Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel

Hic et ubiqe? – Aendern wir die Stelle –
Kommt hierher, Gentlemen:
Legt eure Hände auf mein Schwert
Und schwört bei meinem Schwert!

Hamlet.

 

»Euer Name ist Ghita?« begann der Untersuchungsrichter, in seinen Notizen nachlesend – »Ghita – wie weiter?«

»Ghita Caraccioli, Signori,« antwortete das Mädchen mit einer Weichheit und Anmuth der Stimme, welche ihr Jeden der Zuhörer zum Freunde gewinnen mußte.

Der Name verursachte übrigens allgemeines Erstaunen, und Blicke der Ueberraschung wurden zwischen allen Anwesenden gewechselt; die meisten Offiziere des Schiffes, wenn sie nicht gerade Dienst hatten, waren nämlich als Zuschauer gegenwärtig.

»Caraccioli!« wiederholte der Untersuchungsrichter mit Nachdruck. »Das ist in Italien ein großer Name. Wollt Ihr damit behaupten, daß Ihr dem erlauchten Hause, das diesen Namen trägt, angehört?«

»Ich mache auf nichts Erlauchtes Anspruch, Signore – ich bin blos ein einfaches Mädchen und lebe mit meinem Oheim in den fürstlichen Thürmen des Monte Argentaro.«

»Wie kommt es dann, Signorina, daß Ihr den berühmten Namen Caraccioli führet?«

»Fast möcht' ich behaupten, Mr. Medford,« bemerkte Cuffe, natürlich auf englisch, »das junge Mädchen werde wohl selbst nicht wissen, woher sie den Namen bekam. Derlei Dinge werden in Italien sehr leichtsinnig behandelt.«

»Signore,« begann Ghita abermals ernsthaft, nachdem sie zuvor achtungsvoll den Schluß des Kapitäns abgewartet hatte, »ich führe den Namen meines Vaters, wie dieß bei Kindern gewöhnlich ist. Es ist freilich ein Name, der erst gestern von einer schweren Schmach befallen wurde, mußte ja doch sein Vater den Tausenden von Neapel zum Spektakel dienen, die seinen greisen Körper an der Raa eines eurer Schiffe baumeln sahen.«

»Und Ihr macht also darauf Anspruch, die Enkeltochter jenes unglücklichen Admirals zu sein?«

»So wurde ich gelehrt, mich selbst zu betrachten. Möge seine Seele jene Ruhe finden, welche seine Feinde dem Körper nicht vergönnen wollten! Jener Verbrecher – wofür Ihr ihn ohne Zweifel haltet – war meines Vaters Vater, obwohl dieß nur Wenige wußten, so lange er als Fürst und hoher Offizier des Königs geehrt wurde.«

Tiefe Stille folgte; der sonderbare Umstand selbst, so wie der Schein von Wahrheit, der aus dem ganzen Wesen des Mädchens hervorleuchtete, vereinigten sich, um die Zuhörer mächtig zu ergreifen.

»Der Admiral galt für kinderlos,« bemerkte Cuffe halblaut. »Ohne Zweifel war dieses Mädchens Vater die Frucht irgend einer unregelmäßigen Verbindung.«

»Wenn irgend ein Versprechen gegeben oder nur wenige Worte der Anerkennung vor Zeugen gesprochen wurden,« murmelte Lyon, »so würde dieß nach den Gesetzen Schottlands über Nachkommenschaft, und was dahin gehört, ein eben so festes Band zusammensplissen, als wenn ihr euch in England vor einem der Erzbischöfe verbändet.«

»Da wir aber jetzt in Italien sind, so ist es nicht wahrscheinlich, daß hier dieselben Gesetze herrschen. – Vergeßt nicht,« fuhr der Richter zu Ghita fort, »daß Ihr geschworen habt, Wahrheit, volle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu sprechen. – Kennt Ihr Raoul Yvard, einen Franzmann, Kommandanten des Feu-Follet?«

Ghita's Herz begann heftig zu pochen und das Blut schoß ihr mit dem Ungestüm tiefer Beängstigung in die Wangen. Sie verstand nichts von Gerichten und der Gegenstand der Untersuchung war ihr unbekannt. Bald aber folgte diesem Anfall der Triumph der Unschuld; die Reinheit ihrer Seele und die Ruhe ihres Gewissens führten sie allmählig zu der festen Ueberzeugung, daß sie keine Ursache habe, wegen irgend eines Gefühles, das ihr Herz bewegte, zu erröthen.

»Signore,« sprach sie, die Augen zu Boden schlagend, denn die Blicke des gesammten Gerichts waren auf ihr Antlitz gerichtet, »ich bin mit Raoul Yvard, der Person, deren Ihr erwähnt habt, bekannt; es ist der, der dort zwischen den zwei Kanonen sitzt. Er ist ein Franzmann und kommandirt den Lugger, der den Namen Feu-Follet führt.«

»Ich wußte wohl, daß wir durch dieses Zeugniß Alles herausbringen würden,« rief Cuffe, der die Erleichterung, die er darüber fühlte, daß sie nun endlich die gewünschte Bestätigung erhalten hatten – unmöglich bei sich unterdrücken konnte.

»Damit wollt Ihr sagen, Ihr wißt das Alles aus eigener Anschauung?« fragte der Untersuchungsrichter aufs Neue.

»Messieurs,« sprach Raoul sich erhebend, »wollt ihr mir zu sprechen erlauben? Dieß hier ist ein grausamer Auftritt, und ehe ich ihn noch länger ertrage – ehe ich diesem theuren Mädchen Ursache zu künftigem Kummer gebe, den ihre Antworten, wie ich wohl weiß, ihr später sicher bringen werden – eher will ich euch bitten, ihr die Erlaubniß zum Abtreten zu gewähren, wogegen ich euch verspreche, Alles, was ihr durch sie möglicherweise beweisen könnt, bereitwillig selbst zuzugestehen.«

Eine kurze Berathung folgte; dann erhielt Ghita die Erlaubniß, sich zurückzuziehen. Aber des Mädchens Unruhe war durch den Ausdruck auf Raouls Zügen aufs Neue erweckt worden, wenn sie auch nicht verstand, was er auf englisch gesprochen hatte, und so sträubte sie sich, den Ort in solcher Ungewißheit zu verlassen.

