Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel

Die Welt ist nur ein Titelblatt ohn' Inhalt;
Nur äuß're Larve; wer sein Herz je zeigt,
Wird seiner Blöße halb verspottet und verachtet.

Youngs Nachtgedanken.

 

Bolt war nicht vernommen worden. Sein Fall bot verschiedene bedenkliche Schwierigkeiten dar, und die Befehle schärften Behutsamkeit ein. Auch bei ihm konnte nicht wohl auf weniger, als auf Todesstrafe erkannt werden, und nebendem, daß man dadurch einen starken, kräftigen Mann verlor, kamen dabei noch allerlei Fragen aus dem natürlichen Rechte in Betrachtung, welche nichts weniger als angenehm zu erörtern waren.

Obgleich das Pressen amerikanischer Matrosen auf brittische Kriegsschiffe eine der größten moralischen sowohl als politischen Ungerechtigkeiten war, welche einer unabhängigen Nation von einer andern zugefügt werden konnten, so hatte besagtes Unrecht doch schon ein volles Menschenalter hindurch gedauert, und war nicht ganz ohne Entschuldigungsgründe. Ein Theil der britischen Seeleute verschmähte es übrigens durchaus, dieser Gewohnheit zu fröhnen, und überließ den unedleren Mitgliedern ihres Standes die Ausübung einer Pflicht, gegen welche sich ihr Gefühl sowohl als ihre Denkungsweise empörte. So erinnern wir uns, von einem amerikanischen Seemanne gehört zu haben (einem Manne, der häufig zugegen gewesen war, wenn die Presser seine Landsleute sogar unter ihrer Flagge weggerissen hatten) – daß von all' Denen, welche er jenes Unrecht ausüben sah, Keiner eine Manier und Mienen verrieth, welche ihn auf dem Lande unter die Klasse gebildeter Leute gestellt hätten. Sobald einer der Letzteren das Schiff anhielt, war die Mannschaft jedesmal unbefragt davongekommen.

Mag dem übrigens gewesen sein wie ihm wolle – darüber ist keine Frage, daß bei Hunderten unter den brittischen Seeoffizieren ein starker, großherziger Unwillen gegen die Ungerechtigkeit angetroffen wurde, deren man sich durch den eingeführten Gebrauch: fremde Matrosen unter ihrer eigenen Flagge zu pressen – gegen eine fremde Nation, schuldig machte.

Zwar hatte Cuffe zu viel von einem rauhen Krieger an sich, um in diesem Punkte gerade den zartesten Ansichten zu huldigen; gleichwohl war er zu sehr Mann, um sich nicht gegen den Gedanken zu sträuben, daß ein Anderer wegen einer Handlung bestraft werden sollte, die er, wie er wohl fühlte, unter ähnlichen Umständen gleichfalls begangen hätte, und zu welcher er auch, wie er sich nicht verhehlen konnte, das vollkommenste Recht gehabt haben würde. Einen Burschen, wie Ithuel, der so viel von den Graniteigenthümlichkeiten an sich hatte, für etwas Anderes, als er wirklich war, zu halten – war unmöglich, und sein Nationalcharakter galt auf dem ganzen Schiffe für so bekannt, daß seine Kameraden ihm gleich vom Anfang an den Spitznamen Yankee aufgebunden hatten.

Cuffe war also mit der ganzen Sache so weit im Reinen, daß er nach einer Berathung mit Winchester beschloß, den angeführten Deserteur nicht in's Verhör zu nehmen, sondern ihn nur kurze Zeit gefesselt zu lassen, und dann unter dem bei solchen Veranlassungen häufig gebrauchten Vorwande wieder in den Dienst einzureihen, daß man dem Manne Gelegenheit geben wolle, seine amerikanische Geburt zu beweisen: wenn er nämlich wirklich das war, was er so hartnäckig zu sein behauptete. Der arme Ithuel war nicht der Einzige, der zu diesem zweideutigen Dienste verdammt worden; hundert Andere verlebten harte Jahre der Prüfung, von demselben schwachen Hoffnungsstrahle getäuscht, der, ewig trügerisch, nur in der Entfernung schimmerte.

Es wurde übrigens beschlossen, mit Ithuel nicht eher eine Veränderung vorzunehmen, als bis der Kapitän wenigstens mit dem Admirale über die Sache gesprochen hätte, und Nelson war ein Mann, der sich, ohne den Einfluß jener Sirene, unter deren Joch er seufzte, in seinen richterlichen Urtheilen fast immer mild, ja oft sogar höchst ritterlich zeigte. Solchen Widersprüchen ist selbst ein großer Geist unterworfen, sobald er den Polarstern seiner Pflichten aus den Augen verliert!

Als daher das Urtheil über Raoul gesprochen und der Gefangene abgeführt war, vertagte sich das Kriegsgericht, und es wurde augenblicklich ein Boot mit einer Abschrift des Protokolls und Urtheils zur Genehmigung für den Contreadmiral nach dem Foudroyant gesendet.

Dann folgte eine Berathung über den Gegenstand, der für sie Alle bei weitem am meisten Interesse hatte – nämlich wo der Lugger sich befinden mochte, und welche Mittel zu seiner Ergreifung angewendet werden konnten.

