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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Sechstes Kapitel

I

Ich bitte noch einmal, nicht zu vergessen, daß es mir ein bißchen im Kopfe summte; wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte ich anders geredet und gehandelt. In diesem Ladengeschäft konnte man in einem Hinterzimmer tatsächlich Austern essen, und wir setzten uns an ein mit einem widerwärtig schmutzigen Tuch gedecktes Tischchen. Lambert ließ Champagner bringen; das Glas mit dem kalten, goldfarbenen Wein stand vor mir und sah mich verführerisch an, aber ich war ärgerlich.

»Siehst du, Lambert, vor allen Dingen beleidigt es mich, daß du denkst, du könntest mir jetzt noch so befehlen wie ehemals bei Touchard, während du doch hier selbst der gehorsame Diener aller möglichen Leute bist.«

»Schafskopf! Na, laß uns anstoßen!«

»Du hältst es nicht einmal für nötig, dich vor mir zu verstellen; du solltest es wenigstens zu verheimlichen suchen, daß du mich betrunken machen willst.«

»Du schwatzt Unsinn und bist schon betrunken. Nun mußt du noch mehr trinken, dann wirst du lustig werden. Nimm doch dein Glas, nimm es doch!«

»Was heißt hier: ›Nimm es doch!‹ Ich gehe weg, und damit abgemacht.«

Ich stand wirklich auf.

Er wurde furchtbar zornig.

»Das hat dir Trischatow in den Kopf gesetzt: ich habe es gesehen, wie ihr da zusammen flüstertet. Du benimmst dich wie ein Schafskopf. Alfonsina ekelt sich sogar, wenn er bloß in ihre Nähe kommt ... Er ist ein Scheusal. Ich werde dir erzählen, was er für ein Mensch ist.«

»Das hast du schon mal gesagt. Du immer mit deiner Alfonsina; du bist furchtbar beschränkt.«

»Beschränkt?« wiederholte er; er hatte nicht verstanden, was ich meinte. »Sie sind jetzt zu dem Pockennarbigen übergegangen. Das ist's. Deswegen habe ich ihnen den Laufpaß gegeben. – Das sind ehrlose Gesellen. Dieser Pockennarbige ist ein Bösewicht und verdirbt sie. Ich dagegen habe verlangt, daß sie sich immer anständig benehmen sollen.«

Ich setzte mich wieder hin, ergriff mechanisch das Glas und trank einen Schluck.

»Ich stehe an Bildung unermeßlich hoch über dir«, sagte ich. Aber er freute sich viel zu sehr darüber, daß ich mich wieder hingesetzt hatte, und goß mir gleich noch Wein zu.

»Aber du hast ja Angst vor denen«, fuhr ich fort, ihn zu hänseln (ich war in dem Augenblick gewiß garstiger als er selbst). »Andrejew hat dir den Hut vom Kopf geschlagen, und du hast ihm dafür fünfundzwanzig Rubel gegeben.«

»Ich habe sie ihm gegeben, aber er wird es mir büßen. Sie rebellieren, aber ich werde sie schon kleinkriegen ...«

»Du regst dich sehr über den Pockennarbigen auf. Aber weißt du, mir scheint, daß ich jetzt der einzige bin, der dir geblieben ist. Alle deine Hoffnungen beruhen jetzt ausschließlich auf mir – nicht?«

»Ja, Arkaschka, so ist es: du bist der einzige Freund, der mir geblieben ist; das hast du schön gesagt!« erwiderte er und klopfte mir auf die Schulter.

Was sollte man mit einem so ungehobelten Menschen anfangen. Er war völlig ungebildet und sah meinen Spott als Lob an.

»Du könntest mir aus einer üblen Lage heraushelfen, wenn du dich als guter Kamerad zeigen wolltest, Arkadij«, fuhr er, mich freundlich anblickend, fort.

