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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Tatsachen, Tatsachen!... Aber wird der Leser auf diese Weise etwas verstehen? Ich erinnere mich, wie mich selbst damals eben diese Tatsachen ganz benommen machten und mich nichts begreifen ließen, so daß ich am Ende dieses Tages ganz wirr im Kopf war. Daher will ich mit ganz wenigen Worten vorgreifen.

Meine ganze Qual lag in folgender Frage beschlossen: wenn er gestern eine Wiedergeburt durchgemacht hat und sie nicht mehr liebt, wo müßte er in diesem Fall heute sein? Antwort: in erster Linie bei mir, den er gestern umarmt hat, und dann gleich bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Aber statt diese beiden natürlichen Schritte zu tun, hat er plötzlich vor Tagesanbruch das Haus verlassen, ist Gott weiß wohin gegangen, und Darja Onissimowna redet aus irgendwelchen Gründen davon, daß er wohl kaum zurückkommen werde. Und damit nicht genug: Lisa spricht von einer Entscheidung der »alten Geschichte« und davon, daß Mama über ihn irgendwelche Nachrichten habe, und zwar ganz neue; außerdem wissen sie dort zweifellos auch von dem Brief Katerina Nikolajewnas (das hatte ich selbst gemerkt) und glauben dennoch nicht an seine »Wiedergeburt zu einem neuen Leben«, obwohl sie mir aufmerksam zugehört haben. Mama ist sehr niedergedrückt, und Tatjana Pawlowna macht spöttische Bemerkungen über das Wort »Wiedergeburt«. Aber wenn sich das alles so verhält, so muß bei ihm über Nacht wieder ein Umschwung, eine Krisis eingetreten sein, und das nach der Begeisterung, der Rührung und dem Pathos von gestern! Also ist diese ganze »Wiedergeburt« zerplatzt wie eine Seifenblase, und er treibt sich vielleicht jetzt wieder in ebenso wütender Stimmung herum wie damals, als er die Nachricht über Bjoring erhalten hatte! Es fragt sich nun, was aus Mama, aus mir, aus uns allen und zuletzt... was aus ihr werden soll. Tatjana Pawlowna hat sich etwas von einer »Mordschlinge« entschlüpfen lassen und mich zu Anna Andrejewna geschickt! Also muß dort diese »Mordschlinge« sein, bei Anna Andrejewna! Warum aber gerade bei Anna Andrejewna? Selbstverständlich werde ich mich schleunigst zu Anna Andrejewna begeben; das habe ich nur aus Trotz, nur aus Ärger gesagt, daß ich nicht hingehen würde; ich will sofort hineilen. Aber was hat Tatjana Pawlowna da noch von dem »Schriftstück« geredet? Und hat er nicht selbst gestern zu mir gesagt: »Verbrenne das Schriftstück!«

Das waren meine Gedanken, das war es, was mich wie eine Mordschlinge würgte; aber vor allen Dingen mußte ich mit ihm reden. Mit ihm würde ich sofort alles in Ordnung bringen – das fühlte ich; wir würden einander mit wenigen Worten verstehen! Ich würde seine Hände ergreifen, sie drücken und in meinem Herzen warme Worte finden – so malte ich mir das mit aller Bestimmtheit aus. Oh, ich würde seine Verrücktheit überwinden!... Aber wo war er? Wo war er? Und siehe da, gerade in diesem Augenblick, wo ich in so heißer Erregung war, mußte ich auf Lambert stoßen! Ich war nur noch einige Schritte von meiner Wohnung entfernt, als er mir plötzlich begegnete; er schrie freudig auf, als er mich erblickte, und ergriff mich bei der Hand.

