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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Sechzehntes Kapitel

Tranio: Woher des Landes, sprecht?
Fußgänger: Von Mantua.
Tranio: Von Mantua? – Mein Gott! Nach Padua
Kommt Ihr, so unbesorgt um Euer Leben?

Die bezähmte Widerspenstige.

 

Während der wichtigen fünf Minuten, die über diesen geheimen Bewegungen verstrichen, hatte Raoul mit dem angenommenen Erstaunen gemeiner Leute auf dem Schiffe herumgegafft, die Kanonen, das Takelwerk, die Verzierungen des Quarterdecks betrachtet u. s. w., ohne übrigens von Allem, was in seiner Nähe vorging, auch nur das Geringste seiner Wachsamkeit entschlüpfen zu lassen. Die neulichen Anzeichen machten ihn unruhig und er bereute jetzt seine eigene Verwegenheit; aber sein Incognito hielt er noch immer für undurchdringlich. Wie die meisten Personen, welche eine fremde Sprache gut zu sprechen meinen, wußte auch er nicht, in wie vielen Kleinigkeiten er sich selbst verrieth; der Engländer spricht nämlich, caeteris paribus, das Italienische in der Regel besser als der Franzose, wegen der größeren Verwandtschaft seiner eigenen mit der italienischen Sprache, wenigstens was Klang und Nachdruck betrifft.

So war denn die Stimmung unseres Helden, als man ihm andeutete, der Kapitän des Schiffs wünsche ihn in seiner Kajüte zu sprechen. Während er die Leiter hinabstieg, um einem Wunsche zu gehorchen, der so ziemlich wie ein Befehl gelautet hatte, bemerkte Raoul, daß ihm die beiden Beamten von Elba auf der Ferse folgten.

Die Kajütenlampe brannte hell, und der Kapersmann fand sich, sobald er die Schwelle des Gemachs überschritten hatte, einem starken Lichte ausgesetzt. Cuffe und Griffin standen in der Nähe des Tisches, wo auch der Vicestatthalter und der Podesta ihre Posten einnahmen, so daß das Ganze den höchst unbehaglichen Anstrich eines gerichtlichen Verhörs bekam.

Einen Augenblick lang hätte Raoul es vorgezogen, lieber vor einem Theile des heiligen Inquisitionsgerichtes selber, als vor diesem Tribunale zu stehen, dem er sich nun so unerwartet gegenübergestellt sah.

»Seid nur ganz ruhig,« sprach Griffin, während sich der Andere, äußerlich standhaft, im Herzen aber die strenge Probe, der er sich nun unterziehen sollte, verfluchend – langsam dem Tische näherte; »thut mir den Gefallen, dieses seidene Halstuch einmal anzuprobiren.«

»S'nore, Eure Eccellenza beblieben zu scherzen; wir Leute von Capri machen uns zu dieser Jahreszeit nicht viel aus der Nachtluft; da es übrigens Euer Wunsch zu sein scheint, so will ich mir so viel Ehre herausnehmen.«

Zu jener Zeit galt ein schwarzseidenes Halstuch für das sichere Zeichen eines Militärs. Die altmodische Halsbinde wurde nur noch von wenigen altmodischen Personen getragen, und ihr neuerer Stellvertreter kam erst viele Jahre später in Aufnahme; denn die jetzige Art, sich zu tragen, ist nichts als eine Nachahmung jener militärischen Manie, welche am Schlusse des letzten großen Krieges die gesammte Christenheit ergriffen hatte. Eine schwarze Halsbekleidung, durch einen weißen Vorstoß gehörig hervorgehoben, wurde dazumal für besonders militärisch angesehen, und selbst im gewöhnlichen Kostüm erkannte man hieraus fast eben so sicher wie aus der Kokarde – daß der Träger derselben die Waffen führte.

Raoul wußte dieß und fühlte recht wohl, daß er durch Erfüllung dieses Wunsches zu seiner eigenen Demaskirung behilflich sein würde; aber er dachte, wenn er sich weigere, das Tuch umzulegen, so könnte ihm dieß noch größere Gefahr bringen.

»Eure Eccellenza macht aus einem armen Bootsmanne einen Prinzen,« sprach er, als er das Tuch angezogen hatte; »und mein Weib wird glauben, ein großer General sei im Anmarsch, wenn ich zur Thüre hereintrete.«

»Um die Täuschung vollständig zu machen, Freund, müßt Ihr auch noch dieses anziehen,« fuhr Griffin fort, und warf Raoul, der so ziemlich ein und dieselbe Größe mit ihm hatte, einen seiner eigenen Alltagsröcke über.

Jetzt begann der wahre Thatbestand so ziemlich unzweifelhaft zu werden; nichtsdestoweniger that Raoul, wie man ihm geheißen, da nur Standhaftigkeit und Gehorsam ihm noch einige Hoffnung gewährten, und so stand er denn, von oberhalb in die Morgenuniform eines englischen Seeoffiziers, unterhalb aber à la lazzarone gekleidet – vor den staunenden Zuschauern.

»Was sagt Ihr nun, Vicestatthalter?« fragte Griffin aufs Neue. »Hier habt Ihr jetzt Helle und auch eine Uniform.«

»Ich behaupte, dieser Herr hat mir und meinem armen Wohnsitze zu Porto Ferrajo zu öfteren Malen die Ehre seines Besuches erwiesen,« erwiederte Andrea, »und in der That, nie ist er mir willkommener gewesen, als eben in diesem Augenblicke. Signor Smees, Ihr seid ein großer Freund von Maskeraden und scheint das ganze Jahr hindurch Karneval zu spielen. Ich hoffe, Sir Cicero, Euer ausgezeichneter Landsmann, wird wohl so viel Macht besitzen, diese tapferen Engländer zu überzeugen, daß Ihr alles Das aus purem Scherz und ohne verbrecherische Absicht versucht habt.«

