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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Zweites Kapitel

Ein paar französ'sche Phrasen – das war Alles,
Was er gelernt für seine ferne Reise:
Und so, gehorsam seines Herrn Befehlen,
Versucht der Junge denn die fremde Weise.

Cowper.

 

Es war mittlerweile beinahe völlig dunkel geworden, und die Menge, welche nunmehr ihre müssige Neugierde befriedigt hatte, begann sich allmählig zu zerstreuen. Signor Viti blieb bis zuletzt, denn in solchen unruhigen Zeiten, das fühlte er wohl, forderte die Pflicht von ihm, auf seiner Hut zu sein; bei all' seiner geräuschvollen Thätigkeit war es aber seiner Wachsamkeit dennoch entgangen und auch seine emsig fortgesetzten Beobachtungen wollten ihm nichts davon entdecken – daß der Fremdling, der mit so vieler Zuversicht in die Bai hereingesteuert war, seinen Ankerplatz auf einem Punkt gewählt hatte, wo nicht eine einzige Kugel von den Batterien ihn erreichen konnte, während er selbst, wenn er anders zu Feindseligkeiten geneigt gewesen wäre, den ganzen kleinen Hafen hätte bestreichen können. Das machte aber – Vito Viti war zwar ein enthusiastischer Verehrer, aber nichts weniger als ausübender Kenner der Schießkunst, und mochte sich nicht gerne mit der Wirkung von Kugeln befassen, den einzigen Fall ausgenommen, wenn dieselbe nicht auf ihn selbst, sondern auf Andere berechnet war.

Von all' den neugierigen, zum Theil wohl auch ängstlichen und Schlimmes witternden Zuschauern, welche sich seit dem Augenblicke, da die Absicht des Luggers, in die Bai hereinzusteuern, bekannt geworden – im Hafen und in dessen Nähe versammelt hatten, blieben Ghita und 'Maso allein am Strande zurück, nachdem das Schiff vor Anker gegangen war. Der Lugger war von den Beamten, welche das Quarantaine-Gesetz – diesen mächtigen, physischen wie moralischen Popanz des mittelländischen Meeres – aufrecht zu erhalten hatten, laut angerufen und die vorgelegten Fragen auf eine Art beantwortet worden, welche für den Augenblick alle weiteren Zweifel beseitigte.

»Woher kommt Ihr?« lautete die Frage, welche im italienischen Provinzialdialekt gestellt wurde.

»Aus England, mit Berührung von Lissabon und Gibraltar,« lautete die Antwort, welche glücklicherweise lauter Orte enthielt, welche, was die Pest betraf, von jedem Verdachte frei waren und eben damals sehr günstige Gesundheitstabellen aufzuweisen hatten.

Nur der Name des Fahrzeugs schien von der Art, daß sich alle Kenner der englischen Sprache, deren Porto Ferrajo sich rühmen konnte, vergeblich die Köpfe darüber zerbrachen. Er war zwar von einem der an Bord Befindlichen deutlich genug angegeben worden; aber das Quarantaine-Personal hatte auf seine Frage:

» Come chiamate il vostro bastimentoWie nennt ihr euer Fahrzeug?
D. U.
immer wieder und zu drei verschiedenen Malen die Antwort erhalten:

» The Wing and Wing

» Come

» The Wing and Wing

Eine lange Pause folgte; die Beamten steckten die Köpfe zusammen, um vorerst die Worte, die sie gehört, mit denen, wie ihre Gefährten sie vernommen, zu vergleichen, und dann einen Einwohner, welcher das Englische zu verstehen vorgab, dessen Kenntniß aber nur so weit reichte, als dieß bei einem Sprachkundigen in einem wenig besuchten Hafen gewöhnlich der Fall ist – um die Bedeutung derselben zu befragen.

» Ving-y-Ving!« brummte dieser Dolmetscher, der sich in keiner kleinen Verlegenheit befand, »was zum Teufel ist das für ein sonderbarer Name! Fragt sie doch noch einmal!«

» Come si chiama la vostra barca, Signori InglesiWie ist der Name ihres Schiffes, meine englischen Herren?
D. U.
wiederholte Derjenige, der zuerst angerufen hatte.

» Diable!« fluchte Einer auf Französisch, »es heißt the Wing and Wing; Ala e Ala Dieß ist die wörtliche italienische Uebersetzung von Wing and Wing – »Flügel und Flügel«, oder »Doppelflügler«.
D. U.

» Ala e Ala!« wiederholten die Quarantaine-Beamten, sahen einander erstaunt in's Gesicht und lachten, wiewohl noch immer etwas verlegen und zweifelhaft – » Ving-y-Ving!«

Diese Scene ereignete sich, eben als der Lugger seinen Anker auswarf und die Menge sich zu zerstreuen anfing. Das Ganze verursachte nicht wenig Gelächter, denn bald verbreitete sich in dem Städtchen das Gerücht, es sei so eben ein Fahrzeug aus England angelangt, das in der Sprache jener Inselbewohner – Ving-y-Ving – auf Italienisch – Ala e Ala – heiße – ein Name, der Allen, die ihn hörten, ausnehmend abgeschmackt vorkam.

Zur Bestätigung der Thatsache zeigte der Lugger übrigens an dem Ende seiner großen Raa eine kleine viereckige Flagge, auf welcher, wie man dieß zuweilen in Wappenbüchern findet, zwei große Flügel mit einem Hahnenschnabel in der Mitte gemalt oder eingewirkt waren. Das Ganze hatte viel Aehnlichkeit mit dem Aeußern eines Cherubs, wie die menschliche Einbildungskraft sich diese himmlischen Wesen zu denken gewohnt ist, und schien auch die Beobachter am Strande vollkommen zu befriedigen, welche allzu wohl mit Kunstgebilden vertraut waren, um nicht zuletzt doch noch einen ziemlich deutlichen Begriff von dem, was » Ala e Ala« zu bedeuten habe – zu erhalten.

Wie schon gesagt, waren 'Maso und Ghita, selbst nachdem die Andern sich zum Abendessen nach Haus verfügt hatten, allein am Ufer zurückgeblieben. Der Lootse – denn so wurde Tonti gewöhnlich genannt, weil er, als ein mit der Küste wohl vertrauter Seemann, auf den verschiedenen Fahrzeugen, worauf er diente, vornehmlich dieses Amt versah – behauptete seinen Posten am Bord einer Felucke, zu welcher er gehörte, und bewachte die Bewegungen des Luggers; das Mädchen aber hatte, wie es ihrem Geschlechte geziemte, ihren Standpunkt auf dem Quai so gewählt, daß sie mit den rohen Matrosen im Hafen nicht in Berührung kommen, und doch Alles bemerken konnte, was mit dem »Doppelflügler« vorging.

