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Der Jagerloisl

Ludwig Thoma: Der Jagerloisl - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Jagerloisl
authorLudwig Thoma
year1989
publisherPiper Verlag
addressMümchen
isbn3-492-10925-X
titleDer Jagerloisl
pages3-143
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Ludwig Thoma

Der Jagerloisl

Eine Tegernseer Geschichte

»Was gibt's, Loisl?«

»Im Zwerglgraben treibt a mordalischer Bock; koan bessern hamm S' no net g'schossen, Herr Baron. Es is der vom Buacher Schlag, den ma vorigs Jahr amal g'sehg'n hamm, wissen Sie's nimmer?«

»Kann mich schon erinnern; ein guter Bock.«

»Guat... A mordalischer Sechser. Den schiaßen S' heut auf'n Abend ganz g'wiß. Er ko net aus. Der Bock treibt erscht seit gestern. Wenn ma um halbi fünfi furt gengan, san ma um sechsi am Platz.«

Herr von Fries, ein etwas beleibter, gutmütig aussehender Vierziger, klopfte die Asche von der Zigarette und sah fast verlegen auf den Jäger.

»Heute? Heut kann ich nicht, Loisl.«

»Aba...«

»Ausgeschlossen. Ich habe dringende Briefe zu schreiben. Morgen... Das heißt, übermorgen können wir's probieren.«

»Jessas – Jessas!«

Der hochgewachsene Bursche verzog mißmutig sein Gesicht. »Es geht wieder akrat a so...« sagte er.

»Wie akrat?«

»Wia 's letzte Jahr. Da hamm si da Herr Baron aa koa Zeit net gnumma und hamm g'wart' und g'wart', und z'letzt san ma Schneider wor'n.«

»Ja no... wenn es nicht geht. Also übermorgen.«

»Aba g'wiß!«

»Ganz bestimmt.«

»Na schaug i no mal in Zwergelgraben ummi. Werd wohl da Bock aushalt'n, und übermorg'n um vieri Namittag kimm i her.«

»Schön, und schau nur nicht so verzweifelt drein! Ich gehet doch selber viel lieber ins Revier, als daß ich mich da abplag mit der Briefschreiberei, mit der faden.«

»Na gilt's auf übermorg'n. Pfüa Good!«

Loisl steckte den Kopf zwischen die Schultern, als beugte ihn der Gram über die Saumseligkeit seines Herrn nieder, und schritt zögernd aus dem Zimmer.

Fries sah ihm nach.

»Ein Prachtkerl. So was von Knochen! Und Augen wie ein Habicht... wie er mich durchdringend angeschaut hat! Als hätte er gemerkt...«

Das Tischtelephon läutete.

»Halloh! Hier... Ah Mucki! Gut Morgen! Gut geschlafen?... Von mir? Geträumt? So... so... Du, beinah hätte mich der Loisl fortgeschleppt auf die Jagd... Gräßlich? Na, so schlimm ist es ja nicht... Ich hab mich schon losgeschwindelt... Ja... ja... Nachmittag? Natürlich! Nach Kreuth... schön. Ich hol dich mit Wagen ab... Du, sag mal...«

 

Loisl Heiß brummte etwas vor sich hin, als er aus der Villa Bergfried herauskam. Er hatte Gewehr, Bergstock und Rucksack auf eine Bank davor gelegt; ein rotgelber Schweißhund saß als Wächter daneben. Loisl streichelte ihm freundlich den Kopf und ging heimzu auf einem Wiesenwege hinterm Dorfe. Es paßte ihm nicht, wenn er von den Leuten gesehen wurde. Ein Jäger solle umsichtig bleiben, sagte der alte Rauchenberger. Von zwei, die einem begegnen, sei einer ein Lump und der andere sein Helfer. Vor Tag ins Revier, bei der Nacht heim oder in die Hütte, so wär's recht.

Aber er war voll Eifer und Freude heimgelaufen, um seinen Jagdherrn auf den Bock zu führen. Es war ein Kreuz mit dem! Allemal hatte er eine Ausrede, wenn er auf den Berg mitgehen sollte. Immer hieß es: heute geht's nicht, heute ist's unmöglich. Und von Rechts wegen hatte er von der lieben Welt nichts zu tun.

»Herein, Hirschmann! Geh z'ruck, sag' i.«

Der Schweißhund war voraus gelaufen und schnupperte einen Bullterrier an, der ihn mit vorquellenden Augen anglotzte.

»Laß dös Verreckerl steh!«

Hinter dem Zaune stand ein dicker, kahlköpfiger Herr, der sich ein Monokel einklemmte und dem Jäger nachschaute.

