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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Fünfzehntes Kapitel

O schlumm're, Kind, so traurig – fern vom Strand,
Des Wassers Murmeln mag in Schlaf dich wiegen:
Sein Arm wird dich nicht stützen, deine Hand
Wird nicht mehr kosend auf der Stirn ihm liegen.
Fern ist er, kann dir nicht mehr weh thun, dich nicht retten:
Die Erde ist sein Grab – du mußt im Meer dich betten.

Dana.

 

Einen ganzen langen Sommerabend blieb Francesco Caraccioli's Leichnam an der Fockraa der Minerva aufgehängt – ein empörender Anblick für seine Landsleute, so wie für die meisten Fremden, welche Zeugen seines Endes gewesen waren. Dann legte man ihn in ein Boot, beschwerte die Füße mit Doppelkugeln, worauf er ungefähr eine Meile weit in den Golf hinaus geführt und in die See geworfen wurde.

Die schauderhafte Art, wie er vierzehn Tage später über dem Wasserspiegel erschien und seine Henker zur Rechenschaft zu fordern schien, ist als historisches Factum bekannt, und wird noch heutiges Tags von dem unwissenden, wunderliebenden Publikum jenes Landes als Mirakel erzählt So sonderbar dieser Umstand überhaupt war, und so peinlich er für die bei Caraccioli's Tode Betheiligten sein mußte, so war er doch nur die ganz einfache Folge sehr natürlicher Ursachen. Jeder animalische Stoff schwillt vor der Verwesung im Wasser auf. Ein Körper, der auf diese Art doppelt so groß als früher geworden, nimmt natürlich den doppelten Raum der sonstigen Wassermasse ein, während sich das Gewicht gegen früher nicht verändert [Hierin täuscht sich der Verfasser etwas weniges, da das Gewicht des den Körper aufschwellenden Wassers nothwendig zu dessen Schwere gerechnet werden muß, dagegen die übrigen Körpertheile vermöge des sogleich eintretenden Zersetzungsprozesses nach 14 Tagen bedeutend an Gewicht verloren haben.
D. U.]. Der menschliche Körper schwimmt in seinem natürlichen Zustande meistens so lange, als seine Lungen mit Luft erfüllt sind, und so könnte also ein solcher gerade so viel Gewicht mit sich heraufziehen, als der Unterschied zwischen seiner Schwere und jener der verdrängten Wassermasse beträgt. Caraccioli's aufrechte Stellung kam von den Kugeln her, die an seine Füße angebunden waren, und von denen sich wahrscheinlich einige nach und nach losgemacht hatten.
.

Ghita verschwand, man wußte nicht wie, denn Vito Viti und seine Gesellschafter wurden durch die eben geschilderte Scene viel zu sehr in Anspruch genommen, um zu bemerken, wie Raoul seine Geliebte voll zarter Schonung einem Schauspiele entzog, das für ein Mädchen in ihrer Lage so schauderhaft sein mußte.

Cuffe selbst verweilte nur noch wenige Minuten, und befahl dann seiner Bootsmannschaft, ihn nach der Proserpina hinzurudern.

Eine halbe Stunde, nachdem die Execution vorüber war, stand diese Fregatte auf und nieder, und dann steuerte sie, von einem leichten Winde getrieben und vom Flaggenknopf bis zu den Hängemattentüchern in Leinwand gehüllt, zum Golfe hinaus.

Wir wollen sie übrigens für einen Augenblick verlassen, um zu der Gesellschaft auf der Barke zurückzukehren.

Carlo Giuntotardi und Ghita Caraccioli – denn so müssen wir fortfahren, das Mädchen zu heißen, trotzdem, daß der Name viel zu berühmt ist, um von einem Wesen in so untergeordneter Lebensstellung getragen zu werden – hatten beim Aufsuchen des unglücklichen Admirals keine andere Absicht gehabt, als das zu thun, was jedes von Beiden für seine Pflicht hielt. Sobald Caraccioli's Schicksal entschieden war, kehrten Beide wieder willig in ihr früheres Leben zurück: nicht daß sie sich geschämt hätten, ihre Verwandtschaft mit dem Todten einzugestehen – sondern weil jener weltliche Ehrgeiz ihnen gänzlich fremd war, welcher als nothwendige Erfordernisse des Glücks Rang und Vermögen anspricht.

Als Raoul das Gewimmel der Boote verließ, ruderte er gegen die Felsen in der Nähe der Gärten von Portici, welche dort das Gestade begränzen. Dieser Punkt war von dem gewöhnlichen Ankerplatze so weit entlegen, daß man vor Beobachtung sicher sein durfte und doch noch so nahe, daß man ihn in weniger als einer Stunde erreichen konnte.

Je weiter das leichte Boot gegen die Küste vordrang, desto mehr gewann Ghita ihre Fassung wieder. Sie trocknete ihre Thränen und schaute sich verwundert um, als ob sie fragen wollte, wohin ihr Freund sie zu führen gedenke.

»Ich will dich nicht fragen, Raoul, warum du in diesem Augenblicke hier bist, noch woher du gekommen,« begann sie endlich; »aber darnach darf ich mich wohl erkundigen, wohin du uns jetzt eben führen willst? Unsere Heimath ist in St. Agata auf den Höhen oberhalb Sorrento an der andern Seite des Golfes. Jedes Jahr gehen wir dorthin, um einen Monat bei der Schwester meiner Mutter zuzubringen, welche dieß von unserer Liebe dringend verlangt.«

»Wenn ich das Alles nicht schon wüßte, Ghita, so würde und könnte ich nicht hier sein. Ich habe das Landhäuschen deiner Tante noch heute heimgesucht, bin dir nach Neapel gefolgt, hörte von der Untersuchung und Verurtheilung des Admirals, und begriff recht wohl, wie diese Nachricht dein Herz ergreifen mußte; ich verfolgte deine Spur bis zu dem englischen Admiralschiffe, und erwartete dich vor der Minerva, wo du mich auch gefunden hast, nachdem ich den Mann, der dich herübergerudert, zuvor glücklich fortgebracht. Das Alles hat sich, so natürlich gefügt, wie das Gefühl, das mich veranlaßte, mich noch einmal in des Löwen Rachen zu wagen.«

»Der Krug geht so lange zum Brunnen, Raoul, bis er endlich bricht,« sprach Ghita einigermaßen im Tone des Vorwurfs, obgleich sie unmöglich verhindern konnte, daß ihre Zärtlichkeit dennoch aus ihren Worten herausklang.