»Ich bin schon zum drittenmal bei dir gewesen«, sagte er. »Enfin! Komm mit frühstücken!«

»Halt! Du bist bei mir gewesen? War Andrej Petrowitsch nicht da?«

»Kein Mensch war da. Laß sie doch alle laufen! Du bist gestern böse geworden, du Schafskopf; du warst betrunken, aber ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen; ich habe heute wunderschöne Nachrichten über die Angelegenheit erhalten, von der wir gestern sprachen...«

»Lambert«, unterbrach ich ihn; ich konnte vor Erregung kaum Luft bekommen, sprach hastig und geriet unwillkürlich in einen rednerischen Ton hinein, »wenn ich mit dir stehengeblieben bin, so habe ich das einzig und allein getan, um für immer mit dir Schluß zu machen. Ich habe dir das schon gestern gesagt, aber du verstehst immer nicht. Lambert, du bist wie ein kleines Kind und dumm wie ein Franzose. Du denkst immer, du wärest noch derselbe wie bei Touchard, und ich wäre noch ebenso dumm wie bei Touchard... Aber ich bin nicht mehr so dumm wie bei Touchard... Ich war gestern betrunken, aber nicht vom Wein, sondern weil ich ohnehin schon erregt war; wenn ich aber dem Unsinn, den du redetest, zustimmte, so habe ich das nur aus List getan, um deine Gedanken auszukundschaften. Ich betrog dich, aber du freutest dich und warst vertrauensselig und schwatzhaft. Nun will ich dir sagen: sie zu heiraten, das ist ein solcher Unsinn, daß es nicht einmal ein Gymnasiast aus der Vorbereitungsklasse für möglich halten kann. Wie kann jemand denken, daß ich es für möglich hielte? Aber du hast es für möglich gehalten! Du hast es deswegen für möglich gehalten, weil du zu den höheren Kreisen keinen Zutritt hast und nicht weißt, wie es dort in den höheren Kreisen zugeht. Dort in den höheren Kreisen geht es nicht so einfach zu, und es ist unmöglich, daß sie so einfach und ohne weiteres jemanden zum Mann nähme... Jetzt will ich dir klar und deutlich sagen, was du möchtest: du möchtest mich mitnehmen, um mich betrunken zu machen, damit ich dir dann das Schriftstück ausliefere und mit dir zusammen irgendeine Schurkerei gegen Katerina Nikolajewna verübe! Aber da irrst du dich! Ich werde niemals zu dir kommen, und du sollst auch noch dies wissen: schon morgen oder jedenfalls übermorgen wird sich dieses Papier in ihren eigenen Händen befinden, denn dieses Schriftstück gehört ihr, weil sie es geschrieben hat, und ich selbst werde es ihr persönlich übergeben, und wenn du wissen willst wo, so wisse, daß ich es ihr durch Vermittlung Tatjana Pawlownas, die mit ihr bekannt ist, übergeben werde, in Tatjana Pawlownas Wohnung und in Tatjana Pawlownas Gegenwart; und ich werde für das Schriftstück von ihr nichts verlangen. Aber jetzt marsch, scher dich weg, für immer, sonst... sonst, Lambert, werde ich weniger höflich mit dir verfahren...«

Als ich zu Ende war, fühlte ich am ganzen Leib ein leises Zittern. Ein sehr wichtiges Moment und eine sehr üble, bei jedem Geschäft schädliche Angewohnheit im Leben ist es, wenn man pathetisch wird. Mußte mich der Teufel reiten, ihm gegenüber mich zu erhitzen und am Ende meiner Tirade, indem ich mit Genuß die Worte betonte und die Stimme immer mehr erhob, diese völlig entbehrliche Einzelheit vorzubringen, daß ich das Schriftstück durch Tatjana Pawlownas Vermittlung und in deren Wohnung ausliefern würde! Aber ich bekam damals auf einmal die größte Lust, ihn in Bestürzung zu versetzen! Als ich so geradezu mit der Erwähnung des Schriftstücks herausplatzte und sein dummes Erschrecken sah, reizte es mich plötzlich, ihn durch genaue Details noch mehr niederzuschmettern. Und gerade diese weibische, prahlerische Geschwätzigkeit wurde dann die Ursache des schrecklichen Unglücks, denn diese Einzelheit von Tatjana Pawlowna und ihrer Wohnung blieb sofort in seinem Kopf haften, wie das bei einem gaunerischen, in kleinen, praktischen Dingen gewandten Menschen erklärlich ist; in höheren, wichtigen Dingen ist er unfähig und begreift nichts, aber für solche Kleinigkeiten besitzt er doch einen guten Spürsinn. Hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so hätte größeres Unglück nicht geschehen können. Indessen war er, nachdem er meine Worte gehört hatte, im ersten Augenblick vollständig fassungslos.

