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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Siebentes Kapitel

I

Ein überraschender Schluß! Ich ergriff meinen Pelz, warf ihn mir im Gehen um und lief mit dem Gedanken hinaus: ›Sie hat mir befohlen, zu ihm zu gehen, aber wo kann ich ihn finden?‹ Aber neben allem andern beunruhigte mich die Frage: ›Weshalb glaubt sie, daß jetzt eine neue Situation entstanden sei und daß er ihr Ruhe gönnen werde? Natürlich – weil er Mama heiraten wird, aber wie empfindet sie das? Freut sie sich darüber, daß er Mama heiraten wird, oder ist sie im Gegenteil darüber unglücklich? War das der Grund ihres hysterischen Anfalls? Warum kann ich darüber keine Klarheit gewinnen?‹

Ich setze diesen zweiten Gedanken, der mir damals durch den Kopf ging, in seinem Wortlaut hierher, damit man bei den folgenden Ereignissen an ihn denke: er ist wichtig. Dieser Abend war verhängnisvoll. Und siehe da, unwillkürlich möchte man an eine Vorherbestimmung glauben: ich war noch nicht hundert Schritte in der Richtung nach Mamas Wohnung gegangen, als ich auf einmal mit dem zusammentraf, den ich suchte. Er faßte mich bei der Schulter und hielt mich an.

»Du bist es!« rief er erfreut und zugleich anscheinend höchst erstaunt. »Denke dir, ich war bei dir«, begann er eilig, »ich suchte dich und fragte nach dir; ich bedarf deiner jetzt, einzig und allein deiner in der ganzen Welt! Dein Beamter schwatzte Gott weiß was zusammen; aber du warst nicht da, und beim Weggehen vergaß ich sogar, ihm aufzutragen, daß er dir bestellen möchte, du solltest unverzüglich zu mir kommen. Und sollte man es glauben: ich war dennoch beim Gehen unerschütterlich davon überzeugt, daß das Schicksal dich jetzt, wo ich deiner so dringend bedarf, mir in den Weg führen würde, und siehe da, der erste Mensch, der mir begegnet, bist du! Komm zu mir. Du bist noch nie bei mir gewesen.«

Kurz, wir hatten einer den andern gesucht, und jedem von uns war etwas Ähnliches widerfahren. Wir gingen sehr eilig weiter.

Unterwegs machte er mir nur ein paar kurze Mitteilungen darüber, daß er Mama in Tatjana Pawlownas Obhut gelassen habe und so weiter. Er hatte mich an der Hand gefaßt und führte mich so. Er wohnte nicht weit von dieser Gegend, und wir gelangten bald hin. Ich war in der Tat noch nie bei ihm gewesen. Es war eine kleine, aus drei Zimmern bestehende Wohnung, die er (oder richtiger Tatjana Pawlowna) einzig und allein für jenen »Säugling« gemietet hatte. Diese Wohnung hatte auch früher stets unter Tatjana Pawlownas Aufsicht gestanden, und es hatte darin stets die Wärterin mit dem kleinen Kind gewohnt (jetzt wohnte auch Darja Onissimowna dort); aber es hatte auch immer ein Zimmer Wersilow gehört, nämlich das erste, am Eingang gelegene, das ziemlich geräumig und mit guten Polstermöbeln ausgestattet war, nach Art eines Arbeitszimmers zum Lesen und Schreiben. In der Tat befanden sich auf dem Tisch, in einem Schrank und auf Regalen eine Menge Bücher (in Mamas Wohnung waren fast gar keine vorhanden) sowie beschriebene Blätter und in Päckchen zusammengebundene Briefe – kurz, alles machte den Eindruck eines schon seit längerer Zeit bewohnten Heims, und ich weiß, daß Wersilow auch früher schon (wenn auch ziemlich selten) zeitweilig ganz in diese Wohnung übergesiedelt und in ihr sogar ganze Wochen lang geblieben war. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein Bild von Mama, das in einem prächtigen, geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing, eine jedenfalls im Ausland hergestellte Photographie, die, nach ihrem außerordentlich großen Format zu urteilen, sehr teuer gewesen sein mußte. Ich hatte dieses Bild früher nicht gekannt und nie etwas davon gehört, und was mich ganz besonders überraschte, das war die außerordentliche Ähnlichkeit der Photographie, sozusagen ihre geistige Ähnlichkeit – kurz, sie wirkte wie ein richtiges Porträt von der Hand eines Künstlers und nicht wie eine mechanische Reproduktion. Als ich eingetreten war, blieb ich sofort unwillkürlich vor ihr stehen.

»Nicht wahr, nicht wahr?« sagte auf einmal Wersilow hinter mir.