»Du weißt Alles, Ghita. Nach mondenlanger Beharrlichkeit und einer Liebe, wie sie wohl selten ein Mann gefühlt, hast du dich kalt und bestimmt geweigert, mein Weib zu werden – hast den Monte Argentaro ausdrücklich deßhalb verlassen, um meiner Zudringlichkeit überhoben zu werden, denn dorthin konnte ich jeden Augenblick mit meinem Lugger gelangen – und hast dich hieher nach diesem Golfe gewendet, wo es von Engländern und anderen Feinden Frankreichs wimmelt, weil du dir einbildetest, ich würde mich nicht hinein wagen. – Gut; du siehst nun, mit welchem Erfolg: denn weder Nelson noch seine Zweidecker, so geschickt und siegreich sie auch sein mögen, können Raoul Yvard von dem Weibe, das er liebt, zurückhalten.«

Der Fährmann hatte das Rudern eingestellt, um seinen Gefühlen auf diese Art Luft zu machen. Beide Theile beachteten Carlo Giuntotardi's Anwesenheit nicht mehr, als ob er ein Stück ihres eigenen Ich's gewesen wäre. Diese Gleichgültigkeit gegen die Thatsache, daß eine dritte Person den Zuhörer bildete, war bei ihnen zur Gewohnheit geworden, denn der würdige Gelehrte und Religionseiferer zeigte sich in der Regel viel zu zerstreut, als daß er so geringfügige Dinge, wie Liebe und jugendliche Neigung, beachtet hätte.

Ghita fühlte sich weder durch die Vorwürfe noch durch die Hartnäckigkeit ihres Geliebten überrascht; ihr Gewissen sagte ihr, daß er nur die Wahrheit sprach, wenn er ihrer neulichen Wohnungsveränderung, wozu sie ihren Oheim bewogen hatte, die angeführten Gründe unterstellte: sie hatte allerdings aus Pflichtgefühl die Thürme verlassen, doch hatte ihre List nicht so viel über sie vermocht, um einen anderen Aufenthaltsort, als den zu wählen, welchen sie von Zeit zu Zeit zu bewohnen gewöhnt war, und den Raoul aus ihren eigenen unschuldigen Erzählungen fast eben so gut, wie sie selbst kannte.

»Ich kann nicht mehr sagen, als ich bereits gesagt habe,« gab das Mädchen nachdenklich zur Antwort, als Raoul wieder zu rudern angefangen hatte. »Es ist auf jeden Fall besser, wenn wir uns trennen. Ich kann mein Vaterland nicht ändern, und ebensowenig kannst du die glorreiche Republik verlassen, auf welche du so stolz bist. Ich bin eine Italienerin, du bist Franzose, und was noch weit mehr ist – ich verehre meinen Gott, während du den neuen Meinungen deiner eigenen Nation anhängst. Hier sind doch gewiß Gründe genug zur Trennung, so günstig und liebevoll wir auch sonst im Allgemeinen von einander denken mögen.«

»Sprich mir nie mehr von dem Herzen eines italienischen Mädchens, und wie sie so bereitwillig sei, mit dem Manne ihrer Wahl bis an der Welt Ende zu fliehen!« rief Raoul in bitterem Tone. »Tausend Mädchen könnte ich in Languedoc auffinden, die lieber jedes Jahr die ganze Erde umsegeln, als sich nur einen Tag von den Seemännern trennen würden, welche sie sich zum Gatten erlesen.«

»Dann darfst du dich ja nur unter den Mädchen von Languedoc nach einem Weibe umsehen,« antwortete Ghita mit einem melancholischen Lächeln, das ihre Worte gänzlich Lügen strafte. »Es ist besser, Raoul, wenn du ein Mädchen deines Volkes und deines Glaubens wählst, als daß du dein Glück mit einer Fremden versuchst, welche deinen Erwartungen nicht einmal entsprechen könnte, wenn du sie erst näher kennen gelernt hättest.«

»Wir wollen jetzt nicht weiter davon sprechen, theuerste Ghita: meine erste Sorge muß die sein, dich nach dem Hause deiner Tante zurückzuführen – wenn du anders nicht vorziehst, dich abermals auf dem Irrwische einzuschiffen und nach den Thürmen zurückzukehren.«

»Dem Irrwisch! – er ist doch nicht hier, mitten unter einer feindlichen Flotte! – Bedenke, Raoul, daß deine Leute sich endlich beklagen werden, wenn du sie fortwährend deinen eigenen Wünschen zu Liebe solchen Gefahren aussetzest!«

» Peste! – Ich weiß sie durch reiche Prisen in guter Laune zu erhalten. Sie sind glücklich gewesen, und das, was jenen Nelson dort populär macht und zum großen Manne erhebt, macht auch Raoul Yvard nach seinem eigenen kleineren Maaßstabe populär und zum großen Manne. Meine Mannschaft ist gerade wie ihr Kapitän – sie liebt die Abenteuer, und ebenso den Sieg.«

»Ich kann den Lugger nicht sehen: unter diesen hundert Schiffen entdecke ich keine Spur von dem deinigen!«

»Der Golf von Neapel ist weit, Ghita,« erwiederte Raoul lachend, »und der Irrwisch nimmt nur wenig Raum ein. Sieh – sogar jene Linienschiffe erscheinen klein, verglichen mit diesem weiten Golfe und jenen stolzen Gebirgen: du kannst also nicht erwarten, daß mein unscheinbarer Lugger sich großartig ausnehme. Wir sind klein, meine Ghita, wenn nicht gar unbedeutend!«

»Aber Raoul, wo so viele wachsame Augen sind, ist auch immer Gefahr vorhanden. Ueberdieß ist ein Lugger, wie du mir selbst gestanden, ein ungewöhnliches Fahrzeug.«

»Hier nicht, unter all' diesen Fahrzeugen aus der Levante. So oft ich unbemerkt zu bleiben wünsche, habe ich noch immer gefunden, daß es am besten war, wenn ich mich unter die Menge mischte, denn nur wer auf dem Dorfe wohnt, hat stets Aller Augen auf sich gerichtet. Doch von diesen Dingen wollen wir sprechen, wenn wir allein sind, Ghita – jener Fischer macht sich schon bereit, uns einzunehmen.«

Mittlerweile war die Barke dem Ufer nahe gekommen, wo eine kleine Jolle mit einem einzigen Fischersmanne vor Anker lag. Derselbe beobachtete sie genau, während sie näher kamen; als er Raoul erkannte, zog er seine Netze ein, und schickte sich an, seinen kleinen Anker aufzuwinden.

