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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Indes, er war nirgends zu erblicken, und nach seiner Wohnung zu laufen, schien auch zwecklos; es war schwer zu glauben, daß er so einfach nach Hause gegangen sein sollte. Auf einmal blitzte ein Gedanke in meinem Kopf auf, und ich stürzte Hals über Kopf zu Anna Andrejewna.

Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sofort vorgelassen. Ich ging zu ihr hinein und suchte mich nach Möglichkeit zu beherrschen. Ohne mich hinzusetzen, erzählte ich ihr geradeheraus die Szene, die sich soeben abgespielt hatte, das heißt namentlich das von dem »Doppelgänger«. Niemals werde ich die gespannte, aber mitleidlos ruhige, selbstbewußte Neugier vergessen und verzeihen, mit der sie, ebenfalls ohne sich hinzusetzen, mich anhörte.

»Wo ist er? Sie wissen es vielleicht?« schloß ich in energischem Ton. »Tatjana Pawlowna wollte mich gestern zu Ihnen schicken ...«

»Ich habe Sie schon gestern bitten lassen, zu mir zu kommen. Gestern war er in Zarskoje Selo und kam auch zu mir. Jetzt aber« (sie blickte nach der Uhr), »jetzt ist es sieben ... Also wird er wahrscheinlich bei sich zu Hause sein.«

»Ich sehe, daß Sie alles wissen – also reden Sie doch, reden Sie!« rief ich.

»Ich weiß manches, aber alles weiß ich nicht. Natürlich hat es keinen Zweck, Ihnen etwas zu verbergen ...« (sie maß mich lächelnd und wie überlegend mit einem seltsamen Blick). »Gestern morgen hat er Katerina Nikolajewna als Antwort auf ihren Brief einen formellen Heiratsantrag gemacht.«

»Das ist nicht wahr!« rief ich und riß die Augen weit auf.

»Der Brief ist durch meine Hände gegangen; ich selbst habe ihn ihr unerbrochen überbracht. Diesmal ist er ›ritterlich‹ verfahren und hat mir nichts verheimlicht.«

»Anna Andrejewna, ich verstehe das nicht!«

»Es ist allerdings schwer zu verstehen, aber er hat in der Art eines Spielers gehandelt, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und dabei schon den Revolver in der Tasche bereithält – das ist der Sinn seines Antrags. Von zehn Chancen sind neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt, und doch hat er auf diese eine zehnte Chance gesetzt, und ich muß gestehen, das ist sehr interessant; übrigens, meiner Ansicht nach ... meiner Ansicht nach kann das eine geistige Störung gewesen sein, eben jener ›Doppelgänger‹, wie Sie es soeben so gut bezeichnet haben.«

»Und Sie lachen noch? Und kann ich etwa glauben, daß Sie den Brief übergeben haben? Sie sind doch die Braut ihres Vaters? Ich bitte Sie um alles in der Welt, Anna Andrejewna!«

»Er bat mich, ich möchte meine eigene Zukunft seinem Lebensglück zum Opfer bringen. Übrigens, eigentlich gebeten hat er mich nicht: das wurde alles ziemlich schweigsam erledigt, ich habe alles nur in seinen Augen gelesen. Ach, mein Gott, was ist denn da groß zu verwundern; ist er nicht nach Königsberg zu Ihrer lieben Mutter gefahren, um ihre Einwilligung zu seiner Verheiratung mit Madame Achmakowas Stieftochter zu erbitten? Das hat ja doch die größte Ähnlichkeit damit, daß er mich gestern zu seiner Bevollmächtigten und Vertrauten erwählte.«

Sie war ein wenig blaß. Aber ihre Ruhe war nichts anderes als forcierter Sarkasmus. Oh, ich verzieh ihr vieles in diesem Augenblick, als ich die Sache allmählich begriff. Ungefähr eine Minute lang dachte ich nach; sie schwieg und wartete.

»Wissen Sie«, sagte ich dann lächelnd, »Sie haben den Brief deswegen übergeben, weil für Sie keinerlei Risiko damit verbunden war, da die Ehe ja doch nicht zustande kommt, aber was wird aus ihm? Und schließlich auch aus ihr? Selbstverständlich wird sie seinen Antrag ablehnen, und dann ... was kann sich dann ereignen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich. »Jetzt ist jede Minute kostbar, jeden Augenblick kann ein Unglück geschehen!«

»Er ist bei sich zu Hause, wie ich Ihnen schon gesagt habe. In seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich ihr übergeben habe, hat er sie auf jeden Fall um eine Zusammenkunft bei sich in seiner Wohnung gebeten, heute, Punkt sieben Uhr abends. Und sie hat es ihm versprochen.«

»Sie soll zu ihm in seine Wohnung kommen? Wie ist das möglich?«

»Warum nicht? Die Wohnung gehört Darja Onissimowna: sie können sich beide sehr wohl da als deren Gäste treffen ...«

»Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie töten!«

Anna Andrejewna lächelte nur.