Daß der Irrwisch in der Nähe war, davon waren Alle überzeugt; wo man ihn aber finden sollte, das war schwer zu sagen. Man hatte Offiziere auf die Höhen von Capri geschickt, deren eine mehr als tausend Fuß über die See emporragt; doch ohne Erfolg waren sie Alle wieder zurückgekehrt. In der offenen See, zwischen den Inseln und in den Buchten – nirgends war Etwas zu sehen, was dem Lugger ähnlich gewesen wäre. Man hatte einen Kutter rund um Campanella herumgeschickt, ein anderer kreuzte an der Mündung des Golfes, um nordwärts von Ischia einen Blick hinauszuwerfen und sich zu überzeugen, ob der verrätherische Doppelflügler nicht hinter den Bergen dieser Insel eine Zuflucht gesucht habe.

Kurz – kein Mittel war versäumt worden, wodurch man den Flüchtling hätte entdecken können. Aber alle schlugen fehl: ein Boot nach dem andern kam ohne Nachricht zurück, und alle ausgeschickten Offiziere hatten nichts als Ermüdung und getäuschte Hoffnungen mitgebracht.

Auf diese Art verstrich ein großer Theil des Tages, und bei der herrschenden Windstille wäre ohnedieß an keine Bewegung der Schiffe zu denken gewesen. In der vollen Erwartung, daß man den Lugger irgendwo in größerer Entfernung entdecken würde, war Cuffe sogar schon so weit gegangen, von jedem der drei Schiffe eine Abtheilung auszuwählen, welche den Feind von den Booten aus angreifen sollte, wobei er nicht im Mindesten an einem günstigen Erfolge zweifelte, da er jetzt die disponible Streitmacht dreier Schiffe gegen den Feind senden konnte. Winchester sollte das Kommando haben – ein Recht, das er mit seinem Blute erkauft hatte – und Alles gab die Hoffnung, auf diese Art zum Ziele zu gelangen, nicht eher auf, als bis das letzte Boot – eben dasjenige, welches rings um Ischia geschickt worden war – mit der Meldung zurückkehrte, daß seine Sendung gänzlich erfolglos geblieben sei.

»Ich habe sagen hören,« bemerkte Cuffe, der mit den beiden andern Kapitänen auf dem Quarterdeck der Proserpina im Gespräche begriffen war, als eben diese letzte Meldung anlangte – »ich habe sagen hören, dieser Raoul Yvard sei mit keckem Muthe unter englischer oder neutraler Flagge sogar in einige unserer Häfen eingelaufen und daselbst einen oder zwei Tage unbeachtet geblieben, bis es ihm wieder beliebte, dieselben zu verlassen. Wäre es wohl möglich, daß er gar vor der Stadt oben liegen sollte? Es ist eine solche Masse von Schiffen auf der Rhede und am Molo, daß sein kleiner Lugger, wenn er Zeichen und Bemalung geändert hätte, sich wohl darunter befinden könnte. Was haltet Ihr von der Sache, Lyon?«

»Es ist sicherlich ein Gesetz der Natur, Kapitän Cuffe, daß kleinere Gegenstände in Gegenwart von größeren übersehen werden, und deßhalb könnte wohl so Etwas passiren, obgleich ich es unter die Unwahrscheinlichkeiten, wenn nicht gar zu den völligen Unmöglichkeiten rechnen möchte. Nichtsdestoweniger wäre es weit sicherer, so wie Ihr angedeutet, zwischen ein paar hundert Schiffen einzulaufen, als sich allein in einen Hafen oder eine Rhede zu wagen. Wenn Ihr Euch Zurückgezogenheit wünscht, so wird Euch Sir Frederick an den Strand oder nach Ludgate Hill schicken; wollt Ihr aber von den Leuten beobachtet und verfolgt werden, dann geht nur auf ein Dorf in den Hochlanden und verschweigt eine Weile Euren Namen. Wer beide Lebensweisen schon versucht hat, muß den Unterschied wohl kennen!«

»Das ist wahr, Cuffe,« bemerkte der Baronet; »und doch kann ich mir kaum denken, daß ein Franzose, groß oder klein, sich herausnehmen könnte, Nelson gerade vor der Nase Anker zu werfen.«

»Es wäre freilich ziemlich ebenso, wie wenn sich das Lamm neben dem Löwen niederlegte, und somit ebendarum nicht sonderlich wahrscheinlich. – Ei, Mr. Winchester, ist das nicht unser Boot, was da um den Spiegel der Schaluppe herumkommt?«

»Ja, Sir; es ist von Neapel zurück. Quartiermeister –«

»Ja, ja, Quartiermeister,« fiel Cuffe mit strengem Tone ein; »ein hübscher Ausgucker ist das da oben! Kommt da unser eigenes Boot dicht auf uns zu, und nicht ein Wort dringt von Euren Lippen über den interessanten Gegenstand, Sir?«

Dieses Wort ›Sir‹ wird auf einem Kriegsschiffe sehr häufig und in all' seinen bedeutungsvollen Abstufungen gehört. Der Niedere gebraucht es gegen den Höheren, und dieß ist so natürlich, als ob es eine Gabe vom Himmel wäre; bei gleichem Range dient es als Formel des Ceremoniels, und heißt auch wohl öfter so viel als ›Nehmt Euch in Acht‹, so daß es bald Achtung und bald das Gegentheil anzeigt: wenn sich aber der Kapitän dieses Wörtchens gegen den Quartiermeister bedient, so hat es immer Vorwurf, wenn nicht gar Drohung zu bedeuten. Bei Erörterungen dieser Art ist es für den Schwächeren immer klüger, zu schweigen, und nirgends lernt man diese Wahrheit schneller, als auf einem Schiffe.

Der Quartiermeister gab zunächst auch keine Antwort; das Boot langte bei dem Schiffe an und brachte den Offizier zurück, der die Verhandlungen des Kriegsgerichts nach Neapel befördert hatte.

