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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 117
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Elftes Kapitel

I

Ich lief zu Lambert. Oh, wie gern ich auch meinen Handlungen an diesem Abend und in dieser ganzen Nacht einen Anschein von Logik geben und auch nur den geringsten vernünftigen Sinn darin finden möchte, so bin ich doch selbst jetzt, wo ich alles schon überdenken kann, völlig außerstande, die Sache in ordentlichem, klarem Zusammenhang darzustellen. Es war da ein Gefühl oder, richtiger gesagt, ein ganzes Chaos von Gefühlen, in dem ich mich naturgemäß verirren mußte. Allerdings war da ein Gefühl, das ganz im Vordergrund stand, das mich in seinem Bann hielt und alle anderen Gefühle beherrschte, aber ... soll ich dieses Gefühl bekennen? Ich möchte das um so weniger, als ich nicht überzeugt bin ...

Ich lief, selbstverständlich in größter Aufregung, zu Lambert und jagte ihm und Alfonsina einen gehörigen Schreck ein. Ich habe immer beobachtet, daß selbst ganz verkommene, moralisch tiefstehende Franzosen in ihrem Hauswesen den größten Wert auf eine gewisse spießbürgerliche Ordnung, auf eine Art höchst prosaischer, ein für allemal eingeführter Lebensweise legen. Indes begriff Lambert sehr schnell, daß etwas vorgefallen war, und geriet in Entzücken, als er mich endlich bei sich sah und mich endlich in seiner Macht hatte. Das, das allein war es gewesen, woran er diese ganzen Tage über Tag und Nacht gedacht hatte! Oh, wie sehr brauchte er mich! Und siehe da, als er schon alle Hoffnung verloren hatte, da erschien ich auf einmal ganz von selbst, und noch dazu in einem solchen Zustand von Verrücktheit – gerade in dem Zustand, in dem er mich brauchte.

»Lambert, Wein her!« schrie ich. »Wir wollen trinken und Lärm machen! Alfonsina, wo haben Sie Ihre Gitarre?«

Die nun folgende Szene will ich nicht beschreiben, das ist überflüssig. Wir tranken, und ich erzählte ihm alles, alles. Er hörte gespannt zu. Ich schlug ihm geradezu und aus eigener Initiative eine Verschwörung, ein tolles Komplott vor. Erstens, müßten wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief zu uns bestellen ...

»Das läßt sich machen«, stimmte mir Lambert bei, der an jedes meiner Worte eine Bemerkung knüpfte.

Zweitens müsse man ihr, um sie von der Richtigkeit der Sache zu überzeugen, in dem Brief eine vollständige Abschrift jenes »Schriftstücks« mitschicken, damit sie ohne weiteres sehen könne, daß man sie nicht betrügen wolle.

»Ja, das ist erforderlich, das ist notwendig!« bemerkte Lambert beifällig; er wechselte beständig mit Alfonsina Blicke.

Drittens müsse Lambert selbst sie hinbestellen, von sich aus, als sei er ein Unbekannter, der aus Moskau eingetroffen sei, und ich müsse Wersilow mitbringen ...

»Wir können auch Wersilow mit hinzuziehen«, stimmte Lambert bei.

»Wir können nicht, wir müssen!« rief ich. »Das ist unbedingt notwendig. Um seinetwillen wird ja alles in Szene gesetzt!« fügte ich erläuternd hinzu und trank aus meinem Glas einen Schluck nach dem andern. (Wir tranken alle drei, aber ich glaube, ich habe allein die ganze Flasche Champagner ausgetrunken, und sie haben nur so getan.) »Ich und Wersilow werden in einem Nebenzimmer sitzen (Lambert, du mußt dafür sorgen, daß auch ein Nebenzimmer dabei ist!), und wenn sie dann auf alles eingeht, sowohl auf den Kaufpreis in Geld als auch auf den andern Kaufpreis – denn gemein sind die Weiber sämtlich –, dann komme ich mit Wersilow herein, und wir überführen sie, was für ein gemeines Frauenzimmer sie ist, und wenn dann Wersilow ihre ganze Schändlichkeit erkennt, wird er auf einmal von seiner Leidenschaft kuriert sein, und sie, sie jagen wir mit Fußtritten weg. Aber Bjoring müssen wir auch dabei haben, damit auch der sie kennenlernt!« fügte ich in meiner Raserei hinzu.

