Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der Irrwisch oder der Kaper

James Fenimore Cooper: Der Irrwisch oder der Kaper - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Irrwisch oder der Kaper
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1853
printrunDritte Auflage
translatorEduard Mauch
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180603
projectid8463216d
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Es war in einer sturmbewegten Nacht,
Da sah man Boote an der Insel landen,
Und hier und dort ein Licht ward angefacht,
Das Schiff und Ruder zeigt' uns lust'ge Banden.
Man ruft sie an – das Rudern schweigt – die Finsterniß kehrt wieder.
»Irrwische sind's! – Sie spielen blinde Kuh! Kommt heim, ihr Brüder!«

Dana.

 

Es war schon finster, als Raoul das Statthaltereigebäude verließ, wo Andrea Barrofaldi mit Vito Viti in des Ersteren Bibliothekzimmer zurückblieb. Kaum hatte der junge Mann der Thüre den Rücken zugekehrt, als der Vicestatthalter, der nun einmal in der Laune war, alle Schätze seines Geistes zu entfalten, das frühere Gespräch wieder aufnahm, das, wie er fand, seiner Selbstachtung so großen Vorschub leistete.

»Es ist leicht zu bemerken, guter Vito Viti, daß dieser junge Engländer ein Jüngling von edler Abkunft ist, obgleich seine Erziehung nicht die beste gewesen,« begann der Vicestatthalter; »sein Vater, Milordo Smees, hat ohne Zweifel eine zahlreiche Familie, und in Beziehung auf das Geburtsrecht herrschen in England ganz andere Gebräuche als in Italien. Dort erbt nur der älteste Sohn die Titel und Ehren der Familie, und die jüngeren werden in der Armee und der Marine untergebracht, um sich selbst neue Auszeichnung zu erwerben. Nelsoni ist der Sohn eines Priesters, wie ich höre –«

» Cospetto! eines Paters!« fiel der Podesta ein. »Das ist ja wahrhaft schamlos, Signor Vicestatthalter, so etwas nur zu gestehen. Der Priester muß ja vom Teufel besessen sein, der seine Nachkommenschaft selbst eingesteht, wenn er auch gleich welche haben kann.«

»Ja, siehst du, guter Vito, auch darin unterscheiden sich die Lutheraner von uns Katholiken. In England, das mußt du ja nicht vergessen, dürfen die Priester heirathen, bei uns aber nicht.«

»Einem solchen Pater möcht' ich nicht in die Beichte gehen! – Der Mann würde seinem Weib gewiß Alles haarklein erzählen, was ich ihm beichtete, und nur die Heiligen könnten wissen, was noch am Ende daraus werden sollte. Porto Ferrajo würde wohl bald viel zu heiß werden, als daß es ein ehrlicher Mann – ja sogar eine ehrbare Frau daselbst aushalten könnte.«

»Ei, weißt du denn nicht, daß die Lutheraner gar nicht beichten und niemals über ihre Sünden abgehört werden?«

»San Stefano! – Wie können sie dann aber jemals erwarten, in den Himmel zu kommen?«

»Ich will auch gar nicht dafür stehen, daß sie dahin gelangen, Freund Vito; und wenn sie auch solche Erwartungen hegen, so dürfen doch wir als gewiß annehmen, daß sie sich gewaltig dabei täuschen. – Doch um wieder auf unsern Sir Smees zu kommen – bemerktest du nicht in seiner Miene, in seinem ganzen Wesen die Feinheit der angelsächsischen Rasse, eines Volkes, das nach Geschichte und Charakter von dem der alten Gallier streng geschieden ist? Pietro Giannone spricht in seiner Storia Civile del Regno di Napoli mit großem Interesse und sehr detaillirt von den Normännern, einem besonderen Zweige jener Abenteurer, und ich glaube gerade an diesem Jüngling einige der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten unterscheiden zu können, welche in jenem gutgeschriebenen, nur etwas zu freien Werke so vortrefflich geschildert sind. – Nun, Pietro, ich sprach nicht von dir, sondern von einem deiner Namensvettern aus der Familie der Giannonen, einem berühmten und verdienstvollen Geschichtschreiber aus Neapel – was willst du denn?«

Diese Frage war an einen Diener gerichtet, der in diesem Augenblicke in's Zimmer trat, und ein Blatt Papier in der Hand hielt, das er seinem Herrn zu übergeben wünschte.

»Ein Cavalier ist draußen, Signor Andrea, und bittet um die Ehre einer Audienz; er schickt einstweilen dieses Papier, worauf Eure Eccellenza alles Weitere finden werden.«

Der Vicestatthalter nahm das Stückchen Papier und las laut:

» Edward Griffin, tenente della marina Inglese Edward Griffin, Lieutenant in der englischen Marine.
D. U.

»Aha, da kommt ein Offizier von dem ›Ving-y-Ving‹ mit einer Mittheilung, Freund Vito! 's ist ein Glück, daß du noch hier bist und hören kannst, was er zu sagen hat. – Heiße den Lieutenant nur eintreten, Pietro.«

Wer sich besser als Andrea Barrofaldi auf die Engländer verstanden hätte, würde auf den ersten Blick überzeugt gewesen sein, daß Der, der jetzt eintrat, in der That ein Eingeborner jenes Landes sein mußte. Es war ein junger Mann von ungefähr zwei bis drei und zwanzig Jahren, mit einem vollen, röthlichen, gutmüthigen Gesicht; er trug die gewöhnliche Uniform des Staates, dem er anzugehören behauptete, und seine Miene, wie sein ganzes Wesen verrieth sowohl seinen Stand als das Land seiner Abstammung.

Er sprach gleich die ersten Worte der Begrüßung in recht gutem Italienisch, und seine Bekanntschaft mit dieser Sprache war auch der eigentliche Grund, warum er zu seinem jetzigen Dienste auserlesen worden war. Nach dieser Einleitung gab er Andrea ein Stück Pergament in die Hand mit den Worten:

»Wenn Ihr Englisch versteht, Signore, so werdet Ihr aus diesem meinem Patente ersehen, daß ich wirklich die Person bin, für die ich mich ausgebe.«

»Ohne Zweifel gehört Ihr zu dem Ving-y-Ving, Herr Lieutenant, und seid einer von Sir Smees' Offizieren?«

Der junge Mann schien überrascht und halb und halb zum Lachen geneigt: sein Sinn für das Schickliche ließ jedoch diese unzeitige Neigung nicht zum Ausbruch kommen.