»Wodurch könnte ich dir helfen?«

»Du weißt selbst, womit. Du würdest ohne mich wie ein Schafskopf handeln und die Sache sicherlich sehr ungeschickt angreifen, aber ich würde dir zu dreißigtausend Rubeln verhelfen, die wir uns teilen würden; du weißt selbst, wie sich das machen läßt. Na, überlege mal, was du eigentlich bist: du hast nichts, weder einen Namen noch eine Familie. Aber da bekommst du auf einen Schlag einen ganzen Haufen Geld, und wenn du soviel Geld hast, kannst du eine großartige Karriere machen!«

Ich war geradezu erstaunt über ein solches Vorgehen von seiner Seite. Ich hatte bestimmt erwartet, er würde List anwenden, aber statt dessen benahm er sich mir gegenüber mit einer solchen Offenheit, mit einer solchen jungenhaften Offenheit. Ich beschloß, ihn anzuhören, teils aus Großzügigkeit, teils ... aus schrecklicher Neugier.

»Siehst du, Lambert, du verstehst das nicht, aber ich bin bereit, dich anzuhören; weil ich die Sache großzügig betrachte«, erklärte ich mit fester Stimme und nahm wieder einen Schluck aus dem Glas. Lambert goß sogleich nach.

»Weißt du, Arkadij, wenn mir gegenüber so ein Mensch wie dieser Bjoring es gewagt hätte, in Gegenwart einer Dame, die ich verehre, Schimpfworte zu gebrauchen und mich zu schlagen, so weiß ich nicht, was ich getan hätte! Aber du hast es dir gefallen lassen, und ich verachte dich deswegen: du bist ein Waschlappen!«

»Wie kannst du behaupten, daß mich Bjoring geschlagen hat!« rief ich errötend. »Eher kann man sagen, daß ich ihn geschlagen habe, aber nicht er mich.«

»Nein, nein, er ist's gewesen, der dich geschlagen hat, nicht du ihn.«

»Du faselst, ich habe ihm auch noch auf den Fuß getreten!«

»Aber er hat dich mit der Hand zurückgestoßen und den Bedienten befohlen, dich wegzureißen ... und sie hat dabeigesessen und von der Kutsche aus zugesehen und über dich gelacht – sie weiß, daß du keinen Vater hast und man dich ungestraft beleidigen kann.«

»Ich weiß nicht, Lambert, unser Gespräch klingt, als ob ein paar dumme Jungen miteinander redeten; ich schäme mich ordentlich. Du sagst das, um mich aufzuhetzen, und zwar so plump und offen, als ob du mit einem Sechzehnjährigen sprichst. Du hast dich mit Anna Andrejewna verabredet!« rief ich, vor Wut zitternd, und schlürfte dabei fortwährend, ohne es selbst zu wissen, von dem Wein.

»Anna Andrejewna ist eine durchtriebene Person! Sie wird dich und mich und die ganze Welt hinters Licht führen. Ich habe auf dich gewartet, weil du die Sache besser mit der andern zu Ende bringen kannst.«

»Mit welcher andern?«

»Mit Madame Achmakowa. Ich weiß alles. Du hast mir selbst gesagt, daß sie sich vor dem Brief fürchtet, der sich in deinen Händen befindet ...«

»Was für ein Brief ... du faselst ... hast du sie gesehen?« murmelte ich verwirrt.

»Ja, ich habe sie gesehen. Sie ist schön. Très belle; du hast einen guten Geschmack.«

»Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber du hast nicht gewagt, mit ihr zu reden, und ich will, daß du auch über sie nicht zu reden wagst.«

»Du bist noch ein Junge, und sie macht sich über dich lustig – das ist die Sache! Wir hatten in Moskau mit einer solchen tugendhaften Dame zu tun: ach, wie hoch die die Nase trug! Aber als wir ihr drohten, alles zu erzählen, da fing sie an zu zittern und wurde sogleich gefügig; und wir erreichten das eine wie das andere: sowohl das Geld als auch – du verstehst wohl, was noch. Jetzt spielt sie wieder in der vornehmen Gesellschaft die Unnahbare – Donnerwetter, wie stolz sie ist und in was für einer feinen Kutsche sie fährt! Aber wenn du gesehen hättest, in was für einem elenden Kämmerchen das geschah! Du kennst das Leben noch nicht; wenn du wüßtest, was für elende Kämmerchen zu betreten solche Damen sich nicht scheuen ...«

»Das habe ich mir gedacht«, murmelte ich unwillkürlich.