» Messieurs,« sprach Raoul, die erborgten Federn plötzlich abstreifend, »es ist zu spät, um mich noch länger zu verstellen. Wenn ich, wie Ihr sagt, Raoul Yvard bin, so bin ich doch wenigstens nicht der Feu-Follet

»Ihr könnt Euch natürlich denken, Monsieur,« bemerkte Griffin auf französisch, daß Ihr nunmehr ein Gefangener Seiner britischen Majestät seid?«

» Sa Majesté Britannique hat zwar keine Eroberung wie bei Dero Siege auf dem Nile gemacht,« erwiederte Raoul ironisch: »jedenfalls aber hat Sie mich in Händen. Es ist nicht das erste Mal, daß ich die Ehre habe, Seiner Majestät Kriegsgefangener zu sein, und zwar auf einem Ihrer eigenen Schiffe.«

»Ihr dürft keineswegs annehmen, Monsieur Yvard, daß Eure Lage jetzt wieder dieselbe sei. Wir arretiren Euch nunmehr in ganz anderer Eigenschaft.«

»Nicht als Freund – das glaub' ich, Monsieur; denn ich gestehe, daß ich nicht den geringsten Anspruch auf diesen Titel besitze, wie unser kurzes Zusammentreffen vor Porto Ferrajo und ein anderes interessantes Ereigniß an der Mündung des Golo beweisen können.«

»Spart Euren Hohn, Sir; das Glück begünstigte Euch damals, das wollen wir gestehen; jetzt aber verhaften wir Euch als einen Spion.«

» Espion!« wiederholte Raoul auffahrend; »das ist ein Amt, Monsieur, das ich keineswegs zu bekleiden beabsichtigte, als ich an Bord Eures Schiffes kam. Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß ich nur auf Eure eigene Einladung auf's Verdeck gestiegen bin. Es wäre eine Infamie, wer die Sache anders behaupten wollte!«

»Wir werden die Infamie unserer Handlungen schon auf uns zu nehmen wissen, Monsieur Yvard. Es wird Euch keineswegs zur Last gelegt, als Spion an Bord der Proserpina gekommen zu sein; wer aber einen Feind unter unserer Flotte herumrudern sieht, welche in einer für Jenen feindlichen Bai vor Anker liegt – wenn dieß zumal in einer Verkleidung wie die Eurige geschieht – der müßte ein sehr zartes Gewissen haben, wenn er noch Anstand nehmen wollte, Euch für einen Spion zu erklären und auch zu der Strafe eines solchen zu verurtheilen.«

Dieß war so richtig, daß der unglückliche junge Mann erst jetzt das ausnehmend Kitzliche seiner nunmehrigen Lage einsah. Er war allerdings in keiner andern Absicht, als um Ghita aufzusuchen, in die Bai hereingekommen, mußte sich aber dennoch selbst gestehen, daß er keinen Anstand genommen haben würde, jede zufällig erhaltene Nachricht auch für das Beste des Luggers zu benützen. Er hatte sich durch seine Leidenschaft für Ghita so weit hinreißen lassen, daß er jetzt der schwersten militärischen Strafe ausgesetzt war, und er konnte nicht eine einzige gültige Entschuldigung auffinden, welche die Gefahr seiner Lage gemildert hätte.

»Was sagt der arme Teufel, Griffin,« fragte Cuffe, der trotz seiner entschiedenen Feindschaft gegen alle Franzosen dennoch bedauerte, daß ein so tapferer Feind in eine so verzweifelte Klemme gerathen mußte – »geht nicht so hart mit ihm um bei diesem ersten Zusammentreffen. Hat er irgend eine Entschuldigung für seine Verkleidung?«

»Ohne Zweifel den gewöhnlichen Grund, Sir – daß er seiner Einen und untheilbaren Republik zu dienen wünschte! Wenn wir Alles glauben wollten, Kapitän Cuffe, was solche Bursche uns vorschwatzen, da könnten wir ebensogut nach Hause zurückkehren und Deputirte an den Nationalconvent abschicken – wenn man uns anders die Gnade erwiese, denselben Sitze einzuräumen.«

»Gentlemen,« sprach Raoul auf englisch;«zwischen uns bedarf es nicht länger eines Dolmetschers; ich spreche eure Sprache wenigstens so geläufig, daß ich mich verständlich machen kann.«

»Es thut mir leid, Euch in dieser Lage zu sehen, Mr. Yvard,« gab Cuffe zur Antwort, »und ich wünsche von ganzem Herzen, Ihr wäret lieber in offener Schlacht, als auf diesem unregelmäßigen Wege in unsere Hände gefallen.«

»In welchem Falle auch der Irrwisch in Eure Gewalt gefallen wäre, Monsieur le Capitaine!« versetzte Raoul mit ironischem Lächeln. »Doch diese Worte sind jetzt ziemlich unnütz, Messieurs; ich bin euer Gefangener und muß mein Schicksal aus euren Händen annehmen. Aber keine Nothwendigkeit gebietet euch, auch Andere unter meiner Unvorsichtigkeit leiden zu lassen. Ich werde es als eine besondere Gnade schätzen, Messieurs, wenn ihr die guten Leute in dem Boote unbelästigt wollt' an's Land rudern lassen. Es wird spät, und wir müssen jetzt dem Punkte, wo sie zu landen wünschen – es ist die Marina Grande von Sorrento – beinahe oder sogar gerade gegenüber stehen.«

»Wollt Ihr uns etwa zu verstehen geben, Monsieur Yvard, daß Eure Begleiter keine Franzosen seien?«

» Oui, Monsieur le Capitaine; es ist kein einziger Franzose darunter, auf parole d'honneur

»Es wird wohl gut sein, Kapitän Cuffe, wenn wir uns durch eine Untersuchung von dieser Thatsache überzeugen,« fiel Griffin trocken ein.