»Katerina Nikolajewna hegt trotz all ihrer Furcht, die ich selbst an ihr bemerkt habe, dennoch von früher her immer noch eine gewisse Verehrung und Bewunderung für Andrej Petrowitschs vornehme Denkweise und ideale Geistesrichtung. Diesmal will sie ihm Vertrauen schenken, um mit ihm für immer zu einem Abschluß zu kommen. In seinem Brief hat er ihr in feierlichster, ritterlichster Weise sein Wort gegeben, daß sie nichts zu befürchten habe ... Kurz, ich kann mich zwar auf die einzelnen Ausdrücke nicht besinnen, aber sie schenkte den Versicherungen Glauben ... sozusagen zum letztenmal ... und sozusagen, indem sie diese Versicherungen selbst mit den heldenhaftesten Gefühlen erwiderte. Es kann da zu einem Kampf kommen, der von beiden Seiten in ritterlicher Weise geführt wird.«

»Aber der Doppelgänger, der Doppelgänger!« rief ich. »Er hat ja doch den Verstand verloren.«

»Als Katerina Nikolajewna gestern ihr Wort darauf gab, daß sie zu der Zusammenkunft erscheinen werde, da hat sie eine solche Möglichkeit nicht in Rechnung gestellt.«

Ich drehte mich plötzlich um und lief weg ... Selbstverständlich zu ihm, zu ihm! Aber aus dem nächsten Zimmer kehrte ich noch einmal für eine Sekunde zurück.

»Ihnen ist es vielleicht ganz erwünscht, wenn er sie tötet!« rief ich und rannte aus dem Hause.

Obwohl ich am ganzen Leibe wie bei einem Fieberanfall zitterte, ging ich ganz leise in die Wohnung hinein, durch die Küche, und bat die Köchin flüsternd, Darja Onissimowna zu mir herauszurufen; aber sie kam in diesem Augenblick schon von selbst und sah mich, ohne ein Wort zu sagen, mit einem festen, schrecklich fragenden Blick an.

»Er ... er ist nicht zu Hause.«

Aber ich setzte ihr, hastig flüsternd, kurz und bestimmt auseinander, daß ich von Anna Andrejewna alles erfahren hätte und selbst soeben von ihr herkäme.

»Darja Onissimowna, wo sind sie?«

»Sie sind in seinem Zimmer, in demselben, wo Sie vorgestern gesessen haben, sie sitzen am Tisch ...«

»Darja Onissimowna, lassen Sie mich dorthin!«

»Wie wäre das möglich!«

»Nicht dorthin, sondern in das Zimmer nebenan. Darja Onissimowna, vielleicht wünscht das Anna Andrejewna selbst. Wenn sie das nicht wünschte, würde sie mir nicht gesagt haben, daß sie hier sind. Sie werden mich nicht hören ... sie selbst wünscht es ...«

»Aber wenn sie es nun nicht wünscht?« versetzte Darja Onissimowna, ohne ihren festen Blick von mir abzuwenden.

»Darja Onissimowna, ich denke an Ihre Olga ... lassen Sie mich hinein!«

Lippen und Kinn fingen ihr auf einmal an zu zittern.

»Lieber Freund, um Olgas willen ... um Ihrer Teilnahme willen ... Aber laß Anna Andrejewna nicht im Stich, mein Teuerster! Laß sie nicht im Stich, nein? Wirst du sie nicht im Stich lassen?«

»Nein, ich werde sie nicht im Stich lassen.«

»Gib mir dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinlaufen und nicht aufschreien wirst, wenn ich dich da hinstelle!«

»Ich schwöre es bei meiner Ehre, Darja Onissimowna!«

Sie faßte mich am Rock, führte mich in ein dunkles Zimmer neben dem, in welchem sie saßen, führte mich kaum hörbar über den weichen Teppich an die Tür, stellte mich unmittelbar neben die zugezogene Portiere und zeigte mir die beiden, indem sie ein ganz kleines Eckchen der Portiere aufhob.

Ich blieb stehen, und sie ging weg. Natürlich blieb ich stehen. Ich war mir dessen bewußt, daß ich horchte, ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb stehen. Wie hätte ich denn auch nicht stehenbleiben sollen; ich dachte an den Doppelgänger. Hatte er doch schon vor meinen Augen ein Heiligenbild zerschlagen!

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