Es verstrich übrigens mehr als eine halbe Stunde, ehe irgend ein Zeichen sichtbar wurde, das die Absicht zu landen verrathen hätte; erst als es völlig dunkel war, wurde auf dem Lugger ein Boot ausgesetzt, das man gegen die gewöhnliche Hafentreppe heranrudern sah, wo einige Mauthbeamte zu seinem Empfange bereit standen.

Es ist eben nicht nöthig, uns bei den Förmlichkeiten dieser Offizianten länger aufzuhalten. Die lästigen Menschen hatten Laternen bei sich, und waren, wie gewöhnlich, sehr aufmerksam bei der Untersuchung der Papiere; es schien aber, daß der im Boote befindliche Fremde Alles in Ordnung hatte, denn nach kurzem Aufenthalte wurde ihm die Landung gestattet.

In diesem Augenblicke ging Ghita nahe an der Gruppe vorüber, indem sie Gesicht und Gestalt des Fremden scharf in's Auge faßte; sie selbst war so dicht in einen Mantel gehüllt, daß ein Erkennen ihrer Person sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gewesen wäre. Das Mädchen schien mit dem Resultate ihrer Untersuchung zufrieden, denn unmittelbar darauf war sie verschwunden.

Nicht so 'Maso, denn dieser hatte sich unterdessen von der Felucke herbeigemacht, und gelangte noch zeitig genug zu der Treppe, um mit dem Fremden ein Wort zu sprechen.

»Seine Excellenz, der Podesta,« begann der Lootse, »hat mir aufgetragen, Euch zu sagen, Signore, daß er in seinem Hause der Ehre Eures Besuches harre; dasselbe ist ganz in der Nähe, in der Hauptstraße der Stadt, so daß es Euch nur Vergnügen machen kann, dahin zu lustwandeln; ich weiß, daß es ihn sehr verdrießen würde, wenn er nicht so glücklich wäre, Euch bei sich zu sehen.«

»Seine Excellenz ist ein Mann, den man nicht verdrießlich machen darf,« antwortete der Fremde in sehr gutem Italienisch; »die nächsten fünf Minuten sollen ihm beweisen, wie sehr mir daran gelegen ist, ihm meine Achtung zu beweisen.«

Mit diesen Worten wandte er sich an die Mannschaft seines Boots und befahl ihnen, nach dem Lugger zurückzukehren und wohl auf das Signal Acht zu geben, das sie vielleicht an den Strand zurückführen könnte.

Während 'Maso dem Fremden den Weg nach Vito Viti's Wohnung zeigte, konnte er sich nicht enthalten, in der Hoffnung, daß hierdurch einige Zweifel, die ihn beunruhigten, beseitigt werden könnten – verschiedene Fragen an denselben zu richten.

»Seit wann, Signor Capitano,« fragte er, »habt ihr Engländer euch zu der Segelweise der Lugger bekehrt? Für Euer einen ist dieß doch eine ganz neue Takelage?«

» Corpo di Bacco!« gab der Andere lachend zur Antwort, »wenn Ihr mir auf's Haar hin den Tag bestimmen könnt, wo Branntwein und Spitzen zum ersten Mal aus Frankreich nach meinem Vaterlande eingeschmuggelt wurden, dann, mein Freund, will ich Euch Eure Frage beantworten. Mir scheint, Ihr seid auf Euren Seefahrten wohl niemals so weit nördlich gekommen, daß Ihr die Bai von Biscaya oder den brittischen Kanal gesehen hättet, sonst müßtet Ihr wissen, daß ein Guernsey-Bewohner mit dem Takelwerke eines Luggers weit besser als mit dem eines größeren Schiffes vertraut ist.«

»Guernsey ist ein Land, von dem ich noch niemals gehört habe,« versetzte 'Maso in seiner Einfalt – »hat es etwa Verwandtschaft mit Holland – oder gar mit Lissabon?«

»Mit keinem von beiden. Guernsey ist eine ehemals französische Besitzung, welche die Engländer aber schon vor mehreren hundert Jahren erobert haben. Es ist eine Insel, die dem König Georg gehört, die aber in Sprache und Sitten immer noch halb gallisch ist, wie denn ein größerer Theil ihrer Bewohner noch französisch spricht. Dieß ist der Grund, warum wir die Lugger den Kuttern vorziehen, welch' letztere mehr die englische Takelage führen.«

'Maso schwieg, denn diese Antwort hatte in der That die mancherlei Besorgnisse, welche er hegte, mit einem Male zerstreut. Er hatte an dem fremden Fahrzeuge so Vieles wahrgenommen, was ihm als Französisch aufgefallen war, daß allerhand Zweifel über dessen wahren Charakter in ihm aufgestiegen waren; jetzt aber fühlte er, wenn anders die Angabe des Kapitäns sich bestätigen sollte, jedes Mißtrauen beseitigt, denn was war wohl natürlicher, als daß ein Fahrzeug, das auf einer ursprünglich französischen Insel ausgerüstet worden, auch einige von den Eigenthümlichkeiten des Volkes, welches dasselbe erbaut, an sich tragen mußte?

Der Podesta war zu Haus und erwartete seinen Besuch. 'Maso wurde zuerst zu einer geheimen Unterredung zugelassen, während deren der Fremde in dem Vorzimmer allein blieb. Der Lootse theilte seinem Herrn in dieser kurzen Besprechung alles mit, was er zu sagen hatte – seine Verdachtsgründe, wie auch die anscheinende Lösung des Räthsels. Nachdem dieß vorüber war, verabschiedete er sich und erhielt einen Paolo Ein Geldstück im Werthe von etwa 12 Kreuzern.
D. U.
zur Belohnung.

Vito Viti empfing sodann seinen Gast in dem Vorzimmer; da aber noch keine Lichter aufgestellt waren, so blieb es so dunkel, daß Keiner von Beiden die Gesichtszüge des Andern unterscheiden konnte.

