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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ich bebe nicht
Und fühl' den ganzen Fluch, nicht Furcht zu kennen,
Kein Herz zu haben, das voll Hoffnung schlägt
Und liebend sich an etwas Ird'sches kettet.

Manfred.

 

Mittlerweile war der Tag bedeutend vorgerückt, und Cuffe hatte sehr triftige Gründe zu der Unruhe, welche in neuerer Zeit an ihm zu bemerken war. Die drei englischen Schiffe waren noch immer in dem Golfe von Salerno, doch mehr in der Nähe des nördlichen Ufers – die Proserpina am tiefsten in der Mitte, die Terpsichore und die Ringeltaube näher gegen das Kap Campanella, wohin sie alsbald gesteuert waren, so wie sie sich überzeugt hatten, daß nach dem Lande hin nichts vom Feinde zu bemerken sei.

Die Höhen, welche von der unmittelbaren Nachbarschaft der Stadt Salerno an bis zu der Landspitze gegenüber von Capri das Gestade begränzen, sind längst nicht nur wegen ihrer Schönheit und Großartigkeit, sondern auch um ihrer mittelalterlichen Erinnerungen willen berühmt. Da die Proserpina nie zuvor in diesem Golfe oder wenigstens nie so tief in dessen Mündung gewesen war, so fanden die Offiziere bei der allgemeinen Unbehaglichkeit, die man in Betreff des Gefangenen fühlte, wenigstens einige Zerstreuung in dem Anblick einer Landschaft, die selbst in diesem merkwürdigen Theile der Erde noch besonders hervorstach.

Das Schiff stand Amalfi gerade gegenüber und war kaum eine Meile vom Ufer entfernt. Man hegte die Absicht, mit einigen Fischerleuten zu verkehren, die man unterwegs getroffen hatte; alle Nachrichten, die man von ihnen einzog, bestätigten die Thatsache, das kein dem Lugger ähnliches Fahrzeug in der Bai gewesen war. Das Gallion des Schiffes wurde nun süd- und westwärts gestellt, um den Zephyr abzuwarten, der in Kurzem eintreten mußte.

Von den überhängenden Felsen aus gesehen, erschien die stattliche Fregatte in Allem, nur nicht in Symmetrie und kriegerischem Aufputze – wie ein kleines Kauffahrteischiff, denn die ganze Umgebung dieser Küste war in so großem Maaßstabe geformt, daß sich jedes Gebilde von Menschenhänden dem Auge ungewöhnlich klein darstellen mußte. Auf der andern Seite sah man Landhäuser, Kirchen, Einsiedeleien, Klöster und Dörfer in gleich trügerischen Formen an den Abhängen des Gebirges kleben, wodurch aber die ganze Scenerie einen Charakter der Ueppigkeit erhielt, der den Zuschauer lange im Zweifel ließ, ob er die Wildheit oder die pittoreske Schönheit des Ganzen mehr bewundern sollte. Das schwache Lüftchen, das noch wehte, kam aus Süden, und als das Schiff langsam an dieser so ausnehmend anziehenden Landschaft vorüberglitt, schien jeden Abhang eine Stadt, jeden Felsvorsprung eine menschliche Wohnung und jede natürliche Terrasse eine Villa nebst Garten zu krönen.

Unter allen Sterblichen werden Seeleute am frühesten gleichgültig gegen die Eindrücke, welche der Anblick neuer, schöner Gegenden in uns hervorruft. Es scheint theilweise zu ihrem Berufe zu gehören, alle die Empfindungen eines unerfahrenen Jünglings zu unterdrücken, und so kommt es, daß sie im Allgemeinen alles Außergewöhnliche mit dem Gleichmuthe von Leuten betrachten, welche es als ein Zugeständniß der Schwäche ansehen, wenn man überhaupt Ueberraschung laut werden läßt. Selten begegnet es ihnen, daß sich irgend Etwas ereignet oder ihrem Blicke darbietet, ohne daß die letzte Kreuzfahrt – oder wenn es ein Handelsschiff ist – die letzte Reise – ein Gegenstück dazu lieferte, wobei denn gewöhnlich dem früheren Ereignisse oder dem entfernteren Gegenstande der Vorzug eingeräumt wird. Wer einen gehörigen Vorrath dieser aufgespeicherten Kenntnisse und Erfahrungen besitzt, wird, wie leicht einzusehen, einer großen Ueberlegenheit über Den genießen, welcher nichts der Art aufzuweisen hat: jedenfalls ist er der Nothwendigkeit enthoben, ein so demüthigendes Gefühl, wie das der Verwunderung – einzugestehen.

Bei gegenwärtiger Veranlassung konnten übrigens nur Wenige der Neuheit der jetzigen Lage des Schiffes widerstehen; die Meisten gaben bereitwillig zu, daß sie noch niemals unter Klippen hingefahren seien, welche den Reiz der Großartigkeit, der Schönheit und Lieblichkeit in diesem Grade mit einander verbunden hätten. Nur Wenige blieben, wie gesagt, standhaft und behaupteten nach der Art alter Starrköpfe ihre hartnäckig verfochtene Gleichgültigkeit.

Strand, der Hochbootsmann, war einer von Denen, welche bei solchen Gelegenheiten ›hart starben‹. Er war auf dem ganzen Schiffe gewiß der Letzte, der jemals ein Vorurtheil aufgegeben hätte, und zwar aus dreierlei bezeichnenden Gründen: erstens, weil er ein Londoner Stadtkind und als solches im Mittelpunkte menschlichen Wissens geboren war – zweitens, weil er als Seemann die ganze Welt bereits kannte, und drittens, weil er Hochbootsmann war und in letzterer Eigenschaft seine Würde wahren mußte.

