Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 26
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel

Gefahr und Freude sind sich eng verschwistert:
Und Dorn und Rose kommt vom gleichen Stamme.

Alleyn.

 

Wie wir gesehen haben, war am Bord der Proserpina in den Herzen der Meisten an die Stelle des feindlichen Grolles eine edelmüthige Theilnahme für Raoul getreten. In Folge dieses Gefühls hatten die Schildwachen Befehl erhalten, den Gefangenen nicht durch zu häufiges oder unnöthiges Visitiren seines Zimmers zu belästigen. Um aber Zartsinn und Wachsamkeit gleichermaßen zu berücksichtigen, hatte Winchester die Ecke in der Leinwandverkleidung, welche der Laterne an der Kajütenthüre zunächst war, auf wenige Zolle öffnen lassen, und der Schildwache den Befehl gegeben, jede halbe Stunde, oder so oft die Schiffsglocke das Vorrücken der Zeit verkündete, durch diese Spalte zu schauen. Der Zweck dabei war einfach der, sich zu überzeugen, ob sich der Gefangene in seinem Zimmer befand und ob er nicht einen Versuch zum Selbstmorde machte – ein Schritt, den man unmittelbar vor dem Aufschube sehr bei ihm befürchtet hatte.

Der ganze Streit zwischen den beiden Italienern und was inzwischen unterhalb des Schiffkanales vorgegangen war, hatte aber nicht mehr als sechs bis sieben Minuten Zeit weggenommen und der kleine Haufen von Offizieren bekam immer neuen Zuwachs, während sich Raoul bereits auf der Jolle seines eigenen Luggers befand. In diesem Augenblicke schlug die Schiffsglocke acht Uhr: der Marinesoldat näherte sich mit dem Respekte eines Untergebenen, aber mit der festen Haltung eines Mannes auf dem Posten, seinem Guckloche, um das Gemach des Gefangenen zu untersuchen.

Die Offiziere hielten zwar diese Vorsicht für unnöthig, da Andrea's und Vito Viti's lautes Gespräch schon an sich eine Art Garantie dafür boten, daß der Gefangene in seinem Käfig war: gleichwohl machten sie dem Manne Platz, da sie recht wohl wußten, daß eine Schildwache niemals in ihrer Pflicht gehindert werden dürfe. Die Leinwand wurde auf wenige Zolle aus einander geschoben, so daß das Licht der Laterne vor der Kajütenthüre hineinfiel: da saß der Vicestatthalter und der Podesta, beide noch in heißem Streite gesticulirend und einander in's Gesicht starrend – Raoul Yvards Stelle aber war leer.

Yelverton hatte zufällig neben der Schildwache in das Zimmer geschaut. Er war ein junger Mann von raschem Fassungsvermögen, mit allen phrenologischen Beulen versehen, die zu einem solchen Charakter gehören, und erkannte also auf den ersten Blick, daß der Vogel ausgeflogen war. Sein erster Gedanke war der, der Gefangene möchte sich in die See gestürzt haben; ohne mit seiner Umgebung ein Wort zu sprechen, eilte er auf das Verdeck, gab dem wachhabenden Offizier eine hastige Erklärung und hatte in erstaunlich kurzer Zeit bereits das Gig Das kleinste unter den Booten eines Schiffes.
D. U.
im Wasser.

Seine überraschten Gefährten unten waren weniger eilfertig; doch war die Thatsache auch ihnen in Kurzem bekannt. Griffin gab einen hastigen Befehl: mit einem Rucke fiel die Leinwandverkleidung zusammen, und man sah die beiden Disputirenden, welche von dem Entweichen ihres Gesellschafters auch nicht die leiseste Ahnung hatten, mit wüthenden Geberden ihren Grimm gegen einander aussprudeln.

»Hollah! Vicestatthalter,« rief Griffin plötzlich, denn in dem jetzigen Augenblicke hielt er alle Ceremonien für überflüssig; »was habt Ihr mit dem Franzmann angefangen? – wo ist Raoul Yvard?«

» Il Signor, Sir Smees? Monsieur Yvard, wenn Ihr wollt? Nachbar Vito, was ist denn aus dem Manne geworden, der kaum vorhin noch dort saß?«

» Cospetto! – Eurer Lehre zufolge, Signor Andrea, war ja überhaupt gar nie ein Mann, sondern nur der Gedanke eines Mannes vorhanden, da ist's also kein Wunder, wenn ein solches Wesen vermißt wird. Ich protestire übrigens gegen alle Folgerungen, die aus diesem Vorfalle gezogen werden können. Alle Franzosen sind flüchtig und leicht zu entführen; besonders jetzt, da sie nicht mehr den Ballast der Religion besitzen, sind sie wie lauter moralische Federn. Nein, nein, Vicestatthalter, Ihr müßt erst einmal einen Mann von respektabler Erziehung und gesunden Grundsätzen, wie mich – einen Mann, der Liebe zu seinen Heiligen und einen tüchtigen, vollwichtigen Körper besitzt – so plötzlich verschwinden lassen, dann will ich zugeben, daß der Fall zu Gunsten Eurer Logik spricht, Signor Andrea.«

