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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Das Blumenfest in Genzano.

Es war im Juni; der Tag des berühmten Blumenfestes, das jährlich in GenzanoEin kleines Städtchen im Albanergebirge, dicht an der Landstraße zwischen Rom und den Sümpfen. feierlich begangen wurde, rückte heran. Meine Mutter und Mariuccia hatten dort eine gemeinschaftliche Freundin, welche mit ihrem Manne eine Osteria und Garküche hielt.»osteria e cucina,« das gewöhnliche Schild für kleinere Herbergen und Garküchen in Italien. Schon seit mehreren Jahren hatten sie beschlossen diesem Feste beizuwohnen, aber immer hatten sich Hindernisse entgegengestellt; diesmal wurde es durchgesetzt. Den Tag vor dem Blumenfeste wollten wir, da es ein langer Weg war, aufbrechen; aus Freude konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Vetturino vor der Thür hielt, und wir von dannen rollten. Nie war ich früher draußen im Gebirge gewesen. Erwartung und Freude über das vielbesprochene Fest setzten meine ganze Seele in Bewegung. Hätte ich in höherem Alter die Natur und das Leben rings umher mit demselben lebendigen Gefühl wie damals anschauen und meine Empfindungen in Worten ausdrücken können, es hätte ein unsterbliches Gedicht werden müssen. Die große Stille auf den Straßen, das eisenbeschlagene Stadtthor, die sich meilenweit ausdehnende Campagna mit den einsamen Grabstätten, der dichte Morgennebel, der den Fuß der fernen Berge verhüllte, alles nahm in meinen Augen den Charakter geheimnisvoller Vorbereitungen zu der Herrlichkeit an, die ich jetzt zu sehen bekommen sollte. Selbst die am Wege aufgerichteten hölzernen Kreuze mit den gebleichten Räubergebeinen auf denselben, die uns verkündigten, daß hier ein Unschuldiger getötet und der Mörder bestraft worden sei, hatten etwas eigentümlich Aufregendes für mich. Erst versuchte ich die unendlich vielen Bogen, die das Wasser vom Gebirge nach Rom leiten, zu zählen, wurde es aber bald überdrüssig; dann plagte ich die andern mit tausenderlei Fragen über die großen Feuer, welche die Hirten um die zusammengestürzten Grabmonumente angezündet hatten, und wollte genaue Erklärung über die großen Schafherden haben, welche die wandernden Treiber auf einem Flecke, durch ein rings um die ganze Herde einem Zaune gleich ausgespanntes Fischnetz, zusammenhielten.

Von Albano aus mußten wir den kurzen schönen Weg über Ariccia zu Fuß gehen. Reseda und Goldlack wuchsen wild am Wege; die dicht belaubten saftigen Olivenbäume gaben kühlen Schatten. Ich konnte das Meer in der Ferne erblicken und auf der Berghalde am Wege, wo das Kreuz steht, hüpften lustige Mädchen tanzend an uns vorüber, lachten und scherzten, vergaßen jedoch nicht fromm das heilige Kreuz zu küssen. Die hohe Kirchenkuppel in Ariccia hielt ich für die der Peterskirche, welche die Engel in die blaue Luft zwischen die dunklen Olivenbäume hinausgehängt hätten. Auf der Straße hatte sich das Volk um einen Bären zusammengeschart, der auf den Hinterbeinen tanzte, während der Bauer, welcher ihn am Stricke hielt, auf der Sackpfeife jene seltsame Melodie blies, die er zur Weihnachtszeit als Pifferari vor dem Bilde der Madonna angestimmt hatte. Ein hübscher Affe in Soldatenuniform, den er Korporal anredete, schlug auf dem Kopf und Rücken des Bären Purzelbäume. Ich wäre gern hier geblieben, anstatt nach Genzano zu gehen. Das Blumenfest war ja auch erst morgen; aber meine Mutter drängte zur Eile, weil wir ihrer Freundin Angelina helfen sollten, Kränze und Guirlanden zu winden.

Der kurze Weg war bald zurückgelegt und Angelinas Haus erfragt; es lag auf der Seite von Genzano, welche nach dem See Nemi führt. Es war ein hübsches Haus; aus der Mauer sprudelte eine Quelle, deren Wasser in einem steinernen Bassin aufgefangen wurde, um welches sich die Esel zur Tränke drängten.

