wußte schon, wie ich handeln würde. Aber kaum hatte ich unsern Flur betreten, als ich auch sofort merkte, daß ein neues Unglück hereingebrochen und eine außerordentliche Komplikation der Sache eingetreten war: der alte Fürst, den man soeben aus Zarskoje Selo herübergebracht hatte, befand sich in unserer Wohnung, und bei ihm war Anna Andrejewna!

Man hatte ihn nicht in meinem Zimmer einquartiert, sondern in den beiden daneben gelegenen Zimmern der Wirtsleute. Schon tags zuvor waren, wie sich herausstellte, in diesen Zimmern einige Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur von ganz geringfügiger Art. Der Wirt war mit seiner Frau in das Kämmerchen des launenhaften, pockennarbigen Mieters übergesiedelt, dessen ich schon früher Erwähnung getan habe; der pockennarbige Mieter war für diese Zeit ausquartiert worden – wohin, weiß ich nicht.

Der Wirt kam mir entgegen und schlüpfte sogleich mit in mein Zimmer. Er machte keine so energische Miene wie tags zuvor, sondern befand sich in einem Zustand ungewöhnlicher Aufregung, sozusagen auf der Höhe der Situation. Ich sagte nichts zu ihm, sondern trat in eine Ecke, griff mit beiden Händen nach meinem Kopf und blieb so etwa eine Minute lang stehen. Er mochte anfangs denken, ich »stellte mich nur an«; schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wurde ängstlich.

»Fehlt Ihnen etwas?« murmelte er. »Ich habe auf Sie gewartet, um zu fragen«, fügte er hinzu, als er sah, daß ich nicht antwortete, »ob Sie nicht befehlen, daß wir diese Tür hier öffnen, damit Sie eine direkte Verbindung mit den fürstlichen Gemächern haben ... und nicht erst über den Flur zu gehen brauchen.« Er zeigte auf eine bisher stets verschlossen gehaltene Zwischentür, die nach den Zimmern der Wirtsleute, also nach dem jetzigen Logis des Fürsten, führte.

»Hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch«, wandte ich mich mit strenger Miene an ihn, »ich bitte Sie ganz ergebenst, hinzugehen und Anna Andrejewna sofort zu einer Unterredung zu mir zu bitten. Sind die Herrschaften schon lange hier?«

»Es wird schon fast eine Stunde sein.«

»Also gehen Sie hin!«

Er ging und kam mit der eigentümlichen Antwort zurück, Anna Andrejewna und Fürst Nikolai Iwanowitsch erwarteten mich bei sich mit Ungeduld; Anna Andrejewna wollte also nicht zu mir kommen. Ich brachte meinen in der Nacht arg zerdrückten Rock in Ordnung und bürstete ihn, wusch und kämmte mich, alles ohne Eile; dann begab ich mich in der vollen Erkenntnis, daß ich vorsichtig sein müsse, zu dem alten Herrn.

Der Fürst saß auf dem Sofa an einem runden Tisch; Anna Andrejewna aber war in einer anderen Ecke an einem andern, mit einem Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem der wie noch nie zuvor blankgeputzte Samowar der Wirtsleute brodelte, damit beschäftigt, Tee für ihn zu machen. Ich trat mit derselben strengen Miene ein, und der Alte, der dies augenblicklich bemerkte, fuhr heftig zusammen; das Lächeln auf seinem Gesicht wurde schnell durch einen Ausdruck von Angst abgelöst; aber da konnte ich mich auch schon nicht mehr beherrschen, brach in ein Gelächter aus und streckte ihm die Hände entgegen; der Ärmste warf sich nur so in meine Arme.

Natürlich sah ich auf den ersten Blick, mit wem ich es zu tun hatte. Erstens wurde es mir so klar wie zwei mal zwei vier ist, daß man aus dem alten Mann, der vorher beinahe noch eine gewisse Frische und immerhin wenigstens etwas Verstand sowie ein wenig Charakterfestigkeit besessen hatte, in der Zeit, wo ich mit ihm nicht in Berührung gekommen war, eine Art Mumie, ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht hatte. Ich füge hinzu: er wußte vollkommen, weshalb er dorthin gebracht worden war, und alles hatte sich genau so abgespielt, wie ich es im voraus oben dargelegt habe. Man hatte ihn ohne alle Umstände mit der Nachricht von dem Verrat seiner Tochter und dem ihm drohenden Irrenhaus überrascht, ihn betäubt, niedergeschmettert. Er hatte sich wegbringen lassen, ohne vor lauter Angst recht zu wissen, was er tat. Ihm war gesagt worden, ich sei im Besitz eines Geheimnisses und hätte den Schlüssel zur definitiven Lösung. Ich will gleich im voraus sagen: gerade diese definitive Lösung und diesen Schlüssel fürchtete er über alles. Er hatte erwartet, daß ich mit einer Art Todesurteil auf der Stirn und einem Blatt Papier in der Hand zu ihm hereinkommen würde, und freute sich gewaltig, daß ich einstweilen noch Lust hatte, zu lachen und von ganz anderen Dingen zu plaudern. Als wir uns umarmten, brach er in Tränen aus. Ich muß bekennen, daß auch ich ein bißchen weinte; er tat mir auf einmal sehr leid ... Alfonsinkas kleines Hündchen schlug ein Gebell an, das hell wie ein Glöckchen klang, sprang vom Sofa herunter und stürzte auf mich los. Von diesem winzigen Tierchen wollte der alte Fürst, seit er es erworben hatte, sich gar nicht mehr trennen und nahm es sogar mit ins Bett.

