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Der Jungbrunnen

Paul Heyse: Der Jungbrunnen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleDer Jungbrunnen
publisherVerlag von Alexander Duncker
year1850
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
created20140602
modified20151203
senderbruce.welch@gmx.de
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Fedelint und Funzifudelchen

Erstes Kapitel. Wie es sich ereignet, daß Funzifudelchen, noch ehe sie in der Welt war, von der bösen Fee Aurora Mesopotamia verwunschen wurde

Es war einmal ein guter kleiner König, der hieß Muffel der Erste, ein gar leutseliger Herr, der, wenn er spazieren ging, vor Jedem, der ihn grüßte, seine goldene Krone abnahm. Weil er aber erschrecklich viel Zeit übrig hatte, schaffte er sich einen ganzen Marstall der allerschönsten Steckenpferde an und lebte nach dem Grundsatz: Man muß das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden wissen. Morgens früh zog er eine kleine Maschine auf, die an seinem Bett stand; das war die sogenannte Staatsmaschine, und die sorgte dafür, daß die Regierung ihren gehörigen Gang nahm. Dann ging Muffel der Erste in seinen Marstall, ließ sich irgend ein Steckenpferd satteln und ritt den lieben langen Tag darauf herum, daß es so eine Art hatte.

Wie aber Jedermann weiß, ist keine Viehart kostspieliger zu unterhalten, als die Rößlein des guten Königs, so daß die armen Unterthanen oft sich das liebe Brod nicht gönnen durften, um nur die schweren Steuern zu erschwingen für den Marstall. Da thaten sie sich zusammen und beriethen sich, wie dem abzuhelfen sei. Endlich kam Einer auf den Einfall, man sollte dem gnädigen Herrn eine Frau verschaffen. Bei dem ewigen Hagestolziren käme der beste Mensch auf kostspielige Gedanken, und wenn der König gar ein Kindchen hätte, das würde ihm lieber sein, als die hölzernen Gäule. Schickten also eine Gesandtschaft an Muffel den Ersten, die ihm das Ding plausibel machte, in tiefster Ehrfurcht erstarb, und mit dem sehr tröstlichen Bescheide entlassen wurde, Seine Majestät werde sich's überlegen.

Nun ging der gute kleine Monarch in seinen Thiergarten und überlegte aus Leibeskräften. Aber es waren zu viel schöne Dinge im Garten, als daß er ungestört hätte denken können. Gleich vom Schlosse aus mußte er durch eine lange Allee von Invaliden, die Drehorgel spielten, sobald Muffel sich sehen ließ; und Jeder spielte ein anderes Stück, denn der König wollte den Künstler in seiner Eigenthümlichkeit nicht beschränken. Wie aber die Allee zu Ende war, kam man zu einem großen Drathhause, in dem lauter vergoldete Mohrenkinder auf dem Seil tanzten oder Purzelbäume schlugen. Dazwischen brüllten die wilden Bestien und die Papageien schrien: Heil dir im Siegerkranz! und die andern Vögel führten eine Pastoral-Symphonie aus, daß es einen Höllenspektakel gab.

Da drückte sich der König die Krone tiefer über die Ohren und ging nach einem stillen Plätzchen im Garten, wo lauter schwermüthige Weiden wuchsen und nur Trauermäntel und Todtenköpfe fliegen durften, weil der gute Muffel dort seine wehmüthigen Stunden abwartete, deren ja jeder Mensch hat. Nun wollte er heut nur in der Stille dort die Heirath bedenken und freute sich, daß die Löwen, Invaliden und Mohrenkinder weit genug entfernt waren, um ihn nicht zu stören. Aber wie erschrak er, als ihm aus den Schatten eine etwas abgesungene Frauenstimme entgegentönte, die folgendes Lied gar melancholisch hören ließ:

Von Sorgen wie bin ich
Umstrickt und befangen!
Kein Liebster herzinnig
Im Arme mich hält!
In Lüften da hangen
Die Sterne mit Prangen;
Doch ach – ohne Liebe
Wie dunkel die Welt!

Gar lustig zusammen
Vier Aeugelein scheinen,
In seligen Flammen
Einander gesellt.
Vertrübt sind die meinen
Von Wachen und Weinen;
Denn ach – ohne Liebe
Wie dunkel die Welt!

Das machen meine Invaliden doch besser! dachte Muffel bei sich, der in der Musik sehr stark war, trat aber neugierig näher. Da hatte er den seltsamsten Anblick von der Welt. Eine fremde Dame saß auf der Rasenbank und sah halb verschämt, halb innig nach dem König um. Sie war freilich nicht mehr jung, aber auch nichts weniger als schön. Uebrigens war sie in großem Putz und nur an den Manschetten saßen einige gelehrte Tintenflecke. Um sie herum aber lag ein ganzer Haufen Bücher, auf deren Rücken in Gold gedruckt stand: Sämmtliche Werke der Fee Aurora Mesopotamia.

Der König war ein bischen verlegen geworden, drehte die Krone zwischen den Händen herum und brachte endlich heraus: Angenehme Unbekannte, wer sind Sie eigentlich? – Die Dame spielte zierlich mit dem Fächer und flüsterte: Ich bin die Fee Aurora Mesopotamia, und diese Bücher sind meine sämmtlichen Werke. Monarch, fuhr sie dann mit Wärme fort, ich weiß, Sie gehn auf Freiersfüßen. Warum soll das Weib nicht zum Manne sagen: Ich liebe dich! Muffel meines Herzens, wirst du diese federkundige, zarte Feenhand ausschlagen? – Sie reichte ihm gar schmachtend ihre Rechte, und meinte, er würde sie hastig ergreifen und küssen. Aber der König setzte ruhig die Krone wieder auf und sagte: Entschuldigen Sie! Sie könnten meine Großmutter sein, schon nach den sämmtlichen Werken zu urtheilen. – Die Fee erröthete und sprach: Ich bin freilich über die Jahre thörichter Jugend hinaus. Aber ich bringe Ihnen ein Herz voll edler Weiblichkeit entgegen, voll Sinn für das Höhere und mit der Fähigkeit begabt, ein schönes Mannesherz glücklich zu machen. – Wie der König das hörte, sagte er weiter nichts als: Es thut mir leid, Fräulein; aber aus der Partie kann nichts werden! – und dann machte er eine Verbeugung und kehrte spornstreichs um, als wäre er dem Fegefeuer entronnen.

Die Fee aber rief ihm nach: Verblendeter! Grober Charakter! So verwünsche ich denn das Kind, das dir eine Andere schenken wird, daß es sein Lebtag die Augen nicht öffnen soll, wenn ihm nicht einer das Lied der Nixe Undula um Mitternacht vorsingen wird. – Und dann schlug sie ein höhnisches Gelächter auf, zertrat die lieben, unschuldigen Blumen im Garten und verschwand, und es sollen, wie der Gärtner versichert, die schwermüthigen Weiden so voller Tintenflecke gewesen sein, daß aller Thau des Himmels sie nicht wieder rein waschen konnte.

Wie nun Muffel der Erste, noch ganz erschreckt von der Verwünschung und der verwünschten Person selbst, in tiefen Gedanken seinem Schlosse wieder zuging, sangen auf einmal alle Nachtigallen in den Büschen wie verabredet:

Prinzessin Rapudanzia
Die hole dir zum Tanz, ja ja,
Ziküth, ziküth, ziküth!

Und da fielen alle Leierkasten ein und spielten »Wir winden dir den Jungfernkranz«, daß der gute König ganz begeistert ausrief: Natur und Kunst sprechen für dich – du mußt die Meine werden! Schrieb auch gleich ein sehr zärtliches Briefchen an die Schöne und ihren Vater, den König Lillabullero, von dem er noch denselben Tag durch einen Eilboten folgende Antwort erhielt:

König Muffel, mit Vergnügen
Kannst du meine Tochter kriegen.
Zeichne mich mit Achtung Dero
Ew'ger Freund Lillabullero.

Die Prinzessin aber hatte ganz fein und zierlich unter den Brief geschrieben: Lieber Bräutigam, ich habe dich von Herzen lieb, und wir wollen uns vertragen wie die Engel im Himmel.

 

Zweites Kapitel. Wie der alte verrückte Kapellmeister den aufrührischen Bassisten nachläuft

Die Hochzeit wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, auch bald nachher der ganze Marstall meistbietend versteigert, und nur die Invaliden-Allee blieb im Garten, weil auch die Königin eine große Freundin von guter Musik war. Die vergoldeten Mohrenkinder aber wurden von den Tabackshändlern gekauft und neben die Ladenschilder gestellt, eine Cigarre im Mund und einen Federbusch auf dem Kopfe.

Da nun die Zeit erfüllet war, genas Rapudanzia eines feinen, wunderlieblichen Mägdleins, der man den Namen Funzifudelchen gab. Da war aber erst Freude im Lande! Drei Tage lang war blauer Montag und Volksjubel mit Tanz und Kegelschieben, und die guten Unterthanen illuminirten von Morgens früh bis um Mitternacht alle Fenster, was ich bezweifeln würde, wenn ich's nicht aus den besten Quellen hätte.