Wir traten in die Osteria ein: ein dumpfes Summen und Brummen empfing uns! Das Essen kochte und auf dem Herde brannte das Feuer. Ein Gewimmel von Bauern und Städtern saß an den langen hölzernen Tischen, trank Wein und aß Presciutto. Schöne Rosen standen in der blauen Vase vor dem Madonnenbilde, wo die Lampen nicht recht brennen wollten, weil der Rauch dorthin zog. Die Katze lief über die Käse, die auf dem Schenktische lagen, und fast wären wir über die Hühner gefallen, welche uns um die Beine herumliefen. Angelina nahm uns sehr freundlich auf; wir mußten eine steile Treppe hinaufsteigen, wo wir dicht neben dem Schornsteine eine eigne Kammer und, nach meinen Begriffen, wahrhaft königliche Speise erhielten. Alles war prächtig, selbst die Foglietta mit Wein war ausgeputzt. Eine eben aufgebrochene Rose steckte als Pfropfen im Flaschenhalse. Alle drei küßten einander, auch ich bekam meinen Kuß, ich mochte wollen oder nicht. Angelina gestand, ich wäre sehr hübsch, und meine Mutter streichelte mir mit der einen Hand die Wangen, während sie mit der andern meine Toilette zu verbessern suchte. Bald zog sie mir die Jacke, die mir zu kurz war, über die Hände hinab, bald wieder hoch über Brust und Hals, um eine Jacke zurecht zu zupfen, wie sie sitzen mußte.

Nach Tische erwartete uns alle ein richtiges Fest; wir sollten hinaus, um Blumen und Grünes zu Kränzen zu pflücken. Durch eine niedrige Thür gelangten wir in den Garten hinaus. Dieser maß nur einige Ellen im Umfange und bildete, sozusagen, eine einzige Laube. Das schwache Geländer, welches ihn umgab, war durch die breiten festen Blätter der Aloestauden verstärkt, die hier wild wuchsen und eine natürliche Hecke bildeten. Völlig still lag der See tief unten in dem großen runden Krater, aus welchem sich einmal Feuersäulen bis zu den Wolken erhoben hatten. Wir gingen die amphitheatralische Bergseite, durch die großen Weinanpflanzungen und den dichten Platanenwald hinab, wo sich die Ranken bis zu den Baumzweigen emporschlangen. Auf der Spitze des jenseitigen Bergabhanges lag die Stadt Nemi und spiegelte sich in dem blauen See in der Tiefe. Während wir gingen, wanden wir Kränze. Der dunkle Olivenzweig und das frische Olivenblatt wurden zwischen die Blüten des wilden Goldlacks geschlungen. Bald war der blaue tiefliegende See und der klare Himmel über uns durch die dichten Zweige und das Weinlaub verhüllt, bald guckten sie wieder hervor, als bildeten sie beide nur ein einziges unendliches Blau. Alles war mir neu und herrlich; meine Seele bebte von einer stillen Glückseligkeit. Noch jetzt habe ich bisweilen Augenblicke, in denen jene Gefühle gleich schönen Mosaikstücken einer gesunkenen Stadt in meiner Erinnerung wieder auftauchen.

Die Sonne brannte heiß, und erst unten am See selbst, wo uralte Platanenstämme unmittelbar am Rande des Wassers wuchsen und ihre mit Weinlaub umschlungenen Zweige in den Wasserspiegel hinabtauchten, fanden wir Kühlung genug, um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Schöne Wasserpflanzen nickten, als wenn sie träumten, unter dem dichten Schatten; sie kamen mit in den Kranz. Bald berührten die Sonnenstrahlen den tiefen See nicht mehr, sondern spielten nur auf den Dächern Nemis und Genzanos; die Dunkelheit umhüllte schon die Stelle, wo wir saßen. Ich hatte mich von den andern entfernt, jedoch nur wenige Schritte, da meine Mutter fürchtete, ich könnte in den See fallen, der tief war und abschüssige Ufer hatte. Bei den nur noch spärlichen Ruinen des alten Dianatempels, lag ein ungeheurer Feigenbaum, den der Epheu schon wieder an die Erde zu fesseln begann. Ich war auf ihn hinaufgeklettert, flocht ebenfalls einen Kranz und sang einige Verse aus einer bekannten Kanzonette:

»– Ah rossi, rossi flori,
Un mazzo die violi!
Un gelsomin d'amore – «

als ich plötzlich von einer sonderbar zischelnden Stimme unterbrochen wurde:

»– – Per dar al mio bene!«

Plötzlich stand eine große alte Frau von auffallend gerader Haltung und in der Tracht, welche die Bauerfrauen von Frascati gewöhnlich zu tragen pflegen, vor mir. Der lange weiße Schleier, welcher ihr vom Kopfe bis über die Schultern hinabwallte, trug viel dazu bei, Gesicht und Hals noch mulattenfarbiger erscheinen zu lassen, als sie vielleicht waren. Runzel lag neben Runzel, so daß die ganze Haut einem zusammengeschrumpften Netze ähnelte. Die schwarzen Augäpfel schienen die Augenhöhlen auszufüllen. Sie lächelte und sah mich im nächsten Augenblicke starr und ernst an, als wäre sie eine Mumie, die man unter den Bäumen aufgestellt hätte.