»Ein eigensinniger Mann, Nachbar Vito, ist das Vorbild der Unvollkommenheiten, die ein –«

»Verzeiht mir, Signor Barrofaldi,« fiel Griffin ein; »jetzt ist's nicht Zeit zu philosophischen Theorien, wenigstens nicht für uns Seemänner, die wir dringendere Pflichten zu erfüllen haben. Was ist aus Raoul Yvard – oder Eurem Sir Smees geworden?«

»Signor Tenente, so wahr ich einst erlöst zu werden hoffe – ich habe nicht den mindesten Begriff von der Sache. Erst vor einer oder zwei Minuten saß er noch neben jener Kanone, scheinbar ein aufmerksamer und sehr erbauter Zuhörer einer Discussion, die wir über die berühmte Theorie eines gewissen Bischofs aus Eurem eigenen Vaterlande hielten, – eine Theorie, welche, im rechten Lichte betrachtet – merkt wohl, Nachbar Vito, ich sage im rechten Lichte betrachtet, denn der Gesichtspunkt, aus welchem Ihr die Sache anseht, ist –«

»Genug davon für jetzt, Signori,« fuhr Griffin fort. »Der Franzose war doch hier, als ihr hereinkamet?«

»Freilich, Signor Tenente; er schien hoch erfreut über die Discussion, in welcher –«

»Und ihr sahet nicht, ob er euch durch die Leinwand hier oder die Stückpforte dort verlassen hat?«

»Ich nicht, auf meine Ehre; ich glaubte, er unterhalte sich viel zu gut, als daß er uns verlassen könnte.«

»Ach! Sir Smees ist eben in das Reich der Phantasie entflohen,« brummte der Podesta, »und zu der großen logischen Familie heimgegangen, von welcher er ein ideales Mitglied ausmacht. Es gibt ja weder Lugger noch Kaper, weder See noch Fregatte, und so kommt mir's vor, als ob wir Alle viel Lärmen um Nichts machten.«

Griffin hielt sich nicht länger mit Fragen auf. Kurze Zeit nachher stand er auf dem Verdeck, wo er Cuffe antraf, der eben durch eine eilige Meldung aus seiner Kajüte gerufen worden war.

»Was Teufels hat denn das Alles zu bedeuten, ihr Herren,« fragte Letzterer in jenem Tone, welchen ein Kommandant so gerne annimmt, wenn Etwas schief gegangen ist. »Wer es auch sei, der den Gefangenen entwischen ließ – er kann darauf zählen, persönlich mit dem Admiral in Berührung zu kommen.«

»Er ist nicht in seinem Zimmer, Sir,« antwortete Griffin; »ich befahl dem Hochbootsmann so eben, als ich die Leiter heraufstieg, sämmtlicher Mannschaft zum Aufbruch zu pfeifen.«

Kaum hatte er dieß gesagt, als Boot um Boot sich in's Wasser senkte, so daß in zwei bis drei Minuten nicht weniger als fünf in See waren, worunter das von Yelverton bereits rund um das Schiff herumruderte, um den vermeintlichen Schwimmer oder Ertrinkenden aufzufangen.

»Der Franzmann ist fort, Sir,« sprach Winchester, »und muß durch die Stückpforte entschlüpft sein. Ich habe einen der jungen Herren nach den Puttingen geschickt, um zu untersuchen, ob er sich dort nicht versteckt hat.«

»Wo ist das Boot des alten Italieners und seiner Nichte?«

Eine Pause folgte auf die Frage, und ein plötzlicher Lichtstrahl durchzuckte Alle in demselben Augenblicke.

»Die Jolle war dort in der Nähe,« schrie Griffin; »doch saß Niemand darin als Giuntotardi und das Mädchen.«

»Bitt' um Verzeihung, Sir,« sprach ein junger Vormarsgaste, der eben aus der Takelage herunterkam, »ich sah das Boot von oben, Sir, und es verweilte längere Zeit unter den großen Puttingen der Steuerbordseite, Sir. Es ist so finster, daß ich nichts deutlich bemerken konnte; aber mir kam's vor, als ob von der Stückpforte Etwas in dasselbe hinabgleite. Das Ding wollte mir nicht recht gefallen, und darum schickte mich unser Mate eben aufs Verdeck, um es Euch zu melden, Sir.«

»Sendet nach Ithuel Bolt, Mr. Winchester; ruft ihm durch's Sprachrohr, Sir, damit wir bald etwas von dem feinen Herrn zu sehen bekommen.«

Wir brauchen nicht zu sagen, daß die Aufforderung unbeantwortet blieb, und jetzt fingen Alle an zu begreifen, auf welche Art die Flucht bewerkstelligt worden war. Offiziere eilten auf die verschiedenen Boote, und nicht weniger als fünf verschiedene Partien begannen jetzt die Verfolgung. Zu gleicher Zeit hißte die Fregatte eine Laterne auf, um ihren Booten den späteren Sammelplatz zu bezeichnen.

