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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
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Der Sturm. Die Soirée bei meinem Bankier. Des Podestas Nichte.

Die Briefe, welche ich mitbrachte, verschafften mir Bekanntschaften, Freunde, wie man es nennt, und ich hieß Signore Abbate. Niemand belehrte mich; das Gute, was ich sagte, fand man vortrefflich, und man rühmte mir auch Talente nach. Von Eccellenza und Francesca war ich gewohnt, nur solche Dinge zu hören, die kränkend für mich waren; beständig erzählten sie mir, was mich unangenehm berühren mußte; es gewann oft den Anschein, als ob sie alles mir Widerwärtige und mich Beleidigende mit Behagen sammelten, bloß um mir mitteilen zu können, es gäbe viele, die es durchaus nicht gut mit mir meinten. Hier fiel auch dieses fort. Freilich hatte ich auch keine aufrichtigen Freunde, denn nur diese sollten ja die charakteristische Eigentümlichkeit besitzen, mir Unangenehmes zu sagen. Das untergeordnete Verhältnis, welches nicht einmal Flaminias Güte hatte heben können, übte keinen bedrückenden Einfluß mehr auf mich aus.

Ich hatte den reichen Dogenpalast besucht, die leeren prächtigen Säle durchwandert und das Inquisitionszimmer mit dem häßlichen Bilde der Höllenqualen gesehen. Ich durchschritt eine enge Galerie, eine nach allen Seiten geschlossene Brücke, hoch oben, dicht unter dem Dache, die über den Kanal führte, auf welchem die Gondeln hin und her glitten. Aus dem Dogenpalaste gelangte man auf diesem Wege nach Venedigs Gefängnissen. Die »Seufzerbrücke« wurde dieser Verbindungsgang genannt. Dicht daneben lagen die »Brunnen.« Nur der Schein der Lampe auf dem Gange konnte durch die dichten Eisenstangen in die obersten Gefängnisse hineindringen, und doch waren diese, im Vergleich zu den tiefer gelegenen, helle luftige Hallen; unter dem schwammigen Boden, tief unter dem Wasserstande des Kanals, hatten die Unglücklichen geseufzt und ihre Namen, ihre Klagen den feuchten Wänden anvertraut. Aufs tiefste durch den Anblick dieses Schreckensortes erschüttert, sehnte ich mich nach Luft. Ich stieg in eine Gondel und pfeilschnell fuhr ich von dem blaßroten alten Palast und von den Säulen mit Sanct Theodors und Venedigs Löwen über das belebte grüne Wasser nach den Lagunen und zum Lido hinaus, um frische Seeluft zu atmen, und was bot sich meinen Blicken dar? Ein Kirchhof. Der Fremde, der Protestant wurde hier draußen weit von seiner Heimat beerdigt, wurde auf einem schmalen Streifen Land mitten zwischen den Wellen, die den schwachen Rest Tag für Tag mehr fortzureißen scheinen, beerdigt. Weiße Menschengebeine ragten aus dem Sande hervor; nur die Brandung weinte über sie. Hier hatte oft des Fischers Braut oder Frau gesessen und auf den Geliebten oder Mann gewartet, der seinen Fang auf dem unsicheren Meere suchte. Die Stürme nahmen zu und ließen wieder ihre starken Schwingen ruhen, Und die Frauen sangen dann Lieder aus dem Gerusalemme liberata, und lauschten, ob der Mann nicht antwortete, aber die Liebe stimmte in den Wechselgesang nicht ein. Allein saß die Gattin und schaute über das schweigende Meer hinaus; – und auch ihre Lippe verstummte, das Auge sah nur die weißen Totengebeine am Strande, sie hörte nur die hohle Brandung, während die Nacht über dem toten, schweigenden Venedig emporstieg.

Das finstere Bild erfüllte meine Seele, meine ganze Gemütsstimmung gab ihm noch ein schärferes Kolorit. Ernst wie eine Kirche, an Grab und Ewigkeit erinnernd, stand die ganze Natur um mich her. Vor meinem Ohre klang Flaminias Wort, daß ein Prophet Gottes, was ein Sänger doch sein sollte, nur nach der Verherrlichung Gottes streben mußte, dieser Stoff wäre der höchste. Die unsterbliche Seele müßte von dem Unsterblichen singen, der Glanz des Augenblicks schillerte in trügerischem Farbenspiel und verschwände mit der Minute, die ihn geboren hätte. Ich fühlte, wie Kraft und Begeisterung in mir aufloderte, aber auch bald wieder ohnmächtig verrauchte. Schweigend stieg ich in die Gondel, welche mich nach dem Lido hinüberführte. Das große offene Meer lag vor mir, die See war bewegt, ich dachte an die Meeresbucht bei Amalfi.

