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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

»Siehst du, Arkadij, wenn ich dich früher hergerufen hätte, was hätte ich dir dann sagen sollen? In dieser Frage liegt meine ganze Antwort.«

»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, während Sie damals ... Sie würden hinsichtlich unseres sozialen Verhältnisses früher nicht gewußt haben, was Sie mir sagen sollten? Nicht wahr?«

»Nicht nur darüber, mein Lieber, würde ich nicht gewußt haben, was ich dir sagen sollte: auch über vieles andere hätte ich schweigen müssen. Vieles davon ist sogar lächerlich und unwürdig, weil es mit Hokuspokus Ähnlichkeit hat, wirklich, mit richtigem Hokuspokus. Nun, wie hätten wir einander früher verstehen können, wenn ich mich selbst – erst heute nachmittag um fünf Uhr verstanden habe, genau zwei Stunden vor Makar Iwanowitschs Tod. Du siehst mich befremdet und verständnislos an. Sei unbesorgt: ich werde dir die Tatsache erklären; aber das, was ich gesagt habe, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben hat sich in Irrfahrten und Zweifeln bewegt, und nun erfolgt die Lösung am Soundsovielten um fünf Uhr nachmittags! Das ist ordentlich kränkend, nicht wahr? Und die Zeit liegt noch nicht weit zurück, wo ich mich wirklich dadurch gekränkt fühlte.«

Ich hörte ihm in der Tat mit schmerzlicher Verständnislosigkeit zu: der frühere Wersilowsche Gesichtsausdruck trat wieder stark hervor, jener Ausdruck, den ich an diesem Abend, nachdem schon solche Worte gesprochen waren, nicht zu erblicken gewünscht hätte. Auf einmal rief ich:

»Mein Gott! Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um fünf Uhr?«

Er sah mich unverwandt an und war von meinem Ausruf sichtlich überrascht, vielleicht auch durch meinen Ausdruck »von ihr«.

»Du wirst alles erfahren«, sagte er mit einem nachdenklichen Lächeln, »und ich werde dir natürlich nichts, was du wissen mußt, verheimlichen, denn eben deswegen habe ich dich ja hierhergeführt; aber einstweilen wollen wir das alles noch aufschieben. Siehst du, mein Freund, ich habe schon längst gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die schon von ihrer Kindheit an sich über ihre Familie Gedanken machen und es als eine Kränkung empfinden, daß sie keine vornehmen Väter haben und nicht in vornehmen Verhältnissen aufwachsen. Ich habe solche Grübler schon in meiner Schulzeit kennengelernt und all dies damals darauf zurückgeführt, daß sie gar zu früh neidisch seien. Da ich jedoch selbst zu diesen grüblerischen Kindern gehörte ... aber entschuldige, mein Lieber, ich bin schrecklich zerstreut. Ich wollte nur darauf hinweisen, in welcher Sorge um dich ich diese ganze Zeit über beständig gewesen bin. Ich stellte dich mir immer als eines jener kleinen Wesen vor, die sich schon ihrer Begabung bewußt sind und sich von andern absondern. Ich habe ebenfalls, gerade wie du, zu meinen Schulkameraden niemals eine Zuneigung empfunden. Sie sind recht übel dran, diese Menschenkinder, die sich nur auf ihre Kräfte und auf ihre Träumereien angewiesen sehen und dabei ein leidenschaftliches, verfrühtes, beinahe rachsüchtiges Verlangen nach Vornehmheit besitzen, jawohl, ein rachsüchtiges Verlangen. Aber genug davon, mein Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Schon ehe ich dich liebgewann, habe ich mir eine Vorstellung von dir und deinen einsamen, menschenscheuen Träumereien zu machen gesucht ... Aber genug davon; ich habe eigentlich vergessen, wovon ich angefangen hatte zu reden! Indessen mußte das alles einmal ausgesprochen werden. Früher aber, was hätte ich dir da sagen können? Jetzt sehe ich deinen Blick auf mich gerichtet und weiß, daß mich mein Sohn ansieht; aber selbst gestern konnte ich ja noch nicht glauben, daß ich einmal so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.«

Er war tatsächlich sehr zerstreut geworden, schien aber zugleich über etwas gerührt zu sein.