»Ich gehöre zu seiner britannischen Majestät Schiffe Proserpina, Signore,« gab er trocken zur Antwort, »und weiß nicht, was Ihr mit dem Ving-y-Ving sagen wollt. Kapitän Cuffe, der Kommandant der Fregatte, die Ihr heute Morgen außerhalb Eures Hafens gesehen, hat mich in der diesen Abend eingelaufenen Felucke hergeschickt, um Nachricht über den Lugger einzuziehen, auf den wir um neun Uhr in der Frühe von Süden her Jagd machten, und der jetzt, wie ich sehe, schon wieder wohlbehalten in dieser Bai vor Anker liegt. Unser Schiff stand, als ich es verließ, noch hinter Capraya, wird aber noch vor Tagesanbruch hier sein, um mich wieder einzunehmen und die gewünschten Neuigkeiten zu erfahren, wenn anders der Wind wieder bis dahin zu wehen anfängt.«

Andrea Barrofaldi und Vito Viti standen erstarrt, gerade wie wenn ein Bote der Unterwelt vor ihnen erschienen wäre, um sie für ihre Missethaten abzuberufen. Lieutenant Griffin sprach für einen Ausländer ungewöhnlich gut italienisch, und seine Art zu verfahren war so offen und gerade, daß aller Schein von Wahrheit für ihn sprach.

»Ihr wißt nicht, was ich mit dem Ving-y-Ving sagen will?« fragte der Vicestatthalter mit Pathos.

»Die Wahrheit zu gestehen – nein, Signore. Ving-y-Ving ist nicht englisch, und ebensowenig kann ich es als italienisch erkennen.«

Mr. Griffin büßte bei dem Vicestatthalter nicht wenig durch diese Behauptung ein, welche einen Zweifel an Andrea's Kenntniß fremder Sprachen aufkommen lassen wollte.

»Wenn ich Eure Meinung recht verstehe, Herr Lieutenant, so behauptet Ihr, Ving-y-Ving sei nicht englisch?«

»In der That, das thu' ich, Sir, wenigstens kein Englisch, wie ich es jemals zu Land oder zur See vernommen habe, und wir Seeleute haben doch eine ganz eigene Sprache.«

»Wollt Ihr mir dann vielleicht die Frage erlauben, wie unser italienisches ala e ala in der wörtlichen Uebersetzung lautet?«

Der Lieutenant schwieg eine Weile, im Nachsinnen verloren. Dann brach er unwillkürlich in ein Lachen aus, dem er jedoch augenblicklich wieder mit ernster, achtungsvoller Miene Einhalt that.

»Jetzt glaube ich Euch zu verstehen, Signor Vicestatthalter,« sprach er; »wir haben einen ähnlichen Seeausdruck, um ein Schiff zu bezeichnen, das seine Segel kreuzweis über beide Borde gestellt hat; wir aber nennen das Ving and Ving.«

» Si, Signore – Ving-y-Ving. Das ist der Name des königlichen Luggers, der jetzt in unserer Bai liegt.«

»Aha, das haben wir uns gedacht, Signori; der Schurke hat Euch getäuscht, wie er's schon Hunderten vor Euch gemacht hat und noch hundert Anderen machen wird, wenn wir ihn heute Nacht nicht abfangen. Der Lugger ist ein berüchtigter französischer Kaper, auf den eben in diesem Augenblicke sechs unserer Kreuzer – unsere eigene Fregatte mit eingeschlossen – Jagd machen. Er heißt der Irrwisch, was aber auf Englisch nicht Ving and Ving, sondern Jack-o'-Lantern und auf Italienisch il Fuoco fatuo heißt. Sein Kommandant ist Raoul Yvard, der verzweifeltste Seeabenteurer in der ganzen französischen Marine; dabei soll der Bursche übrigens auch manche gute – ja sogar edle Eigenschaften besitzen.«

Mit jedem Worte, das der Lieutenant sprach, verschwand ein neues Geschichtsblatt aus dem Gedächtnisse seines Zuhörers. Der Vicestatthalter hatte Raoul Yvards Namen, so wie den des Irrwisches schon früher vernommen – hatte ja doch die Erbitterung eines heftigen Krieges den Letzteren fast bis zum Seeräuber angeschwärzt!

Der Gedanke, daß ein Kaper ihn an der Nase herumgeführt – ja, daß er selbst noch kaum vor einer Stunde ihn mit Ehren und Gastfreundschaft überhäuft habe, war für seine Philosophie beinahe zu viel. Der Mensch unterwirft sich nicht leicht ohne Kampf einer so demüthigenden Empfindung, und ehe Andrea dem, was ihm so eben mitgetheilt wurde, vollen Glauben schenken konnte und wollte, war es wohl natürlich, daß er die ersten besten Einwürfe, die sich ihm darboten, geltend machte.

»Das Alles muß auf einem Mißverständnisse beruhen,« bemerkte der Vicestatthalter; »es gibt ebensogut englische wie französische Lugger, und dieser hier gehört zu den ersteren. Der Kommandant ist ein trefflicher englischer Edelmann, ein Sohn von Milordo Smees, und wenn auch seine Erziehung einigermaßen vernachlässigt wurde, so erweist er doch seine Abstammung und seinen Nationalcharakter in Allem, was er sagt und thut. Der Ving-y-Ving wird von Sir Smees, einem jungen, verdienstvollen Offizier befehligt, wie Ihr selbst, Signore, an den Manövern des heutigen Morgens gesehen haben müßt. Gewiß habt Ihr schon von dem Capitano Sir Smees, dem Sohne des Milordo Smees vernommen?«