»Signor Capitano,« bemerkte der Bürgermeister, »der Vice-Statthalter befindet sich in seinem Palaste auf dem Hügel, und wird von mir die Aufmerksamkeit erwarten, daß ich Euch zu ihm bringe, um Euch selbst die Honneurs des Hafens erweisen zu können.«

Der Podesta brachte diese Einladung, welche schon an und für sich durchaus vernünftig und den bestehenden Gebräuchen gemäß war, mit einer Artigkeit vor, gegen welche der Fremde nichts einzuwenden hatte. So verließen sie denn Beide die Wohnung des Bürgermeisters und gingen nach dem Palaste des Statthalters – einem Gebäude, das seitdem als die Wohnung eines Kriegers, der zu seiner Zeit fast ganz Europa unterjochte, berühmt geworden ist.

Vito Viti war ein kurzes, engbrüstiges Männchen, und brauchte eine ziemliche Zeit, um die treppenähnlichen Straßen hinanzusteigen; sein Gefährte dagegen schritt über die Terrassen mit einer Raschheit, einer Leichtigkeit, welche ihn schon an sich selbst als einen jungen Mann erscheinen ließen, wenn dieß auch nicht aus seiner Miene und Haltung überhaupt, so viel man in der Dunkelheit davon erkennen konnte – hervorgegangen wäre.

Andrea Barrofaldi, der Vicestatthalter, gehörte zu einer ganz anderen Gattung von Leuten, als sein Freund, der Bürgermeister. Er besaß freilich nicht viel mehr Lebenserfahrung und Weltkenntniß, als dieser, war dagegen sehr belesen und hatte mehrere brauchbare Werke geschrieben, die zwar in Beziehung auf Geist in keinem großen Rufe standen, dafür aber in ihrer Art recht nützlich waren und eine tüchtige Gelehrsamkeit verriethen – ein Umstand, dem er überhaupt seine jetzige Stelle verdankte.

Es gehört zu den Seltenheiten, wenn ein bloßer Gelehrter auch für das öffentliche Leben tauglich ist, und doch geben sich fast alle Regierungen den Schein, als ob sie die Wissenschaft beschützten: ganz besonders ist dieß bei solchen der Fall, welche sich im Allgemeinen um Literatur so wenig bekümmern, daß es wohl einiger Versicherungen von Achtung für dieselbe bedarf, um ihren Charakter nicht darunter leiden zu lassen. Dieß ist der Grund, warum wir auch in den Vereinigten Staaten, wo die Gesetze sich der Rechte und Interessen der gelehrten Stände so wenig annehmen, daß sie dieselben sogar bei der Ausübung ihres Berufes allerhand lästigen Abgaben unterwerfen, von denen sich eine andere christliche Nation kaum etwas träumen läßt – so manche hochtrabenden Ansprüche auf den Ruhm einer solchen Bildung vernehmen, trotzdem, daß das System der Belohnungen und Strafen Es wird in den amerikanischen Journalen so Vieles über den Schutz gesprochen, welchen das Publikum den Wissenschaften angedeihen lasse – einen Schutz, der sich so ziemlich darauf beschränkt, daß der Leser solche Werke kauft, die er gerade nöthig hat, diejenigen dagegen, deren er nicht bedarf, unbeachtet liegen läßt – daß man dadurch unwillkürlich an die Anekdote jener kreolischen Pflanzerin erinnert wird, welche einst im Kreise ihrer Freunde ihre Ansichten über die Behandlung der Neger preisgab. »Wenn man mit Negern fertig werden will,« meinte sie, »so muß man nach einem gewissen Systeme verfahren. Ich habe ein solches System; es besteht im richtigen Belohnen und Strafen. › Mes amis‹, begann sie dann, an ihre Neger sich wendend, um ihren Freunden die Wirkung ihres Systems deutlich zu machen, › mes amis, morgen wird wohl das Zuckerrohr reif sein, und da müßt ihr tüchtig arbeiten. Ihr kennt mich – ihr kennt mein System – es ist das System der Belohnung und Strafe. Wollt ihr nicht arbeiten, so werdet ihr gepeitscht – das ist die Strafe; wenn ihr aber sehr fleißig, – wohl verstanden, sehr fleißig arbeitet, dann werdet ihr nicht gepeitscht – das ist die Belohnung!‹«, das allgemein vorherrscht, vor Allem verlangt, daß Derjenige, der dessen Wohlthaten genießt, zuerst allerhand närrische Proben ablegen soll, um seine Tauglichkeit für ein Amt zu beweisen.

Andrea Barrofaldi hatte keinen ähnlichen politischen Purzelbaum gemacht, und war demgemäß sogar ohne die schönklingende Phrase – »er habe nie darnach verlangt« – zu seinem Amte gekommen. Er hatte seinen jetzigen Posten erhalten, ohne daß in den toskanischen Journalen eine Sylbe davon erwähnt worden wäre, »wie er gegründete Zweifel in sich hege, ob er denselben auch annehmen dürfte«; man ging dabei so offen und einfach zu Werke, wie dieß immer der Fall sein wird, wenn Ehrlichkeit und Vertrauen die Grundlage des Verfahrens bilden, ohne daß von einer Anmaßung, und noch weniger von Bemerkungen darüber die Rede gewesen wäre.

Er bekleidete sein Amt nun schon seit zehn Jahren, und hatte während dieser Zeit eine ausnehmende Geschicklichkeit in Ausübung der gewöhnlichen Dienstverrichtungen seines Postens erlangt, dessen Pflichten er stets mit Treue und Eifer nachkam. Doch war er dabei seinen geliebten Büchern keineswegs untreu geworden, und eben in dem Augenblick, mit dem wir die folgende Scene eröffnen, hatte Signor Barrofaldi – für den zu verhandelnden Gegenstand ein sehr gelegenes Thema – einen ausgedehnten, tief eindringenden Kursus im Studium der Geographie beendigt.

Der Fremde wurde im Vorzimmer zurückgelassen, während Vito Viti in das innere Gemach eintrat und mit seinem Freunde, dem Vicestatthalter, eine kurze Unterredung pflog. Sobald diese zu Ende war, kehrte Ersterer zurück, um seinen Gefährten dem Stellvertreter eines Großherzogs, wenn nicht gar eines Königs vorzustellen.

