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Der Jungbrunnen

Paul Heyse: Der Jungbrunnen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorPaul Heyse
titleDer Jungbrunnen
publisherVerlag von Alexander Duncker
year1850
firstpub1850
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
created20140602
modified20151203
senderbruce.welch@gmx.de
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Veilchenprinz

Das Haus lag einsam und still, etwas entfernt von der großen Landstraße, die durch das grüne Gezweig der Bäume wie ein silberner Streif hindurchschimmerte. Vorn war ein freier Platz, mit eisernem Geländer eingefaßt, und zierliche Blumenanlagen lachten aus den dunkeln Schatten einiger hohen Kastanien hervor. Hinter dem Hause aber erstreckte sich ein großer Garten, aus dem ein kleines Pförtchen auf das freie Feld führte.

Was war das für ein wunderbarer Garten! Uralte Bäume streckten ihre Häupter trotzig in das klare Himmelsblau und suchten der Sonne den Eingang zu wehren. Aber die goldenen Strahlen schlüpften dennoch durch und glitzerten auf den sauberen Kieswegen und drangen sogar in die duftigen Lauben ein von Jasmin und Nachtviolen, die sich an lebendige Hecken und üppige Weingelände anlehnten. Aber das Schönste war eine silberhelle Fontäne, die versteckt zwischen Trauerweiden in ein kleines Becken von weißen Steinen plätscherte, und wer vorüberging, hörte wohl ihr trauliches Geschwätz, aber konnte sie selbst nicht sehen, bis er näher trat und durch die Zweige schaute und den Wasserstrahl kerzengrade aufsteigen und in tausend blinkenden Stäubchen herabfallen sah. Nicht gar weit davon führte der Weg einen Hügel hinauf, an der einen Seite dicht mit Jasmin umbüscht, auf der Seite nach dem Springbrunnen zu offen, und da war ein Bänkchen aus Baumrinde geschnitzt. Von hier aus sah man auf die Trauerweiden herab, über die der Strahl weit hinaus sich erhob, und in der weiten Ferne zog sich das blaue Gebirg nebelhaft hin, das sich nach und nach mit dem Himmel vereinte und der schönste Rahmen zu dem lieblichen Bilde war.

An dem Rande des Beckens nun lag ganz versteckt ein kleines Beet von Veilchen, von keinem Gärtner gepflanzt. Eine Lücke in den Zweigen ließ etwas breitere Sonnenstrahlen hindurchfallen, und der stäubende Thau des Springbrunnens hatte die schüchternen Pflänzchen erzogen und genährt. Nun standen sie da in ihrer jugendlichen Schönheit, und die Schmetterlinge nur flatterten zu ihnen und kosten mit ihnen und flohen bestürzt davon, wenn ein neckendes Wassertröpfchen ihre Flügel getroffen hatte.

Jedes dieser kleinen Blümchen war bewohnt von einem zarten Elfen, dessen Leben innig mit dem seiner Wohnung verknüpft war, und das waren überaus feine Wesen, gar zierlich von Gestalt und Gesicht, und die kleinen Herzen schlugen von lauter Liebe und holdseliger Freundlichkeit. Auch einen König hatten sie, der älter war, als sie Alle, und sein Völkchen weise regierte. Er hatte viel zu thun den ganzen Tag über, und wenn er des Abends sein kleines Haupt mit der goldnen Krone senkte und sich zum Schlafen anschickte, fielen ihm die Augen bald zu. Denn das Völkchen war wohl gutmüthig und folgsam, aber ein wenig lose und lustig, und scherzte gern mit den schönen Schmetterlingen oder den buhlerischen Lüftchen. Das gab nun der König nicht zu, und wenn er auch nicht hindern konnte, daß die jungen Herren kamen, so befahl er doch, daß die Jungfrauen sittsam die Augen niederschlagen und die Jünglinge sich auch stille verhalten sollten.