»Sie sind verdorben bis in die Fingerspitzen hinein; du weißt nicht, wozu die fähig sind! Alfonsina hat in einer solchen Familie gelebt und hat geradezu einen Ekel bekommen.«

»Das habe ich mir gedacht«, stimmte ich ihm wieder bei.

»Aber du läßt dich schlagen und hast noch Mitleid mit ihr ...«

»Lambert, du bist ein Schurke, ein verdammter Schurke!« rief ich, indem ich plötzlich meine Gedanken sammelte und vor Erregung zu zittern begann. »Das alles habe ich schon im Traum gesehen; du und Anna Andrejewna, ihr standet beide da ... Oh, du bist ein verdammter Schurke! Hast du mich wirklich für einen solchen Schuft gehalten? Ich habe es ja gerade deswegen geträumt, weil ich wußte, daß du das sagen würdest. Und schließlich kann das auch alles nicht so einfach sein, wie du es mir darstellst.«

»Nun sieh mal an, wie ärgerlich du geworden bist! Ei, ei, ei!« sagte Lambert gedehnt und lachte triumphierend. »Na, Bruder Arkaschka, jetzt habe ich alles erfahren, was ich wissen muß. Eben darum habe ich auf dich gewartet. Hör mal, du liebst sie also und willst dich an Bjoring rächen – das war's, was ich wissen wollte. Ich habe das auch schon die ganze Zeit vermutet, während ich auf dich wartete. Ceci posé, cela change la question. Und das ist um so besser, da auch sie selbst dich liebt. Also heirate sie unverzüglich, das ist das beste. Und etwas anderes kannst du auch gar nicht tun; du hast das Richtige getroffen. Und dann sollst du wissen, Arkadij, daß du einen Freund hast, nämlich mich, den du zu allen möglichen Dienstleistungen verwenden kannst. Dieser Freund wird dir auch beim Heiraten behilflich sein, und wenn ich alles aus der Erde ausgraben müßte, Arkaschka! Du aber schenke dafür nachher einem alten Kameraden dreißigtausend Rubelchen für seine Mühe, ja? Ich werde dir schon helfen, da kannst du ganz sicher sein. Ich kenne bei all solchen Geschäften alle Schliche, und du wirst ihre ganze Mitgift erhalten und ein reicher Mann werden und eine großartige Karriere machen.«

Obgleich sich mir alles im Kopf herumdrehte, sah ich doch Lambert erstaunt an. Er redete ernsthaft, das heißt, ernsthaft redete er eigentlich nicht, aber er glaubte, wie ich deutlich sah, selbst fest an die Möglichkeit, mich mit ihr zu verheiraten, und war von dieser Idee sogar ganz entzückt. Selbstverständlich sah ich auch, daß er mich zu fangen suchte wie einen kleinen Jungen (sicher sah ich das schon damals); aber der Gedanke, sie zu heiraten, erfüllte mich dermaßen, daß ich, wenn ich mich auch über Lambert wunderte, wie er nur an ein solches Phantasiegebilde glauben konnte, doch gleichzeitig selbst eifrig daran glaubte, dabei jedoch auch nicht für einen Augenblick aufhörte, mir bewußt zu sein, daß sich das natürlich unter keinen Umständen verwirklichen könne. All das fand eigentümlicherweise in meinem Geist nebeneinander Platz.

»Ist denn das möglich?« stammelte ich.

»Warum nicht? Du zeigst ihr das Schriftstück – sie bekommt es mit der Angst und heiratet dich, um nicht ihr Geld zu verlieren.«

Ich beschloß, Lambert in der Darlegung seiner Gemeinheiten nicht zu unterbrechen, weil er sie mir mit solcher Harmlosigkeit auseinandersetzte, daß ihm gar nicht der Verdacht kam, ich könnte plötzlich dagegen revoltieren; aber ich murmelte doch undeutlich etwas in dem Sinne, daß es nicht meinen Wünschen entsprechen würde, sie nur durch Zwang zu heiraten.