»Wir läugnen keineswegs, Vicestatthalter, daß seine Flucht heute Morgen ein feines Stückchen war, denn an dem Burschen ist jeder Zoll ein Seemann; er ist tapfer wie ein Löwe, aber auch unverschämt wie ein Bettlerhund. Auf allen unsern Luggern ist weder ein Sir Smees noch ein Sir Irgendwersonst zu finden. Im mittelländischen Meere haben wir überhaupt gar keine Kreuzer dieser Art; und die zwei oder drei, die wir sonst besitzen, werden von alten Seehunden befehligt, welche auf ihren Fahrzeugen aufgewachsen sind. Was die Sir's betrifft, so geht's damit überhaupt bei uns sehr sparsam her, wenn auch die Schlacht am Nil für die Marine einige derartige Titel herausgeschlagen hat. Dann werdet Ihr auch nicht leicht eines Edelmannes Sohn auf einer solchen Nußschale finden, denn Edelleute dieser Art gehen gewöhnlich vom Quarterdeck einer Fregatte auf eine gute Schaluppe über, und steigen dann, nachdem sie das kleine Ding so ungefähr ein Jährchen kommandirt haben, abermals als Packetbootskapitäne irgend auf einen Schnellsegler.«

Von all' Dem mußte unserem Statthalter gar Manches höchst kauderwälsch klingen, denn Griffin war ausschließlich nur Seeoffizier, und glaubte, Jedermann müsse an solchen Dingen denselben Antheil wie er selbst nehmen.

Wenn übrigens der Vicestatthalter auch nur die Hälfte von Dem verstand, was der Andere meinte, so genügte diese Hälfte schon vollkommen, um ihn ausnehmend unruhig zu stimmen. Schon das natürliche Benehmen des Lieutenants konnte ihn von der Wahrheit seiner Worte überzeugen, und seine Versicherungen erweckten mit einem Male wieder alle früheren Verdachtsgründe, die gegen den Lugger angeführt worden waren.

»Was sagt Ihr, Signor Vito Viti?« fragte Andrea; »Ihr seid ja bei meiner Unterredung mit Sir Smees zugegen gewesen?«

»Daß wir von einem der glattzüngigsten Spitzbuben, die je einen ehrlichen Mann angeführt, betrogen worden sind, wenn überhaupt ein Betrug stattgefunden hat, Vicestatthalter; gestern Abend würde ich Letzteres geglaubt haben – seit der Flucht und Wiederkehr des Luggers hätte ich aber darauf geschworen, daß wir einen trefflichen Freund und Bundesgenossen in unserer Bai hätten.«

»Ihr habt aber doch Signale mit ihm gewechselt, Herr Lieutenant, und das ist doch ein Zeichen von Freundschaft und Einverständnis«

»Wir steckten allerdings unsere Nummer auf, als wir den Lugger mit einer englischen Flagge vor uns sahen, denn wir glaubten nicht, daß ein Franzmann so ruhig in einem toskanischen Hafen liegen könnte. Die Antwort aber, die wir erhielten, war reiner Unsinn, und dann erst erinnerten wir uns, von diesem nämlichen Raoul Yvard gehört zu haben – wie er gewohnt sei, an der ganzen italienischen Küste solche Streiche zu spielen. Einmal auf der rechten Fährte, waren wir nicht die Männer, die sich so leicht wieder abtreiben ließen. Die Jagd habt Ihr gesehen, und das Resultat ist Euch bekannt.«

»Es muß doch ein Irrthum bei dem Allen obwalten! Wäre es nicht gut, Signore – wenn Ihr selbst den Kommandanten des Luggers sehen – oder Euch an Bord seines Schiffes begeben würdet, um Euch mit eigenen Augen von der Wahrheit oder Falschheit Eurer Vermuthungen zu überzeugen? In zehn Minuten wäre jeder Zweifel gehoben.«

»Verzeiht mir, Herr Vicestatthalter; wollte ich mich jetzt an Bord des Irrwisches begeben, so könnte ich leicht bis zum nächsten Frieden als Gefangener daselbst verbleiben. Ich muß noch zwei Schritte weiter thun, ehe ich mich dieser Gefahr aussetzen kann. Dann darf ich ja auch Yvard von meiner Anwesenheit nichts wissen lassen, sonst jagen wir den Vogel selber auf, und er fliegt davon, noch ehe wir das Netz zugezogen haben. Meine Befehle gehen auf's Bestimmteste dahin, Niemand als die Behörden der Insel von meiner Anwesenheit und deren Absicht hören zu lassen. Alles, was wir von Euch verlangen, ist – den Lugger bis zum Morgen hier zurückzuhalten, dann wollen wir schon dafür sorgen, daß er die italienische Küste nie wieder beunruhigen soll.«

»Ei, Signore, wir haben ja auch unsere eigenen Kanonen und könnten leicht mit einem so kleinen Dinge fertig werden, wenn wir einmal gewiß wüßten, daß es wirklich ein Feind ist,« erwiederte der Vicestatthalter nicht ohne einigen Stolz und Hochmuth in seinem Wesen; »überzeugt uns von dieser Thatsache, und wir bohren den Lugger im nächsten Augenblicke in den Grund.«

»Das ist's gerade, Signore, was wir nicht gerne geschehen lassen möchten,« antwortete der Lieutenant ernsthaft. »Nach den Vorgängen des heutigen Morgens hielt es Kapitän Cuffe für wahrscheinlich, daß Monsieur Yvard aus einem Grunde, der ihm selbst wohl am besten bekannt sein wird, sobald er uns los wäre, wieder hierher zurückkehren oder, da er sich gerade auf der Südseite der Insel befand, in Porto Lungone einlaufen würde. Hätte ich ihn also hier nicht getroffen, so war ich angewiesen, ein Pferd zu nehmen und nach dem andern Platze zu reiten, um dort meine Anstalten zu treffen. Wir wünschen den Lugger unter jeder Bedingung in die Hände zu bekommen, denn er ist bei ruhiger See der erste Schnellsegler im ganzen Mittelmeere, und könnte uns die herrlichsten Dienste leisten. Bei starkem Winde würde er's freilich nicht wohl mit der Proserpina aufnehmen können; bei mäßigem Luftzuge aber macht er immer seine sechs Schritte, bis wir deren fünfe vor uns bringen. Wenn Ihr nun Eure Batterien gegen ihn eröffnet, so wird er entweder entwischen oder untersinken, denn Raoul Yvard ist nicht der Mann, der einer Stadt gegenüber die Waffen streckt. Darum verlange ich gar nichts von Euch, als daß ich der Fregatte, sobald sie sich nähert, meine Nachtsignale geben darf, worauf ich mich bereits vorgesehen habe; Ihr selbst aber sollt den Franzmann, falls er absegeln will, mit allen möglichen Formalitäten und Chikanen wenigstens bis morgen früh aufhalten. Das Uebrige wollen wir dann auf uns nehmen.«