Nicht weit von mir saß zwischen Tang und Steinen ein junger Mann und skizzierte, wahrscheinlich ein fremder Maler. Er kam mir bekannt vor, ich trat näher, er erhob sich, wir kannten einander. Es war Poggio, ein junger venetianischer Edelmann, mit dem ich schon einige Mal bei den Familien, welche ich kennen gelernt hatte, in Gesellschaft gewesen war.

»Signore!« rief er; »Sie auf dem Lido! Führt Sie die Schönheit des Meeres hierher, oder haben Sie andere Schönheiten so nahe an das zornige Adriatische Meer gelockt?«

Wir reichten einander die Hand. Es war mir bekannt, daß er kein Vermögen besaß, aber für einen talentvollen Maler galt. Aeußerlich trug er eine heitere, fast ausgelassene Laune zur Schau, und doch hatte man mir ins Ohr geflüstert, daß er in seiner Einsamkeit der größte Misanthrop wäre. Nach seiner Rede zu urteilen mußte er der personifizierte Leichtsinn sein, und doch war er in der Wirklichkeit die Keuschheit selbst. Nach seinen Worten mußte die Welt glauben, daß Don Juan sein Vorbild wäre, in der That kämpfte er jedoch wie der heilige Antonius gegen jede Versuchung. Ein tiefer Seelenschmerz läge diesem seltsamen Benehmen zu Grunde, erzählte man sich, aber was für einer, sein geringes Vermögen oder eine unglückliche Liebe oder irgend ein anderes Leiden, das wußte niemand recht. Er schien alles zu erzählen, nicht das Geringste verschweigen zu können, sein Wesen war so kindlich, und doch war noch niemand mit ihm auf das Reine gekommen. – Das hatte mich interessiert und ich freute mich deshalb über dieses angenehme Zusammentreffen, welches die Wolken meiner Seele verscheuchte.

»Eine solche blaue, wogende Fläche,« sagte er und zeigte auf das Meer, »hat Rom nicht! Das Meer ist das Schönste auf Erden! Es ist ja auch die Mutter der Venus und,« fügte er lächelnd hinzu, »die Witwe aller mächtigen Dogen Venedigs.«

»Der Venetianer muß es besonders lieben,« erwiderte ich, »muß es wie die Großmutter betrachten, die ihn um ihrer schönen Tochter Venezia willen trägt und mit ihm spielt.«

»Jetzt ist sie nicht mehr schön, sie neigt ihr Haupt,« entgegnete er.

»Aber sie ist ja doch glücklich unter Kaiser Franz?«

»Ein stolzeres Gefühl ist es, Königin auf dem Meere zu sein, als Karyatide auf dem Lande. Der Venetianer hat über nichts zu klagen, und auf Politik verstehe ich mich nicht, wohl aber auf die Schönheit, und huldigen Sie, wie ich nicht bezweifle, ebenfalls derselben, so kommt dort die schöne Tochter meiner Wirtin und fragt, ob Sie nicht an meiner dürftigen Mahlzeit teilnehmen wollen,« Wir gingen in das kleine Haus unmittelbar am Strande; der Wein war gut und Poggio lustig und unterhaltend. Niemand hätte glauben können, daß sein Herz im geheimen blutete.

Wir hatten gewiß schon zwei Stunden zusammengesessen, als meine Ruderer kamen und fragten, ob ich nicht zurückkehren wollte, denn ein Sturm drohte sich zu erheben, die See wäre in heftiger Bewegung und zwischen dem Lido und Venedig gingen die Wellen schon so hoch, daß die Gondel leicht kentern könnte.