»Ich will sie unter keinen Umständen dazu zwingen; wie kannst du so gemein sein, mir so etwas zuzutrauen?«

»Was redest du! Sie wird dich aus freien Stücken heiraten: du brauchst gar nichts weiter dazu zu tun; sie wird Angst bekommen und dich von selbst heiraten. Und sie wird dich auch deswegen heiraten, weil sie dich liebt«, fügte Lambert, als wenn ihm das noch nachträglich einfiel, hinzu.

»Du faselst. Du machst dich über mich lustig. Woher weißt du, daß sie mich liebt?«

»Das ist ganz sicher. Ich weiß es. Auch Anna Andrejewna glaubt es. In allem Ernst und ganz wahrheitsgemäß kann ich dir sagen, daß Anna Andrejewna es glaubt. Und dann will ich dir, wenn du zu mir kommst, noch etwas erzählen, und du wirst einsehen, daß sie dich liebt. Alfonsina ist in Zarskoje Selo gewesen; da hat sie auch dies und das erfahren...«

»Was kann sie denn da erfahren haben?«

»Komm nur mit zu mir nach Hause: sie wird es dir selbst erzählen, und du wirst dich darüber freuen. Und in welcher Hinsicht bist du denn auch schlechter als ein anderer? Du bist hübsch, du bist gebildet ...«

»Ja, gebildet bin ich«, flüsterte ich, ich konnte kaum atmen. Mein Herz klopfte heftig, und natürlich nicht allein vom Wein.

»Du bist hübsch, du bist gut gekleidet.«

»Ja, gut gekleidet bin ich.«

»Und du bist ein guter Mensch ...«

»Ja, ein guter Mensch bin ich.«

»Warum sollte sie da nicht ja sagen? Und Bjoring, der nimmt sie doch nicht ohne Geld; das Geld aber kannst du ihr wegnehmen – eben deswegen wird sie Angst bekommen; du wirst sie heiraten und dich dadurch an Bjoring rächen. Du hast mir ja damals selbst in jener Nacht, als du aus der Kälte zu mir gekommen warst, gesagt, sie sei in dich verliebt.«

»Habe ich das wirklich zu dir gesagt? Das habe ich gewiß nicht gesagt.«

»Doch, das hast du gesagt.«

»Das war dann im Fieberdelirium. Gewiß habe ich dir damals auch etwas von einem Schriftstück gesagt?«

»Ja, du hast gesagt, du hättest einen solchen Brief; und ich habe gleich gedacht: wie kann er nur, wenn er einen solchen Brief hat, das nicht zu seinem Vorteil ausnutzen?«

»Das sind alles nur leere Phantasiegebilde, und ich bin durchaus nicht so dumm, daß ich das glauben kann«, murmelte ich. »Erstens der Unterschied in den Jahren, und zweitens habe ich keinen vornehmen Namen.«

»Sie wird dich schon heiraten; sie kann gar nicht anders, da ihr sonst soviel Geld verlorengeht – das werde ich alles einzurichten wissen. Und außerdem liebt sie dich. Du weißt ja, daß dir dieser alte Fürst sehr wohlgesinnt ist; durch seine Protektion kannst du alle möglichen Verbindungen anknüpfen, und was das anlangt, daß du keinen vornehmen Namen hast, so ist ein solcher heutzutage durchaus nicht nötig: wenn du erst einmal Geld in die Hände bekommst, dann wirst du aufsteigen und aufsteigen und nach zehn Jahren ein solcher Millionär sein, daß ganz Rußland von deinem Ruhm erschallen wird; also was brauchst du da einen vornehmen Namen? In Österreich kann man sich den Baronstitel kaufen. Wenn du sie aber heiratest, dann halte sie fest im Zügel. Die Weiber muß man gehörig ducken. Wenn eine Frau liebt, so hat sie es gern, daß der Mann sie seine Herrschaft fühlen läßt. Die Frau liebt beim Mann einen festen Charakter. Und wenn du ihr mit dem Brief einen Schreck eingejagt haben wirst, dann wird es dir von da an ein leichtes sein, ihr einen festen Charakter zu zeigen. ›Ah‹, wird sie sagen, ›er ist noch so jung, aber er hat einen festen Charakter!‹«

Ich saß wie betäubt. Mit keinem andern Menschen hätte ich mich zu einem so dummen Gespräch herabgelassen. Aber hier brachte mich ein wollüstiges Verlangen dazu, ein solches Gespräch zu führen. Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß kein Anlaß bestand, sich vor ihm zu schämen.