Der König hatte einen Sohn, dessen Namen ich nicht nennen kann, weil ich ihn nicht weiß; wir wollen ihn also Veilchenprinz nennen. Daß Veilchenprinz schön war, versteht sich von selbst. Sind doch alle Prinzen und Prinzessinnen schön, und wenn sie's nicht sind, ist's wenigstens wider den Respekt, es zu sagen; dann aber wissen wir schon, daß die Veilchenelfen alle sehr schön sind, und so wird der Sohn des Königs wohl keine Ausnahme machen. Außerdem aber war Veilchenprinz in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet, und wenn sein Herr Vater einmal gestorben wäre, hätten die Veilchen einen guten König bekommen. Der Alte aber dachte nicht ans Sterben, ließ vielmehr seinen Sohn seine ganze Kraft und Strenge fühlen und hatte immer was an ihm zu hofmeistern. Bald stand er nicht grade, bald war er schlecht frisirt, bald schaute er trüb aus den Augen; und da freute sich denn Veilchenprinz auf die Nacht, wo er unbeaufsichtigt war und hinaufschauen konnte zu den Sternen, die ihn viel freundlicher ansahen, als sein Herr Vater.

Nun wollte dieser ihn mit Gewalt verheirathen, und zwar an eine Cousine, die ziemlich nah mit dem königlichen Hause verwandt war. Veilchenprinz liebte sie nicht und dachte mit Sorgen und Kummer der Zeit, wo er sich nicht mehr mit seiner Jugend würde entschuldigen können. Seine Cousine war zwar auch schön und gut, aber nicht sehr klug und schrecklich langweilig. Denn sie konnte Stunden lang neben ihm stehen und ihn ansehen, ohne ein Wörtchen zu sprechen, und wenn sie etwas hervorbrachte, war es etwas ganz Albernes. Dazu war sie ein wenig eitel und putzsüchtig, und wenn nicht der König auf sie besonders ein scharfes Auge gehabt hätte, so würde sie der bunte Schmetterling noch viel öfter besucht haben, mit dem sie sich Abends in der Dämmerung zuweilen unterhielt. Vielleicht wären sie aber dennoch ein Pärchen geworden, wenn nicht etwas Anderes dazwischen gekommen wäre.

Eines Morgens in aller Frühe, als die Veilchen noch schliefen, aber die Sonne schon lustig auf den Wellen des Wassers tanzte, hörte Veilchenprinz leichte Schritte den Weg daherhüpfen, und eine helle, frische Stimme sang eine gar muntre Melodie. Die Worte verstand er nicht, denn die Stimme war zu weit entfernt, und er konnte auch von der Gestalt nichts erblicken, als ein weißes Kleidchen, das durch die Zweige sich bewegte. Er horchte mit verhaltenem Athem, und die Stimme kam näher, so daß er ganz deutlich folgende Worte hören konnte:

Mühlen still die Flügel drehn,
Ueber die Stoppeln pfeift der Wind;
Arme Hütten im Grunde stehn,
Fensterlein sind schmal und blind.

Bald da kommt ein Sonnenschein,
Blickt so lustig wie er kann;
Mühlenflügel und Fensterlein
Fangen ein Tanzen und Glitzern an.

Dürftig Herz, so bist du ganz,
Blöd' und blind viel Tag und Nacht,
Bis ein leiser Liebesglanz
Dich unsäglich fröhlich macht.

Die Stimme schwieg. Veilchenprinz strengte alle Kräfte an, um durch die Bäume zu sehen; aber plötzlich bogen sich die Zweige auseinander und ein junges Mädchen näherte sich dem Springbrunnen. Das weiße Kleidchen, das vorher schon verrätherisch durch die Büsche geschaut hatte, war mit blauen Schleifen zierlich garnirt, und im Haar trug sie ein Band von derselben Farbe, das zu beiden Seiten über die Schultern herunter hing. In der Hand hielt sie ein weißes Morgenhäubchen, das sie eben abgenommen zu haben schien, und ein unendlich reizender Zug von Unbefangenheit und unschuldiger Freude ging über ihr junges Gesicht. Veilchenprinz aber sah nichts von dem allen; er sah nur ihre Augen, die ihn wie mit einem gewaltigen Zauber gebannt hatten. Das war ihm auch nicht übel zu nehmen, denn sie funkelten und glänzten wie Gazellenaugen, und Veilchenprinz hatte noch nie schwarze Augen gesehen. Er selbst hatte blaue, und sein langweiliges Cousinchen auch, und so das ganze Veilchenvolk. Das Mädchen aber stand eine ganze Zeit am Brunnen und schien eine große Freude zu haben über das Geplätscher des Wassers und wie die kleinen Wellen sich jagten und hin und her hüpften. »Hier ist es einmal schön!« rief sie aus und klatschte erfreut in die weißen Händchen. Mit einem Male bückte sie sich, setzte sich nieder auf den schwellenden Rasen und zog einen ihrer blauseidenen Schuhe aus, daß das zarte Füßchen unter dem weißen Kleide neugierig hervorsah; bald folgte der andere Fuß, und nun steckte sie einen nach dem andern in das klare Wasser und ergötzte sich an der angenehmen Kühle und wie sich die Kreise der Wellen an ihren Füßchen wie an kleinen Felsen brachen. Plötzlich rief eine Stimme aus dem Garten her ihren Namen, und im Nu waren die Füßchen heraus, die Schuhe angezogen, und mit hocherröthendem Gesicht schlüpfte sie wieder durch die Zweige hin und eilte fort.