»Oh, je disais, qu'il a du coeur!« rief er, auf mich weisend, Anna Andrejewna zu.

»Aber wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie nett und frisch und gesund Sie aussehen!« bemerkte ich. Ach, leider war ganz das Gegenteil der Fall: er war eine Mumie, und ich redete nur so, um ihn zu ermutigen.

»N'est-ce pas, n'est-ce pas?« erwiderte er erfreut. »Oh, mein Befinden hat sich ganz erstaunlich gebessert.«

»Aber trinken Sie doch Ihren Tee, und wenn Sie mir ein Täßchen abgeben, so trinke ich mit Ihnen zusammen.«

»Wundervoll! ›Trinken wollen wir, ihr Freunde, und des Lebens uns erfreun‹, oder wie es da heißt, es gibt so ein Gedicht. Anna Andrejewna, geben Sie ihm Tee; il prend toujours par les sentiments ... geben Sie uns Tee, meine Liebe!«

Anna Andrejewna reichte uns Tee, aber auf einmal wandte sie sich zu mir und begann mit großartiger Feierlichkeit:

»Arkadij Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai Iwanowitsch, sind zu Ihnen geflüchtet. Nach meiner Überzeugung sind Sie der einzige Mensch, zu dem wir kommen konnten, und nun bitten wir beide Sie um Asyl. Bedenken Sie, daß das ganze Schicksal dieses tugendhaften, edlen, tief gekränkten Mannes in Ihren Händen liegt. Wir erwarten die Entscheidung von Ihrem rechtschaffenen Herzen!«

Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst hatte einen furchtbaren Schreck bekommen und zitterte ordentlich vor Angst: »Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!« bat er und hob die Hände zu ihr auf.

Ich kann es gar nicht schildern, wie unangenehm Anna Andrejewnas Benehmen auf mich wirkte. Ich gab ihr keine Antwort und begnügte mich mit einer kühlen, würdevollen Verbeugung; dann setzte ich mich an den Tisch und begann absichtlich von etwas anderem, von irgendwelchem dummen Zeug zu sprechen, zu lachen und Witze zu reißen. Der alte Herr war mir augenscheinlich dafür dankbar und überließ sich einer entzückten Lustigkeit. Aber auf diese Lustigkeit war trotz allen Entzückens offenbar kein Verlaß, und sie konnte jeden Augenblick in vollständigen Kleinmut umschlagen; das war auf den ersten Blick klar.

»Cher enfant, ich habe gehört, daß du krank gewesen bist ... Ach, pardon! Du hast dich, wie ich gehört habe, die ganze Zeit über mit Spiritismus beschäftigt?«

»Ist mir gar nicht eingefallen!« erwiderte ich lächelnd.

»Nein? Aber wer hat mir denn etwas von Spi-ri-tis-mus gesagt?«

»Das war der Wirt hier, ein Beamter, Pjotr Ippolitowitsch, der hat vorhin mit Ihnen davon gesprochen«, belehrte ihn Anna Andrejewna. »Das ist ein sehr lustiger Mann, und er weiß eine Menge Anekdoten, soll ich ihn herrufen?«

»Oui, oui, il est charmant ..., er weiß viele Anekdoten; aber wir wollen ihn lieber erst später rufen. Wir wollen ihn rufen, und er kann uns dann allerlei erzählen, mais après. Denk dir nur, vorhin wurde der Tisch gedeckt, und da sagte er: ›Seien Sie unbesorgt, er wird nicht davonfliegen, wir sind keine Spiritisten.‹ Fliegen denn wirklich bei den Spiritisten die Tische?«

»Ich weiß es wahrhaftig nicht; man sagt, sie höben sich mit allen Beinen in die Höhe.«

»Mais c'est terrible ce que tu dis!« rief er, mich erschrocken ansehend.

»Oh, seien Sie unbesorgt, das ist nur dummes Gerede.«

»Das sage ich auch. Nastasja Stepanowna Salomejewa ... Du kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stell dir das vor, die glaubt ebenfalls an Spiritismus, und stellen Sie sich das vor, cher enfant«, fuhr er, sich zu Anna Andrejewna wendend, fort, »ich sagte zu ihr: ›In den Ministerien stehen ja auch Tische, und auf jedem von ihnen liegen acht Paar Beamtenhände und schreiben immer Akten – warum tanzen nun da die Tische nicht?‹ Stell dir das bloß vor, wenn die auf einmal anfingen zu tanzen! Ein Aufstand der Tische im Finanz- und Volksbildungsministerium – das fehlte gerade noch!«

»Was Sie für allerliebste Dinge vorbringen, Fürst, ganz wie früher!« rief ich und gab mir Mühe, herzlich zu lachen.