Aber leider Gottes wurde die Freude bald in Trauer verkehrt. Funzifudelchen nämlich, so schön und holdselig sie auch in der diamantenen Wiege lag, war doch nicht im Stande die kleinen Augen aufzuschlagen. Muffel der Erste, ingleichen die hohe Wöchnerin waren in Verzweiflung; alle Bemühungen der Aerzte erwiesen sich fruchtlos, denn das kleine Prinzeßchen fing kläglich an zu schreien, sobald man ihr nur die Augenlieder berührte. Da gedachte der trauernde König an die Verwünschung der bösen Fee Aurora Mesopotamia und dessen, was sie ihm von der Nixe Undula zugerufen hatte. Er ließ also am schwarzen Brett in der Universität, weil da alle Tage die klügsten Leute aus- und eingehn, Dem das halbe Königreich und die ganze Prinzessin versprechen, der seiner Tochter um Mitternacht das Lied von der Nixe Undula vorsingen könne. Natürlich solle mit der Hochzeit bis nach der Einsegnung gewartet werden; das halbe Königreich werde er gleich erhalten. Da zerbrachen sich die gelehrtesten Professoren den Kopf, schrieben dicke Bücher über die Nixe Undula, von tausend verschiednen Standpunkten, und stellten die verschiedensten Systeme darüber auf.

Noch mehr aber als den Professoren war den Studenten die Prinzessin zu Kopf gestiegen. Denn die wohnten Alle in einem kleinen Stadtviertelchen zusammen, und der Weg zur Universität führte gerade beim Schlosse vorbei. Der König aber hatte seiner Tochter einen gläsernen Pavillon bauen lassen, wo jeder sie in ihrem Bettchen liegen sehn konnte, und da standen die Herrn Studenten im Vorübergehn still und schauten das Wunderkind an, und kamen regelmäßig zu spät, wozu die Professoren gewiß lange Gesichter gemacht hätten, hätten sie sich nicht bei ihren Forschungen über die Nixe Undula ebenfalls jedesmal verspätet. Ein Student aber verspätete sich gewöhnlich so gewaltig, daß er gerade sich satt gesehen hatte, wenn alle Lehrstunden zu Ende waren, und dann auch noch nicht ganz satt. Denn oft zu nachtschlafender Zeit ließ es ihn zu Haus nicht ruhn, er mußte durchaus aufstehn und nach dem Glas-Pavillon laufen und wieder hineingucken. Das war aber eigentlich verboten; denn da stand die Prinzessin auf und aß und trank, wie alle Andre, und ging in der Stube umher, und das trauernde Königspaar machte ihr Besuch und fragte, wie sie sich befinde und ob sie Fortschritte im Französischen mache und in Allem, was sie sonst lernen mußte. Denn sie hatte zu Nacht Unterricht bei den besten Meistern und war sehr klug, und lernte darum nicht minder gut, weil sie die Augen nicht aufschlagen konnte. Wie gesagt, das durfte aber Niemand mit ansehn, und Fedelint – so hieß der neugierige Student – mußte oft den Tag über im Carcer sitzen, weil der Nachtwächter ihn bei dem Glas-Pavillon getroffen hatte. Ja das half Alles nicht, sitzen mußt' er, und machte im Carcer die allerschönsten Sonette auf Funzifudelchen, die man nur lesen konnte.

In der Stadt wohnte auch ein alter Kapellmeister, der zugleich Kantor und Organist am Dom war, ein kleines dürres Männchen, krumm wie ein Fiedelbogen, der hieß Bratsche. Weil er aber immer so wunderliche Reden führte und ganz sonderbar einherging, nannten ihn die Currende-Jungen und bald auch die ganze Stadt nicht anders als den alten verrückten Kapellmeister. Der hatte sich auch ganz sterblich in Funzifudelchen verliebt, und war er früher beim Choralsingen oft in eine andre Melodie gerathen, so that er's jetzt erst recht oft, so daß die andächtigen Leute den Kopf schüttelten und sagten: Es wird doch immer ärger mit unserm alten verrückten Kapellmeister. Der aber kehrte sich viel dran! Er hatte nichts anders im Sinn, als das Lied der Nixe Undula, und setzte seinen Kopf drauf, es müsse aus C moll sein. Er hatte das schon allen Leuten vertraut; aber was wollte die bloße Tonart helfen! Damit bekam er weder die Prinzessin, noch das halbe Königreich.

Eines Abends saß er oben in seinem Dachkämmerchen ohne Licht, denn er war gar zu blutarm; aber der Mond schien ihm gerade auf seinen Tisch, der mit Noten und Instrumenten bepackt war. Nebenan schlief die alte Ursel, seine Haushälterin; aber sie hatte einen sehr leisen Schlaf, und er mußte des Abends immer fein still sein und stumme Musik machen, weil sie sonst aufwachte, und dann war sie immer sehr bös. Da saß er nun und sah zum Monde hinauf und meinte, die Flecken drin wären am Ende Noten. Denkt einmal, so verrückt war er schon! Wie er nun eben dran ging, sie herauszubringen, und dachte wahrhaftig, darin wär' das Lied der Nixe Undula enthalten: hörte er unten auf der Gasse einen gewaltig tiefen brummenden Ton. Das ging aber so zu. Es war um die Zeit der Pfingsten, wo die Kinder gewöhnlich das Spielzeug, das sie zu Weihnachten bekommen haben, wegwerfen und ins Freie laufen, um sich die eingefrornen Glieder in der frischen Frühlingsluft aufthauen zu lassen. Dadurch waren unter andern auch die Waldteufel in Ruhestand versetzt worden, und weil das von Natur ein verteufelt brummiges Volk ist, auch Haare auf den Zähnen hat und den Umschwung der Dinge liebt, war es im Stillen zu einer Verschwörung unter ihnen gekommen. Sie hatten sich aus den Bodenkammern, wohin sie verbannt waren, auf die Dächer geschwungen und auf einem geräumigen, flachen Dache in einer schönen Nacht eine Volksversammlung gehalten. Einer, der durch seine Dicke und Größe ausgezeichnet war, auch das Bild Muffels des Ersten auf der Brust trug, wurde zum König gewählt, schwang sich würdevoll auf einen Schornstein und hielt folgende Rede: Verehrte Bassisten! (denn so nennen sich die Waldteufel in amtlichen Sachen) Man hat uns als dumme Teufel behandelt und in eine unthätige Ruhe verurtheilt; die der Tod unsrer schönen Stimmen sein würde. Wir sind Waldursprüngliche; freie Geschöpfe; wir brauchen uns das nicht bieten zu lassen. Meine Herren! kehren wir in den Urzustand zurück! Flüchten wir in die böhmischen Wälder!

Allgemeines Bravo ließ den Redner nicht endigen. Es wurde beschlossen, in der nächsten Nacht aufzubrechen, und Alles trennte sich, um bis dahin in der Rumpelkammer seinen Träumen nachzuhängen und der ehrenrührigen Gesellschaft, in der man sich befand, noch verächtlicher als sonst den Rücken zu drehen. Was sind auch Bälle, Peitschen, Steckenpferde und bleierne Soldaten gegen einen waldursprünglichen Bassisten, der den großen Gedanken der Freiheit zum ersten Male gedacht hat!

In der folgenden Nacht setzte sich nun wirklich das ganze geschwänzte und gestielte Heer in Bewegung und flog gerade durch die Gasse, wo der alte verrückte Kapellmeister den Mann im Monde für ein Notenblatt ansah. Bratsche spitzte die Ohren. Ursel! rief er, Ursel! hört Sie nicht? – Was ist denn, Herr Kapellmeister? rief die heisere Alte aus dem Nebenzimmer. – Es ist ein gräulicher Rumor auf der Straße. Was mag's sein? – Ach nix! Hundelärm! gab die Alte zur Antwort und drehte sich ärgerlich auf die andere Seite. Bratsche horchte hoch auf. Nixe? Undula? wiederholte er. Wahrhaftig! ich glaube, sie hat Recht. Klang mir's doch gleich wie C moll. Da muß ich nach! O ich glücklichster Kapellmeister unter dem Monde!

Und damit stürzte er barhaupt und im Schlafrock die Treppe hinunter und den Bassisten nach zum Thore hinaus.

 

Drittes Kapitel. Wie Fedelint mit der alten rothnasigen Hexe in den Wald geht

In derselben Nacht saß Fedelint in seinem Studentenstübchen am Pult und hatte einen großen griechischen Folianten in Schweinsleder vor sich. Er war eben wieder aus dem Carcer gelassen worden, darin er bei Wasser und Butterbrod vier und zwanzig Stunden hatte sitzen müssen. Dessenungeachtet war er gleich zum Glas-Pavillon gelaufen, um sein geliebtes Funzifudelchen zu sehn; aber zwei Nachtwächter standen da Schildwacht und ließen ihn nicht herankommen. Man hatte ihnen freilich die Augen verbunden, und ihren großen Bulldoggen auch, damit sie nicht selbst das Verbot übertreten möchten, das sie überwachen sollten; aber sie fochten die ganze Nacht hindurch mit großen Spießen rings um sich her in die blaue Luft, und die Hunde waren so abgerichtet, daß sie beständig die Zähne fletschten, so daß der arme Fedelint, so viel Herz er auch hatte, doch unmöglich herzukonnte. So schlenderte er also trübe nach Haus, und wie er durch die mondhellen Gassen ging, fiel ihm ein Lied ein und er sang:

In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht
Gehen Engel um auf leisen Sohlen;
Blonde Engel, innig und verstohlen
Küssen sie im Traum die schönsten Blumen.

Süßes Herzlieb, allerschönste Blume!
Weiß es wohl, woher die Glorie stammet,
Die dir heut das Antlitz überflammet;
Bist noch in den Traum der Nacht verloren.

Denkst der Engel, die durchs offne Fenster
Sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen,
Hauchten leisen Kuß auf Mund und Wangen
In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht!

