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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

»Ja, mein Junge, ich sage es noch einmal: ich lege Wert auf meinen Adel, ich kann nicht anders. Bei uns hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein sonst noch nirgends dagewesener höchster Kulturtypus herausgebildet, den es in der ganzen übrigen Welt nicht gibt: der Typus des universalen Kummers um alle. Das ist ein russischer Typus, aber da er in der höchsten Kulturschicht des russischen Volkes aufgekommen ist, so habe ich die Ehre, zu ihm zu gehören. Auf ihm beruht die Zukunft Rußlands. Wir sind unser vielleicht nur tausend Menschen, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger – aber ganz Rußland hat bisher nur zu dem Zweck gelebt, diese tausend Menschen hervorzubringen. Man kann sagen, das sei herzlich wenig, und sich darüber entrüsten, daß zur Hervorbringung von tausend Menschen so viele Jahrhunderte und so viele Millionen Menschen aufgewendet sein sollen. Aber meiner Ansicht nach ist das nicht wenig.«

Ich hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Ich sah nun klar, welches seine Überzeugungen waren, welche Richtung er in seinem ganzen Leben verfolgt hatte. Durch seine Bemerkung über die »tausend Menschen« trat sein eigenes Bild mit plastischer Deutlichkeit heraus! Ich hatte die Empfindung, daß seine Mitteilsamkeit mir gegenüber durch irgendeine äußere Erschütterung hervorgerufen war. Er hielt mir alle diese warmherzigen Reden gewiß in liebevoller Zuneigung; aber die Ursache, weshalb er auf einmal zu reden begonnen und weshalb er so sehr gewünscht hatte, gerade mit mir zu reden, diese Ursache war mir immer noch unbekannt geblieben.

»Ich wanderte aus«, fuhr er fort, »und ich grämte mich um nichts, was hinter mir blieb. Ich hatte meinem russischen Vaterland, solange ich in ihm weilte, so gut gedient, wie es nur irgend in meinen Kräften stand; auch als ich weggegangen war, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur hatte ich die Idee erweitert. Aber indem ich ihm so diente, diente ich ihm weit besser, als wenn ich nichts weiter als Russe gewesen wäre, in ähnlicher Weise, wie der Franzose nichts weiter als Franzose und der Deutsche nichts weiter als Deutscher war. In Europa hat man dafür vorläufig noch kein Verständnis. Europa hat die edlen Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber wie sein künftiger Mensch aussehen soll, davon weiß es noch fast nichts. Und wie es scheint, will es fürs erste auch noch gar nichts davon wissen. Und das ist ja auch begreiflich: sie sind nicht frei, wir aber sind frei. In ganz Westeuropa war damals ich mit meiner russischen Melancholie der einzige freie Mensch ...

