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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Drittes Kapitel

Der Jonathan, das Glückskind hier,
Der weiß es ganz perfekt, Herr;
Schnappt Alles, was zu kriegen schier,
Und handelt auch um Schuh', Herr!

Vierzehntausend siebenhundert dreiundsiebenzigster Vers aus dem berühmten »Yankee-Dudel«.

 

Der Capitano Smeet war herzlich froh, als er endlich die Wohnung – oder den Palast, wie die einfachen Leute auf Elba das anspruchslose Gebäude nannten – des Statthalters hinter sich hatte, denn Signor Barrofaldi hatte ihm mit seiner hartnäckigen Gelehrsamkeit fast allzuscharf zugesetzt. Der Kapitän war zwar für eine ähnliche Veranlassung, wie die heutige, mit Schiffs-Anekdoten reichlich versehen, kannte auch viele Seehäfen ziemlich genau aus eigener Anschauung; von einer Unterredung aber, die sich bis zu den Institutionen, Gesetzen und Religionsverhältnissen seines vorgeblichen Vaterlandes versteigen würde, hatte er sich niemals etwas träumen lassen. Hätte der würdige Andrea die zahllosen Verwünschungen vernehmen können, die der Fremde beim Herausgehen aus seinem Hause zwischen den Zähnen murmelte – es würde wahrlich seine ganze Empfindlichkeit verletzt, wenn nicht gar seinen Argwohn auf's Neue belebt haben.

Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen – eine sternhelle, wollustathmende, schweigende Nacht, wie nur Der sie kennt, der mit dem Mittelmeere und seinen Küsten vertraut ist. Kaum war noch ein leiser Windhauch zu verspüren; dennoch hatten sich einige Müssiggänger von dem kühlen Lüftchen, das ein sanfter Athemzug der See selber zu sein schien, in's Freie verlocken lassen, und man sah sie jetzt auf der ziemlich ausgedehnten Promenade oberhalb der Stadt langsam umherschlendern.

Hierher wandte auch der Seemann seine Schritte, unentschlossen, wie es schien, was er zunächst thun sollte. Kaum war er übrigens auf den freien Platz gelangt, als eine weibliche Gestalt, dicht in einen Mantel eingehüllt, nahe an ihm vorbeistreifte und ihm ängstlich in's Gesicht schaute. Ihre Bewegungen waren zu rasch und unerwartet, als daß er einen Blick von ihr hätte erhaschen können; er sah nur, wie sie ihren Weg längs der Höhe fortsetzte, bis sie den am meisten von Spaziergängern besuchten Raum hinter sich hatte, und folgte ihr nach, bis sie endlich stehen blieb.

»Ghita!« sprach der junge Mann im Tone des Entzückens, als er dem weiblichen Wesen so nahe gekommen war, daß er ein Antlitz, eine Gestalt erkennen konnte, die sie nicht länger zu verbergen strebte – »das nenne ich in der That ein großes Glück; es erspart mir manche schwere Mühe. Tausend Dank, theuerste Ghita, für diese große Güte. Ich hätte dir, wie mir selbst, mancherlei Unannehmlichkeiten zuziehen können, wenn ich deine Wohnung hätte aufsuchen müssen.«

»Eben aus diesem Grunde, Raoul, habe ich, um dich zu treffen, wohl viel mehr gewagt, als meinem Geschlechte eigentlich ziemen mag. In diesem klatschhaften Städtchen sind gerade jetzt tausend Augen auf deinen Lugger gerichtet, und sie werden sich ganz gewiß auch nach seinem Kapitän kehren, sobald einmal dessen Landung bekannt ist. Ich fürchte, du weißt nicht, wofür man dich und deine Leute in diesem Augenblicke hält?«

»Man wird uns hoffentlich nichts Unehrenhaftes zutrauen, theure Ghita, und wäre es auch nur, um deine Freunde nicht in Schande zu bringen?«

»Viele halten euch für Franzosen, und behaupten laut, die englische Flagge sei nur als Trugmittel von euch aufgezogen worden.«

»Nun, wenn das Alles ist – den Schimpf müssen wir ertragen,« gab Raoul Yvard lachend zur Antwort. »Das sind wir ja auch in der That, bis auf einen einzigen Mann – der ist ein Amerikaner, ein trefflicher Bursche, der uns brittische Patente ausstellt, und uns ein wenig im Englischen aushilft, wenn wir härter als gewöhnlich gedrängt werden: warum sollten wir uns also beleidigt fühlen, wenn uns die guten Leutchen von Porto Ferrajo für das halten, was wir wirklich sind?«

»Nicht von Beleidigung, Raoul, wohl aber von eurer Gefahr ist die Rede. Wenn die Sache zur Kenntniß des Vicestatthalters gelangt, wird er die Batterien auf euch feuern lassen und euch als Feinde in den Grund bohren.«

»Er ganz gewiß nicht, Ghita. Er ist zu sehr für den Kapitän Smeet eingenommen, um so grausam gegen ihn zu verfahren, und dann müßte er noch überdies alle seine Kanonen anders placiren, ehe er dem ›Irrwisch‹ auf seinem jetzigen Ankerplatze ein Leid anthun könnte. Ich lasse meinen kleinen Lugger niemals in dem Bereiche des Feindes. Schau nur dorthin, Ghita, du kannst ihn aus jener Lücke zwischen den Häusern hervorblicken sehen – siehst du den dunkeln Punkt in der Bai da draußen? – Nun, dann wirst du auch erkennen, daß keine Kanone in ganz Porto Ferrajo im Stande ist, ihn zu erschrecken, viel weniger ihm etwas anzuhaben.«

»Ich kenne seinen Standpunkt, Raoul, und begriff recht wohl, warum du auf jener Stelle Anker warfst. Ich kannte dich, oder glaubte dich wenigstens vom ersten Augenblicke an zu kennen, da du uns ganz zu Gesicht kamst. So lange du außen bliebst, fühlte ich keine Angst darüber, daß ich einen so langjährigen Freund vor mir sah – ja ich will sogar noch weiter gehen und dir bekennen, daß ich mich darüber freute, denn mir schien, du zögest so nahe an der Insel vorüber, um Der, welche du daselbst zurückgelassen, zu beweisen, daß du ihrer nicht vergessen hättest – als du aber gar in die Bai hereinkamst, da mußte ich dich wohl für wahnsinnig halten!«