»Ein Sturm!« rief Poggio. »Den habe ich mir schon lange gewünscht; das Schauspiel dürfen Sie sich nicht entgehen lassen!« sagte er zu mir. »Gegen Abend legt er sich gewiß wieder, und legt er sich nicht, nun, dann giebt es hier Gelegenheit, daß man sich legen und unter Dach und Fach ihn über sein Haupt dahinbrausen lassen kann, während die Wellenschläge uns in Schlaf singen,«

»Ich kann hier auf der Insel stets eine Gondel bekommen,« sagte ich zu den Männern und gestattete ihnen heimzufahren. Der Sturm nahm zu und heftige Windstöße erschütterten das Haus. Wir traten ins Freie. Die untergehende Sonne beleuchtete die dunkelgrüne aufgeregte See, höher erhoben sich, die Wellen, wie von weißem Schaume übergossen und stürzten wieder in sich selbst zusammen. In weiter Ferne, dort, wo die Wolken wie Gebirge mit dem Blitze des Vulkan standen, bemerkten wir einige Schiffe, aber bald waren sie uns wieder außer Sicht. Hoch schlug die Brandung auf den Strand und bespritzte uns mit ihren salzigen Tropfen. Je höher die Wellen schlugen, desto höher stieg Poggios Jubel, desto lauter lachte er auf, klatschte in die Hände und rief dem wilden Elemente ein Bravo zu. Sein Beispiel steckte auch mich an: in dem Aufruhr der Natur fühlte mein krankes Herz sich besser. Schnell brach der Abend herein. Ich ließ die Wirtin ihren besten Wein bringen und Glas auf Glas tranken wir dem Sturme zu. Poggio sang von Liebe, sang das Lied, welches ich auf dem Schiffe gehört hatte.

»Auf das Wohl der Venetianerinnen!« sagte ich, und er stieß auf das der schönen Römerinnen an. Hätte uns ein Fremder gesehen, würde er uns für zwei glückliche junge Leute gehalten haben.

»Die römischen Frauen gelten für die schönsten!« sagte Poggio. »Seien Sie aufrichtig: was sagen Sie dazu?«

»Ich halte sie auch dafür.«

»Wohl,« erwiderte Poggio, »aber die Königin der Schönheit lebt doch in Venezia! Sie sollten die Nichte unseres Podestas sehen! Ich kenne keine, die eine geistigere Schönheit besitzt als sie. So würde Canova, hätte er Maria gekannt, uns die Jüngste der Grazien dargestellt haben. Nur in der Messe und ein einziges Mal im Theater San Moses habe ich sie gesehen. Es geht allen jungen Venetianern gleich mir, nur mit dem Unterschiede, daß sie sterblich verliebt sind, während ich nur ihr Anbeter bin! Sie ist für meine sinnliche Natur zu geistig. Aber das Himmlische muß man ja anbeten! Nicht wahr, Herr Abbate?«

Ich dachte an Flaminia und meine augenblickliche auflodernde Munterkeit war vorüber.

»Sie werden ernst,« sagte er. »Der Wein ist ja vortrefflich und die Wellen singen und tanzen zu unsrem Bacchanal.«

»Macht der Podesta kein Haus?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Nicht oft!« erwiderte Poggio; »hat er Gesellschaft, dann ist sie sehr ausgesucht! Die Schöne ist scheu wie eine Antilope, ängstlich schüchtern, wie ich es noch bei keinem Weibe meiner Bekanntschaft gesehen habe; aber,« fügte er mit einem spöttischen Lächeln hinzu, »das ist ja auch eine Weise, sich interessant zu machen. Der Himmel weiß, was das eigentlich für eine Bewandtnis mit ihr hat! Sehen Sie: unser Podesta hat zwei Schwestern, beide waren lange Jahre fort von ihm. Die Jüngste war in Griechenland verheiratet und sie soll die Mutter des herrlichen Mädchens sein; die andere Schwester ist noch Jungfrau und zwar eine alte Jungfrau, sie brachte die Schöne vor ungefähr vier Jahren hierher,«

Eine plötzlich hereinbrechende Finsternis unterbrach ihn in seiner Rede; es war, als ob die schwarze Nacht uns in ihre Arme drücken wollte, im selben Augenblicke erleuchtete ein greller Blitz alles um uns her. Ein lauter Donnerschlag folgte, der mich an die Ausbrüche des Vesuvs erinnerte. Unser Haupt neigte sich, unwillkürlich machten wir das Kreuzeszeichen.

