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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Die Campagna.

Die mächtige Steppe um das alte Rom war also nun meine Heimat. Der Fremde, welcher begeistert für Kunst und Altertum, sich zum erstenmal der Tiberstadt nähert, sieht in dieser ausgedörrten Einöde ein weltgeschichtliches Blatt; die einzelnen Hügel, ja alles, was er sieht, sind ihm heilige Chiffren, ganze Kapitel der Weltgeschichte. Der Maler skizziert den einsam stehenden Bogen einer eingestürzten Wasserleitung, den Hirten, welcher bei seiner Schafherde sitzt, und malt dann die taube Distel in den Vordergrund, und die Menschen sagen: das ist ein schönes Bild. Mit welch' ganz andern Gefühlen betrachteten mein Führer und ich die große Ebene. Das versengte Gras, die ungesunde Sommerluft, welche den Campagnabewohnern beständig Fieber und andere bösartige Krankheiten bringt, bildeten in meines Begleiters Betrachtungen die überwiegende Schattenseite. Mir war es etwas Neues; mich ergötzte der Anblick der schönen Berge, welche in verschiedenen Variationen von Lila die eine Seite der Ebene einfaßten, der wilden Büffel und der gelben Tiber, an deren Ufern die Ochsen mit ihren langen Hörnern unter dem Joche gingen und die Schiffe gegen den Strom zogen. Wir gingen in derselben Richtung.

Ringsum nur das kurze gelbe Gras und hohe halbvertrocknete Disteln. Wir kamen an einem Kreuze vorüber, zum Zeichen errichtet, daß hier jemand erschlagen war; dicht daneben hingen Teile von des Mörders zerstückeltem Leibe, ein Arm und ein Fuß. Dieser Anblick erfüllte mich mit Grauen, und meine Angst nahm noch durch die Wahrnehmung zu, daß der Ort nicht weit von meiner neuen Heimat entfernt war. Letztere war nicht mehr und nicht weniger als eine der alten verfallenen Grabstätten, wovon sich noch aus den ältesten Zeiten her sehr viele finden. Die meisten Hirten in der Campagna beziehen eine solche, weil ihnen hier alles dargeboten wird, was sie zum Schutz, ja oft selbst zur Bequemlichkeit bedürfen. Sie füllen einzelne Vertiefungen aus, mauern einige Löcher zu, legen ein Rohrdach darüber, und die Wohnung ist fertig. Diese lag auf einem Hügel und hatte zwei Stockwerke. Die beiden korinthischen Säulen an der schmalen Thür bekundeten das Zeitalter, aus welchem das Gebäude stammte, wogegen die drei breiten Pfeiler in der Mauer eine spätere Veränderung bekundeten. Vielleicht hatte es im Mittelalter als Kastell gedient. Ein Loch in der Mauer oberhalb der Thür ersetzte das Fenster. Das halbe Dach war mit einer Mischung von Rohr und Reisig gedeckt, die andere Hälfte zeigte ein lebendes Gebüsch, aus welchem Caprifolienranken in reicher Fülle über die zersprungene Mauer hinabhingen.

»Sieh, da sind wir!« sagte Benedetto, und das war das erste Wort, welches er auf dem ganzen Wege zu mir gesprochen hatte.

»Wohnen wir hier?« fragte ich und sah bald das unheimliche Haus an, bald nach dem zerstückelten Räuber zurück. Ohne zu antworten, rief er seine Frau: »Domenica! Domenica!« und ich sah eine ältliche Frau herauskommen, deren ganze Bekleidung aus einem groben Hemde bestand. Arme und Beine waren nackend und das Haar hing ihr aufgelöst um den Kopf. Sie überhäufte mich mit Küssen und Liebkosungen, und war Vater Benedetto schweigend gewesen, so war sie desto redseliger. Sie nannte mich ihren kleinen Ismael, der ihr aus der Wüste, wo die wilde Distel wächst, zugesandt wäre. »Aber du sollst nicht bei uns verschmachten. Ich will dir die Mutter, welche jetzt im Himmel für dich betet, ersetzen! – Und dein Bett habe ich schon in stand gesetzt, und die Bohnen kochen, und mein alter Benedetto und du, ihr könnt euch gleich zu Tische setzen! Und Mariuccia ist nicht mit gekommen? Und du sahest den heiligen Vater nicht? Den Schinken vergaßest du doch nicht, auch die Messinghaken nicht, noch das neue Madonnenbild, welches wir neben das alte, das wir schon schwarz geküßt haben, an die Thür kleben wollen? Nein, du bist ein Mann, der seine Gedanken immer beisammen hat, du mein einziger Benedetto!«