»Ja, wahnsinnig wäre ich noch geworden, theuerste Ghita, wenn ich noch länger hätte leben müssen, ohne dich gesehen zu haben. Wie! vor diesen erbärmlichen Insulanern sollte ich mich fürchten! Sie haben keinen einzigen Kreuzer: nichts als einige Felucken, welche kaum des Verbrennens werth sind. Laß sie nur einen Finger gegen uns aufheben, und wir wollen ihren österreichischen Polacker in die Bai hinaus bugsiren und vor ihren eigenen Augen niederbrennen. Der ›Irrwisch‹ zeigt sich jederzeit seines Namens würdig: er ist bald hier, bald dort, und allemal, ehe seine Feinde etwas von ihm ahnen.«

»Aber die Feinde haben nun einmal Verdacht gegen ihn, und du kannst nie vorsichtig genug sein. Wohl ein Dutzend Mal war mein Herz auf dem Punkte, mich zu verrathen, als die Batterien heute Abend Feuer auf euch gaben.«

»Und haben sie uns etwa ein Leids gethan? – sie kosten dem Großherzog zwei Patronen und eben so viele Kugeln, ohne daß sie den Lugger aus seinem Kurse gebracht hätten. Du bist zu sehr an solche Dinge gewöhnt, Ghita, um dich durch etwas Rauch und Lärmen beunruhigen zu lassen.«

»Ich habe zu viele ähnliche Scenen erlebt, Raoul, um nicht zu wissen, daß eine schwere Kugel, von diesen Höhen abgeschossen, deinen kleinen Irrwisch durch und durch gebohrt, und dich auf den Grund des mittelländischen Meeres versenkt hätte!«

»O, wir hätten dann immer noch unsere Boote gehabt,« antwortete Raoul Yvard mit einer Gleichgültigkeit, die keineswegs blos angenommen war, denn seine sorglose Tollkühnheit zählte eher zu seinen Fehlern, als zu seinen Tugenden; »zudem muß eine Kugel erst treffen, ehe sie Unheil anrichten will, wie man den Fisch zuvor fangen muß, ehe man ihn kochen kann. – Doch genug davon, Ghita; von Kugeln und versenkten Schiffen bekomme ich jeden Tag vollauf zu hören, und so wollen wir jetzt, da mir dieser gesegnete Augenblick zu Theil geworden, die günstige Gelegenheit nicht über solchen Gesprächen verlieren!«

»Nein, Raoul, ich kann an nichts Anderes denken, und also auch von nichts Anderem reden. Denke dir, es fiele dem Vicestatthalter plötzlich ein, eine Abtheilung Soldaten an Bord des Irrwisches zu senden und ihn besetzen zu lassen – wie würde es dann um dich stehen?«

»Laß ihn nur kommen: ich sende dann ein Boot voll Matrosen in seinen Palast da drüben (die Unterredung wurde in französischer Sprache geführt, in welcher sich Ghita mit Geläufigkeit, obwohl mit italienischem Accente ausdrückte), und lasse ihn mit sammt seinen geliebten Engländern und Oesterreichern gefangen nehmen! Pah! der Gedanke wird nie in seinem constitutionellen Gehirne auftauchen, und es ist also zwecklos, davon zu sprechen. Morgen früh schicke ich ihm meinen Premierminister, meinen Barras, Carnot, Cambacèrès – ich meine Ithuel Bolt: der kann sich dann mit ihm über Politik und Religion besprechen.«

»Religion,« wiederholte Ghita in traurigem Tone; »je weniger du von diesem heiligen Gegenstande sprichst, um so lieber wird es mir sein, und um so besser wird sich's endlich auch für dich gestalten. Der Zustand deines Vaterlandes macht deinen Mangel an Religion eher zu einem Gegenstande des Bedauerns als der Vorwürfe; nichtsdestoweniger aber ist dieser Mangel ein schreckliches Unglück!«

»Nun gut,« versetzte der Seemann, welcher fühlte, daß er eine gefährliche Saite berührt hatte, »wir wollen von andern Dingen reden. Gesetzt auch, wir würden gefangen, welches große Unheil hätten wir wohl zu fürchten? Wir sind ehrliche Kaper, mit gültigen Patenten versehen, und handeln unter dem Schutze der einen und untheilbaren französischen Republik – man kann uns also nur zu Kriegsgefangenen machen. Das ist ein Loos, das mich schon einmal betroffen hat, und das einzige Unglück, das daraus folgte, war – daß ich mich ›Kapitän Smees‹ nennen, und Mittel auffinden mußte, den Vicestatthalter gehörig zu mystificiren.«

Ghita lachte, trotz der Angst, von der sie erfüllt war, denn unter die wirksamsten Mittel, welche der junge Seemann anwandte, um Andere zu seinen Ansichten zu bekehren, gehörte eben das, daß er sie mit seiner leichtherzigen Fröhlichkeit – mochte diese nun zu ihrem Temperamente passen oder nicht – anzustecken verstand. Sie wußte, daß Raoul einmal zwei Jahre lang in England als Gefangener gelebt, und dort, wie er oft selbst erzählte, gerade lange genug verweilt hatte, um sich mit der Sprache, wenn nicht gar mit den Einrichtungen, Sitten und der Religion des Landes so ziemlich bekannt zu machen. Er war endlich mit Hilfe eines Amerikaners, Namens Ithuel Bolt, der Gefangenschaft entronnen; Letzterer, ein gepreßter Matrose aus den Freistaaten, war in alle Pläne seines unternehmenderen Freundes und Leidensgenossen eingegangen, und hatte sich herzlich gerne der Ausführung seiner künftigen Racheunternehmungen angeschlossen.

