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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 108
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Neuntes Kapitel

I

Aber am andern Morgen erwachte ich in besserer, frischerer Stimmung. Ich machte mir sogar unwillkürlich ernstliche Vorwürfe über die etwas leichtfertige, hochmütige Art, mit der ich, wie ich mich erinnerte, tags zuvor einige Partien seiner »Beichte« mit angehört hatte. Zwar war diese zum Teil konfus gewesen, und manche dieser Enthüllungen hatten bis zu einem gewissen Grad den Eindruck des Nebelhaften, ja des Ungereimten gemacht, aber hatte er sich etwa, als er mich am vorhergehenden Tag zu sich einlud, auf eine rednerische Leistung vorbereitet? Er hatte mir nur eine große Ehre damit erwiesen, daß er sich in einem solchen Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund gewandt hatte, und das werde ich ihm nie vergessen. Im Gegenteil, seine Beichte war »rührend«, mag man mich auch wegen dieses Ausdrucks auslachen, und wenn dabei manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas Komisches für einen Moment zutage kam, so dachte ich unbefangen genug, um auch für den Realismus Verständnis zu haben und ihn gelten zu lassen – jedoch ohne dabei mein Ideal zu beschmutzen. Die Hauptsache war, daß ich endlich diesen Menschen begriffen hatte, und es tat mir sogar zum Teil leid und ärgerte mich, daß sich das alles als so einfach und natürlich herausgestellt hatte: ich hatte diesen Menschen immer in meinem Herzen gewaltig hochgestellt, in die Wolken hinein, und sein Schicksal unbedingt mit einer Art Geheimnis umkleidet, so daß ich natürlicherweise bisher gewünscht hatte, das Kästchen möchte sich auf recht verschmitzte Weise öffnen lassen. Übrigens enthielten seine Begegnung mit ihr und seine zweijährigen Leiden doch auch viele Verwicklungen; er hatte sich gegen das Fatum in seinem Leben gesträubt; er hatte frei sein wollen und nicht ein Sklave des Fatums; als Sklave des Fatums war er gezwungen gewesen, Mama zu kränken, die in Königsberg auf ihn wartete ... Außerdem hielt ich diesen Menschen in jedem Falle für einen Propheten: er trug das Goldene Zeitalter im Herzen und wußte, wie es in Zukunft mit dem Atheismus stehen würde; und da hatte nun die Begegnung mit ihr alles zerstört und verdorben! Oh, ich übte an ihr nicht Verrat, aber doch nahm ich für ihn Partei. Mama zum Beispiel, so überlegte ich, wäre für sein Schicksal kein Hindernis gewesen, nicht einmal eine Ehe mit Mama. Das verstand ich; das war etwas ganz anderes als die Begegnung mit jener Frau. Zur Ruhe hätte ihm Mama allerdings auch nicht verholfen, aber das wäre nur um so besser gewesen: solche Leute muß man anders beurteilen; mag immerhin ihr ganzes Leben unruhig sein: das ist durchaus nichts Unnatürliches; unnatürlich würde es vielmehr sein, wenn sie sich beruhigten oder überhaupt den Durchschnittsmenschen ähnlich würden. Sein Lob des Adels und seine Worte: »je mourrai gentilhomme« befremdeten mich nicht im geringsten: ich begriff, was für ein gentilhomme er war; das war ein Typ, der alles hingab und sich zum Verkünder des Weltbürgertums und des wichtigen russischen Gedankens von der »allumfassenden Vereinigung der Ideen« machte. Und mochte selbst das alles nur dummes Zeug sein, das heißt die »allumfassende Vereinigung der Ideen« (die natürlich undenkbar ist), so war doch schon allein das schön, daß er sein ganzes Leben lang eine Idee angebetet hatte und nicht das dumme Goldene Kalb. Mein Gott! Hatte ich, als ich mir meine Idee ausdachte, hatte ich dabei vielleicht selbst das Goldene Kalb angebetet, hatte ich es damals vielleicht auf das Geld abgesehen? Nein, ich kann es beschwören, daß es mir nur auf die Idee ankam! Ich kann es beschwören, daß ich mir keinen Stuhl, kein Sofa mit Samt überziehen lassen und im Besitz von hundert Millionen ebenso wie jetzt einen Teller Suppe mit Rindfleisch essen würde!

Ich kleidete mich an; es trieb mich unwiderstehlich, mich eiligst zu ihm zu begeben. Ich füge hinzu, daß ich auch über das, was er tags zuvor über das »Schriftstück« gesagt hatte, jetzt viel ruhiger dachte als an dem Abend. Erstens hoffte ich, mich mit ihm darüber auszusprechen, und zweitens, was war denn dabei, daß sich Lambert auch an ihn herangemacht und über irgend etwas mit ihm geredet hatte? Aber hauptsächlich beruhte meine freudige Stimmung auf einer bestimmten starken Empfindung: das war der Gedanke, daß er sie nicht mehr liebe; daran glaubte ich felsenfest und hatte ein Gefühl, als ob mir jemand einen furchtbaren Stein vom Herzen herabgewälzt hätte. Ich erinnere mich sogar, daß damals eine Vermutung in meinem Kopf auftauchte: gerade sein letzter ungeheuerlicher, sinnloser Wutausbruch bei der Nachricht über Bjoring und die Absendung des damaligen beleidigenden Briefes, gerade dieses Extrem müsse gleichsam als Prophezeiung und als Vorbote des radikalsten Umschwunges in seinen Gefühlen und seiner nahen Rückkehr zur gesunden Vernunft angesehen werden; ich meinte, das sei wohl notwendig gewesen, ähnlich wie manchmal bei einer Krankheit, und er habe vor der Gesundung erst zum entgegengesetzten Pol gelangen müssen – ein medizinischer Vorgang, weiter nichts! Dieser Gedanke machte mich glücklich.

»Und mag sie doch«, rief ich aus, »mag sie doch über ihr Lebensschicksal nach eigenem Ermessen bestimmen, mag sie doch ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, sie nicht mehr liebt!« Übrigens steckten da bei mir noch gewisse geheime eigene Gefühle dahinter, aber von denen will ich hier in meinen Aufzeichnungen nicht viel Gerede machen.

Nun genug davon. Jetzt werde ich die ganze darauffolgende schreckliche Katastrophe und den ganzen komplizierten Verlauf der Ereignisse ohne alle Reflexionen schildern.

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