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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Zehntes Kapitel

I

Aber ich halte es wieder für notwendig, dem Gang der Ereignisse vorauszueilen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, denn hier mischten sich in den logischen Verlauf dieser Geschichte so viele Zufälligkeiten hinein, daß man ohne vorherige Erklärung sich nicht zurechtfindet. Es handelte sich um eben jene »Mordschlinge«, von der Tatjana Pawlowna ein Wort entschlüpft war. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna endlich den kühnsten Schritt gewagt hatte, den man sich in ihrer Lage nur denken konnte. Wahrlich, sie besaß Charakter! Zwar hatte man den alten Fürsten unter dem Vorwand, daß das für seine Gesundheit notwendig sei, damals noch rechtzeitig nach Zarskoje Selo abgeschoben, so daß die Nachricht von seiner beabsichtigten Eheschließung mit Anna Andrejewna sich in der Gesellschaft nicht hatte verbreiten können und für eine Weile sozusagen im Keim erstickt war, aber doch hätte der schwache alte Mann, mit dem man sonst alles mögliche anstellen konnte, sich um keinen Preis der Welt dazu bereit gefunden, von seinem Plan Abstand zu nehmen und Anna Andrejewna, die ihm den Antrag gemacht hatte, untreu zu werden. In solchen Dingen war er ein Kavalier, und es war daher zu erwarten, daß er früher oder später sich gegen den Zwang auflehnen und mit unwiderstehlicher Energie zur Ausführung seiner Absicht schreiten würde, was sehr häufig vorkommt, namentlich bei schwachen Charakteren, da es bei diesen eine bestimmte Grenze gibt, über die man sie nicht hinausführen darf. Zudem war er sich in vollem Umfang darüber klar, in wie mißlicher Lage sich Anna Andrejewna befand, die er maßlos verehrte; er wußte, daß in der Gesellschaft leicht allerlei Gerüchte, Spöttereien und üble Nachrede über sie entstehen konnten. Nur der Umstand, daß Katerina Nikolajewna kein einziges Mal, weder mit einem Wort noch mit einer Andeutung, sich erlaubt hatte, in seiner Gegenwart etwas Nachteiliges über Anna Andrejewna zu äußern oder gegen seine Absicht einer Verehelichung mit ihr irgendwelche Einwendungen zu machen, beruhigte ihn einstweilen noch und hielt ihn zurück. Vielmehr legte sie die größte Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit gegenüber der Braut ihres Vaters an den Tag. Auf diese Weise kam Anna Andrejewna in eine sehr heikle Lage, da sie mit ihrem weiblichen Spürsinn sehr wohl begriff, daß sie durch die geringste Anklage gegen Katerina Nikolajewna, die der Fürst ebenfalls vergötterte, und jetzt sogar noch mehr als sonst, und namentlich weil sie so hochherzig und respektvoll in seine Heirat eingewilligt hatte, daß sie durch die geringste Anklage gegen jene alle seine zärtlichen Gefühle beleidigen und in seinem Herzen Mißtrauen gegen ihre eigene Person, ja vielleicht sogar Entrüstung wecken würde. In solcher Weise also ging auf diesem Schlachtfeld der Kampf einstweilen vor sich: die beiden Gegnerinnen wetteiferten gleichsam miteinander in Zartgefühl und Geduld, und der Fürst wußte am Ende nicht mehr, über welche von ihnen er sich mehr wundern sollte, und nach Art aller schwachen, gutherzigen Menschen begann er schließlich unter diesem Zustand zu leiden und allein sich selbst die Schuld an allem beizumessen. Seine Melancholie soll geradezu krankhaft geworden sein; seine Nerven gerieten in völlige Zerrüttung, und statt daß sich in Zarskoje Selo sein Gesundheitszustand gebessert hätte, war der Fürst, wie man erzählte, schon nahe daran, bettlägerig zu werden.

Ich schalte hier etwas ein, was ich erst sehr lange nachher erfahren habe: Bjoring soll Katerina Nikolajewna direkt den Vorschlag gemacht haben, den alten Herrn ins Ausland zu schaffen, wozu er durch irgendeine Täuschung willig gemacht werden müsse; inzwischen müsse man in der Gesellschaft unterderhand die Nachricht in Umlauf setzen, daß er vollständig den Verstand verloren habe; im Ausland müsse man sich dann ein ärztliches Attest darüber beschaffen. Aber dazu soll Katerina Nikolajewna um keinen Preis bereit gewesen sein; wenigstens wurde das später behauptet. Sie soll diesen Plan voll Empörung zurückgewiesen haben. Alles das ist nur ein ganz unverbürgtes Gerücht, aber ich halte es für wahr.

