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Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
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Vierzehntes Kapitel

Es liebt der Tod, recht nach Tyrannenweise,
Gerade das zu stürzen, was den Stolz
Der Macht und Willkür laut bei uns verkündet.

Young.

 

Nelson erfuhr wahrscheinlich nie ganz genau, was zwischen Ghita und der im letzten Kapitel erwähnten Dame vorging. Jedenfalls hatte Ghita's Verwendung dasselbe Schicksal wie alle andern Gesuche, welche in dieser traurigen Angelegenheit an den englischen Admiral gerichtet wurden, d. h. sie blieb erfolglos. Selbst die Art der Vollstreckung wurde nicht geändert; eine unziemliche Hast begleitete die ganze Verhandlung, gerade wie bei der gleich berüchtigten Untersuchung und Hinrichtung des unglücklichen Herzogs von Enghien.

Cuffe blieb zum Mittagsmahle bei dem Kommandirenden zurück, während Carlo Giuntotardi mit seiner Nichte in ein Boot stieg, und sich auf der überfüllten Rhede zu der neapolitanischen Fregatte hinrudern ließ, welche jetzt das Gefängniß des unglücklichen Caraccioli bildete.

Ein Gesuch an der Fallreepstreppe war Alles, was erfordert wurde, um zu dem Schiffe Zutritt zu erhalten. Sobald Signor Giuntotardi das Quarterdeck erreichte, brachte er sein Anliegen vor, und alsbald wurde ein Bote, blos mit dem Namen des Oheims, hinabgeschickt, um zu erfahren, ob der Gefangene zwei Besuchende empfangen wolle.

Francesco Caraccioli aus dem fürstlichen Hause Caraccioli, oder – wie er häufiger von den Engländern genannt wurde – Prinz Caraccioli, war jetzt ein Mann nahe an den Siebzigen, und hatte als Glied eines der vornehmsten Häuser Unteritaliens lange Zeit die höchsten Aemter und Kommandostellen bekleidet. Ueber sein Vergehen – seine Vertheidigung – über die ungebührliche Hast bei seiner Untersuchung und Hinrichtung, so wie über die Unregelmäßigkeit des ganzen Verfahrens brauchen wir hier keine weiteren Worte zu verlieren: sein Schicksal bildete einen Theil der Weltgeschichte und ist allenthalben genügend bekannt.

Erst an diesem Morgen hatte man ihn festgenommen und auf den Foudroyant gesendet; dort in der Kajüte jenes Schiffes war von seinen eigenen Landsleuten ein Kriegsgericht gehalten und der Greis eiligst zum Tode verurtheilt worden. Die Stunde der Vollstreckung war nahe, und er befand sich bereits auf dem Schiff, wo die Execution stattfinden sollte.

Carlo Giuntotardi's Bote traf den unglücklichen Mann mit seinem Beichtvater allein, dem er so eben seine Beichte abgelegt hatte. Er hörte das Gesuch mit kalter Gleichgültigkeit; gewährte es aber im Augenblick, in der Meinung, es komme von einem Angehörigen seiner Familie oder seiner Besitzungen, der vielleicht um eine letzte Gnade zu bitten oder eine Handlung der Gerechtigkeit zu verlangen hätte.

»Bleibt hier, Vater, ich ersuche Euch darum,« sagte der Gefangene, als er bemerkte, daß der Geistliche im Begriffe war, sich zurückzuziehen; »es ist vielleicht ein Landmann oder Krämer, dessen Ansprüche übersehen wurden. Ich bin froh, daß er gekommen ist: denn ehe man stirbt, möchte man sich gerne von jeder Ungerechtigkeit gereinigt wissen. Laßt sie nur eintreten, mein Freund.«

Mit diesen Worten gab er ein Zeichen – die Kajütenthüre öffnete sich und Ghita und ihr Oheim traten ein.

Eine volle Minute lang sprach Niemand: beide Theile schauten einander stillschweigend an: der Gefangene suchte umsonst sich der Gesichter seiner Gäste zu entsinnen, und das Mädchen zitterte vor Kummer und Furcht. Dann trat sie auf den Verurtheilten zu und kniete mit gebeugtem Haupte zu dessen Füßen nieder.

»Großvater,« sprach sie flehend, »Euren Segen dem Kinde Eures einzigen Sohnes!«

»Großvater! – Sohn! – und sein Kind!« wiederholte Don Francesco. »Ich hatte einen Sohn, zu meiner Schande und Zerknirschung muß ich's nun gestehen: aber er ist schon lange todt. Ich wußte nie, daß er ein Kind hinterlassen.«

»Dieß ist seine Tochter, Signore,« erwiederte Carlo Giuntotardi; »ihre Mutter war meine Schwester. Ihr hieltet uns damals für zu niedrig, um in eine so erlauchte Familie aufgenommen zu werden, und wir haben nie gewünscht, uns Euch vor Augen zu stellen, bis wir dachten, daß unsere Gegenwart Euch willkommen sein dürfte.«

»Und jetzt kommst du, guter Mann, um auf Verwandtschaft mit einem verurtheilten Verbrecher Anspruch zu machen?«

»Nicht so, Großvater,« bat eine milde Stimme zu seinen Füßen; »es ist Eures Sohnes Tochter, die ihren sterbenden Verwandten um seinen Segen anfleht. Das Geschenk soll durch fromme Seelengebete reichlich vergolten werden.«

»Heiliger Vater! das verdiene ich nicht! Hier lebte diese zarte Pflanze, vergessen und im Schatten, bis sie plötzlich ihr schüchternes Haupt erhebt, um mir in der Stunde des Todes ihren Wohlgeruch zu bieten! Das habe ich nie verdient!«

»Mein Sohn, wenn der Himmel nicht eher seine Gnaden gewährte, als bis sie verdient sind, dann wäre das Schicksal des Menschen in der That ein hoffnungsloses. Doch dürfen wir in einem solchen Augenblicke keinen Täuschungen Zutritt gestatten. Du bist nicht vermählt, Don Francesco: hast du jemals einen Sohn gehabt?«

