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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
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Das Schulleben. Habbas Dahdah. Divina commédia. Der Neffe des Senators.

Signora war mit ihrem Gemahl abgereist, ich war Schüler der Jesuitenschule. Neue Beschäftigungen nahmen mich in Anspruch, neue Bekanntschaften wurden gemacht, der dramatische Teil meines Lebens begann sich zu entwickeln. Jahre drängen sich hier zusammen, von denen jede Stunde reich an Abwechselung war; es ist ein Cyklus von Bildern, der nun, von einem ferneren Standpunkte aus überschaut, in ein einziges großes Gemälde zusammenfließt, in mein Schulleben. Wie für den Fremden, der zum erstenmal den höchsten Punkt eines Gebirges besteigt und nun von oben über ein Meer von Wolken und Nebel hinabschaut, sich diese allmählich heben oder verteilen, so daß bald ein Berggipfel, bald der sonnenbeschienene Teil des Thales hervorguckt, so offenbarte sich, stieg hervor und wuchs die Welt meines Geistes. Länder und Städte, von denen ich mir nie etwas hatte träumen lassen, tauchten hinter den Bergen, die die Campagna begrenzten, auf, die Geschichte bevölkerte mir jedes Plätzchen, sang mir wunderbare Sagen und Märchen. Jede Blume, jedes Gewächs erhielt Bedeutung, aber am schönsten blühte mein Vaterland, das herrliche Italien, vor mir. Ich fühlte mich stolz ein Römer zu sein: jeder Fleck in meiner Vaterstadt wurde mir lieb und interessant, die zertrümmerten Kapitäler, als Prell- und Ecksteine in die Straßen geworfen, waren mir heilige Ueberreste, Memnonssäulen, deren Töne seltsam mein Herz ergriffen. Das Schiff der Tiber flüsterte von Romulus und Remus, Triumphbogen, Säulen und Statuen prägten mir die Geschichte meines Vaterlandes tiefer ein; ich lebte und webte in jenem klassischen Zeitalter, und meine Gegenwart, das heißt mein Geschichtslehrer, erteilte mir deshalb Lob und Ehre.

Jede Gesellschaft, die politische wie die kirchliche, die Versammlung im Kruge und der vornehme Kreis um die Spieltische des Reichen, kurz jede Gesellschaft hat ihren Harlekin, ob er nun Pritsche, Ordenskette oder Ornat trägt; eine Schule hat ihn eben so gut. Die jungen Augen entdecken leicht eine Zielscheibe ihres Spottes; wir hatten die unsrige, so gut wie irgend eine andre Gesellschaft und unsre war der ernsteste, mürrischste, brummigste und dabei zugleich der köstlichste Harlekin: der Abbate Habbas Dahdah, ein arabischer Sprößling, schon in früher Jugend in das päpstliche Gebiet verpflanzt und daselbst auferzogen, jetzt unsres Geschmacks Leiter und Lenker, der Jesuitenschule, ja der Academis Tiberina ästhetisches Haupt.