»Nein, Bjoring können wir nicht gebrauchen«, wollte Lambert einwenden.

»Doch! Der muß dabeisein, der muß dabeisein!« brüllte ich wieder. »Du begreifst nichts, Lambert, weil du dumm bist! Es soll gerade einen Skandal in den vornehmen Kreisen geben – dadurch rächen wir uns sowohl an der vornehmen Gesellschaft als auch an ihr, mag sie ihre Strafe erhalten! Lambert, sie wird dir einen Wechsel geben ... Mir liegt nichts am Geld, ich werde auf das Geld spucken, aber du wirst dich danach bücken und es mitsamt meinem Speichel in die Tasche stecken. Aber dafür werde ich sie vernichten!«

»Gewiß, gewiß!« stimmte mir Lambert immer bei. »Da hast du recht ...« Er wechselte mit Alfonsina fortwährend Blicke.

»Lambert! Sie hegt eine große Verehrung für Wersilow; ich habe mich soeben davon überzeugt«, stammelte ich. »Das ist gut, daß du alles heimlich mit angesehen hast; ich hätte nie gedacht, daß du ein solcher Spion bist und daß du soviel Verstand besitzt!« Er sagte das, um mir zu schmeicheln.

»Du redest Unsinn, Franzose, ich bin kein Spion, aber viel Verstand besitze ich! Aber weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja!« fuhr ich in dem heißen Verlangen, mich auszusprechen, fort. »Aber sie heiratet ihn nicht, weil Bjoring ein Gardeoffizier und Wersilow nur ein hochherziger Mensch und ein Freund der Menschheit ist, nach der Meinung dieser Leute eine komische Person und weiter nichts! Oh, sie versteht diese Leidenschaft und hat ihre Freude daran und kokettiert mit ihm und lockt ihn an, aber heiraten tut sie ihn nicht! Sie ist ein Weib, sie ist eine Schlange! Jedes Weib ist eine Schlange, und jede Schlange ist ein Weib! Ihn müssen wir kurieren; ihm müssen wir die Binde von den Augen reißen: er soll sehen, was sie für eine ist, dann wird er kuriert sein. Ich werde ihn zu dir bringen, Lambert!«

»Das ist das Richtige!« sagte Lambert, der mir in allem beistimmte und mir fortwährend einschenkte.

Er vermied es ängstlich, mir zu widersprechen und mich dadurch aufzubringen, aus Furcht, ich könnte dann aufhören zu trinken. Sein Vorgehen war so plump und augenfällig, daß ich auch damals nicht umhinkonnte, es zu bemerken. Aber ich hätte es auch selbst um keinen Preis fertiggebracht wegzugehen; ich trank und trank und redete und redete und verspürte das größte Verlangen, mich vollständig auszusprechen. Als Lambert hinausgegangen war, um eine zweite Flasche zu holen, spielte Alfonsina auf der Gitarre eine spanische Melodie, und ich fing beinahe an zu weinen.

»Lambert, weißt du denn auch alles?« rief ich mit tiefer Empfindung. »Diesen Mann müssen wir unbedingt retten, weil er ringsum ... von Zauberei umgeben ist. Wenn sie ihn heiratete, so würde er sie am Morgen nach der ersten Nacht, mit Fußtritten wegjagen ... denn so etwas kommt vor. So eine gewaltsame, wilde Liebe wirkt wie ein Anfall, wie eine Mordschlinge, wie eine Krankheit, und kaum hat sie ihre Befriedigung erlangt, so fällt einem auch sogleich die Binde von den Augen, und es stellt sich das entgegengesetzte Gefühl ein: Abneigung und Haß und der Wunsch zu zertreten, zu vernichten. Kennst du die Geschichte von Abisag, Lambert? Hast du sie gelesen?«

»Nein, ich erinnere mich nicht; ist es ein Roman?« murmelte Lambert.