Ja wenn ich nur ein Engel wär' und auf den Mondstrahlen reiten könnte! sagte er vor sich hin. Dann schlich er unter Seufzern und Stoßgebetlein heim, kletterte die vier Treppen hinauf und trat in seine Stube. Sein Schlafgesell lag schon im Bett und schnarchte für Vier. Er schien ziemlich selig nach Haus gekommen zu sein; denn er lag mit Kanonenstiefeln und Sammetrock da und hielt den Korb des Schlägers, an dem die Cereviskappe noch vom Landesvater her steckte, steif in der rechten Faust, über die der dicke Lederhandschuh gezogen war. Fedelint achtete das nicht, setzte sich, nachdem er ein Licht angezündet, hin und schlug den Folianten auf, aus dem er eifrig zu übersetzen schien. Aber weiß Gott, was da in dem alten vergriffenen Codex stand, oder ob Fedelint nicht recht lesen konnte; kurz und gut, es kamen lauter Sonette an Funzifudelchen aufs Papier.

Da klopfte es dreimal an die Thür. Nur immer herein! rief der am Pult. Die Thür ging schreiend auf, denn sie war, wie das so in Studentenwirthschaften zu gehn pflegt, lange nicht geschmiert worden, und ein altes vertrocknetes Mütterchen trat ein mit einer wunderschönen rothen Nase, die wie lauter Rubin funkelte. Sie wäre trotz ihrer Jugend immer noch eine ganz leidliche Frau gewesen, wenn sie ein paar Zähne mehr und ein paar Falten im Gesicht weniger gehabt hätte. Junger Herr Studiosus, fing sie an und zwinkerte schlau mit den Augen, junger Herr Studiosus! – Was wollt Ihr denn noch so spät, gute Alte? sagte Fedelint und bot der Alten den einzigen noch nicht zerbrochenen Stuhl an, nachdem er ein Dutzend Bücher weggeräumt hatte. – Nicht sitzen, junger Herr, nicht sitzen! Mit mir müßt Ihr gehn, in den Wald hinaus, links an der Mühle vorbei; da liegt ein Schatz, hihihi! viel roth Gold! Sollt ihn haben, wenn Ihr mitkommt. – Fedelint bedachte sich nicht lange. Das Geld war ihm dummer Weise schon seit vierzehn Tagen ausgegangen, und die Philister wollten nicht länger borgen. – Wartet, alte Hexe, rief er, ich will nur meinen Schlafrock anziehn. Es sind böse Nebel zu Nacht. Damit schlupfte er in den großblumigen Schlafrock hinein, setzte die Mütze auf die braunen Locken, und folgte der Alten, die kichernd die Treppen hinabrutschte. Sie gingen zusammen durch die verzwicktesten Gäßchen, immer an den Häusern entlang, die im Schatten standen, und die Alte trippelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit voraus. Zum Kuckuk! rief Fedelint, lauft nicht so, Alte! Ich bin müde, habe vierundzwanzig Stunden im Carcer gesessen und nichts zu beißen gehabt, als erbärmliches Butterbrod. – Hihihi! kicherte die Alte. – Hört einmal, fing Fedelint wieder an, laßt mir auch das ewige Kichern; es wird einem ganz unheimlich dabei. – O du liebe Zeit! sagte die Alte; Euch Herrn Studiosen ist auch gar nichts recht zu machen. Immer habt Ihr was zu befehlen und großzusprechen. – Alte, ich kann die anzüglichen Redensarten nicht ausstehn! drohte Fedelint. Am besten ist's, wir reden kein Wort zusammen bis zum Schatze. – Ja ja, der Schatz, der Schatz! murmelte die Alte halblaut und schmunzelte. Ist noch ein bischen weit hin. – Sie waren zum Thore hinaus, und da fing gleich der stockfinstre Wald an. Nur ein schwacher Mondblitz fiel von Zeit zu Zeit auf den Weg, den sie einschlugen; aber die Alte mußte Augen haben, wie eine rechte Eule, denn sie stieß kein einzig Mal an einen Baum oder stolperte über eine Wurzel; vielmehr glaubte Fedelint zu bemerken, daß die Aeste und Sträucher scheu vor ihr ausbogen.

Am Ende ist's eine Hexe, dachte er bei sich. Es lief ihm ein bischen kalt über den Rücken. Dann aber dacht' er gleich: Was kann sie mir thun? An meinem Leben liegt mir nicht so viel; da würd' ich der Qual um Funzifudelchen auf einmal los. Aber wenn sie mich gar heirathete! Solche alte Schachteln denken gewöhnlich, sie sind immer noch viel zu gut für so ein junges Blut. Ach, was schiert's mich! Wenn sie's zu arg macht, kann ich ja doch immer noch Nein sagen. – Sie gingen neben einem blanken Bach vorbei, in den der Mond gar hell und silbern hineinsah. Da hörte Fedelint, wie die Alte ein Lied vor sich sang, gerade als wüßte sie, was er gedacht hatte:

Und bild' dir keine Narrheit ein!
Du bist mir viel zu jung;
Hast kaum drei Haar' unterm Näschen dein,
Das ist mir nicht genung.

Und wenn ich einen heirathen thu',
Muß sein ein Reiter zu Roß,
Noch 'mal so breit und lang wie du,
Sein Bart dreier Ellen groß.

Sein Rößlein saust in Windeslauf,
Sein Bart der deckt mich zu;
Ich sitz' vor ihm am Sattelknauf,
Und hinterm Ofen du!

Eben wollte Fedelint anfangen, der Alten den Text zu lesen über solch ein ehrenrühriges Lied, da machte der Weg eine Schwenkung und sie standen vor einer schaurigen Schlucht, in die der Bach schäumend sich hinabwarf und ein gewaltiges schwarzes Mühlenrad trieb. Die Mühle lag in dunkeln Umrissen dahinter, an den Berg angelehnt, drüber gelagert großmächtige Eichen und Edeltannen, die die Hütte wie mit Adlersflügeln zu decken und zu bewachen schienen. Junger Herr Studiosus, flüsterte die Alte freundlich grinsend und faßte ihn mit der spindeldürren Hand am Arm, da den Steg hinab, da geht's zum Schatze. Fedelint folgte zögernd und hatte sich nur in Acht zu nehmen, daß sein Schlafrock nicht alle Augenblicke an den spitzen Felszacken hangen blieb. Ein morscher Baumstamm lag über dem Bach, der unter ihren Füßen krachte, und die Wellen murmelten: kullerkuller, hüt' dich! hüt' dich, Studentchen! gluck! gluck! Aber Fedelint war ganz gutes Muths, denn er dachte an Funzifudelchen.

Sie waren schon hart an der Mühle, doch konnte Fedelint die alte wohlbekannte Hütte nicht wiedererkennen; auch der Grund, in dem sie lag, schien ihm verändert, wilder und schauerlicher, und die Berge, die sonst ein gut Stück von einander entfernt waren, rückten ganz nahe zusammen und drohten einander mit den überhangenden Kuppen, wie riesige Stiere, die einander die Hörner weisen. Anstatt der verfallnen Hütte aber, in der nur der alte Müller wohnte, stand eine verwilderte Burg, ganz in Trümmern, die zerrissene Arme gegen den Nachthimmel streckte, und zwischen den Fensterlücken, wo das Nachtgevögel kreischend aus- und einflog, drängten sich die Mondstrahlen und zitterten über die Schlinggewächse, die aus allen Ritzen vorbrachen. Ein einziges Erkerchen war wohlerhalten und schien bewohnt. »Seht Ihr, Herr Studiosus? da wo das Licht blinkt, zwischen den weißen Hängen, da ist der Schatz verborgen.« Wie die Alte das sagte, fing eine Guitarre leise an zu klimpern und eine holdselige Stimme sang dazu. Fedelint horchte mit verhaltenem Athem auf folgende Worte:

Fedelint! Fedelint!
Die Nacht ist lang;
Da wird so bang
Deinem treuen Kind!

Alt Eule schreit,
Des Windes Saus
Geht rings ums Haus;
Was bist so weit?

Komm, komm geschwind!
Mein Herz und Sinn
Zu dir steht hin,
Fedelint! Fedelint!

Wollt Ihr sie verschmachten lassen, junger Herr? flüsterte die Alte. Ruft ihr zu, daß Ihr kommen wollt. – Ich weiß nicht, Alte, sagte Fedelint, mir sitzt was im Hals, ich kann nicht rufen; laßt mich hineinschaun. – Kommt, erwiederte die Alte, ich will Euch huckepack zum Erkerfensterchen tragen. – Damit hatte sie den leichten Studenten schon auf den Rücken genommen und war mit ihm nach dem Fenster getrippelt. Der Wind stieß die Vorhänge fort, daß das Licht drinnen flackerte und der Schlafrock Fedelints der Alten weit über den Rücken wehte. Den aber kümmerte es nicht; mit den Händen klammerte er sich ans Fenstersims und schaute hinein. Da lag ein wunderschönes Mädchen mit tiefschwarzem Haar im Großvaterstuhl, die Guitarre in den schwellenden weißen Armen, und die weißen Finger glitten eben wieder über die Saiten, als Fedelint den Kopf zum Fenster hineinsteckte. Da schlug sie die langen Wimpern zu ihm auf, sah ihn mit wehmüthiger Sehnsucht an und sang:

Fedelint! Fedelint!
Mußt fest dich klammern
An meiner Kammern
Fensterlein fest,
Auf daß dich läßt
Hangen der Wind, der Wind!

Doch mußt vorher
Verschwör'n, vergessen
Die kleine Prinzessen;
Darfst sonst nicht ein
Zur Liebsten dein,
Küssen sie nimmer, nimmermehr!