In höheren Lebensjahren habe ich oft über die Poesie, diese wunderbare göttliche Eingebung nachgedacht. Sie kommt mir vor wie das reiche Gold im Berge; Bildung und Erziehung sind die klugen Bergleute, welche es zu läutern wissen. Bisweilen kann man auf völlig reine Stücke stoßen: des Naturdichters lyrische Improvisationen. Eine Ader bringt Gold, eine andre Silber, aber es finden sich auch Zinn und geringere Metalle, welche nicht zu verachten sind; häufig können sie durch Verzierungen und Politur das Aussehen des echten Goldes und Silbers gewinnen. Nach diesen verschiedenen Metallen teile ich meine Dichter in Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisenmänner ein. Doch nun kommt noch eine neue Schar, die nämlich, welche nur in einfachem Töpferthon arbeiten, die Nichtpoeten, welche sich aber dennoch gern zur Zunft rechnen. Habbas Dahdah gehörte zu diesen letzteren und hatte es damals gerade bis zur Fertigkeit gebracht, eine gewisse Art Töpfe zu machen, mit denen er, sozusagen in dichterischer Freiheit, Leute bewarf, mit denen er sich weder hinsichtlich der Gefühlstiefe noch des Dichtergeistes zu messen imstande war. Leichte gewandte Verse, kunstreiche Formenbildung derselben, so daß sie dem Auge Vasen, Herzen und Aehnliches zu bilden schienen, fanden seine Bewunderung und Beifall. Es war deshalb vielleicht einzig und allein das wunderbar Melodiöse in Petrarcas Sonetten, das ihn für diesen Dichter einnahm, vielleicht auch die Mode, oder eine fixe Idee, ein lichter Augenblick in seinen krankhaften Anschauungen, denn Petrarca und Habbas Dahdah waren zwei höchst verschiedene Wesen. Er ließ uns fast den vierten Teil des langen epischen Gedichtes »Afrika«Petrarca wurde in Arezzo den 20. Juli 1304 geboren. Er lebte und webte nur für die alten Klassiker, aber Laura, welche er 1327 in Avignon kennen lernte, fesselte ihn wieder an die Welt. Um sich und die Scipionen zu verewigen, schrieb er sein episches Gedicht Afrika, welches über seine melodiösen Sonette, die er selbst nicht sonderlich hoch achtete, vergessen wurde. auswendig lernen, so daß viele bittere Thränen und Stockprügel um der Scipionen willen fielen. Die Gründlichkeit Petrarcas wurde uns täglich eingeprägt; »die oberflächlichen Dichter,« sagte er, »diese, welche nur mit Wasserfarben malen, die Kinder der Phantasie, sind die rechte Brut des Verderbens. Selbst der größte derselben, dieser Dante, der Himmel, Erde und Hölle in Bewegung setzen muß, um eine Unsterblichkeit erlangen zu können, die Petrarca schon durch ein einziges kleines Sonett erwirbt, ist in meinen Augen klein, sehr klein. Ja wohl, er konnte Verse schreiben! Es sind diese Tonwellen, welche seinen Babelturm den fernen Geschlechtern überliefern! Wäre er nur seinem ersten Plane gefolgt, hätte er lateinisch geschrieben, so hätte er Studium bewiesen, aber das hat ihn geniert, und deshalb schrieb er in diesem volgare, in welchem wir seine Werke noch haben! Es ist ein Strom, sagt Boccaccio, durch welchen ein Löwe schwimmen und ein Lamm gehen kann. Ich kann diese Tiefe und Einfachheit nicht finden. Es ist nirgends ein rechter Grund bei ihm, ein stetes Hin- und Herschwanken zwischen Altertum und Gegenwart. Aber Petrarca, dieser Apostel der Wahrheit, bewies seinen Mut nicht darin, einen verstorbenen Papst oder Kaiser mit seiner Feder in die Hölle zu versetzen. Er stand in seiner Zeit, wie der Chor in der griechischen Tragödie, trat, eine männliche Kassandra, weissagend, tadelnd auf, ohne Furcht vor Päpsten und Fürsten. Von Angesicht zu Angesicht wagte er Karl IV. zu sagen: »Man sieht es dir an, daß sich Tugenden nicht vererben lassen!« Mit edlem Selbstbewußtsein forderte er, als Rom und Paris ihm den verdienten Lorbeer reichen wollten, seine Zeitgenossen auf, selbst zu erklären, ob er des Dichterkranzes würdig wäre. Drei Tage lang ließ er sich examinieren, als wäre er ein Schulbube, wie ihr, ehe er das Kapitol bestieg, wo ihm Neapels König den Purpurmantel umhing und der römische Senat ihm den Lorbeerkranz reichte, den DanteDante, dessen Taufname Durante war, wurde in Florenz 1265 geboren. Als er neun Jahre alt war, verliebte er sich in Beatrice Portinari, welche schon 1290 starb. Sie war ihm das Ideal schöner Weiblichkeit, welche seine Seele läuterte und adelte. Im Kampfe zwischen Arezzo und Pisa war er Krieger, wirkte er später als Staatsmann und starb in Ravenna 1321. nie empfing.

So ging jede Rede nur darauf aus, Petrarca zu erheben und Dante herabzusetzen, obwohl sie eben so gut nebeneinander stehen könnten wie die duftende Nachtviole und der blühende Rosenstock. Alle Sonette mußten wir auswendig lernen, von Dante lasen wir kein Wort, nur aus Habbas Dahdahs Tadel erfuhr ich, daß er sich im Himmel, im Fegefeuer und in der Hölle bewegte, in drei Elementen, die mich im höchsten Grade ansprachen und mir die brennendste Lust einflößten, dies Werk kennen zu lernen. Aber es mußte heimlich geschehen; Habbas Dahdah hätte mir nicht erlaubt, diese verbotene Frucht zu berühren.