Während die Proserpina gemächlich längs dem Lande hinzog, nahm dieser Ehrenmann eine Stellung zwischen den Klüshölzern am Bugspriet, wo er die ganze Scene überschauen und zu gleicher Zeit dem Gespräche auf dem Vorkastell zuhören konnte – Beides natürlich mit geziemendem Anstande. Strand spielte auf dem Vorkastell fast ebensosehr den Herrscher, wie es Cuffe auf dem Hinterdecke zu thun berechtigt war, nur daß die Erscheinung eines Lieutenants oder des Quartiermeisters dann und wann den Glanz seiner Regierung etwas verdunkelte. Gleichwohl fühlte sich Strand nur zweien von den Offizieren vollständig untergeordnet – nämlich dem Kapitän und dem ersten Lieutenant, und selbst diesen nicht immer in solchen Dingen, welche seiner Meinung nach rein Sachen der Ansicht waren. Im Dienste selbst verstand er sich zu gut auf seine Pflicht, als daß er jemals gezögert hätte, einem Befehle Folge zu leisten: wenn sich's aber blos um Meinungen handelte – da war er der Mann dazu, um die seinige selbst in Nelsons Gegenwart zu behaupten.

Der erste Mate auf dem Vorkastell war ein alter Seemann, Namens Catfall. In demselben Augenblicke, da Strand die oben bezeichnete Stellung zwischen den Klüshölzern einnahm, hielt jener zweite Seemann eine Unterredung mit drei oder vier Vorkastellmatrosen, die innen auf der Hieling des Bugspriets standen, da die Schiffsetikette diesen Ehrenmännern nicht erlaubte, ihre Köpfe über die Finkenetten Sind die netzartig verschlungenen Seile, an denen die Hängematten befestigt werden.
D. U.
hervorzustrecken. Jeder der Sprechenden hatte die Arme über einander geschlagen; jeder kaute Tabak; jeder hatte das Haar in einen Zopf gebunden, und jeder zupfte von Zeit zu Zeit seine Pumphosen in die Höhe, zum Beweise, daß er keiner Hosenträger bedurfte, um seinen unteren Anzug an der geeigneten Stelle zu erhalten. Noch könnten wir anführen, daß bei jedem dieser Seemänner da, wo Jacke und Pumphosen sich trennten, ein Streifen von einem reinlichen, weißen Hemde zu sehen war, welches gegen das Blau der Uniform sehr vortheilhaft abstach und gleichsam als eine Art Marineaufschlag diente.

Catfall bildete – wie dieß seiner größeren Erfahrung und seinem Range gebührte – den Hauptsprecher unter der Gruppe, welche die Hieling des Bugspriets besetzt hatte.

»Diese Küste hier ist allerdings gebirgig, das muß man zugeben,« bemerkte der Mate des Vorkastells; »aber ich wollte nur so viel sagen: daß sie nicht so gebirgig ist wie manche andere, die ich schon gesehen habe. Als ich mit Kapitän Cook die Reise um die Welt machte, trafen wir auf Inseln, welche dermaßen mit Felsen und dergleichen bedeckt waren, daß diese Dinger da am Ufer kaum für etwas Anderes, als für 'ne Art von Nothgebirgen Catfall nimmt seine Vergleichung von dem seemännischen Begriffe von Nothmasten, und meint eine geringere Stufe in der Gebirgsformation.
D. U.
gelten könnten.«

»Da habt Ihr ganz recht, Catfall,« fiel Strand mit einer Protektorsmiene ein; »wie Jedermann weiß, der um das Cap Horn gekommen ist. Ich segelte nicht mit dem Kapitän Cook, sintemalen ich damals als Hochbootsmann auf dem ›Hussar‹ diente, und dieser hätte nicht zu Cooks Geschwader gepaßt, weil er ein Postschiff und sein Kommandant ein wirklicher Kapitän war; aber als Junker sah ich jenen Theil der See, und kann Catfalls Bericht über die Geschichte, als historische Thatsache, mit meinem schwersten Anker unterstützen. Ich will verd – t sein, wenn ich glaube, daß diese Hügel in jenem Theile der Welt nur noch Nothgebirge genannt würden. Man sagt mir, in der Nähe von Lunnun gebe es einige adelige Parks, wo man Gebirge aufrichtet, blos um sie anzustaunen: die müssen mit jenen Dingern gar viele Ähnlichkeit haben. Wenn ich einmal zu Haus bin, so komm' ich nicht weit über Wappin' hinaus, und so kann ich nicht sagen, daß ich diese künstlichen Hügel, wie sie's nennen, mit eigenen Augen gesehen hätte: aber da ist ein gewisser Joseph Shirk, der in der Nähe des St. Katharinengäßchens wohnt und regelmäßig seine Ausflüge in die Nachbarschaft macht – der gibt einen ganz genauen Bericht über die Sache.«

»Ich kann wohl sagen, 's ist Alles wahr, Mr. Strand,« antwortete der Vorkastellsmate, »denn ich habe einige gereiste Bursche gekannt, die noch weit sonderbarere Dinge als diese hier gesehen haben. Nein, Sir, die Gebirge da wollen eben nicht viel bedeuten, und was die Häuser und Dörfer darauf betrifft, so dürft Ihr mir glauben, daß Ihr auf eines von diesen immer deren zwei auf den wüsten Inseln rechnen konntet.«

Ein höchst wunderbarer Bericht über Cooks Entdeckungen wurde durch Cuffe's plötzliches Erscheinen auf dem Vorkastell unterbrochen. Es geschah nur selten, daß der Kapitän diesen Theil des Schiffes besuchte; aber wo er auch hingehen mochte – er wurde überall als eine bevorrechtete Person betrachtet.