»Das habe ich unter anderen Sünden schon längst gebeichtet, und da ich es tief bereut habe, so hoffe ich auch, daß es Verzeihung gefunden. Ich hatte einen Sohn – der Junge trug sogar meinen Namen, obwohl er nie in meinem Palaste wohnte – bis ich ihn wegen einer plötzlichen, unklugen Heirath aus meinen Augen verbannte. Ich hatte immer im Sinn, ihm zu verzeihen und für seine Bedürfnisse zu sorgen; doch der Tod ereilte beide Gatten zu frühe, um mir Zeit dazu zu gestatten. Soviel wußte ich bis jetzt, und es that mir weh, daß es so war; von seinem Kinde habe ich bis auf diesen Augenblick niemals gehört! Das ist ein süßes Antlitz, Vater; es scheint der ächte Wohnsitz der Wahrheit zu sein!«

»Warum sollten wir Euch betrügen, Großvater?« begann Ghita aufs Neue, und hielt ihre Arme empor, als ob sie sich nach einer Umarmung sehnte – »und besonders zu einer Zeit wie diese? Wir kommen ja nicht, um Ehre, Reichthum oder Euren großen Namen bei Euch zu suchen; wir kommen blos, Euch um Euren Segen zu bitten, und Euch zu sagen, daß ein Kind aus Eurem eigenen Blute auf Erden zurückbleiben wird, um Ave's für das Heil Eurer Seele zu beten!«

»Heiliger Priester, hier kann kein Betrug stattfinden! – Dieses theure Kind sieht sogar seiner tiefgekränkten Großmutter ähnlich, und mein Herz sagt mir, daß sie mir angehört. Ich weiß nicht, ob ich diese Entdeckung in so später Stunde für ein Glück oder Unglück ansehen soll, denn sie trifft ja nur noch einen Sterbenden!«

»Großvater, Euren Segen! Segnet Eure Ghita, damit ich den Wohllaut eines väterlichen Segensspruches vernehme.«

»Dich segnen! – Dich, meine Tochter, segnen!« rief der Admiral und beugte sich über das weinende Mädchen, um ihren Wunsch zu erfüllen; dann nahm er sie in seine Arme und schloß sie voll Zärtlichkeit an seine Brust; »das muß mein Kind sein; ich fühle, daß es Niemand Anderes sein kann!«

»Eccellenza,« sagte Carlo, »sie ist die Tochter Eures Sohnes Don Francesco und meiner Schwester, Ghita Giuntotardi, in rechtmäßiger Ehe geboren. Ich möchte Niemand – am allerwenigsten aber einen Sterbenden betrügen.«

»Ich habe keine Güter zu vererben – keine Ehren zu verleihen – keinen ruhmwürdigen Namen zu vermachen. Das Kind eines Lazzaroni ist im jetzigen Augenblick besser daran als die Tochter Francesco Caraccioli's.«

»Großvater, wir denken nicht daran – und kümmern uns nicht darum. Ich bin blos gekommen, um mir Euren Segen zu erbitten, den Ihr mir nun gewährt habt, und Euch das Gebet gläubiger Christen, so niedrig wir auch sein mögen – anzubieten. Mehr als das verlangen wir nicht – wünschen wir nicht – suchen wir nicht. An unsere Armuth sind wir gewöhnt und beachten sie niemals. Reichthümer würden uns nur in Verlegenheit bringen, und wir bedürfen ihrer nicht.«

»Ich erinnere mich, heiliger Vater, daß ein Hauptgrund meines Unwillens über meines Sohnes Heirath darin bestand, daß ich den Beweggründen der Familie, die ihn aufgenommen, mißtraute, und doch haben diese ehrlichen Leute mich unbelästigt in meinem Glücke fortleben lassen, und machen ihre Verwandtschaft erst jetzt geltend, da ich mit Schimpf und Schande bedeckt bin! Ich war nicht gewöhnt, Wünschen und Herzen, wie diesen, zu begegnen!«

»Ihr kanntet uns nicht, Großvater,« sprach Ghita bescheiden, und begrub ihr Antlitz fast ganz an der Brust des alten Mannes. »Wir haben lange für Euch gebetet, Euch verehrt und an Euch gedacht als einen Verwandten, dessen Angesicht im Zorn von uns abgewendet war: Euer Gold und Eure Ehren haben wir niemals gesucht.«

»Gold und Ehren?« wiederholte der Admiral, indem er seine Enkelin sanft auf einen Stuhl niederließ. »Das sind für mich Dinge der Vergangenheit. Meine Güter sind eingezogen – mein Name entehrt; in einer Stunde werde ich eines schimpflichen Todes sterben. Nein, nein, mein Vater, keine selbstsüchtigen Absichten können diese Leute bewogen haben, in einem Augenblicke wie dieser, Verwandtschaftsrechte bei mir geltend zu machen.«

»Erkenne darin die Güte Gottes, mein Sohn. Er läßt dich die Tröstungen kindlicher Liebe empfinden, und erweckt in deiner Brust den Funken elterlicher Zuneigung, um dir dadurch die Früchte seiner Gnade und seines Erbarmens mit dem bußfertigen Sünder schon im Voraus anzudeuten. Erkenne diese Güte in deinem Herzen: es kann dir in deinem letzten Augenblicke Trost gewähren!«

»Heiliger Priester, ich hoffe so – doch was hat dieß zu bedeuten?«

Don Francesco empfing ein Papier aus der Hand eines Dieners und las hastig dessen Inhalt; die Welt und ihre Gefühle wurzelten noch zu fest in seinem Herzen, um in einem Augenblicke daraus vertilgt zu werden. In der That, seine Gefangennehmung, Untersuchung und Verurtheilung waren so plötzlich erfolgt, daß es kein Wunder war, wenn der Priester selbst in einem so ernsten Augenblicke seinen Geist zerrissen und getheilt fand. – Der Gefangene, ließ das Haupt auf die Brust sinken und fuhr mit der Hand über die Augen, als ob er eine ungeziemende Schwäche verbergen wollte.