»Ich habe Mr. Winchester bereits sagen lassen, daß er die Leute an Bord schaffen möge.«

»Es ist ein junges Mädchen in dem Boot, das nicht gewohnt ist, solche Schiffe zu betreten,« fiel Raoul hastig ein; »um ihrethalben muß ich euer Zartgefühl beschwören. Laßt die Männer an Bord kommen, wenn ihr's für nöthig erachtet; aber die Signorina kann keinenfalls an der Fregatte heraufsteigen!«

»Wir wollen schon dafür sorgen, Monsieur Yvard; besonders da Ihr Euch so sehr für die Bequemlichkeit der Dame zu interessiren scheint. Für jetzt verlangt meine Pflicht, Euch unter den Gewahrsam einer Schildwache zu stellen, und damit Euch dieß so wenig als möglich verletzen möge, so will ich für heute Nacht wenigstens diese Kajüte zu Eurem Gefängnisse bestimmen. – Gebt demgemäß dem Marineoffizier Eure Befehle, Mr. Griffin.«

In wenigen Minuten wurde eine Schildwache in die Vorderkajüte postirt und Raoul unter deren Obhut gestellt. Erst dann kehrten die Offiziere auf das Quarterdeck zurück.

Diese ganze Zeit über blieben Ithuel und seine Begleiter in der Jolle ihren eigenen Gedanken überlassen, welche nichts weniger als erfreulicher Natur waren. Die ganze Verhandlung auf der Fregatte war so ruhig vor sich gegangen, daß sie unmöglich auf den eigentlichen Sachbestand verfallen konnten: nur Ghita war voller Ahnungen und Besorgnisse. Die Fregatte hatte ihr Boot, wie schon von Raoul bemerkt worden, so rasch am Schlepptau mit sich fortgezogen, daß sie sich jetzt auf eine Meile Entfernung ihrem Landungsplatze gerade gegenüber befanden, und dennoch war auf dem Schiff kein Zeichen zu bemerken, daß es in seiner Geschwindigkeit nachlassen wolle: auch erschien Niemand auf den Laufplanken, um mit ihnen zu sprechen.

Endlich hörte man einen heiseren Ruf von dem Verdecke herabtönen und das Schiff begann die Segel zu verkürzen. Das Vormarssegel wurde beigehalt, der Brodwinner aufgegeit; die Bramsegel wurden gerefft und beschlagen, die Oberbramsegel deßgleichen, und im nächsten Augenblick war die Proserpina auf ihre drei Marssegel und den Klüver reduzirt.

Dieß Alles geschah durch die Wachmannschaft, und war ungefähr nach fünf Minuten und eben in dem Augenblicke beendigt, als Cuffe wieder auf dem Verdeck erschien. Sobald das Segelwerk eingenommen war, wurde das Steuer backbord gestellt, das Schiff kam mit der Steuerbordseite in den Wind, und das große Marssegel legte sich gegen den Mast, so daß die Jolle unter das Lee der Fregatte und parallel mit derselben zu stehen kam.

Kaum war dieses Manöver ausgeführt, als ein Matrose rasch an der Seite des Schiffes hinabkletterte und in die Jolle sprang. Nachdem er dieselbe vorn und hinten visitirt hatte, rief er »Alles richtig, Sir«, und trieb das Boot auf kurze Strecke von der Fregatte ab. Im nächsten Moment sah man die Raa- und Stagtakeln herabkommen: diese wurden überhalt und durch den Mann an das Boot angehakt. Der Hochbootsmannsmate pfiff auf der Laufplanke sein ›Eingehalt‹, und der schlaffe Theil des Takels wurde angezogen; dann folgte ein langgezogener Pfeifenruf, das Zeichen zum ›Ueberhissen‹. Das Boot, mit Allem, was darauf war, erhob sich über das Wasser und wurde bis zu den Hängmattentüchern der Kuhl emporgezogen; dort angekommen, hielten die Stagtakeln es fest, während die Raatakeln ›nachließen‹, worauf das Boot so sachte und stätig auf der Kuhl des Schiffes landete, wie wenn es von Glas wäre, oder nicht mehr Gewicht hätte als die Hängematte eines Matrosen.

Ghita konnte ein leises Kreischen nicht unterdrücken, als sie sich in die Luft emporgezogen fühlte: dann verhüllte sie ihr Gesicht und erwartete bebend den Ausgang. Carlo Giuntotardi dagegen wurde durch die Bewegung nur ein klein wenig aus seiner gewöhnlichen Apathie aufgerüttelt – das war Alles. Ithuel aber dachte alles Ernstes daran, ob er nicht in's Wasser springen und an's Land hinüberschwimmen sollte. Eine Meile weit, dachte er, könnte er schon schwimmen; aber dann war auch mit Gewißheit vorauszusehen, daß er in Booten verfolgt und eingeholt werden würde, und dieser Gedanke zähmte seine Ungeduld.

Es ist nicht leicht, die Stimmung zu schildern, in welcher sich dieser Mann zum zweiten Mal auf dem Verdeck seines früheren Kerkers wiederfand, und zwar dießmal mit der weiteren Gefahr vor Augen, daß er erkannt und als Deserteur behandelt werden könnte. Der Fall mag in unseren Tagen empörend klingen, daß ein Ausländer, mit Gewalt zum Kriegsdienst für eine fremde Nation gepreßt, sein Leben deßhalb in Gefahr sehen sollte, weil er von dem Vorrechte unserer Natur Gebrauch gemacht und diese Tyrannei geflohen hatte, sobald die Umstände ihm die Mittel dazu in die Hand gegeben. Aber das verflossene Jahrhundert hat nicht minder ungerechte Scenen mit angesehen, und trotz all' der abgeschmackten Philanthropie und der nichtssagenden Prophezeiungen eines ewigen Friedens, welche die heutige Mode gegen die Erfahrung des Menschengeschlechtes aufstellt – ist immer noch zu fürchten, daß selbst noch die kommenden Zeitalter Parallelen hiezu liefern werden, wenn nicht der gesunde Sinn der Amerikaner unter den gesetzgebenden Körpern der Vereinsstaaten richtigere politische Ansichten, einen besseren Ueberblick ihrer eigenen Pflichten und genauere Kenntnisse von der Lage der verschiedenen christlichen Gemeinwesen verbreitet, als ihre legislativen und politischen Debatten in den letzten paar Monaten an den Tag gelegt haben.