Hihihi! kicherte die Alte unten und schob den Schlafrock weg, daß der auf ihrem Rücken besser hören möchte, seid doch klug, Herr Studiosus! was soll Euch das blinde, verwunschene Ding? – Darauf wurde es stille; nur der Mühlbach rauschte gewaltig auf. Fedelint packte ein eisiger Schrecken am Schopf; das schöne Mädchen stand auf vom Großvaterstuhl, ging lächelnd und winkend auf ihn zu, und wollt' ihm die Hand reichen, um ihm hineinzuhelfen. Plötzlich trat ihm Funzifudelchens Bild vor die Seele, wie sie so hold und blumenhaft im Bettchen lag und war so lieb und gut und wäre so gern erlöst worden, und er faßte sich ein Herz und schrie: In die Hölle, ihr Hexenpack, jung und alt! – Da that das schöne Mädchen einen gewaltigen Schrei, die Alte kreischte laut auf, schleuderte den armen Fedelint hoch in die Luft, und wie er wieder zu sich und auf die Erde kam, war Alles verschwunden. Er stand hart an der Thür der wohlbekannten Mühlenhütte; es war wieder der alte freundliche Grund, und der Mühlbach trieb ruhig das Rad, daß der Schaum im Mond glitzerte.

Fedelint rieb sich an der Stirn; es war ihm, als hätte er geträumt; und doch war Alles so lebendig gewesen, er meinte noch immer das heisere Kichern der Alten zu hören. Leise klinkte er die Thür auf und trat hinein. Innen hörte er zwei Leute schnarchen; das Mondlicht, das durchs Fenster schien, ließ ihn den Müller und seinen Mühljungen erkennen, die lagen auf dem Stroh und Jeder hatte einen mächtigen Mühlstein als Kissen unterm Kopf. Behutsam machte sich Fedelint fort und zog die Thür leise hinter sich zu. – Bin ich denn nicht bei Sinnen, oder ist's das Fasten im Carcer, das mich so schwach gemacht hat? murmelte er vor sich hin, als er weiter ging. Der morsche Balken war verschwunden; dafür ging er über den alten festen Steg und hielt sich am Geländer fest, weil ihm schwindelte vor all seinen Gedanken. Muß machen, daß ich nach Haus komme, sagte er; die alte Schneiderin (das war nämlich seine Wirthin) soll mir einen rechtschaffnen Fliederthee kochen, damit ich das Fieber los werde. – So ging er die dunkeln Waldwege nach der Stadt zurück. Ein leiser Regenschauer machte ihn frösteln; doch wurde er ganz lustig und sang alte, schöne Studentenlieder, und dachte an Funzifudelchen. Der Regen hörte allmählich auf, und die Wolken flogen fort, die den Mond verhüllt hatten. An einem heimlichen Plätzchen machte er einen Augenblick Halt; da glänzte der Mond gar zu schön und die Wellen liefen lustig murmelnd vorüber. Ein Weidenbaum hing quer über den Bach, daß der Stamm eine ordentliche Brücke bildete. Ei, da muß sich's schön sitzen lassen! dachte Fedelint, schwang sich behend auf den Stamm, und ließ Füße und Schlafrock herunterhangen, daß die Wellen ihm die Sohlen seiner Stiefel benetzten; aber der Schlafrock bekam einen wundervollen nassen Saum. Wie er so saß, kam ihm wieder ein Lied in den Sinn, und er sang:

Wie bin ich nun in kühler Nacht
Im Wald herumgestrichen!
Die Bäume, noch von Regen schwer,
Die wogten tropfend hin und her;
Hätt' nicht mein Herz gebrannt so sehr,
Nach Haus wär' ich gewichen.

Die lohe Glut kein Regen mag,
Kein Thau zu kühlen taugen.
Der rothe Blitz entflammt' sie nicht,
Der jäh die schwarzen Eichen bricht;
Das that der Liebsten Angesicht
Mit den zwei lichten Augen.

Ach Gott! dachte er und hielt ein, da hab' ich wahrhaftig eine Lüge gesungen! Es ist doch ein Jammer, wenn man eine Liebste hat, die verwunschen ist und die Augen nicht aufschlagen darf; darauf ist kein einziges altes Lied eingerichtet. – Er saß so eine Weile und sann; dann sang er weiter:

Es geht ein Wehen durch den Wald,
Die Windsbraut hör' ich singen.
Sie singt von einem Buhlen gut,
Und bis sie dem in Armen ruht,
Muß sie noch weit in bangem Muth
Sich durch die Lande schwingen.

Der Sang der klingt so schauerlich,
Der klingt so wild, so trübe.
Das heiße Sehnen ist erwacht;
Mein Schatz, zu tausend gute Nacht!
Es kommt der Tag, eh du's gedacht,
Der eint getreue Liebe.

 

Viertes Kapitel. Wie Fedelint durch ein Unglück ein Glück macht

Eben war Fedelint im Begriff, seinen kühlen Sitz zu verlassen, und dachte daran, wie er doch so ein leichtsinniger Mensch sei, und nun müsse er sich eine doppelte Portion Fliederthee bei der alten Schneiderin bestellen; da rauschte es nicht gar weit von ihm in den Wellen, daß er neugierig in die Höhe sah. An einer breiteren Stelle des Wildbachs war's, da ging eine ordentliche Bucht ins Ufer hinein, rings von dichtem Busch bekränzt, daß man nicht wohl anders hinsehn konnte, als von der Stelle, wo Fedelint saß. Da mußte das Wasser gar tief sein, denn es war blau und still und kein Kiesel schimmerte vom Grunde. Ein blondes Weib tauchte aus der Tiefe auf, die langen Haare von Vergißmeinnicht und Wasserlilien gekrönt, ein griechisches langes Gewand umgeworfen, weiß und silberglänzig. Sie setzte sich, Fedelint abgewandt, auf einen der großen mit Moos überwachsenen Granitblöcke, die der Bach im Frühling mit sich hinabreißt, und begann ihre gelösten Haare in einen Wellenscheitel zu ordnen, wie es Fedelint bei den alten Marmorbildern der Göttinnen gesehn hatte; dabei sang sie folgendes Lied:

Dein Herzlein mild,
Du liebes Bild,
Das ist noch nicht erglommen,
Und drinnen ruht
Verträumte Glut,
Wird bald zu Tage kommen.

Es hat die Nacht
Einen Thau gebracht
Den Knospen all im Walde,
Und Morgens drauf
Da blüht's zuhauf
Und duftet durch die Halde.

Die Liebe sacht
Hat über Nacht
Dir Thau ins Herz gegossen,
Und Morgens dann,
Man sieht dir's an,
Das Knösplein ist erschlossen.

Sie hatte kaum geendet, da hörte sie hinter sich ein gewaltiges Krachen, und gleich darauf fiel ein schwerer Körper ins Wasser. Wie sie umblickte, gewahrte sie Fedelint, bemüht sich aufzurichten zwischen den Steinen und Wellen; die Weide hing gebrochen über ihm. Er war, in das Lied versunken, zu weit aufs obere Ende hinaufgerutscht, um die Sängerin besser zu sehen. Die aber wandte sich halb erschrocken, halb zürnend um, und als sie den Mann im Schlafrock gewahrte, wie er den reißenden Wellen kaum Widerstand leisten konnte, rief sie: Frevler, der du gewagt hast mich in der Waldeinsamkeit zu belauschen, zur Strafe sollen dir auf der Stirn wie weiland Aktäon zwei Hörnlein wachsen! – Damit wollte sie eilig in die Tiefe hinabtauchen; aber Fedelint, der mit Entsetzen auf seinem Kopf das Geweih wachsen fühlte, rief ihr flehentlich zu: Allerschönste Göttin oder Nymphe, wer du auch seiest, ich beschwöre dich bei der waldschützenden Diana, bleibe und laß mich nicht unverdient büßen! – Es lag so etwas Rührendes in seiner sanften Bitte, daß die erzürnte Schöne unwillkürlich zögerte. Fedelint schwang sich indessen ans Ufer, und als er in dem wogenden Silberspiegel sich beschaute und den stattlichen Kopfschmuck ganz unbefangen als wenn's gar nichts wäre auf seiner Stirn sitzen sah, mußte er, so traurig er war, doch laut auflachen. Er kam sich gerade so vor, wie der Moses in den alten Bilderbibeln, oder gar wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Das muß wahr sein, Fräulein, sagte er mit ganz lustiger Stimme, da werdet Ihr keinen Mann kriegen, wenn's ruchbar wird, daß Ihr's Hörneraufsetzen so gut versteht! Ich bin doch aber wahrhaftig unschuldig dazu gekommen. Habt Ihr ja ein ganz ehrbares Gewand bis über die Fußspitzen, und Diana seligen Andenkens saß gerade im Bad, als der Waidmann Aktäon des Wegs kam. Wenn Ihr mir nur in aller Welt sagtet, wie Ihr auf den Einfall mit den Hörnern gekommen seid! – Ach, sagte die Nixe, das ist eine lange Geschichte! – Sie schien ein bischen betrübt, säumte aber nicht, sondern schritt durch die Wellen, die ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßten, nach dem Ufer, wo Fedelint stand und das Wasser aus seinem Schlafrock rang. Sie setzte sich ins Gras dicht neben den Weidenstamm, der so tückisch unter Fedelint zusammenbrach, und hieß den jungen Mann neben sich sitzen. Seid nur dreist! rief sie, als sie bemerkte, daß er fortwährend besorgt nach dem Saume ihres Gewandes sah, ob nicht etwa ein garstiger Fischschwanz hervorguckte – ich bin kein Ungethüm, wie es Eure Poeten mir nachsagen; da seht! – Und damit streckte sie zwei rosige Füßchen aus den Wellen hervor, die der Mondschein küßte, daß das rothe Blut in den Adern viel lustiger zu rinnen schien. Fedelint fuhr nach dem Kopf und meinte gleich, es wüchsen ihm neue Hörner. Die Nixe lachte. Seid doch nicht wunderlich! sagte sie; Ihr sollt die ersten nicht behalten, viel weniger neue haben. An all dem Unglück ist doch nur der Schlafrock Schuld. Aber wer seid Ihr so eigentlich? fragte sie. Da erzählte ihr Fedelint treuherzig seine ganze Geschichte. Sein Vater war Schulmeister in einem kleinen Nest gewesen, hatte ihn früh auf die Universität gebracht und seinen einzigen Bruder auch. Der war aber in die Welt gelaufen; denn er war ein Musikant und spielte die Fiedel wie Einer, aber hinter den Büchern sitzen mochte er nicht. Nun kam die ganze Geschichte von seiner Liebe zu Funzifudelchen, und wie er heut Abend, nachdem er bei Wasser und Butterbrod im Carcer gesessen, von der alten Hexe vexirt sei. – Ach du armer Schelm! sagte die Nix, den Spuk hat dir die böse Fee Aurora Mesopotamia angerichtet; denn wenn du dich hättest verführen lassen, wär' Funzifudelchen dir auf immer verloren gegangen. Aber du mußt ja recht hungrig sein! will dir gleich was holen lassen. – Sie pflückte in Eil von den Blümelein Vergißnichtmein, die häufig am Bach wuchsen, schlang ein Kränzchen und warfs gerade auf die tiefe Stelle. Dazu sang sie:

Kränzlein von den Blumen blau,
Schwimm zu meiner Kammerfrau!
Sag' ihr, daß sie bring' herbei,
Was vom Vesper übrig sei:
Fischsalat von Lachsforellen,
Butterbrödchen mit Sardellen,
Grünen Aal und blauen Hecht;
Schwimm und meld' ihr Alles recht,
Daß sie sei in Eile da!
Dies befiehlt dir Undula.

Das Kränzlein war Augenblicks hinabgesunken. Fedelint aber saß in tiefen Gedanken. Fräulein Nixe, fing er an, ist Undula wirklich Euer Taufnamen? – Die Nixe wurde roth. Man kennt mich jetzt nur unter diesem, sprach sie; früher hieß ich Wellindchen. Wenn Ihr mir zuhören wollt, sollt Ihr die ganze Geschichte wissen; dann werden sich auch manche andere Räthsel lösen. Wißt nun also vor allen Dingen, daß ich wirklich die Undula bin, die die böse Fee Mesopotamia meinte, als sie Euer Funzifudelchen verwunschen hat; und das Lied, das Ihr von mir hörtet, ist das, wonach jetzt alle Welt aus ist. Früher aber – doch laßt uns abbrechen; ich sehe da meine Kammerfrau auftauchen, und es ist nicht gut, wenn die Dienstboten um die Familiengeheimnisse ihrer Herrschaft wissen.

Wirklich tauchte an der tiefen Stelle ein junges Nixlein auf und trug auf dem Haupte ein Brett mit einer reichlichen Collation. Sie kam mit niedergeschlagenen Augen auf die Stelle zu, wo Undula und Fedelint saßen, und stellte das Brett auf einen breiten Steinblock, der wie gemacht schien zum Tisch, konnte aber nicht unterlassen, den schönen Studenten verführerisch anzublinzen. Undula sah's gleich und machte ein bös Gesicht. Kannst du das Liebäugeln und Coquettiren noch immer nicht lassen? rief sie zürnend. In euch leichtfertiges Volk ist doch gar keine Sittsamkeit zu bringen! – Das Nixlein wurde hochroth und eilte, wieder hinabzutauchen. Undula aber nöthigte ihren Gast zu essen, machte die üblichen Entschuldigungen der Hausfrau und bat, vorlieb zu nehmen. Sie selbst aß nichts, ließ die Perlen ihres Halsbands durch die Hand gleiten, und während Fedelint mit einem rechten Studentenappetit zu essen anfing, erzählte sie Folgendes.

 

Fünftes Kapitel. Abenteuer der Nixe Undula mit dem Professor Theophilus Sutorius

Es ist nun schon zwanzig Jahr her oder gar drüber, da saß ich eines Tages in dem Wipfel jenes Erlenbäumchens, das, wie Ihr sehn könnt, die Zweige zu einem förmlichen Sitz ausbreitet. Es war das meine liebste Zuflucht, wenn meine Freundinnen mich geärgert hatten; denn ich war damals noch sehr jung und durfte auf den großen Nixenbällen nicht tanzen, und da sahn sie mich zuweilen über die Achsel an und schimpften mich einen Backfisch. Darum zog ich mich, wenn wieder Ball war, in mein Schmollwinkelchen zurück, oben auf den Baum, und weinte.

Da saß ich also wieder einmal und weinte, und hatte meine langen Haare um mich gehüllt, daß sie fast bis auf den Boden herabreichten, als ich einen jungen Menschen daherkommen sah, das Ränzel auf dem Rücken und den Wanderstab in der Hand. Er sang:

Den Plato und den Cicero,
Die hab' ich wohl im Kopf;
Und doch sagt mir die Burschenschaft,
Ich sei ein dummer Tropf.

Das kommt daher, das kommt daher,
Daß ich nicht küssen kann.
Ach käm' ein einsam Dirnchen doch,
Die mir es zeigte an!

Weiß Gott, sagte er, das ist ein wundervoller Platz zum Ruhen! Es macht doch herzlich müde, wenn man einmal die Nase in den Wald steckt. Aber schön ist er, und im Horaz und Virgil steht nichts davon. – Er hielt diesen Monolog lateinisch, was ich damals noch nicht verstand; aber weil er ausführlich Tagebuch führte über jedes Wort, was er gesprochen und gedacht hatte, und die guten Gedanken in ein besonderes Heft excerpirte, hat er mir's nachher zu lesen gegeben. Er schnallte nun sein Ränzel ab und war eben im Begriff sich ins Gras zu strecken, da sah er mein langes Haar herniederwehen. Ei der Tausend! rief er aus und weiter nichts, sondern stand mit offnem Munde da und hatte die blaue Kappe in der Hand, und mit der andern spielte er an den Schnüren seiner schwarzen Sammetpikesche. Ich sah nun eigentlich erst, daß er ein bildhübscher Mensch war; nur blaß war er, und wie er so mit offnem Mund und großen Augen dastand, sah er ein bischen dumm aus. Ich war damals ein muthwilliges Ding und rief ihm zu: Junger Herr, macht nur den Mund zu und setzt die Kappe auf, und wenn Ihr ein Stündchen Zeit habt, klettert herauf zu mir; da ist noch ein prächtiger Ast für Euch, wir wollen eins plaudern zusammen. – Er folgte etwas verlegen meinen Worten, kletterte unbeholfen hinauf, und saß mir stumm gegenüber, über und über roth vor Verlegenheit. Nun, sagte ich, Ihr seid mir ein schöner Held, fürchtet Euch vor einem armen jungen Nixchen, das sie Alle Backfisch schimpfen! – Wie ich den Namen Nixe aussprach, sah er, gerade wie Ihr, Fedelint, ängstlich nach dem Saume meines Gewandes, ließ sich aber eben so geschwind von seinem Aberglauben heilen. Erzählt doch, fing ich wieder an, wer Ihr seid; glaubt, ich thue Euch nichts zu Leide! – und dabei mußt' ich die Augen senken, denn ich fühlte, daß er meinem unerfahrnen Herzen schon was zu Leide gethan hatte.– Aengstlich fing er an: Natus ego sum, Theophilus Sutorius – ach verzeiht, schönes Fräulein! unterbrach er sich, ich muß es auf Deutsch sagen; Ihr versteht ja kein Latein. Ich heiße Gottlieb Schuster, nenne mich Theophilus Sutorius, weil das anständiger ist, und bin Student im dritten Semester. Meine Kameraden nennen mich einen Philister, weil ich lieber hinter den Büchern, als hinterm Wirthstisch sitze, und lachen mich aus, daß ich nicht küssen kann. Ich sagte ihnen, ich wollt's ja herzlich gern lernen, wenn sie nur Einen wüßten, der darüber Vorlesungen hielte. Da wiesen sie mich zu verschiedenen alten Professoren; ich sollte sie bitten, mir ein privatissimum übers Küssen zu halten. Die aber schüttelten den Kopf und schickten mich zu ihren alten Haushälterinnen, bei denen könnt' ich's lernen. Aber die alten garstigen Fliegen wollten mich umarmen und sagten, als ich mich wehrte, das gehöre auch dazu, das wären die Elemente. Da lief ich fort, und wie ich auf die Kneipe kam und meinen Kameraden das erzählte, lachten sie mich ganz gewaltig aus und sagten, ich sollte in den Ferien eine Reise ins Gebirg machen, und wenn ich an einer einsamen Stelle eine hübsche Dirne träfe, die sollte ich bitten, mir Unterricht im Küssen zu geben; sie würde es wohl ohne Honorar thun. Ja seht, schönes Fräulein, schloß er, da bin ich nun zu Euch gekommen. Wollt Ihr mich's lehren?