»Ich glaube kaum, daß wir eine Abfahrt des Luggers noch in dieser Nacht zu fürchten haben, Herr Lieutenant, denn sein Kommandant ließ als seine Absicht verlauten, mehrere Tage hier zu verweilen, und gerade diese seine Zuversicht und Sorglosigkeit nöthigt mich zu dem Glauben, daß er unmöglich Derjenige sein könne, für den Ihr ihn haltet. Wozu sollte auch Raoul Yvard überhaupt mit seinem Irrwische nach Porto Ferrajo kommen?«

»Das kann Niemand wissen: es ist einmal seine Gewohnheit so, und ohne Zweifel hat er seine Gründe dazu. Man sagt, er sei sogar einmal in Gibraltar gewesen, und so viel ist gewiß, daß er mehrere werthvolle Proviantschiffe mitten aus unseren Convois abgeschnitten hat. So viel ich bemerken konnte, ist ein österreichisches Schiff im Hafen, das eine Ladung Eisen führt; wahrscheinlich wartet er so lange, bis es seine volle Ladung hat, und findet es leichter, es hier vor Anker liegend zu bewachen, als wenn er sich draußen auf der See herumtriebe.«

»Ihr Herren Seeoffiziere habt doch eure ganz eigenen Wege, die nur euch bekannt sind: dieß Alles kann recht wohl der Fall sein, kommt mir aber immer noch wie ein Räthsel vor. Habt Ihr vielleicht außer dem Patent, das Ihr mir vorgewiesen, noch andere Beweise Eures Standes, Herr Lieutenant? Auch Sir Smees, wie ich bisher den Kommandanten des Luggers genannt habe, zeigte mir ein Patent, das eben so echt wie das Eure zu sein scheint, und er trägt eine Uniform, die ganz eben so englisch aussieht wie diese: welchen von euch Beiden soll ich jetzt für den Aechten halten?«

»Auch an diese Schwierigkeit haben wir gedacht, Signor Vicestatthalter, und ich bin darum mit allen nöthigen Nachweisungen aufs Beste vorgesehen. Mein Patent habe ich Euch schon eingehändigt als dasjenige Dokument, dessen Mangel leicht auf alle übrigen Beweise den Schein des Verdachtes werfen könnte. Hier ist aber auch ein Schreiben Eures Vorgesetzten aus Florenz, das uns der Freundschaft der Behörden sämmtlicher toskanischen Häfen anempfiehlt: Ihr werdet es wohl alsbald als ächt anerkennen. Kapitän Cuffe hat mich noch mit anderen Zeugnissen versehen, von denen Ihr nach Belieben Einsicht nehmen möget.«

Andrea Barrofaldi begann nunmehr alle ihm überreichten Papiere mit größter Vorsicht und Ueberlegung zu prüfen. Sie waren sammt und sonders so durchaus ächt, daß auch nicht der leiseste Zweifel übrig blieb: es schien unmöglich, gegen den Ueberbringer derselben noch irgend einen Argwohn zu hegen.

Dieß konnte allerdings viel dazu beitragen, den Signor Smees des Betrugs zu überführen; doch waren der Vicestatthalter und der Podesta beide noch immer der Meinung, Kapitän Cuffe möchte sich wohl in der Identität des Luggers getäuscht haben.

»Das ist unmöglich, Signori,« gab der Lieutenant auf diesen Einwurf zur Antwort; »wir kennen jeden englischen Kreuzer in diesen Gewässern wenigstens dem Namen und der Beschreibung nach; die meisten bekamen wir auch schon zu Gesicht. Der Lugger aber gehört nicht darunter, und Alles, was ich an ihm bemerken konnte, besonders seine Art zu segeln, verräth seinen wahren Namen. Wir hören, er habe einen Mann an Bord, der früher zu unserem eigenen Schiffe gehörte, mit Namen Ithuel Bolt –«

» Cospetto!« rief der Podesta; »dann allerdings müssen wir diesen Sir Smees für einen landstreicherischen Spitzbuben ansehen, denn dieß ist ja eben der Mann, den wir gestern Abend bei Benedetta trafen. Ein Amerikaner – nicht wahr, Herr Lieutenant?«

»So behauptet der Bursche wenigstens,« erwiederte der junge Mann erröthend, da er das Unrecht, das man dem Deserteur angethan hatte, nicht eingestehen mochte; »doch die Hälfte der brittischen Matrosen, die man heutzutage zu Gesicht bekommt, nennt sich selbst Amerikaner, um dadurch Seiner Majestät Dienste zu entgehen. Ich glaube eher, der Schuft stammt aus Cornwales oder Devonshire; er hat ganz die langsame Aussprache und den näselnden Singsang, wie er in jenem Theile der Insel zu Hause ist. Wenn er aber auch ein Amerikaner ist, so haben wir jedenfalls ein besseres Recht an ihn, als die Franzosen, denn er spricht unsere Sprache, stammt von unseren gemeinsamen Vorfahren ab, hat den gleichen Charakter, wie wir, und so wäre es durchaus unnatürlich, wenn ein Amerikaner einem andern Staate als England dienen wollte!«

»Das habe ich noch nicht gewußt, Vicestatthalter! – Ich glaubte, die Amerikaner seien im Allgemeinen uns Europäern gegenüber ein untergeordneter Volksstamm, und könnten sich fast in keiner Hinsicht mit uns vergleichen.«

»Da habt Ihr ganz recht, Signor Podesta,« fiel der Lieutenant hitzig ein; »sie sind ganz so, wie Ihr sie Euch vorstellt, das kann Jeder auf den ersten Blick erkennen. Wir in der Marine nennen sie nur entartete Engländer.«

»Und doch preßt ihr sie gelegentlich, Herr Lieutenant, und soviel ich von diesem Ituello gehört habe, sogar häufig, und ganz gegen ihren Willen – ja gewaltsam,« bemerkte Andrea Barrofaldi trocken.