»Da haben wir's,« sprach Cuffe, sobald er mit den beiden andern Kapitänen in der Kajüte war und das Dokument eröffnet hatte: »›Genehmigt mit dem Befehle, daß der Spruch am Bord von Seiner Majestät Schiffe Proserpina, Kapitän Cuffe, morgen zwischen Auf- und Niedergang der Sonne vollzogen werde.‹«

Dann folgte das Datum und die wohlbekannte Unterschrift – ›Nelson und Bronte‹.

Alles Das hatte Cuffe gewünscht und erwartet: nur hätte er gerne bei Ausführung des Befehls etwas mehr Milde getroffen. Der Leser wird hiernach nicht annehmen, daß unser Kapitän rachsüchtig oder blütdürstig gewesen sei, oder gar die Absicht gehabt habe, Raoul dafür büßen zu lassen, daß er seine Plane zu Schanden gemacht und seine Leute verwundet und getödtet hatte. Davon weit entfernt, ging sein Plan vielmehr dahin, den Spruch des Gerichts dazu zu benützen, daß er dem Gefangenen ein Geständniß über die Befehle, die er der Mannschaft auf dem Lugger hinterlassen, abgepreßt und dieses Geständniß als ein Mittel benützt hätte, denselben begnadigen und auf ein Gefangenenschiff transportiren zu lassen.

Cuffe hegte für Kapersleute keine große Verehrung, und sein Urtheil über ihre Moralität war nichts weniger als unvernünftig: denn wer den Gewinn zum Hauptzweck seines Dienstes macht, konnte (seiner Ansicht nach) auch nicht allzu lange zögern, sein Leben durch den Verrath eines Geheimnisses, wie er jetzt eines verlangte, zu erkaufen. Hätte Raoul nur wenigstens zur Kriegsmarine der Republikaner gehört, so würde der englische Kapitän sich wohl besonnen haben, ehe er einen solchen Plan ausgeführt hätte; bei dem Herrn eines Kaperschiffes aber erschien es als das natürlichste Ding von der Welt, dessen Ausführung zu versuchen. Sir Frederick und Lyon betrachteten die Sache in demselben Lichte, und da nunmehr Alles geschehen war, was gesetzlich für den Plan erfordert wurde, so glaubte man die Gefangennehmung des Luggers für mehr als halb vollendet ansehen zu können.

»Es ist freilich eine schlimme Alternative, Cuffe,« bemerkte Sir Frederick mit seinem gewöhnlichen, schleppenden und gleichgültigen Tone, »'s ist allerdings eine schlimme Alternative, Cuffe, sich entweder aufhängen zu lassen, oder seine Freunde zu verrathen. Im Parlament, da sagen wir, ich will mich hängen lassen, wenn ich das thue, und hier heißt es, du wirst gehängt, wenn du es nicht thust.«

»Pah, pah, Dashwood; es denkt ja Niemand daran, daß es mit Raoul Yvard so weit kommen könnte, denn es ist in der That nicht zu erwarten, daß er beharrlich läugnen wird. Wir werden den Lugger bekommen, und das ist dann das Ende von der Geschichte. Ich wollte wahrhaftig tausend Pfund darum geben, wenn ich den verd–ten Few-Folly in diesem gesegneten Augenblicke auf Pistolenschußweite hinter meinem Spiegel vor Anker sähe. Mein Herz hat sich nun einmal an den Burschen angeklammert.«

»Fünfhundert wären schon ein hoher Preis,« bemerkte Lyon trocken. »Ich zweifle sehr, ob sich der Antheil für jeden von uns Dreien auch nur auf hundert belaufen wird, wenn das Fahrzeug uns wirklich in die Hände fallen sollte.«

»Apropos, Gentlemen,« fiel Sir Frederick gähnend ein, »ich denke, wir rathen's oder würfeln's heraus, wer das Ganze haben soll, für den Fall, daß wir den Burschen in den nächsten vierundzwanzig Stunden – die Zeit nach dem Chronometer dieses Schiffes gerechnet – bekommen sollten. Es sind gewiß Würfel bei Euch aufzutreiben, Cuffe; wir könnten dann recht gut eine halbe Stunde damit zubringen, ohne daß gerade viel dabei zu verlieren wäre.«

»Verzeiht mir, Kapitän Dashwood: eine solche Belustigung kann ich nicht dulden. Sie ist unmilitärisch und gegen das Reglement, und außerdem sind die Hunderte bei mir und Lyon nicht so im Vollauf wie bei Euch zu treffen. Ich habe mein Prisengeld immer erst gern in der Tasche, ehe ich's hinterdrein wieder hinauswerfe.«

»Ihr habt ganz recht, Kapitän Cuffe,« sprach Lyon, »obwohl es gerade keine große Neuerung wäre, wenn wir auf Sir Fredericks Antheil Jagd machten, da er es selbst so haben will. Geld ist immer ein angenehmer Erwerb, und das Leben ist dem Sünder ohne Zweifel eben so süß, wie dem Heiligen; nur ist noch sehr die Frage, ob Ihr diesen Monshure Rawl so leicht überreden werdet, Euch sein Geheimniß in Betreff des Luggers, so wie Ihr annehmt, zu verrathen.«

Diese Ansicht wurde nicht sonderlich günstig aufgenommen, und nachdem man sich noch etwas länger über den Gegenstand gestritten hatte, waren die drei Kapitäns eben auf dem Punkte, sich zu trennen, als Griffin, ohne nur einmal anzuklopfen oder die gewöhnlichen Regeln des Ceremoniels zu beobachten – in voller Hast in die Kajüte stürzte.