Jetzt war die Reihe an mir, zu erröthen; aber der arme Mensch dauerte mich, wie er mich so bittend ansah, und am Ende hätte er's von einer andern gelernt, und das war mir ein unausstehlicher Gedanke. Ich sagte also: Wenn's denn sein müßte, ja! aber so ganz ohne Honorar ging' es nicht; er müsse mir ein bischen Latein beibringen. Das war er denn auch zufrieden, und ich sagte ihm, er solle nur herabsteigen und mir die Hand reichen, daß ich bequem zur Erde käm'. Mit einem Sprung war er unten und stand und hielt die Arme ausgebreitet, freilich wie eine Gliederpuppe, aber er war doch gar zu schön! Ich flocht in der Eil meine Zöpfe auf und sprang vom Baum; ich weiß nicht, wie es zuging, daß ich gerade in seine Arme sank, und in der Bestürzung, wie ich so wankte, drückte ich meine Lippen auf seinen Mund, um mich an ihm zu halten. Ich fühlte, er wurde ganz verwirrt, sagte aber: Nicht wahr, ich kann's noch nicht, Fräulein? – Ach, antwortete ich ihm, Ihr seid nicht ohne Talent; ich hoffe, Ihr sollt es bald aus dem Grunde können. – Nun war's aber schon spät geworden und ich mußte fort. Lieber Theophilus Sutorius, sagt' ich, ich muß wahrhaftig fort und kann Euch nicht mitnehmen; Ihr möchtet mir ertrinken, denn das Wasser ist Euch gar zu ungewohnt. Aber die Nächte sind jetzt mild genug; da könnt Ihr im Freien hausen, und wenn unten Alles schläft, komme ich zu Euch zum Unterricht und bringe Euch zu essen. – Indem hört' ich von unten rufen: Backfisch! Backfisch! Wellindchen! wo steckst du denn? – Also Wellindchen heißt Ihr, sagte er. Wißt Ihr was? Ihr sollt jetzt Undula getauft werden; das paßt besser in die lateinische Ode, die ich auf Euch machen will; und hört einmal, wenn Ihr mich anredet, müßt Ihr immer Theophile Sutori sagen; das ist der Vocativ, und sonst macht Ihr einen groben Schnitzer gegen die Zumpt'sche Grammatik. – Wie Ihr wollt, sagt' ich; doch nun lebt wohl! ich höre schon wieder nach mir rufen. In drei Stunden geht der Mond auf, da komm' ich zu Euch. Adieu! – Prost! sagte Theophilus, und ich sah ihn am Ufer stehn und mir nachschaun, wie ich in die Tiefe niedertauchte.

Fedelint hatte der Nixe mit steigendem Erstaunen zugehört und ganz den Fischsalat und die Sardellenbrödchen vergessen. Theophilus Sutorius! rief er aus. Das ist ja der Professor der Philologie und Nixologie an unserer Universität, der das Buch »Ueber die Nichtexistenz der Fischschwänze bei der Gattung Nixa aquosa« geschrieben hat. – Ja, ja, derselbe! seufzte Undula, und all seine Weisheit hat er von mir, der Undankbare! Hört nur weiter. Ich kam also in der Nacht, als mein Vater und meine Freundinnen schliefen, wieder herauf und fand ihn, wie er eben seine Ode auf mich fertig hatte. Ich verstand noch kein Sterbenswörtchen; aber es klang doch schön, wie er's so im Mondschein declamirte; wenn er nur nicht mit den Armen so steif in der Luft herumgefahren wäre! Da aß er nun erst, was ich ihm mitgebracht hatte, rein auf; damals erfuhr ich zuerst, was Studentenappetit ist. Dann fing er seine lateinische Stunde an, und da ich gut begriff, wie wir Nixen alle, kamen wir in der ersten Lection gleich bis amo. Das war ein passender Uebergang zu meinem Unterricht, und ich kann Euch versichern, Fedelint – und dabei sah sie erröthend auf ihre Perlenschnur – er machte eben so schnelle Fortschritte im Küssen, wie ich vorher im Lateinischen.

So hatte der gegenseitige Unterricht ungefähr einen Monat gedauert, und ich war es so gewohnt, in altgriechischem Gewande zu erscheinen, daß ich auch jetzt, wo gar Vieles anders geworden ist, mich nur so kleide, wie Ihr mich seht, lieber Fedelint. Da kam ich eines Abends herauf, und meine Augen glitten geschwind nach der Stelle, wo ich sonst den Freund immer fand; aber ach, sie war leer! Der Wind, der klagend in dem Erlenbaum flüsterte, wehte mir ein Blättchen Papier zu, darauf stand:

Vielgeliebte Undula,
Theuerste discipula!
Zeit ist's, daß ich dich verlass,
Nicht mehr hab' ich ferias.

Doch zum Abschied drückte dir
Auf die linke Ecke hier
Seinen allerschönsten Kuß
Theophilus Sutorius.

Ihr könnt denken, Fedelint, wie sehr ich betrübt war; aber ich verzieh ihm, denn er hatte bei mir ausgelernt und hatte mich den Werth einer höheren wissenschaftlichen Ausbildung so hoch schätzen gelehrt, daß ich es ihm nicht verdenken konnte, wenn er Jemand suchte, der ihm über die neuesten Systeme der Kunst zu küssen Aufschluß geben könnte. Denn wir armen Geschöpfe leben gar zu einsam, um je andere Weisheit zu lernen, als die sich von Mutter zu Tochter fortpflanzt. Ich kehrte also traurig in die Tiefe zurück und lebte ganz im Andenken an den Verlornen; aber von der Zeit an ließ ich mich Undula nennen und trug griechische Kleider. Da erfuhr ich vor einigen Jahren, er habe ein Buch geschrieben, worin er unser ganzes Leben und Treiben klärlich schildert und alle Geheimnisse, die ich ihm anvertraut hatte, bekannt macht. Da verwandelte sich meine Liebe zu ihm in einen glühenden Haß. Zwar hat zum Glück noch kein Mensch an sein Buch geglaubt; es kam ihnen allzu wunderbar vor, wie wahr es auch ist. Aber die Treulosigkeit ist doch dieselbe. – Dabei vergoß Undula einige Thränen, die von den schönen Perlemuttermuscheln aufgefangen wurden, und sich sogleich in Perlen verwandelten.

Ja, fuhr Fedelint auf, das alte Kameel! Und wißt Ihr denn, schöne Weinende, daß er neulich ein Buch geschrieben hat »Ueber die Nixe Undula« und daß Ihr als eine allegorisch-phantastisch-etymologische Mythe aufzufassen seid?– Ach, seufzte Undula, der Schändliche! Und doch schleicht er hier beständig herum in seinem großblumigen Schlafrock mit der langen Pfeife und in Pantoffeln und ruft nach mir. Denn er möchte Funzifudelchen gern haben und das halbe Reich, und das Buch hat er nur geschrieben, um die Andern irre zu führen. Ich bin schon seit Monden nicht heraufgetaucht und habe das Lied nicht gesungen. Aber heut kam mich eine unwiderstehliche Lust an, den Mondschein zu schaun, und da es schon so weit nach Mitternacht war, glaubt' ich, ich hätte von Sutorius nichts mehr zu befürchten. Da habt Ihr mich denn belauscht, und weil Euer Schlafrock ganz eben so aussieht, wie der des Sutorius, hab' ich wahrhaftig geglaubt, den Verhaßten zu sehen, und Euch die Hörnlein angezaubert, um ihn klassisch zu bestrafen. So wißt Ihr nun, wie Alles gekommen ist.

 

Sechstes Kapitel. Fiedler und Student

Nachdem die Nixe ihre Geschichte beendet hatte, folgte eine kleine Stille. Dann sagte Fedelint und betrachtete traurig seine Mütze, die nun nicht mehr passen wollte: Liebes, schönes Fräulein! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Das Lied kenne ich nun wohl, wodurch ich Funzifudelchen gewinne; aber mit dem Kopfputz wird sie mich doch nimmermehr lieb haben. – Närrchen! lachte die Nixe, das ist das Wenigste. Ja freilich habt Ihr ein bischen Mühsal davon, denn Ihr müßt Euch die Hörner ablaufen; aber ich sag' Euch gut dafür, daß Ihr in der nächsten Mitternacht vor dem Glas-Pavillon steht und dabei, wenn Euch der Kopf friert, wie sonst die Mütze aufhaben werdet. Das müßt Ihr aber so anstellen. Seht Ihr wohl? da hinter den Bäumen, wo die lichte Stelle ist, dämmert schon der Morgen; sobald es Tag wird, macht Euch auf und streift durch den Wald und seht dabei fleißig nach Eurer Taschenuhr. Denn alle Stunde müßt Ihr die Hörnlein gegen einen Eichstamm stupfen; dann werden sie kleiner. Abends aber, sobald der Mond herauf ist, wird Euch ein braunes Reh begegnen, das noch kein Geweih hat. Eure Hörnlein sind dann schon ganz kurz, kaum eines Daumens stark. Wenn Ihr das Reh seht und sein Rufen hört, sprecht folgenden Vers:

Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!

Dann fühlt nach Eurem Kopf, und Ihr werdet der Bürde los und ledig sein. Wißt Ihr aber? wenn Ihr mir was Liebes thun wollt, dieweil ich Euch zu Funzifudelchen verholfen habe, so werft dem Professor Sutorius am hellen Tage die Fenster ein. Und nun Adieu!

Sie steckte Fedelint noch die Taschen seines Schlafrocks mit den beaux-restes der Mahlzeit voll, Alles fein säuberlich in große Blätter gewickelt, und nahm dann Abschied. Einige Geschichtschreiber meinen, die Nix habe ihn noch zu guter Letzt im Küssen examinirt, und er habe ganz glänzend bestanden. Wir können das nicht verbürgen; so viel aber steht fest, daß er zu sich selbst sagte, wie er durch den dämmernden Wald dahinschritt: Es ist doch zuweilen gut, wenn man getrennt ist von seiner Braut und die eine verwunschene Prinzessin ist, daß sie nicht alles sehn kann, was man thut.