»Ich brauche jetzt keine Träumereien und Phantasien, mir genügen jetzt die Gespräche mit Ihnen! Ich werde auf dem Lebensweg mit Ihnen gehen!« sagte ich mit voller Hingebung.

»Mit mir gehen? Aber meine Wanderungen haben gerade ihr Ende gefunden, gerade heute: du bist zu spät gekommen, mein Lieber. Heute findet das Finale des letzten Aktes statt, und der Vorhang geht herunter. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Angefangen hat er schon vor sehr langer Zeit, damals, als ich zum letztenmal ins Ausland flüchtete. Ich sagte mich damals von allem los, und du mußt wissen, mein Lieber, daß ich damals die Beziehungen zu deiner Mutter löste und ihr das selbst eröffnete; Das mußt du wissen. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer wegreiste und sie mich nie mehr wiedersehen würde. Das schlimmste war, daß ich sogar vergaß, ihr Geld dazulassen. Auch an dich dachte ich keinen Augenblick. Ich fuhr weg, um in Westeuropa zu bleiben, mein Lieber, und nie wieder nach Hause zurückzukehren. Ich emigrierte.«

»Zu Herzen? Um an der Propaganda im Ausland teilzunehmen? Sie sind gewiß Ihr Leben lang an irgendeiner Verschwörung beteiligt gewesen?« rief ich unwillkürlich.

»Nein, mein Freund, ich habe mich an keiner Verschwörung beteiligt. Aber deine Augen haben ja ordentlich zu funkeln angefangen; ich höre deine Ausrufe gern, mein Lieber. Nein, der Grund meiner damaligen Abreise war einfach eine Melancholie, die mich plötzlich überkommen hatte. Es war die Melancholie des russischen Adligen – wirklich, ich weiß mich nicht besser auszudrücken. Die adlige Melancholie – weiter nichts.«

»Die Leibeigenschaft ... die Befreiung der Bauern?« murmelte ich, mühsam atmend.

»Die Leibeigenschaft? Du glaubst, daß ich der Leibeigenschaft nachtrauerte? Daß ich die Befreiung der Bauern nicht ertragen konnte? O nein, mein Freund; wir selbst sind ja die Befreier gewesen. Ich wanderte ohne jeden Groll aus. Ich war soeben Friedensrichter gewesen und hatte in dieser Stellung mit Aufbietung meiner ganzen Kraft und mit völliger Uneigennützigkeit gewirkt; auch das war nicht der Grund meines Weggehens, daß ich für meine liberalen Bestrebungen wenig Dank geerntet hatte. Wir haben alle damals keinen Dank geerntet, wir, das heißt wieder Leute wie ich. Ich bin eher mit einem Gefühl des Stolzes als der Reue weggegangen, und glaube mir, der Gedanke, es sei nun für mich das richtige, mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen, lag mir ganz fern. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme! Aber dennoch war mir traurig zumute. Solche Menschen wie mich gibt es in Rußland vielleicht etwa tausend, in der Tat mehr wohl nicht, aber das ist ja auch ganz ausreichend, damit die Idee nicht ausstirbt. Wir sind die Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich rede in der seltsamen Hoffnung, daß du all dieses Kauderwelsch verstehen wirst. Ich habe dich in einer Laune des Herzens gebeten herzukommen: ich hatte es mir schon lange ausgemalt, wie ich dir manches sagen wollte ... dir, gerade dir. Aber übrigens ... übrigens ...«

»Nein, reden Sie!« rief ich. »Ich sehe auf Ihrem Gesicht wieder den Ausdruck der Aufrichtigkeit ... Nun? Hat Westeuropa Sie zu neuem Leben auferweckt? Und was hat es mit Ihrer ›adligen Melancholie‹ für eine Bewandtnis? Verzeihen Sie, Teuerster, ich verstehe noch nicht.«

»Ob mich Westeuropa zu neuem Leben auferweckt hat? Aber ich bin ja selbst damals hingefahren, um es zu beerdigen!«

»Um es zu beerdigen?« wiederholte ich erstaunt.