So blieb sie in einem Wortschwalle und führte uns in den engen Raum, der Stube genannt wurde, mir aber später groß wie die Säle des Vatikans erschien. Ich glaube auch in der That, daß diese Heimat von bedeutendem Einflusse auf mein poetisches Gemüt gewesen ist.

Der enge kleine Platz war für meine Phantasie dasselbe, was die Last für den jungen Palmenbaum ist. Je mehr er in sich selbst zusammengedrückt wird, desto mehr wächst er. Das Haus war, wie gesagt, in alten Zeiten eine Familiengruft gewesen, welche aus einer großen Kammer mit vielen kleinen Nischen, dicht nebeneinander, und aus zwei übereinander befindlichen breiten Gesimsen bestand; überall zogen künstliche Mosaikarbeiten die Aufmerksamkeit auf sich. Diese Räumlichkeiten wurden nun zu sehr verschiedenen Zwecken genutzt; eine diente als Speisekammer, eine andere zum Aufstellen der Töpfe und Krüge, eine dritte wiederum als Feuerherd, wo die Bohnen kochten.

Domenica sprach das Tischgebet und Benedetto segnete die Mahlzeit. Als wir nun gesättigt waren, führte mich die alte Mutter eine leiterartige Treppe hinauf und durch das durchbrochene Gewölbe nach dem zweiten Stockwerke, wo wir alle in zwei großen Nischen, die einmal Gräber gewesen waren, schliefen. Mein Schlafraum lag dem Eingange gegenüber und war am entferntesten von demselben; mir zur Seite standen zwei Stangen, die über Kreuz zusammengebunden waren und von denen eine Art Hängematte herabhing, welche einem kleinen Kinde, wie ich glaube dem der Mariuccia, als Wiege diente. Es lag ganz still. Ich legte mich hin; ein Stein hatte sich aus der Mauer gelöst, und ich konnte durch die Oeffnung die blaue Luft draußen und den dunklen Epheu sehen, der sich wie ein Vogel im Winde bewegte. Während ich mich hinlegte, lief eine bunte schillernde Eidechse über die Mauer fort, aber Domenica tröstete mich damit, daß sich die Aermsten mehr vor mir fürchteten als ich mich vor ihnen; sie wollten niemanden etwas zuleide thun. Darauf sprach sie ein Ave Maria an meiner Lagerstätte und setzte das Gestell mit der Wiege in die andere Nische, wo sie und Benedetto schliefen. Ich bekreuzte mich, dachte an meine Mutter, an die Madonna, an meine neuen Eltern und an des hingerichteten Räubers blutige Hand und Fuß, welche ich dicht neben dem Hause gesehen hatte, und sie durchkreuzten alle seltsam meine Träume in dieser ersten Nacht.