Mit einem Wort – der Gegenstand all' dieser Trübsal fühlte in sich die innige Ueberzeugung, daß ihm seine gesetzlichen wie moralischen Rechte bei gegenwärtiger Veranlassung nur wenig nützen würden. Dann wird auch ein Mann niemals ein Unrecht begehen – selbst wenn es zur Vertheidigung eines anererbten Rechtes geschah – oder insgeheim das Bewußtsein zu haben, daß ›niemals gute Frucht aus schlimmer Aussaat keimen könne‹, und auch Ithuel fühlte einen gewissen inneren Mahner, der ihm vorhielt, daß er, so gerechte Ursache zur Klage er auch haben mochte – den Krieg doch jedenfalls in das Land des Feindes hinübergespielt hatte.

Das Boot war nicht sobald auf dem Verdecke angelangt, als seine Ladung augenblicklich durch den Hochbootsmann herausgehoben wurde; dieser hielt sich nämlich niemals an die festgesetzte Zeit der Wachen und hatte deßhalb seine Hängematte noch nicht aufgesucht: er war überhaupt auf der Proserpina als Beamter fast eben so wichtig wie Vito Viti in der guten Stadt Porto Ferrajo. Er musterte jede einzelne der drei Personen, sobald er sie (wie er's nannte) gelandet hatte, und hiebei nahm Ghita seine Aufmerksamkeit so ausschließlich in Anspruch, daß ihre Begleiter dadurch gänzlich in Schatten gestellt wurden. Die zarte Miene und Haltung des Mädchens erschien in der That in dem Strahle des Mondes, der eben in vollem Glanze auf das Verdeck fiel – so einnehmend, daß Alle in ihrer Nähe, die Offiziere mit eingeschlossen, so ziemlich demselben Einflusse nachzugeben gezwungen waren.

»So, so, Meister Yvard,« bemerkte Cuffe auf englisch; »wenn Ihr incognito in das feindliche Lager einbrecht, »so geschieht es wenigstens in ziemlich guter Gesellschaft. Dieses Mädchen ist eine Italienerin, Winchester; und dazu erscheint sie noch sehr züchtig!«

»Die kleine Ghita!« rief Vito Viti, »so wahr ich einst im Schooße unseres Vaters Abraham zu ruhen hoffe! – Schönste Ghita, was hat denn dich – und in so schlechter Gesellschaft – hierher gebracht?«

Ghita standen die Thränen in den Augen; in der Ungewißheit jedoch, wie weit Raoul kompromitirt sein mochte, suchte sie sich Selbstbeherrschung zu erkämpfen, und es gelang ihr, eine Bewegung zu unterdrücken, welche die Lage ihres Geliebten nur noch gefährlicher hätte machen können. Sie trocknete ihre Thränen und machte gegen den Vicestatthalter und den Podesta eine artige Verbeugung.

»Signori,« gab sie zur Antwort, »es ist ein Trost für mich, daß ich Landsleute und alte Bekannte am Bord dieses fremden Schiffes treffe, bei denen ich wohl auf Schutz hoffen darf. Für eine verwaiste Nichte kann ich es keine sonderbare oder schlimme Gesellschaft nennen, wenn sie sich mit ihrem Oheime, der von jeher Vaterstelle bei ihr vertreten, auf dem Wasser befindet.«

»Ei, richtig ja, das ist Carlo Giuntotardi, der Oheim, der schon jetzt auf Erden so viel mit Heiligen verkehrt, daß er nur selten mit einem Sünder spricht. Du weißt aber, kleine Ghita, daß einer deiner Fährleute Niemand Geringeres als Raoul Yvard ist – der gottloseste Kaper, der je aus einem französischen Hafen auslief – eine wahre Geißel und Landplage für die ganze italienische Küste. Wenn sich die Kirche so weit herabließe, von einem solchen ungläubigen Republikaner Notiz zu nehmen, so müßte sie alle ihre getreuen Anhänger im Gebete um seine Vernichtung um sich vereinigen.«

»Raoul Yvard!« wiederholte Ghita, und zeigte dabei ein solches Erstaunen in ihrem ganzen Wesen, daß sie in den Augen des verwunderten Podesta hinlänglich gerechtfertigt schien. »Seid Ihr auch von der Wahrheit Eurer Behauptung überzeugt, Signor Podesta?«

»So fest, als das Geständniß des Betheiligten selbst uns nur immer überzeugen kann.«

»Geständniß, Signore!«

» Si, schöne Ghita – Geständniß. Dein Bootsmann – dein Einwohner aus Capri – dein Lazzarone bekennt sich selbst für nicht mehr noch weniger als den Kommandanten des Irrwisches – jenes Werkzeuges so vieler Ungerechtigkeiten.«

»Thut der Irrwisch mehr als die anderen feindlichen Kreuzer?« – doch Ghita fühlte, daß sie unbescheiden werden wollte, und schwieg.

»Ich glaube, Winchester,« bemerkte Cuffe, »dieß ist dasselbe Mädchen und Jener dort der nämliche alte Mann, welche heute in Nelsons Kajüte erschienen, um ihm in Betreff des armen Prinzen, der diesen Nachmittag aufgeknüpft wurde, eine Mittheilung zu machen.«

»Was konnten aber solche Leute mit dem unglücklichen Caraccioli zu schaffen haben?«

»Ja freilich – und doch sind's dieselben Leute. Die Königin der Flotte – unsere Lady Amiralin sprach sie ganz allein, und von dem, was zwischen den Beiden auf italienisch verhandelt wurde, weiß ich nicht mehr, als wenn es griechisch gewesen wäre. Mir sagte sie's nicht, das dürft Ihr mir glauben, und nach dem Ausdruck ihrer Blicke möchte ich sehr bezweifeln, ob sie es Nelson jemals erzählte.«

»Ich wünschte zu Gott, Kapitän Cuffe, Seine Lordschaft möchte von Ihrer Bettung neben diesem Fahrzeuge die Anker lichten. Ich kann Euch versichern, Sir, die Flotte fängt an, laut von der Sache zu reden. Wäre es ein anderer Mann – der würde nicht übel in die Klemme gerathen; aber wir können Alle ein gut Stück von ›Nelson und Bronte‹ ertragen.