»Nein, weißt du, Lambert«, sagte ich plötzlich, »vieles von dem, was du da sagst, ist Unsinn; ich habe nur darum mit dir darüber gesprochen, weil wir Schulkameraden sind und uns nicht voreinander zu schämen brauchen; aber mit einem andern würde ich mich um keinen Preis so weit erniedrigen. Vor allen Dingen: woher bist du so fest davon überzeugt, daß sie mich liebt? Was du da soeben von dem Kapital sagtest, war sehr richtig, aber siehst du, Lambert, du kennst die höheren Gesellschaftskreise nicht: diese Leute legen den höchsten Wert auf die patriarchalischen, sozusagen angeborenen Beziehungen, so daß es ihr jetzt, solange sie meine Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, wie weit ich es im Leben noch bringen kann, doch peinlich sein wird. Aber ich will dir nicht verhehlen, Lambert, daß da tatsächlich auch wieder ein Punkt ist, der einem Hoffnung machen kann. Siehst du, sie kann mich aus Dankbarkeit heiraten, weil ich sie dann vor dem Haß eines gewissen Menschen bewahre. Und sie fürchtet ihn, diesen Menschen.«

»Ach, du meinst deinen Vater? Wie steht es? Liebt er sie sehr?« fragte Lambert höchst neugierig; er war auf einmal zusammengefahren.

»O nein!« rief ich. »Wie gräßlich du bist und zugleich wie dumm, Lambert! Na, könnte ich denn, wenn er sie liebte, beabsichtigen, sie zu heiraten? Wir sind ja doch Sohn und Vater, da müßte ich mich doch schämen. Er liebt Mama, jawohl, und ich habe gesehen, wie er sie umarmt hat, und ich habe früher selbst gedacht, er liebe Katerina Nikolajewna, aber jetzt habe ich klar erkannt, daß er sie vielleicht früher einmal geliebt hat, sie jetzt aber schon lange haßt ... und sich an ihr rächen will, und sie fürchtet sich vor ihm, denn ich sage dir, Lambert, er ist ganz schrecklich, wenn er anfängt, sich zu rächen. Er wird dann beinahe irrsinnig. Wenn er auf sie zornig wird, ist er zu allem fähig. Das ist eine Feindschaft nach der alten Art, eine Feindschaft um der hohen Prinzipien willen. In unserer Zeit scheren sich die Menschen nicht mehr um die allgemeinen Prinzipien; in unserer Zeit sind nicht die allgemeinen Prinzipien, sondern nur die privaten Zufälle von Wichtigkeit. Ach, Lambert, du verstehst nichts, du bist dumm wie ein Stock; da rede ich nun zu dir von diesen Prinzipien, aber du verstehst gewiß nichts davon. Du bist schrecklich ungebildet. Weißt du noch, wie du mich früher geprügelt hast? Ich bin jetzt stärker als du – weißt du das?«

»Arkaschka, komm mit zu mir nach Hause! Wir wollen den Abend über gemütlich zusammensitzen und noch eine Flasche trinken, und Alfonsina soll uns etwas zur Gitarre vorsingen.«

»Nein, ich komme nicht mit. Hör mal, Lambert, ich habe eine ›Idee‹. Wenn das mit der Heirat nicht gelingt, dann widme ich mich ganz meiner Idee; aber du hast keine Ideen.«