Staaten, so gut wie einzelne mächtige Individuen, fühlen sich in der Regel zu stark, um sich jemals durch Betrachtungen über die Folgen, welche jede Rechtsverletzung nach sich ziehen muß, in ihrer Politik aufhalten zu lassen: eine Nation zumal ist nur gar zu leicht geneigt, ihre Macht so sehr zu überschätzen, daß sie jede weltliche Zurechtweisung verachtet, während sich die moralische Verantwortlichkeit unter zu viele Individuen vertheilt, um einen einzelnen Bürger darüber sonderlich besorgt zu machen. Nichtsdestoweniger wird sich die Behauptung immer als wahr erweisen, daß Keiner so niedrig steht, um nicht selbst dem Höchsten gefährlich werden zu können – und daß sogar die mächtigsten Gemeinwesen für begangene Rechtsverletzungen nur selten der wohlverdienten Strafe entgehen. In der That möchte es scheinen, als ob in der ganzen Natur der Grundsatz festgehalten würde, jeden Menschen auch in diesem Leben schon die Folgen seiner eigenen bösen Thaten tragen zu lassen, wie wenn Gott von Anfang an der Wahrheit unausbleiblichen Sieg, der Falschheit dagegen nie fehlenden Untergang vorbehalten hätte, denn der Erfolg des Bösen ist doch immer nur ein zeitlicher, ewig aber der Triumph des Rechts.

Um diese tröstlichen Betrachtungen unmittelbar auf den vor uns liegenden Gegenstand anzuwenden, so läßt sich darthun, daß die Matrosenpresse zu ihrer Zeit unter den Seeleuten anderer Nationen, so wie unter denen von Großbritannien selbst ein Gefühl hervorrief, das eben so wirksam, als jede andere Ursache dazu beitrug, das Vorurtheil jenes Volkes in Betreff seiner auf ungeheure Uebermacht sich gründenden Unüberwindlichkeit zur See zu zerstören. Man mußte den Haß, den allgemeinen Unwillen besonders unter Denen, welche sich durch ihre Geburt als Ausländer jenem Mißbrauch entzogen glaubten, mit angesehen haben, um die Folgen, welche das despotische Verfahren jener Macht nach sich ziehen mußte, gehörig würdigen zu können.

Ithuel Bolt, der obenerwähnte Seemann, war gewissermaßen, selbst in seiner beschränkten Sphäre, ein Beweis dafür, wie viel Schaden auch ein unbedeutendes Individuum anrichten kann, wenn alle seine Gedanken ausschließlich auf Rache gerichtet sind. Ghita kannte ihn wohl, und wenn ihr auch sein Charakter, wie seine äußere Erscheinung nur wenig gefiel, so hatten ihr doch seine Erzählungen, wie er die Engländer so oft betrogen und ihnen durch tausend kleine Erfindungen allen erdenklichen Schaden zugefügt, – schon manchmal ein Lächeln abgenöthigt. Sie konnte sich also wohl denken, daß auch bei dem gegenwärtigen Betrug seine Mitwirkung nicht unbedeutend gewesen sein mochte.

»Du nennst deinen Lugger nicht gerade heraus den ›Irrwisch‹, Raoul,« bemerkte das Mädchen nach kurzem Schweigen; »das wäre allerdings ein gefährlicher Name, selbst wenn er in Porto Ferrajo ausgesprochen würde. Es ist noch keine Woche her, seit ich einen Matrosen von den Vergehen deines Irrwisches erzählen hörte, welche ihn für alle guten Italiener zu einem Gegenstande des Abscheu's machen. Es ist ein Glück, daß jener Mann jetzt eben fort ist, denn der hätte euch ohne Zweifel erkennen müssen.«

»Das wüßte ich doch nicht so gewiß, Ghita. Wir ändern unsere Bemalung öfter, und können im Nothfalle auch mit der Takelage wechseln. Du darfst übrigens überzeugt sein, daß wir unsern ›Irrwisch‹ wohl verborgen zu halten wissen, weßhalb wir auch unter anderem Namen segeln. Der Lugger trägt, seit er neuerdings in englischen Diensten steht, den Namen ›Ving and Ving‹.«

»Ich hörte wohl, wie man auf den Anruf vom Ufer aus von deinem Schiffe Antwort gab, damals aber kam mir der Name anders vor.«

»Nein, nein – Ving and Ving. Ithuel antwortete für uns, und du darfst dich darauf verlassen, daß er seine Muttersprache zu sprechen versteht. Ving and Ving heißt das Wort, und er spricht es gerade so aus, wie ich eben gethan.«

»Ving-y-Ving!« wiederholte Ghita, die mit ihren süßen italienischen Tönen natürlicherweise in denselben Sprachfehler, wie der Vicestatthalter verfallen mußte – »das ist ein sonderbarer Name, er gefällt mir nicht so gut wie ›Irrwisch‹.«

»Ich wünschte, theuerste Ghita, ich könnte dich überreden, an dem Namen Yvard Gefallen zu finden,« erwiederte der junge Mann in halb tadelndem, halb zärtlichem Tone; »ich würde mich dann um alles Andere nichts mehr bekümmern. Du gibst mir immer Mangel an Ehrfurcht vor Priestern Schuld, und doch würde kein Sohn vor seinem Vater mit halb so viel Bereitwilligkeit oder Frömmigkeit auf die Kniee fallen, um dessen Segen zu empfangen, als ich mit dir vor jedem Mönche Italiens niederknieen würde, um jene kirchliche Weihe über uns aussprechen zu hören, welche ich mir, zugleich mit deiner Hand, schon so oft von dir erbeten, die du mir aber eben so grausam als standhaft verweigert hast.«

»Dann, fürchte ich, würde der Name nicht mehr ›Irrwisch‹, sondern ›Irr-Ghita‹ lauten,« versetzte das Mädchen lachend, wiewohl ein bitterer Schmerz ihr Herz erfaßte, den sie nur mit großer Anstrengung zu verbergen vermochte. »Nichts mehr davon, Raoul: vielleicht, daß man uns gar behorcht oder beobachtet; für jetzt ist's nöthig, daß wir uns trennen.«

Es folgte nun ein hastiges Zwiegespräch, welches für das junge Paar selbst von größerem Interesse war, als es für den Leser sein würde, und das wir überdieß, auch wenn die Neugierde größeren Theil daran nehmen möchte, schon deßhalb verschweigen müssen, um dem Gang der Ereignisse nicht unnöthig vorzugreifen; dann trennte sich Ghita von Raoul, der auf dem Hügel zurückblieb, da Jene mit Festigkeit versicherte, sie kenne die Stadt zu gut, als daß sie irgend Gefahr zu fürchten hätte, wenn sie allein durch die engen und steilen Straßen wandelte.