»Man sollte glauben, draußen wehe ein Orkan, Mr. Griffin,« bemerkte Cuffe ruhig, »so stürmisch scheint Ihr vor ihm herzutreiben.«

»Das müßte ein schlimmer Wind sein, Sir, der nicht irgend ein Glück mit sich brächte,« antwortete der Lieutenant, mühsam Athem holend, so sehr hatte er sich beeilt, seine Mittheilung dem Kapitän zu überbringen. »Unser Ausgucker auf den Höhen oberhalb Campanella hat uns soeben signalisirt, daß er den Lugger süd- und ostwärts in der Nähe der Landspitze von Piane gewahre. Und was noch das Beste ist, Sir, die Landbrise kommt heute Abend, wie ich glaube, viel früher, als es sonst wohl gewöhnlich ist.«

»Das ist eine Neuigkeit!« rief Cuffe und rieb sich die Hände vor Entzücken. »Geht auf's Deck, Griffin, und sagt Winchester, er soll die Anker lichten; dann gebt den andern Schiffen das Signal, dasselbe zu thun. Jetzt, ihr Herren, haben wir das Spiel in unsern Händen: so laßt uns zusehen, daß wir es geschickt durchspielen. In wenigen Stunden ist es dunkel; dann können wir alle unsere Bewegungen ausführen, ohne gesehen zu werden. Da die Proserpina von den drei Schiffen vielleicht das schnellste ist« – bei dieser Bemerkung begann Sir Frederick spöttisch zu lächeln, während Lyon die Augenbrauen hinaufzog, als ob er ein Wunder erblickte – »da die Proserpina vielleicht das schnellste ist, so muß sie auch am weitesten leewärts gehen: ich will mich sogleich auf den Weg machen und nord- und ostwärts in die See hinaussteuern, wie wenn ich z. B. nach der Meerenge von Bonifacio segelte; sobald es dunkel wird, hale ich für eine oder zwei Stunden südlich und wende mich dann nach Südosten, bis wir südwärts von dem Golf von Salerno stehen. Wenn der Wind anhält, so kann dieß Alles füglich während der Nacht geschehen. Mit Tagesanbruch werdet ihr mich seewärts von Piane und, wie ich hoffe, ungefähr zwei Meilen vom Lugger entfernt gewahr werden. Ihr werdet mir mit Sonnenuntergang folgen, Sir Frederick, und Euch so nahe als möglich in meinem Fahrwasser halten: um Mitternacht aber müßt Ihr beiwenden – das wird Euch dem Golfe gerade gegenüber und ungefähr mitten zwischen beide Vorgebirge, etwas südwestlich von Campanella, bringen. Ihr, Lyon, könnt hier liegen bleiben, bis die Nacht völlig hereingebrochen ist: dann steuert Ihr zwischen Capri und dem Vorgebirge durch und lauft zwei Stunden gegen Süden; drauf laßt Ihr beiwenden. Dadurch gewinnt Ihr am nördlichen Ufer eine Stellung, bei der Ihr die Durchfahrt nach dem Golf und von da zurück fortwährend im Auge habt.«

»Und wenn diese Anordnung zu Eurer Zufriedenheit getroffen ist, Kapitän Cuffe,« fragte Lyon und nahm in aller Bedächtigkeit eine ungeheure Prise Schnupftaback, »wie befehlt Ihr dann die späteren Bewegungen einzurichten?«

»Jedes Schiff muß seine Stellung behaupten, bis der Tag völlig angebrochen ist. Sollte sich's so herausstellen, wie ich vermuthe: daß wir nämlich den Lugger zwischen uns und die Küste bekommen, so haben wir weiter nichts zu thun, als dicht auf ihn anzurücken und ihn immer tiefer in die Bai hineinzutreiben. Er wird natürlich in seichtes Wasser einlaufen, während wir außerhalb vor Anker gehen; dann bemannen wir aber unsere Boote, schicken sie ihm von Norden und Süden her auf den Hals, und lassen sie unter dem Schutze unseres Feuers entern. Haben wir den Lugger erst einmal in der Bai, dann kann er uns unmöglich mehr entgehen.«

»Recht artig angelegt, Kapitän Cuffe, und wird sich auch ganz hübsch ausführen lassen. Wenn wir den Ketzer aber seewärts finden sollten?«

»Dann machen wir in derselben Richtung Jagd auf ihn, und jedes Schiff thut dann sein Bestes. – Kommt, kommt, ihr Herren; ich wünsche zwar keineswegs, ungastlich zu erscheinen, aber die Proserpina muß jetzt nothwendig aufbrechen. Sie hat einen weiten Weg vor sich, und auf die Winde kann man sich in dieser Jahreszeit kaum eine Stunde lang verlassen.«

Da Cuffe so große Eile hatte, so schieden seine Gäste ohne weitere Ceremonien.

Das Erste, was Sir Frederick vornahm, war: sein Mittagessen eine Stunde früher als gewöhnlich zu bestellen, und den Schiffsarzt und den Marineoffizier, zwei Kapitaltischgenossen, dazu einzuladen; dann setzte er sich nieder und fing an, eine Zeitlang greulich auf seiner Flöte zu blasen. Zwei Stunden später ertheilte er seinem ersten Lieutenant die nöthigen Befehle, und kümmerte sich dann äußerst wenig mehr um die Fregatte, welche er kommandirte.