Und gerade da, als die Sache sozusagen auf dem toten Punkt angelangt war, erfuhr Anna Andrejewna auf einmal durch Lambert von der Existenz eines Briefes, in welchem die Tochter des Fürsten bereits einen Juristen über die Mittel befragt habe, den Vater für irrsinnig erklären zu lassen. Das regte ihren rachsüchtigen, stolzen Geist im höchsten Grade auf. Wenn sie an ihre früheren Gespräche mit mir zurückdachte und eine Menge geringfügiger Umstände in Erwägung zog, so konnte sie an der Wahrheit dieser Mitteilung nicht zweifeln. Da reifte in diesem energischen, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan heran, einen großen Schlag zu führen. Der Plan bestand darin, plötzlich, ohne alle Einleitungen und Vorbereitungen, dem Fürsten alles mitzuteilen, ihn zu erschrecken, ihn aufs tiefste zu erschüttern, ihm darzulegen, daß ihn unvermeidlich das Irrenhaus erwarte, und, falls er sich sträubte und unwillig würde und es nicht glauben wollte, dann ihm den Brief seiner Tochter zu zeigen und ihm zu sagen: »Die Absicht, Sie für irrsinnig erklären zu lassen, hat schon einmal bestanden; um so wahrscheinlicher ist sie jetzt, wo Ihre Ehe verhindert werden soll.« Dann wollte sie den erschrockenen, niedergeschmetterten alten Herrn nehmen und nach Petersburg bringen, direkt in meine Wohnung!

Das war ein furchtbares Risiko, aber sie vertraute fest auf ihre Macht. Hier möchte ich einen Augenblick von dem Gang der Erzählung abschweifen und, sehr weit vorgreifend, mitteilen, daß sie sich über die Wirkung des von ihr geführten Schlages nicht getäuscht hatte; ja, die Wirkung übertraf sogar alle ihre Erwartungen. Die Nachricht von diesem Brief wirkte auf den alten Fürsten wohl noch viel stärker, als sie selbst und wir alle angenommen hatten. Ich hatte vorher nie gewußt, daß dem Fürsten schon früher etwas von diesem Brief bekannt gewesen war; aber nach der Gewohnheit aller schwachen, schüchternen Menschen hatte er dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und sich dagegen mit aller Kraft gewehrt, um in seiner Ruhe nicht gestört zu werden; ja, er hatte sich wegen seiner Leichtgläubigkeit einer unedlen Denkweise beschuldigt. Ich füge noch hinzu, daß die Tatsache der Existenz des Briefes auf Katerina Nikolajewna ebenfalls unvergleichlich stärker wirkte, als ich selbst es erwartet hatte ... Kurz, es stellte sich heraus, daß dieses Blatt Papier weit wichtiger war, als ich selbst, der ich es in der Tasche trug, annahm. Aber damit habe ich schon gar zu weit vorgegriffen.

Aber warum denn, wird man fragen, gerade in meine Wohnung? Warum wollte sie den Fürsten in unsere kläglichen Stübchen bringen und ihn vielleicht durch die ganze Kümmerlichkeit, die er bei uns um sich sah, erschrecken? Wenn sie ihn schon nicht in sein Haus bringen konnte (denn dort hätte man all ihre Pläne mit einemmal durchkreuzen können), warum dann nicht in eine andere gute Wohnung, wie es Lambert vorgeschlagen hatte? Aber gerade darin lag die ganze Chance des ungewöhnlichen Schrittes, den Anna Andrejewna unternahm.