»Sie haben mir mein Gesuch abgeschlagen, Vater,« sprach er, »und ich muß gleich einem ehrlosen Verbrecher sterben.«

»Der Sohn Gottes litt auch am Kreuze und hing zwischen zwei Verbrechern.«

»Ich glaube, es liegt weit weniger Wahrheit in diesen Ansichten, als wir zu denken gewöhnt sind; dennoch ist es grausam für einen Mann, der die höchsten Aemter bekleidete – für einen Fürsten – einen Caraccioli, gleich einem Lazzarone zu sterben!«

»Großvater!«

»Hast du gesprochen, Kind? Es sollte mich nicht wundern, wenn diese Schmach dich mit Entsetzen erfüllte.«

»Es ist nicht dieß, Großvater,« fuhr Ghita fort, indem sie alle Zweifel von sich abschüttelte und mit hochgerötheten Wangen und einem im Abglanze des heiligsten Gefühls strahlenden Gesichte emporschaute – »o, es ist nicht dieß. Wenn ich mein Leben für das deinige zum Opfer bringen könnte – mit Freuden würde ich es zu diesem Zwecke hingeben: aber höre meine Bitte, Großvater – täusche dich in diesem furchtbaren Augenblicke nicht dadurch, daß du den Schatten für das Wesen selber hältst! Was für einen Unterschied kann es machen, auf welche Art wir den Tod erleiden, wenn er uns die Pforten des Himmels öffnet? Schmerz, das weiß ich gewiß, kannst du nicht fürchten, selbst ich, die ich nur ein schwaches Mädchen bin, würde ihn verachten; welche andere Ehre kann uns in der Stunde des Todes zu Theil werden, als die, der Gnade und Barmherzigkeit Gottes würdig erachtet zu werden! Caraccioli oder Lazzarone – Fürst oder Bettler – das wird nach Verfluß von zwei Stunden keinen Werth mehr für dich haben, und so laß mich dich demüthig bitten, deine Gedanken auf diejenige Stufe herabzustimmen, welche sich für alle Sünder ziemt.«

»Du sagst, du seiest meine Enkelin, Ghita – die Tochter meines Sohnes Francesco?«

»Das bin ich auch, Signore, wie Alle mir sagen – wie mein Herz mich belehrt – und wie ich mit Zuversicht glaube.«

»Und diese Ansichten erscheinen dir unwürdig – oder wenn dir dieß besser gefällt, ungeziemend – für einen so feierlichen Moment, und die Art des Todes willst du selbst bei einem Krieger für gleichgültig erklären?«

»Verglichen mit seinen Hoffnungen auf den Himmel – im Lichte seiner eigenen Gebrechen und der Verdienste seines Erlösers betrachtet – ja, Großvater.«

»Und willst du – auf der Schwelle des Lebens stehend und die ganze Welt mit Allem, was die Zukunft bietet, vor deinen Blicken ausgebreitet – mich dennoch zum Schaffote begleiten und der spottenden Menge in's Gesicht bekennen, daß du dein Dasein von einem Verbrecher ableitest und dich nicht schämst, ihn als Verwandten anzuerkennen?«

»Ja, Großvater – deßhalb bin ich ja gekommen,« gab Ghita standhaft zur Antwort. »Verlange aber nicht, daß ich dein Leiden mit ansehen solle! Alles, was ich thun kann, um deine Schmach – wenn es überhaupt eine solche ist – durch Theilnahme zu lindern, will ich herzlich gerne thun; doch deine ehrwürdige Gestalt leiden zu sehen – davor muß ich zurückbeben!«

»Und was willst du thun für einen Mann, den du bis zu dieser Stunde niemals gesehen? – einen Mann, den man dir wohl schwerlich als gerecht, wenigstens gegen dich, geschildert haben kann?«

»Wenn ich dich vor diesem Besuche auch nie sah, Großvater, so habe ich dich dennoch von Kindheit auf geliebt und für dich gebetet. Mein vortrefflicher Oheim lehrte mich frühzeitig diese Pflicht ausüben, niemals aber predigte er mir Haß gegen dich oder irgend einen Menschen. Mein eigener Vater ist längst heimgegangen; das was er dir heute gewesen wäre, das will ich nunmehr zu sein versuchen. Die Welt gilt mir nichts, und dich wird der Gedanke trösten, daß ein Wesen in deiner Nähe weilt, dessen Seele um dich weint, und die sich ganz in Gebet auflösen mochte, um jenseits für dich Verzeihung zu erflehen.«

»Und dieses Wesen darf ich erst eine Stunde vor meinem Tode kennen lernen, Vater! Gott züchtigt mich für das Unrecht, das ich an Ghita begangen, indem er mich ihren Werth erst jetzt erkennen läßt, da es zu spät ist, um mich desselben zu erfreuen. Nein, Ghita, mein theures Kind – ein solches Opfer soll nicht von dir gefordert werden. Nimm dieß Kreuz – es stammt von meiner Mutter; auf ihrem Herzen hat es geruht, und lange Zeit hab' ich's auf dem meinigen getragen: nimm es als ein Andenken an deinen unglücklichen Großvater, und bete für mich; aber verlasse dieses Schreckensschiff, und laß deine zarte Seele nicht durch einen Anblick erschüttern, der für dein Geschlecht wie für deine Jahre gleich unpassend ist. Mein Segen – ja mein bester Segen sei mit dir, mein Kind! Wollte Gott, ich hätte dich früher gekannt; doch selbst diese späte Erkenntniß deines Werthes hat mein Herz erleichtert. Du findest in mir einen armen verurtheilten Verbrecher, der nicht im Stande ist, für deine künftigen Bedürfnisse zu sorgen – doch halt, mein Kind; etwas Weniges kann ich dennoch für dich thun. Dieser Sack enthält Gold. In der Hoffnung, daß er mir behilflich sein könnte, die meiner harrende Strafe abzuwenden, wurde er mir von einem Verwandten zugesendet. Zu jenem ersten Zwecke ist er mir jetzt unnütz; bei deinen einfachen Sitten aber kann er dir eine behagliche, sorgenfreie Existenz sichern.«

Mit überströmenden Augen schob Ghita das Gold bei Seite, und drückte nur das Kreuz an die Brust, das sie wieder und immer wieder mit glühenden Küssen bedeckte.