Als ich eines Tages auf der Piazza NavoneRoms größter Platz, der im heißen Sommer an gewissen Tagen unter Wasser gesetzt wird zwischen aufgestapelten Orangen, Eisenkram, der auf der Erde lag, alten Kleidern und diesem ganzen Trödler-Chaos, das auf dem Platze feilgeboten wird, umher wanderte, kam ich auch an einen Tisch mit alten Büchern und Bildern. Hier lagen Karikaturen mit Maccaronischluckern, Madonnen mit dem Schwerte in dem blutenden Herzen und ähnliche einander sehr widersprechende Dinge. Ein Band von Metastasio fesselte meine Aufmerksamkeit; ich hatte noch einen Paolo in der Tasche, ein großes Vermögen für mich und der letzte Rest der Scubi, die mir Eccellenza vor einem halben Jahre als Taschengeld gegeben hatte. Einige Bajocci wollte ich wohl an Metastasio wenden, aber unmöglich konnte ich mich von dem ganzen Paolo trennen.Ein Scudo hat ungefähr den Wert von 4½ Mark; er wird in 10 Paoli eingeteilt, und jeder Paolo zerfällt in 10 Bajocci; diese letzteren sind Kupfer-, die anderen Silbermünzen Der Handel war schon beinahe abgeschlossen, als meine Augen auf ein Blatt fielen: »Divina Commédia di Dante!« Meine verbotene Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen! Ich warf Metastasio hin und griff nach dieser, aber sie hing mir zu hoch, nur für drei Paoli durfte ich sie brechen. Ich wandte mein Geldstück in der Hand, bis es wie Feuer brannte, aber es wollte sich nicht verdoppeln, und nur zu diesem Preise wollte sich der Verkäufer bewegen lassen, mir den ersehnten Schatz abzutreten, denn es wäre, wie er sagte, Italiens bestes Buch, der Welt erstes Dichterwerk und ein Beredsamkeitsstrom über Dante, über den von Habbas Dahdah so herabgesetzten Dante, floß über die Lippen des ehrlichen Mannes.

»Jedes Blatt,« sagte er, »ist so gut wie eine Predigt! Es ist ein göttlicher Prophet, an dessen Hand man durch die Flammen der Hölle in das ewige Paradies wandelt! Sie kennen ihn nicht, junger Herr, sonst würden Sie sofort zugreifen, sogar wenn ich einen scudo forderte. Für Ihr ganzes Leben besitzen Sie des Vaterlandes schönstes Buch, und zwar für zwei elende Paoli!«

Ach, ich hätte ja gern selbst drei gegeben, wenn ich sie nur gehabt hätte, aber nun ging es mir wie dem Fuchs mit den sauren Trauben, wollte auch meine Gelehrsamkeit beweisen und kramte einen Teil von Habbas Dahdahs Reben gegen Dante aus, indem ich Petrarca erhob.

»Ja, ja!« sagte der Antiquar, nachdem er mit großer Heftigkeit und Begeisterung seinen Dichter verteidigt hatte; »Sie sind zu jung und ich bin zu sehr Laie, um solche Leute beurteilen zu können! Wir wollen es jeder auf sich bewenden lassen! Sie haben ihn nicht gelesen! Ich kann nicht! Ein junges warmes Blut kann nicht von sich selbst Galle gegen einen solchen Weltpropheten hervorbringen!«

Als ich ihm nun ehrlich gestand, daß mein Urteil einzig und allein auf die Behauptung meines Lehrers gebaut wäre, nahm er aus Begeisterung für seinen Dichter das Buch und schob es mir hin, indem er als Ersatz für den Paolo, den er weniger erhielt, nur verlangte, daß ich es lese und dann Italiens Stolz, seinen lieben himmlischen Dante, nicht länger verurteilte.

O wie glückselig machte mich der Besitz des Buches! Nun gehörte es mir, war es mein ewiges Eigentum. Zweifel hatte ich immer an Habbas Dahdahs bitterem Urteile gehegt; meine Neugier wie die Begeisterung des Antiquars versetzten mich in die höchste Spannung, so daß ich kaum den Augenblick erwarten konnte, wo ich, ungesehen von andern, zum erstenmal das Buch beginnen konnte.

Ein neues Leben ließ es für mich anbrechen! Meine Phantasie fand in Dante ein noch unentdecktes Amerika mit einer großen, einer üppigeren Natur, als die ich vorher gekannt hatte: mächtigere Felsen, reichere Farbenpracht! Ich erlebte das große Ganze, litt und genoß mit dem unsterblichen Sänger. Die Inschrift über der Höllenthür klang mir auf meiner Wanderung mit ihm in die Unterwelt unaufhörlich wie die Gerichtsglocken des jüngsten Tages.