»Ja, wie sollten wir das anders machen, Signore? Der König hat ein Recht auf alle seine Matrosen, deren er dringend bedarf, und da kann's in der Eile des Pressens wohl geschehen, daß man sich einmal versieht. Dann sind auch diese Yankee's unsern eigenen Leuten so ähnlich, daß selbst der Teufel sie nicht von einander unterscheiden könnte.«

Der Vicestatthalter meinte doch, in all' Dem liege immer einiger Widerspruch, was er auch gegen seinen Freund, den Podesta, äußerte; doch ließ er die Sache vorderhand auf sich beruhen, wahrscheinlich weil der junge Lieutenant, wie er versicherte, nur einen nationalen Beweis, wie man's nennen könnte, angeführt hatte: wie denn auch die englische Regierung fortwährend behauptete, es sei rein unmöglich, die Leute von einander zu unterscheiden, natürlich nur, wenn's den Marinedienst galt, denn an und für sich genommen, war nichts verletzender in ihren Augen, als die Behauptung, daß zwischen beiden Völkern im Charakter oder im Aeußern irgend eine Aehnlichkeit vorherrsche.

Die ganze Berathung endigte übrigens doch damit, daß die beiden Italiener sich endlich zu der Ansicht des Engländers bekehren ließen, und den Lugger in der That als den gefürchteten und gefährlichen Irrwisch anerkannten. Einmal von dieser Thatsache überzeugt, vereinigte sich das Gefühl der Beschämung und der Rachsucht über die erlittene Kränkung mit ihrem Diensteifer, um all' ihre Schritte zu beschleunigen und sie zu willigen Helfershelfern bei Ausführung von Kapitän Cuffe's Planen zu machen.

Es war vielleicht ein Glück für Raoul und seine Genossen, daß die englischen Offiziere, wie Griffin sich ausgedrückt hatte, so sehr danach verlangten, den Lugger lebendig zu bekommen, sonst wäre er wohl auf der Stelle, wo er lag, in Grund gebohrt worden, zu welchem Zwecke man nur ein paar Kanonen von ihrer Bettung zurückschieben und hinter einer der natürlichen Auffahrten zwischen den Klippen aufstellen durfte. Die Nacht war allerdings finster, aber doch nicht so sehr, daß ein Schiff wie der Irrwisch auf so kurze Entfernung völlig unsichtbar geworden wäre, und die Kanonade nicht hätte mit aller Sicherheit begonnen werden können.

Nachdem endlich alle Partien über den wahren Charakter des kleinen in der Bai befindlichen Fahrzeuges im Reinen waren, wurde über die näheren Details, wie man jetzt gegen ihn verfahren wollte, eine Berathung gehalten. Griffin erhielt ein Fenster in dem Statthaltereigebäude angewiesen, das sich gegen Capraya, d. h. in derjenigen Richtung öffnete, von wo man die Ankunft der Proserpina erwartete.

Der junge Mann stellte sich gegen Mitternacht auf seinen Posten, jeden Augenblick bereit, so wie er die Signale seines Schiffes gewahr würde, die blauen Lichter, mit denen er sich versehen hatte, spielen zu lassen. Die Lage des Fensters paßte trefflich zu seinem Plane, insofern die Lichter von der Stadt aus nicht gesehen werden konnten, während sie von der Seeseite her sehr gut zu erkennen waren. Auch mit den Signalen der Fregatte war es durchaus der gleiche Fall: die Höhen lagen gerade zwischen ihr und den Häusern der Stadt, und was vollends die Schiffe, die in der Bai selbst lagen, betraf, so war es physisch unmöglich, daß sie einen Gegenstand auf der See draußen nördlich vom Vorgebirge erblicken konnten.

So verstrich eine Stunde nach der andern: vom Lande wehte eine leichte Brise – da sie jedoch in gerader Richtung nach der Bai hereinkam, so ließ sich Raoul dadurch verleiten, den Anker noch nicht zu lichten. Ghita und ihr Oheim, Carlo Giuntotardi, hatten sich gegen zehn Uhr bei ihm eingefunden: doch waren auf dem Lugger noch immer keine Zeichen einer Bewegung zu bemerken.

Die Wahrheit zu gestehen, Raoul hatte gar keine Eile, so rasch abzusegeln, denn um so länger durfte er sich das Glück versprechen, jenes liebliche Wesen bei sich an Bord zu sehen, und der Westwind, den er mit dem kommenden Tage erwartete, mußte den Irrwisch um so gewisser nach dem inselähnlichen Vorgebirge, dem Monte Argentaro, hinführen, wo die Wartthürme sich befanden, die unter Carlo's Aufsicht standen, und in deren einem er seine Wohnung aufgeschlagen hatte.

Unter diesen Umständen ist es also kein Wunder, daß das Eintreten des Landwindes übersehen oder wenigstens nicht beachtet wurde. Raoul saß bis lange nach Mitternacht neben Ghita auf dem Verdeck, in eifriges Gespräch vertieft; dann erst erlaubte er ihr, die kleine Kajüte aufzusuchen, wo Alles auf's Beste zu ihrer Aufnahme bereitet worden war.

Er verließ sich in der That so fest darauf, daß er Alle am Land vollständig mystificirt habe, daß er von dieser Seite nicht die mindesten Besorgnisse hegte, und so hatte er, in dem sehnsüchtigen Verlangen, sein gegenwärtiges Glück so weit als möglich zu verlängern, alles Ernstes beschlossen, nicht eher abzusegeln, als bis mit dem kommenden Morgen auch der Südwind sich aufmachen würde; mit seiner Hilfe hoffte er wohlbehalten in den Kanal zu gelangen, wo dann der wechselnde Zephyr das Uebrige thun sollte. Der kühne Abenteurer hatte von all' Dem, was unterdessen am Ufer vorgegangen war, auch nicht die leiseste Ahnung, und wußte ebensowenig, daß Tommaso Tonti im Hafen Wache hielt, um jedes Zeichen, das auf eine beabsichtigte Abfahrt des Luggers schließen ließe, augenblicklich weiter zu melden.