»Nicht so – nicht so, Großvater,« sprach sie, »ich bedarf dessen nicht und wünsche es nicht. Dieß hier ist genug; das will ich bis zu meinem letzten Athemzuge treu bewahren. Auch das Schiff will ich verlassen; aus deiner Nähe aber werde ich nicht weichen. Ich sehe viele Boote versammelt; auch das meinige wird dort seinen Platz finden. Meine Gebete sollen für dich zum Himmel emporsteigen, so lange du noch am Leben bist, und auch nachdem du geschieden, werde ich deiner jeden Tag in meiner Andacht gedenken. Es bedarf nicht des Goldes, Großvater! um dir einer Tochter Gebet dadurch zu erkaufen.«

Voll innigen Gefühls betrachtete Don Francesco das fromme, liebliche Mädchen: dann drückte er sie noch einmal an's Herz und gab ihr laut und zu wiederholten Malen seinen Segen.

Plötzlich hörte man von dem Foudroyant den Schlag einer Glocke herübertönen, der von allen benachbarten Schiffen, englischen wie neapolitanischen – wiederholt wurde. Als kundiger Seemann wußte Caraccioli, daß es jetzt halb fünf Uhr war; um fünf Uhr sollte seine Hinrichtung stattfinden. Er fand es daher nöthig, seine kaum gefundene Enkelin zu entlassen, um noch einige Minuten allein mit seinem Beichtvater zuzubringen.

Der Abschied war feierlich, aber zärtlich; als Ghita die Kajüte verließ, war ihrem verurtheilten Großvater nicht anders zu Muthe, als ob er für immer einem schon längst geliebten Wesen Lebewohl gesagt hätte, dessen Tugenden ihm seit der Stunde ihrer Geburt ein süßer Trost gewesen wären.

Das Verdeck der Minerva bot einen traurigen Anblick dar. Der Gefangene war zwar von einem aus neapolitanischen Offizieren bestehenden Kriegsgerichte verurtheilt worden; dennoch sollte die Execution unter dem Schutze der brittischen Flagge stattfinden, und die Theilnahme des Publikums war daher auf Seiten des Gefangenen. Die Eile, womit Alles betrieben worden war, erschien durch Nichts gerechtfertigt, denn nirgends drohte eine unmittelbare Gefahr, und das Beispiel, das man aufstellen wollte, wäre wohl weit abschreckender gewesen, wenn die ganze Sache, statt ruhiger Erwägung des Rechts, weniger den Schein persönlicher Rachsucht an sich getragen hätte.

Von Ghita's Verwandtschaft mit dem Gefangenen konnte Niemand eine Ahnung haben; da man aber wußte, daß sie in der Kajüte gewesen war, und also auch glauben mußte, sie fühle Interesse für den Verurtheilten, so zeigten die Offiziere große Theilnahme für ihre Wünsche, besonders da ihre innere Bewegung nur zu deutlich hervortrat.

Eine ungeheure Masse von Booten hatte sich um die Fregatte versammelt, denn so sehr auch die ganze Prozedur übereilt worden war, so hatte sich doch die Nachricht, daß Francesco Caraccioli wegen Verraths gehängt werden sollte, wie ein Lauffeuer verbreitet, und nicht ein einziges Boot von einiger Größe wurde an dem Molo zurückgelassen, so heftig war das Verlangen, das kommende Ereigniß mit anzusehen. War es nun in der Verwirrung oder in Folge von Bestechung geschehen – kurz der Mann, der Carlo Giuntotardi mit seiner Nichte herübergerudert hatte, war nirgends zu finden, und für den Augenblick schien kein Ausweg vorhanden, wie man das Schiff hätte verlassen können.

»Hier ist ein Boot mit einem einzigen Ruderer dicht an unserer Laufplanke,« sprach der diensthabende Offizier, der für ein so interessantes Mädchen die freundlichste Theilnahme an den Tag gelegt hatte; »mit ihm könntet Ihr um wenige Grani Ein Grano ist eine neapolitanische Silbermünze im Werth von drei Pfennigen.
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an's Land gerudert werden.«

Der Bursche in dem Boote gehörte zu der Klasse der Lazzaroni: er trug ein reinliches wollenes Hemd, eine phrygische Mütze und wollene Beinkleider, die blos bis auf die Kniee gingen, so daß seine kräftigen Arme und Beine – in ihren schönen Verhältnissen, ihrer Rundung und Muskulatur wahre Modelle zu einer Bildsäule – ganz nackt blieben. Nur die Füße machten eine Ausnahme von dem sonst üblichen Anzuge dieser Leute: der Bursche trug ein Paar zierlicher, leinener Schuhe, die fast wie die Mokasins der Indianer Amerika's verziert waren.

Carlo warf einen Blick auf diesen Mann, der die Laufplanke der Fregatte emsig zu bewachen und eine Fracht von da zu erwarten schien; kaum hatte ihm der Oheim eine kleine Silbermünze gewiesen, als das kleine Boot alsbald am Fuß der großen Fallreepstreppe anlegte. Ghita stieg hinab, und sobald sie mit ihrem Oheim Platz genommen hatte, schoß die Barke – denn größer war das Fahrzeug nicht – pfeilschnell an dem Schiffe vorüber, obgleich noch einige andere Passagiere, die gleichfalls von ihren treulosen Bootsleuten besseren Lohnes halber im Stiche gelassen worden waren, dem Fährmanne zuriefen, daß er sie ebenfalls mitnehmen möchte.

»Wir gehen am besten allein, selbst wenn's uns einen höheren Preis kostet,« bemerkte Carlo ruhig gegen seine Nichte, als er diesen Umstand entdeckte. »Rudere uns eine kurze Strecke von dem Schiffe weg, Freund – dorthin, wo weniger Boote sind, und du sollst dir einen schönen Lohn verdienen. Wir haben ein Interesse für diese feierliche Scene, möchten aber gerne unbemerkt bleiben.«

»Das weiß ich wohl, Signor Carlo,« gab der Bootsmann zur Antwort, »ich will schon dafür sorgen, daß Ihr nicht belästigt werdet.«

Ghita stieß einen leisen Schrei aus, als sie aufblickte, und in dem verkleideten Lazzarone keinen Anderen, als Raoul Yvard entdeckte. Da ihr Oheim in der Regel zu zerstreut war, um eine solche Verkleidung herauszufinden, so machte ihr Raoul ein Zeichen, daß sie sich selbst beherrschen möchte, und ruderte ruhig weiter, wie wenn Nichts vorgefallen wäre.