»Durch mich geht man hinab zur Trauerstadt.
Durch mich geht man hinein zum ew'gen Schmerz,
Durch mich geht man zu der Verdammten Schar.
Gerechtigkeit trieb dich, du hoher Schöpfer,
Als du mich schufst in ew'ger Gottesmacht,
In größter Weisheit und voll Liebesglut.«

Ich sah diese Luft, beständig schwer und dunkel, wie der Sand der Wüste, welcher im Sturm wirbelt, sah Adams Geschlecht, wie die Blätter des Herbstes dahinsinken, während klagende Geister im Luftstrome heulten. Aber Tränen stiegen mir ins Auge beim Anblick der edlen Geisteshelden, die vor der Zeit der Erfüllung lebend, wo das Wort Fleisch ward, hier ihren Aufenthaltsort fanden. Homer, Sokrates, Brutus, Vergil und noch andere der edelsten und besten des Altertums weilten hier, für immer vom Paradiese ausgeschlossen. Es war mir nicht genug, daß Dante es so freundlich und behaglich gemacht hatte, wie es die Hölle irgend zuließ, ihr bloßes Dasein war ja doch auch ohne Qualen ein Jammerzustand, ein hoffnungsloses Sehnen; sie gehörten doch zum Reiche der Verdammnis, wurden eingeschlossen von den tiefen Höllensümpfen, wo der Verdammten Seufzer in Gift und Pestdampf Blase an Blase trieben. Warum konnte nicht Christus, als er zur Hölle niederfuhr und wieder zur rechten Hand des Vaters emporstieg, warum konnte er da nicht alle aus dem Thale der Sehnsucht mit sich nehmen? Konnte die Liebe zwischen gleich Unglücklichen wählen? Ich vergaß völlig, daß ich es mit einer Dichtung zu thun hatte. An mein Herz drangen die tiefen Seufzer aus dem brodelnden Pechsee; ich sah ihn, sah der Simonisten Heer, sah, wie sie auftauchten, und die Dämonen sie dann wieder mit spitzen Forken hineinstießen. Die lebhaften Schilderungen prägten sich meiner Seele auf das Tiefste ein; sie vermischten sich des Tages mit meinen Ideen, des Nachts mit meinen Träumen. Oft hörte man mich im Schlafe rufen: »Pape Satan, alepp Satan pape!« Man glaubte, ich würde von Anfechtungen des Satans geplagt, und es waren Reminiscenzen, die ich aus dem, was ich gelesen hatte, wiederholte. In den Unterrichtsstunden war ich zerstreut, tausenderlei Ideen drangen auf mich ein. Beim besten Willen konnte ich sie nicht vertreiben. »Wo bist du wieder? Antonio!« fragte man, und Schrecken und Scham befielen mich, denn ich wußte wohl, woher es kam, aber Dante aufgeben, die ganze Wanderung nicht vollenden, das war mir unmöglich.

Der Tag schien mir lang und schwer wie der vergoldete Bleimantel, den die Heuchler in der Danteschen Hölle tragen müssen. Mit Unruhe im Herzen schlich ich mich zu meiner verbotenen Frucht und sog die Schreckbilder ein, die mich für meine eingebildete Sünde straften. Selbst fühlte ich den Stich der Schlangen der Tiefe, die nach jedem Stich in die Flammen hinwirbeln, aus denen sie neugeboren wie ein Phönix wieder emporsteigen, um aufs neue ihr Gift auszusenden.

Die anderen Schüler, die mit mir auf demselben Zimmer schliefen, erwachten häufig des Nachts durch einen Schrei, den ich ausstieß, und erzählten von meinen seltsamen unzusammenhängenden Reden über die Hölle und die Verdammten. Der alte Kustode hatte eines Morgens zu seinem Schrecken gesehen, daß ich mich mit offnen Augen und doch im schlafenden Zustande im Bett aufrichtete, Lucifer nannte und mit ihm rang, bis ich ermattet in die Kissen zurücksank. Es war nun die allgemeine Annahme, ich wäre Anfechtungen des Bösen unterworfen; mein Bett wurde mit Weihwasser besprengt, man hielt mich sorgfältig an, ehe ich mich schlafen legte, eine bestimmte Anzahl Gebete zu sprechen. Nichts konnte auf meinen Gesundheitszustand schädlicher wirken, als gerade dies Verfahren. Mein Blut kam dadurch in größere Bewegung, ich selbst in ängstlichere Spannung, da ich den Grund kannte und sah, wie ich ihn verriet. Endlich trat eine Reaktion ein, ich gelangte aus dem Sturme in eine Art Windstille.