»Donnerwetter!« sagte er ungeniert laut. »Das ist mal ein strammer Bengel! Nelly, schade, daß du den Kerl nich gesehen hast...« wandte er sich an seine Gattin, die auf einem Gartenstuhle lag und las.

Frau Kommerzienrätin Fehse sah gelangweilt auf.

»Was hätte ich sehen sollen?«

»Den Jäger, der eben vorbeiging. Ich sage dir, Schultern und Kopfhaltung wie der Dingsda in Rom... na! Die Namen merke ich mir ja doch nich... aber so was von Kraft und Derbheit, und dabei so was Nobles... wo die Kerle das herhaben?«

»Ich glaube, du siehst wieder mal, was du sehen willst.«

»Ich sehe ganz nüchtern, aber ich freue mich über die Leute hier. Die haben das, was uns fehlt, – Rasse.«

«Uns?«

»Uns Stadtmenschen... natürlich masculini generis. Uns Berlinern.«

»Na, hör mal, von den Vorzügen der Münchner habe ich wirklich nichts bemerken können.«

»Also Stadtmenschen überhaupt.«

»Das ist hier so deine Stimmung; wird auch wieder vorübergehen.«

»Geht nich vorüber, weil es absolut begründet ist. Natürlich sieht man bei uns elegante Bengels, will ich nich bestreiten. Aber das hier ist etwas ganz anderes; es ist unbewußt, ist einfach da, ist angeboren. So selbstverständliche Kraft und in der Derbheit doch die Grazie. Erinnere dich an den Tanz neulich in Kreuth.«

Ein fröhliches Lachen unterbrach ihn.

Fehse wandte sich um und sah sein Töchterchen Henny in der Ortstracht vor sich stehen. Das hübsche Mädel sah in dem Kostüm, das ihre schlanke, kräftige Figur zur Geltung brachte, verführerisch aus.

Zu ihrem kecken Gesichte, dem lebhafte Augen und etwas aufgeworfene Lippen einen besonderen Reiz verliehen, paßte der grüne Hut. In dem prall anliegenden Jäckchen mit den kurzen Ärmeln sah sie voller aus, stämmiger.

»Nanu!« rief der Papa bewundernd.«'n richtiggehendes Bauernmädel!«

»Da siehst du's«, sagte seine Frau. »Wenn dir ein hiesiges Mädchen begegnen würde und nur entfernt so frisch und hübsch aussähe, ich möchte mal deinen Vortrag über die Vorzüge der Gebirgsrasse hören. Woran liegt's? Am Kostüm und an der Stimmung. Du bist hier so'n bißchen im Holdrio-juhu... wie auf dem Alpenvereinsball.«

 

Das Anwesen, auf dem Loisls Mutter hauste, lag außerhalb des Dorfes an einer Berglehne. Einen Büchsenschuß davon entfernt wohnte der pensionierte Jagdgehilfe Sylvester Rauchenberger, der den Siebziger schon hinter sich hatte. Er saß vor seinem aus Holzbalken gefügten Hause, das nur zwei Fenster und die Haustüre in der Front hatte. Die Altane, die sich um den obern Stock zog, konnte ein Mann von mittlerem Wuchse mit der Hand erreichen; sie war braun gebrannt von der Sonne, und Blumenkästen standen darauf, aus denen Nelken und Geranien herunterhingen.

Eine anheimelnde Ruhe war um das Häuschen; es schien behaglich zu rasten, wie der Alte, der seine Pfeife rauchte und den blauen Kringeln nachsah.

Loisl trat an den Gartenzaun.

»Grüaß di Good, Festl! Derf i a weng in Hoamgart kemma?«

»Geh no eina und hock di zuawa! Kimmst vom Berg owa?«

»Ja. I bin beim Baron ent'n g'wen. Wia geht's oiwei?«

»Wie's oan halt geht. D'Aug'n lassen aus, d'Füaß lassen aus.«

»Aba 's Ausschaug'n is frisch.«

»Sagt ma, und da Loder taugt do nimma viel. Was mach'n d' Rehböck? Treiben s' guat?«

»Felt si nix. Heut han i an ganz an deiflischen Bock im Zwergelgrab'n g'sehg'n.«

»Da san de guat'n dahoam.«

»Den hättst sehg'n soll'n; dicke Stanga, perlt bis aufi, stark, und zwoa zwerchte Händ über d' Luser.«

»Oho!«

»Nix g'log'n. I bin auf achtz'g Schritt dabei g'wen. Mi hat's ja glei g'rissen, wia'r i dös Gwichtl g'sehg'n hab.«

»Den werst d'scho kriag'n.«

»Ja, – kriag'n! Mei Baron geht ja wieda net außi. Heut net, morg'n net. Wer woaß, wann?«

»Hat a koa Freud mit da Jagd?«

»Net recht. Was muaß i bitt'n, bis er amal mitgeht, und bal er draußd is, verpatzt er des mehra.«

Festl lachte lautlos vor sich hin und strich sich mit der Pfeifenspitze über den weißen Schnurrbart.