»Habe ich irgend Etwas gesagt, Raoul, was dir Schaden bringen könnte?« fragte sie ängstlich. »Ich wurde beim Worte Gottes und bei seinem geheiligten Kreuze beeidigt: hätte ich vorausgesehen, daß dir dadurch irgend ein Leid erwachsen könnte – die ganze Macht von England würde mich nicht bewogen haben, einen so feierlichen Eid auf mich zu nehmen, und dann hätte ich schweigen dürfen.«

»Es hat nichts zu sagen, Theuerste; die Wahrheit mußte doch auf eine oder die andere Art an's Licht kommen, und zu seiner Zeit sollst du Alles erfahren. – Und nun, Messieurs (fuhr Raoul fort, nachdem sich die Thüre hinter Ghita geschlossen hatte), bedarf es zwischen uns keiner weiteren Verstellung; ich bin Raoul Yvard, für den ihr mich haltet, und welchen mehrere von euch bereits kennen gelernt haben. Ich focht gegen Eure Boote, Monsieur Cuffe, entging Eurem Brander und führte Euch in lustiger Jagd rings um Elba. Ich täuschte den Signor Barrofaldi und seinen Freund, den Podesta – Alles aus Liebe zu dem schönen, sittsamen Mädchen, welches so eben die Kajüte verlassen – kein anderer Grund führte mich nach Porto Ferrajo oder hieher in den Golf von Neapel – darauf habt Ihr das Ehrenwort eines Franzosen!«

»Hum!« brummte Lyon. »Es muß zugegeben werden, Sir Frederick, daß der Gefangene zu einer höchst preiswürdigen Fahne schwört.«

Unter anderen Umständen würde dieser Einfall der Nationalantipathie und dem Nationalvorurtheil der übrigen Richter ein Lächeln abgenöthigt haben: so aber lag in Raouls Wesen und Miene ein Ernst und eine Aufrichtigkeit, welche, wenn auch nicht vollen Glauben – doch wenigstens Achtung geboten. Einen solchen Mann zu bespötteln, war unmöglich, und die langgehegte Feindseligkeit verstummte vor seiner feurigen, männlichen Erklärung.

»Wenn der Gefangene geneigt ist, die ganze Wahrheit anzuerkennen, werden wir keiner weiteren Zeugen bedürfen, Herr Untersuchungsrichter,« bemerkte Cuffe. »Uebrigens ist es unsere Pflicht, Monsieur Yvard, Euch auf die möglichen Folgen aufmerksam zu machen. Bei vorliegender Untersuchung handelt sich's um Euer Leben, denn Euch trifft die Schuld, als ausländischer Feind, der in offenem Kriege gegen Seine Majestät begriffen war, verkleidet an Bord eines englischen Schiffes gekommen oder vielmehr mitten unter die englische Flotte gedrungen zu sein.«

»Ich bin Franzose, Monsieur, und diene meinem Vaterlande,« gab Raoul mit Würde zur Antwort.

»Euer Recht, dem Vaterlande zu dienen, wird Niemand bestreiten; Ihr müßt aber wissen, daß man gegen die Gesetze einer geregelten Kriegsführung verstößt, wenn man die Rolle eines Spions spielt. Ihr seid jetzt gewarnt und werdet für Euch selbst entscheiden. Habt Ihr irgend Etwas zu sagen, so werden wir Euch hören.«

»Messieurs, da ist wenig mehr zu sagen,« erwiederte Raoul. »Daß ich euer, sowie aller Derjenigen Feind bin, welche nach Frankreichs Untergang streben – das läugne ich nicht. Ihr wißt, wer und was ich bin. – Für Beides habe ich keine Entschuldigung vorzubringen. Als tapfere Engländer werdet ihr die Liebe, die ein Franzose für sein Vaterland hegt – zu würdigen wissen. Was ein Auftreten auf eurem Schiffe betrifft, so könnt ihr dieß nicht als eine Anklage gegen mich kehren, da es ja auf eure eigene Einladung geschah. Die Rechte der Gastfreundschaft sind eben so heilig als weit verbreitet.«

Die Mitglieder des Gerichtes wechselten bedeutungsvolle Blicke mit einander, und länger als eine Minute herrschte tiefe Stille. Dann nahm der Untersuchungsrichter abermals das Wort:

»Ich möchte Euch die genaue, gesetzliche Wirkung Eurer Zugeständnisse begreiflich machen, Gefangener; dann aber wünschte ich auch, daß diese Zugeständnisse förmlich und wohl überlegt abgegeben würden, sonst müßten wir zur Vernehmung weiterer Zeugen schreiten. Ihr seid als Raoul Yvard – als ausländischer Feind angeklagt, der in Waffen gegen den König betroffen wurde.«

»Das habe ich schon zugestanden, Monsieur; es kann mit Ehren nicht wohl geläugnet werden.«

»Ihr seid angeklagt, verkleidet und unter dem falschen Namen eines Schiffers von Capri auf Seiner Majestät Schiff Proserpina gekommen zu sein, während Ihr eigentlich Raoul Yvard, ein ausländischer Feind und in Waffen gegen den König waret.«

»Das Alles ist wahr; ich wurde aber, wie schon gesagt, an Bord des Schiffes eingeladen.«

»Ihr werdet noch weiter beschuldigt, unter Seiner Majestät Schiffen im Golfe von Neapel, welche besagten Schiffe unter den Befehlen des Contreadmirals Lord Nelson, Herzogs von Bronte in Sicilien, stehen – obgleich ein ausländischer Feind, in derselben Verkleidung und in der Absicht herumgerudert zu sein, Eure Beobachtungen als Spion zu machen, und zweifelsohne die also erhaltenen Nachrichten zum Schaden von Seiner Majestät Unterthanen, und zu Eurem eigenen, so wie zu Eurer Nation Vortheil zu benützen.«