Bei seiner Ankunft verließen alle die ›alten Seekrebse‹ die Hieling des Bugspriets; die Persennings kamen hübsch herunter, in gleiche Linie mit den Bagreffs der Segel, und selbst Strand verließ seinen Platz zwischen den Klüshölzern und verfügte sich in die Finkenetten.

Cuffe, ein Mann von sechsundzwanzig Jahren – kam leichten, festen Tritts einhergegangen, und erwiederte die Verbeugung des Hochbootsmanns kaum durch eine leichte Berührung des Hutes.

Auf einem englischen Kriegsschiffe ist ein Hochbootsmann eine wichtigere Person, als er vielleicht an Bord eines amerikanischen Fahrzeuges sein mag. Weder der Kapitän noch der erste Lieutenant verschmähen es, sich zu Zeiten in eine Unterredung mit ihm einzulassen, und man sieht ihn zuweilen auf der Steuerbordseite des Quarterdecks in tiefes Gespräch mit einem oder dem andern dieser hohen Würdenträger verwickelt auf und ab spazieren.

Es wurde bereits oben gesagt, daß Cuffe und Strand schon früher einmal Schiffsgenossen waren; Letzterer hatte nämlich auf demselben Schiffe als Hochbootsmann gedient, auf welchem Ersterer in seine Laufbahn eingetreten war. Dieser Umstand wurde von beiden Theilen niemals vergessen, und der Kapitän kam in freien Augenblicken selten in die Nähe seines Untergebenen, ohne daß er ihm Etwas zu sagen hatte.

»Eine ziemlich merkwürdige Küste das, Strand,« begann er auch jetzt, sobald er den rechten Platz zwischen den Klüshölzern gefunden hatte; »man könnte sich vielleicht eine Woche lang in England umsehen, ohne so etwas anzutreffen.«

»Bitt' um Verzeihung, Sir, ich bin nicht derselben Meinung. Ich sagte so eben den Vorkastelljungen da unten, daß es zu Haus bei uns manchen vornehmen Edelmann gibt, der in seinen Parks und Gärten schönere Hügel hat, welche der puren Verwunderung halber von Menschenhänden gefertigt wurden.«

»Den Teufel habt Ihr! Und was haben die Vorkastelljungen da unten dazu gesagt?«

»Was konnten sie sagen, Sir? Es bewies ja gerade die Ueberlegenheit des Engländers über den Italiener, und damit hatte die Sache ein Ende. Erinnert es Euch nicht an Indien, Sir?«

»An Indien! Nun – die Küste zwischen Calcutta und Bombay ist ja größtentheils so flach wie ein Pfannkuchen.«

»Nicht jenes Indien, Sir – sondern das andere – Westindien mein' ich. Die Inseln und Gebirge, die wir während unserer Kreuzfahrt auf dem ›Rattler‹ ›Raßler‹.
D. U.
gesehen haben; Euer Gnaden waren damals erst ein junger Herr, aber viel zu gern oben, um irgend Etwas Euerem Blicke entgehen zu lassen – und so ging's längs der ganzen amerikanischen Küste.«

Bei diesen Worten schaute sich Strand wohlgefällig um, als ob er seinen Zuhörern begreiflich machen wollte, welch' alten Freund des Kapitäns sie in der Person des Hochbootsmanns vor sich zu sehen die Ehre hätten.

»Ja, ja, mit Westindien – da mögt Ihr eher recht haben, Strand, und doch haben sie dort Nichts, was sich mit dieser Gegend vergleichen ließe. Seht nur, wie die Gebirge, mit Wohnungen besäet, so schön aus der See emporsteigen!«

»Nun, Sir, was die Wohnungen betrifft – was will das heißen, mit einer Lunnuner Straße verglichen. Da fangt nur einmal mit der Steuerbordhand an, wenn Ihr z. B. Cheapside hinabgeht, und vergeßt nicht zu zählen; ich will mein Leben darauf wetten, Ihr werdet nach einem halbstündigen Spaziergange mehr Häuser herausbringen, als in all' den Dörfern da drüben zu finden sind. Dann dürft Ihr auch nicht vergessen, Sir, daß die Steuerbordhand blos die eine Hälfte ist, gerade wie jeder Hans sein Gretchen hat. Nach Allem, was ich auf meinen Kreuzfahrten gesehen, Kapitän Cuffe, betrachte ich Lunnun als die größte Naturschönheit der Welt.«

»Weiß nicht, Mr. Strand. Was Naturschönheiten betrifft, so könnte man mit dieser hier recht wohl zufrieden sein. Jene Stadt dort heißt Amalfi, und soll früher ein bedeutender Handelsplatz gewesen sein.«

»Handelsplatz, Sir! – 's ist ja nur so etwas wie ein Dorf oder höchstens ein Flecken, in eine Erdspalte hineingebaut. Kein Hafen, keine Docks, nicht einmal ein passender Platz am Strande, wo man das Gerippe eines Schiffes aufrichten könnte. Der Handel einer solchen Stadt muß hauptsächlich mittelst Maulthieren und Lasteseln geführt worden sein, wie man von dem Handel in der Bibel liest.«

»Mag er geführt worden sein, wie er will – Handel war einmal vorhanden. Uebrigens scheint an der ganzen Küste nirgends ein Versteck zu sein, Strand, das für einen Lugger wie der Folly passen würde.«

Der Hochbootsmann lächelte mit pfiffigem Blick, und seine Miene zeigte zu gleicher Zeit den Ausdruck eines Mannes, welcher nicht für klug hält, andere Leute in alle seine Geheimnisse eindringen zu lassen.