»Jesus Maria!« sagte die Wirtin, die zu uns kam, »es ist eine Angst und ein Grauen! Sechs unsrer besten Schiffer sind auf der See, möge die Madonna ihre Hand über sie halten! Die arme Agnese sitzt mit fünf Kindern da, was wird das für ein Elend werden.«

Durch den Sturm hörten wir Gesang. – An dem Ufer, an dem sich die Brandung in klafterhohen Wellen brach, stand eine Schar Weiber und Kinder mit dem heiligen Kreuze; schweigend saß eine junge Frau da; ihr Blick weilte auf der See. Sie säugte ein kleines Kind und ein etwas größeres stand neben ihr und legte sein Köpfchen in ihren Schoß. Nach dem letzten blendenden Blitzstrahle schien sich das Unwetter zu entfernen; es wetterleuchtete am Horizonte und heller schimmerte der weiße Schaum auf der brausenden See.

»Dort sind sie!« rief die Frau, sprang auf und zeigte nach einem kohlschwarzen Punkte, der immer deutlicher wurde.

»Die Madonna sei ihnen gnädig!« sagte ein alter Fischer, der mit der enganschließenden braunen Kapuze über dem Kopfe und mit gefalteten Händen dastand und starr nach dem dunklen Gegenstande blickte. In demselben Augenblicke verschwand er unter einer schäumenden Sturzsee.

Der Alte hatte recht gesehen. Ich hörte den Jammer der Verzweifelten, er steigerte sich, als das Meer ruhiger, der Himmel klarer und die Gewißheit dadurch stärker wurde. Die Kinder ließen das heilige Kreuz los, ließen es in den Sand fallen und schmiegten sich weinend an ihre Mutter an, aber der alte Fischer hob das Kreuz auf, drückte einen Kuß auf den Fuß des Erlösers, hielt es hoch empor und rief den heiligen Namen der Madonna.

Gegen Mitternacht war der Himmel rein, die See ruhiger und der Vollmond warf seine langen Strahlen über die völlig windstille Bucht zwischen der Insel und Venedig. Poggio stieg mit mir in die Gondel, wir verließen die Unglücklichen, denen wir nicht helfen noch Trost bringen konnten.

Am folgenden Abend trafen wir uns bei meinem Bankier, einem der reichsten Venedigs; die Gesellschaft war sehr groß, von den Damen kannte ich keine einzige und hatte auch für keine ein Interesse.

Man begann von dem Unwetter am gestrigen Abende zu reden, Poggio ergriff das Wort, erzählte von dem Tode der Fischer, dem Unglücke der Familien und gab deutlich genug zu erkennen, wie leicht sich einem großen Teile dieser Not abhelfen ließe, wie eine freundliche Gabe eines jeden aus der Gesellschaft eine Summe von großer Bedeutung für die Unglücklichen ausmachen würde, aber niemand schien ihn verstehen zu wollen, man bedauerte, zuckte die Achseln und sprach wieder von anderen Dingen. Jetzt begannen die gesellschaftlichen Talente sich geltend zu machen, Poggio sang eine lustige Barkarole, aber ich glaubte in seinem höflichen Lächeln Bitterkeit und Kälte gegen den vornehmen Kreis lesen zu können, der seine edle Beredsamkeit so kalt aufgenommen hatte.

»Sie singen nicht?« fragte mich die Frau des Hauses, als er sein Lied beendigt hatte.

»Ich werde die Ehre haben, vor Ihnen zu improvisieren,« sagte ich, indem mir ein Gedanke durch die Seele schoß.

»Er ist Improvisator!« hörte ich sie ringsumher flüstern. Die Augen der Damen warfen mir freundliche Blicke zu, die Herren verneigten sich, ich nahm die Guitarre und bat sie, mir ein Thema aufzugeben.

»Venezia!« rief eine Dame und sah mir kühn ins Auge; »Venezia!« wiederholten die jungen Herren, denn die Dame war schön. Ich griff einige Accorde, schilderte Venedigs Pracht und Glanz in den Tagen seines Glückes, wie sie mir geschildert waren und die Träume meiner Phantasie sie sich ausgemalt hatten, und alle Augen flammten, man träumte, daß es noch so wäre. Ich sang von der Schönen auf dem Balkone in der mondhellen Nacht, dachte an Santa und Lara, jede der Damen glaubte, daß es ihr gälte und klatschte mir Beifall. SgricciEin in unsrer Zeit berühmter Improvisator. selbst hatte nie solch Glück gemacht. »Sie ist hier!« flüsterte mir Poggio zu, »Die Nichte des Podesta!« Aber wir wurden verhindert, länger miteinander zu reden, denn man bat mich, noch einmal zu improvisieren. Eine Deputation von Damen und eine alte Eccellenza trugen mir den Wunsch vor. Ich war willig; war es doch mein eigener Wunsch. Ich hatte diese Bitte vorausgesehen, nur wünschte ich in einem der aufgegebenen Themata Gelegenheit zu erhalten, den Sturm, welchen ich mit angesehen hatte, sowie die Not der Unglücklichen zu schildern und durch die Macht des Gesanges den Sieg zu erfechten, den die Beredsamkeit nicht hatte erringen können. – Man gab mir Titians Apotheose auf. Wäre er doch Seemaler gewesen, dann hätte ich ihn als Fürsprecher auftreten lassen, aber sein Lob und seine Verherrlichung konnte ich nicht mit den Ideen in Einklang bringen, die ich auszuführen wünschte. Der Stoff war ja reich, seine Behandlung glückte über Erwarten; ich stand als der Bewunderte unter ihnen, es war meine eigene Apotheose.