Wir haben schon oben gesagt, daß die Proserpina in jenem Augenblicke ungefähr eine halbe Meile seewärts von der Landspitze von Campanella stand. Ein leichter Ostwind – die sogenannte Landbrise – wehte, und das Schiff mochte etwa drei Knoten in der Stunde zurücklegen. Es hatte die Landspitze so ziemlich zur Seite und steuerte um das Vorgebirge herum gegen den zwischen Capri und dem Hauptlande gelegenen Paß und den Golf von Neapel; wobei es auf derselben Stelle, welche es den Tag zuvor verlassen hatte, vor Anker zu gehen beabsichtigte.

Die Nacht war zu finster, als daß man einen so kleinen Gegenstand, wie ein Boot, auf einige Entfernung hätte sehen können; dagegen war die schwarze Felsenmasse von Capri, welche thurmähnlich fast zweitausend Fuß in die Luft emporragte, in ihren Umrissen ganz deutlich zu erkennen, und auch die Gestaltung der gegenüberliegenden Küste ließ sich mit ziemlicher Sicherheit unterscheiden.

Yelverton hatte gehandelt, wie wenn Einer über Bord gesprungen wäre, d. h. er hatte keine Befehle abgewartet. Während er um das Schiff herumruderte, sah er, wiewohl ziemlich undeutlich, die Jolle, wie sie eben gegen das Land hinruderte: ohne mit Jemand an Bord zu verkehren, stieg auch in ihm eine Ahnung der Wahrheit auf, und alsbald begann er die Jagd nach den Flüchtlingen.

Von den andern Booten ruderten die zwei auf der Backbordseite eine kurze Strecke seewärts, um sich in dieser Richtung umzusehen, die beiden andern, sobald sie den Ruderschlag Derer auf dem Gig vernahmen, auf welchem Yelverton vorwärts eilte, folgten diesem Klange, indem sie der Jolle auf der Spur zu sein glaubten.

So standen die Sachen im Beginne der Jagd, welche ausnehmend heiß und lebhaft werden sollte.

Raoul und Ithuel hatten tüchtig darauf losgerudert, während auf dem Schiffe in der anfänglichen Ungewißheit doch einige Zeit verloren ging, so daß sie sogar vor Yelverton ungefähr dreihundert Schritte Vorsprung gewannen. Die Jolle gehörte ohnedieß zu den flinkesten Booten, und da sie blos für zwei Ruder gebaut war, so mochte sie mit vier so kräftigen Armen, wie sie sie nunmehr besaß, für voll bemannt gelten.

Gleichwohl konnte sie sich mit dem von Yelverton in der Hast des Augenblicks ergriffenen Gig und mit den vier auserlesenen Matrosen, welche dessen Bemannung bildeten, nicht messen. Nach etwa anderthalb Meilen mußte die Jolle eingeholt werden – davon konnte sich Raoul in Kurzem durch sein feines Gehör überzeugen. Seine eigenen Ruder waren umwickelt – ein Umstand, welchen er zu benützen und sich seitwärts zu wenden beschloß, in der Hoffnung, daß seine hastigen Verfolger, ohne ihn zu sehen, an ihm vorüberfahren würden.

Das Boot wurde demnach etwas abgegiert, so daß die Flüchtlinge, statt gerade auf das Land zuzurudern, sich nun gegen Westen wendeten, wo die See, der Nähe von Capri wegen, am dunkelsten erschien.

Dieser Kunstgriff gelang vollkommen. Yelverton war so eifrig auf seine Jagd erpicht, daß er immer gerade vor sich hinstarrte, da er das Boot von Zeit zu Zeit vor sich zu bemerken glaubte: so kam er auf hundert und fünfzig Schritte an der Jolle vorüber, ohne nur im Mindesten etwas von ihrer Nähe zu ahnen.

Raoul und Ithuel hörten auf zu rudern, um die Verfolger an sich vorüberkommen zu lassen; Ersterer machte ein paar sarkastische Bemerkungen über die Dummheit seiner Feinde, und suchte sich auf diese Art in seiner augenblicklichen Beklemmung Luft zu schaffen. Keines der englischen Boote hatte seine Ruder umwickelt: im Gegentheil war das Plätschern der regelmäßigen Ruderschläge nach jeder Richtung hin deutlich zu vernehmen; doch waren die von der Proserpina so sehr an diesen Schlag gewöhnt, daß die Bemannung der zwei hinter Yelverton kommenden Boote – in der Meinung, den Flüchtlingen auf der Spur zu sein, dem Klange seiner Ruder fortwährend folgte.

Auf diese Art ließ Raoul drei Boote von den fünfen an sich vorüberkommen: die beiden andern waren so weit ab, daß man noch nichts von ihnen vernehmen konnte. Als die vorderen sich weit genug entfernt hatten, folgte er ihnen mit Ithuel – aber wohlweislich in aller Gemächlichkeit, um ihre Kräfte für einen kommenden Nothfall aufzusparen.