In wenigen Minuten lagen die beiden Fahrzeuge dicht neben einander, und jetzt erst konnte Ghita nicht ohne Schwierigkeit – Dank seiner sehr sorgfältigen Verkleidung, in dem andern Manne – Ithuel Bolt erkennen. Wenige Worte genügten, um den Amerikaner, soweit es nöthig war, mit den obwaltenden Umständen bekannt zu machen; dann trafen Alle die erforderlichen Vorkehrungen zur Abfahrt.

Die Barke, welche Raoul am Ufer getroffen und, ohne lange zu fragen, auch sogleich benützt hatte, wurde in der vollen Erwartung verankert, daß der wahre Eigenthümer sie eines Tags schon wieder auffinden würde; ihre Ladung aber wurde auf die Jolle versetzt, welche zu dem Lugger selbst gehörte. Letztere war ein kleines, leicht zu regierendes Boot von bewundernswürdiger Bauart, und ganz zum Seedienst geschaffen: überdieß erforderte sie nur zwei tüchtige Ruder, deren eines Raoul zu führen übernahm, während Ithuel das andere handhabte.

Fünf Minuten später stieß die Gesellschaft abermals vom Lande ab, und steuerte in der stätigen, raschen Bewegung von Schiffsleuten, welche an das Rudern gewöhnt sind, quer über den Golf und in gerader Linie auf das südliche Kap zu.

Es gibt wenige Gegenden der See, wo ein einzelnes Schiff oder Boot weniger Beachtung findet, als eben der Golf von Neapel. Dieß gilt für alle Jahres- und Tageszeiten, denn die großartige Pracht, womit die Natur dieses Panorama ausgestattet hat, läßt gewöhnliche Gegenstände vergleichungsweise unbedeutend erscheinen, und das ewig rührige Leben einer vollen Million von Einwohnern, welche an diesem fruchtbaren Gestade zusammengedrängt sind, bedeckt die Bai nach allen Richtungen hin mit Booten, gerade wie die Straßen einer Stadt mit Fußgängern angefüllt sind.

Die gegenwärtige Veranlassung besonders mußte vollends Alles in Bewegung bringen, und Raoul hatte ganz richtig geurtheilt, wenn er glaubte, daß er bei einer solchen Scene wahrscheinlich weit weniger als auf einem kleineren und unbesuchteren Schauplatze beobachtet werden würde. Natürlich mußten sie in der Nähe des Molo, als des gemeinschaftlichen Ankerplatzes, mitten durch die wogende Menge passiren; nachdem sie aber einmal das Getümmel hinter sich hatten, wurde es ihnen bei der Größe des Golfes ganz leicht, ohne auffallende Vorsicht jedes unangenehme Zusammentreffen zu vermeiden; denn in welcher Richtung ein Boot auch hinsteuern mochte, so war dieß etwas zu Gewöhnliches, als daß es Verdacht hätte erregen können. Man würde ebensowenig daran gedacht haben, selbst in der Mitte des geräumigen Golfes ein Fahrzeug anzuhalten und auszufragen, als man sich einfallen ließe, einen Fremden auf offenem Marktplatze zu Rede zu stellen.

Dieß Alles wußten Raoul und Ithuel recht gut; darum war es auch Beiden, nachdem die Jolle einmal in Bewegung war, so wohl und sicher zu Muth, wie's ihnen die vier bis fünf Stunden zuvor nicht immer gewesen war.

Die Sonne stand jetzt bereits ziemlich tief: doch konnte man noch immer, wie Raoul bemerkte, einen dunkeln Punkt am Vorderraa-Arm der Minerva hin- und herbaumeln sehen – ein Umstand, welchen der junge Mann aus zarter Schonung sich wohl zu äußern hütete. Die Proserpina war schon seit einiger Zeit in Bewegung und hatte die Flotte unter einer Wolke von Segeln verlassen; doch war der Wind so schwach, daß die Jolle, obwohl der Schnabel von beiden Fahrzeugen in ein und derselben Richtung lag, das größere füglich überholen konnte.

So zogen sie hin, Meile für Meile, bis die Dunkelheit über ihnen hereinbrach. Doch kam der Mond, und ließ die Bai zwar weniger deutlich, aber kaum geheimnißvoller oder lieblicher erscheinen, als sie sich bei dem kräftigeren Lichte des Tages zu zeigen pflegte.

In der That macht der Golf von Neapel gerade in diesem besonderen Punkte eine Ausnahme von der allgemeinen Regel, denn die Ausdehnung seiner Ufer, die Höhe der Gebirge, die schöne Klarheit des Wassers – das die tiefe Färbung des großen Meeres auch auf der Rhede beibehält – die Weichheit der Atmosphäre – dieß Alles verleiht ihm schon bei Tag jene sanften, träumerischen Reize, welche andere Landschaften von den Täuschungen der Nacht und von dem milderen Glanze eines secundären Gestirns zu borgen genöthigt sind.

Raoul hielt nicht für nöthig, sich bei seinem Rudern sonderlich anzustrengen, und da er hinten saß, so mußte sich sein Kamerad nach seiner eigenen Bewegung bequemen. Es war so köstlich, Ghita auf seinem Elemente bei sich zu haben, daß er sich niemals beeilte, so lange er nur ihre Gesellschaft genießen konnte. Das Gespräch war, wie man sich leicht denken kann, nicht sehr lebendig, und dennoch klang die tiefe Melancholie in Ghita's Stimme, wenn sie hin und wieder eine eigene Bemerkung machte oder eine seiner Fragen beantwortete, seinem Ohre weit süßer als die Klänge der Musikbanden auf den Schiffen, welche eben um diese Zeit zu ihnen über's Wasser herüberwehten.