Der nächste Tag begann mit Regenwetter; es währte die ganze Woche und hielt uns in der engen Stube zurück, wo eine fortwährende Dämmerung herrschte, obwohl die Thür offen stand, sobald der Wind aus einer andern Richtung wehte. Ich mußte das kleine Kind wiegen, welches in der Wiege von Segeltuch lag; Domenica spann an ihrer Handspindel, erzählte mir von den Räubern in der Campagna, welche ihnen doch nie etwas zuleide thäten, sang mir fromme Lieder vor, lehrte mich neue Gebete und erzählte von solchen Heiligen, welche ich vorher nicht gekannt hatte. Zwiebeln und Brot waren unsere gewöhnliche Speise und sie schmeckte mir gut, doch war es mir langweilig, in dem engen Raum eingeschlossen zu sitzen. Deshalb grub Domenica unmittelbar vor der Thüre einen Kanal, eine kleine sich schlängelnde Tiber, in der das Wasser gelb und langsam floß. Kleine Holz- und Rohrstücke bildeten meine Schleppschiffe, und ich ließ sie an Rom vorüber bis nach Ostia segeln. Rauschte jedoch der Regen zu heftig hernieder, dann mußte die Thür geschlossen werden und wir saßen fast im Dunkeln. Domenica spann und ich dachte an die schönen Bilder in der Klosterkirche, glaubte Jesus auf dem Schiffe zu sehen, welches an mir vorüberschaukelte; die Madonna auf der Wolke, von Engeln getragen und die Leichensteine mit den bekränzten Totenköpfen.

Als die Regenzeit zu Ende war, wölbte sich auch der Himmel monatelang in seinem unveränderlichen Blau über uns. Ich bekam Erlaubnis, draußen umher zu laufen, nur nicht zu weit fort und zu nah an den Fluß hin, denn die lockern Erdufer konnten, wie Domenica sagte, leicht unter mir einstürzen. Dort weideten auch zahlreiche Büffel und sie waren wild und gefährlich. Jedoch hatte gerade dies ein eignes seltsames Interesse für mich. Das Dämonische, was in dem Blick des Büffels liegt, das eigentümlich rote Feuer, welches aus seinen Augen blitzt, weckte bei mir ein ähnliches Gefühl wie dasjenige, welches den Vogel in den Rachen der Schlange treibt. Ihr wilder Lauf, geschwinder als der des Pferdes, ihr Kampf untereinander, wo Kraft der Kraft begegnete, fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich zeichnete dann Figuren in den Sand, welche andeuten sollten, was ich gesehen hatte, und es anschaulicher zu machen, besang ich es mit einem Text und mit eigner Melodie zu großer Freude der alten Domenica, welche sagte, ich wäre ein kluges Kind und sänge schön wie die Engel bei Gott-Vater.

Tag für Tag brannte die Sonne heißer. Ihre Strahlen waren ein Feuermeer, welches sich über die Campagna ergoß. Die stinkenden Gewässer verpesteten die Luft; nur morgens und abends konnten wir draußen sein. Solchen Uebelstand hatte ich in Rom auf dem luftigen Monte Pincio nicht empfunden. Ich erinnere mich noch sehr wohl der heißen Zeit daselbst, wenn die Bettler um einen Dreier baten, nicht zu Brot, sondern zu einem Glase Eiswasser. Ich erinnerte mich damals vorzüglich der schönen grünen Wassermelonen, die dort in zwei Stücke geteilt, zum Verkauf ausgelegt waren und das purpurrote Fleisch mit den schwarzen Kernen zeigten; meine Lippen schmachteten bei der Erinnerung doppelt danach! – Senkrecht brannte die Sonne herab; mir schien es, als ob sich selbst mein Schatten vor ihr unter meinen Füßen verstecken wollte. Die Büffel lagen wie tote Massen auf dem versengten Grase oder flogen, von völliger Raserei ergriffen, pfeilgeschwind in großen Kreisen umher. Da sog meine Seele ein Bild der Leiden eines Wanderers in Afrikas brennenden Wüsten ein.

Zwei Monate lagen wir in einem Wrack auf dem Weltmeere. Nicht ein einziges lebendes Wesen besuchte uns. Alles wurde des Nachts oder in frühester Morgenstunde besorgt. Die ungesunde Luft und die brennende Hitze gossen Fieberglut in meine Adern, kein kalter Tropfen war vorhanden, um sich daran zu erquicken. Jeder Sumpf war ausgetrocknet; lauwarmes gelbes Wasser glitt schläfrig die Tiber hinab, der Saft der Melone war erwärmt, ja selbst der Wein, obgleich unter Steinen und Schutt versteckt, schmeckte sauer und halbgekocht, und nicht eine Wolke, nicht eine einzige Wolke stieg am Horizonte empor. Tag und Nacht, immer das ewige unendliche Blau. Jeden Abend und Morgen flehten wir um Regen oder frischen Luftzug; jeden Abend und jeden Morgen schaute Domenica nach den Bergen, ob sich nicht eine Wolke erheben wollte, aber nur die Nacht brachte Schatten, den schwülen Schatten der Nacht, nur der Scirocco wehte zwei lange, lange Monate mit heißen Luftwellen.