»Monsieur, dem ist nicht so – parole d'honneur, ich kam in den Golf, um Ghita Caraccioli aufzusuchen; sie besitzt mein ganzes Herz, und sie wollte ich dazu bewegen, mein Weib zu werden. Nichts anderes hat mich in den Golf geführt: meine Verkleidung trug ich, weil ich sonst leicht erkannt und angehalten werden konnte.«

»Das ist eine wichtige Thatsache, wenn Ihr sie beweisen könnt, denn wenn es Euch auch nicht im wörtlichen Sinne frei macht, so würde es doch bei dem kommandirenden Admirale von Einfluß sein, wenn ihm der Spruch dieses Kriegsgerichtes zur Bestätigung vorgelegt wird.«

Raoul zauderte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß Ghita, deren Aussage kaum vorher so verderblich für ihn geworden war – sogleich bezeugen würde, wie sie den angeführten Grund auch wirklich für den wahren halte, und zwar auf eine Art und unter so verstärkenden Umständen, daß es gewiß von Gewicht für ihn sein müßte, besonders da sie auch bekräftigen konnte, daß er desselben Zweckes halber zu Elba gewesen und ihr fortwährend auf dem Monte Argentaro flüchtige Besuche abzustatten gewohnt war. Nichtsdestoweniger fühlte er einen starken Widerwillen dagegen, Ghita nochmals vor das Kriegsgericht zu berufen. Mit der eifersüchtigen Empfindlichkeit wahrer Liebe konnte er sich nicht entschließen, den Gegenstand seiner Neigung den Blicken und Bemerkungen rauher Männer auszusetzen; dann kannte er auch seine eigene Gewalt über die Gefühle des Mädchens zu genau, und besaß zu viel Zartgefühl, um nicht alle die Bedenklichkeiten, welche dem Manne in so kitzlichen und zarten Angelegenheiten aufsteigen müssen, auf sich lasten zu fühlen, so daß er sich unmöglich mit dem Gedanken aussöhnen konnte, in diesem Augenblicke Gefühle bloß zu stellen, welche nach seinem Sinne Anderen eben so heilig wie ihm selber sein sollten.

»Könnt Ihr beweisen, was Ihr so eben angegeben habt, Raoul Yvard?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Ich fürchte, dieß wird nicht in meiner Macht stehen, Monsieur! Es gibt Jemand – doch – ich fürchte sehr, es wird nicht in meiner Macht stehen, wenn ich nicht die Erlaubniß erhalte, meinen Schiffsgefährten zu befragen, der bereits vor Euch gestanden hat.«

»Ihr meint vermuthlich Ithuel Bolt. Er stand zwar noch nicht eigentlich vor unserem Stuhle, doch könnt Ihr ihn so wie jeden andern Zeugen vor uns berufen, wobei sich das Gericht das Recht vorbehält, über die Gültigkeit des Zeugnisses nachher zu entscheiden.«

»Dann wünschte ich, Monsieur, Etouell hier zu haben.«

Die nöthigen Weisungen wurden ertheilt und Ithuel stand bald vor dem Angesichte seiner Richter. Der Eid wurde wiederholt, und Ithuel leistete ihn wie ein Mann, der etwas der Art schon öfter gethan hat.

»Euer Name ist Ithuel Bolt?« begann der Untersuchungsrichter.

»So nennt man mich am Bord dieses Schiffes; doch wenn ich als Zeuge dienen soll, so laßt mich frei schwören; ich mag mir die Worte nicht in den Mund legen oder die Gedanken mit Ketten fesseln lassen.«

Mit diesen Worten erhob Ithuel seine Arme und zeigte seine Handschellen, die der Profos ihm abzunehmen verweigerte, und welche die Offiziere des Kriegsgerichts übersehen hatten.

Ein Blick des Vorwurfs von Seiten Cuffe's, und ein Flüstern Yelvertons lösten die Schwierigkeit – Ithuel wurde seiner Ketten entledigt.

»Jetzt kann ich gewissenhafter antworten,« fuhr der Zeuge mit sardonischem Grinsen fort; »wenn Einem das Eisen in's Fleisch einschneidet, ist man immer geneigt, das zu beschwören, was, wie man glaubt, den Ohren seiner Herren am angenehmsten klingen muß. Fangt nur an, Squire, wenn Ihr irgend Etwas zu sagen habt.«

»Ihr scheint ein Engländer zu sein?«

»Wirklich? dann scheine ich, was ich nicht bin. Ich bin im Granitstaate in Nordamerika geboren. Meine Väter zogen in längstvergangenen Zeiten in jenes Land, um ihre religiösen Ansichten aufrecht zu erhalten. Das ganze Land da herum hält mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit auf seine Vorrechte.«

»Ithuel Bolt, kennt Ihr den Gefangenen – die Person mit Namen Raoul Yvard?«

Ithuel war einigermaßen in Verlegenheit, wie er diese Frage beantworten sollte. Trotz des hochherzigen Beweggrundes, der seine Väter in die Wildniß geführt hatte, ja trotz der hohen persönlichen Meinung, die er von seinen eigenen religiösen Vorzügen hegte, war doch der Eid, seit dem Tage, da er zum ersten Male mit einem Zollhause Bekanntschaft gemacht hatte – in seinen Augen zu einer Art wandelbarer Verbindlichkeit geworden. Ein Mann, der schon so manche falsche Waarendeclaration beschworen hatte, durfte doch nicht leicht an einer Kleinigkeit straucheln, wenn er einem Freunde damit einen Dienst erwies; andrerseits aber konnte er auch durch Abläugnen der Bekanntschaft seine eigenen Aussagen in Mißkredit bringen und sich selbst außer Stand setzen, Raoul vielleicht in einem wichtigeren Punkte nützlich zu sein.