»Nun, nun, laßt nur Jeden seine eigenen Angelegenheiten verfechten. Ihr solltet vollends ganz ruhig sein, Winchester, denn er hat sich heute sehr freundlich nach Eurer Wunde erkundigt, und würde Euch irgend Etwas zum Aufknacken von seiner Tafel gesendet haben, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, daß Ihr wieder ganz hergestellt seid und Euren Dienst angetreten habt. Er ist selbst an Kopf, Arm und Auge ein solcher Invalide geworden, daß er jeden Verwundeten als eine Art Verwandten betrachtet. Doch hätte ich meines Theils gar nichts dagegen, wenn jene Schönheit die Kinderblattern bekäme.«

»Es hat heute ohnedieß für England ein schlimm Stück Arbeit gegeben – verlaßt Euch d'rauf, Kapitän Cuffe!«

»Nun, wenn auch, so hat's dafür bei St. Vincent und am Nil auch ein schön Stück Arbeit gegeben, und so mag dann eines das andere aufwiegen. – Fragt einmal dieses junge Frauenzimmer, Mr. Griffin, ob ich nicht heute das Vergnügen hatte, sie am Bord des Foudroyant zu sehen?«

Die Frage wurde, wie befohlen, gestellt, und von Ghita ruhig und ohne Zögern bejaht.

»Dann laßt sie einmal erklären, wie sie in Raoul Yvards Gesellschaft gerathen?«

»Signori,« sprach Ghita ungezwungen, denn sie hatte in diesem Punkte nichts zu verhehlen – »wir wohnen auf dem Monte Argentaro, wo mein Oheim das Amt eines fürstlichen Thurmwächters bekleidet. Ihr wißt, wir haben von den Barbaresken längs dieser ganzen Küste viel zu fürchten, und letzten Sommer, als der Friede mit Frankreich die Engländer ferne hielt – ich weiß nicht, wie es kommt, Signori, aber es heißt, die Barbaresken seien immer gegen Englands Feinde am kühnsten – also letzten Sommer hatte das Schiff eines solchen Seeräubers meinen Oheim und mich ergriffen und führte uns schon in die Gefangenschaft ab, als uns ein Franzmann mit seinem Lugger wieder befreite. Seit jener Zeit wurden wir Freunde, und der neue Freund hat oft in der Nähe unserer Thürme verweilt, um uns zu besuchen. Heute fanden wir ihn in einem Boote neben dem englischen Admiralschiff, und als alter Bekannter übernahm er es, uns nach der sorrentinischen Küste zu bringen, wo wir uns derzeit bei meiner Mutter Schwester aufhalten.«

Diese ganze Erzählung war so natürlich, daß sie den Zuhörern unwillkürlich auch die Ueberzeugung von ihrer Wahrheit einflößte, und als Griffin die Geschichte übersetzt hatte, unterließ er nicht, seinen Vorgesetzten zu versichern, daß er sich selbst für die Genauigkeit der Angabe verbürgen wolle.

»Ja, ja, Griffin, wenn sich's um hübsche Mädchen handelt, da seid ihr jungen Herren niemals säumig mit euren Gelübden,« gab Cuffe zur Antwort. »Das Mädchen sieht übrigens ganz anständig aus und – was nach der Gesellschaft, in der sie sich befindet, noch weit außergewöhnlicher erscheint – sie kommt mir auch sehr züchtig vor. Sagt ihr nur, sie solle sich nicht grämen, wenn wir uns auch nicht sogleich des Vergnügens ihrer Gesellschaft berauben können. Sie soll bis morgen früh das Backbord-Staatszimmer meiner Kajüte eingeräumt erhalten, wo sie mit ihrem Oheim um ein Gutes behaglicher wohnen wird, als in einem ihrer neapolitanischen Krähennester ohne Thüren und Fenster. Monte Argentaro – aha! Das ist ein Hügel gerade oberhalb der römischen Küste, und tüchtig mit Thürmen ist er besetzt – wenigstens ein halbes Dutzend auf eben so viele Meilen; und wer weiß, der Irrwisch wird einmal an einem schönen Morgen doch erlöschen, wenn wir ihn jetzt auch nicht in unsern Besitz bekommen sollten.«

»Letzteres kann uns kaum fehlschlagen, Kapitän Cuffe, da wir seinen Kommandanten bereits in Händen haben.«

Sofort wurden wegen des Unterbringens der Gefangenen die nöthigen Befehle gegeben und das Boot einstweilen auf dem Verdeck gelassen. Raoul wurde in einem der kleineren Staatszimmer eingeschlossen: alle Waffen, sogar bis auf ein Rasirmesser, ihm abgenommen und eine Schildwache vor die Thüre gestellt.

Aus solchem Gewahrsam zu entwischen, war unmöglich, und als man von der Wahrscheinlichkeit einer Selbstentleibung sprach, hatte Cuffe ruhig bemerkt:

»Der arme Teufel – gehängt muß er einmal doch werden, und wenn er die Strafe an sich selbst vollzieht, so erspart er uns das Unangenehme, einen solchen Auftritt an unserem Bord zu haben. Ich fürchte, Nelson wird ihn doch an unserem Vorderraa-Arm als Leesegelfallblock aufknüpfen lassen! Ich sehe nicht ein, warum er nicht ebensogut eine neapolitanische Fregatte zu diesem Zwecke verwenden könnte – sonst sind sie ohnedieß zu nichts nütze.«

»Ich glaube eher, Kapitän Cuffe, er wird am Bord seines eigenen Luggers baumeln, wenn wir so glücklich sein sollten, denselben einzufangen,« gab der Lieutenant zur Antwort.