»Sei ruhig, Ghita,« ermahnte Carlo: »die Zeit ist noch nicht da, und wir haben noch zwanzig volle Minuten zu unseren Ave's übrig.«

Aber Ghita war weit entfernt, Ruhe zu fühlen. Sie erkannte die ganze Größe der Gefahr, in welche sich der junge Mann gestürzt hatte, und fühlte ebensogut, daß all' Dieses blos ihretwegen geschehen war. Selbst das feierliche Gefühl, das zu dieser Stunde und bei solcher Veranlassung ihre Seele erfüllte, war durch seine Gegenwart gestört, und sie hätte ihn aus mehr als einem Grunde fern von sich wünschen mögen. Doch war er nun einmal da, und zwar mitten unter seinen Feinden, und bei einem Mädchen von ihrem Alter und Geschlecht und von so tiefer Empfindung wie sie, wäre es ganz gegen die Natur gewesen, wenn sie sich nicht einem Gefühle zärtlicher Dankbarkeit gegen Den hingegeben hätte, der blos um ihr einen Dienst zu leisten, seinen Kopf gleichsam in des Löwen Rachen gesteckt hatte.

Zwischen Raoul und Ghita hatte über die mehrerwähnte Verwandtschaft nie eine Zurückhaltung stattgefunden, und so wußte Ersterer recht wohl, warum seine Geliebte hier war und was sie hergeführt hatte. Ghita selbst schaute sich ängstlich um, ob nicht gar vollends der Lugger unter der Masse von Schiffen, die auf der Rhede vor Anker lagen, zu sehen wäre. Dazu aber war Raoul viel zu vorsichtig, und Nichts, was seinem kleinen Fahrzeuge ähnlich gesehen hätte, war zu erblicken.

Die Entfernung zwischen der neapolitanischen Fregatte und dem englischen Contreadmiralsschiffe war nicht bedeutend, und so konnte Alles, was am Bord der ersteren vorging, wenn es anders nicht durch die Seitenwände und Schanzen des Schiffes verdeckt wurde – recht leicht auf dem Verdecke des letzteren wahrgenommen werden. Doch lag der Foudroyant immer noch etwas außerhalb des durch die Boote gebildeten Kreises, und Raoul hatte, in der Absicht, der Menge auszuweichen, diese Richtung eingeschlagen; er hielt jetzt mit Rudern inne, nachdem er dem Hintertheile des brittischen Admiralschiffes ungefähr bis auf den dritten Theil einer Kabellänge nahe gekommen war.

Hier beschloß man, das entscheidende Signal und seine traurigen Folgen abzuwarten. Ghita brachte die kurze Zwischenzeit damit zu, daß sie unablässig ihren Rosenkranz betete, worin ihr Carlo mit dem Eifer eines Zeloten Gesellschaft leistete.

Es ist kaum nöthig, zu bemerken, daß Raoul auch bei diesem Anblicke in seinem Unglauben verharrte; doch würden wir seiner Natur sowohl, als seiner Liebe zu Ghita unrecht thun, wenn wir behaupten wollten, er habe ihrem Thun ohne Theilnahme zugesehen.

Eine feierliche, erwartungsvolle Stille herrschte auf allen benachbarten Schiffen. Es war ein schwüler, ruhiger Nachmittag; sogar der Zephyr schien die Stille dieser wehmüthigen Scene nicht einmal durch ein Flüstern stören zu wollen. Am Bord der Minerva war kein Zeichen des Lebens – kaum eines des Todes – zu erblicken; nur an dem Vorderraa-Arm gewahrte man einen einzelnen Klappläufer Eine besondere Art von Taljen oder Takeln, worunter man die auf Schiffen üblichen Hebemaschinen versteht.
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, mit dem einen Ende nach Innen gekehrt, während das andere längs der Raa hinlief und durch den Einschieb-Block bis auf das Verdeck herabreichte. Unterhalb dieser einfachen, aber bezeichnenden Maschinerie war über zwei von den Kanonen eine Platform gedeckt; da sie aber am inneren Borde angebracht war, so mußte sie nothwendig, die Leute auf der Minerva selbst ausgenommen, allen übrigen Zuschauern verborgen bleiben.

Raoul war mit diesen Vorkehrungen wohl vertraut, und sein erfahrenes Auge entdeckte alsbald das besondere Tau, welches die arme Ghita in so kurzer Zeit ihres Großvaters berauben sollte, während es sich für diese selbst, so wie für ihren Oheim unter der Masse des Tauwerks verlor, von welchem es umgeben war.

Zehn Minuten mochten unter diesem feierlichen Schweigen verstrichen sein; die Zahl der Boote schien unterdessen immer noch zuzunehmen, und auf den verschiedenen Schiffen ertheilte man der Mannschaft die Erlaubniß, sich Punkte zu suchen, von denen sie ein Schauspiel mit ansehen konnten, das ihnen, wie man hoffte, als kräftige Warnung dienen sollte.

Auf einem Kriegsschiffe gehört es zu der Etikette: »die Mannschaft so dicht wie möglich beisammen zu behalten,« denn man hält es für ein Zeichen eines wohlgeordneten Fahrzeugs, wenn recht wenige Leute sichtbar sind, die Fälle natürlich ausgenommen, wo der Dienst es mit sich bringt, daß sie sich blicken lassen. Diese strenge Regel hatte man übrigens für den jetzigen Moment außer Augen gelassen, und die gährenden Massen, welche die Minerva rings umwogten, hatten Tausende von Zuschauern dahin gesendet, welche, Bienen gleich, an den Masten herumschwärmten.

Mitten unter diesen Zeichen der Erwartung ließ sich auf dem Foudroyant die Bootmanns-Pfeife vernehmen; vier Ehrenposten zeigten sich auf der großen Fallreepstreppe – eine Achtungsbezeigung, welche keinem Offiziere unter dem Range eines Kapitäns erwiesen wurde. Raoul's Boot war blos fünfzig Schritte von jener Stelle entfernt; in müssiger Neugier drehte er den Kopf, um zu sehen, wer wohl in das Langboot steigen würde, das am Fuße der langen Treppenflucht angelegt hatte.