In der That muß es Andrea Barrofaldi's Justizverwaltung zum Ruhme nachgesagt werden, daß selbst Schwachheit, Armuth und Schutzlosigkeit ungefährdet bei Tag und Nacht auf der Insel umherwandeln konnte, denn es kam nur selten vor, daß unter seinen schlichten Untergebenen ein so gefährlicher Feind des Friedens und der Ruhe erschien, wie eben in diesem Augenblicke einer aufgetreten war.

In Porto Ferrajo selbst herrschte indessen bei weitem nicht die tiefe Ruhe, wie sie ein Fremder aus der athemlosen Stille, welche den Ort gefangen hielt, hätte vermuthen können. Tommaso Tonti war so gut wie der Vicestatthalter ein einflußreicher Mann in seinem Wirkungskreise; kaum hatte er sich, wie oben erzählt wurde, von Vito Viti verabschiedet, als er auch sogleich die kleine Schaar von Lootsen und Schiffsbesitzern aufsuchte, welche auf seine Worte wie auf Orakelsprüche zu lauschen gewohnt waren.

Die Gesellschaft dieser Würdigen hatte sich zu ihren abendlichen Zusammenkünften das Haus einer Wittfrau, Namens Benedetta Galopo, auserwählt; der Weinkranz, der an einem Pfahle über der Thüre hing, bezeichnete den Ort genugsam für jeden Uneingeweihten. War es, daß Benedetta das Sprüchwort: »guter Wein bedarf keines Kranzes«, nicht kannte, oder hatte sie nicht so viel Vertrauen zu dem Inhalte der Fässer, daß sie ihm allein ihren Ruf überlassen mochte – kurz der Kranz über der Thüre wurde eben so oft wieder durch einen neuen ersetzt, als die Blätter des alten verwelkt waren. Es war überhaupt unter ihren Gästen zur stehenden Redensart geworden, daß ihr Kranz immer so frisch wie ihr Gesicht sei, und daß letzteres zu den hübschesten auf der ganzen Insel gehöre – ein Umstand, der schon mancher Flasche schlechten Weines einen Käufer verschafft hatte.

Benedetta genoß eines ziemlich guten Rufes, war aber nichtsdestoweniger – wenn man dieß auch öfter fühlte als aussprach – eine unverbesserliche Kokette. 'Maso besonders war aus zweierlei Gründen bei ihr beliebt, weil er nämlich, wenn auch alt und nichts weniger als anziehend von Person, doch unter seinen Genossen einige der hübschesten Matrosen des Hafens mit sich brachte – weil er nicht nur seine volle Portion trank, sondern sie auch jedesmal pünktlich bezahlte. Aus diesen beiden Gründen sah sich der Lootse bei der galanten Maria degli Venti Maria, Schutzpatronin der Winde.
D. U.
– wie ihr Haus, obwohl es außer jenem oft erneuerten Weinkranze kein anderes Zeichen aufzuweisen hatte, genannt wurde – fortwährend als willkommener Gast aufgenommen.

In dem nämlichen Augenblicke, da Raoul Yvard und Ghita auf dem Hügel von einander Abschied nahmen, saß 'Maso in Benedetta's oberem Stübchen an seinem gewohnten Platze; durch's Fenster hatte er, so weit es nämlich die Dunkelheit erlaubte, die volle Aussicht auf den Lugger, der ungefähr auf eine Kabellänge Entfernung und nach der Seemannssprache »dwarsab« Nach der Richtung des mittleren Balkens.
D. U.
ihm gegenüber vor Anker lag. Er hatte bei dieser Gelegenheit absichtlich das obere Zimmer und nur drei Tischkameraden gewählt, weil er seine Rathschläge gerade nur so vielen Begünstigten zu Ohren kommen lassen wollte, als ihm der innere Drang, seiner Erfahrung gehuldigt zu sehen, wünschenswerth machen mochte. Die Gesellschaft war seit einer Viertelstunde beisammen, und in der Flasche, welche auf dem Tische stand, und die, wie wir dem Leser nebenbei bemerken wollen, nicht weniger als eine halbe Gallone Eine Gallone faßt vier englische Quarten oder Maaß.
D. U.
Weins enthielt – hatte während dieser Zeit die Flut schon einer ziemlich starken Ebbe Platz gemacht.

»Ich habe dem Podesta Alles gesagt,« bemerkte 'Maso mit wichtiger Miene, indem er sein Glas nach dem zweiten Schlucke, der dem ersten an Inhalt vollkommen gleich kam, auf den Tisch niederstellte; »ja, Alles habe ich Vito Viti gesagt, und er hat es ohne Zweifel dem Signor Vicestatthalter wieder erzählt, der jetzt von der ganzen Sache ebensoviel wie jeder von uns Vieren weiß. Cospetto! wer sollte glauben, daß in einem Hafen, wie Porto Ferrajo, so Etwas passiren könnte! Hätte es sich wenigstens auf der andern Seite der Insel, in Porto Longone zugetragen – daraus würde man nicht so viel machen, denn die dort drüben sind nie sonderlich wachsam gewesen; daß es aber gerade hier, in der Hauptstadt von Elba stattfinden sollte, das hätte ich ebensowenig erwartet, als ich es in Livorno für möglich gehalten hätte!«

»Aber, 'Maso,« fiel Daniele Bruno etwas zweifelhaft ein, »ich habe doch die Flagge der Engländer schon oft gesehen, und die des Luggers ist der ihrer Fregatten und Corvetten so durchaus ähnlich, wie die Wimpeln unserer Felucken einander gleich sehen. Die Flagge wenigstens ist gewiß ächt.«