»Der Folly ist ein Fahrzeug, das wir wahrscheinlich nie wieder sehen werden, Kapitän Cuffe,« gab er endlich, gleichsam nur aus Respekt vor seinem Vorgesetzten zur Antwort.

»Wie so? – die Proserpina pflegt doch auf Alles, wornach sie Jagd macht, ein Augenmerk zu richten.«

»Ja, ja, Sir, das mag als Regel wohl wahr sein: aber ich hab' es noch nie erlebt, daß man ein Fahrzeug, nachdem man sich dreimal darnach umgesehen, endlich noch gefunden hätte. In dieser Welt scheint Alles nach der Zahl Drei zu gehen, Sir, und ich betrachte die dritte Jagd auf ein Schiff immer auch als die letzte. So z. B., Sir, haben wir drei Klassen von Admiralen – drei Abstufungen in den Flaggen – ein Schiff hat drei Masten – die größten Schiffe sind Dreidecker – dann gibt es auch drei Planeten.«

»Den Teufel gibt es – ja! Wie wollt Ihr nur das herausbringen, Strand?«

»Nun, Sir, da haben wir die Sonne, den Mond und die Sterne – macht nach meiner Rechnung gerade drei!«

»Ja, aber was sagt Ihr zu Jupiter, Saturn und Venus, und all' den übrigen, mit Einschluß unserer Erde?«

»Nun, Sir, das sind eben alle die übrigen Sterne – aber keine Planeten. Dann, Sir, schaut nur um Euch, und Ihr werdet finden, daß Alles nach der Zahl Drei geht. Wir haben drei Mars-, drei Klüver- und drei Bramsegel –«

»Und zwei große Segel,« warf der Kapitän ernsthaft ein, dem diese Dreieinigkeitstheorie völlig neu war.

»Ganz richtig, Sir – dem Namen nach; aber Euer Gnaden werden sich erinnern, daß der Brodwinner nichts anderes als ein weiteres großes Segel ist, das statt, wie gewöhnlich an einer Beiraa – an einem Maste aufgetakelt wird.«

»Dann gibt es auch weder drei Kapitäne noch drei Hochbootsmänner auf einem Schiff, Master Strand.«

»Allerdings nicht, Sir – das wäre himmelschreiend – sie würden einander ja nur im Wege stehen, und doch läßt sich die Zahl Drei selbst in diesen kleinlichen Dingen auf eine wunderbare Art durchführen. Da sind z. B. die drei Lieutenants; dann der Hochbootsmann, der Konstabler und Zimmermann – und –«

»Segelmacher, Rüstmeister und Mastenkapitän,« fiel Cuffe lachend ein.

»Nun, Sir, so könnt Ihr Alles zweifelhaft machen, wenn Ihr eine Masse von Einwürfen dagegen erhebt: aber meine lange Erfahrung belehrt mich, daß eine dritte Jagd niemals zu Etwas führt, wenn sie nicht erfolgreich war; daß man aber nach einer dritten Jagd jedenfalls alle Hoffnung aufgeben darf.«

»Ich denke, Lord Nelson folgt einem andern Grundsatze, Strand. Er lehrt uns, einen Franzmann lieber um die ganze Erde zu verfolgen, als ihn entschlüpfen zu lassen.«

»Ohne Zweifel, Sir. Folgt ihm um drei Erden, wenn Ihr ihn im Auge behalten könnt – aber nur nicht um vier. Das ist Alles, was ich zu verfechten Willens bin, Kapitän Cuffe. Selbst Weiber sollen von dem Vermögen eines Mannes so etwas – man nennt's glaub' ich ihr Drittel – ziehen.«

»Nun, nun, Strand, ich denke, Eure Lehre muß wohl etwas Wahres an sich haben, sonst würdet Ihr sie nicht so hartnäckig vertheidigen, und was diese Küste betrifft, so muß ich sie jetzt auch aufgeben, denn ich darf nie erwarten, eine zweite, viel weniger eine dritte ihr ähnliche zu sehen.«

»Es ist meine Schuldigkeit, Euer Gnaden nachzugeben; erlaubt mir aber gleichwohl, dabei zu bleiben, daß die dritte Jagd immer auch die letzte sein sollte. – Das ist doch ein trauriger Anblick für einen Mann von Gefühl, Kapitän Cuffe – ich meine den Gegenstand zwischen den beiden Mittelkanonen auf der Steuerbordseite des Hauptdecks, Sir.«

»Ihr meint den Gefangenen? Ich wünsche von ganzem Herzen, Strand, daß er nicht dort wäre. Ich glaube fast, ich möchte lieber, er wäre wieder auf seinem Lugger, um jene vierte Jagd mit ihm zu versuchen, von der Ihr so wenig zu halten scheint.«

»O, die hängenden Nämlich solche, wo eine Execution bevorsteht.
D. U.
Schiffe sind selten glückliche Schiffe, Kapitän Cuffe. Meiner Ansicht nach – ich bitte um Verzeihung, Sir – sollte auf jeder Flotte ein schwimmender Kerker sein, wo alle Kriegsgerichte und Executionen abgehalten würden.«

»Das hieße, den Hochbootsmännern keinen kleinen Theil ihres Amtes entziehen, wenn man alle Strafen von den verschiedenen Schiffen verbannen wollte,« antwortete Cuffe lächelnd.