Es war an dem heutigen Abende das erste Mal, daß der unbekannte Seemann in eine Beleuchtung trat, welche seine Gestalt deutlich unterscheiden ließ, und sobald die Strahlen einer hellen Lampe ihnen erlaubten, ihre Untersuchung zu beginnen, waren auch die Blicke beider Beamten mit lebhafter Neugierde auf den Fremden gerichtet. In einer Beziehung wenigstens fühlte sich keiner von Beiden getäuscht, denn Gesicht, Gestalt und Aussehen des Seemannes übertrafen sogar noch ihre Erwartungen.

Der Fremde war ein Mann von sechsundzwanzig Jahren und maß gewiß seine vollen sechs Fuße; seine Gestalt war ein wahres Musterbild männlicher Schönheit, und sein muskulöser Gliederbau ließ auf entsprechende Stärke schließen. Er trug die Alltagsuniform eines Seemanns, zeigte aber dabei eine Zierlichkeit und Eleganz, welche einem jeden Anderen, als Andrea Barrofaldi, der solche Dinge mehr aus Erfahrung als aus Büchern gewußt hätte – sogleich aufgefallen wäre, da sie der männlichen Einfachheit der Engländer im Anzug gänzlich fremd war. Auch seine Gesichtszüge hatten mit dem Typus jener Insulaner nicht die mindeste Aehnlichkeit, denn sein Profil zeigte, besonders um Mund und Kinn, eine wahrhaft klassische Schönheit; seine Wangen hatten keine Spur von Roth, und sein Teint war eher dunkelbraun. Das Auge war kohlschwarz, und sein Gesicht bis zur Hälfte von einem Backenbarte bedeckt, dessen Farbe mit der Schwärze eines Rabenfittichs wetteiferte.

Sein Gesicht, als ein Ganzes betrachtet, war ausnehmend schön; übrigens ist das Wort – schön – nicht bezeichnend genug, um den ganzen Charakter einer Gesichtsbildung auszudrücken, bei welcher das Bild irgend einer Antike als Modell gedient zu haben schien; besonders war dieß der Fall, wenn seine Züge von einem eigenthümlichen Lächeln erheitert wurden, welches sein Antlitz zuweilen fast eben so bezaubernd, wie das eines lieblichen Mädchens machte. Uebrigens war in der ganzen Erscheinung des jugendlichen Fremden durchaus nichts Weichliches zu bemerken; denn seine männliche, wenn gleich süßklingende Stimme, die gedrungene Gestalt und der feste Blick bürgten für einen kräftigen, entschlossenen Geist.

Der Vicestatthalter, wie der Bürgermeister, waren beide von den ungewöhnlichen körperlichen Vorzügen, so wie von der feinen Miene des Fremden betroffen, und selbst als die gewöhnlichen Begrüßungen vorüber waren, schauten sie ihm noch eine halbe Minute unverwandt in's Gesicht, ehe die Gesellschaft sich niedersetzte. Auf einen Wink Signor Barrofaldi's nahmen endlich alle Drei die angewiesenen Stühle ein und der Letztere eröffnete das Gespräch.

»Wie mir gemeldet wird, so haben wir die Ehre, Signor Capitano, ein Schiff aus England in unserem kleinen Hafen zu sehen,« begann der Vicestatthalter und betrachtete dabei den Andern ernsthaft durch seine Brille, indem er nicht ganz frei sogar von Mißtrauen zu sein schien.

»Dieß ist allerdings die Flagge, unter der ich zu dienen die Ehre habe, Herr Vicestatthalter,« versetzte der junge Seemann.

»Ihr seid wahrscheinlich selbst ein Engländer, Signor Capitano – wie soll ich Euren Namen in dieses Buch hier eintragen?«

»Jaques Smeet,« antwortete der Andere, indem er den Namen, der eigentlich »Jack Smith« lauten sollte, auf eine Weise betonte, welche dem Ohre eines mit der Eigenthümlichkeit der so höchst unmusikalischen englischen Aussprache Vertrauten sehr verdächtig geklungen haben würde.

»Jaques Smeet!« – wiederholte der Vicestatthalter – »das heißt in unserem Italienisch – Giacomo Jakob. –«

»Nein – nein – Signore,« fiel Kapitän Smeet hastig ein, »nicht Jaqueomo, sondern Jaques – Givoanni Johann. ist mein Name, der mit Hilfe von etwas Salzwasser in ›Jaques‹ umgewandelt wurde.«

»Aha! jetzt fange ich an, Euch zu verstehen, Signore; ihr Engländer seid dieß in eurer Sprache so gewöhnt; Ihr selbst aber habt das Wort, unsern Ohren zu Gefallen, etwas weicher ausgesprochen. Wir Italiener sind jedoch mit dieser Betonung schon vertraut und ich kenne den Namen recht wohl. – »Giac Smeet« – Capitano Giac Smeet – ich habe meinen englischen Sprachlehrer lange im Verdachte der Unwissenheit gehabt, Signore, denn dieser, ein bloßer Lootse aus Livorno, der früher auf einem englischen Kriegsschiffe diente, sprach Euren ehrbaren Namen wie ›Smees‹ aus.«

»Da hat er sehr unrecht gehabt, Signor Vicestatthalter,« antwortete der Fremde nach einem leisen Räuspern; »unsere Familie hat von jeher ›Smeet‹ geheißen.«

»Und der Name Eures Luggers, Signor Capitano Smeet?« fuhr der Andere fort, während er in Erwartung einer Antwort die Feder zum Schreiben bereit hielt.

»Der Ving and Ving,« lautete die Erwiederung, indem das W dießmal ganz anders klang, als es das erste Mal bei der Beantwortung des Anrufs ausgesprochen worden war.

»Der Ving-y-Ving,« wiederholte Signor Barrofaldi, und schrieb den Namen mit einer Geläufigkeit, welche bewies, daß er ihn nicht zum ersten Mal vernommen hatte. – »Der Ving-y-Ving; das ist ein poetischer Name, Signor Capitano; darf ich mir wohl erlauben, zu fragen, was er bedeutet?«

» Ala e ala auf Italienisch, Mister Vicestatthalter. Wenn ein Fahrzeug, wie das meine, auf jeder Seite ein Segel aufgehißt hat, so daß es einem Vogel ähnlich sieht, so sagen wir in England, es segle Ving and Ving.«

Andrea Barrofaldi schwieg fast eine Minute lang und schien nachzusinnen. Während dieser Pause bedachte er bei sich selbst, wie es doch eigentlich höchst unwahrscheinlich sei, daß ein Anderer als ein wirklicher Engländer darauf verfallen könne, seinem Schiff einen so durchaus provinziellen Namen zu geben; es erging ihm dabei wie so manchem andern Neuling in einem besonderen Zweige des Wissens, der sich durch die Schärfe seiner Kritik am häufigsten selbst betrügt.