Mit dem Vorrücken des Abends wurde die Landbrise stärker, und die Proserpina kam dem Boote allmählig wieder näher. Als letzteres ungefähr zwei Drittheile des Golfes zurückgelegt hatte, wurde die Fregatte von einem stärkeren Luftstrome erfaßt, der quer über die Campagne zwischen dem Vesuv und den Bergen hinter Castellamare hervorwehte, und pfeilschnell eilte sie jetzt dahin. Ihre Segel waren alle, wie die Seeleute zu sagen pflegen, eingeschlafen, d. h. sie waren auswärts geschwellt, ohne zusammenzuklappen, und das Schiff segelte mit einer Geschwindigkeit von fünf bis sechs Meilen auf die Stunde.

Dieß brachte sie Hand über Hand, wie man's nennt, in das Fahrwasser des Bootes, und Ghita stellte auf Raouls Bitte das Steuer seitwärts, um dem riesigen Rumpfe, der sich ihnen näherte, aus dem Wege zu gehen. Fast schien es, als ob das Schiff absichtlich so nahe herankäme, denn es gierte auf eine Art nach der Jolle hin, daß das furchtsame Mädchen am Steuer die Ruderpinne voll Schrecken fahren ließ.

»Fürchtet nichts,« rief ihnen Griffin auf italienisch zu – »wir wollen euch ein Tau anbieten. Haltet still und faßt die Leine – jetzt nur hinaus damit.«

Ein schmales Tau ward ausgeworfen, und da es gerade auf Ithuels Kopf herabfiel, so konnte dieser wohl nicht weniger thun, als es ergreifen. Bei all' seinem Abscheu gegen die Engländer überhaupt und gegen dieses Schiff insbesondere, besaß unser Allerweltspraktikus gleichwohl die ganze Vorliebe seiner Landsleute, sich eine Arbeit zu ersparen, und dachte, es müßte doch nicht so übel sein, wenn er das Anerbieten annähme und ein Königliches Schiff einem feindlichen Kapersmanne weiter helfen lasse. Mit der ihm eigenen Geschicklichkeit die Leine umschlingend, sah er die Jolle bald im Schlepptau der Fregatte; Raoul trat an das Steuerruder und gab dem Boote die nöthige Wendung, um es nicht dicht neben das Schiff gelangen zu lassen.

Die Veränderung war so plötzlich und so durchaus unerwartet, daß Ghita ihre Mißbilligung flüsternd zu erkennen gab, da sie befürchtete, dieser Wechsel könnte zu der Entdeckung des wahren Charakters ihrer Begleiter führen.

»Fürchte nichts, Theuerste,« antwortete Raoul; »sie können unmöglich ahnen, wer wir sind, und wir erfahren vielleicht in unserer nunmehrigen Lage irgend Etwas, was uns von Nutzen sein dürfte. Auf alle Fälle ist der Irrwisch in dem jetzigen Augenblick vor ihren Planen sicher.«

»Seid ihr Bootsleute aus Capri?« fragte Griffin, der mit Cuffe und den beiden Italienern auf dem Hackbord stand, indem der Kapitän die Fragen dictirte, die sein Lieutenant stellte.

» S'nore, si,« antwortete Raoul, indem er den Jargon jener Gegend, so gut er konnte, nachzuahmen und, seine tiefe, weichklingende Stimme verstellend, einen hohen, schrillenden Ton anzunehmen suchte; »Bootsleute aus Capri, die mit Wein nach Neapel kamen, und durch das Spektakel am Raa-Arm der Minerva länger als gewöhnlich aufgehalten wurden. Cospetto! die Signori dort drüben machen mit einem Prinzen nicht mehr Umstände, als wir auf unserem kleinen Eilande mit einer Wachtel, wenn ihre Zeit gekommen ist. – Verzeihe mir, theuerste Ghita; aber wir müssen ihnen Sand in die Augen streuen.«

»Hat sich nicht in den letzten vierundzwanzig Stunden ein fremdes Segel in der Nähe eurer Insel blicken lassen?«

»Der Golf wimmelt von fremden Segeln, S'nore – selbst die Türken statten uns ihren Besuch ab seit dieser letzten Geschichte mit den Franzosen.«

»Ja, aber die Türken sind nun eure Verbündete, wie wir Engländer auch. Habt ihr keine anderen Fremdlinge gesehen?«

»Man sagt, es sollen auch Schiffe aus dem hohen Norden vor der Stadt liegen, S'nore; Russen, glaub ich, heißt man sie.«

»Auch sie sind Alliirte – ich meine aber Feinde! Hat sich nicht innerhalb der letzten paar Tage ein Lugger in der Nähe eurer Insel sehen lassen – ein französischer Lugger?«

» Si, si – jetzt weiß ich, was Ihr meint, S'nore. Allerdings war ein Schiff, gerade so wie Ihr's erwähnt, vor unserer Insel; ich hab' es mit meinen eigenen Augen gesehen – si, si. Es war gestern Abend, so etwa um die dreiundzwanzigste Stunde – ein Lugger – wir Alle sagten, nach seinem gottlosen Aussehen müsse es ein Franzose sein.«

»Raoul!« sprach Ghita, als ob sie ihn wegen einer Unvorsichtigkeit tadeln wollte.