»Ja... ja, de Gawalier'! Da derlebst no allerhand, bis d' älter werst. Da hab i amal« – Festl stopfte sich eine neue Pfeife und zündete sie gemächlich an – »da hab i amal in der Hirschbrunft an Münchner Herrn g'führt... waar sunst koa unrechter Mo g'wen. No, mir san beizeit'n von dahoam weg, lang vor Tagwer'n gegen 's Waxelmoos. Er hat scho a weng g'mamst, daß er mitt'n bei da Nacht furt hat müass'n, aber i hab's eahm ausdeutscht, daß mir ganz fruah am Platz sei müaßt'n und wart'n. Wia ma drob'n war'n, is no dunkel g'wen und a weng frisch. A Käuzl hat g'schriean, dös hat eahm net paßt, und na hamm ma a paar junge Hirschl g'hört, de hamm mit anand tandelt. Dös Kleppern von de G'weih hat ma deutli g'hört. Scheinbar hat er si g'forcht'n und rutscht näher zu mir her. ›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n?‹ fragt er. ›Hirsch‹, sag i, ›de scherz'n a weng. San S' no staad, wenn's hell werd, kimmt scho da besser.‹ Er brummelt no a bissel und wickelt si in sein Wedamantel ei. Auf oamal schallt zwoa Schritt hinter uns a Reh. Bäh... bäh! Es is ganz zuawa kemma und hat uns jetzt erst in Wind kriagt. ›Ja, was is denn das?‹ schreit mei Gawalier. ›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n? Da mag ich nimmer bleib'n. Gehen wir nunter, ich fahr in d' Stadt nei, ins Oktoberfest.‹ ›Da hamm S' recht‹, sag i, ›am Oktoberfest is lusti.‹ Und z'sammpackt hamm ma und san hoam.«

Festl lachte in der Erinnerung an seinen Jagdkavalier. »›Was habts denn ihr für Viecher da herob'n?‹ schreit er. ›Ich fahr ins Oktoberfest.‹ Ja... ja... i hab ziemli oa kenna g'lernt, hamm si Jaga g'hoaß'n und san koa g'wen.«

»I ko den mein' aa net lob'n«, sagte Loisl. »Woaß da Deifi, an was der oiwei denkt, wenn er hinter mir drei'tappt. Siecht nix, hört nix, spannt nix. Amal, im Rießergrab'n is g'wen, steht a Hirsch da, auf koane hundert Schritt. ›Ssst!‹... mach i... ›da drent‹, sag i, ›sehg'n S'n denn net?‹ ›Wo?‹ plärrt er ganz laut und wischt si mit an weiß'n Sacktüachl an Kopf ab. Dös laßt si denk'n, wia der Hirsch z'sammpackt hat.«

»Müaß'n halt viel schwitzen«, sagte Festl lachend. »De Herrn ess'n guat. Und heut geht er net außi? I moan oiwei, der treibt selm a weng. Gestern is er vorbeikemma; hat a sauberne G'sellin bei eahm g'habt.«

»Dös werd scho de vom Theata g'wen sei; de war aa auf da Hütt'n drob'n mit eahm. Wia ma no zweg'n an Weibsbild d'Jagd versamma mag?«

»Sag dös net, Loisl! Dös ko sogar unseroan passier'n.«

»Mir net.«

Festl schaute den stattlichen Burschen lächelnd an. »No ja«, sagte er, »du werst net lang betteln braucha bei de Weibaleut, und mit dem versammt ma oft de längst' Zeit. Aba nur nix bered'n! Mi hat amal auf da Kothalm a Sennerin um mein best'n Hirsch bracht.«

»Dös hätt i net glaabt vo dir.«

»Jetza passieret's mir aa nimma, aba selbigsmal bin i jünga g'wen und hab etla Falzplätz ei'ghalt'n, und dös selbige Weibsbild hätt ma guat paßt. Leider, sie hat si ei'g'spreizt, da hat's red'n braucht und oft zuakehr'n und schö toa, und derweil hat mir a Lump mein Hirsch'n g'stohl'n. Ja, d'Weiberleut hamm an Deifi; de kinnan viel ausricht'n, mei liaba Mensch!«

»Bloß nix g'scheidt's.«

»Net viel. Aba jetza geh i eini, de Alt hat mir an Schmarrn g'macht.«

»Na pfüad di Good, Festl!«

»Pfüad di und Weidmanns Heil auf den Bock!«

»Weidmanns Dank!«

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