Im Wald aber wachten alle Vögel auf und fingen an zu zwitschern und nahmen Besuch an von den Sonnenblitzen, die zu ihnen in die Nestchen kamen. Es war Alles übermüthig und vergnügt, und die Zweige der jungen Buchen konnten es nicht lassen, Fedelint zu necken und ihm das Gesicht zu streicheln, daß er manchmal ganz bitterböse wurde. Dann aber lachte er sich selbst aus und ging die verschlungenen Wege weiter, die Taschenuhr in der Hand, und richtig alle Stunden stupfte er die Hörnlein an einen Eichstamm und sagte bei sich: Mach' ich's doch gerade so gut wie die kleinen Zicklein, und mein Geweih ist erst von gestern! Dabei sang er sich beständig das Lied der Nixe Undula vor, um es nicht zu vergessen. Ei der schändliche Sutorius! brummte er auch mitunter. Ich habe es gleich gemerkt, es mußte so was passirt sein; denn wenn er im Colleg über die Nixa maritima sprach, war er ganz ruhig; nur bei der Nixa aquosa, wozu er die Wildbachnixen zählte, verwirrte er sich jedes Mal. Ja, ja, das war das böse Gewissen! – Und dann riß Fedelint immer ganz ärgerlich eine Knospe oder eine Blume ab, und murmelte so was wie: Pfui, der alte Sünder!

Wie es um Mittag war und er Schlag zwölf Uhr seine Hörnlein abgewetzt hatte, und sie waren schon ganz zierlich und klein, kam er an eine kühle schattige Stelle, wo ein kleiner Brunn rieselte, mit Epheu und Immergrün überrankt. Ei, da willst du Halt machen und essen, sagte er zu sich selbst; denn beim Mittag und Vesper durfte er ruhn, hatte ihm Undula gesagt; sonst mußte er fortwährend laufen, um sich die Hörner abzulaufen. Setzte sich also ganz lustig ins hohe grüne Gras, packte seine Taschen aus und fing an drauf los zu essen. Kaum hatte er eine kleine Weile gegessen, da klang's fern durch den Wald, wie eine Geige, und Einer sang dazu. Zum Kuckuk! dachte Fedelint, ich könnte Stein und Bein schwören, daß das mein Bruder ist. Gerade so machte er das staccato und die Doppelgriffe. – Indem fing die Geige eine neue Melodie an, und ein schöner Tenor sang dazu:

Auf freier, frischer Straßen
Da wandr' ich lustig hin.
Mich freut gar aus der Maßen,
Daß ich ein Fiedler bin.
Hol' ich mein' Fiedel vor,
Da spitzt der Wald sein Ohr;
Die Vöglein in den Zweigen
Die zwitschern mit im Chor.

Am Abend in den Schenken,
Wann klingt die Fiedel mein,
Da thut sich Alles schwenken;
Der Wirth der schenkt mir ein.
Gar stattlich ist sein Bauch;
Sonst dreht' er sich wohl auch.
Die Zeche steht im Schornstein;
Da löscht sie aus der Rauch.

Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Das Lied war kaum zu Ende, so trat der Musikant aus den Bäumen hervor und stand vor Fedelint. Beide sahen sich groß an. Bruder, schrie endlich Fedelint, was hast du für einen hübschen Bart gekriegt! – Bruder, schrie der Andere halb erschrocken, was hast du für abscheuliche Hörnlein! – Ach stoß dich nicht dran! sagte Fedelint wieder, ich hab' sie mir bald abgelaufen. Er schloß den verwunderten Bruder ans Herz, und nachdem sie sich fröhlich geküßt hatten, zog der Student den Fiedler ins Gras nieder, nöthigte ihn mitzuessen und erzählte ihm seine ganze Geschichte. Und wo bist du denn herumgewesen, Franz? schloß er. Da kamen nun bunte, wunderseltsame Historien zum Vorschein. Zu allerletzt war Franz an eines Königs Hof gewesen, hatte sich sterblich in die Prinzessin verliebt und ihr mit seiner Musik auch das Herz gestohlen. Sie waren nun schon ganz glücklich und hatten sich verabredet, Franz solle am folgenden Tage Visite beim alten König machen und um die Hand seiner Tochter sich bewerben; da bekam der Premier-Minister Wind davon und ließ in einer schönen Nacht Franz aufheben und mit zwei Gendarmen über die Grenze bringen. Ach! seufzte Franz und sah die zwei schönen Sardellen auf dem Brödchen, das er eben in der Hand hielt, mit feuchtem Blick an – wie soll ich sie je vergessen?

Junge, rief Fedelint, nimmermehr sollst du sie vergessen! Siehst du wohl? wenn ich Funzifudelchen und das halbe Reich habe, bist du geborner Prinz von Geblüt; da wird der Alte schon klein beigeben.

Juchhe! schrie Franz, aß geschwind die Sardellen auf, that einen prächtigen Luftsprung und fiedelte drauf los, daß es nur so jubelte, und er und Fedelint tanzten und sangen dabei:

Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen
Und sing' mir eins dazu.
Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Hör' auf, Franz! schrie Fedelint, mir geht der Athem aus. – Der aber strich noch eine Weile fort; dann schloß er mit einem langen, köstlichen Triller und sagte: Hör', Fedelint, du mußt mir das Lied der Nixe vorsingen. Wenn du heut um Mitternacht die Serenade bringst, geh' ich mit und begleite dich auf der Geige; das wird sich besser machen, als wenn du mit deinem dünnen Bariton allein dich hören lassest. – Bravo! sagte Fedelint. Aber erst will ich meine Hörnlein an den Stamm da stupfen, es ist wahrhaftig schon fünf Minuten über Ein Uhr. Und damit butzte er den Kopf an die Eiche, unter der sie gespeist hatten, daß Franz vor Lachen sich die Seiten hielt. Dann fing Fedelint an und sang Undula's Lied, und Franz strich die Fiedel dazu, und ich wollte selbst, ich wäre dabei gewesen.

 

Siebentes Kapitel. Wie Fedelint an den Unrechten kommt

Sie waren nun den ganzen Tag im Forst herumgeirrt, und Fedelints Hörnlein hatten mehr und mehr abgenommen, daß er sie schon hätte mit den braunen Locken bedecken können. Da ging der volle Mond in großem Glanze am Horizonte auf, und sie sahen von einem Hügel, den sie erklimmten, das zauberhafte Schauspiel seelensvergnügt mit an. Jetzt ist die rechte Zeit! jauchzte Fedelint; still, Franz! war dir's nicht auch, als hörtest du da geradezu das Reh rufen? – Ja, sagte Franz, es rief was; aber ob's von einem Reh war, will ich nicht beschwören. – Indem hatte der stürmische Fedelint den Bruder schon mit fortgezogen. Siehst du? Siehst du? der braune Fleck da? raunte er ihm zu. – Ja ja, erwiederte Franz, ein brauner Fleck ist's; aber ob's ein Reh ist, will ich nicht beschwören. Fedelint aber hörte nicht, sondern stand schon steif und fest da, räusperte sich und hob mit lauter Stimme an:

Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.

Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab' noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!

Ach Herr Jesus, Herr Jesus, mein Kopf! schrie da auf einmal ein Mensch. – Horch, Fedelint, sprach Franz, da hast du einmal was Dummes gemacht! Dacht' ich's doch gleich. – Sie schlüpften eilig durch die Sträucher und zu dem Orte hin, von wo die Stimme erschollen war, und da sahn sie die Bescherung. Der alte verrückte Kapellmeister lief wie unsinnig in seinem braunen Schlafrock zwischen den Bäumen herum, faßte sich jammernd und wehklagend nach dem Kopf, wo richtig Fedelints Hörnlein saßen, und auf dem Platz, wo er gesessen hatte, lag der große dicke Bassistenkönig, der Waldteufel mit dem Bilde Muffels des Ersten auf der Brust. In demselben Augenblick trat das Reh, dem das Geweih bestimmt gewesen, aus den Schatten hervor, sah sich die Gesellschaft verlegen an und nahm dann hastig Reißaus ins Dickicht hinein.

Aber lieber alter verrückter Kapellmeister! wie kommt Ihr denn hierher? rief Fedelint. Und was in aller Welt habt Ihr mit dem Waldteufel vorgehabt? – Der Alte sah sie Beide mit starrem Blick an. Plötzlich sprang er wie unsinnig auf den Waldteufel los, faßte ihn und rief: Wollt Ihr mir noch hinter mein Geheimniß kommen, wie Ihr mir den Schabernack mit den Hörnern angethan habt? Ihr Teufelssakkermenter! – Und damit rannte er so eilig fort, daß ihm der braune Schlafrock wie eine Fahne nachwehte und die Beiden versteinert dastanden.