Während aber Raoul die ihm drohende Gefahr so wenig beachtete, schien der Fall bei Ithuel Bolt gerade der umgekehrte zu sein. Die Proserpina war der Fluch in dem Leben dieses Mannes: er haßte nicht nur jedes Holz, jede Stenge auf dem Schiffe, nein, auch jeden Offizier und Matrosen, der dazu gehörte – den König, dessen Flagge sie trug – die Nation, deren Interessen sie diente. Ein recht lebendiger Haß ist unter allen Leidenschaften die ruheloseste: er war es auch, der Ithuel wach erhielt, und ihn all' die verschiedenen Fälle nicht übersehen ließ, welche die Fregatte für den Lugger noch immer gefährlich machen konnten. Er hielt es für wahrscheinlich, daß sie zurückkehren und sich nach ihrem Feinde umsehen würde, und gerade aus diesem Grunde hatte er um neun Uhr, als er sich in seine Hängematte verfügte, den Befehl gegeben, daß man ihn um zwei Uhr wecken sollte, damit er zur gehörigen Zeit wieder bei der Hand wäre.

Kaum war er aufgestanden, als er zwei zuverlässige Matrosen aufrief, die er bereits von seinem Plane unterrichtet hatte: alle Drei bestiegen ein leichtes Boot, das an der Luvseite des Luggers bereit lag, worauf sie mit umwickelten Rudern der östlichen Spitze der Bai zusteuerten. Sobald sie so weit von der Stadt entfernt waren, daß man sie nicht mehr beobachten konnte, änderten sie ihren Kurs, und jetzt ging's geraden Wegs in die See hinaus. Nach einer halben Stunde waren sie mit ihrem Boote gerade so weit gelangt, als Ithuel für nöthig hielt; sie standen jetzt ungefähr eine Meile vom Vorgebirge entfernt und so weit westwärts, daß sie das Fenster, wo Griffin auf seinem Posten stand, recht deutlich sehen konnten.

Das erste ungewöhnliche Zeichen, das dem Amerikaner auffiel, war das helle Licht einer Lampe, das aus einem der oberen Fenster des Statthaltereigebäudes leuchtete. Dasselbe war nicht an dem Kreuzstocke, wo der Lieutenant stand, sondern an dem Fenster oberhalb, ausdrücklich in der Absicht angebracht, um der Fregatte durch ein Zeichen zu bedeuten, daß Griffin angelangt sei und bereits auf seinem Posten stehe.

Es war zwei Uhr Morgens: in ein paar Stunden mußte der Tag anbrechen: auch war die Brise, die von dem naheliegenden Lande herwehte, stark genug, um einen tüchtigen Segler, dessen Leinwand durch die nächtlichen Dünste noch straffer angezogen war, mit der Geschwindigkeit von vier Knoten in der Stunde durch's Wasser zu führen. Capraya war nicht ganz dreißig Meilen von Porto Ferrajo entfernt, und so hatte die Proserpina hinlänglich Zeit gehabt, sich ihrem Ziele zu nähern, denn schon mit Sonnenuntergang hatte sie ihren Schlupfwinkel verlassen, und der frische Abendwind hatte die ganze Nacht über fortgedauert.

Ithuel, der sich in seinen müssigen Augenblicken gewöhnlich so mittheilend und gesprächig zeigte, war stumm und aufmerksam, sobald er etwas Ernstliches vorhatte. Sein Auge war immer noch auf das Fenster geheftet, wo die Lampe brannte: das reine Olivenöl, womit sie gefüllt war, verbreitete eine starke, hellleuchtende Flamme. Da strahlte plötzlich ein blaues Licht unterhalb der Stelle, und einen Augenblick lang bekam er den Körper des Mannes zu Gesicht, der sich aus dem unteren Fenster vorbeugte und das Licht in der Hand hielt.

Mit instinktartiger Bewegung drehte jetzt Ithuel den Kopf seewärts – gerade noch zu rechter Zeit, denn alsbald entdeckte er ein Licht, das, einem fallenden Sterne ähnlich, in das Wasser hinabzusinken schien, in der That aber nur eine Signallaterne war, die am Bord der Proserpina rasch von dem Ende der Gaffel herabgelassen wurde.

»Aha! daß euch der T–l hole!« brummte Ithuel zähneknirschend und mit der geballten Faust gegen die Stelle hindrohend, wo der vorübergehende Schimmer bereits wieder verschwunden war – »ich kenne euch und eure alten Kunststückchen mit Laternen und Nachtsignalen. – Da habt ihr eure Antwort.«

Mit diesen Worten berührte er eine Rakete, deren er mehrere in seinem Boote hatte, mit dem brennenden Ende seiner Cigarre; zischend fuhr sie in die Höhe und stieg so weit empor, daß sie vor dem Zerplatzen recht gut auf dem Deck des Irrwisches gesehen werden konnte.

Griffin sah dieses Signal mit Verwunderung; die Fregatte bemerkte es nicht ohne Bestürzung, denn es erschien viel zu weit seewärts von der Lampe, und selbst 'Maso hielt für nöthig, seinen Posten zu verlassen, um den Umstand an den Obristen zu berichten, den er im Falle ungewöhnlicher Ereignisse zu wecken angewiesen war. Alle diese verschiedenen Personen glaubten übrigens, ein zweiter Kreuzer sei während der Nacht von Süden her in den Kanal eingelaufen, und wünsche jetzt der Proserpina, der er wahrscheinlich in offener See zu begegnen erwartete, seine nunmehrige Stelle zu bezeichnen.

Am Bord des Irrwisches aber war die Wirkung der Rakete eine ganz andere. Der Wind, der vom italienischen Festlande herweht, trifft alle Schiffe, welche die Bai von Porto Ferrajo verlassen, von der Seite, und noch waren keine zwei Minuten seit der Explosion der Rakete verstrichen, als der Lugger bereits mit beinahe unmerklicher Bewegung, aber dennoch mit zwei Knoten Geschwindigkeit, bei eingesetztem Bratspill- und Klüversegel, gegen die Außenseite des Hafens, also gerade an jener Häuserreihe vorüberglitt, an welcher er schon den Tag zuvor vorbeigekommen war.

Diese Bewegung geschah in dem kritischen Augenblicke, da 'Maso eben seinen Posten verlassen hatte und auch die gewöhnlichen Schildwachen auf den Bastionen mit anderen Dingen beschäftigt waren.