»Was will aber eine Flagge beweisen, Daniele? Kann denn ein Franzose nicht ebensogut wie der König von England selbst eine englische Flagge aufhissen? Wenn dieser Lugger nicht von französischen Händen gebaut wurde, so bist du ebensowenig von einem italienischen Vater und einer italienischen Mutter zusammengefügt worden. Ich würde mich auch gerade nicht an dem Rumpfe stoßen, denn der könnte von einer Prise herrühren, wie denn die Engländer ihren Feinden auf hoher See deren viele wegnehmen – aber betrachte dir nur einmal das Takel- und Segelwerk dieses Fahrzeugs! – Heilige Maria! Ich könnte euch ja in Marseille sogar den Laden des Segelmachers zeigen, der dieses Focksegel zusammengestoppt hat. Er heißt Pierre Benoît, und ist ein sehr tüchtiger Handwerker, wie wir Alle, welche je seiner Dienste bedurft, bezeugen werden.«

Diese letzte Behauptung machte die Sache allerdings höchst wahrscheinlich, denn wie oft muß der gewöhnliche Verstand den Umständen weichen, die nur allzu häufig selbst eingebildeten Tatsachen Wahrscheinlichkeit verleihen. Tommaso Tonti war zwar, was die Hauptsache – nämlich den Charakter ihres Besuches – betraf, ganz auf der rechten Spur; mit dem Segel hatte er aber dennoch unrecht, denn der Irrwisch war zu Nantes gebaut, ausgerüstet und bemannt worden, und Pierre Benoît hatte weder das Schiff noch sein Focksegel jemals gesehen. Im Ganzen machte dieß übrigens bei der gegenwärtigen Verhandlung keinen Unterschied, denn war der Segelmacher einmal wirklich ein Franzose, so war der Eine offenbar so gut wie der Andere.

»Habt Ihr dieß dem Podesta auch bemerklich gemacht?« fragte Benedetta, welche, die leere Flasche in der Hand, dem Gespräche zuhörte; »ich sollte meinen, das müßte ihm doch die Augen geöffnet haben.«

»Ich kann nicht sagen, daß ich es that; ich sagte ihm aber so viele andere, noch wichtigere Dinge, daß er auch diesem Umstande, wenn er ihn vernimmt, vollen Glauben schenken muß. Signor Viti versprach, mich nach seiner Unterredung mit dem Vicestatthalter hier aufsuchen zu wollen; wir können ihn jetzt mit jeder Minute erwarten.«

»Der Signor Podesta soll willkommen sein,« rief Benedetta, indem sie einen Tisch abwischte und das ganze Zimmer etwas besser wie gewöhnlich aufzuräumen suchte; »er mag größere Gasthöfe als den meinigen besuchen – besseren Wein aber als hier wird er kaum sonst wo finden!«

»Arme Benedetta!« gab 'Maso zur Antwort. – »Glaubt doch ja nicht, daß der Podesta aus einem solchen Grunde hierher kommt: er will blos mich sprechen, denn er schlürft seinen Wein zu oft oben in der Stadt, als daß er wegen eines einzigen Glases so tief herabsteigen möchte. Ja, meine Freunde, in seinem Hause gibt's einen Wein, der, wenn erst einmal das Oel aus dem Halse der Flasche Bei feineren Weinen hat man in Toskana die Gewohnheit, den Hals jeder Flasche mit einigen Tropfen Oel zu verschließen, um den Zutritt der Luft abzuhalten. entfernt ist, gerade so glatt wie dieses selbst die Kehle hinabrinnt. Ich könnte eine ganze Flasche davon auf einen Zug austrinken! Das ist eben der Wein, der die Vornehmen so munter und gut gelaunt macht.«

»Der wässerige Mischmasch ist mir wohl bekannt,« fiel Benedetta weit hitziger ein, als sie sich sonst ihren Gästen zu zeigen pflegte; »Ihr habt recht, wenn Ihr's glatt nennt, denn nicht umsonst läuft ein heller Brunnen neben jeder von den Weinpressen, die dieses Getränke erzeugen. Ich habe sogar schon manche Flaschen davon gesehen, auf denen das Oel nicht einmal stehen bleiben würde.«

Diese Versicherung war ein hübsches Gegenstück zu 'Maso's Behauptung in Betreff des Segels, und ungefähr ebenso richtig wie jene. Benedetta hatte nämlich, was die Unbeständigkeit der Männer betraf, zu viel Erfahrung, um nicht einzusehen, daß, wenn die drei oder vier anwesenden Gäste erführen, die Insel besitze noch irgend ein besseres Getränk, als sie es ihnen vorzusetzen pflegte – ihr Ansehen in aller Augen bedeutend Noth leiden müßte. Als eine Frau, welche allein mit der Welt zu kämpfen hatte, fühlte sie in ihrer angeborenen Schlauheit recht wohl, daß sie eine Verleumdung am besten dadurch zurückweisen könne, wenn sie deren Quelle gleich im Anfange verstopfte, und ihre Antwort war deßhalb ebenso kräftig im Vortrag als bestimmt in ihrem Ausdrucke.

Sie hätte aber eine treffliche Einleitung zu ihrem hitzigen Streite gegeben, und ohne Zweifel wäre es auch zu einem solchen gekommen, hätten sich nicht zu allem Glücke einige Tritte vor dem Zimmer vernehmen lassen, welche 'Maso an den Podesta erinnerten. In der That ging auch bald darauf die Thüre auf, und Vito Viti trat ein, zur Verwunderung sämmtlicher Gäste und zu Benedetta's größtem Schrecken von dem Vicestatthalter in eigener Person begleitet.

Das Räthsel eines so unerwarteten Besuches ist leicht zu lösen. Vito Viti war nach Capitano Smees' Abgange von Neuem auf 'Maso's Vermuthungen zu sprechen gekommen; er erwähnte einiger geringfügigen Umstände, welche ihn während der vorhergehenden Unterredung mit dem fremden Seemanne bedenklich gemacht hatten, und war endlich so glücklich, sich selbst den früher gehegten Verdacht, und eben damit auch dem Vicestatthalter seinen Argwohn wieder einzureden. Keiner von Beiden war übrigens seiner Sache so recht eigentlich gewiß, und als daher der Podesta zufällig seiner Verabredung mit dem Lootsen erwähnte, so beschloß Andrea, ihn zu begleiten, um das fremde Fahrzeug in eigener Person zu visitiren.