»Der Rosmarin,« sagte sie, »wird schöner in deinen Händen! Du hast einen Glücksstern im Auge!«

Ich sah sie verwundert an, während ich den Kranz, den ich wand, an meine Lippen drückte.

»Es sitzt Gift in den schönen Lorbeerblättern.Prunus Laurocerasus, der hier im Gebirge vielfach vorkommt. Winde deinen Kranz, aber sauge nicht an ihm!«

»Ha! die kluge Fulvia von Frascati!« rief Angelina, die hinter der Hecke hervortrat. »Windest du auch Kränze zum morgenden Feste, oder,« sagte sie mit gedämpfterer Stimme, »windest du andre Sträuße, während die Sonne hinter der Campagna untergeht?«

»Ein kluges Auge!« sprach Fulvia unbeirrt weiter und sah mich gleich unverwandt an. »Die Sonne ging durch das Tierzeichen des Stiers, als er geboren wurde, und Gold und Ehre hängt an des Stieres Horne!«

»Ja,« sagte meine Mutter, die mit Mariuccia herantrat, »wenn er den schwarzen Rock und den breiten Hut empfängt, dann kommt es darauf an, ob er Rauchopfer darbringen oder durch den Dornenbusch gehen wird!«

Daß sie hiermit darauf zielte, ich wäre für den geistlichen Stand bestimmt, schien die Sibylle richtig aufzufassen, doch lag in ihren Worten eine Bedeutung, die sich damals unserm Verständnisse entzog.

»Der breite Hut,« sagte sie, »wird nicht seine Stirne beschatten, wenn er vor dem Volke steht, wenn seine Reden wie Musik lauten, lieblicher als der Nonnen Gesang hinter dem Gitter und stärker als der Donner im Albaner Gebirge! Der Stuhl des Glücks ist höher als der Monte Cavo, wo doch die Wolke auf dem Berge zwischen den Schafherden liegt!«

»O Gott!« seufzte meine Mutter und zuckte etwas ungläubig zusammen, obgleich sie die glänzende Prophezeiung nicht ungern hörte. »Es ist ein armes Kind; die Madonna weiß, wie es ihm gehen wird! Der Glückswagen ist höher als der Wagen der Albaner Bauern, und das Rad desselben dreht sich, wie soll ein armes Kind hinaufkommen!«

»Hast du gesehen, wie sich die beiden großen Räder der Bauerwagen drehen? Die unterste Speiche wird die höchste und geht dann wieder abwärts. Dicht am Boden setzt der Bauer seinen Fuß hinauf und das sich drehende Rad muß ihn empor heben, aber oft liegt ein Stein im Wege, und dann kann es wie beim Tanze auf dem Markte gehen.«Die Bauern besteigen ihre hohen Wagen, indem sie den Fuß, während sich das Rad aufwärts dreht, auf eine Speiche setzen.

»Und kann ich nicht mit auf den Glückswagen kommen?« sagte halb scherzend meine Mutter, stieß aber gleichzeitig einen Schrei aus, denn ein ungeheurer Raubvogel schoß dicht neben uns auf den See hinab, so daß uns bei der Kraft, mit welcher seine großen Flügel den ruhigen Wasserspiegel peitschten, das Wasser ins Gesicht spritzte. Hoch aus der Luft hatte er mit seinem scharfen Blicke einen großen Fisch entdeckt, der unbeweglich unmittelbar unter der Oberfläche stand; mit pfeilartiger Geschwindigkeit ergriff er seine Beute, bohrte seine scharfen Krallen in des Fisches Rücken und wollte sich nun wieder erheben. Allein der Fisch war, wie wir an dem gepeitschten Wasser sehen konnten, von ganz besonderer Größe und seinem Feinde fast an Kräften gleich; deshalb suchte er denselben mit sich hinabzuziehen. Des Vogels Krallen saßen zu fest in dem Rücken des Fisches, als daß er seine Beute loslassen konnte, und nun begann daselbst zwischen ihnen ein Kampf, bei welchem der See zitternd große Ringe bildete. Bald sah man den schimmernden Rücken des Fisches, bald schlug der Vogel mit den breiten Flügeln gegen das Wasser, als ob er zu unterliegen schien. Der Kampf dauerte einige Minuten. Beide Flügel lagen einen Augenblick auf dem Wasser ausgebreitet still da, als ob sie sich ruhten; mit einem Male schlugen sie heftig zusammen, man hörte einen Knack und der eine Flügel sank nieder, während der andere das Wasser zu Schaum peitschte und dann verschwand. Der Fisch schoß mit seinem Feinde auf den Boden hinab, wo sie beide, einen Augenblick später, sterben mußten.