Erst da, aber nur bei Sonnenaufgang und -untergang, erhob sich wieder ein leiser Luftzug; aber eine Abgestumpftheit, eine Todesmattigkeit, durch diese unleidliche Hitze und die fürchterlichste Langeweile hervorgerufen, hatte sich meines ganzen Wesens bemächtigt. Fliegen und alle mögliche Schmerzen verursachende Insekten erhoben sich bei dem frischen Lufthauche zu doppeltem Leben; myriadenweise überfielen sie uns mit ihren giftigen Stichen. Die sich im Freien aufhaltenden Büffel waren von den summenden Schwärmen oft wie bedeckt; bis zur Wut angestachelt, stürzten sie sich dann in die Tiber und wälzten sich in dem gelben Wasser. Der Römer, der in den heißen Sommertagen in den fast ausgestorbenen Straßen stöhnt und sich an den Häusern entlang schleicht, als wollte er jeden Schatten eines Schattens einsaugen, hat doch keine Idee von den Leiden der Campagna, wo jeder Atemzug schwefliges verpestetes Feuer ist, wo Insekten und Ungeziefer, wie peinigende Dämonen, diejenigen martern, welche dazu verurteilt sind, in diesem Flammenmeere zu leben.

Der September brachte mildere Tage, er führte auch eines Tages Federigo heraus, um Skizzen der versengten Natur aufzunehmen; er zeichnete unser sonderbares Haus, die Richtstätte und die wilden Büffel ab, gab mir Papier und Bleistift, damit ich mich ebenfalls im Zeichnen versuchen könnte, und versprach, mich, sobald er wiederkäme, eines Tages mit nach Rom zu nehmen, damit ich Fra Martino, Mariuccia und alle meine Freunde, die mich völlig zu vergessen schienen, besuchen könnte. Leider that das aber Federigo auch.

Wir waren bereits im November, doch war es die schönste Zeit, die ich bis jetzt hier verlebt hatte. Milde Lüfte wehten von den Bergen herab, und jeden Abend sah ich das reiche Farbenspiel der Wolken, wie es nur der Süden besitzt und wie es der Maler seinen Bildern nicht geben kann noch zu geben wagt. Die eigentümlichen olivengrünen Wolken, auf chamois Grund, kamen mir wie die schwimmenden Inseln im Garten des Paradieses vor, die dunkelblauen dagegen, die wie Pinienkronen in dem flammenvergoldeten Abendhimmel hingen, schienen mir die Berge der Seligkeit zu sein, in deren Thälern die schönen Engel spielten und mit den weißen Flügeln Kühlung zuwehten.

Als ich eines Abends in meine Träumereien versunken saß, verfiel ich darauf, durch ein durchstochenes Blatt in die Sonne zu schauen. Domenica sagte, es schadete meinen Augen, und um diesem Spiele ein Ende zu machen, schloß sie die Thüre. Die Zeit wurde mir lang, ich bat ausgehen zu dürfen, und als sie es gestattete, lief ich fröhlich hin und öffnete die Thür, doch in demselben Augenblicke stürzte mir ein Mann so eilig entgegen, daß ich hinfiel. In einem Nu schlug er die Thür zu. Ueberrascht sah ich eben in sein bleiches verzerrtes Antlitz, hörte ihn noch mit bebenden Lippen den Namen der Madonna hervorstöhnen, als ein so gewaltiger Stoß die Thür erschütterte, daß die Bohlen derselben brachen und auf uns herabfielen. Die ganze Oeffnung wurde aber durch den Kopf eines Büffels ausgefüllt, der seine wütenden brennenden Augen auf uns richtete.