Flüsternd theilte er hierauf diese Vermuthung seinem Freunde Vito Viti mit, wobei der Wunsch, seine eigene Gewandtheit in solchen Dingen vor dem Nachbar zur Schau zu stellen, eben nicht am wenigsten zu jener Ueberzeugung beitragen mochte. Dem Podesta war übrigens diese feine Unterscheidung seines Vorgesetzten nicht so ganz klar, doch wagte er in seiner untergeordneten Stellung keine Einwendung dagegen.

»Signor Capitano,« begann Andrea Barrofaldi von Neuem, »seit wann habt ihr Engländer die Takelage der Lugger bei euch eingeführt? Für ein so mächtiges Seevolk ist dieß, wie man mir sagt, ein höchst ungewöhnliches Fahrzeug.«

»Pah! ich sehe schon, wie die Sachen stehen, Signor Vicestatthalter – Ihr vermuthet hinter mir einen Franzmann oder Spanier oder irgend etwas Anderes, als ich Euch angegeben. Was übrigens dieses betrifft, so könnt Ihr Euch vollkommen darüber beruhigen und dürft meinen Worten vollen Glauben schenken. Mein Name ist Kapitän Jaques Smeet; mein Schiff ist der Ving-and-Ving und ich stehe in Diensten des Königs von England.«

»So ist Euer Fahrzeug ein königliches Schiff? – oder segelt es etwa in der Eigenschaft eines Kapers?«

»Sehe ich etwa einem Kaper ähnlich, Signore?« fragte Kapitän Smeet mit beleidigter Miene; »ich habe allen Grund, mich durch eine so unwürdige Zumuthung höchst beleidigt zu fühlen!«

»Verzeihung, Signor Capitano Smees – Ihr müßt aber wohl selbst einsehen, daß in so unruhigen Zeiten, wie die, in denen wir jetzt leben, unser Amt auf dieser unbeschützten Insel höchst schwierig ist. Es wurde mir von dem erfahrensten Lootsen unseres Hafens die Behauptung hinterbracht, Euer Schiff habe nicht so ganz das Ansehen eines englischen Fahrzeugs, es zeige vielmehr ziemliche Aehnlichkeit mit einem französischen Kaper; so legt mir demnach eine kluge Vorsicht die Pflicht auf, mich erst von Eurer wahren Herkunft zu überzeugen. Sind wir einmal hierüber im Reinen, so werden alle Bewohner von Elba mit einander wetteifern, Euch zu beweisen, wie sehr wir unsere erlauchten Verbündeten achten und verehren.«

»Dieß ist so vernünftig und so ganz in der Art, wie ich es selbst mache, wenn ich einem Fremden auf der See begegne, daß nur ein Spitzbube noch etwas dagegen einwenden würde,« rief der Kapitän und machte eine höchst freimüthige, einladende Bewegung mit den Armen. »Verfolgt nur ganz Euren eigenen Kurs, Signor Vicestatthalter, und sucht alle Eure Zweifel zu zerstreuen, ganz wie es Euch beliebt. – Wie wollt Ihr dieß aber anfangen? – wollt Ihr selbst an Bord des Ving-and-Ving kommen und Euch in eigener Person umsehen? – Ihr könntet auch diesen würdigen Beamten dahin senden – oder soll ich Euch mein Patent vorweisen? Hier ist mein letztes – es steht Euch und Seiner kaiserlichen Hoheit, dem Großherzog, vollkommen zu Diensten.«

»Ich schmeichle mir, Signor Capitano, mir über England, freilich nur mit Hilfe von Büchern, so viele Kenntnisse gesammelt zu haben, um eine Fälschung im Verlaufe der kürzesten Unterredung zu entdecken, wenn ich Euch überhaupt für fähig halten könnte, in einem so unwürdigen Charakter auftreten zu wollen. Wir Bücherwürmer,« fuhr Andrea Barrofaldi fort, und warf dabei einen triumphirenden Blick auf seinen Nachbar, denn er hoffte jetzt, dem Podesta einen glänzenden Beweis von den praktischen Vorzügen der Gelehrsamkeit – einem Thema, das oft zwischen ihnen verhandelt worden war – zu geben, »wir Bücherwürmer pflegen solche Kleinigkeiten auf unsere eigene Weise abzumachen, und wenn Ihr geneigt seid, mit mir in ein kurzes Gespräch über England, seine Sprache, Sitten und Gesetze einzugehen, so wird diese Frage bald genug erledigt sein.«

»Ihr könnt über mich verfügen, Signore; nichts würde mir größeres Vergnügen machen, als einige Minuten über diese kleine Insel zu verplaudern. Sie ist zwar nicht groß und nur von untergeordnetem Werthe; doch ist sie einmal mein Vaterland und gilt als solches viel in meinen Augen.«

»Das ist natürlich. Und nun, Signor Capitano,« fuhr Andrea fort, und warf noch einen Blick auf den Podesta, um sich zu überzeugen, ob dieser auch zuhöre, »wollt Ihr die Güte haben, mir zu erklären, welche Regierung dieses England besitzt – ob eine monarchische, aristokratische oder demokratische?«

» Peste! – das ist nicht so leicht zu beantworten. Wir haben einen König, aber auch mächtige Lords, und selbst an einer Demokratie fehlt es nicht, die uns zuweilen genug zu schaffen macht. Eure Frage könnte einen Philosophen in Verlegenheit bringen, Signor Vicestatthalter.«

»Das mag allerdings wahr sein, Nachbar Vito Viti, denn die Constitution von England ist ein aus vielen Fäden zusammengesetztes Gewebe. Eure Antwort überzeugt mich, Capitano, daß Ihr über Eure Regierungsform nachgedacht habt, und ich ehre einen denkenden Menschen in allen Lagen des Lebens. – Welches ist die Religion Eures Landes?«