So leicht war der kleine Lugger, daß selbst der leiseste Windhauch ihn in Bewegung setzte, und er bei so ruhiger See ohne die mindeste Schwierigkeit mit drei bis vier Knoten Geschwindigkeit vorwärts trieb, besonders wenn er einmal die vergleichungsweise breiten Falten seiner beiden Hauptsegel öffnete. Dieß that er, sobald er die Stadt hinter sich hatte, während er eben dicht unter der Citadelle vorüberfuhr. Die obenstehenden Schildwachen hörten zwar das Flaggen der Leinwand, ohne übrigens deutlich unterscheiden zu können, wo das Geräusch herkam.

In diesem Augenblicke ließ Ithuel eine zweite Rakete steigen, und der Lugger zeigte an seinem Steuerbordbug ein Licht, das aber nach allen Seiten so wohl verdeckt war, daß es nur in der Richtung des Boots bemerkt werden konnte. Sobald dieß geschehen war, stellte er sein Steuer hart nieder; das Vorsegel wurde zu gleicher Zeit flach luvwärts überholt. Fünf Minuten später hatte Ithuel das Verdeck erreicht: das Boot wurde mit einer Leichtigkeit an Bord gebracht, als ob es nur eine Seifenblase gewesen wäre.

Durch die zweite Rakete vollends getäuscht, gab die Proserpina ihre Nummer ganz regelrecht durch Signallaternen zu erkennen, um zur Erwiederung auch die Ziffer des Fremden zu erfahren, wobei sie hoffte, daß das Vorgebirge den übrigen Schiffen in der Bai dieses Manöver verbergen würde.

Dieß zeigte Raoul auf's Genaueste die Stellung seines Feindes, und er bemerkte mit Vergnügen, wie er bereits westwärts von ihm stand, so daß er abermals und zwar so dicht am Rande der Klippen an der Insel vorüberschlüpfen konnte, um durch den dunkeln Hintergrund vollkommen verborgen zu bleiben. Sein treffliches Nachtglas setzte ihn in den Stand, die Fregatte, welche ungefähr eine Meile von ihm entfernt war, zu beobachten: sie hatte von den Oberbramsegeln abwärts Alles entfaltet, was nur immer den Wind zu fassen vermochte, und steuerte mit den Backbordhalsen der Mündung der Bai zugewendet. So genau hatte sie ihre Berechnung gemacht, daß sie, jetzt noch windwärts von dem Hafen stehend, mit dem gewöhnlichen Morgenwinde schnurgerade in denselben einlaufen mußte.

Bei diesem Anblicke lachte Raoul und befahl, das große Segel einzureffen. Eine halbe Stunde später ließ er das Vormarssegel aufgeien und das Bratspillsegel flach einsetzen: das Steuer wurde hart niedergestellt und die Leinwand am Klüver windwärts gehalt.

Dieser Befehl wurde ausgeführt, während eben über die Berge von Radicofani und Aquapendente der Tag hereinbrach. Um diese Zeit lag der Irrwisch etwa eine Meile westwärts von dem Vorgebirge, der tiefen Bai gerade gegenüber, die sich, wie wir schon oben erwähnten, von der Stadt aus betrachtet, in dieser Richtung befand. Natürlich war der Lugger schon längst außer dem Bereiche der Landbatterien; aber der bisherige Nachtwind hatte mittlerweile auch aufgehört, und es hatte allen Anschein, als ob mit dem Morgen eine Windstille eintreten würde.

Darin lag um diese Jahreszeit gerade nichts Außergewöhnliches, denn die herrschenden Südwinde waren in der Regel nur leicht und von kurzer Dauer, wenn sie nicht von einem Sturme begleitet wurden. Die Brise aus Süden erhob sich nun allerdings mit dem Aufgang der Sonne, war aber so schwach, daß sie kaum noch den kleinen Lugger vorwärts zu treiben vermochte, der sein Gallion gegen Südwesten gestellt hatte.

Die Proserpina steuerte in ihrem bisherigen Kurse weiter, bis der Tag so weit vorgerückt war, daß ihre Ausgucker den Irrwisch endlich entdeckten, der, mit eingesetztem Klüver- und Bratspillsegel ungefähr anderthalb Meilen westwärts stehend, ihr gleichsam Trotz zu bieten schien. Dieser Anblick verursachte große Bewegung auf der Fregatte: selbst die Wache auf dem Unterdeck stieg auf die Schanze empor, um ein Fahrzeug zu betrachten, das sich durch die Geschicklichkeit, womit es bis jetzt der Verfolgung aller englischen Kreuzer in diesem Theile des Meeres entgangen war, so berüchtigt gemacht hatte.

Wenige Minuten später kam auch Griffin mit trüber, getäuschter Miene an Bord. Der erste Blick, den er auf die Gesichtszüge seines Kommandanten warf, deutete auf einen nahen Sturm – denn auch auf einem Kriegsschiffe ist der Kommandirende nach einer vorangegangenen Enttäuschung so wenig als jeder andere Potentat zur Mäßigung geneigt.

Kapitän Cuffe hatte nicht für passend gehalten, seinen Untergebenen auf dem Verdecke zu erwarten; er war vielmehr, sobald er sich überzeugt hatte, daß sich derselbe in einem Küstenboote näherte, in seine Kajüte hinabgegangen, und hatte seinem ersten Lieutenant, Namens Winchester, den Befehl hinterlassen, Mr. Griffin zu ihm hinabzusenden, sobald er sich gemeldet hätte.