Ein Fremder mit zwei Epauletten kam zuerst; ihm folgten zwei Herren in Civil und ein Seelieutenant: sie stiegen einer nach dem andern herab und setzten sich im Boote nieder. Im nächsten Augenblicke senkten sich die Ruder: das Boot wirbelte rund herum, an dem Spiegel des Foudroyant vorüber, und kam schnurgerade gegen Raoul herangerudert. Vier bis fünf langgezogene Ruderschläge, wie die Mannschaft auf einem Kriegsschiffe sie zu führen geübt ist, – genügten, um das lange, schmale Boot dem gewünschten Punkte nahe zu bringen: dann hielten die Leute mit Rudern inne, und der kleine Nachen schaukelte sich zehn Schritte von des Kapers Boote ruhig auf der Stelle.

Jetzt erst entdeckte Raoul zu seiner Ueberraschung, daß die beiden Civilpersonen Niemand anders, als Andrea Barrofaldi und Vito Viti waren; sie hatten nämlich Cuffe und Griffin, ihre beiden Gefährten auf dem Langboot, auf einer Kreuzfahrt begleitet, welche ausdrücklich in der Absicht, ihn selbst nebst seinem Schiffe gefangen zu nehmen – unternommen worden war.

Ein Anderer würde sich in so unmittelbarer Nähe mit seinen Feinden ziemlich unbehaglich gefühlt haben: Raoul Yvard aber war durch diesen Umstand eher ergötzt als beunruhigt. Er verließ sich auf seine Verkleidung, und war mit solchen Abenteuern viel zu vertraut, um nicht seine ganze Ruhe und Selbstbeherrschung zu bewahren. Die beiden Engländer kannte er natürlich nicht; doch wußte er genau, daß sich die Proserpina auf der Rhede befand, und konnte also mit ziemlicher Bestimmtheit deren Identität, so wie die Umstände errathen, welche so ungleichartige Genossen zusammengeführt hatten.

Er hatte nicht die Vorsicht gebraucht, sein Gesicht zu verstellen, und die rothe phrygische Mütze, welche er gleich tausend anderen Lazzaroni's in der Bai trug, ließ jede Miene, jeden Zug deutlich erkennen. Bei Ghita dagegen war der Fall ganz anders. Sie sowohl als ihr Oheim waren den beiden Elbanesern weit besser bekannt, als der Kapersmann; aber Beide hatten das Antlitz in stummem Gebete verhüllt.

»Die ganze Geschichte will mir nur halb gefallen, Griffin,« bemerkte der Kapitän, sobald sein Boot still gestanden war, »und von ganzem Herzen wünschte ich, daß wir nichts damit zu schaffen hätten. Ich kannte diesen alten Caraccioli: er war ein kreuzbraver Mann, und was seine Verrätherei betrifft, so ist's in Zeiten wie die jetzigen und bei einer Nation wie die seinige – gar nicht so leicht zu bestimmen, wer ein Verräther ist oder nicht. – Ha! bei meiner Seele! ich glaube, das ist derselbe alte Mann mit dem nämlichen hübschen Mädchen, der noch vor einer halben Stunde wegen eben dieser Execution bei Nelson Audienz hatte!«

»Was konnte sie wohl mit Prinz Caraccioli oder seiner Verrätherei zu schaffen haben, Sir? – Der alte Knabe steht aus wie ein Stubenhocker, scheint aber doch kein Priester zu sein; das Mädchen aber – das ist in der That hübsch aufgetakelt. Ich denke mir aber, ihr Gesicht muß nicht sonderlich schön sein, sonst würde sie sich nicht so viel Mühe geben, es zu verbergen.«

Raoul murmelte ein ›Sacr-r-e‹ zwischen den Zähnen, vermochte aber dennoch, alle äußeren Zeichen seines Unmuths zu unterdrücken. Cuffe dagegen hatte keinen Grund, besondere Zurückhaltung zu beobachten, denn vor seiner eigenen Bootsmannschaft war er gewohnt, sich weit offener als vor den übrigen Leuten zu äußern.

»Wenn es dieselbe ist, die wir in der Kajüte sahen, dann hat sie nicht nöthig, sich zu verstellen,« gab er zur Antwort; »ein hübscheres, züchtigeres Mädchen ist mir nicht leicht vor Augen gekommen. Was sie eigentlich wollte, das kann ich nicht sagen, denn sie sprachen Beide italienisch mit einander, und ›Miladi‹ hat das ganze Gespräch so ziemlich für sich behalten. Ihre freundlichen Blicke scheinen aber den alten Junggesellen, unsern Friedensrichter, bezaubert zu haben, denn er beäugelt sie auf eine Art, als ob er sein Herz für die Schönheit zu erschließen Lust hätte. Fragt ihn einmal auf italienisch, in welches Sirenennest er jetzt wohl gerathen sei?«

»Ihr scheint neben der Minerva noch sonst etwas Sehenswürdiges gefunden zu haben, Signor Podesta,« bemerkte Griffin halblaut; »ich hoffe, es wird nicht die Venus sein.«

» Cospetto!« grinste Vito Viti, indem er seinen Nachbar, den Vicestatthalter, mit dem Ellbogen anstieß und nach dem Boot hinüberwinkte, »ob das wohl nicht die kleine Ghita ist, die wie ein Komet auf unserem Eilande erschien und wieder verschwand! – oder mit was soll ich sonst ihr plötzliches, außergewöhnliches Abhandenkommen vergleichen, Signor Andrea?«

»Mit dem des Irrwisches oder Ving-y-Vings,« fiel Griffin ein, der die beiden Würdenträger jetzt, da er sie auf der See bei sich hatte, keineswegs mit jenen Witzen verschonte, die Einem auf Kriegsschiffen meistens so geläufig sind. »Auch er kam auf höchst außergewöhnliche Weise abhanden; vielleicht, daß die Dame und der Lugger mit einander davon flogen.«

Vito Viti murmelte eine Antwort; denn er hatte mittlerweile einsehen gelernt, daß er, verglichen mit der Rolle, die man ihn auf seiner Heimathinsel hatte spielen lassen, am Bord der Proserpina in ganz verschiedenem Lichte betrachtet wurde. Er hätte sich übrigens wohl auch laut geäußert; doch in diesem Augenblicke stieg eine Rauchsäule aus dem unteren Bord der Minerva empor – eine gelbe Flagge wehte auf dem Verdeck – und dann hörte man den Knall der Signalkanone.