Beachte eine Sonderbarkeit, mein Freund: jeder Franzose kann sowohl seinem Vaterland Frankreich als auch der Menschheit nur dann dienen, wenn er im höchsten Grade Franzose bleibt; ebenso steht es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der Russe hat sogar schon in unserer Zeit, das heißt schon lange bevor das allgemeine Fazit gezogen wird, die Fähigkeit erlangt, gerade dann im höchsten Grade Russe zu werden, wenn er im höchsten Grade Europäer wird. Das ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen andern, und es steht in dieser Hinsicht bei uns anders als überall sonst. Ich bin in Frankreich ein Franzose, im Verkehr mit Deutschen ein Deutscher, wenn ich mich mit den alten Griechen abgebe, ein Grieche, und eben dadurch bin ich im höchsten Grade ein Russe, eben dadurch bin ich ein echter Russe und diene meinem Vaterland am besten, denn ich bringe seinen Hauptgedanken zur Geltung. Ich bin ein Pionier dieses Gedankens. Ich bin damals ausgewandert, aber habe ich etwa Rußland im Stich gelassen? Nein, ich habe fortgefahren, ihm zu dienen. Mag ich auch in Westeuropa nichts getan haben, mag ich auch nur, um umherzuirren, dorthin gegangen sein (und ich wußte, daß ich nur zu diesem Zweck hingekommen war): es genügte schon das eine, daß ich mit meinen Gedanken und mit meiner Erkenntnis hingekommen war. Ich trug meine russische Melancholie dorthin. Oh, was mich so erschreckte, war nicht nur das viele damals vergossene Blut, auch nicht einmal der Brand der Tuilerien, sondern alles, was noch folgen mußte. Ihnen ist beschieden, noch lange miteinander zu ringen, weil sie noch zu sehr Deutsche und zu sehr Franzosen sind und ihren Part in diesen Rollen noch nicht zu Ende geführt haben. Aber mir ist es leid um die Verwüstungen, die bis dahin noch stattfinden werden. Einem Russen ist Europa ebenso teuer wie Rußland; jeder Stein dort ist ihm lieb und teuer. Europa ist ebenso unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand kann Rußland mehr lieben, als ich es tue, aber ich habe mir nie einen Vorwurf deswegen gemacht, daß mir Venedig, Rom, Paris, ihre wissenschaftlichen und künstlerischen Schätze und ihre ganze Geschichte teurer sind als Rußland. Oh, den Russen sind sie teuer, diese alten, fremden Steine, diese Wunderwerke des Altertums, diese Trümmer heiliger Wunderwerke, und sie sind uns sogar teurer als den dort Lebenden selbst! Die haben jetzt andere Gedanken und andere Gefühle und haben aufgehört, die alten Steine zu schätzen ... Dort kämpft der Konservative nur den Kampf ums Dasein; und auch dem Petroleur geht es lediglich um das Recht auf sein tägliches Stück Brot. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für die Ideen, und du mußt zugeben, mein Freund, es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Rußland nun schon ein Jahrhundert lang entschieden nicht für sich, sondern nur für Europa lebt! Aber wie steht es mit denen dort? Oh, denen sind noch schreckliche Leiden beschieden, ehe sie das Reich Gottes erlangen werden.«

Ich muß gestehen, ich hörte ihm in starker Verwirrung zu; sogar der Ton seiner Rede erschreckte mich, obgleich ich mich dem Eindruck seiner Gedanken nicht entziehen konnte. Ich fürchtete ängstlich, er könne eine Unwahrheit sagen. Auf einmal bemerkte ich in ernstem Ton:

»Sie sagten soeben: ›das Reich Gottes‹. Ich habe gehört, Sie hätten dort von Gott gepredigt und Büßerketten getragen?«

»Von meinen Büßerketten wollen wir nicht reden«, versetzte er lächelnd, »das steht auf einem ganz andern Blatt. Ich habe damals noch nichts gepredigt, aber um ihren Gott habe ich mich gegrämt, das ist wahr. Sie proklamierten damals den Atheismus ... zwar nur ein Häuflein von ihnen, aber das macht keinen Unterschied; es waren nur die vordersten Renner, aber es war der erste Schritt zur Ausführung; darin lag seine Bedeutung. Darin zeigte sich wieder ihre Logik; aber mit der Logik ist immer eine gewisse Melancholie verbunden. Ich gehörte einer andern Kulturrichtung an, und mein Herz sträubte sich dagegen. Diese Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen und Bewerfen mit Schmutz war mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit dieses Vorgehens beängstigte mich. Übrigens hat die Wirklichkeit immer so eine Art von Stiefelgeruch, sogar beim eifrigsten Streben nach dem Ideal, und ich hätte das natürlich wissen sollen; aber ich war eben ein Mensch von einem andern Typus: ich war frei in meiner Wahl und sie nicht, und ich weinte, weinte für sie, weinte um die alte Idee und weinte vielleicht echte Tränen ohne alles Getue.«

»Glaubten Sie denn so fest an Gott?« fragte ich mißtrauisch.