Das bedeutete: »Nicht wahr, es ist sehr ähnlich?« Ich wandte mich um und sah ihn an und war überrascht von dem Ausdruck seines Gesichts. Er war ein wenig blaß, aber seine Augen glühten, und sein energischer Blick leuchtete von Glückseligkeit und Kraftgefühl: einen solchen Ausdruck hatte ich noch nie an ihm wahrgenommen.

»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« entfuhr es mir plötzlich; ich war selbst ganz entzückt.

Er lächelte glückselig, obgleich in seinem Lächeln auch etwas Leidvolles oder, richtiger gesagt, etwas Humanes, Erhabenes lag ... ich verstehe das nicht auszudrücken; aber die Gesichter hochgebildeter Leute können meiner Ansicht nach nicht den Ausdruck einer triumphierenden, siegesbewußten Glückseligkeit tragen. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von den Nägeln, führte es an sein Gesicht, küßte es und hängte es dann wieder still an die Wand.

»Achte einmal darauf«, sagte er, »photographische Aufnahmen fallen nur sehr selten ähnlich aus, und das ist begreiflich: das Original selbst, das heißt ein jeder von uns, ist sich nur sehr selten selbst ähnlich. Das menschliche Gesicht bringt nur in seltenen Augenblicken seinen wichtigsten Zug, seinen charakteristischsten Gedanken zum Ausdruck. Der Künstler studiert das Gesicht und errät diesen wichtigsten Zug, auch wenn er in dem Augenblick, wo er malt, auf dem Gesicht gar nicht vorhanden ist. Die Photographie aber erfaßt den Menschen so, wie er gerade ist, und es ist sehr möglich, daß Napoleon in manchen Augenblicken dumm und Bismarck mild herauskäme. Hier aber, bei diesem Porträt, hat es sich glücklich getroffen, daß die Sonne Sonja gerade in dem Moment erfaßt hat, wo sich deren wichtigster Charakterzug, schamhafte, sanfte Liebe und scheue, schüchterne Keuschheit, auf ihrem Gesicht ausprägte. Und wie glücklich war sie damals auch, als sie sich endlich davon überzeugt hatte, daß es mich wirklich heiß verlangte, ihr Porträt zu besitzen! Diese Aufnahme ist zwar vor nicht allzu langer Zeit gemacht worden, aber doch war deine Mutter damals noch jünger und schöner; freilich hatte sie auch damals bereits diese eingefallenen Wangen, diese kleinen Runzeln auf der Stirn, diese scheue Ängstlichkeit des Blicks, die bei ihr jetzt mit den Jahren wächst, je länger, je mehr. Wirst du es glauben, mein Lieber, ich kann sie mir jetzt kaum mit einem andern Gesicht vorstellen, und doch ist auch sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen werden schnell häßlich, ihre Schönheit ist nur von kurzer Dauer, und das ist wirklich nicht nur eine ethnographische Besonderheit des Typs, sondern es kommt auch daher, daß sie voll und ganz zu lieben verstehen. Wenn die russische Frau liebt, so gibt sie alles mit einemmal hin, den Augenblick und ihr Schicksal, die Gegenwart und die Zukunft: ökonomisch zu verfahren, das verstehen sie nicht, eine Reserve legen sie nicht zurück, und ihre Schönheit geht bald für denjenigen dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen, das ist auch Schönheit, die für mich, für meinen kurzen Genuß, dahingegangen ist. Du freust dich, daß ich deine Mama geliebt habe, und hast vielleicht nicht einmal geglaubt, daß das der Fall gewesen ist? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt; aber ich habe ihr nichts als Böses angetan ... Sieh mal, da ist noch ein anderes Porträt; sieh dir auch das an!«

Er nahm es vom Tisch und reichte es mir hin. Es war ebenfalls eine Photographie, aber in sehr viel kleinerem Format, in einem schmalen, ovalen Holzrahmen, ein Mädchengesicht, mager und schwindsüchtig und dabei doch schön, nachdenklich und gleichzeitig in seltsamer Weise gedankenleer. Die regelmäßigen Züge eines viele Generationen hindurch sorgsam erzogenen alten Geschlechts machten dennoch den Eindruck der Krankhaftigkeit: es kam dem Beschauer vor, als habe sich dieses Wesens plötzlich ein starrer Gedanke bemächtigt, der ihm eben dadurch zur Qual wurde, weil er über seine Kraft ging.

»Das ... das ist jenes Mädchen, das Sie dort heiraten wollten und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?« fragte ich etwas schüchtern.