»Gut, gut, das kannst du mir nachher erzählen, komm nur mit!«

»Ich komme nicht mit«, sagte ich und stand auf. »Ich will nicht mitkommen und werde nicht mitkommen. Ich werde schon einmal zu dir kommen, aber du bist ein Schuft. Ich werde dir die dreißigtausend Rubel geben – meinetwegen, aber ich bin moralisch reiner als du und stehe über dir ... Ich sehe ja, daß du mich in jeder Hinsicht betrügen willst. Aber was sie anlangt, so verbiete ich dir, an sie auch nur zu denken: sie steht höher als alle andern Menschen, und deine Pläne sind eine solche Gemeinheit, daß ich geradezu erstaunt über dich bin, Lambert. Ich will sie heiraten – das steht auf einem andern Blatt, aber ein Kapital habe ich nicht nötig, ich verachte das Kapital. Und wenn sie mir ihr Kapital auf den Knien anböte, ich würde es nicht annehmen ... Aber heiraten, heiraten, das steht auf einem andern Blatt. Und weißt du, das war von dir eine sehr richtige Bemerkung, daß man die Frauen seine Herrschaft fühlen lassen muß. Man mag sie lieben, leidenschaftlich lieben, mit all der Hochherzigkeit, die der Mann besitzt und die beim Weibe nie vorhanden sein kann, aber man muß dabei ein Despot sein, das ist richtig. Denn weißt du, Lambert, das Weib liebt den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Weiber. Aber in allen übrigen Beziehungen bist du erstaunlich dumm. Und weißt du, Lambert, du bist nicht ganz so abscheulich, wie du scheinst; du bist ein treuherziger Mensch. Ich habe dich gern. Ach, Lambert, warum bist du ein solcher Spitzbube? Wenn du das nicht wärst, dann könnten wir so vergnügt zusammen leben! Weißt du, Trischatow ist ein netter Mensch.«

Alle diese letzten unzusammenhängenden Sätze stammelte ich, als wir schon auf der Straße waren. Oh, ich erzähle das so eingehend, damit der Leser sieht, daß ich trotz all meiner Begeisterung und trotz aller Schwüre und Gelöbnisse, ein neuer, besserer Mensch zu werden und die »edle Schönheit« zu suchen, doch damals so leicht zu Fall kommen konnte, und gerade in den ärgsten Schmutz hinein! Und ich schwöre, wenn ich nicht fest und völlig davon überzeugt wäre, daß ich jetzt schon ein ganz anderer Mensch bin und mir bereits durch das praktische Leben Charakterstärke erworben habe, so würde ich all das dem Leser um keinen Preis bekennen.

Wir waren aus dem Laden hinausgetreten, und Lambert stützte mich, indem er mich leicht mit dem Arm umschlang. Auf einmal sah ich ihn an und gewahrte, daß sein unverwandter, forschender und im höchsten Grade nüchterner Blick fast ganz denselben Ausdruck hatte wie damals, an jenem Morgen, als ich fast erfroren war und er mich, den Arm genau ebenso um mich herumlegend, zu der Droschke führte und mit Augen und Ohren mein unzusammenhängendes Gestammel in sich aufnahm. Bei Betrunkenen, die noch nicht vollständig ihrer geistigen Fähigkeiten beraubt sind, kommen manchmal Augenblicke völliger Nüchternheit vor.

»Um keinen Preis komme ich mit zu dir!« erklärte ich in festem Ton und zusammenhängenden Worten, wobei ich ihn spöttisch ansah und mit der Hand zurückschob.

»Ach was, ich werde Alfonsina sagen, sie soll uns Tee machen, komm nur!«

Er war fest überzeugt, daß ich mich nicht von ihm losreißen würde; er umschlang und stützte mich mit einem Genuß, als führte er ein schönes Stück Vieh zum Schlachten, und natürlich hatte er gerade mich nötig und gerade an diesem Abend und in einem solchen Zustand! Später wird das alles klarwerden, warum.

»Ich komme nicht mit!« sagte ich noch einmal. »Droschke!«

Sofort kam ein Droschkenkutscher herangejagt, und ich sprang in seinen Schlitten.

»Wo willst du hin? Was hast du?« brüllte Lambert in gewaltiger Angst und hielt mich an meinem Pelz fest.

»Untersteh dich nicht, mir zu folgen!« schrie ich. »Daß du mir nicht nachsetzt!«

In diesem Augenblick trieb der Kutscher das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus den Händen gerissen.

»Schadet nichts, du wirst schon kommen!« schrie er mir wütend nach.

»Ich werde kommen, wenn ich will – das ist meine Sache!« rief ich, mich im Schlitten umwendend, ihm zu.

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