»Ja, ja, Sir – die Strafen, da muß ich Euer Gnaden recht geben: aber das Hängen ist eine Execution und keine Strafe. Gott verhüte, daß ich mein Lebenlang jemals auf ein Schiff komme, wo keine Strafe stattfinden dürfte – aber ich werde nachgerade zu alt, um Executionen noch mit einigem Vergnügen ansehen zu können. Ein Dienst, der nicht mit Freuden gethan wird, ist jedenfalls nur ein armseliger Dienst, Sir.«

»Es gibt manche unangenehme, ja sogar peinliche Dienstgeschäfte, Strand. Die Execution eines Menschen aber – welches auch immer sein Vergehen sein möge – gehört unter die allerpeinlichsten.«

»Ich meines Theils, Kapitän Cuffe, mache mir aus dem Aufknüpfen eines Meuterers nicht sonderlich viel, denn er ist ein Geschöpf, welches die Welt eigentlich nicht beherbergen sollte – bei einem Feinde und Spion ist's aber wieder etwas Anderes. Unsere Pflicht verlangt von uns, für König und Vaterland, so gut wir können, zu spioniren, und mit Leuten, die ihre Pflicht erfüllen, sollte man nicht allzuhart verfahren. Mit einem Burschen, der nicht Ordre zu pariren versteht und seinen Willen über den seiner Vorgesetzten stellt, habe ich keine Nachsicht: aber ich kann nicht einsehen, warum die Herren bei Kriegsgerichten so hart mit Leuten umgehen, welche das Recognosciren etwas weiter treiben, als gewöhnlich.«

»Das kommt daher, Strand, weil Flotten weniger als Armeen dem Versuche des Spionirens ausgesetzt sind. Ein Soldat haßt einen Spion ebensosehr wie Ihr einen Meuterer, und zwar, weil er mittelst eines solchen vom Feinde überfallen und im Schlafe hingewürgt werden kann. Nichts ist für den Soldaten unerfreulicher, als überfallen zu werden, und das Gesetz gegen Spione – wenn gleich ein allgemeines Kriegsgesetz – stammt wohl ursprünglich eher von den Soldaten, als von den Seeleuten her.«

»Ja, Sir – ich darf wohl sagen, Euer Gnaden haben recht. Der Schuldige ist dann ein Herumstreicher, im besten Falle ein Soldat, und diese Meinung beweist es. Nun denkt Euch einmal, Sir, Kapitän Cuffe, ein Franzmann, ungefähr von unserem Kaliber, setzte sich in den Kopf, die Proserpina in einer finstern Nacht zu überfallen; was würde im Ganzen dabei herauskommen? Wir haben unsere Kanonen und brauchen die Leute blos zu wecken, um sie zum Feuern zu bringen, fast gerade so, wie wenn gar kein Spion auf der Welt wäre. Und sollten sie etwa vorziehen, zu uns an Bord zu kommen und ihr Glück im Handgefechte zu versuchen, da, glaub' ich fast, Sir, würde die Ueberraschung auf sie selber zurückfallen. Nein, nein, Sir, Spione sind nichts für uns, obwohl man sie schon auch Mores lehren könnte, wenn man Einen je zuweilen tüchtig kielholte.«

Cuffe verstummte jetzt allmählig in Nachdenken vertieft, und sobald der Kapitän in dieser Laune war, wagte selbst Strand nicht, weiter zu sprechen.

Ersterer stieg auf das Vorkastell hinab, und ging, die Hände auf den Rücken gekreuzt und das Haupt vorwärts gebeugt, nach dem Quarterdeck. Jeder, dem er begegnete, machte ihm natürlich Platz, und so schritt er, gleich einem Geächteten, durch die versammelte Menge. Selbst Winchester respektirte die Zerstreutheit seines Vorgesetzten, obgleich er eine dringende Anfrage zu machen hatte, die wir dem Leser sogleich erklären wollen.

Andrea Barrofaldi und Vito Viti verweilten noch immer als Gäste auf der Fregatte, und gewöhnten sich allmählig immer besser an ihre neue Lage. Sie konnten zwar dem Scherz und Gespötte eines Kriegsschiffs nicht entgehen, wurden aber im Ganzen dennoch gut behandelt und waren auch ziemlich zufrieden, besonders da die Hoffnung, den Feu-Follet einzufangen, von Neuem rege wurde. Natürlich hatte man sie von Raouls Lage benachrichtigt, und da Beide im Ganzen gutmüthige und wohlwollende Männer waren, so wünschten sie den Gefangenen sprechen zu dürfen, um ihm zu beweisen, daß sie keinen Groll gegen ihn hegten. Sie hatten die Sache mit Winchester verhandelt; dieser hielt es aber für das Sicherste, ehe er ihnen die Erlaubniß ertheilte, zuvor mit dem Kapitän Berathung zu pflegen.

Endlich bot sich eine Gelegenheit dazu dar, denn Cuffe raffte sich plötzlich auf, um in Betreff der Segel, unter denen das Schiff stand, einen Befehl zu ertheilen.