Lyon dagegen setzte sich, sobald er wieder auf seiner Schaluppe war, ganz allein zu einem höchst frugalen Mahle nieder, nachdem er zuvor Befehl gegeben hatte, einige alte Segel auf das Verdeck heraufzubringen, um sie zum achten oder neunten Male ausbessern zu lassen.

Auf der Proserpina dagegen war ein ganz anderes Treiben zu bemerken. Hier sah man die Gangspillkreuzbäume herumfliegen, und als der Kapitän auf dem Verdeck erschien, war bereits ein Anker gekattet. Der andere folgte bald, die drei Marssegel wurden niedergelassen, angeholt und aufgehißt, und dann wurde ein Segel nach dem andern eingesetzt, bis das Schiff, in eine Wolke von Leinwand gehüllt, in stetigem Laufe um das niedrige Vorgebirge von Ana Capri herumkam. Das Gallion stand westwärts, mit leichter Neigung gegen Norden, und wäre südwärts davon ein Beobachter den Bewegungen der Fregatte gefolgt – was jetzt aber, so weit das Auge reichte, nicht der Fall war – so würde er geglaubt haben, sie steure gegen die Küste von Sardinien, höchst wahrscheinlich in der Absicht, zwischen dieser Insel und der von Corsika die Meerenge von Bonifacio zu passiren. Der Wind kam beinahe aus Osten, und wehte dabei so lustig darauf los, daß das Schiff mit einer Geschwindigkeit hineilte, welche alle Erwartungen seines Kommandanten zu erfüllen versprach.

Sobald die Sonne untergegangen war und die Finsterniß sich über dem mittelländischen Meere lagerte, wurden die leichteren Segel eingenommen, und die Proserpina machte eine Wendung gegen Süden. Außer den Gebirgen der Inseln und des Hauptlandes, den Rauchwirbeln des Vesuvs, der blauen Himmelsdecke über und der noch blaueren See unter ihnen, war die Terpsichore noch am längsten als ein dunkler Flecken sichtbar, der dem Hauptschiffe so nahe als möglich in dessen Kielwasser folgte.

Sir Frederick saß mit seinen Freunden noch immer bei der Tafel, hatte aber einen wachsamen, emsigen Premierlieutenant auf dem Verdeck, der das Schiff in jedem Nothfalle vollkommen zu lenken verstand. Letzterer war bereits gehörig instruirt, und befolgte die erhaltenen Befehle mit einer Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit, welche nichts zu wünschen übrig ließen.

Auf der Ringeltaube dagegen wurden die Leute zum Ausbessern des alten Segelwerks angehalten, bis die Stunde des Aufbruchs herbeikam: dann fing auch dieses Schiff an, die Anker zu lichten. Zu gehöriger Zeit wurde der letzte Anker gehoben, und die Schaluppe zog, wie befohlen, durch den Paß zwischen Capri und Campanella, worauf Lyon seinen ersten Lieutenant in die Kajüte hinabrufen ließ.

»Seht einmal daher, Mac Bean,« begann Lyon, auf die über dem Tische ausgebreitete Karte deutend, »Kapitän Cuffe ist jetzt eben gegen Piane ausgelaufen, und will morgen früh, wenn der Westwind sich erhebt, leewärts davon stehen; Sir Frederick ist ihm in stattlichem Laufe gefolgt, und wird sich wohl keine bessere Nußschale als seine eigene wünschen wollen. Nun muß aber dieser Lugger, wenn Alles wahr ist, was man sagt, nicht übel gespickt sein. Zehn gegen Eins – er führt Gold bei sich. Diese Kapersleute sind verzweifelte Schurken und überall auf Geldeswerth aus; wenn ich daher Rumpf, Segel, Ausrüstung, Kopfgeld und was die Kisten enthalten – zusammennehme, so sollte es mich gar nicht wundern, wenn er sich auf acht- bis zehntausend Pfund beliefe. Das gäbe für eine Schaluppe eine recht hübsche Summe, würde aber zu einem Spottgelde zusammenschrumpfen, wenn das Ganze unter die Offiziere der drei Schiffe vertheilt und für den Admiral erst noch seine Portion abgezogen würde. Was denkt Ihr von der Sache, Airchy?«

»Dasselbe wie Ihr, Kapitän Lyon. Die Portion jedes Lieutenants, so wie die des Kapitäns, würde in drei Theile zerfallen.«

»Das ist's ja gerade, Airchy; deßhalb müßt Ihr einen scharfen Ausgucker auf's Verdeck stellen. Wir brauchen gerade nicht so weit südlich zu steuern, wie Kapitän Cuffe mir angab – versteht Ihr mich? Denn ist der Lugger in der Bai, so wird er seinen Weg nach dieser Landspitze nehmen, und wenn wir uns also in deren Nähe aufhalten, so müssen wir um so gewisser mit ihm zusammentreffen. Habt Ihr mich verstanden?«

»O ganz genau, Kapitän Lyon; ich werde Eurer Weisung Folge leisten. Wie versteht man das Gesetz in Beziehung auf die Dunkelheit? – Meiner Ansicht nach soll Niemand Antheil an der Beute bekommen, wenn er dieselbe nicht vor Augen hatte; aber gilt die Dunkelheit für ein gesetzliches Hinderniß?«

»Ei ganz gewiß; man geht von dem Gedanken aus, daß Jeder, der sieht, auch handeln kann. Wenn wir nun den Lugger auffangen, noch ehe Kapitän Cuffe und Sir Frederick auch nur wissen, wo er ist, – nach welchem Grundsatze können sie uns bei der Gefangennahme Hilfe und Unterstützung leisten?«