Veilchenprinz sah ihr betrübt nach und verfolgte mit den Augen den Schimmer ihres weißen Kleides, bis er nichts mehr sah; da ließ er seine Blicke nach der Stelle gehen, wo sie gesessen hatte, und dachte an ihre funkelnden Augen, und in seinem Herzen war's, wie wenn's auf einmal Tag geworden wäre. Allmählich wachten die Veilchen alle auf und keines hatte etwas gesehn. Heute aber hatte der König besonders viel an seinem Sohn zu hofmeistern, der seine Cousine mehr als je vernachlässigte und ganz verwirrt in Gedanken war. Er hoffte den ganzen Tag, das Mädchen würde wiederkommen, aber vergebens; und der Abend brach herein, und sie war noch nicht dagewesen. Veilchenprinz schlief vor vielem Denken und Sinnen ein, und im Traum sah er die funkelnden Augen und das ganze liebe Mädchen, wie es die zarten Füßchen in dem Springbrunnen badete.

Am folgenden Morgen war er mit dem ersten Sonnenstrahl wach; aber seine Sehnsucht wurde nicht gestillt. Im Lauf des Tages hörte er viele Stimmen im Garten, und es kamen Leute sogar vorbei, den Weg daher, der zur Fontäne führte; ja einmal glaubte er sogar ihre Stimme zu hören, dann aber war Alles wieder still und die Klänge verloren sich in die Tiefen des Gartens. Ganz spät aber, als schon Alles rings dämmerig verzaubert dalag und die weißen Nebel sich aus den Bäumen erhoben, vernahm Veilchenprinz einen bekannten Ton und hörte dann ganz deutlich, wie sie herzukam; aber sie schien nicht allein zu sein. Veilchenprinz durchschauerte ein süßes Gefühl, und sein kleines Herz schlug gar gewaltig, als wollt' es ihm zerspringen. Die Zweige bogen sich wieder aus einander, und sie war es wirklich, aber Arm in Arm mit einem jungen Manne, mit dem sie in vertraulichem Gespräch war. Der volle Mond küßte leise ihre weiße Stirn, und die Sterne schienen neidisch auf den Glanz der süßen Augen, die wie damals funkelten und Veilchenprinz immer fester bannten.