Beide Würdenträger waren in ihre Mäntel gehüllt – ein Umstand, der bei der kühlen Nachtluft, die sogar mitten im Sommer an der Küste herrschte, keineswegs ungewöhnlich war, und ihnen zugleich das Mittel zu einer Verkleidung bot, wie ihre besonderen Verhältnisse sie wünschenswerth machten.

»Der Herr Vicestatthalter!« rief Benedetta beinahe kreischend, indem sie zuerst einen Stuhl und dann die Tafel abstäubte, und ersteren gleichsam mechanisch dem Tische näher rückte, wie wenn alle ihre Gäste nur eines einzigen Beweggrundes halber ihre Schwelle überschreiten könnten. – »Eure Eccellenza sind höchlich willkommen – es ist dieß eine Ehre, die ich mir wohl öfter erbitten könnte. Wir sind zwar nur gemeine Leute hier unten in der Stadt, dabei aber, wie ich hoffe, doch eben so gute Christen, wie wenn wir oben auf dem Hügel lebten.«

»Ohne Zweifel, würdige Bettina –«

»Mein Name ist Benedetta, Eurer Eccellenza aufzuwarten – Benedettina, wenn's dem Herrn Vicestatthalter so besser gefällt; aber nicht Bettina. Wir halten viel auf unsere Namen hier unten am Wasser, Eccellenza.«

»So laßt's denn gut sein, würdige Benedetta, ich zweifle auch gar nicht, daß ihr treffliche Christen sein mögt. – Eine Flasche von Eurem Wein, wenn's Euch gefällig ist.«

Die Wirthin machte in der Dankbarkeit ihres Herzens einen tiefen Knix, und der triumphirende Blick, den sie den übrigen Gästen zuwarf, mochte als entscheidende Beschwichtigung des Streites gelten, der bei der Ankunft der beiden Würdenträger im Entstehen gewesen war. Er machte der Streitfrage wegen des Weins mit einem Male ein Ende, und brachte die Krittler für immer zum Schweigen. Wenn sogar der Vicestatthalter von ihrem Weine trinken konnte, wie dürfte da noch ein Matrose darüber zu schimpfen wagen?

»Mit tausend Freuden, Eccellenza,« fuhr Benedetta fort, indem sie die Flasche auf den Tisch stellte, nachdem sie zuvor mit eigener fester Hand Pflaster und Oel abgenommen hatte. Sie hatte sich von jeher für besondere Veranlassungen ein halbes Dutzend Flaschen reinen, duftenden Toskanerweines gehalten, was sie wohl thun konnte, da die halbe Gallone doch nur etwa einen Paolo kostete. – »Millionen Mal willkommen, Eccellenza. Dieß ist eine Ehre, welche der Santa Maria degli Venti alle hundert Jahre nur einmal zu Theil wird, und auch der Signor Podesta haben bis auf den heutigen Tag nur ein einziges Mal Muße gefunden meine arme Thüre durch dero Gegenwart zu beschatten.«

»Wir Junggesellen« – der Podesta gehörte nämlich so gut wie der Vicestatthalter diesem Orden an – »wir Junggesellen dürfen es nicht wagen, uns öfter in Gesellschaft so munterer Wittwen, wie Ihr, sehen zu lassen, deren Schönheit durch die Jahre eher zu- als abgenommen hat.«

Dieß hatte eine kokettirende Antwort zur Folge. Andrea Barrofaldi hatte sich unterdessen überzeugt, daß sich der Wein ohne Schaden für seine Gesundheit trinken ließ, und begann nun, die vier Matrosen, die in ehrerbietigem Schweigen an dem andern Tische saßen, genau zu mustern. Sein Zweck war vorerst, zu erfahren, in wie weit er sich durch seine Anwesenheit an einem solchen Orte, wo sein Besuch doch wohl nur einem einzigen Beweggrunde zugeschrieben werden konnte – kompromittirt haben mochte. 'Maso kannte er als den ältesten Lootsen des Platzes; auch Daniele Bruno war ihm halb und halb bekannt; die beiden andern Seeleute aber waren ihm gänzlich fremd.

»Fragt erst einmal, ob hier lauter Freunde und würdige Unterthanen des Großherzogs beisammen sind,« bemerkte Andrea Barrofaldi leise gegen Vito Viti.

»Hörst du, 'Maso?« fragte der Podesta. »Kannst du für alle deine Kameraden garantiren?«

»Für jeden, Signore: dieser hier ist Daniele Bruno; sein Vater fiel in der Schlacht gegen die Algierer Corsaren, seine Mutter war die Tochter eines Seemanns, der auf Elba ebensogut bekannt war, wie –«

»Wir bedürfen keiner weiteren Details, Tommaso Tonti,« fiel der Vicestatthalter ein; »es genügt, wenn du all' deine Gefährten als ehrliche Leute und treue Diener ihres Souverains rühmen kannst. – Ihr kennt wohl ohne Zweifel die Absicht, welche den Signor Vito und mich selbst diese Nacht hieher geführt hat?«

Die Matrosen schauten einander an, wie ungebildete Leute es gewöhnlich machen, sobald sie eine Frage zu beantworten haben, welche mehrere zugleich angeht, wobei sie dann in der Regel ihrer Unschlüssigkeit durch einen Aufruf an die Sinne zu Hilfe zu kommen suchen. Endlich übernahm Daniele Bruno das Amt des Sprechers.