Das Gig und die beiden Kutter, welche es verfolgten, hielten ein lustiges Wettrennen mit einander. Die letzteren wurden durch den Ruderschlag des Gig zu immer größeren Anstrengungen angefeuert, da sie den Feind vor sich zu hören glaubten; Yelverton dagegen brannte vor Begierde, die Nachfolgenden auszustechen und den Sieg allein davon zu tragen. Dadurch bekamen die in der Jolle sehr leichte Arbeit und blieben auch wirklich in Kurzem um mehr als eine Kabellänge zurück.

»Man sollte glauben, Ghita,« bemerkte Raoul lachend, wiewohl er wenigstens die Vorsicht gebrauchte, leise zu reden – »man sollte glauben, deine alten Freunde, der Vicestatthalter und der Podesta kommandirten die Boote da vorn, wenn man nicht wüßte, daß sie sich in diesem Augenblicke darüber streiten, ob auf diesem unserem großen Planeten überhaupt nur ein Ort wie Elba existire oder nicht.«

»Ach, Raoul, gedenke doch der letzten furchtbaren achtundvierzig Stunden; nur so lange höre auf zu scherzen, bis wir nochmals der Macht deiner Feinde glücklich entronnen sind.«

» Peste! – ich werde in Zukunft wohl zugestehen müssen, daß auch ein Engländer einige Großmuth besitzt. Ich kann mich über ihre Behandlung in der That nicht beklagen, und doch wollte ich fast lieber, sie wäre rauher gewesen.«

»Das ist eine unfreundliche Gesinnung, Raoul; du solltest dich bemühen, sie aus deinem Herzen auszureißen.«

»Ei, es will schon viel heißen, Kapitän Rule, wenn man einem Engländer Großmuth zugesteht,« fiel Ithuel ein. »Sie sind ein wildes Geschlecht, das sich von menschlichem Elende mästet.«

Mais, bon Etouelle, dießmal ist ja dein Rücken mit heiler Haut davon gekommen; du wenigstens solltest dankbar sein.«

»Es fehlt ihnen an Mannschaft, und so mochten sie einen Marsgasten nicht zum Krüppel schlagen,« gab der aus dem Granitstaate zur Antwort, da er seinem Feinde keinerlei milde oder gerechte Gesinnungen zugestehen wollte. »Wäre die Schiffsbemannung vollzählig gewesen, so würden sie auf meinem Rücken kaum so viel Haut übrig gelassen haben, daß man auch nur das kleinste Nadelkissen damit bedecken könnte. Somit bin ich ihnen gar keinen Dank schuldig.«

» Bien; quand à moi, so werde ich von der Brücke, welche mich hieher leitete, nie anders als auf's Beste reden,« sprach Raoul. »Monsieur Cuffe hat mir gute Kost, guten Wein, gute Worte, ein gutes Zimmer, ein gutes Bett und einen höchst zeitgemäßen Aufschub gewährt.«

»Glaubt dein Herz für das Letztere deinem Gotte keinen Dank zu schulden, theurer Raoul?« fragte Ghita so sanft und zärtlich, daß der junge Mann hätte niederknieen und sie anbeten mögen.

Eine kurze Pause folgte: worauf er, die Frage gleichsam absichtlich durch eine leichtfertige Erwiederung umgehend, zur Antwort gab:

»Die Philosophie hab' ich vergessen, – ja. Das war allerdings kein kleiner Theil ihrer guten Bewirthung. Ciel! es lohnte sich schon einige Gefahr, um den Vortheil einer solchen Schule zu genießen. Hast du den Gegenstand des Streites zwischen den beiden Italienern verstanden, mon brave Etouelle

»Ich hörte ihr italienisches Geplapper,« erwiederte der Angeredete, »dachte mir aber, es werde sich doch nur um ihre Festtage und Fastenspeisen drehen. Kein verständiger Mensch wird einen solchen Höllenlärm verführen, wenn er Vernunft spricht.«

» Pardie – es war Philosophie! Uns Franzosen lachen sie aus, weil wir lieber nach den Regeln der Vernunft, als nach denen des Vorurtheils leben; aber da höre Einer erst, was sie Philosophie nennen! Du würdest es kaum glauben, Ghita,« fuhr Raoul leichten Herzens fort, während die kaum erlebte Scene ihm wieder vor Augen schwebte, »du würdest es kaum für möglich halten, Ghita, daß Signor Andrea bei all' seinem Verstand und seiner Gelehrsamkeit dennoch behauptete, es sei keine Thorheit, an eine Philosophie zu glauben, welche lehrt, von all' Dem, was wir sehen oder thun, existire Nichts in Wirklichkeit, sondern nur dem Scheine nach – kurz, wir lebten in einer eingebildeten Welt, mit eingebildeten Bewohnern bevölkert, schwämmen auf einer eingebildeten See und kreuzten auf eingebildeten Schiffen«