»Und Ihr wünscht also, die Nacht über scharf ausgucken zu lassen, Kapitän Lyon?«

»Das ist meine Meinung, Airchy. Ihr müßt euch Alle so gut wie möglich umsehen, dann können wir den Lugger für uns allein bekommen. Es wäre ja doch jammerschade, Mr. Mac Bean, den Gewinn unter Drei zu vertheilen, während die Summe so gut beisammen gehalten werden könnte.«

In dieser so sehr verschiedenen Stimmung fingen die drei kommandirenden Offiziere an, sich an die Lösung der ihnen vorliegenden Aufgabe zu machen. Cuffe war ernstlich auf die Gefangennahme seines Feindes bedacht; ihm war's dabei hauptsächlich um die Ehre des Sieges, ein klein wenig auch um Rache für seine eigenen Verluste zu thun. Sir Frederick Dashwood war, wie immer, gleichgültig für Alles, nur nicht für seine eigenen Vergnügungen, und Lyon sah mit gespannter Aufmerksamkeit der gewünschten Entscheidung entgegen.

Eine oder zwei Stunden später, als Cuffe sich eben schlafen legen wollte, ließ er den ersten Lieutenant, wenn Letzterer nämlich noch auf sei – zu sich herunterbitten. Winchester war eben mit Einschreiben seines eigenen Tagebuchs beschäftigt; er schloß das Buch alsbald und schickte sich an, den Befehl mit jenem ruhigen, pünktlichen Gehorsam zu befolgen, welchen ein Premierlieutenant seinem Kapitän gegenüber weit leichter, als gegen sonst Jemand, beobachten wird.

»Guten Abend, Winchester,« rief ihm Cuffe in freundlichem, vertraulichem Tone entgegen, so daß der Lieutenant die beruhigende Gewißheit erlangte, daß er nicht gerufen worden war, um von seinem Vorgesetzten ›geriffelt‹ zu werden – »nehmt Euch einen Stuhl und versucht ein Glas von diesem Capriwein mit etwas Wasser. Es heißt die Segel nicht sehr steif führen, wenn Einer auch eine Gallone davon zu sich nimmt; doch füllt er, mein' ich, die Falten des Magens immer noch besser als Nichts.«

»Dank' Euch, Kapitän Cuffe: der Wein ist in der Konstablerkammer sehr beliebt, und wir haben, so lange das Kriegsgericht Sitzung hielt, ein paar frische Fässer herbeigeschafft. – Man sagt mir, Sir, Seine Lordschaft habe Ihren Namen darunter gesetzt, und der Franzmann müsse morgen an unserem Vorderraa-Arme baumeln.«

»So steht's auf dem Papier, Winchester; wenn er aber bekennt, wo sein Lugger liegt, so wird man noch ganz glimpflich mit ihm verfahren. Wie übrigens jetzt die Sachen stehen, werden wir das Schiff auch ganz allein und ohne seine Hilfe bekommen.«

»Nun, Sir, das wäre jedenfalls das Beste. Ich kann's nicht leiden, wenn Einer seine eigenen Leute verhandelt.«

»Da habt Ihr ganz recht, Winchester, und ich hoffe, wir werden auch ohne Dieses fertig werden: doch bekommen müssen wir den Lugger. – Ich habe Euch übrigens wegen dieses Bolt rufen lassen – mit dem Burschen muß irgend Etwas angefangen werden.«

»Es ist ein reiner Desertionsfall, Kapitän Cuffe – und wie's jetzt scheint, kommt auch noch Verrätherei mit in's Spiel. Ich wollte wahrlich lieber zehn solcher Bursche hängen sehen, als einen einzigen Mann, wie dieser unser Franzose.«

»Nun, so viel ist klar, Mr. Winchester, Ihr hegt keinen Groll gegen den armen Teufel! Habt Ihr Porto Ferrajo und die Boote schon vergessen? – oder pflegt Ihr die zu lieben, die Euch trotzig begegnen?«

»Das geschah Alles im Dienst, Sir, und ich denke später nie mehr daran. Ich fühle gegen Monsieur Yvard um deßwillen, was er gethan hat, durchaus keinen Unwillen in mir; und jetzt vollends, da Alles hübsch vorübergegangen, kann ich ihn nur um so besser leiden. Mit diesem Bolt aber ist's eine ganz andere Sache – er ist ein heimtückiger Schuft, der Andere gern die Schlachten seines Vaterlandes ausfechten lassen möchte, während er selbst gegen den brittischen Handel auf's Kapern auszieht.«

»Ja, da steckt eben der Knoten, Winchester! Sind es auch wirklich seines Vaterlandes Schlachten?«

»Nun, Sir, wir faßten ihn früher als Engländer, und wenn wir bestehen wollen, so müssen wir auch für unsern Stand sorgen.«

»Und also auch einen Unschuldigen wegen einer Verrätherei hängen, die er gar nicht begehen konnte

»Ei, Kapitän Cuffe, wollt Ihr denn gar der weinerlichen Geschichte des Burschen Glauben schenken, der ein Yankee zu sein behauptet? Wenn dieß wahr ist, so haben wir ihm schon so großes Unrecht gethan, daß sein Fall allerdings höchst schwierig wird. Ich meines Theils betrachte diese Bursche als lauter böswillige Engländer, und behandle sie auch demgemäß.«