Unter allen Schülern stand niemand, was Anlagen oder Geburt anlangt, höher als Bernardo, der lebensfrohe, fast allzu ausgelassene Bernardo. Es war sein täglicher Spaß, auf der hervorstehenden Dachrinne, hoch über der vierten Etage, zu reiten und auf einem Brett zwischen den zwei Eckfenstern unter dem Dache zu balancieren. Für alle Verwirrungen in unserem kleinen Schulstaate wurde er regelmäßig verantwortlich gemacht, und gewöhnlich mit vollem Rechte. Eine klösterliche Ruhe und Stille suchte man über uns und das ganze Gebäude zu verbreiten, aber Bernardo war der Störenfried. Nie zeigte er sich jedoch bösartig, nur dem pedantischen Habbas Dahdah gegenüber spielte sein Betragen ein wenig in diese Farbe über, weshalb auch beständig ein gespanntes Verhältnis zwischen ihnen herrschte, wodurch sich Bernardo keineswegs abschrecken ließ. Er war der Brudersohn eines römischen Senators und hatte große Reichtümer und glänzende Aussichten, »denn das Glück warf,« wie sich Habbas Dahdah ausdrückte, »seine Perlen in faule Holzklötze und ging an der schlanken Pinie vorüber.«

In jedem Dinge hatte Bernardo seine bestimmte Ansicht, und wo er sie im Kreise seiner Kameraden nicht mit Worten geltend machen konnte, appellierte er auch an seine Fäuste, um ihren Rücken seine saftgrünen Ideen einzuprägen; immer war er deshalb der Dominierende. Höchst verschieden in unsern Naturen, fand doch das beste Verhältnis zwischen uns statt. Ich war beständig der Nachgebende, allein selbst dies gab ihm Anlaß meiner zu spotten.

»Antonio!« sagte er» »ich könnte dich prügeln, wenn ich wüßte, daß ich dadurch deine Galle zu erregen vermöchte. Wolltest du nur einmal Charakter zeigen! Schlügest du mir mit geballter Faust ins Gesicht, wenn ich dich aufziehe, dann könnte ich dein aufrichtigster Freund werden, aber letzt habe ich schon alle Hoffnung aufgegeben!«

Als wir eines Morgens allein im Saale waren, setzte er sich mir gegenüber auf den Tisch, sah mir lachend ins Gesicht und sagte: »Du bist doch ein größerer Schelm als ich! Du spielst ja vortrefflich Komödie! Deshalb besprengt man sein Bett und beräuchert seine Person! Glaubst du nicht, daß ich es weiß? Du liesest Dantes Komödie.«

Ich wurde wie Blut so rot und fragte, wie er mich dergleichen unerlaubter Sachen beschuldigen könnte.

»Hast du mir in dieser Nacht nicht den Teufel genau nach der divina commédia beschrieben? Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Du hast ja viel Phantasie und mußt an meinen Schilderungen deine Freude haben! In der Hölle giebt es nicht bloß Feuerseen und verpestende Sümpfe, wie du aus Dante schon weißt, sondern auch große Teiche, bis auf den Grund gefroren, Eis und nichts als Eis, wo die Seelen ewig festgefroren sind; wenn man an ihnen vorüber passiert ist, gelangt man in die allertiefste Tiefe, wo die sind, welche ihre Wohlthäter verraten haben, und wo also auch Lucifer ist, als Empörer gegen Gott, unsern höchsten Wohlthäter. Er steht bis an die Brust in Eis vergraben, hat den Rachen aufgerissen und hält in demselben Brutus, Cassius und Judas Ischariot; des letzteren Kopf ist sogar schon halb im Rachen verschwunden, während der schauerliche Lucifer seine Fledermausflügel schüttelt. Siehst du, mein Sohn, wenn man den Kerl einmal gesehen hat, vergißt man ihn nicht so leicht. Mit ihm machte ich in Dantes Hölle Bekanntschaft, und ihn beschriebst du mir diese Nacht im Schlafe auf ein Haar. Da sagte ich zu dir, gerade wie jetzt: Du hast ja Dante gelesen! Aber da warst du ehrlicher als jetzt, du tuscheltest mir etwas zu und erwähntest unsern liebenswürdigen Habbas Dahdah. Gestehe es nur auch wachend! Ich werde dich nicht verraten! Das ist doch endlich einmal etwas von dir! Ja, ja, ich habe immer eine Art Hoffnung gehegt. Aber wo hast du das Buch erwischt? Bei mir hättest du es haben können, ich schaffte mir es sofort an. Da Habbas Dahdah schlecht von demselben sprach, konnte ich mich überzeugt halten, daß es lesenswert war. Es ist freilich keine leichte Mühe, sich durch die beiden dicken Bände hindurch zu arbeiten, aber um ihn zu ärgern, machte ich mich daran, und nun lese ich sie schon zum drittenmal. Ist die Hölle nicht brillant? Wohin meinst du wohl, daß Habbas Dahdah kommen wird? Er hat zwischen Hitze und Kälte die Wahl!«