»Da sind die beiden italienischen Herren, Kapitän Cuffe,« bemerkte Winchester, »und wünschen den Gefangenen zu sprechen. Ich hielt es nicht für recht, Sir, ihn mit irgend Jemand verkehren zu lassen, ohne zuvor Euren Willen zu erfahren.«

»Der arme Junge! Seine Zeit wird allgemach sehr kurz, wenn Clinch nicht bald von sich hören läßt; es kann kein Unrecht sein, wenn wir ihm jetzt noch jede Nachsicht gewähren. Ich habe eben über die Sache nachgedacht und sehe kein Mittel vor mir, wie ich den Befehl zur Execution umgehen kann, wenn ich nicht von Nelson selber Contreordre erhalte.

»Gewiß nicht, Sir. Doch Mr. Clinch ist ein thätiger, erfahrener Seemann, wenn's ihm einmal ernst ist, und so können wir immer noch Etwas von ihm hoffen. – Was soll mit den Italienern geschehen, Sir?«

»Laßt sie hinabgehen – sie und Jedermann, den der arme Yvard vielleicht noch sehen will.«

»Zählt Ihr auch den alten Giuntotardi und seine Nichte darunter, Kapitän Cuffe, und diesen unsern eigenen Deserteur – Bolt mein' ich – auch er hat so Etwas wie einen Wunsch vorgebracht, von seinem ehemaligen Schiffsgenossen Abschied nehmen zu dürfen.«

»Letzterem könnten wir zwar mit Fug und Recht seine Bitte abschlagen, Mr. Winchester – den Andern aber schwerlich. Doch wenn Raoul Yvard den Yankee sehen will, so mag auch sein Wunsch gewährt werden.«

Mit dieser Vollmacht zögerte Winchester nicht länger, die verschiedenen Gesuche zu genehmigen. Da ein Schiff, besonders zur See, weit sicherer als ein Landgefängniß ist und ein Entkommen nahezu unmöglich war, so wurde der Schildwache durch den Korporal der Befehl zugeschickt, daß Jeder, den der Gefangene zu empfangen wünsche, in seinem Zimmer zugelassen werden sollte. Auch die verschiedenen Partien erhielten die Weisung, daß sie den Verurtheilten besuchen dürften, wofern Letzterer sie zu empfangen aufgelegt wäre.

Mittlerweile hatte bei der gesammten Schiffsmannschaft eine höchst düstere Stimmung Platz gegriffen. Der wirkliche Stand der Dinge war Allen am Bord bekannt, und nur Wenige hielten es für möglich, daß Clinch den Foudroyant erreichen, seine Befehle empfangen und noch zeitig genug zurück sein könne, um die Execution zu verhindern. Es war nur noch drei Stunden bis zu Sonnenuntergang, und statt zu schleichen, schienen die Minuten eher zu fliegen.

Der menschliche Geist ist einmal so beschaffen, daß Ungewißheit seine meisten Regungen steigert – selbst die Furcht vor dem Tode erzeugt oft eine heftigere Erschütterung, als die wirkliche Annäherung desselben. – So erging es den Offizieren und der Mannschaft der Proserpina. Wäre keine Möglichkeit, die Execution zu vermeiden, vorhanden gewesen, so würden sie sich gefaßt und einem unausweichlichen Uebel ruhig unterworfen haben; aber die schwache Hoffnung, die sich noch zeigte, erzeugte eine fieberische Aufregung, die sich bald und in einem Maaße über Alle verbreitete, wie wenn ein feindliches Schiff vor ihren Augen stünde, das Jeder zuerst hätte kapern sollen.

Minute auf Minute flog vorüber, und dieses Gefühl wurde allmählig so heftig, daß wir die Gränzen der Wahrheit wohl kaum überschreiten werden, wenn wir behaupten, Seiner brittischen Majestät Schiff Proserpina habe unter allen Wechselfällen des Kriegs nie eine so fieberische Stunde verlebt, als eben in jener Periode unserer Erzählung. Hundert Augen waren fortwährend auf die Sonne gerichtet, und mehrere der jungen Herren versammelten sich auf dem Vorkastell in der einzigen Absicht, der Landspitze so nahe als möglich zu sein, um welche Clinchs Boot herumkommen mußte, wie es auch zuvor hinter derselben verschwunden war.

Der Zephyr hatte sich zur gewöhnlichen Stunde eingestellt, war aber nur schwach, und die Fregatte stand den Gebirgen so nahe, daß sie wenig von seiner Einwirkung verspürte.

Anders dagegen war es mit den beiden andern Schiffen. Lyon hatte bei Zeiten den höchsten Theil des Gebirges hinter sich bekommen, und seine oberen Segel faßten so viel von der Brise, daß sie ihn schon vor drei bis vier Stunden in die See hinaus geführt hatte. Die Terpsichore unter Sir Frederick Dashwood war dem Lande gar nie so nahe gekommen, daß sie eine Windstille verspürt hätte. Ihr Gallion war mit dem ersten Hauche des Nachmittagswindes gegen Südwest gestellt worden, und die Fregatte stand jetzt mit vollem Rumpfe seewärts, indem sie immer besser in den Wind gelangte, je mehr sie ihren Kurs nach der Meerenge zwischen Ischia und Capri lenkte.

Die Proserpina aber lag in dem Augenblick, da die Glocke der Nachmittagswache ein Uhr schlug, den berühmten Sireneninselchen gerade gegenüber; die westliche Brise begann allbereits zu ersterben, obwohl das Schiff, von ihr getrieben, für den Augenblick schneller dahinzog, als es seit heute Morgen der Fall gewesen war.