»Das ist allerdings ein sicherer Weg, um sein Gewissen zu beruhigen, Winchester: wenn sich's aber einmal um's Hängen handelt, da wird die Sache doch zu ernst. Wenn Bolt irgend Strafe verdient, so ist's keine andere als Todesstrafe, und da, meine ich, sollte man seiner Sache doch so ziemlich gewiß sein, ehe man es irgend zu weit treibt. Ich habe bei dreien oder vieren unserer Leute schon manchmal meine eigenen Zweifel gehabt, ob sie überhaupt nur Engländer sein mögen.«

»In solchen Dingen kann man nie ganz in's Klare kommen, Kapitän Cuffe, so lange man nicht ein Kirchenregister des ganzen Königreichs auf dem Schiffe führt. Wenn sie keine Engländer sind, warum bringen sie keine genügenden Beweise bei, um die Sache aufzuklären? Das wäre dann vernünftig, wie Ihr selbst zugeben werdet, Sir.«

»Ich weiß nicht, Winchester; aber auch diese Frage hat ihre zwei Seiten. Denkt Euch einmal, der König von Neapel ließe Euch hier im Lande aufgreifen, und forderte Euch dann auf, zu beweisen, daß Ihr keiner seiner Unterthanen seiet – wie wollet Ihr dieß in's Werk setzen, da Ihr kein Kirchenregister zur Hand habt?«

»Nun denn, Kapitän Cuffe, wenn wir so schwer im Unrecht sind, so thäten wir wohl am besten, diese Leute alle zumal frei zu lassen, obwohl Einer davon der beste Matrose auf dem ganzen Schiffe ist – ich halte es für Pflicht, Euch das zu sagen, Sir.«

»Ob man einen Mann frei gibt oder ihn hängen läßt, das sind zwei Fälle, die einen weiten Spielraum zwischen sich haben. Wir sind gegenwärtig sehr knapp mit Matrosen versehen, und können nicht einen einzigen Mann entbehren. Ich habe Eure Rangirlisten durchgesehen, und sie sind noch nie so schwach besetzt gewesen. Wir bedürften noch achtzehn bis neunzehn tüchtige Matrosen, um sie wieder einigermaßen vollzählig zu machen; und obwohl dieser Bolt als Matrose nichts Besonderes ist, so zeigt er sich doch zu Allem so anstellig, daß er sich wohl fast eben so nützlich wie der Hochbootsmann machen könnte. Mit einem Wort – wir können seiner nicht entbehren, und darum darf er weder laufen noch hängen, selbst wenn das Letztere durchaus gerecht wäre.«

»Glaubt mir, Sir, ich wünsche durchaus nichts Unrechtes zu thun, und so mögt Ihr in der Sache ganz nach Belieben handeln.«

»Nun, Winchester, Letzteres läuft kurz darauf hinaus: wir müssen Bolt wieder in den Dienst einreihen. Ist der Bursche wirklich ein Amerikaner, so wäre es ein gottloses Stück Arbeit, wenn wir ihn wegen seiner Desertion auch nur einmal durchpeitschen ließen, und was den Verrath betrifft, so wißt Ihr ja selbst, daß ohne Unterthanenverbindlichkeit gar keiner möglich ist. Nelson gibt mir darin freie Hand, und so wollen wir lieber das Sichrere vorziehen und den Deserteur wieder zum Dienst verwenden. Sobald sich Gelegenheit dazu findet, will ich die Sache näher untersuchen, und wenn er dann beweisen kann, daß er kein Engländer ist – nun, so müssen wir ihn eben springen lassen. In einem oder zwei Jahren kehrt das Schiff nach Hause zurück, und dann kann Alles hübsch bedächtig abgemacht werden. Ich denke, Bolt wird Nichts dagegen einzuwenden haben.«

»Er vielleicht nicht, Sir – aber da ist dann die Schiffsmannschaft, Kapitän Cuffe: Denen muß es doch sonderbar vorkommen, daß Desertion und Verrätherei ungestraft ausgehen sollen! Die Schlingel schwatzen und raisonniren ohnehin mehr, als uns zu Zeiten bekannt ist.«

»Ich habe an all' Das gedacht, Winchester. Ihr habt ohne Zweifel schon von so einem Ding, was man einen Königszeugen Diesen Namen gibt das englische Gesetz einem Verbrecher, der durch sein Zeugniß die Schuld der Mitangeklagten bewiesen und dafür vom König Pardon erhalten hat.
D. U.
nennt, gehört? Nun seht, Raoul Yvard wurde auf unserem Schiffe verhört und als Spion verurtheilt, und Bolt diente hiebei als Zeuge. Einige wenige Bemerkungen, geschickt angebracht, werden Aller Ansichten nach dieser Seite herüberhalen, und der Schein ist gerettet, so weit die Mannszucht dabei in's Spiel kommen kann.«

»Ja, Sir, das ist wahr, so kann's gehen: aber in eine schlimme Lage wird der Bursche gerathen, wenn ihn die Matrosen für einen Königszeugen halten! Leute dieser Klasse hassen einen Verräther mehr als die Sünde selber, und sie werden auf Bolt nicht anders herumreiten, als ob er das große Takel der Proserpina wäre.«

»Vielleicht doch nicht; und wenn auch, so ist es doch immer noch besser für ihn, als gehängt zu werden. Der Bursche darf nicht vergessen, daß er einer sehr schlimmen Klemme glücklich entronnen ist, und muß Gott noch für alle Seine Gnade danken! Ihr könnt ja darauf halten, daß er nicht unnöthig geplagt wird. So schickt also dem Profoß noch vor Schlafengehen den Befehl zu, Winchester, daß er dem Burschen die Ketten abnehme, und laßt ihn dann in einer Abtheilung einreihen.«

Dieß brachte Ithuels Angelegenheit wenigstens für den Augenblick in's Reine.