»Bei St. Georg, Ihr habt recht, Griffin, und das ist ein weiterer Grund, warum wir uns scharf nach dem Few-Folly umsehen müssen. Wie viel besser wäre es doch gewesen, wenn wir sie Alle mit einander drüben beim Golo verbrannt hätten!«

Sofort erfolgte die erwähnte Anordnung, wonach der Gefangene in der Konstabelkammer eingesperrt wurde. Ghita führte man mit ihrem Oheim in das leere Staatszimmer der Kajüte, wohin zum Nachtlager für Beide einige Matrazen geschafft wurden.

Jetzt zog sich der Kapitän mit seinen beiden Gästen in die Hinterkajüte zurück, wohin Griffin zu folgen eingeladen wurde. Erst dort erinnerte sich der Kapitän, daß noch ein viertes Individuum auf dem Boote gewesen war, und er schickte Befehl auf's Verdeck, den Fremden in's Verhör herab zu bringen.

Ithuel hatte sich, sobald er bemerkte, daß die Aufmerksamkeit der Offiziere auf Ghita und ihren Oheim gerichtet war, zu seiner eigenen Jolle zurückgeschlichen, und sich daselbst der Länge nach, scheinbar schlafend, eigentlich aber in der Absicht auf den Boden gelegt, um dem Feinde ›aus den Augen‹ und somit auch ›aus dem Gedächtnisse‹ zu bleiben; dabei behielt er sich immer noch vor, wenn das Schiff dem Lande nahe genug käme, um ein glückliches Entkommen hoffen zu dürfen – nachdem der Mond hinabgegangen wäre, über Bord zu springen. – In dieser Lage wurde er angetroffen, von seinem Lager aufgerissen und in die Kajüte geführt.

Wir haben schon oben erwähnt, daß Ithuel sich geweigert hatte, sich ohne Verkleidung in die Nähe der Proserpina zu wagen. Raoul aber war mit allen Erfordernissen einer Vermummung wohl versehen, und so hatte man ihm seine eigenen glatten, röthlichen Haare mit einer schwarzen Lockenperücke bedeckt, Bart und Augenbrauen gefärbt, und die Verkleidung dadurch vollendet, daß man ihn in die Kleidung oder vielmehr Nichtkleidung eines neapolitanischen Seemannes steckte.

Das größte Hinderniß bei dieser Anordnung war ein gewisser Haarzopf gewesen, welchen Ithuel gewöhnlich in einer zusammengenähten Aalhaut trug: beide, ›Haarzopf sowohl als Aalhaut‹, waren ihm als Reliquien einer besseren Zeit theuer. Einmal in der Woche wurde der Zopf aufgebunden und gekämmt; die ganze übrige Zeit hindurch bildete er eine solide, zwei Fuß lange Masse, die fast so dick, wie ein zollbreites Tau und beinahe eben so hart wie dieses war. Nun hatte der Zopf kaum eine Stunde zuvor, ehe Raoul seine Absicht, in der Jolle nach Neapel zu gehen, ankündigte – seine wöchentliche Kämmung überstanden, und es wäre eine Neuerung an dem einzigen Gegenstande, welchen Ithuel mit Ehrfurcht behandelte, gewesen, wenn er das angefangene Werk bis zum Schlusse der nächsten Woche verschoben hätte. Deßhalb wurde der Zopf unter der Perücke untergebracht, so gut deren Gestalt und Festigkeit dieß erlauben wollte.

Ithuel wurde in der Vorkajüte allein gelassen und seine Ankunft an Kapitän Cuffe gemeldet.

»Es ist ohne Zweifel irgend ein armer Teufel von der Bemannung des Few-Folly,« bemerkte der englische Kapitän in mitleidigem Tone; »und wir können kaum daran denken, ihn aufzuknüpfen; da er höchst wahrscheinlich nur dem Befehle eines Andern gehorchte. Das dürfte nicht wohl geschehen, Griffin; so wollen wir also hinausgehen, sein Logbuch auf französisch überlesen und ihn mit der ersten Retourgelegenheit auf ein Gefangenenschiff nach England schicken.«

Mit diesen Worten verließen die Vier die Hinterkajüte und standen alsbald vor ihrem neuen Gefangenen.

Natürlich verstand Ithuel Alles, was englisch gesprochen wurde, und darum fühlte er schon bei dem bloßen Gedanken, daß er auf französisch vernommen werden sollte, einen kalten Schweiß über sich ausbrechen. In dieser Noth fiel ihm plötzlich bei, daß er wohl am sichersten wäre, wenn er sich taub stellte.

» Écoutez, mon ami,« begann Griffin in einem für einen Engländer sehr erträglichen Französisch; – »du darfst mir blos die Wahrheit sagen, dann wird die Sache desto besser für dich ausfallen. Du gehörst natürlich zu den Feu-Follet?«

Ithuel schüttelte verdrießlich mit dem Kopf und suchte einen Laut auszustoßen, der seine Taubheit andeuten sollte, indem er mit vieler Mühe das Wort ›Napoli‹ herauspreßte.

»Was ist's mit dem Burschen, Griffin?« fragte Cuffe. »Ist es möglich, daß er kein Französisch verstehen sollte! Versucht's einmal auf italienisch, und laßt uns hören, was er dazu sagt.«

Griffin wiederholte so ziemlich das Nämliche, was er vorhin gesagt, auf italienisch, und erhielt dieselbe Antwort abermals vorgegackst.

Die Herren sahen einander verwundert an.

Zum Unglück für Ithuels Plan hatte dieser jedoch aus dem Granitstaate eine gewisse Geneigtheit, durch die Nase zu sprechen, mitgebracht; bei der Anstrengung nun, womit er seine Stimme unterdrückte, mußte er jenes Organ mehr als gewöhnlich in Anspruch nehmen, und brachte dadurch eine gewisse unangenehme Tonmischung hervor, die allen musikalischen Wohlklang, wie er in der Regel die italienischen Wörter charakterisirt, gänzlich zerstörte.