»Oh, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist furchtbar, furchtbar ungebildet ... aber ich schere mich nicht darum. Ganz egal. Oh, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er wird jene am andern Morgen wegjagen und von selbst wieder zu Mama kommen; aber dann wird es zu spät sein, und darum müssen wir ihn jetzt retten ...«

Zuletzt fing ich an bitterlich zu weinen, redete aber immer weiter und trank furchtbar viel. Charakteristisch war, daß Lambert den ganzen Abend auch nicht ein einziges Mal nach dem »Schriftstück« fragte, das heißt wo es sich eigentlich befinde, und mich nicht ersuchte, es zu zeigen und auf den Tisch zu legen. Man sollte meinen, nichts wäre natürlicher gewesen, als danach zu fragen, da wir doch unsere Aktion verabredeten. Noch ein anderes Charakteristikum: wir sprachen nur davon, daß wir »das« tun müßten und daß wir es unbedingt tun würden, aber davon, wo und wie und wann es geschehen solle, davon sprachen wir ebenfalls kein Sterbenswort! Er pflichtete mir immer nur bei und wechselte Blicke mit Alfonsina – weiter nichts! Allerdings konnte ich damals keine rechten Überlegungen anstellen; aber ich habe das doch im Gedächtnis behalten.

Die Sache endete damit, daß ich bei ihm auf dem Sofa einschlief, ohne mich ausgezogen zu haben! Ich schlief sehr lange und wachte erst sehr spät wieder auf. Ich erinnere mich, daß ich nach dem Erwachen noch eine Zeitlang wie betäubt auf dem Sofa liegenblieb, meine Gedanken zu sammeln und mich zu erinnern suchte und so tat, als ob ich immer noch schliefe. Aber Lambert war nicht mehr im Zimmer: er war schon fortgegangen. Es war schon zwischen neun und zehn Uhr; im Ofen knisterte das Feuer; genauso wie damals, als ich nach jener Nacht zum erstenmal bei Lambert war. Aber hinter dem Bettschirm bewachte mich Alfonsinka: ich bemerkte das sofort, da sie zweimal hervorblickte und nach mir hinsah, aber ich machte jedesmal die Augen zu und stellte mich, als ob ich noch schliefe. Ich tat das deshalb, weil ich mich ganz matt fühlte und über meine Lage nachdenken wollte. Ich erkannte mit Schrecken die ganze Torheit und Schändlichkeit meiner nächtlichen Beichte vor Lambert, meiner Verabredung mit ihm, meines Fehlers, daß ich zu ihm hingelaufen war! Aber Gott sei Dank, das Schriftstück befand sich noch in meinen Händen, es war immer noch ebenso in meiner Seitentasche eingenäht; ich fühlte mit der Hand hin – es war da! Also brauchte ich nur sofort aufzuspringen und davonzulaufen; mich aber nachher vor Lambert zu schämen, dazu war kein Grund vorhanden: das war Lambert nicht wert.

Aber ich schämte mich vor mir selbst! Ich war mein eigener Richter, und – o Gott, wie sah es in meiner Seele aus! Aber, ich will dieses höllische, unerträgliche Gefühl und dieses Bewußtsein meiner Gemeinheit und Schändlichkeit nicht schildern. Eingestehen aber muß ich es, denn es ist, wie ich glaube, der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. In meinen Aufzeichnungen muß das vermerkt werden. Und so mag es denn jedermann wissen, daß ich nicht darum beabsichtigte, sie mit Schmutz zu bewerfen, und mich anschickte, Zeuge zu werden, wie sie Lambert den Kaufpreis entrichtete (o welche Gemeinheit!), nicht darum, um den irrsinnigen Wersilow zu retten und ihn Mama wiederzugeben, sondern weil ... weil ich vielleicht selbst in sie verliebt war, verliebt und eifersüchtig! Auf wen war ich eifersüchtig: auf Bjoring, auf Wersilow? Auf alle die Herren, denen sie auf dem Ball einen Blick zuwenden und mit denen sie reden würde, während ich in der Ecke stehen und mich vor mir selbst schämen würde?... O welche Ungeheuerlichkeit!

Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich hatte es am vorhergehenden Abend gefühlt und mich so sicher, wie zwei mal zwei vier ist, davon überzeugt, daß sie für mich verloren war, daß diese Frau mich zurückstoßen und mich wegen meiner Heimtücke und Torheit auslachen würde! Sie war aufrichtig und ehrlich, und ich – ich war ein Spion und operierte mit Schriftstücken!