Mein Geheimnis war verraten, allein ich konnte mich auf Bernardos Schweigen verlassen. Ein vertraulicheres Verhältnis entwickelte sich zwischen uns; unsere Gespräche drehten sich, sobald wir allein waren, nur um die »divina commédia;« diese erfüllte und begeisterte mich, ich mußte aussprechen, was meine Seele und meine Gedanken beschäftigte: Dante und sein unsterbliches Werk wurden deshalb mein erstes Gedicht, welches ich zu Papier brachte.

In der Ausgabe zur divina commédia stand seine Lebensbeschreibung, allerdings nur eine Skizze, allein für mich hinreichend, um mir daraus ein eignes Bild desselben zu entwerfen. Ich besang in ihm und Beatrice die reine geistige Liebe, schilderte seinen Schmerz im Kampfe zwischen den Schwarzen und Weißen und die schweren Wanderungen des vom Bannstrahle Getroffenen über die Alpen und seinen Tod unter Fremden. Am lebendigsten besang ich den Flug seiner befreiten Seele, ihren Rückblick über die Erde und die Tiefe; die ganze Schilderung war in wenigen Zügen seinem unsterblichen Gedichte entliehen. Das Fegefeuer, wie er selbst es besungen hatte, öffnete sich wieder; der Wunderbaum prangte mit herrlichen Früchten an den unter ihrer Last sich beugenden Zweigen, die von ewig brausendem Wasserfalle bewässert wurden. Er saß im Boote, wo Engel ihre großen weißen Schwingen als Segel benutzten, während die Berge ringsumher erbebten, indem die geläuterten Seelen zum Paradiese emporstiegen, wo die Sonne und alle Engel, gleichsam wie Spiegel, nur die Strahlen des ewigen Gottes zurückwarfen, wo alles Seligkeit war, wo die niedrigste Stufe eine gleich große Seligkeit wie die höchste verlieh, je nachdem ein Herz sie zu fassen vermochte.

Bernardo hörte mein Gedicht und fand es ganz meisterhaft. »Antonio,« sagte er, »das mußt du beim Feste aufsagen! Es wird Habbas Dahdah ärgern! Es ist köstlich! Ja, ja, das und kein anderes mußt du aufsagen!«

Ich machte eine verneinende Bewegung.

»Was?« rief er, »du willst nicht? Dann will ich! Quälen will ich ihn mit dem unsterblichen Dante! Herrlicher Antonio, überlaß mir dein Gedicht! ich deklamiere es! Aber es muß durchaus als meine eigne Arbeit gelten! Oder willst du etwa deine schöne Feder nicht verlieren, um eine Dohle damit zu schmücken? Du bist ja sonst ein unvergleichlich nachgiebiger Mensch, und gerade bei dieser Gelegenheit ist es ein schöner Zug von dir! Du sagst doch ja?«

Wie gern gab ich ihm nicht nach, wie sehr gelüstete es mich nicht, selbst diesen Scherz mit anzusehen! Es bedurfte deshalb keiner langen Ueberredung.

Es herrschte damals in der Jesuitenschule, wie noch heute in der Propaganda auf dem spanischen Platze, die Sitte, daß am 13. Januar »in onore dei sancti re magi« der größte Teil der Eleven als Deklamatoren auftreten, jeder mit einem Gedichte in einer der verschiedenen Sprachen, welche hier getrieben wurden, oder die sie nach Geburt und Heimat redeten. Wir konnten selbst einen Stoff auswählen, der allerdings der Censur unserer Lehrer unterworfen war, welche uns die Erlaubnis zur Ausarbeitung erteilen mußten. »Und Sie Bernardo,« sagte Habbas Dahdah an dem Tage, wo wir unsere Themata angeben mußten, »Sie, Bernardo, haben wohl nichts gewählt? Sie gehören nicht zu der Gattung der Singvögel, Sie können wir überspringen.«