Er lächelte.

»Freund Arkadij, jetzt ist meine Seele von Rührung ergriffen, und ich habe mich geistig aufgelehnt. Ich werde niemals die ersten Augenblicke vergessen, die ich damals in Westeuropa verlebte. Ich hatte auch früher schon dort gelebt; aber damals war eine besondere Zeit, und ich war noch nie vorher mit einer so untröstlichen Traurigkeit und ... mit einer solchen Liebe hingefahren wie damals. Ich will dir einen der ersten Eindrücke erzählen, die ich dort empfing, einen Traum, den ich damals hatte, einen wirklichen Traum. Es war noch in Deutschland. Ich war eben aus Dresden abgereist und in der Zerstreutheit über die Station, wo ich hätte umsteigen müssen, hinausgefahren und so auf eine falsche Linie geraten. Man veranlaßte mich sehr bald zum Aussteigen; es war zwischen zwei und drei Uhr nachmittags und ein klarer Tag. Es war ein kleines deutsches Städtchen. Man wies mich nach einem Gasthaus. Ich mußte warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war mit diesem Abenteuer sogar ganz zufrieden, weil ich keine besondere Eile hatte, irgendwohin zu kommen. Ich trieb mich wie ein Nomade in der Welt umher, mein Freund, wie ein Nomade. Das Gasthaus erwies sich als ein elendes, kleines Ding, lag aber ganz im Grünen und war, wie das dort überall Sitte ist, von Blumenbeeten umgeben. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da ich die ganze Nacht unterwegs gewesen war, so schlief ich nach Tisch, um vier Uhr nachmittags, ein.