»Hör mal«, murmelte er, »Alfonsina... Alfonsina wird uns etwas vorsingen ... Alfonsina ist bei ihr gewesen; hör mal; ich habe einen Brief, beinahe so etwas wie einen Brief, worin Frau Achmakowa von dir spricht. Mir hat ihn der Pockennarbige verschafft; du erinnerst dich doch an den Pockennarbigen – du wirst selbst sehen, du wirst selbst sehen, komm nur mit!«

»Du lügst, zeig den Brief her!«

»Er ist bei mir zu Hause, Alfonsina hat ihn, komm mit!«

Natürlich log und schwindelte er, aus Angst, ich könnte ihm davonlaufen; aber ich ließ ihn plötzlich mitten auf der Straße stehen, und als er mir folgen wollte, drehte ich mich um und drohte ihm mit der Faust. Aber er stand schon wieder, mit seinen Gedanken beschäftigt, still und ließ mich fortgehen; vielleicht blitzte in seinem Kopf bereits ein neuer Plan auf. Aber für mich rissen die Überraschungen und Begegnungen nicht ab... Und wenn ich an diesen ganzen Unglückstag zurückdenke, so scheint es mir immer, als hätten sich alle diese Überraschungen und Zufälligkeiten damals gleichsam verschworen gehabt und sich aus einem unglückbringenden Füllhorn mit einemmal auf mein Haupt ergossen. Kaum hatte ich die Wohnungstür geöffnet, als ich noch im Vorzimmer mit einem jungen Mann zusammenstieß: hochgewachsen, mit länglichem, blassem Gesicht, vornehmem, geschmackvollem Äußeren, in einem prachtvollen Pelz. Er trug einen Kneifer, nahm ihn aber, als er mich erblickte, sogleich ab (offenbar aus Höflichkeit), hob artig seinen Zylinder, sagte zu mir mit freundlichem Lächeln, aber ohne stehenzubleiben: »Ha, bonsoir«, und ging an mir vorbei auf die Treppe. Wir hatten einander sofort erkannt, obgleich ich ihn in meinem Leben nur einmal flüchtig in Moskau gesehen hatte. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, der junge Wersilow, der Sohn Wersilows und somit beinahe auch mein Bruder. Er wurde von der Wirtin hinausbegleitet (der Wirt aber war noch nicht vom Dienst nach Hause gekommen). Sobald er hinaus war, stürzte ich nur so auf sie zu:

»Was hat er hier zu suchen! Ist er in meinem Zimmer gewesen?«

»In Ihr Zimmer hat er keinen Schritt getan. Er war zu mir gekommen...«, erwiderte sie schnell und in trockenem Ton und wandte sich ab, um in ihr Zimmer zu gehen.