»O nein,« lautete die Antwort, »ich wage es diesmal; ich habe daran gedacht, einen unserer Dichter zu besingen. Freilich nicht einen der größten, den Mut habe ich noch nicht, aber ich habe an einen der kleineren, an diesen Dante gedacht!«

»Ei, ei,« erwiderte Habbas Dahdah; »Er will auftreten, und mit Dante auftreten! Das muß ein Meisterstück werden! Das möchte ich wohl hören! Da aber sämtliche Kardinäle und alle mögliche Fremde erscheinen, wird es wohl am besten sein, diese Lustbarkeit auf die Karnevalzeit zu verlegen.« Und damit ging er ihm vorbei, aber Bernardo ließ sich so nicht abspeisen und erhielt von den andern Lehrern die Erlaubnis. Jeder hatte nun seinen Stoff, ich wählte die Herrlichkeit Italiens.

Man sollte seine Arbeit zwar ganz allein ausführen, wollte man jedoch Habbas Dahbah für sich gewinnen und eine Art Sonnenglanz auf seinem Regenwetterantlitz hervorrufen, so gab es dazu kein geringeres Mittel, als daß man ihm das Gedicht zum Durchlesen gab und ihn um Rat und Hilfe bat. Gewöhnlich arbeitete er dann das ganze Gedicht um, flickte und schnitt daran herum, so daß es eben so schlecht wie zuvor blieb, aber in einer andern Manier. Lobte dann ein oder der andere Fremde das Gedicht, dann verstand er auch gleich einfließen zu lassen, daß man ja diesen Versuchen einige kleine Tropfen seines eignen Wissens beifügte, das Grobe herausfeilte u. s. w.

Mein Gedicht über Dante, welches Bernardo als sein eignes aufsagen wollte, bekam er gar nicht zu sehen.

Endlich war der Tag da. Die Wagen rollten vor dem Portale vor; die alten Kardinale in ihren roten Mänteln mit den langen Schleppen traten ein und nahmen auf den prächtigen Lehnstühlen Platz. Programme mit Angabe unserer Namen und der Sprachen, in welchen wir unsere Gedichte vortrugen, wurden verteilt. Habbas Dahdah hielt die Einleitungsrede und nun folgten Gedichte in syrischer, chaldäischer, koptischer, ja selbst in Sanskrit, in englischer und sonstigen seltsamen Sprachen. Je fremder und sonderbarer die Sprache klang, desto größer wurde der Beifall; das Bravorufen und Klatschen steigerten sich unter herzlichstem Gelächter.

Mit zitterndem Herzen trat ich vor und sprach die wenigen Worte an Italien. Ein wiederholter Bravoruf der ganzen Versammlung begrüßte mich, die alten Kardinale klatschten mir Beifall, und Habbas Dahdah lächelte so freundlich, wie es ihm nur möglich war, und bewegte prophetisch den Kranz in seinen Händen, denn im Italienischen war nur noch Bernardo übrig, und es war nicht anzunehmen, daß das englische Gedicht, welches nach dem seinigen folgte, noch einige Lorbeeren gewinnen würde. Nun trat Bernardo auf das Katheder. Mit Unruhe folgte ihm mein Auge und Ohr. Dreist und stolz sagte er mein Gedicht auf Dante her; eine tiefe Stille herrschte im Saale. Alle schienen von der wunderbaren Kraft, die er hineinlegte, ergriffen. Ich kannte ja jedes Wort, aber sie lauteten mir wie der Gesang des Dichters, wenn er Tonschwingen erhalten hat. Der einstimmigste Beifall ward ihm zu teil. Die Kardinale erhoben sich, alles war zu Ende, der Kranz fiel Bernardo zu. Nur der Ordnung wegen hörte man das folgende Gedicht, auch dieses wurde beklatscht, aber dann wandte man sich sofort zu der Schönheit und Begeisterung im Gedichte auf Dante zurück.

Meine Wangen brannten wie Feuer, meine Brust hob sich, ich fühlte eine namenlose Seligkeit, meine ganze Seele sog den Weihrauch ein, den man Bernardo darbrachte. Ich sah ihn an, er war ganz anders, als er sich je früher gezeigt hatte; totenbleich, mit auf den Boden gerichtetem Blicke, stand er wie ein Verbrecher da, er, der sonst allen keck in die Augen sah. Habbas Dahdah machte eine ähnliche Figur und schien in der Zerstreuung den Kranz zerpflücken zu wollen. Einer der Kardinale nahm denselben und setzte ihn Bernardo, der niedergekniet war und beide Hände auf das Antlitz preßte, auf das Haupt.