Hauptsächlich kam es darauf an, dem Fürsten gleich nach seiner Ankunft das Schriftstück vorzulegen; nun aber gab ich dieses um keinen Preis heraus. Da jedoch keine Zeit zu verlieren war, entschloß sich Anna Andrejewna im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache auch ohne das Schriftstück in Angriff zu nehmen, aber unter der Voraussetzung, daß sie den Fürsten direkt zu mir brachte – und zu welchem Zweck? Der Zweck dabei war, durch diesen Schritt gleichzeitig auch mich zu überrumpeln und sozusagen nach der landläufigen Redensart zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie rechnete darauf, daß die plötzliche, heftige Gemütserschütterung auch bei mir ihre Wirkung nicht verfehlen werde. Ihre Spekulation war diese: wenn ich den alten Herrn in meiner Wohnung erblickte, seine Angst und Hilflosigkeit sähe und die vereinten Bitten aller hörte, dann würde ich nachgeben und das Schriftstück vorlegen! Ich muß gestehen – die Berechnung war schlau und klug und psychologisch richtig; mehr noch: sie wäre beinahe von Erfolg gekrönt gewesen ... Was den alten Mann betraf, so bestand das Mittel, durch das ihn Anna Andrejewna damals überredete und ihn veranlaßte, ihr aufs Wort zu glauben, eben in dem Hinweis darauf, daß sie ihn zu mir bringen werde. Alles das habe ich in der Folgezeit erfahren. Schon allein die Mitteilung, daß dieses Schriftstück sich in meinem Besitz befinde, hatte in seinem schüchternen Herzen die letzten Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Tatsache verscheucht – so sehr liebte und schätzte er mich!

Ich merke noch an, daß Anna Andrejewna selbst keinen Augenblick daran zweifelte, daß das Schriftstück sich noch in meinem Besitz befand und ich es noch nicht aus den Händen gegeben hatte. Ein Hauptpunkt war, daß sie meinen Charakter falsch einschätzte und in zynischer Weise auf meine Unschuld, meine Gutherzigkeit, ja sogar auf meine Empfindsamkeit rechnete; andrerseits aber nahm sie an, daß ich, selbst wenn ich mich entschlösse, den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna auszuhändigen, dies nur unter ganz besonderen Umständen tun würde, und dem Eintreten eben dieser Umstände beeilte sie sich durch einen plötzlichen, überraschenden Schlag zuvorzukommen.

Und schließlich war sie in diesem ganzen Plan noch von Lambert bestärkt worden. Ich habe schon gesagt, daß Lamberts Situation zu diesem Zeitpunkt höchst kritisch war: dieser Verräter wünschte lebhaft, mich Anna Andrejewna abspenstig zu machen, damit ich mit ihm zusammen das Schriftstück an Frau Achmakowa verkaufte, was er aus einem bestimmten Grund für vorteilhafter hielt. Aber da ich das Schriftstück bis zum letzten Augenblick um keinen Preis herausgab, so beschloß er, notfalls auch mit Anna Andrejewna zusammen zu operieren, um nicht jedes Vorteils verlustig zu gehen, und drängte ihr deshalb bis zur letzten Stunde mit Gewalt seine Dienste auf, und ich weiß, daß er ihr sogar anbot, ihr, falls es erforderlich würde, einen Geistlichen zu besorgen ... Aber Anna Andrejewna bat ihn mit einem geringschätzigen Lächeln, davon nicht weiter zu reden. Lambert kam ihr furchtbar ungebildet vor und erweckte ihren größten Widerwillen; aber vorsichtshalber nahm sie doch seine Dienste an, die zum Teil in Spionage bestanden. Apropos, ich weiß auch heute noch nicht sicher, ob sie meinen Wirt Pjotr Ippolitowitsch bestochen haben oder nicht und ob er von ihnen damals etwas für seine Dienste bekommen hat oder bloß so aus Vergnügen am Intrigieren in ihren Bund eingetreten ist; aber jedenfalls spionierte auch er mir nach, und ebenso seine Frau – das weiß ich bestimmt.

Der Leser wird es jetzt verstehen, daß ich, obgleich man mich zum Teil darauf vorbereitet hatte, doch in keiner Weise vermuten konnte, daß ich am nächsten oder übernächsten Tag den alten Fürsten bei mir in meiner Wohnung finden würde, und zwar unter diesen Umständen. Ich hätte ja auch eine solche Kühnheit von Anna Andrejewna keineswegs erwarten können! Mochte sie auch von dergleichen reden und allerlei Andeutungen machen; aber einen Entschluß zu fassen und ans Werk zu gehen und ein solches Unternehmen tatsächlich auszuführen – nein, das muß ich sagen, das zeugt von großer Charakterfestigkeit!

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