»Das ist der wahre Weg, sie hinter's Licht zu führen,« antwortete der junge Mann. »Sie haben ohne Zweifel von uns gehört, und wenn ich ihnen ein Stückchen Wahrheit offenherzig bekenne, so gibt mir dieß Gelegenheit, ihnen desto mehr Unwahrheit vorzuerzählen.«

»Ach! Raoul! es ist doch ein trauriges Leben, das die Unwahrheit so zur Nothwendigkeit macht!«

»So will's nun einmal die Kriegslist, meine Theuerste: ohne sie würden wir bald von diesen schurkischen Engländern überlistet werden. – Si, si, S'nori – das sagten wir Alle in Betreff seines Takelwerks und sonstigen Aussehens.«

»Wollt Ihr Euer Boot neben unser Schiff gieren, Freund, und zu uns an Bord kommen?« sagte Griffin. »Wir haben hier eine Dukate, die noch keinen Herrn hat; ich denke, sie wird Eurer Tasche so gut wie jeder andern anstehen. Wir wollen Euch vorn gegenüber der Fallreepstreppe einholen.«

»Ach, Raoul, laß dir doch eine so übereilte Handlung nicht einfallen!« flüsterte Ghita; »der Vicestatthalter oder der Podesta wird sich deiner erinnern, und dann ist Alles verloren!«

»Fürchte nichts, Ghita, meine gute Sache und ein bischen Witz werden mir schon durchhelfen – wogegen die geringste Zögerung uns gerade am sichersten ruiniren würde. Diese Engländer fragen zuerst – sagst du aber nein, dann nehmen sie Alles ungefragt. Corpo di Bacco! wer hörte auch jemals, daß ein Lazzarone eine Dukate ausgeschlagen hätte?«

Raoul flüsterte sodann Ithuel einige Worte zu, worauf er das Boot, das mittlerweile weit genug vorwärts gekommen war, dicht neben den Rumpf der Fregatte stellte, ein Laufstag ergriff und mit der Behendigkeit einer Katze an den Klampen emporkletterte.

Keine Seele am Bord dieser schönen Fregatte hatte auch nur die geringste Ahnung von dem wahren Charakter des Mannes, der jetzt so vertrauensvoll auf das Quarterdeck zuschritt. Der jugendliche Waghals selbst liebte die Aufregung eines solchen Abenteuers, und hoffte mit um so größerer Zuversicht, auch dießmal ungestraft zu entkommen, weil blos das Mondlicht die Scene erhellte. Auch warfen die Segel ihren Schatten auf das Verdeck, und dann waren die beiden Italiener, wie er aus Erfahrung wußte, in der Entdeckung eines Betrugs eben keine Hexenmeister.

Die Nachtwache wurde so eben ausgestellt: Winchester, der seinen Dienst wieder angetreten hatte, hielt das Sprachrohr in der Hand, und Griffin bekleidete vorderhand kein wichtigeres Amt, als das des Dolmetschers. Zwei oder drei Kadeten schlenderten in der Nähe des Quarterdecks herum; hie und da stand ein Matrose als Ausgucker auf den Fallen oder bei den Krahnbalken; zwanzig bis dreißig alte Seehunde gingen mit den Waffen unter'm Arm oder die Hände in ihre Jacken gesteckt auf den Laufplanken oder der Vorderschanze auf und ab, und ein scharfaugiger, flinker Quartiermeister stand neben dem Manne am Rad, um das Schiff unter Obhut zu behalten. Der Rest der Wachmannschaft hatte sich halb und halb schlafend, aber dennoch jedes Rufes gewärtig, zwischen den Spieren oder Kanonen einquartiert.

Cuffe stieg mit Griffin und den beiden Italienern vom Hackbord herab und erwartete die Ankunft des vermeintlichen Lazzarone oder Bootsmanns von Capri, wofür er jetzt gehalten wurde, nahe am Spiegel des Schiffes. Sie hatten unter sich ausgemacht, daß Vito Viti den Sprecher machen, und Griffin dem Kapitän Alles, was verhandelt wurde, alsbald mit halblauter Stimme übersetzen sollte.

»Nur hieher, mein Freund,« begann der Podesta in einem gütigen, nur etwas hochgehaltenen Protektorstone; »dieser edle und großmüthige englische Kapitän, Sir Kuhffe, ersuchte mich, dir hier eine Dukate zu schenken, zum Beweis, daß er nicht mehr von dir verlangt, als er auch zu bezahlen willig ist. Eine Dukate Eine neapolitanische Silberdukate hat den Werth von 80 Granis (nach unserem Gelde etwa eine halbe Krone): die Golddukate oder Zechine, wie sie in Italien, Holland, der Türkei u. s. w. kursirt, gilt etwas mehr als zwei amerikanische Dollars. – Raoul wurde eine silberne angeboten. ist, wie du weißt, ein schönes Stück Geld, und gute Bezahlung verdient auch gute Dienste.«

» S'nore, si. Eure Eccellenza spricht die Wahrheit; eine gute Dukate verdient ganz gewiß gute Dienste.«

» Bene. So sage also diesen Signori's Alles, was dir von besagtem Lugger bekannt ist; wo du ihn gesehen, wann du ihn gesehen, und was er vorhatte. Drücke dich aber auch deutlich aus, und erzähle uns immer blos eine Geschichte auf einmal.«

» S'nore, si. Ich will mich deutlich fassen und Euch nicht mehr als eine Geschichte auf einmal erzählen. Ich glaube, Eccellenza, ich muß wohl damit anfangen, wo ich ihn gesehen habe; dann will ich Euch erzählen, wann ich ihn sah, und hernach wünscht Ihr zu wissen, was er vorhatte. Ich glaube, so wollt Ihr's doch haben, S'nore?«

»Vortrefflich; antworte nur in dieser Reihenfolge, und du wirst uns ganz verständlich werden. Aber zuerst sage einmal – sprechen alle deine Landsleute zu Capri dasselbe Italienisch wie du, guter Freund?«

» S'nore, si – meine Mutter war freilich eine Französin, und so sagen sie, ich habe etwas von ihrem Dialekte angenommen. Wir werden wohl Alle etwas von unsern Müttern annehmen, Eccellenza, und 's ist nur schade, daß wir nicht mehr davon beibehalten.«

»Richtig, Freund; doch jetzt zu unserem Lugger. Vergiß nicht, daß angesehene Signori deiner Rede zuhören, und darum sprich um deiner eigenen Ehre willen recht deutlich, und sage um's Himmels willen nichts als die Wahrheit.«

»Nun gut, S'nore; zuerst also – wo ich ihn gesehen – meinen Eure Eccellenza, wo ich zu jener Zeit war, oder wo der Lugger gewesen?«

»Der Lugger natürlich, Bursche; glaubst du; Sir Kuhffe werde sich viel drum kümmern, wo du deinen Tag zubringst!«