»N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien.«

»Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herholen«, sagte Anna Andrejewna und stand auf. Ihr Gesicht strahlte nur so vor Befriedigung: sie freute sich, zu sehen, daß ich zu dem alten Herrn so freundlich war. Aber kaum war sie hinausgegangen, als sich dessen ganzer Gesichtsausdruck plötzlich veränderte. Er blickte hastig nach der Tür, dann um sich herum, beugte sich vom Sofa zu mir herüber und flüsterte mir ängstlich zu: »Cher ami! Oh, wenn ich sie beide hier zusammen sehen könnte! O cher enfant!«

»Fürst, beruhigen Sie sich ...«

»Ja, ja, aber ... wir wollen sie versöhnen, n'est-ce pas? Es ist da ein grundloser, kleinlicher Streit zwischen zwei prächtigen Frauen, n'est-ce pas? Auf dich setze ich dabei meine ganze Hoffnung... Wir wollen das hier alles in Ordnung bringen. Und was ist das hier für eine sonderbare Wohnung«, fuhr er, ängstlich um sich blickend, fort.

»Und weißt du, dieser Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag mal: ist er auch nicht gefährlich?«

»Der Wirt? O nein, wodurch könnte der gefährlich sein?«

»C'est ça. Um so besser. Il semble qu'il est bête, ce gentilhomme. Cher enfant, um Gottes willen, sag nicht zu Anna Andrejewna, daß ich mich hier vor allem fürchte. Ich habe hier vom ersten Augenblick an alles gelobt, auch den Wirt habe ich gelobt. Hör mal, kennst du die Geschichte von einem gewissen Herrn von Sohn – erinnerst du dich?«

»Nun, was ist denn damit?«

»Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas? Was meinst du, hier kann mir doch nichts zustoßen ... so in der Art?«

»Aber ich versichere Ihnen, liebster Fürst ... erbarmen Sie sich!«

»Mon ami! Mon enfant!« rief er auf einmal, indem er die Hände vor der Brust faltete und seine Angst gar nicht mehr zu verbergen suchte. »Wenn du wirklich etwas hast ... Schriftstücke ... kurz, wenn du mir etwas mitzuteilen hast, so sage mir nichts; um Gottes willen, sage mir nichts ... schweige davon so lange wie möglich ...«

Er wollte mir um den Hals fallen; die Tränen liefen ihm über das Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie schmerzhaft sich mir das Herz zusammenzog: der arme alte Mann hatte die größte Ähnlichkeit mit einem hilflosen, schwachen, verängstigten kleinen Kind, das Zigeuner aus dem Elternhaus gestohlen und zu fremden Leuten gebracht haben. Aber wir kamen nicht mehr dazu, uns zu umarmen; die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna trat ein, aber nicht mit dem Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Bei diesem unerwarteten Anblick fühlte ich mich wie vor den Kopf geschlagen; ich stand auf und ging nach der Tür.

»Arkadij Makarowitsch, gestatten Sie, daß ich Sie bekannt mache!« sagte Anna Andrejewna laut, so daß ich unwillkürlich stehenbleiben mußte.

»Ich kenne Ihren Bruder bereits nur zu gut«, sagte ich nachdrücklich und mit besonderer Betonung der Worte »nur zu gut«.

»Ach, das war ein schrecklicher Irrtum! Und ich bitte vielmals um Entschuldigung, lieber And ... Andrej Makarowitsch«, sagte der junge Mensch langsam mit Kaubewegungen, trat mit höchst ungezwungener Miene auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich nicht imstande war ihm zu entziehen. »An allem ist mein Stepan schuld; er hat Sie mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen andern hielt – das war in Moskau«, fügte er zur Erklärung für seine Schwester hinzu. »Nachher habe ich mir die größte Mühe gegeben, Sie ausfindig zu machen, um die Sache klarzustellen, aber ich wurde krank, Sie können meine Schwester fragen. Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance ...«

Und der dreiste junge Mensch erkühnte sich sogar, den einen Arm um meine Schulter zu legen, was denn doch der Gipfel zudringlicher Familiarität war. Ich machte mich los, zog es aber in meiner Verlegenheit vor, schnellstens, ohne ein Wort zu sagen, hinauszugehen. Als ich in mein Zimmer gekommen war, setzte ich mich voll aufgeregter Gedanken auf mein Bett. Diese Intrige flößte mir Abscheu ein, aber ich konnte Anna Andrejewna nicht so einfach zurückstoßen und mich von ihr lossagen. Ich fühlte auf einmal, daß ich auch sie in mein Herz geschlossen hatte und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand.

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