»Ja, ich wollte sie heiraten; sie starb an der Schwindsucht; es war ihre Stieftochter. Ich wußte, daß dir alle diese ... alle diese Klatschereien bekannt sind. Übrigens hättest du darüber auch nichts anderes erfahren können als Klatschereien. Gib das Bild wieder her, mein Freund, es war eine arme Irrsinnige, weiter nichts.«

»War sie ganz und gar eine Irrsinnige?«

»Oder eine Idiotin; ich glaube übrigens, daß sie irrsinnig war. Sie hatte ein Kind vom Fürsten Sergej Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht infolge von Liebe; das ist eine der gemeinsten Handlungen des Fürsten Sergej Petrowitsch); das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, und ich wollte es dir schon längst einmal zeigen. Fürst Sergej Petrowitsch darf nicht hierherkommen und das Kind sehen; das habe ich mit ihm abgemacht, als wir noch im Ausland waren. Ich habe es mit Erlaubnis deiner Mama zu mir genommen. Mit Erlaubnis deiner Mama wollte ich damals auch diese ... Unglückliche heiraten ...«

»Ist denn eine solche Erlaubnis möglich?« rief ich in starker Erregung.

»O ja! sie hatte es mir erlaubt: Eifersucht gibt es nur gegenüber anderen Frauen, und dies war keine Frau.«

»Und wenn sie auch in den Augen aller anderen keine Frau war, in Mamas Augen mußte sie es sein! Ich werde es in meinem Leben nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sein sollte!« rief ich.

»Du hast recht. Ich merkte es, als alles bereits abgemacht war, das heißt, als sie ihre Erlaubnis gegeben hatte. Aber laß dieses Thema! Die Sache kam nicht zustande, weil Lidija starb, und sie wäre vielleicht auch nicht zustande gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre, aber Mama lasse ich auch jetzt nicht zu dem Kind. Das Ganze ist nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Ich habe es mir schon lange in Gedanken ausgemalt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, seit wie lange schon? Schon seit zwei Jahren.«

Er sah mich offen und aufrichtig mit unverhüllter Herzlichkeit an. Ich ergriff seine Hand.

»Warum haben Sie denn gezögert und mich nicht schon längst hergerufen? Wenn Sie wüßten, was geschehen ist ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich früher hergerufen hätten! ...«

In diesem Augenblick wurde der Samowar gebracht, und Darja Onissimowna brachte das kleine Kind herein, welches schlief.

»Sieh es dir an«, sagte Wersilow, »ich habe es lieb und habe es jetzt absichtlich hereinbringen lassen, damit du es auch ansehen möchtest. Na, nun tragen Sie es nur wieder hinaus, Darja Onissimowna! Setz dich zum Samowar hin! Ich werde mir vorstellen, wir beide hätten von jeher so miteinander gelebt und seien jeden Abend zusammengekommen, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich ansehen: setz dich so hin, so, damit ich dein Gesicht sehen kann! Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie ich mir dein Gesicht immer vorgestellt habe, schon als ich dich aus Moskau erwartete! Du fragst, warum ich dich nicht schon längst hergerufen habe? Warte einmal, das wirst du jetzt vielleicht schon verstehen können.«

»Aber hat denn wirklich nur der Tod dieses alten Mannes Ihnen jetzt die Zunge gelöst? Das ist seltsam ...«

Aber wenn ich auch in dieser Weise redete, so sah ich ihn doch voller Liebe an. Wir sprachen miteinander wie zwei Freunde, im höchsten, vollsten Sinne des Wortes. Er hatte mich hierhergeführt, um mir etwas zu erklären, mir etwas zu erzählen, sich wegen etwas zu rechtfertigen; aber schon ehe er davon zu sprechen begonnen hatte, war alles aufgeklärt und gerechtfertigt. Was ich jetzt auch noch von ihm zu hören bekommen hätte, das Ergebnis stand schon fest, und wir waren uns beide, dessen mit einem Gefühl der Glückseligkeit bewußt und blickten einander freudig an.

»Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes«, antwortete er, »nicht nur sein Tod; es ist da noch etwas anderes, was jetzt damit zusammengefallen ist ... Gott wolle diesen Augenblick und unser Leben in Zukunft und auf lange Zeit segnen! Mein Lieber, laß uns miteinander reden! Ich komme immer in Verwirrung und schweife ab; ich will von einem bestimmten Gegenstand reden und gerate in tausend nebensächliche Einzelheiten hinein. So geht es einem immer, wenn das Herz voll ist ... Aber laß uns miteinander reden; der richtige Zeitpunkt dafür ist da, und ich bin schon längst in dich verliebt, mein Junge ...«

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete mich noch einmal.

»Wie seltsam das alles anzuhören ist, wie seltsam!« sagte ich, in Entzücken gleichsam ertrinkend.

Und siehe da (ich erinnere mich dessen genau): auf seinem Gesicht schimmerte auf einmal der gewöhnliche, mir so wohlbekannte Ausdruck auf, ein Ausdruck zugleich der Trauer und des Spottes. Er nahm seine Kraft zusammen und begann, anscheinend mit einer gewissen Anstrengung, zu reden.

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