Ich hatte einen Traum, der mich völlig überraschte, weil ich dergleichen noch nie geträumt hatte. In Dresden hatte ich in der Gemäldegalerie ein Bild von Claude Lorrain gesehen, das im Katalog ›Acis und Galatea‹ hieß; ich aber hatte es immer ›Das Goldene Zeitalter‹ genannt, ich weiß selbst nicht warum. Ich hatte es auch früher schon gesehen, und nun, vor drei Tagen auf der Durchreise, hatte es wieder meine Aufmerksamkeit erregt. Dieses Bild also sah ich im Traum, aber nicht als Bild, sondern als Wirklichkeit. Ich weiß jedoch nicht, was ich eigentlich träumte; es war gerade wie auf dem Bild ein abgelegener Ort des griechischen Archipels, wobei ich auch um dreitausend Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt war; blaue, freundliche Wellen, Inseln und Felsen, ein blühendes Gestade, ein zauberhaftes Panorama in der Ferne, eine prachtvoll untergehende Sonne – es läßt sich mit Worten nicht schildern. Hier hat die Wiege der europäischen Menschheit gestanden, wie diese sich zu erinnern glaubt, und dieser Gedanke erfüllte auch meine Seele mit einer Art Heimatgefühl. Hier war das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel herab und schlossen Verwandtschaft mit den Menschen ... Oh, hier lebten schöne Menschen! Glücklich und unschuldig standen sie morgens auf und schliefen sie abends ein; die Wiesen und Haine waren voll von ihren Liedern und fröhlichen Rufen; der große Überschuß unversehrter Kräfte wurde auf Liebe und harmlose Freude verwendet Die Sonne überflutete sie mit Wärme und Licht und freute sich über ihre schönen Kinder ... Ein wundervoller Traum, ein edler Irrtum der Menschheit! Das Goldene Zeitalter ist die unwahrscheinlichste Träumerei von allen, die es jemals gegeben hat, aber für diese Träumerei haben die Menschen ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben; für sie haben sich die Propheten abgemüht, und für sie sind sie gestorben; ohne sie wollen die Völker nicht leben, und ohne sie können sie nicht einmal sterben! Und dieses ganze Gefühl durchlebte ich gleichsam, in diesem Traum; die Felsen und das Meer und die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne – das alles glaubte ich noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen öffnete, die mir tatsächlich von Tränen feucht waren. Ich erinnere mich, daß ich mich freute. Das Gefühl einer mir bisher unbekannten Glückseligkeit zog durch mein Herz, das davon sogar schmerzte; das war die Liebe zur ganzen Menschheit. Es war schon ganz Abend geworden; in das Fenster meines kleinen Zimmers drang durch die Blätter der auf dem Fensterbrett stehenden Blumen ein Bündel schräger Strahlen und übergoß mich mit Licht. Und siehe da, mein Freund, siehe da: diese untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum gesehen hatte, verwandelte sich für mich sogleich nach meinem Erwachen in die untergehende Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Gerade damals ertönten über Europa sozusagen die Klänge der Totenglocke! Ich rede nicht nur vom Kriege und von den Tuilerien; ich hatte ohnehin gewußt, daß alles vergeht und das ganze Antlitz der alten westeuropäischen Welt sich früher oder später ändern würde: aber als russischer Europäer konnte ich mich nicht dareinfinden. Ja, sie hatten damals gerade die Tuilerien niedergebrannt ... Oh, sei unbesorgt, ich weiß, daß das eine ›logische‹ Handlung war, und habe volles Verständnis für die Unwiderstehlichkeit der im Fluß befindlichen Idee, aber als Träger des höchsten russischen Kulturgedankens konnte ich mich nicht dareinfinden, denn der höchste russische Gedanke ist die allgemeine Versöhnung der Ideen. Und wer in der ganzen Welt hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können; ich irrte allein umher. Ich rede nicht von mir persönlich, ich rede von dem russischen Gedanken. Dort gab es Kampf und Logik; da war der Franzose weiter nichts als Franzose und der Deutsche weiter nichts als Deutscher, und zwar mit größerer Anspannung der Kräfte als jemals im Lauf ihrer Geschichte; mithin hat niemals der Franzose seinem Frankreich und niemals der Deutsche seinem Deutschland so viel Schaden zugefügt, wie gerade damals! Damals gab es in ganz Europa keinen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte mitten unter allen Petroleusen ihnen ins Gesicht sagen, daß ihre Niederbrennung der Tuilerien ein Fehler war; und nur ich allein konnte mitten unter allen rachgierigen Konservativen diesen Rachgierigen sagen, daß die Niederbrennung der Tuilerien zwar ein Verbrechen war, aber doch eine logische Handlung. Und dies darum, mein Junge, weil ich, der Russe, damals in Europa der einzige Europäer war. Ich rede nicht von mir, ich rede von dem ganzen russischen Gedanken. Ich irrte umher, mein Freund, ich irrte umher und wußte auf das bestimmteste, daß ich schweigen und umherirren mußte. Aber dennoch war mir traurig zumute. Ich lege Wert auf meinen Adel, mein Junge, ich kann nicht anders. Ich glaube, du lachst?«

»Nein, ich lache nicht«, sagte ich tief ergriffen, »ich lache ganz und gar nicht; Sie haben durch Ihre Vision des Goldenen Zeitalters mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, daß ich anfange, Sie zu verstehen. Aber am meisten freue ich mich darüber, daß Sie eine solche Achtung vor sich selbst haben. Ich beeile mich, Ihnen das auszusprechen. Ich hätte das nie von Ihnen erwartet!«

»Ich habe dir schon gesagt, daß ich deine Ausrufe gern höre, mein Lieber«, erwiderte er, wieder über meinen naiven Ausruf lächelnd; dann stand er vom Stuhl auf und begann, ohne sich dessen bewußt zu sein, im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich erhob mich ebenfalls. Er fuhr fort, in seiner seltsamen Redeweise, aber von seinen Gedanken in tiefster Seele bewegt, zu sprechen.

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