Die erste Stunde der Nachmittagswache bedeutet nach gewöhnlicher Zeitrechnung ungefähr halb sechs Uhr: zu jener Jahreszeit geht die Sonne wenige Minuten nach sechs Uhr unter Hier begeht der Herr Verfasser einen kleinen Verstoß, insofern seiner Angabe im Eingange zufolge der jetzige Moment der Erzählung wenigstens noch in die letzten Wochen des Augusts fallen muß, wo die Sonne nicht um sechs, sondern zwischen sieben und halb acht Uhr untergeht.
D. U.
. Somit blieb wenig über eine halbe Stunde bis zur Vollziehung des Urtheilsspruches übrig.

Cuffe hatte das Verdeck nicht mehr verlassen und fuhr erschrocken zusammen, als er den Schlag der Glocke vernahm. Winchester wandte sich gegen ihn mit fragendem Blicke, denn zwischen Beiden war das Nöthige schon zum Voraus abgemacht worden. Eine bezeichnende Geberde war Alles, was er zur Antwort erhielt.

Dieß genügte aber auch vollkommen. Alsbald wurden gewisse geheime Befehle erlassen. Jetzt war unter den Vormarsmatrosen und auf dem Vorkastell eine gewisse Geschäftigkeit zu bemerken: an dem Vorraa-Arm wurde ein Tau aufgezogen und ein Gatter als Auftritt hergerichtet – lauter untrügliche Zeichen einer bevorstehenden Execution.

So sehr auch diese rauhen Seeleute Gefahren jeder Art zu bestehen und menschliches Leiden fast unter jeder Gestalt mit anzusehen gewöhnt waren, so war dießmal gleichwohl über Alle ein eigenthümliches Gefühl der Menschlichkeit gekommen. Raoul war freilich ihr Feind, und als solcher noch vor achtundvierzig Stunden ein Gegenstand ihres vollen, aufrichtigen Hasses: aber die Umstände hatten den früheren Groll in ein edleres, männlicheres Gefühl umgewandelt. Erstens war ein siegreicher, triumphirender Feind etwas ganz Anderes als ein Gegner, den sie in ihrer Gewalt hatten, und der gänzlich von ihrer Gnade abhing. Dann war auch die persönliche Erscheinung des jungen Kapersmannes ungewöhnlich einnehmend und durchaus verschieden von der Schilderung, welche lebhafte Eifersucht, vielleicht nicht ohne Beimischung von Bitterkeit, früher von ihm entworfen hatte. Vor Allem aber wurde ihr Edelmuth durch die Ueberzeugung geweckt, daß die eine große Leidenschaft des Menschen – und nicht der gewöhnliche Beweggrund eines Spions ihren Feind in diese Gefahr gestürzt, und er, wenn auch vom technischen Gesichtspunkte aus schuldig – selbst zugegeben, daß er bei Verfolgung seiner Liebesabsichten vielleicht nebenbei kriegerische Plane nährte – gleichwohl nicht um elenden Lohn also gehandelt habe.

Alle diese Betrachtungen, zusammengenommen mit dem Widerwillen, welchen Seeleute immer gegen die Vornahme einer Execution auf ihrem Schiffe hegen – hatten der Sache eine durchaus veränderte Wendung gegeben, und da, wo Raoul noch vor Kurzem zwei- bis dreihundert kräftige, furchtbare Feinde angetroffen hätte, würde er jetzt wohl ebensoviele teilnehmende Freunde gefunden haben.

Kein Wunder also, wenn die Vorkehrungen der Vormarsgasten mit unfreundlichen Blicken angesehen wurden. Nichtsdestoweniger hielt die unsichtbare Hand der Amtsgewalt Alle im Zaume. Cuffe selbst wagte nicht, länger zu zögern. Die nöthigen Befehle wurden, wenn gleich mit tiefem Widerstreben, ertheilt; dann ging der Kapitän in seine Kajüte, wie wenn er sich vor menschlichen Augen verbergen wollte.

Die zehn Minuten, welche jetzt folgten, waren Minuten tiefer Bestürzung. Alle Matrosen wurden aufgerufen, die Vorbereitungen vervollständigt, und Winchester wartete nur auf das Wiedererscheinen Cuffe's, um den Gefangenen auf den Auftritt treten zu lassen.

Ein Midshipman wurde in die Kajüte gesendet, worauf der kommandirende Offizier langsam und mit zögerndem Schritte auf das Quarterdeck zurückkam.

Die Mannschaft war auf dem Vorkastell und in der Kuhl versammelt, die Marinetruppen standen unter'm Gewehr – die Offiziere hatten sich um das Gangspill zusammengestellt, und feierliche, unruhige Erwartung herrschte auf dem ganzen Schiffe. Der leiseste Fußtritt wurde gehört. Andrea und sein Freund standen abseits in der Nähe des Hackbords: von Carlo Giuntotardi oder seiner Nichte war aber nirgends etwas zu sehen.

»Wir haben noch ungefähr fünfundzwanzig Minuten Sonnenschein, nicht wahr, Mr. Winchester?« bemerkte Cuffe, in fieberischer Aufregung den westlichen Rand der See betrachtend, gegen welchen das Tagesgestirn sich langsam hinabsenkte, indem es diesen ganzen Theil des Himmelsgewölbes mit jenem weichen Glanze vergoldete, wie er dieser Stunde und dem besonderen Breitegrade eigenthümlich ist.

»Nicht mehr als zwanzig,« fürcht' ich, Sir,« lautete die widerstrebende Antwort.

»Ich sollte meinen, fünfe müßten im schlimmsten Falle genügen, besonders wenn die Leute rasch anziehen.«

Dieß sprach der Kapitän halb flüsternd, mit hohler, unsicherer Stimme, indem er den Lieutenant die ganze Zeit über ängstlich ansah.