Domenica stieß einen Schrei aus, ergriff mich am Arme und sprang eine Stufe jener Treppe hinauf, welche nach dem oberen Stockwerke führte. Der todbleiche Fremde blickte scheu umher, und als er Benedettos Flinte entdeckte, die aus Furcht vor nächtlichen Ueberfällen immer geladen war, ergriff er sie in einem Nu, ich hörte den Knall und sah im Pulverdampfe, wie er mit dem Kolben das Tier vor die Stirn schlug. Es stand unbeweglich; zwischen die enge Thüröffnung eingeklemmt, konnte es sich weder vor- noch rückwärts drehen.

»Um aller Heiligen willen!« war das erste, was Domenica über die Lippen brachte, »was soll das heißen? Sie haben ja dem Tiere das Leben genommen!«

»Madonna sei gepriesen!« erwiderte der Fremde, »sie rettete mir das Leben, und du,« sagte er zu mir, indem er mich von der Erde emporhob, »du warst mein guter Engel. Du öffnetest mir die Rettungsthür!« Er war noch ganz bleich und die kalten Schweißtropfen standen ihm vor der Stirn.

Wir hörten, daß es kein Ausländer war, sahen, daß es ein römischer Nobile sein mußte. Er erzählte auch, es wäre seine Liebhaberei allerlei Blumen und Pflanzen zu sammeln, zu diesem Zwecke hätte er an der Ponte MollePons Milvius. seinen Wagen verlassen und wäre die Tiber entlang gegangen; hier in der Nähe stieß er auf die Büffel, wo sich denn der eine gegen ihn gewendet hätte, und allein durch die Nähe unseres Hauses und durch den Umstand, daß sich die Thür wie durch ein Wunder plötzlich öffnete, wäre er gerettet worden.

»Santa Maria, ora pro nobis!« rief Domenica aus, »ja diese, die heilige Mutter Gottes hat Sie gerettet, und mein kleiner Antonio war einer der Auserkorenen! Ja, ihn hat sie lieb! Eccellenza weiß nicht, was für ein Kind er ist! Lesen kann er alles, was gedruckt und geschrieben ist, und so natürlich zeichnen, daß man ordentlich erkennen kann, was es vorstellen soll. Die Peterskuppel, die Büffel, ja den dicken Pater Ambrosio hat er gezeichnet, und dann hat er eine Stimme! – Eccellenza sollte ihn nur einmal singen hören, die päpstlichen Sänger können es mit ihm nicht aufnehmen, und dazu ist es ein gutes Kind, ein seltnes Kind! Ich lobe ihn nicht, weil er es anhört, denn das können Kinder nicht vertragen; aber er verdient es!«

»Das ist doch nicht Ihr Sohn?« fragte der Fremde; »er ist noch so jung.«

»Und ich bin so alt,« versetzte sie, »nein, ein alter Feigenbaum treibt nicht mehr solche kleine Sprößlinge! Aber das arme Kind hat keinen andern Vater und Mutter in dieser Welt als mich und meinen Benedetto! Wir möchten ihn jedoch nicht verlieren, selbst wenn wir keinen Groschen mehr hätten! Aber du heilige Jungfrau!« unterbrach sie sich selbst und ergriff den Büffel bei den Hörnern, von dessen Kopf das Blut in die Stube strömte. »Wir müssen das Tier fortschaffen! Man kann wegen desselben weder hinaus noch herein. O weh, es sitzt fest eingeklemmt. Wir kommen nicht hinaus, bevor Benedetto zurückkehrt. Wenn wir nur keine Unannehmlichkeiten davon haben, daß das Tier getötet ist!«

»Sei sie nur ganz ruhig, gute Frau!« sagte der Fremde; »ich stehe für alles! Sie kennt doch wohl die Borghesische Familie – –?«

