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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 101
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Er verfolgte mich nicht, natürlich nur, weil gerade keine andere Droschke bei der Hand war, und es gelang mir, ihm aus den Augen zu kommen. Ich fuhr aber bloß bis zum Heumarkt, stieg dort aus und entließ den Kutscher. Ich hatte ein starkes Verlangen, zu Fuß zu gehen. Ich verspürte weder Müdigkeit noch stärkere Trunkenheit; vielmehr fühlte ich nur Kühnheit, einen Zuwachs von Kraft, eine außerordentliche Fähigkeit zu jedem Unternehmen, und in meinem Kopf tummelten sich unzählige angenehme Gedanken.

Mein Herz klopfte angestrengt und stark; ich hörte jeden seiner Schläge. Und alles gefiel mir so gut, und mir war so leicht zumute. Als ich auf dem Heumarkt an der Hauptwache vorbeikam, bekam ich die größte Lust, zu dem Posten zu gehen und ihm einen Kuß zu geben. Es war Tauwetter, der Platz sah schwarz aus und roch schlecht, aber auch der Platz gefiel mir sehr.

»Ich will jetzt auf den Obuchowskij Prospekt gehen«, dachte ich, »und dann wende ich mich links und gehe nach dem Semjonowskij Polk; ich mache einen Umweg, das ist schön, alles ist schön. Den Pelz habe ich auseinandergeschlagen, aber warum nimmt ihn mir denn niemand weg? Wo sind denn die Räuber? Es heißt doch, auf dem Heumarkt gebe es Räuber; meinetwegen mögen sie kommen, vielleicht gebe ich ihnen den Pelz so. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist ein Eigentum. La propriété, c'est le vol. Übrigens, was ist das für dummes Zeug, und wie schön ist alles! Es ist schön, daß Tauwetter ist. Was hat man von der Kälte? Kälte braucht überhaupt nicht zu sein. Es ist auch schön, dummes Zeug im Kopf herumzutragen. Was habe ich da zum Beispiel zu Lambert von den Prinzipien gesagt? Ich habe gesagt, es gebe keine allgemeinen Prinzipien, sondern nur private Zufälle; da habe ich Unsinn geredet, den reinen Unsinn! Das habe ich absichtlich getan, um mich aufzuspielen. Ich schäme mich ein bißchen, indessen – das schadet nichts, ich mache es wieder gut. Schämen Sie sich nicht, grämen Sie sich nicht, Arkadij Makarowitsch! Arkadij Makarowitsch, Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sogar sehr gut, mein junger Freund. Schade, daß Sie ein kleiner Spitzbube sind ... und ... und ... ach ja ... ach!‹

Ich blieb plötzlich stehen, und das Herz tat mir wieder weh von meinem Wonnerausch:

›O Gott, was hat er da gesagt? Er hat gesagt, daß sie mich liebt. Oh, er ist ein Halunke, er hat mir vieles vorgelogen; das hat er getan, damit ich mit in seine Wohnung kam und da übernachtete. Aber vielleicht ist es auch nicht gelogen. Er hat gesagt, Anna Andrejewna glaube es auch ... Pah! Aber auch Darja Onissimowna konnte ihm da etwas auskundschaften; die treibt sich ja überall herum. Und warum bin ich nicht zu ihm gefahren? Ich hätte alles erfahren! Hm! Er hat einen Plan, und ich habe das alles bis in die geringsten Einzelheiten vorhergeahnt. Der Traum. Großzügig ausgesonnen, Herr Lambert, aber Sie irren sich, es wird Ihnen nicht gelingen. Aber vielleicht gelingt es doch! Vielleicht gelingt es doch! Und ob er wirklich die Heirat zuwege bringt? Vielleicht bekommt er es fertig. Er ist naiv und glaubt es. Er ist dumm und dreist wie alle diese Geschäftsleute. Dummheit und Dreistigkeit miteinander vereint, die bilden eine große Macht. Aber gestehen Sie nur, Arkadij Makarowitsch, daß Sie sich vor Lambert gefürchtet haben! Und wozu braucht er ehrenhafte Menschen? Er sagt ganz ernsthaft: »Es gibt hier keinen einzigen ehrenhaften Menschen!« Aber was bist du selbst denn für ein Mensch? Ach, was rede ich da! Als ob die Schufte keine ehrenhaften Menschen nötig hätten. Bei Gaunereien sind ehrenhafte Leute noch notwendiger als sonst überall. Haha! Das haben Sie nur bisher in Ihrer völligen Unschuld nicht gewußt, Arkadij Makarowitsch. Herrgott! Wenn er mich wirklich verheiratet!‹