»Und all' der Lärm war um einer Idee willen, Kapitän Rule?«

» Si – doch die Menschen streiten sich um eine Idee, um ein eingebildetes Ding eben so hitzig, Etouelle, als um wirkliche Gegenstände. – St –! sie werden auch nach eingebildeten Dingen Jagd machen, gerade wie die Boote da vorne in diesem Augenblicke thun.«

»Da sind noch andere in unserem Rücken, bemerkte Carlo Giuntotardi, welcher mit größerer Aufmerksamkeit als gewöhnlich auf die ihn umgebenden Gegenstände Acht hatte, und bei seiner gewöhnlichen Schweigsamkeit oft Etwas hörte, was den Sinnen der Anderen entging. »Ich habe schon seit einiger Zeit den Schlag ihrer Ruder vernommen.«

Alsbald stellten die beiden Seemänner das Gespräch, ja selbst das Rudern ein, um desto ungestörter horchen zu können. In der That ließ sich sowohl seewärts als gegen das Land hin der Klang von Rudern vernehmen, und es blieb kein Zweifel, daß noch einige Verfolger hinter ihnen waren.

Dieß brachte die Flüchtlinge gleichsam zwischen zwei Feuer, und Ithuel schlug vor, nochmals in einem rechten Winkel zu gieren, um dem gesammten Haufen in den Rücken zu kommen. Aber Raoul widersetzte sich diesem Vorhaben, und meinte, die hinteren Boote seien noch so fern, daß sie recht wohl das Ufer erreichen und glücklich entfliehen könnten. Hatte man einmal die Felsen erreicht, so war nur noch wenig Gefahr vorhanden, in der Dunkelheit überfallen zu werden.

Da übrigens Raoul vor Allem daran lag, den Lugger nach Ghita's Landung so bald wie möglich zu erreichen, so wollte er auch sein Boot keiner allzu großen Gefahr aussetzen. – Dieß veranlaßte denn eine ernstliche Berathung: endlich wurde beschlossen, einen Mittelweg einzuschlagen und in den Kanal zwischen Capri und Campanella zu steuern, in der Erwartung, die englischen Boote würden, wenn sie letztgenanntes Vorgebirge erreicht hätten, die Verfolgung als hoffnungslos aufgeben und nach ihrem Schiffe zurückkehren.

»Wir können dich bei der Marina Grande von Sorrento an's Land setzen, theuerste Ghita; von da aus hast du nur einen kurzen, leichten Spaziergang nach St. Agata.«

»Sorge nicht für mich, Raoul; setze mich am nächsten besten Punkte an's Land und suche dann nur dein Schiff zu erreichen. Gott hat dich aus dieser großen Gefahr befreit, und deine Pflicht ist es jetzt, so zu handeln, wie er es offenbar von dir erwartet. Was mich betrifft – ich will gerne meilenweit gehen, wenn ich nur überzeugt sein darf, daß du in Sicherheit bist.«

»Engel! – Du denkst nie an dich selbst! Aber nur zu Sorrento und nicht eine Minute früher werde ich dich verlassen. In einer oder zwei Stunden sind wir dort; dann erst habe ich mich der wichtigsten Pflicht entledigt. Sind wir einmal am Land, Etouelle, so kann ich auch unser kleines Segel einsetzen und zwischen den beiden Inseln die hohe See erreichen. Bei dieser Landbrise muß dieß jedenfalls gelingen, und dann werden uns einige abgebrannte Raketen kund geben, wo wir den Feu-Follet finden können.«

Ghita wiederholte ihre Einwürfe – aber umsonst: Raoul bestand auf seinem Vorhaben, und so war sie zum Nachgeben genöthigt.

Das Gespräch hatte nun ein Ende; die beiden Seemänner gebrauchten ihre Ruder emsig und mit gutem Erfolg. Von Zeit zu Zeit hielten sie inne und lauschten auf den Ruderschlag der feindlichen Boote, welche sich offenbar sämmtlich in der Nachbarschaft des Vorgebirges versammelten.

Die Jolle hatte mittlerweile die Landspitze gerade zur Seite und drang bald so weit in den Golf ein, daß sie, wenn nicht gar alle, so doch die meisten ihrer Verfolger hinter sich brachte. Bei der herrschenden Dunkelheit, der Ueberzahl der Feinde und in Ermangelung jedes anderen Führers als des Gehörs war man natürlich über die Stellung der verschiedenen Boote in einiger Ungewißheit: doch war wenigstens kein Zweifel darüber, daß sie sich größtentheils in der unmittelbaren Nähe von Campanella befanden. Mit einem weiten Umweg um dieses Vorgebirge herumsteuernd, drang Raoul geräuschlos immer weiter in dem Golfe vor, so daß er sich mit seinen Gefährten nach den neulich bestandenen Gefahren in vergleichungsweiser Sicherheit befand.