»O, Principe!« rief Domenica und küßte ihm den Rock; er drückte ihr aber die Hand und nahm auch die meinige zwischen seine Hände, während er ihr befahl, morgen mit mir nach Rom zu kommen, wo er im Palazzo Borghese wohnte, zu welchem Geschlechte er gehörte. Meiner alten Pflegemutter stiegen Thränen in die Augen über die große Gnade, wie sie es nannte. Meine verschiedenen Sudeleien auf allen möglichen Fetzen Papier, die sie mit einer Sorgfalt aufhob, als wären es Skizzen eines Michelangelo, mußten zum Vorschein. Eccellenza mußte alles, was ihr selbst Freude gemacht hatte, bewundern, und ich war stolz darauf, denn er lächelte, streichelte mir die Wange und sagte, ich wäre ein kleiner Salvator Rosa.

»Ja,« sagte Domenica, »ist es nicht unbegreiflich von dem Kinde, und ist es nicht so natürlich, daß man wirklich erkennen kann, was es vorstellen soll? Die Büffel, die Kähne und unser kleines Haus! Und sehen Sie, dies hier soll ich sein! Es ähnelt doch täuschend, bis auf die Farben natürlich, die kann er mit dem Bleistift nicht wiedergeben! Singe Eccellenza etwas vor!« sagte sie zu mir, »sing, so gut du kannst, dichte selbst etwas! Ja, er kann sich ganze Geschichten und Predigten aussinnen, so gut wie nur irgend ein Mönch! Na, laß uns hören; Eccellenza ist ein gnädiger Herr, er wünscht es, und du kannst dich schon hören lassen!«

Der Fremde lächelte und belustigte sich über uns beide. Daß ich improvisierte, und daß Domenica es meisterhaft fand, ist gewiß; was ich aber eigentlich sagte und wie, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Nur das eine, daß Madonna, Eccellenza und der Büffel den poetischen Dreiklang in dem Ganzen bildeten, steht mir noch deutlich vor der Seele. Eccellenza saß schweigend da, und Domenica las in diesem Stillschweigen Erstaunen über mein Genie. »Bringe Sie den Knaben mit,« waren seine ersten Worte, »ich erwarte euch morgen früh! Doch nein! – Kommt gegen Abend, eine Stunde vor dem Ave Maria! Wenn ihr kommt, werden meine Leute Bescheid wissen, damit ihr sofort vorgelassen werdet. Aber wie gelange ich nun hinaus? Habt ihr gar keinen Ausgang weiter als diesen, in welchem das Tier liegt? Und wie komme ich, ohne neue Angriffe der Büffel besorgen zu müssen, zu meinem Wagen an der Ponte Molle?«

»Ja, hinaus zu kommen,« sagte Domenica, »ist für Eccellenza schlechterdings eine Unmöglichkeit! Ich kann es freilich, und wir andern können es, aber für einen solchen hohen Herrn ist es kein Weg! Oben giebt es schon ein Loch, wo man hinauskriechen und sich dann ganz gut kann hinabgleiten lassen; das kann ich sogar noch in meinen alten Tagen! Aber, wie gesagt, es ist nichts, worauf man fremde Leute und eine vornehme Herrschaft einladen könnte!«

Eccellenza kletterte indes die schmale Leiter hinauf, steckte den Kopf durch das Loch in der Mauer und versicherte, es wäre ein ebenso guter Weg als die Treppe nach dem Kapitol hinunterwärts. Die Büffel hatten sich nach der Tiber zu gezogen, und auf dem nicht weit entfernten Wege fuhren schläfrig und langsam eine Menge Bauern die große Landstraße entlang. Diesen wollte er sich anschließen; hinter ihren mit Rohrbündeln befrachteten Wagen befand er sich vor den Büffeln in Sicherheit, falls ein neuer Angriff stattfinden sollte. Noch einmal befahl er Domenica am nächsten Tage zu kommen, eine Stunde vor dem Ave Maria, reichte ihr darauf seine Hand zum Kusse, streichelte mir die Wange und glitt dann zwischen dem dichten Epheu hinunter. Bald sahen wir ihn die Wagen einholen und hinter diesen verschwinden.

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