Schweigend hatten wir alle diese Scene angesehen; als sich meine Mutter wieder zu den andern umwandte, war die Sibylle verschwunden. Dieser Umstand, in Verbindung mit dieser kleinen Begebenheit, die, wie man sehen wird, noch viele Jahre später auf mein Schicksal einwirkte und sich deshalb meiner Erinnerung doppelt einprägte, hatte zur Folge, daß wir alle sehr schnell und ziemlich schweigend heimwärts eilten. Das dichte Laubwerk der Bäume schien Finsternis auszuströmen, das Bild der feurigen Abendwolken wurde vom Wasserspiegel zurückgeworfen, das Mühlrad brauste mit einförmigen Tönen, alles schien etwas Dämonisches an sich zu haben. Während wir gingen, flüsterte Angelina seltsame Dinge, die sie von der Alten, welche Gift und Liebestränke zu kochen verstand, hatte voraussagen hören, und nun erzählte sie von der armen Theresa in Olevano, die aus Gram und Sehnsucht nach dem flinken Giuseppe, der auf einer Wanderung nach dem Norden über das Gebirge gezogen war, von Tage zu Tage mehr dahinschwand; wie die Alte dann Kräuter in einem kupfernen Geschirre gekocht und sie mehrere Tage über glühenden Kohlen hätte sieden lassen, bis auch Giuseppe von Sehnsucht ergriffen worden und Tag und Nacht, ohne Rast und Ruh, bis zu der Stelle zurückeilen mußte, wo das Geschirr mit den heiligen Kräutern und seiner und Theresas Haarlocke kochte. Ich betete ruhig mein Ave Maria und war nicht eher ruhig, als bis wir wieder bei Angelina unter Dach und Fach waren.