Nach dem Feste suchte ich Bernardo. »Morgen!« rief er und riß sich los.

Den folgenden Tag merkte ich, wie er mir auswich, und dies betrübte mich, denn mein Herz hing wunderbar fest an ihm, es sehnte sich nach einer Seele in dieser Welt und hatte sich ihn ausersehen.

Zwei Abende vergingen; da hing er endlich um meinen Hals, drückte mir die Hand und sagte: »Antonio, ich muß mit dir sprechen, länger kann ich es nicht aushalten und will es auch nicht! Als man mir den Kranz auf das Haupt drückte, empfand ich einen Schmerz wie von tausend Dornen, Das Lob klang wie Spott! Du warst es ja, dem die Ehre gebührte. Ich las die Freude in deinem Auge, und weißt du? ich haßte dich! Ja, du bist mir nicht mehr derselbe wie früher; ein böses Gefühl hat sich meiner bemächtigt, ich bitte dich deshalb um Verzeihung, aber wir müssen scheiden; hier gehöre ich doch nicht her. Ich will fort. Gräßlich, im nächsten Jahre vor den andern zum Spotte dazustehen, wenn mir die gestohlenen Federn fehlen! Mein Onkel soll und muß für mich sorgen. Ich habe es ihm gesagt, ich habe sogar darum betteln können! Ich bin unter meiner Natur gewesen und – mir kommt es vor, als trügest du die Schuld an dem Ganzen. Ich habe eine Bitterkeit gegen dich, die mich peinigt, mich bis auf die Seele peinigt! nur in einem neuen Verhältnisse können wir Freunde bleiben – und wir wollen es sein, versprich mir es, Antonio!«

»Du bist unbillig gegen mich,« sagte ich, »unbillig gegen dich selbst. Laß uns nicht mehr an das dumme Gedicht, oder an die ganze Geschichte denken! Gieb mir deine Hand, Bernardo, und betrübe mich nicht mit solcher sonderbaren Rede!« »Wir bleiben immer Freunde!« sagte er und verließ mich. Spät am Abend kam er erst wieder nach Hause und suchte gleich sein Schlafzimmer auf, und am nächsten Morgen war es bekannt, daß er die Schule verließe, um eine andere Laufbahn einzuschlagen.

»Er verschwand ja wie eine Sternschnuppe,« sagte Habbas Dahdah ironisch; »er verschwand in demselben Augenblicke, wo man den Glanz bemerkte. Das Ganze war ein Knalleffekt, und so war es auch mit seinem Gedichte. Ich besitze es ja, damit dieser Schatz aufgehoben werden kann. O du heilige Jungfrau! Wenn man es recht ansieht, was ist es dann! Ist es Poesie? Aus- und ineinander läuft es, ohne Form oder äußere Schönheit. Erst glaubte ich, es sollte eine Vase vorstellen, darauf ein französisches Weinglas oder einen medischen Säbel, aber wie ich es auch wandte und drehte, immer blieb es dieselbe bedeutungslose Schablone. Dreimal hat es einen Fuß zu viel, schreckliche Hiatus kommen darin vor, und fünfundzwanzigmal enthält es das Wort divina, als ob das Gedicht durch die Wiederholung dieses Wortes selbst divina würde. Gefühl und Gefühl! Das ist es wahrhaftig nicht, was den Dichter macht. Was soll all dieses Geplänkel der Phantasie? Bald ist sie hier, bald da! Auch der Gedanke thut es nicht, nein, die Besonnenheit, die goldne Besonnenheit. Der Dichter muß sich von seinem Stoffe nicht hinreißen lassen! Kalt, eiskalt muß er sein, muß die Kinder seines Herzens zerstückeln und nachsehen, wie die einzelnen Teile beschaffen sind. Nur dann entsteht ein wahres Kunstwerk. Weg mit diesem Jagen, diesem Haschen, diesem Begeisterungswesen! Dafür setzen sie einem solchen Jungen einen Kranz auf! Prügel sollte er für seine historischen Fehler, seine Hiatus, seine Jämmerlichkeiten bekommen! Ich habe mich wirklich geärgert und das verträgt meine Konstitution nicht! Pfui über den abscheulichen Bernardo!« So lautete ungefähr Habbas Dahdahs Lobrede.

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