»Sieh nur, Lieber,« rief sie lebhaft aus, »wie traulich es hier ist! Ich war gestern Morgen hier, ganz früh, als du noch schliefst; aber heute Abend ist's viel tausendmal schöner. Jetzt bin ich auch an deiner Seite; da gefällt mir's besser, weil du's mitgenießest.« Der junge Mann lächelte freundlich und sagte: »Es ist wirklich sehr schön hier und das Plätzchen mir völlig unbekannt. Im vorigen Jahr war's hier lange nicht so freundlich; weißt du noch? da war's viel wilder und unfreundlicher.« – »Ja«, sagte das Mädchen, »das macht der neue Gärtner, der Alles so hübsch in Ordnung hält«; und indem sie das sagte, war sie schon wieder durchgeschlüpft, und Veilchenprinz hörte draußen ihr fröhliches Lachen über den jungen Mann, der nicht sogleich die Stelle finden konnte, wo die Zweige sich leicht aus einander biegen ließen. Nun hörte er, wie sie den kleinen Hügel hinangingen, und als sie oben waren, sah er ihre Köpfe über die Wipfel der Trauerweiden herausragen. Sie setzten sich, in stillem Anschaun der herrlichen Aussicht. Fern hörte man eine Flöte eine wehmüthige Melodie spielen, die langgehalten durch die reine Sommerluft hinzitterte und in einem leisen Seufzer erstarb. Rings im Grase zirpten die Heimchen, kleine Goldkäfer schwirrten durch die Nacht, und die Schmetterlinge wiegten sich wie schlaftrunken in den Kelchen der Blumen. Dazwischen plätscherte der Springbrunnen, und die Schatten des Gartens wurden immer dunkler und dunkler, je heller das Mondlicht auf den hervortretenden Zweigen sich anklammerte. Veilchenprinz hörte, wie die Beiden auf dem Hügel aufstanden und langsam hinabgingen, stumm und wortlos, überwältigt von dem allesergreifenden Zauber der Sommernacht. Und wie ihre Tritte mehr und mehr verhallten, sank auf ihn der Schlummer nieder, und er schlief unter lieben Träumen, in die nur das Bild des jungen Mannes sich störend drängte.

Eine ganze Woche hindurch sah er das junge Mädchen fast jeden Tag. Gewöhnlich kam sie des Abends an der Hand des jungen Mannes, der, wie Veilchenprinz aus ihren Worten merkte, ihr Bruder war. Sie schien ihn sehr lieb zu haben und er sie auch, und oft saßen sie zusammen auf dem Bänkchen und plauderten. Veilchenprinz konnte ganz deutlich sehen, wie sie sich traulich umschlungen hielten und die Schwester ihr Köpfchen an des Bruders Schulter lehnte. Auch schienen sie ihm immer sehr ernste Dinge zu besprechen, denn wenn sie hinabgingen, waren sie feierlich still; aber er wußte nicht, daß Worte einer reinen Liebe wie Orgelklänge die Seele ergreifen und harmonisch bis in die innersten Tiefen bewegen.

Und so hing Veilchenprinz mit ganzer Seele an dem jungen Mädchen und wußte es selbst nicht. Wenn sie einen Tag nicht kam, senkte er das Köpfchen und hatte nimmer Freude, wenn auch die Sonne noch so hell schien. Einmal aber hatte er sie schon drei Tage lang nicht gesehn und war trostlos. Alle Verweise seines Vaters, alle Bitten seiner Braut hatten nicht vermocht, seinen Trübsinn zu verscheuchen, und er wurde sichtlich blaß und mager. So merkte er es auch eines Abends nicht, daß der bunte Schmetterling herangeflogen kam, den er sonst nie hatte leiden mögen. Der war aber auch ganz trübselig, und da wurde Veilchenprinz aufmerksam und fragte, was ihm wäre. »Ach«, sagte der Schmetterling, »denk nur, Veilchenprinz, in einer Stunde muß ich sterben! und da komme ich nur her, um Abschied zu nehmen, vornehmlich von deiner Braut; und da ich nun doch bald sterben soll, so kann ich's ja sagen, wie sehr ich sie geliebt habe!«– Veilchenprinz war bis zu Thränen gerührt; er umarmte den Schmetterling und bedauerte ihn von Herzen. »Ist denn kein Mittel, dir zu helfen, armer Schelm?« sagte er.– »O ja, es giebt wohl eins, aber das ist so gut wie keins; denn es läßt sich nicht ausführen. Es müßt' ein Blumenelf meine Flügel nehmen und mich in seine Blume lassen; dann würd' ich fortleben, er aber würde nach einer Stunde sterben müssen. Wer wollte das wohl thun?« setzte er traurig hinzu. – Wie ein Blitz fuhr es Veilchenprinz durch den Kopf. »Hör'«, sprach er, »ich hätte nicht übel Lust dazu. Mein Vater behandelt mich hart, meine Braut mag ich nicht, und das Leben ist mir verhaßt; also mach' ich den Tausch von Herzen gern. Ich dacht' es mir immer herrlich, so in der freien Luft herumzugaukeln, und für eine einzige Stunde solcher Lust will ich gern mein ganzes Leben hingeben.« – Der Schmetterling war edelmüthig genug, den Vorschlag abzulehnen. Als er aber sah, daß es Veilchenprinz ganz Ernst war, ging er, wiewohl mit Widerstreben, darauf ein. Der König schlief schon, und die Braut ließ es nicht ungern geschehen, obwohl sie auch Veilchenprinz recht lieb gehabt hatte, weil er so gar sanft und gut war. In wenig Augenblicken hatte er die Flügel an den Schultern und zu seiner Freude konnte er sie ganz leicht gebrauchen. Nicht ohne Wehmuth nahm er Abschied von seinen schlummernden Freunden, und nachdem er den Springbrunnen noch einmal umkreis't hatte und auf der Stelle geruht, wo er seine Freundin zum ersten Male sah, schwang er seine Flügel höher und flog über die Trauerweiden hinweg in die kühle Nacht, durch den duftenden Garten.