»Corpo di Bacco! – Das ist noch schwerer zu beantworten, als alles Uebrige. In England gibt's gerade so viel Religionen, als Köpfe. Das Gesetz gibt zwar allerdings auch hierüber seine Bestimmung, aber da kommen wieder Männer, Weiber und Kinder und meinen's anders. Nichts hat mich mehr beunruhigt, als gerade dieser Umstand mit der Religion.«

»O, ihr Seeleute pflegt euch eben nicht mit solchen Gedanken zu beunruhigen, wenn ich denn doch die Wahrheit sagen soll. – Nun gut, wir wollen bei diesem Thema Nachsicht haben – wiewohl Ihr und Eure Leute ohne Zweifel sammt und sonders Luterani seid.«

»Haltet uns, wofür Ihr wollt,« antwortete der Kapitän mit ironischem Lächeln. »Unsere Väter waren jedenfalls früher einmal gute Katholiken. Aber der Seemannsstand und der Altar sind von jeher die besten Freunde, denn beide lassen einander gänzlich ungeschoren.«

»Das will ich gerne glauben. Auch bei unsern Seeleuten ist's fast derselbe Fall, mein lieber Vito Viti, wenn sie auch noch so viele Kerzen verbrennen und Ave's herbeten.«

»Da muß ich um Entschuldigung bitten, Signor Vicestatthalter,« fiel Signor Smeet ziemlich ernsthaft ein, »das ist gerade der große Fehler bei euren Seeleuten. Würden sie weniger beten und dafür ihren Dienst besser versehen, so müßten ihre Fahrten auch kürzer und der Gewinn aus denselben sicherer sein.«

»Schändlich!« rief der Podesta mit wärmerem Eifer, als er sonst zu verrathen pflegte.

»Ei, mein würdiger Vito Viti, es ist in der That nicht anders,« fiel der Vicestatthalter mit einem gebieterischen Winke der Hand ein, und bewies durch dieses freimüthige Zugeständniß, wie sehr sein Geist durch das Studium an Aufklärung gewonnen hatte – »wir müssen die Wahrheit der Thatsache einräumen. Da ist z. B. gleich die Sage von Herkules und dem Fuhrmann, welche sie bestätigt. Würden unsere Leute zuerst tüchtig arbeiten und dann erst beten, so müßte gewiß mehr dabei herauskommen, als wenn sie zuvor beten und hinterdrein erst arbeiten. – Und nun, Signor Capitano, noch ein Wort über Eure Sprache, welche ich auch so ein klein wenig verstehe und die Ihr, sonder Zweifel, mit der Geläufigkeit eines Eingeborenen sprechet.«

»Natürlich,« versetzte der Kapitän mit vollkommener Selbstbeherrschung, indem er bei seiner Anrede mit einer Bereitwilligkeit vom Italienischen in's Englische überging, welche hinlänglich bewies, wie stark er sich in diesem Punkte fühlte; »man wird doch noch seine Muttersprache zu reden verstehen.«

Er sagte dieß ohne die mindeste Verlegenheit in seinem Benehmen, und legte einen Accent auf seine Worte, der einen Ausländer recht leicht irreführen konnte. Es gelang ihm auch, dem Vicestatthalter dadurch zu imponiren, denn dieser war sich wohl bewußt, daß er selbst – und gälte es auch sein Leben – eine solche Phrase nicht herausgebracht hätte, ohne über das Wagstück im Innersten zu erzittern: er hielt also für's Beste, das Gespräch italienisch fortzusetzen.

»Eure Sprache, Signore,« bemerkte Andrea Barrofaldi mit Wärme, »ist gewiß eine sehr edle Mundart, denn die Sprache, in welcher ein Shakespeare und Milton geschrieben, kann wohl keine andere sein: dennoch werdet Ihr mir zu bemerken erlauben, daß bei der Aussprache verschiedenartig geschriebener Wörter eine Einförmigkeit in ihr vorherrscht, welche ich ebenso unvernünftig, als höchst verwirrend für einen Ausländer finde.«

»Ich habe schon früher ähnliche Klagen vernommen,« antwortete der Kapitän, der gar nicht ungern sah, wie das Examen, das ihm so ungelegen gekommen war, aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Sprache überging, bei welcher er durchaus keine Besorgnisse mehr hegte – »ja, ja, der Fall ist mir schon öfter vorgekommen, und ich kann zur Vertheidigung unserer Sprache nur wenig vorbringen. Als Beweis jedoch für Eure Behauptung – –«

»Nun seht, Signore, da habe ich zum Beispiel verschiedene Wörter auf dieses Stückchen Papier geschrieben; sie lauten alle fast ganz gleich, und werden doch ganz verschiedenartig buchstabirt. Bix, bax, box, bux, bocks,« fuhr Andrea fort, indem er sich jämmerlich mit der Aussprache des »big«, »bag«, »bog«, »bug« und »box« Andrea meint hier den Plural der Wörter »Wintergerste«, »Sack«, »Sumpf«, »Wange« und »Büchse«. zermarterte, welche, wie es ihm schien, dem Wortlaute nach die genaueste Familienähnlichkeit mit einander hatten und dennoch mit so ganz verschiedenen Buchstaben geschrieben wurden. »Diese Wörter allein würden hinreichen, Signore, einen Ausländer in Verzweiflung zu bringen und ihm Eure Sprache für immer zu entleiden.«

»Das ist freilich wahr, und ich selbst sagte dem, der mich die Sprache lehrte – –«

»Wie! lerntet Ihr denn nicht Eure eigene Muttersprache, wie wir alle die Formen der uns angeborenen Mundart erlernen – noch als Kind vom bloßen Zuhören?« fragte der Vicestatthalter und sein früherer Argwohn erwachte auf's Neue.

»Ohne Zweifel, Signore, denn ich spreche von Büchern und wie ich lesen lernte. Als mir die Worte ›big‹, ›bag‹, ›bog‹, ›bug‹, ›box‹« – hier las er die Worte mit fester Stimme und ziemlich guter Aussprache von dem Papiere ab – »zum ersten Mal zu Gesichte kamen, fühlte ich alle die Verlegenheit, von der Ihr vorhin gesprochen.«

»Und sprachet Ihr denn jene Worte erst damals aus, als man sie Euch zum ersten Male lesen lehrte?«

Diese Frage war etwas schwierig zu beantworten; doch zum Glück fiel Vito Viti, der einer Unterredung, an welcher er keinen Antheil nehmen konnte, überdrüssig zu werden anfing, dem Vicestatthalter mit einer sehr gelegenen Bemerkung in's Wort.