Winchester zuckte mit den Schultern und wandte sich ab, da er nicht sprechen mochte.

Cuffe hielt jetzt eine kurze Berathung mit dem Schiffsarzt, um das Minimum von Zeit zu erfahren, welche ein Mensch, am Raa-Arm einer Fregatte aufgehängt, zu leben vermöchte. – Das Resultat war nicht günstig, denn gleich darauf wurde das Zeichen gegeben, den Gefangenen heraufzubringen.

Raoul erschien alsbald auf dem Verdeck, begleitet von dem Waffenmeister und dem Offizier, der das Amt des Lord-Prevôt übernommen hatte. Er war in seine reinliche, weiße Lazzaronitracht gekleidet und trug die rothe phrygische Mütze, deren wir bereits gedacht haben.

Sein Gesicht war blaß, aber Niemand konnte an den Muskeln, welche sein loser Anzug dem Auge enthüllte, das leiseste Zittern bemerken. Vor der Offiziersgruppe nahm er höflich die Mütze ab und warf einen Blick des Verständnisses gegen die furchtbare Maschinerie an der Vorraa. Daß er erschüttert war, als der Auftritt und die Schlinge seinem Auge begegneten – steht außer Frage: aber augenblicklich sich wieder zusammenraffend, verbeugte er sich lächelnd gegen Cuffe und ging festen Schrittes, doch ohne das mindeste Zeichen von Prahlerei in seinem Wesen – dem Schauplatze seiner beabsichtigten Hinrichtung entgegen.

Todtenstille herrschte, während der Profoß mit seinen Leuten die Schlinge zurecht rückte und den Verurtheilten auf den Auftritt stellte. Dann wurde das schlaffe Ende des Tau's mit der Hand einwärts gezogen, und die Leute erhielten die Weisung, das Werkzeug des Todes anzufassen und es seiner Länge nach über das Deck laufen zu lassen.

»Nehmt euch zusammen, meine Jungen; zieht rasch und kräftig gleich bei dem ersten Ruck,« gebot Winchester leise, während er an der Linie herabging. »Geschwindigkeit ist Gnade in einem solchen Augenblick.«

»Großer Gott!« murmelte Cuffe, »kann der Mann auf diese Art sterben, ohne Gebet, ja ohne nur einen Blick gen Himmel zu werfen, als ob er um Gnade flehen wollte?«

»Er ist ein Atheist, wie ich höre, Sir,« erwiederte Griffin. »Wir haben ihm all' den religiösen Trost angeboten, den wir überhaupt zu bieten hatten; er scheint aber nichts der Art zu wünschen.«

»Ruft die Bramraaen da droben noch einmal an, Mr. Winchester,« befahl Cuffe zögernd.

»Vorbramraa da oben!«

»Sir?«

»Kein Zeichen von dem Boot? – blickt scharf nach dem Golf von Neapel; wir haben Campanella weit genug zur Seite, so daß Ihr recht gut vorwärts sehen könnt.«

Eine Minute lang herrschte Stille. Dann schüttelte der Ausgucker oben mit dem Kopf, zum Zeichen der Verneinung, als ob er nicht zum Sprechen geneigt wäre.

Winchester warf einen Blick nach Cuffe: dieser wandte sich ängstlich ab, stieg auf eine Kanone und schaute mit angestrengtem Blicke gegen Norden.

»Alles fertig, Sir,« meldete der erste Lieutenant, nachdem eine weitere Minute verstrichen war.

Cuffe war eben im Begriff, zum Zeichen des Todesbefehls die Hand zu erheben – da hörte man den dumpfen, schweren Donner einer fernen Kanone in der Richtung der Stadt Neapel über's Wasser herüberschallen.

»Halt, halt!« schrie Cuffe, aus Furcht, die Leute möchten sein Zeichen mißverstehen. »Laßt Eure Mate's die Pfeifen vom Munde nehmen, Sir. Noch zwei Kanonenschüsse, Winchester, und ich bin der glücklichste Mann in Nelsons Flotte!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, als ein zweiter Schuß gehört wurde. Dann folgte eine athemlose Pause von einer halben Minute, und ein dritter Knall ließ sich vernehmen, gedämpft, aber dennoch unverkennbar.

»Das muß wohl zur Begrüßung sein, Sir?« äußerte Griffin in fragendem Tone.

»Der Zwischenraum ist zu lang. – Horch! ich hoffe zu Gott, wir hatten den letzten!«

Jedes Ohr auf dem Schiff horchte angestrengt: Cuffe hielt die Uhr in der Hand.

Zwei volle Minuten verstrichen, und kein vierter Kanonenschuß ward vernommen. Mit jeder folgenden Sekunde wechselte der Ausdruck auf des Kapitäns Gesichtszügen – endlich winkte er triumphirend mit der Hand.

»Es ist, wie es sein soll, ihr Herren,« sprach er. »Nehmt den Gefangenen herunter, Mr. Winchester. Knüpft das Tau los, und schafft den verd – ten Auftritt von der Kanone weg. – Mr. Strand, pfeift der Mannschaft zum Einrücken.«

Raoul wurde augenblicklich abgeführt. Während er durch die Hinterluke passirte, nickten ihm die Offiziere des Quarterdecks ihren Glückwunsch zu, und auf dem ganzen Schiffe war nicht ein Einziger, der sich wegen dieses Aufschubs nicht glücklicher gefühlt hätte.

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