Ich blieb von neuem stehen. Ich muß hier eine Dummheit bekennen (ich kann das tun, da sie schon längst der Vergangenheit angehört), ich muß bekennen, daß ich schon lange vorher hatte heiraten wollen – das heißt, ich hatte es nicht gewollt, und es wäre niemals geschehen (und es wird auch in Zukunft nicht geschehen, mein Wort darauf), aber ich hatte mir schon zu wiederholten Malen und schon lange vor jener Zeit in Gedanken ausgemalt, wie schön es wäre zu heiraten, das heißt, furchtbar oft hatte ich mir das ausgemalt, besonders jeden Abend vor dem Einschlafen. Das hatte bei mir schon in meinem sechzehnten Lebensjahr angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen gleichaltrigen Kameraden namens Lawrowskij – ein sehr angenehmer, stiller, netter Junge, der sich übrigens sonst durch nichts weiter auszeichnete. Ich unterhielt mich fast nie mit ihm. Da traf es sich, daß wir einmal beide allein zusammensaßen; er war sehr nachdenklich und sagte plötzlich zu mir: »Ach, Dolgorukij, wie denken Sie darüber, jetzt müßte man heiraten; wirklich, wann soll man heiraten, wenn man es jetzt nicht tut? Jetzt wäre gerade die beste Zeit, und doch geht es absolut nicht!« Und das sagte er so offenherzig. Und ich stimmte ihm von ganzem Herzen bei, denn ich hatte mir selbst schon derartige Gedanken gemacht. Darauf kamen wir mehrere Tage nacheinander zusammen und sprachen immer insgeheim über dieses Thema, und zwar nur über dieses allein. Dann aber, ich weiß nicht, wie es zuging, kamen wir auseinander, und diese Gespräche hörten auf. Ja; und seit jener Zeit fing ich an, mir das in Gedanken auszumalen. Das hätte ich natürlich nicht zu erwähnen brauchen; ich wollte nur zeigen, wie weit das manchmal zurückreicht ...

›Es gibt da nur einen einzigen ernsthaften Einwand‹, phantasierte ich weiter, während ich meinen Weg fortsetzte. ›Oh, natürlich kann der unbedeutende Unterschied in unserem Lebensalter kein Hindernis bilden, aber da ist noch etwas anderes: sie ist eine solche Aristokratin, und ich bin »einfach Dolgorukij«! Sehr unangenehm! Hm! Könnte Wersilow nicht, wenn er Mama heiratet, bei der Regierung um die Erlaubnis bitten, mich zu adoptieren ... sozusagen zur Belohnung für seine Verdienste? Er hat ja ein Amt bekleidet, folglich wird er auch Verdienste haben; er ist Friedensrichter gewesen ...‹ – »Oh, hol's der Teufel, was ist das von mir für eine Gemeinheit!«

Das rief ich auf einmal laut aus und blieb zum drittenmal stehen, aber nun so, als ob ich auf meinem Platz zu Boden geschmettert wäre. Das ganze qualvolle Gefühl der Beschämung infolge des Bewußtseins, daß ich etwas so Schmachvolles wie die Änderung meines Familiennamens durch eine Adoption hatte wünschen können, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit – alles dies hatte beinahe in einem Augenblick meine ganze frühere gute Laune vernichtet, und meine ganze Freude zerflatterte wie Rauch. ›Nein, das werde ich keinem Menschen weitersagen‹, dachte ich unter starkem Erröten, ›daß ich etwas so Unwürdiges gedacht habe, das kommt daher, daß ich verliebt und dumm bin ... Nein, wenn Lambert in irgendeinem Punkt recht hat, so darin, daß heutzutage alle diese Narrheiten nicht mehr nötig sind und daß heutzutage, in unserem Zeitalter, die Hauptsache der Mensch selbst ist und dann sein Geld. Das heißt nicht das Geld, sondern die Macht des Menschen. Wenn ich mich mit einem solchen Kapital an die Verwirklichung meiner »Idee« mache, so wird nach zehn Jahren ganz Rußland in seinen Grundfesten erbeben, und ich werde mich an allen rächen. Mit ihr aber viele Umstände zu machen, dazu ist wirklich kein Anlaß, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst bekommen und mich einfach nehmen. Auf die einfachste, gemeinste Weise wird sie ja sagen und mich nehmen.‹ Mir fielen die Worte ein, die ich kurz vorher von Lambert gehört hatte: »Du weißt nicht, in was für einem elenden Kämmerchen das geschehen ist.«