Es wurde schon gesagt, daß die Kriegsschiffe von vier verschiedenen Nationen in jenem Augenblicke auf der Rhede von Neapel vor Anker lagen. Nelson war kurze Zeit vorher mit siebzehn Linienschiffen eingelaufen, und hatte überdieß noch mehrere seiner Landsleute im Hafen angetroffen. Diese bedeutende Streitmacht war versammelt worden, um einen erwarteten Angriff auf die Insel Minorca zurückzuweisen, und wurde noch so lange beisammen gehalten, als man über die ferneren Bewegungen des Feindes in Ungewißheit war. Aus dem schwarzen Meere war eine russische Flotte herbeigekommen, um gegen die Franzosen zu operiren; mit ihr war ein Geschwader des Großherrn erschienen, um so der Welt das sonderbare Schauspiel darzubieten, wie sich die Anhänger Luthers, die Gläubigen der griechischen Kirche und die Kinder Muhameds zur Vertheidigung ›unserer Heimath, unseres Rechtes und Altars‹ vereinigt hatten. Zu diesen Schiffen kam noch ein kleines neapolitanisches Geschwader, das die Zahl der vier verschiedenen Nationalflaggen voll machte, welche nun alle dem traurigen Schauspiel, das wir zu schildern im Begriffe stehen, als Zeugen anwohnen sollten.

Die gelbe Flagge, so wie die Signalkanone brachte auf sämmtlichen Flotten Alles, was mit dem Dienste zusammenhing – zum Stillstand. Die heiseren Kommandorufe verstummten – die Bootsmänner und ihre Mate's legten ihre Signalpfeifen beiseite, und die lärmenden Kadeten vernahmen keine Befehle mehr, die sie wiederholen konnten. Die Matrosen traten auf dem Seitenbord ihrer betreffenden Schiffe zusammen; in Aller Augen malte sich Neugierde und Erwartung. Die Spieren glichen den Aesten eines Waldes, wenn sie dicht mit Bienen bedeckt sind; Klüshölzer, Hackbords, Laufplanken und die Ausläufer des Takelwerks waren mit schimmernden Hüten, glänzenden Epauletten und Knöpfen und dunkelblauen Uniformen besetzt – zum Zeichen, daß sie von den bevorrechteten Klassen eingenommen worden.

Trotz dieser Neugierde war übrigens auf keinem Gesichte eine Spur jener Befriedigung sichtbar, welche sich bei dem Anblicke eines verdienten Strafgerichts zu äußern pflegt. Ein düsterer Ausdruck beschattete offenbar alle die grimmigen Physiognomien dieser Krieger der Tiefe, und Engländer, Russen, Neapolitaner und Türken schienen ihr ganzes Mitgefühl nicht der Majestät der Gerechtigkeit, sondern dem Verurtheilten zuzuwenden.

Doch wurde kein Murren gehört – kein Zeichen der Widersetzlichkeit ließ sich vernehmen – nirgends war ein Blick des Vorwurfs zu bemerken. Der unsichtbare Mantel der Amtsgewalt breitete sich über das Ganze, und alle die Massen von Unzufriedenen unterwarfen sich diesem Einflusse, wie wir uns vor dem vermeintlichen Willen des Schicksals beugen. Die tiefgewurzelte, unwiderstehliche Gewohnheit der Mannszucht unterdrückte jede Klage; aber die Ueberzeugung war allgemein vorherrschend, daß jetzt eine Handlung beginnen sollte, welche im Interesse der Menschlichkeit und Gerechtigkeit besser ungeschehen bliebe, oder, wenn sie dennoch vollzogen werden sollte, wenigstens einer passenderen Form, größerer Ueberlegung und genauerer Untersuchung bedurft hätte, um so vollzogen zu werden, daß sie zu der Besserung anderer Menschen beigetragen hätte.

Die Türken allein ließen auch in ihrer Unterwürfigkeit ihre gewöhnliche Apathie bemerken. Diese Diener des Fatums blieben kalt, obgleich selbst bis zu ihnen das leise Gerücht gedrungen war, daß eine böse Stimmung auf der Flotte vorherrsche, und daß ein großer, stolzer Geist von der Leidenschaft überwältigt worden sei, welche oft die größten Helden ihrer Unabhängigkeit und Selbstbeherrschung beraubt.

Ghita hörte auf zu beten, sobald ihr der rauhe Donner des Geschützes zu Ohren drang, und wagte sogar mit überströmenden Augen nach der Fregatte hinzublicken. Auch Raoul und alle Uebrigen starrten nach derselben Richtung.

Die Seeleute unter der Gruppe sahen das Tau am Vorderraa-Arme sich bewegen und dann langsam einige Köpfe über die Hängemattentücher hervorkommen; in diesem Augenblicke wurde der Gefangene mit dem begleitenden Priester der ganzen Länge nach sichtbar.

Der unglückliche Caraccioli hatte wie gesagt seine vollen siebzig Jahre nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur verlebt, und sein kahles Haupt zeigte nunmehr die Spuren dieses Alters. Er war ohne Oberkleid; die Arme, an den Ellbogen auf dem Rücken zusammengebunden, ließen seinen Händen gerade noch so viel Spielraum, daß sie die kleineren Dienste an seiner Person verrichten konnten. Sein Nacken war bloß; der verhängnißvolle Strick, der fest genug darum geschlungen war, um alle Unfälle zu verhindern, schien das Opfer beständig an seine empörende Bestimmung erinnern zu wollen.

Unter dem auf den Booten versammelten Volke entstand ein leises Gemurmel, als ihnen dieser Anblick vor Augen trat, und manches Haupt war zum Gebete niedergebeugt.