»Signor Barrofaldi,« sprach er, »geht doch lieber zu dem Lugger über. Alle unsere Verdachtsgründe kamen ja doch von Tommaso Tonti, dessen Argwohn zuerst über der Takelage von Signor Smees' Schiffe erwachte. Wenn er sich über den Lugger verantworten kann, was brauchen wir uns dann weiter um dieses birg, burg, und borg zu scheeren?«

Der Vicestatthalter hatte nichts dagegen, wenn er mit Ehren aus diesen Sprachschwierigkeiten herauskommen konnte, und machte, seinem Freunde zulächelnd, eine höflich bejahende Verbeugung. Dann besann er sich einen Augenblick auf einen neuen Plan, wie er zu seinem Ziele gelangen wollte, und fuhr dann in seinem Verhöre weiter fort.

»Mein Nachbar Vito Viti hat recht,« bemerkte er, »und so wollen wir denn zu dem Lugger übergehen. Tommaso Tonti ist ein erfahrener Seemann und der älteste Lootse auf Elba. Er behauptet, ein Lugger sei ein bei den Franzosen sehr gebräuchliches Fahrzeug, das aber, so weit seine Erfahrung reiche, bei den Engländern niemals getroffen werde.«

»Darin wenigstens ist Tommaso Tonti kein Seemann. Man findet sogar viele Lugger bei den Engländern, wenn sie auch bei den Franzosen noch häufiger getroffen werden. Ich habe dem Signor Viti bereits zu verstehen gegeben, daß es eine Insel, Namens Guernsey gibt, welche früher den Franzosen gehörte, nun aber unter der englischen Herrschaft steht, wodurch also die angeführten Erscheinungen genugsam erklärt sind. Wir sind Bewohner von Guernsey – der Lugger stammt von Guernsey – und so haben wir auch ohne Zweifel den Typus unserer Insel, d. h. wir sind noch halb französisch.«

»Das ändert die Sache vollkommen. Was der Signor Capitano über die Insel, ihre Gebräuche und ihren Ursprung gesagt hat, ist Alles wahr, Nachbar Viti, und wenn man sich auf die Namen eben so fest verlassen dürfte, so brauchten wir gar nichts mehr über die Sache zu reden. Sind die Namen Giar Smees und Ving-y-Ving in Guernsey einheimisch?«

»Das eben nicht,« erwiederte der Fremde, der sich nur mit Mühe enthalten konnte, dem Vicestatthalter geradezu in's Gesicht zu lachen; »Jaques Smeet ist so durchaus englisch, daß wir vielleicht die größte Familie in ganz England ausmachen. Die Hälfte des Adels jener Insel trägt den Namen ›Smeet‹ und unter diesen befinden sich auch einige ›Jaques‹. Guernsey aber wurde, wie schon bemerkt, von den Britten erobert, und unsere Vorfahren, welche jenem Zuge anwohnten, brachten natürlich auch ihre Namen aus der Heimath herüber. Ving-and-Ving aber ist ein ächt englischer Ausdruck.«

»Ich weiß nicht, Vito, das Alles klingt ganz vernünftig. Wenn der Capitano nur sein Patent bei sich hätte, so könnten wir Beide ruhig zu Bette gehen und bis zum Morgen fortschlummern.«

»So empfangt denn hier Euren Schlaftrunk, Signore,« fuhr der Seemann lachend fort und zog verschiedene Papiere aus der Tasche. »Dieß sind die Befehle, die ich von meinem Admiral erhielt; da sie kein Geheimniß enthalten, so dürft Ihr schon einen Blick hineinwerfen. Dieß hier ist mein Patent, Signor Vicestatthalter – dieses die Unterschrift des englischen Marineministers – hier meine eigene ›Jaques Smeet‹, wie Ihr seht, und hier endlich die Ordre, die mich zum Lieutenant und Kommandanten des Ving-and-Ving ernennt.«

Befehle und Namen waren wirklich mit klaren, schönen Schriftzügen und in ganz gutem Englisch abgefaßt. Das Einzige, was einem mit der Sprache völlig Vertrauten wahrscheinlich aufgefallen sein würde, war der Umstand, daß die Worte, welche der Seemann wie »Jaques Smeet« aussprach, ganz deutlich als »Jack Smith« geschrieben waren – ein Verstoß Der Verstoß liegt in dem Namen »Jack«, einer Abkürzung für John (Johann), die zwar in der Umgangssprache sehr gewöhnlich, in der Schriftsprache aber niemals üblich ist.
D. U.
gegen die gewöhnliche Sitte, welcher, die Wahrheit zu sagen, seine Entstehung einzig und allein dem Eigensinne des Seemannes verdankte, der dieß trotz aller Einwendungen des Schreibers, der die Urkunden nachgemacht, also befohlen hatte.

Andrea aber verstand noch zu wenig englisch, um diesen Fehler zu bemerken, und ging deßhalb so arglos über das »Jack« hinweg, wie er dieß bei »Johann«, »Eduard« oder jedem anderen Namen gethan haben würde. Auch mit dem Ving-and-Ving war Alles in Ordnung, nur bestanden beide Parteien hartnäckig darauf, den Namen einerseits wie »Ving-and-Ving«, andererseits wie »Ving-y-Ving« auszusprechen.

Diese Beweise zusammengenommen hatten auch zur Folge, daß alle ferneren Schwierigkeiten bald aus dem Wege geräumt waren; die Papiere wurden ihrem Eigenthümer zurückgestellt, von diesem sorgfältig aufbewahrt, und mittlerweile hatten die beiden Italiener 'Maso Tonti's Einwürfe fast ganz vergessen.

»Es war doch wirklich höchst unwahrscheinlich, Vito Viti,« bemerkte der Vicestatthalter in dem Tone der Selbstrechtfertigung, »daß ein Feind oder Kaper sich in diesen unsern Hafen hätte hereinwagen sollen, denn wir stehen im Rufe der Wachsamkeit, und man weiß, daß wir unsern Dienst ebensogut wie die Behörden zu Livorno, Genua oder Neapel verstehen.«

»Und noch dazu, Signore, daß nichts als tüchtige Schläge und ein Gefängniß dabei zu ernten wären,« setzte Kapitän Smeet mit seinem gewinnendsten Lächeln hinzu. – Dieses Lächeln besänftigte sogar das Herz des Podesta, und bestach den Vicestatthalter dergestalt, daß er sich sogar verleiten ließ, den Fremden zu seinem eigenen frugalen Abendessen einzuladen.