Alle vier Dochte der Messinglampe wurden angezündet, einer unserer Kränze wurde um dieselbe gehängt und uns ein Gericht Monzano al pomidoro nebst einer Foglietta vortrefflichen Weines vorgesetzt. Die Bauern tranken unten in der Stube und improvisierten; es fand eine Art Duett zwischen zweien statt, und die ganze Versammlung stimmte in den Chor ein; als ich jedoch mit den andern Kindern vor dem Madonnabilde, das dicht neben dem großen Herde, auf welchem das Feuer brannte, sang, hörten sie alle zu und lobten meine schöne Stimme, so daß ich den finstern Wald draußen und die alte Fulvia, welche mein Schicksal prophezeit hatte, darüber vergaß. Gern hätte ich jetzt angefangen mit den Bauern um die Wette zu improvisieren, aber meine Mutter dämpfte meine Eitelkeit, indem sie mich fragte, ob ich es für passend hielte, daß ich, der ich in der Kirche das Rauchfaß schwänge und dem Volke vielleicht einmal Gottes Wort verkündigen sollte, mich zum Narren machen wollte; es wäre noch nicht Karnevalszeit und sie erlaubte es nicht. Allein als wir am Abend in unsre Schlafkammer kamen, und ich in das breite Bett stieg, drückte sie mich zärtlich an ihr Herz, nannte mich ihren Trost und ihre Freude, und ließ mich, da das Kopfkissen zu niedrig war, mit dem Haupte auf ihrem Arme ruhen, wo ich träumte, bis die Sonne in das Fenster hineinschien und mich zu dem schönen Blumenfest weckte. Wie soll ich den ersten Anblick der Straße, das bunte Bild schildern, wie ich es damals auffaßte! – Die ganze lange Straße, die sich in einer sanften Steigung erhebt, war mit Blumen bedeckt. Der Grund war blau; es sah aus, als hätte man alle Fluren und Gärten geplündert, um für die ganze Straße ausreichend Blumen von derselben Farbe zu erhalten. Die Seiten entlang lagen streifenartig große grüne Blätter, auf welche man Rose neben Rose gelegt hatte. In einiger Entfernung zog sich ein ähnlicher Streifen hin, und der Zwischenraum zwischen beiden war mit dunkelroten Blumen ausgefüllt, so daß förmlich eine große Borte um den ganzen Teppich gebildet wurde. Die Mitte desselben stellte Sterne und Sonnen dar, die man dadurch hervorgebracht, daß man aus einer Menge gelber Blumen steinförmige und runde Figuren gebildet hatte. Mehr Fleiß hatten die Namenszeichen gekostet; hier war Blume an Blume, Blatt an Blatt gelegt. Das Ganze war ein lebendiger Blumenteppich, ein Mosaikboden, reicher an Farbenpracht, als ihn Pompeji aufzuweisen hat. – Kein Windhauch rührte sich, die Blumen lagen fest, als wären es schwere festgedrückte Edelsteine. – Aus allen Fenstern hingen große Teppiche über die Mauern hinab, alle aus Blättern und Blumen gewirkt, die heilige Gemälde bildeten. – Hier führte Joseph den Esel, der die Madonna mit dem Kinde trug; Rosen bildeten Gesicht, Füße und Arme, Levkojen und blaue Anemonen ihr flatterndes Gewand, und die Krone bestand aus Weißen Sternblumen,Nymphaea alba. aus dem See Nemi geholt. St. Michael kämpfte mit dem Drachen, die heilige Rosalie streute Rosen auf die dunkelblaue Weltkugel hinab; überall, wohin ich sah, erzählten mir die Blumen biblische Legenden, und alle Menschen, rings umher, waren fröhlich wie ich. Auf den Altanen standen, festlich gekleidet, die reichen Fremden von der andern Seite des Gebirges, und an den Seiten der Straße drängte sich das ungeheure Menschengewimmel, jeder nach seinen Mitteln und seiner eignen Mode geputzt. An dem Bassin um den großen Springbrunnen, wo die Straße eine Biegung macht, hatte meine Mutter Platz genommen; ich stand vor dem Satyrkopfe, der aus dem Wasser hervorsieht.

Die Sonne brannte heiß, alle Glocken läuteten, und der Zug bewegte sich über den herrlichen Blumenteppich; die schöne Musik und der Gesang verkündeten das Kommen desselben. Die Chorknaben schwangen Rauchfässer vor der Monstranz, die hübschesten Mädchen der Umgegend folgten mit Blumenkränzen hinterher, und arme Kinder, mit Flügeln an den nackten Schultern, erwarteten vor dem Hochaltare den sich nähernden Zug mit Engelshymnen. Die jungen Männer hatten flatternde Bänder um den spitzen Hut, auf den das Marienbild geheftet war; silberne und goldene Ringe trugen sie an einer Kette um den Hals, und schöne bunte Schärpen stachen herrlich gegen ihre schwarzen Samtjacken ab. Die Mädchen von Allano und Frascati erschienen mit dünnen Schleiern, zierlich über die Haarflechten geschlungen, die von einem silbernen Pfeile zusammengehalten wurden; die von Velletri trugen Kränze um das Haar und das bunte Halstuch an das Kleid hinabgeheftet, so daß die hübschen Schultern und der runde Busen sichtbar wurden. Aus den Abruzzen, aus den Sümpfen, überall aus der Nachbarschaft kamen sie in ihrer eigentümlichen Nationaltracht und gewährten dadurch den buntesten Anblick. Der Kardinal schritt in seiner reichen Amtstracht unter dem blumengeschmückten Baldachin voran, Mönche aus verschiedenen Orden folgten, und alle trugen sie brennende Wachslichter. Als der ganze Zug die Kirche verlassen hatte, strömte die Menge hinterher. Wir wurden mit fortgerissen und meine Mutter hielt mich an den Schultern fest, damit wir nicht voneinander getrennt würden. Da folgte ich nun, zwischen die Volksmenge eingeklemmt, dem großen Haufen; alles was ich sehen konnte, war allein der blaue Himmel über mir. Mit einem Mal hörte man ringsum ein furchtbares Geschrei; von allen Seiten wurde gedrückt und gedrängt: ein paar Pferde waren scheu geworden. Mehr hörte ich nicht, sondern wurde umgerissen; es wurde mir schwarz vor den Augen, und es war mir, als ob ein Wasserfall über mich hinfortbrauste.