Der Verurtheilte schöpfte aus dieser Aeußerung des Mitleides einen Strahl des Trostes, und schaute einen Augenblick lang mit einer Miene um sich, als ob jene weltlichen Gefühle wieder in ihm aufleben wollten, welche er seit der Stunde, da er von Ghita Abschied genommen und zugleich erfahren hatte, daß seine letzte Bitte – die festgesetzte Todesart zu ändern, abgeschlagen worden – mit aller Anstrengung in seinem Herzen zu vertilgen gestrebt hatte.

Es war ein furchtbarer Moment für einen Mann, der, wie Don Francesco Caraccioli, reich und von hoher Geburt, für seine Dienste geehrt und an Achtung und Unterwürfigkeit gewöhnt, mitten auf dem Schauplatze, der ihn jetzt umgab, so lange Jahre verlebt hatte. Nie war ihm das prachtvolle Panorama jenes Golfes so lieblich erschienen, als in dem Augenblicke, da es ihm – und zwar durch einen gewaltsamen, schmachvollen Tod – für immer entrissen werden sollte. Von den purpurnen Gebirgen und der tiefklaren Himmelsdecke über ihnen – von dem blauen Gewässer, über dem er bereits zu schweben schien – von dem sonnigen Gestade, reich an Städten, Dörfern und Weingärten, wandte sich sein Auge nach der Welt von Schiffen, deren jedes von Massen lebendiger Wesen wimmelte. Ein kummervoller Blick des Vorwurfs fiel auf die kleine Flagge, welche eben von dem Besantopp des Foudroyant herüberwehte; dann glitt er auf den Teppich von Gesichtern zu seinen Füßen, der die Oberfläche des Wasserspiegels in eine wogende Masse von Menschenköpfen zu verwandeln schien.

Plötzlich zeigte sein Blick Festigkeit, obwohl sich seine Seele noch in Aufruhr befand. Er hatte Ghita an ihrem Begleiter, so wie an der Kleidung erkannt. Bis an den Rand seines schmalen Schaffotes vorschreitend, suchte er seine Arme nach ihr auszustrecken und ihr nochmals laut seinen Segen hinüber zu rufen. – Das arme Mädchen sank mitten in dem Boote auf die Kniee, neigte das Haupt, und verharrte in dieser demüthigen Stellung, bis Alles vorüber war.

»Sohn,« sprach der Priester, »dieß ist ein Augenblick, wo du die Erde und all' ihre Gefühle vergessen mußt.«

»Ich weiß es, Vater,« antwortete der alte Mann, und seine Stimme zitterte vor innerer Bewegung, denn seine Gefühle waren zu mächtig und erhaben, um der demüthigenden Empfindung der Furcht Raum zu gestatten; »aber noch nie ist dieses schöne Stück der Schöpfung meinen Augen so lieblich erschienen, als eben jetzt, da ich es für immer verlassen soll.«

»Blicke über diesen Schauplatz hinüber in das weite Reich der Ewigkeit, Sohn; dort wirst du eine Herrlichkeit finden, mit welcher keines dieser irdischen Güter verglichen werden kann. – Doch ich fürchte, unsere Zeit wird nur kurz sein; hast du noch irgend ein fleischliches Anliegen?«

»Mache bekannt, heiliger Priester, daß ich noch in meinem letzten Stündlein für Nelson und alle Diejenigen gebetet habe, welche dazu beigetragen, mir dieses Ende zu bereiten. Für den Glücklichen, der nie eine Versuchung zu bestehen hatte, ist es leicht, Andere zu verdammen; der aber ist weiser und wandelt einen sichrem Pfad, der seine Zuversicht mehr auf Gottes Güte als in seine eigenen Verdienste setzt.«

Ein Strahl der Freude flog über das bleiche Antlitz des Priesters – eines wahrhaft frommen Mannes, da ihn sonst die persönliche Furcht vor den Folgen ferne von einer solchen Scene gehalten haben würde. Er schloß die Augen und dankte Gott in den geheimsten Tiefen seiner Seele für Seine Gnade.

»Sohn,« so begann er dann wieder in ermunterndem Tone zu dem Fürsten zu reden, »wenn du mit dem wahren Glauben an den Sohn Gottes und in solch' frommer Stimmung gegen deine Mitgeschöpfe aus der Welt scheidest, so bist du unter dieser ganzen Menschenmenge Derjenige, der am meisten beneidet werden dürfte. Richte deinen Geist im Gebete noch einmal auf Ihn, der dir allein in deinen Nöthen beistehen kann.«

Caraccioli kniete mit Hilfe des Priesters auf dem Schaffote nieder, denn der Strick war locker genug, um ihm diese Handlung der Demuth zu gestatten; der Andere betete neben ihm auf den Knieen.

»Gäbe Gott, daß Nelson nichts mit der Sache zu schaffen hätte!« murmelte Cuffe, indem er sein Gesicht wegwendete und seine Augen unwillkürlich auf den Foudroyant richtete, unter dessen Spiegel das Langboot lag. Dort auf der Hintergalerie stand die schon erwähnte Dame und schien die Schreckensscene mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Niemand als ein Mädchen war in ihrer Nähe, da ihre männlichen Freunde nicht dazu gelaunt waren, ihr Gesellschaft zu leisten.

Cuffe wandte sich mit größerem Unmuth von diesem Anblicke ab – in demselben Moment erhob sich ein allgemeiner Schrei aus den Booten. Sich umschauend hatte er gerade noch Zeit, zu bemerken, wie der unglückliche Caraccioli mit einem stätigen Ruck aus seiner knieenden Stellung emporgezogen wurde, bis sein Nacken an der Fockraa anstieß, während sein Begleiter, im Gebet verloren, allein auf dem Schaffote zurückblieb.

Eine schauerliche Minute lang dauerte der Kampf zwischen Leben und Tod; dann hing der Körper – noch kaum zuvor der Wohnsitz eines unsterblichen Geistes – gleich einem der Leesegelfallblöcke des Schiffes am Ende der Spiere und baumelte, gefühllos wie das Holz, das ihn trug, im Hauch der Lüfte.

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