Alles dies habe ich seitdem in meinem Herzen verborgen gehalten, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, und ich ziehe das Fazit. Aber ich sage es noch einmal und zum letztenmal: vielleicht habe ich mich zur vollen Hälfte oder gar zu fünfundsiebzig Prozent verleumdet! In jener Nacht haßte ich sie wie ein Rasender und dann wie ein tobender Betrunkener. Ich habe schon gesagt, daß es ein Chaos von Gefühlen und Empfindungen war, in dem ich mich selbst absolut nicht zurechtfinden konnte. Aber ganz gleich, ich mußte sie hier aussprechen, weil wenigstens ein Teil dieser Gefühle sicherlich nicht bloß eingebildet war.

Mit einer unwiderstehlichen Empfindung des Ekels und mit der festen Absicht, alles wieder in Ordnung zu bringen, sprang ich plötzlich vom Sofa auf; aber kaum hatte ich das getan, als Alfonsina augenblicklich hinter dem Bettschirm hervorsprang. Ich griff nach meinem Pelz und nach meiner Mütze und befahl ihr, Lambert zu bestellen, ich hätte gestern dummes Zeug geredet, eine Dame verleumdet, absichtlich Spaß gemacht; Lambert solle nie wieder wagen, mir nahezukommen ... Alles dies brachte ich nur holpernd und ungeschickt heraus, hastig und auf Französisch und selbstverständlich furchtbar unklar, aber zu meinem Erstaunen verstand Alfonsina alles vortrefflich; was aber dabei das wunderlichste war: sie schien sich sogar über etwas zu freuen.

»Oui, oui«, stimmte sie mir bei, »c'est une honte! Une dame ... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquille, je ferai voir raison à Lambert ...«

Ich hätte sogar in jenem Augenblick angesichts einer so unerwarteten Wandlung in ihren Gefühlen und somit aller Wahrscheinlichkeit nach auch in denen Lamberts erstaunt stehenbleiben müssen. Ich ging jedoch schweigend hinaus; in meiner Seele war alles trübe und unklar, und meine Denkkraft funktionierte nur mangelhaft. Oh, später habe ich mir alles genau überlegt, aber da war es schon zu spät! Oh, was für eine teuflische Machination kam da zutage! Ich will hier haltmachen und sie im voraus aufklären, da dem Leser sonst das weitere Verständnis nicht möglich sein würde.

Die Sache war die, daß ich schon bei meinem ersten Zusammensein mit Lambert, damals, als ich in seiner Wohnung auftaute, ihm dummerweise hingestammelt hatte, daß das Schriftstück in meiner Tasche eingenäht sei. Damals war ich bei ihm für eine Weile in der Sofaecke eingeschlafen, und Lambert hatte unverzüglich meine Tasche befühlt und sich überzeugt, daß das Papier tatsächlich darin eingenäht war. Später hatte er mehrere Male festgestellt, daß das Papier noch da war: so zum Beispiel erinnere ich mich, daß er während unseres Diners bei den Tataren mich eigens mehrere Male um die Taille faßte. Als er endlich erkannt hatte, welche Wichtigkeit dieses Papier besaß, da hatte er einen Plan entworfen, den ich ihm überhaupt nicht zugetraut hätte. Ich Dummkopf hatte mir die ganze Zeit über vorgestellt, daß er mich einzig deswegen so hartnäckig zu sich einlud, um mich zu überreden, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, gemeinschaftlich mit ihm zu operieren. Aber o weh! Er lud mich zu einem ganz anderen Zweck zu sich! Er lud mich ein, um mich sinnlos betrunken zu machen und, wenn ich dann besinnungslos daläge und schnarchte, meine Tasche aufzutrennen und sich des Schriftstücks zu bemächtigen. Genauso verfuhren denn auch er und Alfonsinka in jener Nacht. Alfonsinka besorgte das Auftrennen der Tasche. Nachdem sie den Brief, ihren Brief, mein Moskauer Schriftstück, herausgenommen hatten, nahmen sie einen leeren Bogen Briefpapier von gleicher Größe, steckten ihn in die aufgetrennte Tasche und nähten sie wieder zu, als wäre nichts geschehen, so daß ich nichts davon merken konnte. Wieder war es Alfonsinka, die das Zunähen besorgte. Ich aber, ich dachte immer noch, fast bis zum letzten Augenblick, noch volle anderthalb Tage lang, ich sei im Besitz des Geheimnisses und hätte Katerina Nikolajewnas Schicksal immer noch in meinen Händen.

Ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Schriftstücks war die Ursache alles dessen, was nun folgte, all dieser traurigen Ereignisse!

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