»Signore – Eure Eccellenz – wir glauben, wir wissen's,« gab der Mann zur Antwort. »Unser Kamerad 'Maso hier gab uns zu verstehen, wie er vermuthe, daß der Engländer, der in der Bai vor Anker liegt, gar kein Engländer, sondern entweder ein Seeräuber oder ein Franzose sei. Die gebenedeite Maria möge uns behüten; aber in diesen unruhigen Zeiten wäre es so ziemlich einerlei, welches von beiden er auch sein möchte.«

»Nun, das will ich gerade nicht behaupten, mein Freund: denn als der Eine wäre er ein Auswurf der menschlichen Gesellschaft, während er in der zweiten Eigenschaft wenigstens noch die Schutzrechte der Diener civilisirter Nationen genöße,« erwiederte der gewissenhafte und streng rechtliche Beamte. »Es gab allerdings eine Zeit, wo seine kaiserliche Majestät, der Kaiser und Höchstdessen glorreicher Bruder, unser Souverain, der Großherzog – die republikanische Regierung in Frankreich nicht als gesetzmäßiges Regiment anerkannten: das Kriegsglück hat aber diese Zweifel gehoben und ein Friedensschluß das Gegentheil bestätigt. Seit der letzten Allianz ist es unsere Schuldigkeit, alle Franzosen als unsere Feinde zu betrachten; doch folgt daraus noch keineswegs, daß wir sie darum für Seeräuber ansehen sollen.«

»Aber ihre Kaper nehmen alle unsere Fahrzeuge weg, Signore, und behandeln deren Bemannung nicht anders, als ob sie Hunde wären; dann, sagt man mir, sollen sie auch keine Christen – ja nicht einmal Lutheraner oder Ketzer sein!«

»Daß die Religion jetzt eben nicht in Blüthe bei ihnen steht, ist wahr,« versetzte Andrea, der sich über solche Gegenstände so gerne besprach, daß er selbst zu dem Bettler, dem er ein Almosen reichte, hingestanden wäre, um mit ihm über Religion oder deren Gebräuche zu disputiren, wenn er anders von Letzterem dazu aufgemuntert worden wäre – »doch steht es in Frankreich in diesem wichtigen Punkte jetzt nicht mehr so schlimm als früher, und wir dürfen hoffen, daß es mit der Zeit noch besser kommen wird.«

»Aber, Signor Vicestatthalter,« warf 'Maso ein, »das Volk hat ja doch den heiligen Vater und seine Staaten auf eine Art behandelt, wie man mit keinem Ungläubigen oder Türken umgehen würde!«

»Ja, ja, so ist's, Signore,« bemerkte Benedetta; »eine arme Frau kann ja nicht einmal mehr in die Messe gehen, ohne durch den Gedanken an das Unrecht, das dem Haupte der Kirche zugefügt worden ist, in ihrer Andacht gestört zu werden. Wäre dieß Alles von den Lutheranern ausgegangen, so hätte man es noch eher ertragen können; aber sie sagen doch, die Franzosen seien früher lauter gute Katholiken gewesen!«

»Das waren die Lutherani auch, schöne Benedetta, mitsammt dem deutschen Mönche, ihrem Hauptketzer und Anführer.«

Diese Belehrung erregte Erstaunen, und selbst der Podesta warf einen fragenden Blick nach seinem Vorgesetzten, als ob er seine Verwunderung darüber ausdrücken wollte, daß ein Protestant jemals etwas Anderes als Protestant – oder vielmehr ein Lutheraner noch sonst etwas als ein Lutheraner – sollte gewesen sein können; denn das Wort »Protestant« war zu bezeichnend, um überhaupt bei Leuten, welche jeden triftigen Grund zu einer Protestation von je abläugnen, in Gunst stehen zu können. Daß Luther jemals ein römisch-katholischer Christ gewesen sein sollte, erschien selbst in Vito Viti's Augen als baares Wunder.

»Signore, Ihr werdet doch diese ehrlichen Leute in einer so ernsten Sache nicht irre leiten wollen!« rief der Podesta.

»Ich spreche blos die Wahrheit, und nächster Tage sollt Ihr die ganze Geschichte von mir hören, Nachbar Viti. Die Sache ist wohl werth, daß ihr Jeder eine freie Stunde widme, und überdieß ist sie für einen Christen höchst nützlich und erbaulich. – Wen habt Ihr denn aber da unten, Benedetta? Ich höre Tritte auf der Treppe, und wünsche nicht, gesehen zu werden.«

Die Wittwe ging augenblicklich ihren neuen Gästen entgegen, um sie in eines der gewöhnlichen Zimmer im Erdgeschoß zu weisen: diese kamen jedoch ihrer Bewegung zuvor, denn im nächsten Augenblick ging die Thüre auf und ein Mann zeigte sich auf der Schwelle. Es war jetzt zu spät, um ein Eindringen desselben zu verhindern, und das Erstaunen über die Erscheinung des neuen Ankömmlings hielt alle Anwesenden eine Minute lang in tiefem Schweigen gefesselt.

Der Mann, der, seinem Gehöre folgend, auf diese Art Benedetta's Allerheiligstes betreten hatte, war Niemand anders als Ithuel Bolt, der amerikanische Matrose, dessen wir im Eingange dieses Kapitels bereits gedacht haben. Er war von einem Genueser begleitet, der ihm in der gedoppelten Eigenschaft eines Dolmetschers und wackern Zechgenossen folgte.

Damit übrigens der Leser den Mann, von dem sich's hier handelt, besser kennen lernen möge, wird es wohl nöthig sein, eine kleine Abschweifung zu machen, und ihm eine kurze Skizze der Geschichte, so wie der Persönlichkeit und der Eigenthümlichkeiten des erstgenannten Individuums zu entwerfen.

Ithuel Bolt war in demjenigen Theile der Vereinigten Staaten geboren, den man gewöhnlich nur den Granitstaat So wird die Provinz New-Hampshire unter dem Volke genannt.
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nennt. Wenn er auch nicht geradezu und durchaus aus der fraglichen Steingattung geformt schien, so war doch ein solcher Mangel an den gewöhnlichen Symptomen von Gefühl an ihm zu bemerken, daß viele seiner Bekannten, besonders seine französischen Freunde, sich zu der Behauptung verleiten ließen, er trage ein gut Theil mehr Marmor in seiner Brust, als dem Menschen für gewöhnlich von diesem Materiale zum Antheil beschieden sei.