»Nein, so geht das nicht!« rief ich. »Bitte antworten Sie mir: warum ist er hergekommen?«

»Ach, mein Gott! Ich brauche Ihnen doch nicht immer zu erzählen, warum die Leute zu mir kommen. Ich möchte meinen, wir dürfen doch auch unsere eigenen Geschäfte haben. Er ist ein junger Mensch; vielleicht wollte er Geld borgen und hat sich bei mir nach einer Adresse erkundigt. Vielleicht hatte ich es ihm schon das vorige Mal versprochen...«

»Wann war das, das vorige Mal?«

»Ach, mein Gott! Es ist ja doch nicht das erstemal, daß er herkommt!«

Sie ging weg. Mir fiel vor allem auf, daß sich hier der Ton geändert hatte: sie fingen an, grob mit mir zu reden. Es war klar, daß da auch wieder ein Geheimnis dahintersteckte: die Geheimnisse häuften sich bei jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Wersilow mit Anna Andrejewna, seiner Schwester, hergekommen, während ich krank lag: daran erinnerte ich mich ganz genau, ebenso auch daran, daß Anna Andrejewna schon gestern absichtlich die verwunderliche Bemerkung hatte fallenlassen, der alte Fürst werde vielleicht in meiner Wohnung Quartier nehmen... Aber all das war so wirr und ungeheuerlich, daß ich mir fast gar nichts dabei denken konnte. Ich schlug mich vor die Stirn, setzte mich nicht einmal einen Augenblick hin, um mich auszuruhen, und lief zu Anna Andrejewna: sie war nicht zu Hause, und von dem Portier erhielt ich die Antwort, sie sei nach Zarskoje Selo gefahren und werde erst morgen etwa um diese Zeit zurück sein.

Sie war nach Zarskoje Selo gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten, und ihr Bruder besichtigte meine Wohnung! ›Nein, daraus wird nichts!‹ sagte ich zähneknirschend zu mir, ›und wenn dort wirklich eine Mordschlinge bereitgelegt wird, so werde ich die arme Frau beschützen!‹

Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Hause zurück, weil in meinem heißen Kopf auf einmal die Erinnerung an die Kneipe am Kanal aufblitzte, die Andrej Petrowitsch manchmal zu besuchen pflegte, wenn er in düsterer Stimmung war. Erfreut über diesen Einfall lief ich sofort dorthin; es war schon bald vier Uhr und fing an dunkel zu werden. In der Kneipe sagte man mir, er sei dagewesen, habe ein Weilchen gesessen und sei dann wieder fortgegangen, aber vielleicht werde er noch einmal wiederkommen. Ich nahm mir plötzlich mit aller Bestimmtheit vor, ihn zu erwarten, und ließ mir ein Mittagessen geben; wenigstens war da ein Hoffnungsschimmer.

Ich verzehrte meine Mahlzeit und aß sogar noch mehr, um nur ein Recht zu möglichst langem Aufenthalt zu haben; so saß ich, wie ich glaube, etwa vier Stunden lang. Ich will hier nicht meine traurige Stimmung und meine fieberhafte Ungeduld beschreiben; es war, als sei in meinem Innern alles erschüttert und zittere. Dieses Orchestrion, diese Gäste – oh, dieses ganze trübselige Milieu hat sich meiner Seele vielleicht fürs ganze Leben eingeprägt! Ich schildere auch die Gedanken nicht, die in meinem Kopf aufwirbelten wie eine Wolke trockener Herbstblätter, wenn sie ein Windstoß packt; es hatte wirklich damit Ähnlichkeit, und ich muß gestehen, ich hatte zeitweilig ein Gefühl, als ließe mich mein Denkvermögen im Stich.

Aber was mich so quälte, daß ich geradezu einen physischen Schmerz empfand (selbstverständlich nur so nebenbei, neben der eigentlichen Hauptqual), das war eine zudringliche, giftige Empfindung, zudringlich wie eine giftige Herbstfliege, an die man zunächst nicht denkt, die aber um einen herumschwirrt, einen belästigt und auf einmal schmerzhaft sticht. Es war das nur eine Erinnerung, ein Erlebnis, das ich noch keinem Menschen auf der Welt erzählt habe. Hier will ich es aufschreiben, denn es ist ja doch notwendig, daß ich auch das irgendwo erzähle.

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