Bei ihm wie bei dem Franzmann war ein seltsamer innerer Widerstreit zu bemerken, denn während er selbst, der sich doch auf seine frommen Altvordern und seine eigene gottesfürchtige Erziehung so Vieles zu gut that, ein ausnehmend biegsames Gewissen hatte, würde Raoul – dem Glauben nach beinahe ein Atheist – selbst die geringste Lüge verschmäht haben, sobald er sich in einer Lage befand, die seine Ehre berührte. Im Punkte der Kriegslisten waren Wenige feiner oder mehr zu deren Benützung geneigt als Raoul Yvard; hatte er aber die Maske einmal bei Seite gelegt und sich selbst zu der angebornen Würde seines Charakters zurückgewendet, so würde ihm selbst der Tod keine Doppelsinnigkeit erpreßt haben. Ithuel dagegen hatte eine wahre Zuneigung für jede Art von Lügen, besonders wenn sie ihm selber Nutzen und seinem Feinde Schaden brachten, und besaß eine Methode, dieß Alles mit seinem Gewissen in Einklang zu setzen, welche mit der Schwärmerei insofern einige Aehnlichkeit hat, als auch sie abgenutzt zu werden anfängt.

Bei der gegenwärtigen Veranlassung nun war er geneigt, Alles zu sagen, was den Wünschen seines Schiffsgenossen nur immer gemäß sein mochte, und glücklicherweise war er so geschickt, sich den Ausdruck in den Zügen des Andern richtig zu deuten.

»Ich kenne den Gefangenen, wie Ihr ihn nennt, Squire,« antwortete Ithuel, nachdem er sich die nöthige Pause gegönnt hatte, um zu den obenerwähnten Schlüssen zu gelangen – »ich kenne ihn wohl, und ein prächtiger Bursche ist er, wenn er einmal den rechten Weg zu euren englischen Handelsflotten gefunden hat. Hätte jeder der Franzmänner am Nil, dort drüben in Egypten, einen Rule Yvard am Bord gehabt, Nelson würde sicherlich bei seinem Berichte gar manches Postscript nöthig gefunden haben.«

»Der Zeuge hat seine Antworten auf den eigentlichen Gegenstand der Frage zu beschränken,« fiel Cuffe mit Würde ein.

Ithuel war dem Kapitän seines früheren Schiffes gegenüber zu sehr an Respekt gewöhnt, um eine Antwort hierauf zu wagen; wenn aber Blicke hätten verwunden können, so würde dieser hochstehende Beamte nicht ganz unverletzt davon gekommen sein.

Da der Zeuge nichts erwiederte, so wurde das Verhör fortgesetzt.

»Ihr erkennt ihn demnach als Raoul Yvard, Kommandanten des Feu-Follet, eines französischen Kaperschiffes?« fuhr der Untersuchungsrichter fort, der es für gerathen hielt, das Protokoll in Betreff des Geständnisses, das der Gefangene über seine Identität abgelegt, durch einen kleinen Nebenbeweis zu verstärken.

»Nun – so etwas glaub' ich,« gab Ithuel mit einem eigenthümlichen Provinzialismus zur Antwort, der ziemlich viel Granit an sich hatte, »das heißt, ich meine oder schließe –« (in diesem Augenblick erhaschte er von Raoul einen Blick der Zustimmung) »o ja! – darüber ist auch nicht die geringste Spur von einem Zweifel vorhanden. Er ist der Kapitän des Luggers, und ein recht guter, trefflicher Kapitän ist er!«

»Ihr waret mit ihm verkleidet, als er gestern in den Golf von Neapel hereinkam?«

»Ich verkleidet, Squire! – wozu sollte ich mich nur verkleiden? Ich bin ein Amerikaner von ganz anderem Beruf, und thue nur, was die Schicklichkeit verlangt. Als Neutraler habe ich gar nicht nöthig, mich zu verkleiden, wo ich auch hingehen mag. Ich bin nie verkleidet, als wenn mein Klüver etwas aufgeholt ist D. h. wenn ich den Grog ein wenig spüre., und das ist ein Ueberkommniß, das, wie Ihr selbst wißt, den meisten Seefahrern zu Zeiten passirt.«

»Ihr braucht in Betreff Eurer selbst nichts zu antworten, was Euch beschuldigen könnte. Wißt Ihr, auf welche Veranlassung oder welchen Geschäftes halber Raoul Yvard gestern in den Golf von Neapel kam?«

»Um Euch die reine Wahrheit zu gestehen, Squire, das weiß ich nicht,« gab Ithuel treuherzig zur Antwort, denn das eigentliche Wesen des Bandes, das den jungen Franzmann so fest an Ghita fesselte, war einem Manne, der für jedes reine, heilige Gefühl gewöhnlich so stumpf und unempfänglich war – ein tiefes Geheimniß geblieben. »Kapitän Rule ist hier herum an der Küste häufig aufs Beutemachen aus, und welchen besonderen Zweck er bei dieser Expedition im Sinne hatte, das kann ich nicht sagen. Seine Geschäfte am Land sind mir allerdings zuweilen unerklärlich! – Zeugniß dafür gibt die Insel Elby, ihr Herren.«

Bei dieser Anspielung verzog sich Ithuels Miene sogar zu einem leichten Lächeln, denn er besaß wirklich eine Laune, welcher er sich zuweilen ganz nach der Art der Menschenklasse hingab, welcher er als ein hervorragendes Mitglied angehörte.

»Kümmert Euch nicht um die Vorfälle zu Elba. – Gefangener, wünscht Ihr den Zeugen selbst zu befragen?«

»Etouell,« begann Raoul, »weißt du nicht, daß ich Ghita Caraccioli liebe?«

»Nun, Kapitän Rule, ich weiß wohl, so denkt Ihr und so sagt Ihr auch, aber ich halte derlei Geschichten von jeher für ziemlich veränderlich und räthselhaft.«

»Habe ich nicht oft an der feindlichen Küste gelandet, blos um sie zu sehen und ihr nahe zu sein?«

Ithuel hatte im Anfang nicht recht gewußt, was Raoul mit all' Dem beabsichtigte; jetzt erst hatte er den rechten Schlüssel gefunden, und von diesem Augenblicke an hätte kein Zeuge seine Sachen besser machen können als er.