»Mein Freund, das ist vielleicht eine müßige Frage. Gesetzt auch, daß ich nicht sehr fest an ihn glaubte, so konnte ich doch nicht umhin, mich um die Idee zu grämen. Notwendigerweise überlegte ich mir mitunter, wie der Mensch ohne Gott leben wird, und ob dies überhaupt jemals möglich sein wird. Mein Herz beantwortete diese Frage immer dahin, daß es unmöglich sei; aber eine gewisse Periode des Unglaubens ist doch wohl möglich ... Für mich besteht sogar kein Zweifel daran, daß diese Periode heranrückt; aber ich habe mir immer ein ganz anderes Bild davon gemacht ...«

»Was denn für ein Bild?«

Allerdings hatte er schon vorher gesagt, daß er glücklich sei, und selbstverständlich lag in seinen Worten viel Exaltiertheit; so faßte ich denn auch vieles von dem, was er damals sagte, auf. Natürlich kann ich mich aus Achtung vor diesem Mann nicht dazu entschließen, unser gesamtes damaliges Gespräch schriftlich der Nachwelt zu überliefern; aber einige Striche des seltsamen Bildes, das ich ihm abgewann, will ich hier doch vorführen. Ganz besonders hatten mich immer, die ganze frühere Zeit, diese »Büßerketten« gepeinigt, und ich hätte gern über sie Klarheit gewonnen – daher fragte ich hiernach beharrlich. Einige phantastische und höchst seltsame Ideen, die er damals aussprach, sind in meinem Herzen haftengeblieben.

»Ich stelle mir vor, mein Lieber«, begann er mit einem nachdenklichen Lächeln, »daß der Kampf bereits zu Ende ist und der Streit sich gelegt hat. Nach den Flüchen, dem Bewerfen mit Schmutz und dem Auspfeifen ist Ruhe eingetreten, und die Menschen sind allein zurückgeblieben, wie sie das gewünscht hatten: die große, frühere Idee hat sie verlassen; der große Kraftquell, von dem sie bisher genährt und erwärmt wurden, ist dahingegangen wie jene majestätische, prächtige Sonne auf dem Bild von Claude Lorrain, aber dies ist nun gleichsam der letzte Tag der Menschheit. Und die Menschen sind auf einmal zu der Erkenntnis gelangt, daß sie ganz allein geblieben sind, und fühlen plötzlich eine große Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir niemals die Menschen als undankbar und als verdummt vorstellen können. Die verwaisten Menschen würden sich sofort enger und liebevoller aneinander anschließen; sie würden einander an den Händen fassen, in dem Bewußtsein, daß jetzt nur sie allein ein jeder des andern ein und alles sind! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden und müßte durch irgend etwas ersetzt werden; und die ganze reiche Fülle der früheren Liebe zu ihm, der auch die Unsterblichkeit war, würde sich bei allen der Natur, der Welt, dem Menschen, einem jeden Grashälmchen zuwenden. Sie würden die Erde und das Leben unwiderstehlich liebgewinnen, und zwar in demselben Maße, in dem sie sich allmählich ihrer Vergänglichkeit und Endlichkeit bewußt würden, und diese Liebe würde eine ganz besondere, der früheren unähnliche Liebe sein. Sie würden in der Natur solche Erscheinungen und Geheimnisse wahrnehmen und entdecken, wie sie sie früher gar nicht vermutet hatten, denn sie würden die Natur mit neuen Augen betrachten, mit dem Blick, mit dem ein Liebender die Geliebte ansieht. Sie würden wie aus einem Rausche erwachen und eilig einander küssen, eilig einander lieben, in dem Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß dies alles ist, was ihnen bleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder würde sein ganzes Eigentum allen hingeben und allein dadurch sich glücklich fühlen. Jedes Kind würde es wissen und fühlen, daß jeder Mensch auf der Welt es mit ihm so gut meint wie ein Vater oder eine Mutter. ›Mag auch morgen mein letzter Tag sein‹, würde ein jeder beim Anblick der untergehenden Sonne denken, ›das tut nichts, ich werde sterben, aber die andern alle werden hierbleiben und nach ihnen ihre Kinder‹, – und dieser Gedanke, daß die andern dableiben werden und einander weiterlieben und umeinander besorgt sein werden, dieser Gedanke würde einen ausreichenden Ersatz für den Gedanken an ein Wiedersehen nach dem Tode bilden. Oh, sie würden es eilig haben, zu lieben, um die große Traurigkeit in ihren Herzen zu lindern. Sie würden stolz und kühn sein, wo es sich um sie selbst handelt, aber ängstlich bedacht auf das Wohl des Nächsten; jeder würde für das Leben und für das Glück des andern zittern. Sie würden zärtlich zueinander sein und sich dessen nicht schämen, wie sie es jetzt tun, und würden einander liebkosen wie Kinder. Bei allen Begegnungen würden sie einander mit tiefem, seelenvollem Blick in die Augen sehen, und in ihren Blicken würde Liebe und Trauer liegen ...