Die Einladung wurde mit demselben Freimuthe angenommen, mit dem sie gemacht worden war; die Tafel stand in einem Nebenzimmer schon bereit, und wenige Minuten später saßen der Capitano Smees und Vito Viti an des Vicestatthalters Tische beisammen.

Von diesem Augenblicke an war jede Spur von Mißtrauen – wenn solches überhaupt in der Brust der beiden Würdenträger von Porto Ferrajo existirte – so wirksam erstickt, daß höchstens sie selbst noch gelegentlich daran denken konnten. Die frugale italienische Küche und die leichten toskanischen Weine waren ganz dazu gemacht, das Bedürfniß des Körpers zu stillen und nebenbei den Geist anzuregen. Das Gespräch wurde mit dem Fortschreiten der Mahlzeit immer allgemeiner und lebendiger.

Damals war der Thee im ganzen südlichen Europa nur in Apotheken, und selbst dort nur selten, unter den Vorräthen zu finden, und unsere Tafelgenossen entschädigten sich dafür durch reichlichen Genuß des angenehmen Berggewächses von dem benachbarten Festlande, welches sie ebenso wohlthuend aufregte und ihrer Gesundheit wohl schwerlich solchen Schaden zufügte, als jenes Mode-Ingredienz der neueren Zeit. Der Fremde aß und trank übrigens nur sehr mäßig; er gab sich zwar den Schein, als ob er an dem Gespräche, so wie an den Freuden der Tafel recht herzhaft Antheil nehme, schien aber doch den lebhaften Wunsch zu hegen, bald wieder volle Freiheit zur Verfolgung seiner weiteren Absichten zu gewinnen.

Andrea Barrofaldi ließ eine so treffliche Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne vor dem Podesta seine Kenntnisse gehörig zu entfalten. Er sprach viel über England, dessen Geschichte, Religion, Regierungsform und Gesetze, über Klima und Industrie, und berief sich dabei sehr häufig auf den Capitano Smees, der die Wahrheit seiner Behauptungen bestätigen sollte. In den meisten Fällen stimmten beide Theile wunderbar mit einander überein, denn der Fremde blieb seinem wohlersonnenen Plane, zu Allem Ja zu sagen, treu; aber selbst diese beistimmende Taktik führte zu eigenthümlichen Verlegenheiten, denn der Vicestatthalter stellte seine Fragen zuweilen gerade so, daß das Bejahen derselben den Schein der Verneinung gewonnen hätte.

Er wand sich übrigens noch ziemlich glücklich aus diesen Schwierigkeiten heraus, ja es gelang ihm sogar so gut, durch seine Aeußerungen des Staunens: – wie ein Fremder sein eigenes Vaterland so gut – ja in manchen Beziehungen sogar noch besser als er selbst kennen, wie er mit dessen Gebräuchen, Einrichtungen und seiner Geographie so wohl vertraut sein könne – Andrea's Eigenliebe zu schmeicheln, daß dieser, als endlich die Flaschen geleert waren, seinem Nachbar in's Ohr flüsterte, der Fremde zeige so viel Verstand und Kenntnisse, daß es ihn gar nicht Wunder nehmen würde, wenn er sich zuletzt noch als einen geheimen Agenten der brittischen Regierung zu erkennen gäbe, der mit philosophischen Untersuchungen über den Handel und die Schifffahrt Italiens beauftragt sei, und vielleicht Vorschläge für Erleichterung der Geschäftsbeziehungen zwischen beiden Ländern zu machen habe.

»Ihr seid ein Bewunderer des Adels und ein treuer Anhänger der Aristokratie,« fuhr Andrea Barrofaldi im Verlaufe des Gespräches fort; »ja, wenn man die Wahrheit erfahren dürfte, so seid Ihr wohl gar selbst der Sprößling eines edlen Hauses, Signore?«

»Ich? – Peste! – Signor Vicestatthalter, ich hasse einen Aristokraten wie den Teufel selber!«

Der Fremde hatte eben einen ungewöhnlich langen Zug aus seinem Glase gethan und sprach mit einer unbedachtsamen Hitze, die er augenblicklich selbst wieder bereute.

»Das ist außergewöhnlich an einem Engländer! – Aha! ich sehe schon, wie's steht – Ihr gehört zu der Opposizione, und haltet für nöthig, dieß kundzugeben. Es ist doch sonderbar, mein guter Vito Viti, daß diese Engländer in zwei politische Kasten zerfallen, die sich in Allem und Jedem befehden. Behauptet die eine Partie, ein Gegenstand sei weiß, gleich schwört die andere, derselbe sei schwarz, und so vice versa. Beide Theile behaupten, ihr Vaterland über Alles zu lieben, dabei aber bekriegt die eine Partie, welche von der Macht ausgeschlossen ist, die andere so lange, bis die Gewalt wieder in ihre eigenen Hände fällt. – Das hat so viele Aehnlichkeit mit der Art, wie Giorgio Grondi gegen mich verfährt, daß ich fast darauf schwören möchte, Signore, er habe zu dieser nämlichen Opposizione gehört. Ich habe noch nie ein Ding gebilligt, das er nicht verdammt, oder eine Sache verdammt, die er nicht gebilligt hätte. Das ist doch gar zu arg, nicht wahr, Signor Capitano?«

»Ich fürchte, der Vicestatthalter kennt uns besser, als wir uns selber; es liegt zu viel Wahrheit in seiner Schilderung unserer politischen Zustände. Jetzt aber, Signore« – hier stand er vom Stuhle auf – »bitte ich um die Erlaubniß, mir eure Stadt besehen und nach meinem Schiffe zurückkehren zu dürfen. Die Nacht ist angebrochen, und auf meinem Schiffe muß die Mannszucht immer wohl gehandhabt werden.«

Andrea Barrofaldi hatte den Vorrath seiner gelehrten Kenntnisse so ziemlich erschöpft und machte deßhalb keine Einwendung. Der Fremde verabschiedete sich unter verbindlichen Danksagungen, und überließ es den beiden Würdeträgern, sich, so lange die Flasche noch reichte, über seinen Charakter und seine Erscheinung mit aller Muße zu besprechen.

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