»Nun, Sir,« begann Cuffe, ohne seinem Lieutenant, der eben in die Hinterkajüte eingetreten war, einen Sitz anzubieten, »hier wären wir denn glücklich angelangt, und dort draußen, zwei oder drei Meilen in der See, steht der verdammte Irrwisch!«

»Ich bitte um Verzeihung, Kapitän Cuffe,« antwortete Griffin, der wohl oder übel in dem Lichte eines Delinquenten auftreten mußte, so wenig er auch diese Lage verdient hatte – »ich konnte es nicht verhindern. Wir liefen bei guter Zeit in Porto Ferrajo ein, und ich machte mich mit dem Vicestatthalter und einem alten Knaben von einem Bürgermeister, der bei ihm war, an's Geschäft, sobald ich die Wohnung des Ersteren erreicht hatte. Yvard aber war mir sehr geschickt zuvorgekommen, und ich bedurfte lange Zeit, bis ich das sinnreiche Lügengewebe, in das er uns verstrickte, entwirrt hatte und meine eigenen Gedanken und Pläne auskramen konnte.«

»Ihr sprecht ja italienisch trotz einem geborenen Neapolitaner, Sir, und ich baute fest darauf, daß Alles so ausgeführt werden würde, wie es hätte geschehen sollen!«

»Ich hoffe nicht gerade wie ein Neapolitaner, Kapitän Cuffe, sondern eher wie ein Römer oder Florentiner,« erwiederte Griffin und biß sich in die Lippen. »Nachdem ich mich eine volle Stunde lang abgemüht und unter Vorweisung meiner Dokumente trotz einem Advokaten perorirt hatte, gelang es mir endlich, die beiden ehrenwerthen Elbaneser über meinen, so wie über des Luggers wahren Stand aufzuklären.«

»Und während Ihr den Advokaten spieltet, lichtete Meister Raoul Yvard in aller Muße die Anker, und segelte in schönster Ruhe in die Bai hinaus, gerade wie wenn er nach seinem Garten spazierte, um einen Blumenstrauß für seine Liebste zu pflücken!«

»Nein, Sir; die Sache ging ganz anders. Sobald mir's gelungen war, Signor Barrofaldi, den Vicegovernatore –«

»Veechy-govern-the-tory! Auf Deutsch etwa: »der Henker hole die Tory's.« So verstand nämlich der Kapitän das italienische » Vicegovernatore« (Vicestatthalter).
D. U.
Den Teufel auch mit diesen Veechy's! und mit den Governatory's noch obendrein! Sprecht doch gefälligst englisch, Griffin, wenn Ihr am Bord eines englischen Schiffes seid, selbst wenn Ihr das Italienische trotz einem Florentiner redet. Nennt den Burschen ganz einfach Vicegouverneur, wenn er wirklich diesen Rang bekleidet.«

»Gut, Sir; sobald ich also den Vicegouverneur überzeugt hatte, daß der Lugger dem Feinde gehöre und daß wir selbst seine Freunde seien, ging Alles ganz trefflich von Statten. Er wollte sogar den Lugger sogleich auf seinem Ankerplatze in den Grund bohren.«

»Und warum zum Teufel that er's denn nicht? Zwei oder drei schwere Kugeln wären ja schon eine stärkere Dosis gewesen, als er hätte vertragen können!«

»Ihr wißt ja, Kapitän Cuffe, wir Ihr immer gewünscht, den Burschen lebendig zu fangen. Ich dachte, es müßte gar nicht übel klingen, wenn unser Schiff sich rühmen könnte, den Irrwisch eingefangen zu haben, und so widersetzte ich mich diesem Vorschlag. Ich weiß, daß Mr. Winchester den Lugger zur Belohnung unter sein eigenes Kommando zu bekommen hoffte.«

»Aha – und das würde Euch zum Premier gemacht haben. Nun meinetwegen, Sir; aber wenn Ihr ihn auch nicht in Grund bohren wolltet, so war dieß immer noch kein Grund, ihn entwischen zu lassen.«

»Wir konnten es dennoch nicht verhindern, Kapitän Cuffe. Ich ließ zu seiner Beobachtung einen Ausgucker aufstellen – einen der besten Lootsen in ganz Porto Ferrajo, wie Euch Jedermann daselbst versichern kann, Sir; ich selbst besorgte verabredetermaßen die Signale mit der Lampe und mit den blauen Lichtern, und als unser Schiff antwortete, so dachte ich natürlich, es sei Alles wie es sein sollte, bis – »

»Und wer ließ denn die Raketen da draußen steigen, fast eben da, wo wir uns jetzt befinden? Sie haben mich irre geführt, denn ich nahm an, sie sollten mir die Anwesenheit des Wiesels oder des Sperlings kund geben. Als ich jene Raketen sah, Griffin, glaubte ich den Irrwisch schon so sicher wie mein eigenes Schiff hier in der Hand zu haben!«

»Ja, ja, Sir, die Raketen sind an all' dem Unheil Schuld, denn ich habe seitdem erfahren, daß Meister Yvard, sobald sich die erste blicken ließ, seinen Anker lichtete und sich so still aus der Bai davon machte, wie man etwa einen Speisesaal verläßt, wenn man die Gesellschaft nicht stören will.«

»Aha, er hat französischen Abschied genommen – der Sanscülotte,« erwiederte der Kapitän, und dieser Witz versetzte ihn plötzlich in bessere Laune. »Aber habt Ihr denn von all' Dem nichts gesehen

»Das Erste, was ich bemerkte, Sir, war der Lugger, während er gerade so dicht am Fuße der Klippen vorüberglitt, daß ich von der Höhe auf sein Verdeck hätte hinabspringen können – da war's aber zu spät, um seinem Laufe Einhalt zu thun. Ehe diese faulen far niente's zielen und abfeuern konnten, war er bereits außer Schußweite.«

»Faule, was?« fragte der Kapitän.

» Far niente's, Sir; ein Spitzname, Kapitän Cuffe, den wir, wie Ihr wißt, diesem trägen Siestavolke geben.«

»Nichts weiß ich davon, Sir, und werde Euch jederzeit verbunden sein, Mr. Griffin, wenn Ihr blos englisch mit mir reden wollt. Das ist eine Sprache, die ich, wie ich mir schmeicheln darf, hinlänglich verstehe, und die auch zu Allem, wozu ich ihrer bedarf, vollkommen ausreicht.«

»Ja, Sir, so wird's wohl Jedermann gehen. Ich kann Euch versichern, es thut mir wahrhaft leid, daß ich überhaupt nur italienisch spreche, da es doch eigentlich zu diesem Fehlgriffe geführt hat.«

»Pah, pah, Griffin, Ihr müßt Euch nicht Alles so zu Herzen nehmen, wenn's auch einmal schief gehen sollte. Erweist mir den Gefallen und speist heute Mittag mit mir, dann wollen wir die Sache mit Muße besprechen!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.