›Auch das ist so‹, stimmte ich bei, ›Lambert hat in allen Punkten recht, er hat tausendmal mehr recht als ich und Wersilow und alle Idealisten. Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakterstärke besitze, und wird sagen: »Ah, er besitzt Charakterstärke!« Lambert ist ein Schurke und will weiter nichts als von mir dreißigtausend Rubel herausholen, aber doch ist er der einzige Freund, den ich habe. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es nicht geben; das haben sich unpraktische Leute alles nur so ausgedacht. Und in meinem Verhalten ihr gegenüber liegt keine Herabwürdigung; würdige ich sie etwa herab? Durchaus nicht: alle Weiber sind so! Gibt es etwa ein Weib, das von Gemeinheit frei wäre? Eben darum muß das Weib den Mann über sich haben, eben darum ist das Weib als ein untergeordnetes Wesen erschaffen. Das Weib ist Laster und Verführung, der Mann Edelsinn und Hochherzigkeit. So wird das in alle Ewigkeit bleiben. Und daß ich vorhabe, das Schriftstück auszunutzen, das ist nichts Schlimmes. Das hindert mich nicht, edel und hochherzig zu sein. Menschen mit vollkommen reiner Moral in der Art Schillers gibt es nicht; das sind nur Erfindungen der Phantasie. Es macht nichts aus, wenn auch etwas Schmutz dabei ist, wenn nur das Ziel ein erhabenes ist! Das kann später alles abgewaschen, alles wieder gutgemacht werden. Jetzt aber ist das nur Großzügigkeit, nur echtes Leben, nur Lebenswahrheit – so nennt man das jetzt!‹

Oh, ich wiederhole es: man möge es mir verzeihen, daß ich all die irren Gedanken, die mir damals in der Trunkenheit kamen, bis auf das letzte Strichelchen hierhersetze. Das Obige ist allerdings nur die Quintessenz meiner damaligen Gedanken, aber ich glaube, ich habe sie mit diesen selben Worten gedacht. Ich mußte sie anführen, weil ich mich zum Schreiben hingesetzt habe, um über mich Gericht zu halten. Und was verdient mehr das Urteil als dies? Kann es denn im Leben etwas Ernsthafteres geben? Der Wein konnte jedenfalls nicht zu meiner Rechtfertigung dienen. In vino veritas.

Mit solchen phantastischen Träumereien beschäftigt und ganz darin versunken, hatte ich gar nicht bemerkt, daß ich endlich nach Hause gekommen war, das heißt zu Mamas Wohnung. Ich bemerkte es auch dann noch nicht einmal, als ich in die Wohnung hineinging; aber kaum war ich in unser winziges Vorzimmer eingetreten, als ich sofort begriff, daß bei uns etwas Ungewöhnliches vorgegangen war. In den Zimmern wurde laut gesprochen und aufgeschrien, und es war zu hören, daß Mama weinte. In der Tür rannte mich beinahe Lukenja um, die hastig von Makar Iwanowitschs Zimmer nach der Küche lief. Ich warf meinen Pelz ab und ging zu Makar Iwanowitsch hinein, weil dort alle versammelt waren.

Dort standen Wersilow und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er drückte sie fest an sein Herz. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Fußbank, schien aber ganz kraftlos zu sein, so daß Lisa ihn mit Anstrengung an der Schulter halten mußte, damit er nicht umfiel; und es war sogar deutlich, daß er immer mehr zur Seite sank und zu fallen drohte. Ich trat eilig näher heran und erriet zusammenzuckend, was geschehen war: der alte Mann war tot.