»Aha! Nun, Eccellenza, der Lugger war in der Nähe von Capri auf der Seite zunächst dem Mittelmeer, und dieß ist, wie Ihr wißt, S'nore, dem Golf gerade entgegengesetzt; er stand dem Hause von Giacomo Alberti beinahe gegenüber – wissen Eure Eccellenza vielleicht etwas von dem Hause, das ich meine?«

»O nein; aber fahre nur in deiner Geschichte gerade so fort, wie wenn mir alles Das bekannt wäre. Eben diese Einzelheiten sind es, die einer Erzählung Werth verleihen. – Wie weit von der nächsten Landspitze? Das mußt du auf alle Fälle erwähnen, wenn du's nämlich noch weißt?«

»Gut, Eccellenza; wenn man die Entfernung jetzt noch messen könnte, so glaub' ich, würde es ungefähr so weit sein – nicht ganz, S'nore, ich sage nur ungefähr – also ungefähr so weit, wie von des besagten Giacomo's größtem Feigenbaum bis zu Giovanni's Weingärten – Letzterer ist nämlich seines Weibes Vetter. Si – ich denke, ungefähr gerade diese Entfernung hat er gehabt!«

»Und wie weit mag das sein, Freund? Du mußt genau sein, da viel von deinen Antworten abhängen kann.«

»S'nore, das mag um ein Kleines weiter sein, als von der Kirche bis zu der oberen Treppe, die nach Ana Capri führt.«

» Cospetto! – Auf die Art wirst du deine Dukate rasch gewinnen! Gibs' uns auf Einmal in Meilen an; war der Lugger zu der Zeit, von der du sprichst, eine, zwei, sechs oder zwanzig Meilen von eurem Eilande entfernt?«

»Eccellenza, Ihr befahlt mir, von der Zeit erst später zu sprechen, nachdem ich Euch zuerst von dem Wo erzählt hätte. Ich will ja Alles thun, was Euch Vergnügen macht, S'nore.

»Nachbar Vito Viti,« fiel der Vicestatthalter ein, »es wird gut sein, wenn du dich erinnerst, daß diese Sache nicht auf dieselbe Art, wie etwa die Geständnisse eines Diebs, eingefädelt zu werden braucht! Du wirst wohl besser thun, den ehrlichen Bootsmann die Geschichte auf seine eigene Weise erzählen zu lassen.«

»Aha, jetzt hat sich der Veechy in's Mittel gelegt, und da, hoff' ich, werden wir doch noch eines Dukaten werth zu hören bekommen,« bemerkte Cuffe auf englisch.

»S'nori,« versetzte Raoul, »es soll geschehen, wie eure Eccellenzen befehlen. Der Lugger, von dem ihr sprecht, steuerte gestern Abend seewärts von unserem Eilande in der Richtung gegen Ischia; er muß diesen Ort im Laufe der Nacht erreicht haben, da von der dreiundzwanzigsten bis zur fünften Stunde ein guter Landwind wehte.«

»Das stimmt mit unserem Berichte in Zeit und Ort überein,« sagte Griffin; »aber nicht in der Richtung, in welcher der Kaper steuerte. Wir hören, er sei eher um das südliche Kap gegen den Golf von Salerno hingesegelt.«

Raoul erschrak und dankte innerlich seinem Schicksal, das ihn an Bord der Fregatte geführt hatte, da diese letzte Andeutung bewies, daß seine Feinde nur gar zu genaue Nachrichten über seine neulichen Bewegungen besaßen. Noch hoffte er aber, ihre Absicht ändern und sie auf eine falsche Fährte bringen zu können.

»S'nori,« sprach er, »ich möchte nur wissen, wer wohl Südost für Nordwest halten kann. Von unseren Lootsen oder Bootsleuten wird doch, denk' ich mir, keiner einen solchen Bock schießen. S'nore, Ihr seid Offizier und versteht Euch auf solche Dinge; ich möchte Euch also nur fragen, ob Ischia nicht nordwestlich von Capri liegt?«

»Darüber kann wohl kein Zweifel sein,« erwiederte Griffin; »es ist eben so wahr, als daß der Golf von Salerno südöstlich von beiden liegt.«

»Da habt Ihr's!« fiel Raoul mit dem wohlverstellten Triumphe gemeiner Leute ein; »ich wußt' es ja, Eccellenza, daß, wenn Ihr erst hinter die Sache kämet, Ihr auch einsehen würdet, wie thöricht es ist, zu behaupten, ein Schiff, das von Capri gegen Ischia segelt, steure in einem anderen als in nordwestlichem Kurse!«

»Das ist aber nicht die Frage, Freund. Wir Alle kennen die Lage jener Inseln so wie der ganzen Küste hier herum; die Frage aber ist die – welchen Weg der Lugger genommen?«

»Ich glaube, ich habe schon gesagt, Eccellenza, daß er quer über gegen Ischia hinfuhr,« antwortete Raoul mit stumpfer, einfältiger Miene.

»Wenn Dem so ist, so lautet dein Bericht durchaus verschieden von dem, welchen der Admiral von dem guten Bischof deines eigenen Eilandes zugesendet erhielt! Wahrhaftig, ich will nie mehr eine seiner Wachteln verspeisen, wenn ich glaube, daß er uns betrogen hat, und von einem Manne seines Gleichen läßt sich doch auch nicht leicht annehmen, daß er den Norden vom Süden nicht zu unterscheiden verstehe.«

Raoul murmelte innerlich einen Fluch gegen die gesammte Priesterschaft – eine Klasse von Leuten, die er mit allem Recht sammt und sonders für Frankreichs geschworene Feinde ansah. In seiner jetzigen Rolle durfte er aber die Stimmung nicht laut werden lassen; er stellte sich also, als ob er mit der Andacht des gemeinen Mannes einer Thatsache zuhöre, die von seinem Beichtvater ausging.