Nun war aber Andrea schon bei dem früheren Zusammentreffen in Benedetta's Weinhause diese Eigenthümlichkeit in der Stimme des Amerikaners aufgefallen, und da Raoul in seinen Gedanken stets eng mit dieser sonderbaren Person verknüpft war, so blitzte die eigentliche Wahrheit mit einem Male in ihm auf. Sein erster Erfolg an dem heutigen Abend hatte den Vicestatthalter kühner gemacht: ohne eine Sylbe zu äußern, ging er mit festen Schritten auf Ithuel zu, und schob die Perücke weg, so daß der in die Aalhaut eingepreßte Zopf, seine natürliche Lage annehmend, über den Rücken des Eigenthümers hinabwallte.

»Ha! – seht nur den Veechy!« rief Cuffe lachend; »Ihr grabt sie ja heute Nacht wie die Füchse aus dem Boden. Nun schaut einmal, Griffin – ich will mich gleich hängen lassen, wenn ich diesen Burschen nicht schon gesehen zu haben glaube! Ist's nicht Derselbe, den wir am Rad der Voltigeuse fanden, als wir jene Fregatte enterten?«

»Gott behüte, Kapitän Cuffe – nein, nein, Sir. Dieser Bursche ist gerade zweimal so lang, als jener Schlingel – und doch kommt das Gesicht auch mir bekannt vor. Wollt Ihr mir nicht erlauben, Sir, einen von den jungen Herren holen zu lassen; sie erinnern sich früher gesehener Gesichter besser als alle Andern auf dem Schiffe.«

Die Erlaubniß wurde ertheilt; des Kapitäns Hofmeister stieg auf das Verdeck, um Mr. Roller, einen der ältesten Kadeten, der, wie man wußte, eben die Wache hatte, in die Kajüte zu rufen.

»Betrachtet Euch einmal diesen Burschen, Mr. Roller,« begann Griffin, sobald sich der Junker eingefunden hatte – »und sagt uns, ob Ihr irgend Etwas aus ihm zu machen im Stande seid.«

»Das ist ja der Faullenzer, den wir kaum vorhin mit dem gelandeten Boote einhißten.«

»Allerdings – so ist's; wir meinen aber, sein Gesicht schon früher gesehen zu haben: könnt Ihr ihn vielleicht ausfindig machen?«

Roller bewegte sich nun im Kreise um den unbeweglichen Gegenstand all' dieser Bemerkungen, und auch ihn wollte es bedünken, als ob ihm der sonderbar aussehende Fremde nicht ganz unbekannt sei. Kaum hatte er aber den Zopf erblickt, als er mit einem kräftigen Schlag auf Ithuels Schulter in die Worte ausbrach:

»Du bist zum zweiten Mal willkommen, mein Junge; ich hoffe, du wirst deinen Posten droben eben so nach deinem Sinne finden, als er dir früher behagte. – Dieß ist Bolt, Kapitän Cuffe, einer unserer Vormarsgasten, der während unseres letzten Aufenthaltes in England davon lief, bald darauf aber eingefangen und auf ein Wachtschiff gesetzt wurde, von wo er, wie man uns berichtete, ein Boot entwendete, und mit zwei oder drei französischen Gefangenen, die eben damals einer Untersuchung wegen auf dem Schiffe waren, glücklich entkam. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, Mr. Griffin? – Ihr wißt wohl noch, daß der Bursche behauptete, er sei ein Amerikaner?«

Ithuel sah nun ein, daß er vollständig erkannt war, und hielt es für's Beste, sich in die Umstände zu fügen.

Cuffe's Miene verfinsterte sich, denn er war gewohnt, einen Deserteur mit einer Art standesmäßigen Abscheu's zu betrachten, – ein Gefühl, das sich bei dem gepreßten Deserteure, auf dessen Dienste England kein anderes Recht, als das des Stärkern geltend zu machen hatte – gerade deßhalb noch um ein Bedeutendes vermehrte, weil er innerlich wohl fühlte, daß man dem Manne durch den auferlegten Kriegsdienst überhaupt ein großes Unrecht angethan hatte. In dieser Denkweise liegt eben nichts Außergewöhnliches, denn unter solchen Umständen gehört es zu den üblichen Kunstgriffen des Menschen, daß er Vergehen ersinnt, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, indem er sich vorzuspiegeln sucht, das Opfer einer willkürlichen Handlung habe wenigstens die verhängte Strafe wirklich verdient.

»Wagst du's zu läugnen, Bursche, was dieser junge Herr so eben behauptete?« fragte der Kapitän. »Ich erinnere mich deiner jetzt ganz genau; du bist Bolt, der Vormarsgaste, der uns in Plymouth davonlief.«

»Ihr wäret ebenfalls davon gelaufen, Kapitän Cuffe, wenn Ihr Euch an meiner Stelle befunden hättet, und wäre das Schiff selbst in Jericho gewesen.«

»Genug – keine Unverschämtheit, Sir. Laßt den Profoß herbeiholen, Mr. Griffin, und den Burschen in Ketten legen; morgen wollen wir die Sache näher untersuchen.«

Diese Befehle wurden befolgt: man brachte Ithuel dahin, wo der Profoß des Schiffes zu residiren pflegte.