Auf diese Art wurde über eine Stunde emsig fortgerudert, und die Jolle näherte sich rasch der Marina Grande von Sorrento. Als sie an Massa vorüber waren, hielt sich Raoul für völlig geborgen, und hieß Carlo Giuntotardi gegen das Land hingieren, wo man von der Brise weniger Widerstand zu erwarten hatte, und den rechten Landungsplatz besser herausfinden konnte. Vor den Booten hegte man keine weiteren Besorgnisse, obgleich Ithuel von Zeit zu Zeit ein gedämpftes Geräusch, wie von schlecht umhüllten Rudern zu vernehmen glaubte. Raoul lachte über seine ängstlichen Muthmaßungen; ehrlich gestanden, begann er aufs Neue seine Pflicht zu vernachlässigen, denn er vergaß Alles über dem Entzücken, sich nochmals so recht von Herzen in Ghita's Gesellschaft freuen zu dürfen.

So rückte die Jolle, wenn gleich mit wesentlich verminderter Geschwindigkeit, immer weiter, bis Ghita an der Gestaltung der Höhen und an den Lichtern auf der Hochebene erkannte, daß sie dem Küsteneinschnitt nahe gekommen waren, an welchem die Stadt Sorrento liegt.

»Sobald mein Oheim und ich an der Marina Grande gelandet haben, Raoul, wirst du und der Amerikaner ohne Zweifel deinen Lugger aufsuchen,« sprach Ghita – »dann versprichst du mir, die Küste zu verlassen?«

»Warum Versprechungen von einem Manne verlangen, den du nicht einmal so hoch achtest, daß du ihm pünktliche Befolgung derselben zutraust?«

»Das verdiene ich nicht, Raoul; zwischen dir und mir wurde nie ein Versprechen gebrochen.«

»Es ist nicht leicht, Gelübde zu brechen, da du solche weder geben noch empfangen willst. Ich kann mich nicht rühmen, auch nur das kleinste Gelöbniß der Treue von dir gehört zu haben! Trete mit mir vor einen Priester, Ghita, fordere Alles, was Einer nur je geschworen hat oder schwören kann, dann sollst du sehen, wie ein Seemann seinem Gelübde treu zu sein vermag.«

»Und warum vor einem Priester? Du weißt ja, Raoul, daß aller Gottesdienst in deinen Augen nur Mummerei ist, und daß Nichts dir dadurch heiliger wird, wenn es vor dem Altare Gottes und in Gegenwart eines seiner geweihten Diener beschworen wurde!«

»Jeder Eid, jedes Versprechen, dir geleistet, Ghita, ist heilig in meinen Augen. Es bedarf keiner Zeugen, keines geweihten Ortes, um es noch bindender zu machen, als es vor deiner Reinheit und Zärtlichkeit werden muß. Du bist mein Priester – mein Altar – mein –«

»Halt ein!« rief Ghita, aus Furcht, er möchte am Ende gar den Namen jenes heiligen Wesens nennen, welchem ihr Herz gerade in diesem Augenblicke voll Dankbarkeit für das glückliche Entkommen ihres Geliebten entgegen schlug. »Du kennst die Bedeutung deiner eigenen Worte nicht, und könntest noch Etwas beifügen, was mich unbeschreiblich schmerzen würde.«

»Boot ahoi!« rief eine tiefe Seemannsstimme auf zwanzig Schritte vor ihnen in jenem kurzen befehlshaberischen Tone, der diesen Ruf auf Kriegsschiffen bezeichnet.

Die in der Jolle waren auf's Höchste überrascht, und eine halbe Minute lang herrschte tiefe Stille. Endlich antwortete Ithuel in der gewöhnlichen Weise der Italiener, denn er erkannte die Nothwendigkeit, Etwas zu sagen, wenn man den Fremden nicht gerade auf den Hals bekommen wollte.

Clinch – denn er war es, der auf seinem Rückwege nach der Proserpina die Küste nach dem Lugger durchsuchte – brummte einen Fluch, als er fand, daß er in einer fremden Sprache reden mußte, wenn er das Gespräch fortsetzen wollte; dann fing er an, in seinem Kopfe all' das Italienisch zu mustern, das ihm für die jetzige Veranlassung zu Gebot stand, und welches, da er schon längere Zeit in dem Mittelmeer auf Station gewesen war, für seinen Zweck auch vollkommen ausreichte.

»Ist das ein Boot von Massa oder Capri?« fragte er.