»Norden von Süden, Eccellenza! Monsignore weiß noch weit mehr als das, wenn man die Wahrheit sagen wollte – obwohl diese edlen Herren vermuthlich mit der großen Schwäche des höchst ehrwürdigen Vaters bekannt sind?«

»O nein – ich glaube, Keiner von uns hatte jemals die Ehre, in seiner Gesellschaft zu sein. Euer Bischof ist doch sicherlich ein Mann der Wahrheit?«

»Wahrheit! Ja, Eccellenza, so wahr ist er, daß, wenn er mir sagte, ein Ding, das ich gesehen, habe nicht stattgefunden oder könne nicht stattgefunden haben – ich dem Monsignore weit eher als meinen eigenen Augen glauben würde. Aber, Signori, die Augen sind doch auch etwas; und da der hochverehrte Vater keine, oder was eben so schlimm ist als keine – hat, wenn's darauf ankommt, ein Schiff auf eine halbe Meile weit zu erkennen, so kann er nicht immer genau behaupten, was er gesehen zu haben glaubt. Wenn Monsignore uns sagt, das Evangelium sei so und so, so glauben wir's Alle, denn wir wissen, daß er seiner Zeit einmal lesen konnte; aber nie fällt es uns ein, bei ihm fragen zu wollen, welchen Kurs ein Schiff halte, so lange wir noch unsere eigenen gesunden Sinne haben.«

»Wird dieser Bursche uns wohl die Wahrheit sagen, Griffin?« fragte Cuffe, der durch Raouls List und verstellte Einfalt ziemlich glücklich getäuscht war. »Wenn Dem so ist, so gingen wir ja gerade auf der falschen Fährte, wenn wir um Campanella herumsteuerten und in den Golf von Salerno einliefen. Die Franzosen halten gegenwärtig Gaeta besetzt, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Meister Yvard einen befreundeten Hafen in seiner Nähe behalten will!«

»Ihr vergeßt, Kapitän Cuffe, daß Seine Lordschaft bereits einen leichten Kreuzer in jener Richtung ausgesendet haben, und der Irrwisch würde kaum wagen, sich einem unserer regulären Bursche gegenüber zu zeigen.«

»Hum! das weiß ich denn doch nicht, Mr. Griffin; so steif und fest möcht' ich's gerade nicht behaupten. In gewisser Art wenigstens ist auch die Proserpina ein ›regulärer Bursche‹, und vor ihr hat sich der Irrwisch dennoch zu zeigen gewagt. – Irrwisch! Hol' mich der Henker, Griffin, ich glaube, wahrlich, er trägt seinen Namen mit Recht. Ich wollte in der That lieber einen Irrwisch auf der Insel Sicilien einfangen, als einem solchen Burschen nachjagen – Einmal hier, ein ander Mal dort, und jetzt eben ist er gar nirgends. Was die Schaluppe betrifft, die ist auf meinen Rath nach Süden gegangen, um sich in den Buchten der kalabrischen Küste nach ihm umzusehen. Ich sagte Nelson, ich brauchte ein anderes Schiff, denn eben so gewiß, als dieser Rule – Rawowle – wie Teufels nennt Ihr den Kaper, Griffin?«

»Raoul, Kapitän Cuffe, Raoul Yvard ist sein Name – 's ist durchaus französisch; Raoul heißt so viel als Rudolph.«

»Nun also, ich sagte Nelson, wenn es diesem Burschen gelänge, um eines von jenen Eilanden herumzuschlüpfen, so könnten wir ebensogut eine Woche lang ›Katz und Maus‹ spielen, als wir uns versprechen dürften, ihn zu einer hübschen Jagd vom Lande aus in die hohe See zu treiben. Er handhabt sein Boot gerade wie ein geschickter Kutscher, der sogar in dem Hofe eines Gasthauses noch umzuwenden versteht.«

»Ich wundere mich nur, daß der Lord nicht daran dachte, uns ein oder zwei Schaluppen zur Unterstützung mitzugeben.«

»Ja, da ist mit Nel nichts anzufangen! Er wird vielleicht einen Engländer abschicken, um zwei Franzmänner aufzusuchen; nie aber wird er daran denken, zwei Engländer nach einem Franzmanne auszusenden.«

»Hier handelt sich's aber gar nicht um einen Kampf, Sir – sondern blos um eine Jagd, und da wird ein Franzose in jedem Tage der Woche gewiß viel schneller laufen als zwei Engländer zusammengenommen.«

»Sa-c-c-r-e!« murmelte Raoul in einem Tone, den er zwar zu unterdrücken versuchte, und der auch Allen, bis auf Andrea Barrofaldi, unhörbar blieb. – Der Vicestatthalter stand ihm nämlich in jenem Augenblicke näher, als jeder Andere von der Gesellschaft.«

»Ganz richtig,« antwortete Cuffe; »es ist aber nun einmal so. Wir sind allein ausgeschickt, und wenn dieser Irrwisch sich zwischen Ischia und Procida einnistet, so wird es leichter sein, einen Fuchs auszugraben, als ihn für uns allein zu vertreiben. Was übrigens einen abermaligen Bootsangriff anbelangt, so denke ich, könntet ihr Alle am letzten noch genug haben.«

»Ja, Sir, ich glaube, unsere Leute würden noch ziemlich scheu sein,« antwortete Griffin mit der Ehrlichkeit und Gradheit eines wahrhaft tapferen Mannes. »Wir müssen sie erst den letzten Nasenstüber vergessen lassen, ehe wir uns bei einer neuen Unternehmung der Art auf sie verlassen können.«

» Bon,« murmelte Raoul, ohne zu bedenken, daß man ihn hören konnte.

»Nichtsdestoweniger müssen wir den Burschen fangen, und sollten wir auch bei der Jagd unsere Schuhe ablaufen.«

Diese ganze Zeit über hatten Andrea Barrofaldi und Vito Viti keine Idee von Dem, was zwischen den beiden Offizieren vorging; Raoul aber hatte aufmerksam gelauscht, und jede Sylbe, die gesprochen wurde, deutlich verstanden. Der Vicestatthalter war bis auf diesen Augenblick ein ziemlich gleichgültiger Zuhörer der ganzen Verhandlung gewesen; aber die beiden Worte, die er von Raoul vernommen, erweckten in seiner Seele einen unbestimmten Verdacht, der zwar noch kein gewisses Ziel vor sich sah, aber jedenfalls für den Franzmann selbst sehr ernste Folgen haben konnte.