Die Umrisse seiner Gestalt verriethen einen kräftigen Körperbau, nur fehlte es derselben gänzlich an allem ausfüllenden Stoffe. Bei ihm war das Knochensystem vorherrschend; dann kamen zunächst seine Sehnen in Betracht, und auch was Muskeln betraf, war der Mann nicht leer ausgegangen, nur waren diese Letzteren auf eine Weise vertheilt, daß er, von welcher Seite man ihn auch sehen mochte, nichts als Ecken und Winkel darbot. Selbst Daumen und Finger waren bei ihm mehr viereckig als rund, und besonders sein bloßer Nacken, der nur leicht mit einem schwarzseidenen Halstuche umschlungen war, hatte, mit Hintansetzung aller Grazie und Symmetrie, so ziemlich die Gestalt eines Fünfecks. Seine Figur maß vollauf sechs Fuß und einen Zoll, wenn er sich zu seiner ganzen Höhe aufrichtete, was von Zeit zu Zeit geschah, wie es schien, um sich von der gebückten Haltung seiner Schultern, die bei ihm zur hartnäckigen Gewohnheit geworden war, in etwas zu erholen: in letztgenannter Stellung dagegen, die bei ihm die üblichste war, erschien er um ein bis zwei Zolle kürzer, als sein eigentliches Maaß betrug. Sein Haar war schwarz, die Hautfarbe dunkelbraun: es schienen sich nämlich bei ihm in Folge eines fortwährenden Lebens im Freien mehrere Färbungen von Braun auf einander geschichtet zu habe, obwohl sein Teint ursprünglich recht hübsch gewesen sein mußte. Seine Gesichtszüge waren regelmäßig, die Stirne breit und voll, der Mund sogar wahrhaft hübsch. Dieses sonderbare Gesicht wurde durch zwei scharfblickende, rastlose, glänzende Augen belebt, welche nicht sowohl Flecken in der Sonne als vielmehr zwei Sonnen auf einem Fleck ähnlich sahen.

Ithuel hatte all' die gewöhnlichen Wechselfälle in dem Leben eines Amerikaners durchgemacht: höchstens daß die Laufbahnen, welche man in der Regel auf die Klasse der Gentlemen beschränkt glaubt, ihm bis jetzt noch fremd geblieben. Er war Pächtersjunge, Druckereiteufel, Schulmeister, Kutscher und Hausirer gewesen – Alles, ehe er jemals die See gesehen hatte. Unter dem Namen von »Hausarbeiter« hatte er alle erdenklichen Verrichtungen der häuslichen Oekonomie durchgemacht, hatte selbst beim Waschen und Auskehren Dienste geleistet, und einen ganzen Winter lang seine Abende mit Besenbinden ausgefüllt.

So hatte Ithuel sein dreißigstes Jahr erreicht, ehe er im Traume daran gedacht hätte, auf die See gehen zu wollen. Ein Zufall gab endlich dieser Lebensweise in seinen Augen den Vorzug, und er ließ sich auf seiner ersten Reise auf einem Küstenfahrer als Maat Steuermann.
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anwerben. Zum Glück konnte der Schiffskapitän bei Ithuels ruhigem, zuversichtlichem Wesen niemals entdecken, daß dieser ein völliger Neuling in seiner Kunst war, denn kaum hatten sie den Hafen, aus dem sie absegelten, hinter sich, als Ersterer von der großen Leesegelspiere über Bord geschleudert wurde und ertrank.

Die meisten Menschen wären wohl unter solchen Umständen wieder umgekehrt: Ithuel aber war nicht gewöhnt, seine Hand an den Pflug zu legen und rückwärts zu schauen – überdieß war ihm eine Laufbahn so leicht wie die andere. Was er auch unternehmen mochte – es mußte auf eine oder die andere Art ausgeführt werden; freilich wäre es oft weit besser gewesen, wenn er in der und jener Sache jeden Versuch unterlassen hätte.

Zu allem Glück war es gerade Sommer, der Wind gut und die Mannschaft der Art, daß sie nur weniger Anweisung bedurfte, und da sich's ganz von selbst verstand, daß der Schooner immer in gewohnter Richtung fortsteuerte, bis man endlich in dem bestimmten Hafen ankam – so langte er auch glücklich daselbst an, und die Schiffsmannschaft schwur, der neue Maat sei der lustigste und gescheidteste Steuermann, mit dem sie noch jemals gefahren seien.

Sie durften dieß auch mit allem Rechte behaupten, denn Ithuel war vorsichtig genug, nie früher einen Befehl zu ertheilen, als bis er einen oder den andern unter den Matrosen darauf anspielen hörte; dann verfehlte er aber auch nie, ihn Wort für Wort gerade so zu fassen, als ob er von ihm selbst ausgegangen wäre. Was vollends den Ruf des »gescheidtesten« Offiziers betrifft, den er auf so leichte Art erworben hatte, so darf man ja nicht vergessen, daß dieser Ausdruck in einem Sinne gebraucht wurde, der in dem Theile der Welt, aus welchem Ithuel abstammte, am meisten üblich ist. In diesem Sinne war er nämlich in demselben Maaße »gescheidt«, als er »unwissend« war.

Sein guter Erfolg bei dieser Gelegenheit gewann ihm Freunde, und er wurde unmittelbar darauf abermals als wirklicher Kommandant des Schiffes abgesendet, auf dem er seine erste Anstellung erhalten hatte. Jetzt warf er die ganze Verantwortlichkeit auf den Steuermann, zeigte sich aber dabei so rasch im Auffassen und Erlernen, daß er nach Verfluß von sechs Monaten ein weit besserer Seemann war, als die meisten Europäer in drei Jahren geworden wären.

Doch »der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht«, und so geschah es auch Ithuel; in Folge seiner gänzlichen Unwissenheit in Allem, was höhere Schifffahrtskunde betraf, mußte er endlich Schiffbruch leiden. Dieß veranlaßte ihn, in einer untergeordneteren Stellung eine neue Reise zu unternehmen, bis er endlich im Verlaufe der Zeit von dem Kommandanten einer englischen Fregatte gepreßt wurde, der so viele Leute durch das gelbe Fieber verloren hatte, daß er alle Matrosen, wo er nur deren habhaft werden konnte, aufgriff, und selbst Ithuel in einem solchen Nothfalle nicht verschmähte.

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