»Keines von beiden, S'nore,« antwortete Raoul, welcher die Führung eines solchen Gesprächs Carlo's Gewissenhaftigkeit nicht anvertrauen mochte. »Wir kommen um das Kap von St. Agata, und führen Feigen nach Neapel.«

»St. Agata, aha, das ist das Dorf auf den Höhen; ich habe dort selbst eine Nacht zugebracht in dem Hause einer gewissen Maria Giuntotardi –«

»Wer kann das sein?« flüsterte Ghita; »meine Tante ist doch sonst nicht mit Ausländern bekannt!«

»Seiner undeutlichen Sprache und dem Accente nach ein Engländer. Ich hoffe, er wird doch keine Feigen zum Abendessen verlangen!«

Clinch dachte jedoch in diesem Augenblicke an ganz andere Dinge, und seinem Ideengange folgend, fragte er weiter:

»Habt Ihr nichts von einem spitzbübisch aussehenden Lugger mit französischer Takelage und ditto Bemannung gesehen, der irgendwo an dieser Küste herumlungert?«

» Si; gerade bei Sonnenuntergang zog er nordwärts nach dem Golfe von Gaeta, ohne Zweifel um dort unter dem Schutze seiner Landsleute vor Anker zu gehen.«

»Wenn das wahr ist, so wird er sich jedenfalls in heißem Wasser befinden,« erwiederte Clinch auf englisch. »Wir haben hier Schiffe genug beisammen, um ihn während einer einzigen Wache einzuhissen und zu der Größe eines Bootes zusammenzuschießen. Habt Ihr heute Abend vielleicht in der Nähe der Landspitze von Campanella eine Fregatte gesehen? – eine englische, mein' ich; einen netten Sechsunddreißiger mit drei neuen Marssegeln?«

» Si; das Licht, das Ihr dort in gleicher Linie mit Capri bemerket, hängt an ihrer Gaffel; wir haben sie den ganzen Nachmittag und Abend über gesehen. Sie war in der That so gütig, uns um das Kap herum in's Schlepptau zu nehmen, bis wir ganz in den Golf hereingekommen waren.«

»Dann paßt Ihr gerade für mich! – Sagt mir, ob Einer gegen Sonnenuntergang am Bord derselben gehängt wurde oder nicht?«

Die Frage wurde mit so viel Interesse gestellt, daß Raoul den Fragenden in seinem Herzen verfluchte, da er glaubte, derselbe brenne vor Begierde, seine eigene Hinrichtung zu vernehmen. Jetzt merkte er auch, daß dieß das Boot war, welches die Proserpina gegen Mittag verlassen hatte.

»Wenn es Euer Herz erheitern kann, S'nore, so kann ich Euch sagen, daß dieß nicht der Fall gewesen ist. Es war allerdings Einer im Begriff, gehängt zu werden, als es Kapitän Cuffe beliebte, ihn wieder herabnehmen zu lassen.«

»Gerade als drei schwere Kanonen von der Stadt aus abgefeuert wurden? – war's nicht so?« fragte Clinch eifrig.

» Diable! Der Mann ist am Ende gar mein Retter gewesen! – Ihr sagt die Wahrheit, S'nore; es geschah gerade, als zu Neapel drei Kanonen abgefeuert wurden, obwohl ich nicht wußte, daß diese Kanonen mit der beabsichtigten Execution etwas zu schaffen hatten. Könnt Ihr mir sagen, ob dieß der Fall war?«

»Ob es der Fall war! – Ich habe sie ja mit eigener Hand losgebrannt: sie waren das Signal, welches der Admiral geben ließ, um den armen Raoul Yvard wenigstens noch für einige Tage zu verschonen. Ich höre mit Freuden, daß all' meine großen Anstrengungen, die Flotte zu erreichen, nicht umsonst gewesen sind. Ich kann dieses Aufknüpfen nicht leiden, Herr Italiener.«

»S'nore, Ihr zeigt ein edles Herz, und werdet eines Tages noch die Früchte so großmüthiger Gesinnungen einernten. Ich wollte, ich wüßte den Namen eines so menschlich gesinnten Gentleman, um seiner in meinen Gebeten gedenken zu können.«

»Sie werden sich nie einfallen lassen, daß Kapitän Rule so Etwas sagte,« murmelte Ithuel grinsend.

»Was meinen Namen betrifft, Freund – der ist von geringer Wichtigkeit. Ich heiße Clinch – ein recht gutes, kurzes Wort, um drunter zu segeln; es hat aber keine andere Handhabe als den Titel eines armen Teufels von einem Untersteuermann, und zwar in einem Alter, wo Andere schon eine breite Wimpel führen.«

Der Schluß dieser Rede wurde in bitterem Tone und auf englisch gesprochen; dann wünschte er dem vermeinten Italiener ein › buona seraGuten Abend.
D. U.
und das Gig fuhr weiter.

»Das ist un brave,« sprach Raoul mit Nachdruck, als sie sich trennten. »Sollte ich je wieder mit Monsieur Clinch zusammentreffen, so soll er erfahren, daß ich seine guten Wünsche nicht vergessen habe. Peste! wenn ein Hundert solcher Männer in der brittischen Marine dienten, Etouelle, – wir könnten sie wahrlich lieben.«

»Es sind lauter feurige Drachen, Kapitän Rule, und keinem von Allen ist zu trauen. Was schöne Worte betrifft – da hätt' ich mich wohl selbst für des Königs Vetter halten dürfen, wenn ich nur meinen Namen unter ihre Kriegsartikel geschrieben hätte. Dieser Mr. Clinch ist übrigens im Ganzen noch gut genug, nur ist er selbst sein schlimmster Feind von wegen der Grogflasche.«

»Boot, ahoi!« schrie Clinch abermals, der mittlerweile fast hundert Schritte näher gegen das Kap gerudert war.