Cuffe entließ sofort den Lieutenant, und zog sich in die innere Kajüte zurück, um eine Depesche an den Contreadmiral vorzubereiten. Er brauchte beinahe eine Stunde, bis er den Bericht nach seinem Sinne abgefaßt hatte: endlich war er glücklich damit zu Stande gekommen. Der Inhalt seines Schreibens war kurz folgender:

Er berichtete Raouls Gefangennehmung, und erklärte die Art und Weise, wie dieser berühmte Kapersmann in ihre Hände gefallen war. Er bat sodann um Verhaltungsmaßregeln darüber, was er mit seinem Gefangenen anfangen solle. Nach Mittheilung dieser wichtigen Thatsache wagte er, einige Vermuthungen über die wahrscheinliche Nähe des Luggers, so wie seine Hoffnung auszudrücken, daß er mit Hilfe Bolts, dessen Lage er ebenfalls erklärte, im Stande sein würde, die wirkliche Stellung des feindlichen Schiffes ausfindig zu machen, wobei er zu gleicher Zeit auf die alsbaldige Vernehmung der beiden Gefangenen als auf das sicherste Mittel hindeutete, wie man sie zur Habhaftwerdung des Irrwisches am Nützlichsten verwenden könnte. Das Schreiben schloß mit dem dringenden Gesuche, daß eine weitere Fregatte (die er namentlich bezeichnete, und deren Kapitän jünger als er selbst war), nebst einer schnellsegelnden Schaluppe, welche vor Neapel vor Anker lag, zu seinem Beistande herbeigesendet werden möchte, um dem Irrwische ›den Rang abzulaufen‹, da er fürchtete, daß der Lugger, besonders bei dem vorherrschenden schwachen Winde, für die Proserpina allein zu schnell segeln dürfte.

Nachdem dieser Brief geschrieben, adressirt und gesiegelt war, begab sich Cuffe abermals auf das Verdeck.

Es war neun Uhr Abends und Winchester hatte das Quarterdeck fast ganz allein inne. Auf dem Verdecke der schönen Fregatte herrschte eine Ruhe, eine Stille, wie man sie sich in einer Mondscheinnacht, bei schläfrigem Wachen, leichtem Wind, glattem Wasserspiegel und in einem Golfe wie der von Neapel – nur immer denken kann. Ueber dem Vesuve sah man von Zeit zu Zeit Feuerfunken aufsprühen, doch war in jener Richtung Alles in einen geheimnißvollen Dunst gehüllt; nur Capri stieg, dunkel und groß, wenige Meilen leewärts aus der See empor, und Ischia war als eine ferne, wirre Masse am Leebug sichtbar.

Ein Wort von Cuffe aber setzte plötzlich Alles in Bewegung. Raa- und Stagtakeln wurden überhalt und eingehakt, der Hochbootsmannsmate pfiff seine Signale und der ›erste Kutter‹ wurde über die Kuhl gehißt und in's Wasser hinabgelassen.

»Auf da, ihr Leute vom ersten Kutter« – so hatte ein heiseres Kommando von dem Quarterdeck herübergerufen, und kaum war das Boot im Wasser, als die Mannschaft auch schon bereit war, in dasselbe zu steigen. Masten wurden auf dem Kutter eingesetzt; Roller erschien in einer wollenen Jacke, um sich gegen die Nachtluft zu wahren, und Cuffe ertheilte ihm seine Instruction.

»Setzt Eure Segel ein, Mr. Roller, und steuert unter dem nördlichen Ufer hin,« sprach der Kapitän – er stand nämlich auf der Laufplanke am Leebord, um noch seine letzten Befehle zu ertheilen. »Ihr werdet ungefähr bei König Johanns Palaste einlaufen: dort würdet Ihr besser thun, Eure Ruder zu ergreifen und an dem Lande aufwärts zu fahren. Vergeßt nicht, Sir, mit dem ersten Schiffe, das ausläuft, zu uns zu stoßen: wird keines abgeschickt, so macht Ihr Euch wieder mit der Morgenbrise in Eurem Boote auf den Weg.«

Roller antwortete mit dem üblichen »Ja, ja, Sir«, und das Boot stieß ab. Sobald es die Leeseite der Fregatte hinter sich hatte, wurde das Eversegel eingesetzt, und eine halbe Stunde später war dasselbe von der nächtlichen Brise angeschwellt. Cuffe blieb noch eine Stunde länger, und ging mit seinem ersten Lieutenant auf dem Verdecke hin und her; nachdem er sich von dem günstigen Stande des Wetters überzeugt hatte, verfügte er sich in seine Kajüte mit dem Befehl, das Schiff bis zum Morgen ›beiliegen‹ zu lassen.

Roller erreichte den Foudroyant eben in dem Augenblick, als die Glocken auf der Flotte acht Uhr schlugen, d. h. um Mitternacht Auf Schiffen wird die Zeiteinteilung von der vierten Nachmittagsstunde an gerechnet. Zu derselben Zeit beginnen auch die Schiffswachen, deren jede vier Stunden dauert, so daß sechs solcher Wachen den Tag über sich ablösen. Sie haben verschiedene Namen und heißen: von Mittags 12-4 Uhr die Nachmittagswache, von 4-8 Uhr der Plattfuß, von 8-12 Uhr Nachts, die erste Wache, von 12-4 Uhr Hundswache, von 4-8 Uhr Morgenwache und von 8-12 Uhr Vormittagswache.
D. U.
. Nelson war noch auf und in seiner Kajüte mit Schreiben beschäftigt. Die Depesche wurde überliefert: der Admiral ließ augenblicklich seinen Sekretär und zwei Schreiber wecken, denn Alles, was dieser rührige, entschlossene Mann unternahm, ging rasch und munter von Statten. Befehle wurden geschrieben, kopirt, gesiegelt und um zwei Uhr Nachts auf verschiedene Schiffe gesendet, damit die Morgenbrise nicht verloren gehen möchte – und dann erst durfte das Kanzleipersonal wieder an Ruhe denken.

Um zwei Uhr Nachts verließ Roller das Flaggenschiff, nachdem er in Nelsons eigener Kajüte ein herzhaftes Mahl zu sich genommen, und begab sich an Bord der Terpsichore, einer niedlichen, kleinen Fregatte von zweiunddreißig Kanonen, Zwölfpfündern, wohin er den Befehl zu seiner eigenen Aufnahme zu bringen hatte. Zwei Stunden später brach dieses Schiff in Begleitung eines noch kleineren Fahrzeugs, der Ringeltaube, von achtzehn Kanonen von seinem Ankerplatze auf. Unter einer Wolke von Leinwand steuerten beide mit Leesegeln auf jeder Seite, bei leichtem Nordwestwinde, den Golf hinab in der Richtung gegen Capri.

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