Eine neue, unbekannte Welt that sich vor ihm auf. Ringsum rüttelte der Wind an den Sträuchern, und in dem Laube der Bäume wispert' es und rauschte, wie verworrene Klänge ferner Stimmen, und wunderlich streckten die Bäume ihre dunkeln Aeste heraus, wie wenn sie drohend den Finger aufheben wollten. Er aber achtete auf nichts, sondern flog weiter und weiter, nur ihr Bild im Herzen und den heißen Wunsch sie zu sehn. Das Haus konnte man mit seinen erleuchteten Fenstern durch den ganzen Garten gewahr werden, und das Ziel, das Veilchenprinz verfolgte, war zwar etwas weit, aber nicht zu verfehlen. Einigemal gönnte er sich eine kurze Ruhe; dann aber ging's um so eiliger vorwärts, und mit unendlicher Freude sah er das Haus nun vor sich. Aber ach! die ersten Fenster, an die er kam, waren verschlossen, und er flatterte ängstlich weiter von Fenster zu Fenster; das letzte von allen war offen, und der Schein der Lampe strahlte in die nächtlichen Dunkel dämmrig hinein. Drinnen saß der Bruder mit der Laute im Arm, ihm zu Füßen auf einem Bänkchen seine Schwester, weiß gekleidet und einen Kranz von frischen Rosen im Haar. Sie hatten eben gesungen und schauten nun träumerisch in die sternenhelle Landschaft. Die Jungfrau fuhr mit der Hand über die Stirn und sagte: »Bitte, singe mir die letzten Strophen noch einmal! sie haben mich tief gerührt.« Und der gefällige Bruder griff wieder in die Saiten und begleitete folgende Worte:

Und gehst du über den Kirchhof,
Da find'st du ein frisches Grab;
Da senkten sie mit Thränen
Ein schönes Herz hinab.

Und fragst du, woran's gestorben?
Kein Grabstein Antwort giebt;
Doch leise flüstern die Lüftchen:
Es hatte zu heiß geliebt.

Eine wehmüthige Stille durchzog das Gemach, die Keins zu brechen wagte. Endlich aber sagte der Bruder: »Sieh den schönen Schmetterling, der da hereingeflogen ist, wie er in deiner Nähe herumflattert! jetzt sitzt er auf deiner Stirn; sieh nur, wie zärtlich er thut!« Wirklich flog ein kleiner blauer Schmetterling um der Jungfrau Angesicht her und berührte sogar leise ihre Lippen. Die Geschwister lächelten. Es lag ein eigenthümlich Gemisch von Scheu und Inbrunst in den Bewegungen des kleinen Wesens, und eine ganze Zeitlang sahen sie ihm mit Vergnügen zu. Plötzlich aber taumelte er zurück und stürzte todt in den Schoß der Jungfrau. Betroffen sahen sich die Beiden an. Der zärtliche Bruder sagte: »Er ist so lange um das Licht herumgeflogen, bis er sich die Flügel verbrannt hat.« Die Schwester aber war aufgestanden, lehnte sich sinnend an das Fenster, und mit dem kleinen entseelten Schmetterling in der Hand schaute sie hinaus. Ein kühler Nachtwind fuhr durch die Saiten der Laute, und wie im Traum lispelte die Jungfrau: »Er hatte zu heiß geliebt!«

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