Tiefer Unwillen über die Art und Weise, wie sie von dem berüchtigten Kapersmanne an der Nase herumgeführt worden, neben dem Wunsche, sich auf so lange von Elba zu entfernen, bis der Spott, welchen sie Beide, wie er wohl fühlte, recht gut verdienten, seine erste Schärfe verloren hätte, so wie ein gewisses Verlangen, ihr verlorenes Ansehen dadurch wieder herzustellen, daß sie bei der Einfahung des Kapers behilflich wären – dieß waren die Gründe, weßhalb sich diese beiden Ehrenmänner, der bevollmächtigte Vicestatthalter und der Podesta, nunmehr an Bord der Proserpina befanden. Cuffe hatte ihnen in einem vertraulichen Augenblicke zwei Plätze in seiner Kajüte und an seiner Tafel angeboten, und sein Anerbieten war mit Freuden angenommen worden.

Andrea war übrigens noch keinen Tag am Bord der Fregatte gewesen, als er auch schon von seiner völligen Unbrauchbarkeit überzeugt wurde, und dieser Umstand mußte natürlich das Unangenehme seiner Lage noch wesentlich steigern. – Gleich allen wohlmeinenden, einfachgesinnten Männern hegte auch er ein dringendes Verlangen nach Thätigkeit, und Tag und Nacht sann er auf Mittel oder berieth sich in geheimen Gesprächen mit seinem Freunde, dem Podesta, darüber, wie er auch hier nützlich werden könnte. Vito Viti ermahnte ihn in seinem Freimuthe, sein Vertrauen auf den Himmel zu setzen, und versicherte ihm jedesmal, im Laufe ihrer Kreuzfahrt werde sich schon noch etwas Wichtiges ereignen, was die ganze Unternehmung nicht wenig denkwürdig machen würde, wie denn der Bürgermeister überhaupt die Gewohnheit hatte, bei allen ernsteren Veranlassungen ein oder zwei Ave's zu sprechen und dann seine Zuversicht auf Gott zu setzen.

»Ihr habt noch nie ein Wunder erlebt, Vicestatthalter,« sagte Vito Viti eines Tags, als sie sich gegenseitig über die Sache besprachen – »Ihr habt noch nie ein Wunder erlebt, ohne daß unmittelbar ein zweites auf der Ferse gefolgt wäre: das erste gilt dann blos als Vorbereitung für das zweite, und dieses ist dann jedes Mal das merkwürdigere von beiden. Wißt Ihr noch, als Annina Gotti die Klippen hinabstürzte, da war's doch gewiß ein Wunder, daß sie nicht den Hals brach; als sie aber vollens in die See hinabrollte, da war's noch ein viel größeres Wunder, daß sie nicht ertrank.«

»Es ist besser, Nachbar Vito, solche Dinge der Kirche anheim zu stellen,« lautete des Vicestatthalters Antwort; »auch sehe ich in jener früheren Sache kein Wunder, was uns in Erstaunen setzten könnte.«

»Wie! – Nennt Ihr's kein Wunder, Signor Andrea, wenn zwei Männer, wie Ihr und ich, von einem schuftigen französischen Kaper betrogen werden – denn letzteres war der Fall, daran ist kein Zweifel? Ich meines Theils betrachte es als ein so großes Wunder, daß es eigentlich dem zweiten eher folgen, als ihm vorangehen sollte.«

Hierauf gab Andrea eine Antwort, wie sie seiner besseren Einsicht geziemte, und das Gespräch nahm die gewöhnliche Wendung: nämlich welche Mittel die beiden Beamten gebrauchen könnten, um den Makel, welcher, wie sie beiderseitig wohl fühlten, auf ihrem Scharfsinne haftete, von sich abzuwälzen, und zwar für die zwei möglichen Fälle, daß man Beider Scharfsinn vereint oder nur den des Einzelnen betroffen glaubte.

Diese fieberische Stimmung war unzweifelhaft daran Schuld, daß der Vicestatthalter, sonst ein so gerader, vertrauensvoller Mann, mit einem Male mißtrauisch und scharfblickend wurde. Carlo Giuntotardi's und Ghita's Anwesenheit waren ihm gleich Anfangs als etwas Außergewöhnliches aufgefallen. Er konnte zwar ihre Gesichter in dem Mondlichte und in ihrer gegenwärtigen Entfernung in der Jolle nicht deutlich unterscheiden, dachte sich aber sogleich, die Leute auf dem Boot, das von dem Schiff in's Schlepptau genommen wurde, müßten seine alten Bekannten sein. Nun hatte zwar Andrea Barrofaldi bis auf diesen Tag Ghita oder ihren Oheim niemals auf irgend eine Art mit Raoul Yvard in Verbindung gebracht: gleichwohl waren durch die räthselhafte Art, wie Beide von der Insel verschwanden, ohne Widerrede allerhand Bemerkungen veranlaßt worden, und in seiner jetzigen Gemüthsstimmung war es gerade nichts Außerordentliches, wenn er einen fernen, undeutlichen Funken der Wahrheit erhaschte.

Ohne Raouls unvorsichtigen Ausruf würden übrigens diese unklaren Phantasien nichts zu bedeuten gehabt haben; so aber müssen wir Alles, was jetzt noch folgte, mehr den unbewachten Ausbrüchen der Laune des Franzmanns, als einer klaren, vernünftigen Schlußfolgerung von Seiten des Vicestatthalters zuschreiben.

In dem Augenblicke, da Cuffe seine letzte Erklärung abgab, verfügte sich Andrea dahin, wo Jener sein Seitengespräch mit Griffin führte, und flüsterte dem Letzteren einige Worte in's Ohr.

»Den Teufel auch!« rief der Lieutenant auf Englisch. »Wenn des Vicestatthalters Vermuthung richtig wäre, Kapitän Cuffe, so käme uns die Aufgabe schon halb gelöst entgegen!«

»Ja, ja, der Veechy ist im Grund ein guter Bursche, Griffin, wenn er auch den Golf von Neapel niemals in Brand stecken wird. Was hat er denn jetzt zu sagen?«

Griffin führte seinen Kapitän etwas bei Seite und verkehrte einen Augenblick mit ihm allein. Augenblicklich ergingen Befehle an den wachhabenden Offizier, und Cuffe verfügte sich mit seinem Begleiter, scheinbar in voller Hast, in seine Kajüte.

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