Cuffe gehörte zu den Männern, welche immer abgeneigt sind, eine Sache auf's Aeußerste zu treiben, und es doch auch wieder schwierig finden, ihre Pflicht im vollen Umfange zu erfüllen. Auf der Proserpina war nicht ein einziger Offizier, der irgend ernstliche Zweifel darüber gehabt hätte, welchem Lande Bolt angehöre, wenn gleich kein einziger es offen zu bekennen wagte. Ithuel hatte viel zu viel ›Granit‹ an sich, als daß wirkliche Engländer sich lange seinethalben hätten täuschen können, und selbst wenn gar kein anderer Beweis vorhanden gewesen wäre, so würde eben jene Sprache, auf die sich der Gepreßte so viel zu Gute that, seine Abstammung verrathen haben. Aber eben dazumal war auch jedes englische Kriegsschiff von einer Zähigkeit beseelt, welche eine athletische Hand nicht so leicht wieder entschlüpfen ließ, wenn sie dieselbe einmal erfaßt hatte. In einem großen und thatenreichen Dienste, wie der von Großbritannien, mußte nothwendig zwischen den einzelnen Schiffen ein gewisser esprit de corpsentstehen, der das eine zum Nebenbuhler des anderen machte; das wesentlichste Erforderniß der Thätigkeit waren aber – Matrosen, und so kam es denn, daß man jeden einzelnen Mann mit einem Widerstreben entließ, das man mit angesehen haben mußte, um es richtig würdigen zu können.

So konnte sich denn auch Cuffe nicht entschließen, Ithuel volle Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, und doch wollte er das Unrecht auch nicht so weit treiben, um ihn zur Untersuchung und Strafe zu ziehen. Nelson hatte die Sache, wie gesagt, seiner Beurtheilung überlassen, und so beschloß er denn, die zugestandene Erlaubniß demgemäß zu benützen.

Wäre der Fall mit dem New-Hampshire Manne dem brittischen Admirale gehörig vorgetragen worden – er hätte ohne Weiteres seine Freilassung befohlen. Nelson stand dem Wettstreit der einzelnen Schiffe zu ferne, und wurde in der Regel von zu hohen Motiven geleitet, als daß er der Ungerechtigkeit zugänglich gewesen wäre, einen Ausländer gezwungen in seinem Dienste zurückzuhalten: denn nur so lange er unter dem schon oben erwähnten bösen Einflusse stand, hörte er auf, gerecht und hochherzig zu sein. Er hatte seine Vorurtheile, und in manchen Fällen sogar sehr starke Vorurtheile: so stand z. B. Amerika in seinen Augen nur um Weniges höher als Frankreich, der Hauptgegenstand seines Hasses. Die erste dieser Antipathien war bei ihm nicht ganz ohne Grund, denn neben der Abneigung, welche die Geschichte der cisatlantischen Republik nothwendig in ihm erzeugen mußte, hatte ihm der Zufall noch in Westindien Gelegenheit gegeben, die Betrügerei, Falschheit und Habgier einer gewissen Menschenklasse kennen zu lernen, welche unseren Nationalcharakter eben nicht in seinem glänzendsten und anziehendsten Kolorite darstellen. Dennoch war er zu geradsinnig, um wissentlich eine Ungerechtigkeit zu unterstützen, und zu ritterlich, um sogar einen Amerikaner zu unterdrücken.

Ithuel war indeß einem Manne in die Hände gefallen, der nur wenig von den hohen Eigenschaften des Admirals aufzuweisen hatte, sich dafür aber auch von dessen hervorragenderen Schwächen ferne hielt – einem Manne endlich, der von eben jenem Geiste des Wetteifers zwischen den einzelnen Schiffen auf's Innigste beseelt war.

Winchester befolgte natürlich die erhaltenen Befehle. Er ließ den Profoß in seiner Hängematte wecken, und befahl ihm, Ithuel Bolt auf das Quarterdeck zu bringen.

»In Folge der Ereignisse von heute Morgen hat Kapitän Cuffe den Befehl gegeben, dich, Ithuel Bolt, freizulassen und wieder in den Dienst einzureihen,« begann der Premierlieutenant so laut, daß er von Allen in der Nähe vernommen werden konnte. »Du wirst ohne Zweifel eine solche Milde zu würdigen wissen und von nun an mit um so größerem Eifer deinem Dienste obliegen. Vergiß nie, daß du die Raaschlinge so zu sagen schon um den Hals gehabt hast. Morgen früh soll dir Posten und Lagerstätte angewiesen werden.«

Ithuel war zu verschlagen, um in diesem Augenblicke zu antworten. Er sah recht gut ein, warum er dießmal der Strafe entgangen war, und seine Hoffnung erneuerte sich, daß er einst noch ganz vom Dienste befreit werden würde. Doch wollte es ihm nicht recht hinunter, daß er für einen Angeber oder › Staatszeugen‹, wie Ithuel es nannte, gelten sollte, denn in den Augen des gemeinen Mannes macht sich ein Solcher einer weit größeren Sünde schuldig, als wenn er tausend gewöhnliche Verbrechen begehen würde.

Darum aber kümmerte sich Winchester sehr wenig. Er entließ den Neugeworbenen, verplauderte noch einige Minuten mit Yelverton, der die Wache hatte, und gähnte ein- oder zweimal ziemlich vernehmlich: dann ging er in seine Kajüte und war nach zehn Minuten in tiefen Schlaf versunken.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.