»Ja,« antwortete er, »das habt Ihr wenigstens hundertmal gethan, und jedesmal ganz gegen meinen Rath.«

»War nicht gestern, als ich in die Bai herankam, mein einziger Zweck, Ghita und Ghita allein – zu finden?«

»Ganz so. Das Alles, ihr Herren, ist eben so gewiß, als daß der Vesuv, rauchend wie ein Ziegelofen, da vorn am Golfe steht. Das war Kapitän Rule's alleinige Absicht.«

»Ich hörte Euch so eben noch, und zwar kaum vor einem Augenblicke sagen, Zeuge,« warf Lyon ein – »Ihr wüßtet nicht, aus welchem Grunde der Gefangene nach dem Golfe von Neapel gekommen sei: – Ihr nanntet sein Benehmen sogar unerklärlich.«

»Ganz richtig, Sir, und das ist es auch für mich. Ich wußte die ganze Zeit über, daß Liebe dabei im Spiele war; aber ich nenne Liebe keinen Grund, und deßhalb heiße ich die Sache unerklärlich. Das ist die Erklärung des Ganzen. – Ja, ich wußte, es war Liebe für Miß Gyty – das gilt aber vor dem Gesetz nicht als Beweggrund.«

»Antwortet uns nur mit Thatsachen: das Gericht wird über die Beweggründe schon selbst entscheiden. – Woher wißt Ihr, daß Liebe zu dem erwähnten jungen Frauenzimmer der einzige Zweck war, weßhalb Raoul Yvard in den Golf hereingekommen?«

»Wenn man längere Zeit mit einem Menschen umgeht, lernt man solche Dinge ausfindig machen. Kapitän Rule ging zuerst nach jenem Berg da drüben, wo ihre Tante wohnt, um nach dem Mädchen zu sehen; ich ging mit, um, wenn es nöthig wäre, mit meinem Englisch auszuhelfen. Als wir Gyty nicht zu Haus fanden, nahmen wir ein Boot und folgten Ihr nach Neapel. So seht Ihr also selbst, Sir, daß ich mit Recht sagen kann: ich habe gewußt, auf welches Fahrzeug er die ganze Zeit über Jagd machte.«

Dieß Alles war streng der Wahrheit gemäß, und Ithuel erzählte es so einfach und natürlich, daß es ziemlich glaubwürdig erscheinen konnte.

»Ihr behauptet, Zeuge, Ihr habet Raoul Yvard zu einem Besuche bei der Tante des jungen Mädchens, genannt Ghita Caraccioli, begleitet,« bemerkte Cuffe in gleichgültigem Tone, um Ithuel dadurch zu einer unvorsichtigen Antwort zu verleiten – »von wo seid ihr denn ausgegangen, als ihr eure Reise antratet?«

»Das kommt auf die Zeit des Aufbruchs, so wie auf den Ort an, von welchem man die Richtung beginnt. Ich meines Theils könnte sagen, ich sei von Ameriky aufgebrochen, welchen Welttheil ich vor mehreren Jahren verließ, oder auch von Nantes, wo wir uns für die See ausrüsteten. Was Kapitän Rule betrifft, der würde wahrscheinlich Nantes angeben.«

»Auf welche Art seid ihr von Nantes hergekommen?« fuhr Cuffe fort, ohne über eine Antwort, die man eigentlich wohl ungehörig nennen konnte, Unwillen oder Verwunderung zu verrathen, als ob er sie schwer zu begreifen fände. »Ihr machtet die Reise doch nicht zu Pferd, nicht wahr?«

»O, jetzt fange ich an, Euch zu verstehen, Kapitän Cuffe. Nun, wenn ich denn die Wahrheit sagen muß – wir kamen in unserem Lugger – dem Few-Folly.«

»Das habe ich mir gedacht. Und als ihr zu der Tante auf Besuch ginget, wo habt ihr denn da den Lugger gelassen?«

» Wir haben ihn gar nicht verlassen, Sir: er hatte alle Segel eingesetzt, und kaum waren wir in's Boot gestiegen, als er uns verließ, wie wenn wir gleich einem Baume in trockenen Grund eingepflanzt worden wären.«

»Und wo geschah dieß?«

»Natürlich auf der See, Kapitän Cuffe; so Etwas könnte schwerlich am Lande passiren.«

»Das Alles begreife ich wohl. Ihr sagt aber, der Gefangene habe sein Schiff verlassen, um eine Tante des jungen Frauenzimmers zu besuchen; von dort kam er in den Golf, in der einzigen Absicht, das Mädchen selbst aufzufinden. Nun ist dieß aber eine wichtige Thatsache, da sie die Beweggründe des Gefangenen betrifft und leicht über sein Leben entscheiden kann. Wenn das Kriegsgericht ein Urtheil fällen soll, muß es alle Thatsachen vor Augen haben: darum sagt uns als Einleitung hiezu, wo Raoul Yvard den Lugger ließ, als er sich nach jener Landspitze begab?«

»Ich glaube, Ihr habt die Geschichte nicht ganz richtig verstanden, Kapitän Cuffe. Kapitän Rule ging eigentlich nicht auf den Berg, um die Tante, sondern vielmehr um die Nichte auf ihrer Tante Schwelle zu sehen. Wenn man eine Geschichte richtig endigen will, muß man sie zuvor auch richtig anfangen.«

» Monsieur le Capitaine,« bemerkte Raoul ruhig, »ich verließ den Irrwisch keine zwei Kabellängen von dem Punkte entfernt, wo Euer Schiff gegenwärtig liegt; es geschah aber zur Nachtzeit, wo die Leute von Capri in Schlaf begraben waren, so daß sie nichts von meinem Besuche erfuhren. Ihr seht, der Lugger ist nicht mehr hier.«

»Und könnt Ihr diese Geschichte mit einem feierlichen Eide bekräftigen,« fragte Cuffe, an Ithuel sich wendend, ohne zu bedenken, wie leicht es für den Zeugen war, Alles zu bekräftigen, was er in dem erwähnten Sinne für passend hielt.

»Ganz gewiß; jedes Wort ist wahr, Gentlemen,« antwortete Ithuel. »Meinem Augenmaaße nach war es nicht über eine Kabellänge von dieser Stelle.«

»Und wo ist der Lugger jetzt?« fragte Cuffe, indem er gerade durch die Hartnäckigkeit seiner Neugierde den eigentlichen Zweck aller seiner Fragen verrieth.