Mein Lieber«, unterbrach er sich plötzlich lächelnd, »alles das ist ja ein Phantasiegebilde, und sogar ein sehr unwahrscheinliches; aber ich habe mir das schon sehr, sehr oft ausgemalt, weil ich mein ganzes Leben lang ohne das nicht leben konnte, sondern dauernd daran denken mußte. Ich rede nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist fest, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie nach meiner Annahme unser ganzes Tausend; aber ... aber es ist merkwürdig, daß ich das so entworfene Bild immer mit einer Vision abschloß wie bei Heine: ›Christus auf der Ostsee‹. Ich konnte ihn in meinen Gedanken nicht weglassen; ich konnte nicht umhin, ihn mir schließlich inmitten der verwaisten Menschen vorzustellen. Er trat zu ihnen, streckte ihnen die Hände entgegen und sagte: ›Wie konntet ihr ihn vergessen?‹ Und dann würde allen gleichsam die Binde von den Augen fallen, und es würde der große, begeisterte Hymnus der neuen, letzten Wiedergeburt erschallen ...

Lassen wir dieses Thema, mein Freund; meine ›Büßerketten‹ aber sind dummes Zeug; über die beunruhige dich nicht weiter! Aber noch eins: du weißt, daß ich für gewöhnlich in meinen Äußerungen zurückhaltend und nüchtern bin; wenn ich mich jetzt habe mehr gehenlassen, so kommt das von ... von mancherlei Gefühlen her und davon, daß ich gerade – mit dir rede; einem andern würde ich dergleichen niemals sagen. Das füge ich hinzu, um dich zu beruhigen.«

Aber ich war ganz gerührt; an eine Unwahrheit, wie ich sie befürchtet hatte, war nicht zu denken, und ich freute mich besonders darüber, daß ich nunmehr klar erkannt hatte, daß er tatsächlich sich gegrämt und gelitten und tatsächlich und unzweifelhaft viel geliebt hatte – und diese Erkenntnis war mir am wertvollsten. Ich sagte ihm das mit warmer Empfindung.

»Aber wissen Sie«, fügte ich auf einmal hinzu, »ich glaube, daß Sie doch trotz all Ihres Grams sich damals außerordentlich glücklich gefühlt haben müssen.«

Er lachte vergnügt auf.

»Du beweist heute in deinen Bemerkungen einen besonderen Scharfsinn«, sagte er. »Nun ja, ich fühlte mich glücklich, und konnte ich denn auch mit einem solchen Gram unglücklich sein? Es gibt keinen freieren, glücklicheren Menschen als so einen umherirrenden Russen aus unserem Tausend. Das sage ich wahrlich nicht im Scherz; es steckt viel Ernst darin. Und ich hätte meinen Gram für kein anderes Glück hingegeben. In diesem Sinn habe ich mich immer glücklich gefühlt, mein Lieber, mein ganzes Leben lang. Und infolge dieses Glücksgefühls gewann ich damals auch deine Mutter zum erstenmal in meinem Leben wahrhaft lieb.«

»Wie meinen Sie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?«

»Ganz wörtlich. Während ich so umherirrte und mich grämte, gewann ich sie lieb wie nie zuvor und rief sie sofort zu mir.«

»Oh, erzählen Sie mir auch davon etwas, erzählen Sie mir von Mama!«

»Eben darum habe ich dich ja gebeten, zu mir zu kommen«, versetzte er mit heiterem Lächeln, »ich fürchtete schon, du wolltest mir mein rücksichtsloses Benehmen gegenüber Mama wegen einer Beteiligung an den Bestrebungen Herzens oder an irgendeiner kleinen Verschwörung im Ausland verzeihen ...«

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