Er war soeben gestorben, etwa eine Minute vor meiner Ankunft. Zehn Minuten vorher hatte er sich noch gefühlt wie immer. Nur Lisa war bei ihm gewesen: sie hatte bei ihm gesessen und ihm von ihrem Kummer erzählt, und er hatte ihr wie am vorhergehenden Tag den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er angefangen, am ganzen Leib zu zittern (so erzählte Lisa), hatte versucht aufzustehen, hatte schreien wollen und hatte sich schweigend auf die linke Seite geneigt. »Ein Herzschlag!« sagte Wersilow. Lisa hatte aufgeschrien, so daß man es durch das ganze Haus hörte, und da waren sie alle zusammengelaufen, und das alles war nur ungefähr eine Minute vor meiner Ankunft geschehen.

»Arkadij!« rief mir Wersilow zu, »lauf gleich zu Tatjana Pawlowna. Sie ist bestimmt zu Hause. Sage ihr, sie möchte sofort herkommen! Nimm eine Droschke! Schnell, schnell, ich bitte dich dringend!«

Seine Augen funkelten – ich erinnere mich daran deutlich. In seinem Gesicht bemerkte ich nichts, was wie Mitleid ausgesehen hätte, und keine Tränen; es weinten nur Mama, Lisa und Lukerja. Vielmehr – auch das ist mir genau in Erinnerung – prägte sich auf seinem Gesicht der Ausdruck einer ungewöhnlichen Erregung, beinahe des Entzückens aus. Ich lief davon, um Tatjana Pawlowna zu holen.

Der Weg zu ihr war, wie aus dem früheren bekannt ist, nicht weit. Ich nahm keine Droschke, sondern lief die ganze Strecke ohne Unterbrechung. In meinem Kopf herrschte Verwirrung, und es war dort sogar ebenfalls beinahe eine Art von Entzücken vorhanden. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Die Trunkenheit und mit ihr zugleich auch alle unedlen Gedanken waren bis auf die letzte Spur von mir gewichen, als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte.

Die Finnin öffnete. »Nicht zu Hause!« sagte sie und wollte die Tür gleich wieder zumachen.

»Unsinn!« erwiderte ich und drängte mich mit Gewalt in das Vorzimmer hinein. »Das ist unmöglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben.«

»Wa–as!« hörte ich auf einmal Tatjana Pawlowna hinter der geschlossenen Tür zum Wohnzimmer aufschreien.

»Er ist tot! Makar Iwanowitsch ist tot! Andrej Petrowitsch läßt Sie bitten, sofort hinzukommen!«

»Du schwatzt wohl dummes Zeug ...«

Der Riegel kreischte, aber die Tür wurde nur ein paar Fingerbreit geöffnet.

»Was ist los? Erzähle!«

»Ich weiß es selbst nicht, ich bin eben erst nach Hause gekommen, und da war er schon tot. Andrej Petrowitsch sagt: ein Herzschlag!«

»Sofort, im Augenblick. Lauf, sage, daß ich kommen werde; geh doch, geh doch, geh doch! Na, was stehst du denn noch?«

Aber ich hatte durch die Türspalte deutlich gesehen, daß auf einmal jemand hinter der Portiere hervorgekommen war, hinter der sich Tatjana Pawlownas Bett befand, und nun im Hintergrund des Zimmers hinter Tatjana Pawlowna stand. Mechanisch und instinktiv griff ich nach der Klinke und verhinderte so, daß die Tür wieder zugemacht wurde.

»Arkadij Makarowitsch, es ist wirklich wahr, daß er tot ist?« ertönte eine mir wohlbekannte, sanfte, ruhige, metallische Stimme, von deren Klange mit einemmal meine ganze Seele erzitterte: man hörte es der Frage an, daß sie im Innersten ergriffen und erregt war.

»Na, wenn's so ist«, rief auf einmal Tatjana Pawlowna und ließ die Tür los, »wenn's so ist, dann mögt ihr miteinander fertig werden, wie ihr wollt. Ihr habt es selbst gewollt!«

Sie lief hastig aus der Wohnung hinaus, warf sich erst im Laufen ihr Kopftuch und ihren Pelz über und rannte die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf den Pelz ab, trat ins Zimmer und machte hinter mir die Tür zu. Sie stand vor mir wie damals bei jenem Rendezvous, mit hellem Blick, und streckte mir wie damals beide Hände entgegen. Mir knickten die Knie ein, und ich sank buchstäblich zu ihren Füßen nieder.

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