Ein alter Jägersmann trat schlau lächelnd zu ihnen. Mit dem ist's nicht richtig, Ihr Herren, fing er an. Denkt nur! gestern Nacht, ich hatte eben meine Büchse in die Ecke gestellt, und will mich hinlegen und schlafen, da geschieht plötzlich ein gewaltiges Brausen durch die Luft, daß mir altem Jäger ordentlich bange wird, und wie ich den Kopf aus meiner Hütte stecke, sehe ich ein ganz Heer von Waldteufeln herangeflogen kommen, und hinterdrein jagt das kleine dürre Männchen, das Ihr eben gesehen habt, und schreit, was es nur kann: Halt' doch still, Nixe! halt' doch still! Wirklich kriegt er den einen zu fassen, stolpert aber über eine Baumwurzel und fällt längelangs zur Erde. Wie er sich wieder aufgerappelt hatte, waren die andern alle verschwunden; der eine Waldteufel aber lag ganz zerknittert neben ihm. Im Nu hatte er ihn in der Hand und rief jubelnd: Hab' ich dich endlich! Hab' ich dich! Dann setzte er sich auf einen gefällten Baumstamm und besah ihn von hinten und vorn. Ganz verstimmt! brummte er ärgerlich, bog die Pappe wieder gerade, zog so ein Ding wie eine Gabel aus der Tasche, hielt sie vors Ohr und drehte dann den Waldteufel. Es ist wirklich Fis dur geworden, sagte er vor sich hin. Das wird Mühe kosten, ihn wieder auf C moll zu bringen! – Und nun saß er die ganze Nacht und den ganzen vergangenen Tag auf demselben Fleck, machte die Roßhaare bald kürzer, bald länger und hielt immer von Zeit zu Zeit die Gabel vors Ohr, die ganz wunderlich klang. Mich dauerte der arme Mensch; ich trat am Ende zu ihm und brachte ihm ein Stück Brod und einen Käse. Er sah erschrocken auf, versteckte den Waldteufel rasch, nahm aber die Speisen kopfnickend an, ohne ein Wort zu sprechen. Sobald ich fort war und er aufgegessen hatte, was ich ihm brachte, fing er wieder von vorn an zu spielen und die Gabel vors Ohr zu halten, und das hat er getrieben, bis Ihr kamt. Wißt Ihr mir vielleicht zu sagen, wer er ist, meine Herren?

Es ist der alte verrückte Kapellmeister aus der Stadt, sagte Fedelint. Weiß der liebe Himmel, was er wieder für Schrullen im Kopf hat! Aber wollt Ihr wohl so gut sein, Herr Jäger, uns nach der Stadt zu weisen? – Von Herzen gern, sagte der Jäger; ich will ohnedies sehen, ob noch ein Laden offen ist, um mir etwas Pulver zu kaufen.

Und so schritten die Drei in wechselnden Gesprächen durch die monddämmerigen Laubgänge der Stadt zu.

 

Achtes Kapitel. Wie das Märchen von Fedelint und Funzifudelchen ein fröhliches Ende nimmt

Im Glas-Pavillon sah's in dieser Nacht wie alle Nächte aus. Funzifudelchen hatte französische Stunde und mußte aus dem Charles XII. übersetzen, den ihr der Lehrer vorlas. Der alte König saß mit seinem lieben Rapudänzelchen dabei und hörte zu, obgleich sie Beide eigentlich kein Französisch verstanden. Sie thaten aber doch so, denn es war Mode, und der König stieß alle Augenblicke seine Gemahlin an und sagte: Hör', wie unser Kind viel weiß! es geht ja wie Wasser. – Der Lehrer zupfte dann an den Vatermördern, machte ein wichtiges Gesicht und sagte: Es mag auch wohl am Lehrer liegen, Majestät. Bei jedem Andern hätte Fräulein Prinzessin Tochter Königliche Hoheit nicht so viel gelernt, trotz ihrer qualités excellentes; aber meine Verdienste um die französische Sprache sind von der Pariser Akademie – –

Schnurrurrurrurrrrrrr ... ging es unten auf der Straße los. Ah mon Dieu! rief Funzifudelchen, welch ein gräulicher Lärm! Der König stürzte zum Fenster und sah draußen den alten verrückten Kapellmeister stehn und mit wahrem Feuereifer den großen Waldteufel schwingen. Der Mond beleuchtete gerade die Hörnlein, die aus dem langen weißen Haar hervorschauten; aber das dürre Figürchen stak in einem feierlichen schwarzen Anzug, um den Hals war eine schlohweiße Binde geknüpft, und ein großmächtiger Blumenstrauß saß im Knopfloch, als ging's zur Hochzeit. Indem der König eben nach seiner Börse griff, um dem alten Musikanten einen Groschen hinabzuwerfen und ihn fortzuschicken, kam schon die Wache und nahm den alten verrückten Kapellmeister trotz alles Sträubens und Schreiens: es wäre das Lied der Nixe Undula, und ganz richtig nach C moll gestimmt! mit sich fort.

Daß man doch nie vor Störungen sicher ist! sagte Muffel der Erste ganz ärgerlich und setzte sich wieder. Bitte, Herr Beaumarchais, fahren Sie fort. – Die Prinzessin war ein wenig unruhig und zerstreut. Da klang's vom nahen Kirchthurm Mitternacht, und unter dem Fenster fing eine wunderliebliche Melodie an; eine Geige spielte einige reizende Passagen, dann sang ein zarter Bariton folgendes Lied:

Dein Herzlein mild,
Du liebes Bild,
Das ist noch nicht erglommen;
Und drinnen ruht
Verträumte Glut,
Wird bald zu Tage kommen.

Es hat die Nacht
Einen Thau gebracht
Den Blumen all im Walde,
Und Morgens drauf
Da blüht's zuhauf
Und duftet durch die Halde.

Die Liebe sacht
Hat über Nacht
Dir Thau ins Herz gegossen,
Und Morgens dann,
Man sieht dir's an,
Das Knösplein ist erschlossen!

Ach Himmel! rief die Prinzessin, was ist das? Ich sehe! Ich sehe! Ach Herr Beaumarchais, was haben Sie für große Vatermörder! Ach lieber Vater, liebe Mutter! – Und damit fiel sie den erstaunten Eltern um den Hals und hätte beinah auch Herrn Beaumarchais umarmt. Der aber machte einen respektvollen Diener und sagte: Entschuldigen Sie, Königliche Hoheit! das wäre ein Verstoß gegen die Regel der französischen Etiquette. Muffel der Erste aber und Rapudanzia fielen wechselsweise sich und Funzifudelchen in die Arme und lachten und weinten. Da klopfte es an die Thür. Herein! Herein! riefen Alle miteinander, und da ging die Thür auf und Fedelint trat ein. Ach, schrie Funzifudelchen ganz laut, was für ein schöner Mensch! – und darauf wurde sie ganz roth und schwieg stille. Der König aber trat zu Fedelint und sagte: Junger Mann, seid Ihr der Sänger? Und als Fedelint in wortlosem Entzücken dastand, trat geschwind Einer mit einer Fiedel hinter der Thür hervor und sagte: Ja, Majestät, das ist er, und mein Bruder auch, und ich schmeichle mir nun geborner Prinz von Geblüt zu werden. – Donnerwetter, das sollt Ihr! sagte der König, umarmte erst Fedelint und dann Franz, führte darauf den noch immer stummen Studenten seiner Tochter zu und sagte: Da habt Ihr Euch, Kinderchen!

Meine Feder vermag die nun folgenden Stunden nicht würdig zu schildern. Was aber weiter sich zugetragen, wird Jeder aus der Weltgeschichte schon wissen, in der König Fedelint und König Franz eine so bedeutende Rolle spielen. Nur einige Detail-Notizen sollen gegeben werden, die ungerechter Weise von den Historiographen nicht angeführt worden sind.

Daß Fedelint keinen seiner alten Freunde vergaß, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Der alte verrückte Kapellmeister verstarb noch in selbiger Nacht; sonst hätte sich der junge König seiner gewiß ganz besonders angenommen. Vor allen Dingen bezahlte dieser seine Schulden, und zwar doppelt und dreifach, und gab allen Studenten in seinem Reich, als seinen ehemaligen Genossen, einen famosen Wein-Commerce und sechs Monate Ferien. Seine alte Wirthin aber, die Schneidersfrau, wurde zur Hof-Thee-Köchin ernannt und bekam ein ganz unglaublich hohes Gehalt, denn sie hatte dem weiland Studenten viel Gutes erwiesen.

Allen Nachtwächtern und Pedellen, die ihn so oft ins Carcer gebracht hatten, verzieh Fedelint aufrichtig, versprach ihnen sogar Beförderung und schenkte Jedem einen Fedelintd'or. Einem aber konnte er nicht verzeihen, und das war der Professor Theophilus Sutorius. Bei der Hochzeit ließ er vor dem Stadtthor ein großes Schauspiel vorstellen, und dem mußten bei Strafe alle Bürger ohne Ausnahme beiwohnen. Als es nun eben recht im Gange war, verließ Fedelint die Loge, ging in die menschenleere Stadt zurück und warf dem Professor alle Fensterscheiben ein, und zwar mit harten Thalern, damit er sie wieder machen lassen könne. Der letzte Thaler aber war in einen Zettel gewickelt, darauf stand:

Weil du Undula betrogst,
Und die ganze Welt belogst,
Hast du's selbst auf dem Gewissen,
Sind die Fenster dir zerschmissen.
Bessre dich und kehr noch um!
Sonst nimmt Fedelint es krumm.
Dieses droh' ich dir zum Schluß,
Theophilus Sutorius!

Ob der Professor sich diesen schönen Vers wirklich zu Herzen genommen hat, weiß ich nicht zu sagen. Fedelint aber und Funzifudelchen lebten in einer sehr glücklichen Ehe; und wenn ja einmal eine kleine Verstimmung eintrat, schrieb Fedelint ein Billet an seinen Bruder, dessen Königreich dem seinen benachbart war, und der ließ anspannen und fuhr mit seiner Gemahlin herüber. Wenn er dann da war, ging er zu den schmollenden Eheleutchen, zog die Fiedel hervor und spielte und sang:

Will mich ein Harm beschleichen,
Ich weiß wohl, was ich thu';
Ein Liedlein thu' ich streichen,
Und sing' mir eins dazu.

Gleich hat der flinke Takt
Die Beine mir gepackt;
Ich muß dazu auch tanzen,
Und fort ist, was mich zwackt.

Und da fingen Fedelint und Funzifudelchen auch an zu tanzen und tanzten einander in die Arme, und dann war Alles vorbei, und diese Geschichte auch.

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