Aber Ithuel ließ sich nicht so schnell oder blindlings hinreißen.

»Ei, Kapitän Cuffe,« erwiederte er in einer Art mädchenhafter Schüchternheit mit verlegenem Lächeln, »ich kann doch auf meinen feierlichen Eidschwur, wie Ihr's nennt, eine solche Frage nicht wohl beantworten. Niemand kann wissen, wo der kleine Folly jetzt ist, als wer sich gerade darauf befindet.«

Cuffe wurde durch die Antwort etwas aus dem Concept gebracht, was Lyon mit spöttischem Lächeln bemerkte. Letzterer nahm es sofort über sich, die Kreuzfragen zu stellen, und wäre es dabei blos auf die eigene Meinung von seinem Scharfsinn und seiner Verschlagenheit angekommen, so hätte er allerdings ganz der Mann sein müssen, um es mit einem in Ausflüchten so geübten Burschen, wie Ithuel, aufzunehmen.

»Wir erwarten nicht, Zeuge,« begann er, »daß Ihr uns aus eigener Erfahrung nach Länge und Breite oder gar nach den Punkten des Kompasses genau angebt, wo sich in diesem nämlichen Augenblick das Fahrzeug befindet, das von Einigen Few-Folly, von Andern Few-Follay und, wie es jetzt scheint, von Euch selbst der kleine Folly genannt wird, denn das kann, wie Ihr so eben bemerkt habt, nur Denen bekannt sein, die sich wirklich an dessen Borde aufhalten: vielleicht aber erinnert Ihr Euch der Stelle, wo ihr ausgemacht hattet, den Lugger bei eurer Rückkehr von der gefährlichen Expedition zu treffen, die ihr mit einander nach dem Golfe von Neapel unternommen?«

»Ich verwerfe diese Frage als gesetzwidrig,« versetzte Ithuel mit einem Feuer und einer Lebendigkeit, welche selbst den Untersuchungsrichter betroffen machte, während die Mitglieder des Kriegsgerichts einander verwundert ansahen.

»Nun meinetwegen, wenn Ihr die Frage deßhalb verwerft, weil ihre getreue Beantwortung Euch selber benachtheiligen könnte, so finde ich das durchaus vernünftig und zweckmäßig: dann müßt Ihr aber auch die Folgen wohl in's Auge fassen, die es für Euch selbst haben kann, wenn einmal Eure Sache zur Berathung kommt.«

»Ich verwerfe sie nach allgemeinen Prinzipien,« erwiederte Ithuel. »Was auch Kapitän Rule über die Sache gesagt haben mag, falls er nämlich irgend Etwas zur Vertheidigung derselben gesagt hat – falls er also, sage ich, irgend Etwas über diese Sache gesagt hat, so kann es nicht als Zeugniß gelten, weil ein Beweis nach dem Hörensagen auf der ganzen Welt gegen das Gesetz ist.«

Die Mitglieder sahen den Untersuchungsrichter an, der den Blick mit geziemendem Ernste erwiederte. Endlich wurde auf den Antrag Sir Fredericks das Sitzungszimmer geleert, um die Sache im Geheimen zu besprechen.

»Wie ist das, Mr. Untersuchungsrichter?« fragte Cuffe, sobald die Küste gesäubert war; »es ist für uns von der äußersten Wichtigkeit, den jetzigen Standpunkt jenes Luggers zu erfahren. Haltet Ihr auch dafür, daß die Frage gegen das Gesetz sei?«

»Ihre Wichtigkeit läßt sie als passend erscheinen, – so glaube ich, Sir; was ihre Gesetzmäßigkeit betrifft, so sehe ich nicht ein, wie der Umstand, daß sie im Laufe der Unterredung zur Sprache kam, Einfluß darauf haben sollte.«

»Meint Ihr wirklich?« bemerkte Sir Frederick mit einem Ernst, den man sonst nicht an ihm gewöhnt war. »Gesetzmäßigkeit ist der Ruhm der englischen Justiz, und ich müßte es ausnehmend tadeln, wenn wir gegen diesen wesentlichen Punkt verstießen. Was man gesagt hat, muß man gehört haben, wenn man's wiederholen soll, und so sieht dieß nicht viel anders aus, denn wie ein Zeugniß vom Hörensagen. Es steht, glaube ich, so ziemlich fest, daß wir das verwerfen müssen.«

»Was ist Eure Meinung, Kapitän Lyon?« fragte der Präsident.

»Die Sache hat ihren Knoten, doch wird man ihn wohl noch lösen können,« erwiederte der Schotte mit einem spöttischen Lächeln in seinen harten Zügen. »Wir brauchen, denk' ich, keinen Alexander, der den Knoten mit dem Schwerte zerhaut, wenn wir nur unsern gesunden Verstand auf die Streitfrage anwenden wollen. – Um was handelt sich's eigentlich? – Um den Ort, der zwischen diesem Rawl Eevart und seinen Leuten zum Stelldichein ausgemacht wurde. Das muß nun entweder mündlich oder schriftlich ausgemacht worden sein, und wenn ein Beweis vom Hörensagen, also nach den dabei gesprochenen Worten, nicht als mündliches Zeugniß gilt, so könnte ebensowenig ein Zeugniß nach dem, was Einer gesehen hat, als ein Beweis durch Augenschein angesehen werden.«

»Ganz richtig, Mr. Präsident und meine Herren!« rief der Untersuchungsrichter, der nicht wenig froh war, daß er einen Weg gefunden hatte, der ihn aus der Klemme zu führen versprach. »Wenn die Sache schriftlich ausgemacht wurde, dann müßte wo möglich dieses schriftliche Zeugniß aufgewiesen werden, als der beste Beweis, der sich in der Sache beibringen läßt; ist es aber in Worten geschehen, so können diese Worte beschworen werden.«

Cuffe stimmte dieser Ansicht herzlich gerne bei, und da Sir Frederick nicht geneigt schien, den Streit weiter fortzusetzen, so wäre die Sache wohl sogleich entschieden worden, wenn nicht Lyon mit der Disputirwuth über Rechtsgegenstände dazwischen getreten wäre, die einen wesentlichen Theil seines inneren Menschen ausmachte.