O, Mutter Gottes, was für ein Jammer! Ich fühle noch ein eigentümliches Beben, so oft ich daran zurückdenke. Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit dem Kopfe in Mariuccias Schoß, die schrie und jammerte; zur Seite lag meine Mutter lang ausgestreckt und um uns stand ein enger Kreis fremder Menschen. Die scheuen Pferde hatten uns übergefahren, die Räder waren meiner Mutter über die Brust gegangen, das Blut strömte ihr aus dem Munde, sie war tot.

Ich sah, sie drückten ihr die gebrochenen Augen zu und falteten die leblosen Hände, die sich erst vor kurzem zu meinem Schutze voller Zärtlichkeit um mich geschlungen hatten. Die Mönche brachten sie ins Kloster, und da ich völlig unbeschädigt war, denn eine unbedeutende Handverletzung war kaum zu rechnen, nahm mich Mariuccia mit nach der Osteria zurück, wo ich gestern so froh gewesen war, Kränze gewunden und in meiner Mutter Armen geschlafen hatte. Ich war recht aufrichtig betrübt, obschon ich noch nicht verstand, wie völlig verlassen ich nun war. Man gab mir Spielzeug, Obst und Kuchen, versprach mir, ich sollte morgen meine Mutter sehen, und sagte, sie wäre nun bei der Madonna, wo beständig ein heiliges Blumenfest wäre und Freude herrschte. Jedoch auch das übrige Gespräch entging mir nicht. Ich hörte, wie man sich von dem gestrigen häßlichen Raubvogel, von Fulvia und einem Traume, den meine Mutter gehabt hatte, in die Ohren flüsterte. Jetzt, wo sie tot war, hatten sie das Unglück alle vorher geahnt.

Die wilden Pferde waren inzwischen unmittelbar vor der Stadt stehen geblieben, nachdem sie gegen einen Baum gerannt waren. Einem vornehmen Manne von vierzig und einigen Jahren hatte man, halbtot vor Schreck, vom Wagen geholfen. Man erzählte sich, er stammte aus dem borghesischen Hause, besäße eine Villa zwischen Albano und Frascati und wäre durch seine sonderbare Neigung, allerlei Pflanzen und Blumen zu sammeln, bekannt; ja, in den geheimen Künsten sollte er eben so weise wie die kluge Fulvia sein. Ein Diener in reicher Livree brachte dem mutterlosen Kinde von ihm einen Beutel mit zwanzig Scudi.

Am nächsten Abend führte man mich, ehe es zum Ave Maria läutete, in das Kloster, um meine Mutter zum letztenmal zu sehen. Sie lag, festlich wie gestern zum Blumenfeste gekleidet, in dem engen Brettersarge. Ich küßte die gefalteten Hände, und die Frauen weinten mit mir.

An der Pforte standen schon die Leichenträger und das Gefolge, in ihre weißen Kutten mit über das Gesicht herabgelassenen Kapuzen vermummt. Sie hoben die Bahre auf ihre Schultern, die Kapuziner zündeten ihre Wachslichter an und begannen den Leichengesang. Mariuccia ging mit mir dicht neben der Leiche; der glutrote Abendhimmel beleuchtete das Antlitz meiner Mutter, sie sah aus, als ob sie lebte. Die andern Kinder aus der Stadt liefen fröhlich um mich her und sammelten in Tüten das Wachs, welches von den Lichtern der Mönche herabträufelte. Wir gingen durch die Straße, durch welche sich gestern die Festprozession bewegte; noch lagen die Blumen und Blätter da, aber all' die Bilder, all' die schönen Figuren waren wie das Glück meiner eignen Jugend, wie das Glück des vorigen Tages vernichtet. Ich sah sie auf dem Kirchhofe den großen Stein auf die Seite heben, der das Gewölbe deckt, in welches die Leichen hinabgesenkt werden. Ich sah den Sarg hinabgleiten und hörte das schwache Dröhnen, als er mit den andern Särgen dort unten zusammenstieß. Darauf zogen sie alle fort, aber Mariuccia ließ mich auf den Grabstein knieen und ein »ora pro nobis« beten. In der mondklaren Nacht reisten wir von Genzano ab; Federigo und zwei Fremde begleiteten uns. Dichtes Gewölk hing um das Albanergebirge. Ich betrachtete die leichten Nebelgebilde, welche im Mondscheine über die Campagna flogen; die andern sprachen nur wenig, und bald schlief und träumte ich von der Madonna, von den Blumen und meiner Mutter, die noch lebte, mich anlächelte und anredete.

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