Raoul und Ithuel hielten gleichsam mechanisch mit Rudern inne, in der Meinung, der Untersteuermann habe ihnen noch irgend Etwas mitzutheilen.

»Boot ahoi! Gebt einmal Antwort, oder Ihr sollt bald mehr von mir hören,« wiederholte Clinch.

»Ja, ja,« antwortete eine andere und zwar Yelvertons Stimme. »Seid Ihr es, Clinch?«

»Ja, ja, Sir – Mr. Yelverton, nicht wahr? Ich denke, ich kenne die Stimme, Sir.«

»Ganz richtig – macht aber keinen solchen Lärm – wer war es, den Ihr vor ein paar Minuten anriefet?«

Clinch begann zu antworten; doch da sich die beiden Gigs während der Zeit immer näher kamen, so standen sie bald so dicht neben einander, daß man nicht mehr nöthig hatte, so laut mit einander zu sprechen, weßhalb man auch in der Entfernung nichts mehr vernehmen konnte.

Diese ganze Zeit über lagen Raoul und Ithuel, jedes Geräusch im Wasser vermeidend, ruhig auf ihren Rudern und horchten mit athemloser Aufmerksamkeit. Sie wußten nun gewiß, daß die Engländer ihre Ruder gleichfalls umwickelt hatten – zum Zeichen, daß sie ernstlich auf Verfolgung bedacht und die ganze Küste zu durchforschen entschlossen waren. Die beiden Gigs konnten nicht über hundert Schritte von der Jolle entfernt sein; Ithuel kannte sie als die zwei besten Ruderboote der ganzen Flotte, denn Cuffe und seine Lieutenants hatten mit ihnen mehrere Wetten gegen die Offiziere anderer Schiffe gewonnen.

»St!« wisperte Ghita in neuer Seelenangst. – »Ach, Raoul, sie kommen!«

Und sie kamen in der That mit der Schnelligkeit des Windes. So behutsam wurden übrigens die Ruder gehandhabt, daß sie der Jolle schon auf zweihundert Fuß nahe waren, ehe Raoul und Ithuel es gewahr wurden und ihre eigenen Ruder wieder in's Wasser senkten. Die Gigs waren jetzt auch, wiewohl nur undeutlich, zu sehen, denn die Schatten des Landes vermehrten die Dunkelheit der Nacht dermaßen, daß die Gegenstände selbst auf geringe Entfernung vollkommen unkenntlich blieben.

Die plötzliche, unmittelbare Annäherung der Gefahr schien in Carlo Giuntotardi alles noch vorhandene Leben aufzuregen. Er steuerte und steuerte gut, denn durch seinen langen Aufenthalt an der Küste war er an diese Arbeit gewohnt; rasch gierte er noch näher gegen die Felsen, theils um noch tiefer in deren Schatten einzudringen, theils aber auch, um im Nothfalle eine Landung zu bewerkstelligen.

Es war bald vorauszusehen, daß die Engländer sie einholen mußten. Vier Ruder gegen zwei machten die Ungleichheit zu groß, und es war offenbar, daß die Jolle zurückblieb.

»Oheim, steuert doch gegen den Bogen und die Wasserhöhle an der Landspitze!« flüsterte Ghita, die Hände über der Brust gefaltet, als ob sie ihre Bewegung niederpressen wollte. » Das kann ihn vielleicht noch retten!«

Die Jolle war eben im Begriff, um die Felsen herumzuschwenken, welche die tiefe Aushöhlung bilden, an welcher die Marina Grande von Sorrento liegt. Die Idee seiner Nichte auffassend, hielt Carlo die Ruderpinne hart steuerbord, indem er die beiden Andern zu gleicher Zeit anwies, ihre Ruder so rasch als möglich einzunehmen.

Diese gehorchten in der Meinung, er beabsichtige zu landen, um auf den Höhen Schutz zu suchen. Doch eben als sie erwarteten, daß das Boot gegen einen senkrechten Felsen anrennen würde, und während Raoul seine Verwunderung zu erkennen gab, wie man einen solchen Landungspunkt habe wählen können – glitt dasselbe durch einen niederen Bogen, und lief mit der Geräuschlosigkeit einer Wasserblase, wenn sie der Strömung eines Flusses folgt, in ein kleines Wasserbecken ein.

In der nächsten Minute kamen die beiden Gigs um die Felsen herumgewirbelt; das eine eilte dicht am Ufer hin, um die Flüchtlinge am Landen zu hindern; das andere steuerte in schiefer Richtung quer über den Golf. Eine Minute später waren sie schon hundert Schritte weiter und das Geräusch ihrer Bewegungen wurde allmählig unhörbar.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.