»Ich stimme dem Untersuchungsrichter bei,« bemerkte er, »so weit es nämlich dessen Distinction über die Zulässigkeit des Zeugnisses betrifft, welches nicht im wörtlichen Sinne das ist, was man einen Beweis vom Hörensagen nennt: in Betreff des Passenden der Frage aber finde ich doch noch ein Bedenken in der Sache. Ein Zeuge wird darauf beeidigt, daß er vor dem Gerichte über den Gegenstand der Verhandlung Wahrheit spricht, nicht aber, um alle möglichen Dinge im Himmel und auf Erden abzuhandeln. Nun gehört es allerdings zur Entscheidung der Frage, ob Rawl Eevart ein Spion ist oder nicht – daß wir von gewissen Anordnungen überzeugt werden, die er veranstaltete, um dieses oder jenes Mitgeschöpf an diesem oder jenem Orte zu treffen. Das Gesetz aber – so viel ich davon verstehe – theilt alle Fragen in zwei große Klassen – nämlich in solche, welche wirklich, und in solche, welche nicht wirklich zur Sache gehören: erstere sind gesetzmäßig, letztere aber ungesetzmäßig.«

»Ich glaube, für einen Burschen, wie dieser Bolt, wäre es doch ein höchst verwegenes Stückchen, wenn er behaupten wollte, eine Frage, welche wir ihm vorlegen, könne ungehörig sein!« sagte Sir Frederick in verächtlichem Tone.

»Darauf kommt's nicht gerade an, Sir Frederick, denn hier handelt sich's ausschließlich nur um das Gesetz, während Ihr an Stand und Etikette denket. – Auch die gehörigen so gut wie die ungehörigen Fragen scheiden sich jede wieder in zwei Klassen: die eine gesetzmäßig und logisch, wie man sie nennen könnte, die andere conventionell und so zu sagen bürgerlich. Zwischen beiden steckt eine feine Distinction verborgen.«

»Ich glaube, das Gericht ist der Meinung, daß die Frage vorgelegt werden darf,« bemerkte Cuffe, den der Schotte und seine Subtilitäten ungeduldig gemacht hatten, mit einer Verbeugung gegen Sir Frederick, um dessen Zustimmung zu erfahren, die er auch im Augenblicke erhielt. »Wir wollen die Thüren wieder öffnen und das Verhör fortsetzen.«

»Das Gericht ist der Ansicht, Zeuge,« resumirte der Untersuchungsrichter, nachdem Alles wieder seine Plätze eingenommen hatte, daß Ihr die Frage zu beantworten habt. Damit Ihr sie gehörig begreift, will ich sie Euch nochmals wiederholen. Welcher Ort wurde zwischen Raoul Yvard und seiner Mannschaft ausgemacht, um sich gegenseitig wieder zu treffen?«

»Ich glaube nicht, daß die Mannschaft des Luggers ein Wort in der Sache zu sagen hatte,« antwortete Ithuel, unerschütterlich wie immer. »War dieß wirklich der Fall, so habe ich wenigstens nichts davon gewußt.«

Das Gericht war in Verlegenheit; da man sich aber doch nicht auf diese Art verhöhnen lassen konnte, so wechselten die Mitglieder nur einige entschlossene Blicke, und das Verhör wurde fortgesetzt.

»Wenn nicht die Mannschaft, so doch die Offiziere. Wo war zwischen dem Gefangenen und seinen Offizieren bestimmt, daß Ersterer bei seiner Rückkehr von der Expedition nach dem Golfe, den Lugger treffen sollte?«

»Ei, ihr Herren,« gab Ithuel zur Antwort, indem er seinen Tabackknollen von einem Mundeck zum andern schob, »ich glaube fast, daß ihr im Ganzen den Kapitän Rule nur sehr wenig kennt. Er ist nicht der Mann, der sich überhaupt auf solche Ausmachereien einläßt. Was er haben will, das befiehlt er: und was er befiehlt, das muß geschehen.«

»Was befahl er also in Betreff des Punktes, wo der Lugger ihn bis zu seiner Rückkehr erwarten sollte?«

»Es thut mir leid, wenn ich dem Gerichte beschwerlich fallen muß,« erwiederte der Zeuge mit bewundernswürdiger Selbstbeherrschung; aber Gesetz ist Gesetz, in der ganzen Welt, und ich vermuthe, diese Frage ist gegen das Gesetz. Im Granitstaate wird immer darauf gehalten, daß, wenn etwas durch die Person selbst bewiesen werden kann, welche vielleicht diese oder jene Worte sprach, – die Frage dann eben der Person, und nicht Dem, der etwa dabei gestanden, vorgelegt werden muß.«

»Nur nicht wenn diese Person ein Gefangener und selbst in Untersuchung ist,« antwortete der Untersuchungsrichter, der nicht ohne Verwunderung eine solche Distinction aus solcher Quelle kommen hörte. »Wenn es die Zeugenschaft allein beträfe, so wäre die Einwendung ganz am Platze. – Ihr habt also zu antworten.«

»Es ist unnöthig,« fiel Raoul abermals ein. »Ich verließ mein Schiff hier, wie ich Euch schon gesagt habe, und hätte ich vergangene Nacht von den Höhen von St. Agata ein gewisses Zeichen gegeben, so würde der Irrwisch in der Nähe der Sirenenfelsen erschienen sein und mich eingenommen haben. Da die Stunde vorüber und das Signal wohl schwerlich gegeben worden ist, so hat mein Lieutenant wahrscheinlich einen andern Ort des Rendezvous aufgesucht, von dem der Zeuge nichts weiß, und den ich ganz gewiß nicht verrathen werde.«

Es lag so viel Männlichkeit und ruhige Würde in Raouls ganzem Auftreten, daß jede seiner Reden Eindruck machen mußte.

Seine Antwort entschied die Sache wenigstens für den Augenblick. Der Untersuchungsrichter wandte sich demgemäß zu andern Fragen. Doch blieb jetzt nur noch wenig zu thun übrig. Die Identität hatte der Gefangene zugegeben; seine Gefangennehmung war mit allen begleitenden Umständen erwiesen: so konnte also nichts mehr folgen, als seine Verteidigung.

Als Raoul sich zum Sprechen erhob, fühlte er eine plötzliche Bewegung, die aber schnell wieder vorüberging, und er begann in festem, ruhigem Tone und mit einem Accent, der manchem seiner Ausdrücke noch ein besonderes Interesse und erhöhten Nachdruck verlieh.

»Messieurs,« sprach er, »ich will weder meinen Namen, noch meinen Stand oder meine Lebensweise in Abrede ziehen. Ich bin Franzose und ein Feind eures Landes. Ich bin auch ein Feind des Königs von Neapel, auf dessen Gebiete ihr mich betroffen habt. Ich habe seine und eure Schiffe zerstört. Setzt mich auf meinen Lugger zurück, und ich werde Beides wieder thun. Wer immer ein Feind von Frankreich ist, ist auch der Feind von Raoul Yvard. Brave Seemänner, wie ihr, können das begreifen. – Ich bin jung. Mein Herz ist nicht von Stein, und, so schlimm es auch sein mag – es mußte Schönheit und Sittsamkeit und Tugend am anderen Geschlechte lieben. Dieß war mein Loos – ich liebe Ghita Caraccioli, und habe schon länger als ein Jahr darnach gestrebt, sie zu meinem Weibe zu machen. Sie hat mich nicht zu der Behauptung berechtigt, daß mein Streben begünstigt würde – das muß ich zugeben: aber sie ist deßhalb nicht weniger bewundernswürdig. Wir sind in unseren religiösen Ansichten sehr verschieden, und ich fürchte, sie hat den Monte Argentaro deßhalb verlassen, weil sie meine Hand ausschlug, und dann für besser hielt, wenn wir uns nie wieder begegneten. Bei Mädchen kommt das zuweilen vor, wie ihr selbst wissen müßt, Messieurs – aber bei uns, die wir weniger verfeinert sind, ist es nicht gewöhnlich, sich solcher Selbstentsagung zu unterwerfen. Ich erfuhr bald, wo Ghita hingekommen war, und folgte ihr: ihre Schönheit war ein Magnet, der mein Herz nach sich zog, gerade wie die Nadel immer gegen Norden gezogen wird. Ich mußte in den Golf von Neapel und unter die Schiffe meiner Feinde eindringen, um Die zu finden, die ich liebte; das ist doch wohl etwas ganz Anderes, als wenn ich mich zu dem beklagenswerthen Gewerbe eines Spions hergegeben hätte. Wer von euch würde nicht dasselbe gethan haben, Messieurs? Ihr seid braves Anglais, und ich weiß, ihr würdet ebensowenig gezaudert haben. Zwei unter euch sind noch jung, wie ich selbst, und müssen, wie ich, die Macht der Schönheit fühlen; selbst Der, der nicht mehr jung ist, hat seine Momente der Leidenschaft gehabt, wie Jeder, der vom Weibe geboren wurde. Messieurs, ich habe nichts weiter zu sagen: das Uebrige wißt ihr. Wenn ihr mich verurtheilt, so verurtheilt mich als unglücklichen Franzosen, dessen Herz seine Schwächen hatte – aber nicht als schimpflichen, verrätherischen Spion.«

Der Ernst und die Natürlichkeit, womit Raoul gesprochen, blieben nicht ohne Wirkung. Wäre es nach Sir Fredericks Sinne gegangen, so würde der Gefangene auf der Stelle freigesprochen worden sein. Aber Lyon war ein Skeptiker im Punkt der Liebe, denn sie war ein Gefühl, das ihm nur sehr wenig verständlich war, und überdieß lebte in ihm ein Geist des Widerspruches, der ihn gewöhnlich verleitete, von jeder aufgestellten Behauptung das Gegentheil anzunehmen.

Der Gefangene wurde entlassen, und das Gericht ließ die Thüren schließen, um in der hergebrachten Form zur endlichen Entscheidung zu gelangen.

Wir würden Cuffe unrecht thun, wenn wir nicht geständen, daß auch er gegen den tapferen Feind, der seine Versuche so oft vereitelt hatte, einigermaßen günstig gestimmt war. Hätte er in jenem Augenblicke seinen freien Willen gehabt – er würde Raoul seinem Lugger wieder gegeben, ihm einen gehörigen Vorsprung eingeräumt, und ihn dann mit Freuden im ganzen Mittelmeere herumgejagt haben, um so alle Fragen zwischen ihnen Beiden zur Entscheidung zu bringen. So aber wäre es doch zu viel gewesen, den Lugger mitsammt dem Gefangenen aufzugeben. Dann band ihn auch sein richterlicher Eid, und er fühlte sich gezwungen, den Beweisgründen des Untersuchungsrichters nachzugeben, der, ein reiner Mann vom Fach, fast eben so wenig auf das Gefühl hielt, wie der greise Lyon selber.

Das Resultat der Berathung, die über eine Stunde dauerte, war ein Erkenntniß gegen den Gefangenen. Der Gerichtssaal wurde wieder geöffnet, das Protokoll aufgeschlagen und verlesen – der Gefangene ward vorgeführt und ihm das Urtheil bekannt gemacht.

Das Erkenntniß lautete: »Raoul Yvard, mitten unter den alliirten Flotten, und zwar verkleidet, gefangen genommen, sei deshalb als der Spionerie schuldig erfunden worden.« Das Urtheil des Gerichts verlangte, daß er »am folgenden Tage den Tod erleiden und an dem Raa-Arm desjenigen Schiffes, welches der kommandirende Admiral, wenn er das Urtheil genehmige, bestimmen würde – aufgehängt werden sollte.«

Raoul hatte es nicht viel anders erwartet, und vernahm sein Urtheil mit Standhaftigkeit. Er machte dem Gericht eine würdevolle, artige Verbeugung, und wurde abgeführt, um, wie es einem Verurtheilten geziemte, in Ketten gelegt zu werden.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.