»Kein Glück kann größer sein, als das Ihrige,« sagte die Frau des Hauses, »Es muß ein unendlich seliges Gefühl sein, seine ganze Umgebung durch sein Talent hinreißen und erfreuen zu können.«

»Ja, es ist ein beglückende« Gefühl,« erwiderte ich.

»Sprechen Sie es uns in einem schönen Gedichte aus!« entgegnete sie bittend. »Es wird Ihnen so leicht, daß man vergißt, wie unbillig man ist, Sie stets von neuem aufzufordern.«

»Ich kenne ein Gefühl,« versetzte ich, und mein Herz flößte mir Mut ein, »ich kenne ein Gefühl, welches von keinem andern aufgewogen werden kann. Es verwandelt jedes Herz zum Dichter, weckt das Bewußtsein derselben Glückseligkeit, und ich bin ein so geschickter Zauberer, daß ich imstande bin, es in jedem Herzen zu wecken, aber diese Kunst hat da Eigentümliche, daß sie nicht umsonst mitgeteilt werden kann, sondern erkauft werden muß.«

»Wir müssen sie lernen!« riefen alle.

»Hier auf diesem Tische sammle ich die Summen. Wer die größte giebt, wird am tiefsten eingeweiht,«

»Ich lege meine goldene Kette hin,« sagte sofort eine der Damen, lachte und legte sie im Scherz auf den Tisch.

»Ich all mein Spielgeld!« erklärte eine andere und lachte über meinen Einfall.

»Aber es ist Ernst,« versetzte ich, »man bekommt den Einsatz nicht zurück,«

»Wir wagen es trotzdem,« versicherten sämtliche, die alle Geld, Ketten und Ringe auf den Tisch gelegt hatten, während sie doch in die Möglichkeit meines Kunststückes Zweifel setzten.

»Aber wie, wenn mich dies Gefühl nun nicht ergreift,« sagte ein alter Soldat, »erhalte ich meine zwei Dukaten dann nicht wieder?«

»Sie sind durch nichts gezwungen, sie aufs Spiel zu setzen,« erwiderte ihm Poggio, und ich verneigte mich bejahend.

Alle lachten, alle waren erwartungsvoll, das Resultat zu sehen und ich begann zu improvisieren. Eine heilige Glut durchflammte mich, ich sang von dem stolzen Meere, Venezias Bräutigam, von des Meeres Söhnen, den kühnen Seeleuten und von dem Fischer in seinem kleinen Boot. Ich schilderte einen Sturm, die Sehnsucht und Angst der Gattin und der Braut, schilderte, was ich selbst gesehen hatte: die Kinder, welche das heilige Kreuz fallen ließen und sich an die Mutter klammerten, den alten Fischer, welcher das Kruzifix küßte. Es war, als ob ein Gott durch mich spräche, als ob ich nur das Werkzeug wäre, durch welches er seine mächtige Stimme erschallen ließ. Ein tiefes Schweigen herrschte im Saale, manches Auge weinte. Darauf führte ich sie in die Hütte der Armut, brachte den Unglücklichen durch unsere kleine Gabe Hilfe und Leben und ich sang, um wie viel seliger es wäre zu geben als zu nehmen, besang die Freude, welche meine Brust erfüllte, jedes Herz erfüllte, das voller Liebe sein Scherflein dargebracht hätte. Es wäre ein Gefühl, welches nichts aufzuwiegen vermöchte, die Stimme Gottes wäre es, welche in jedem Herzen spräche, es heiliger und geistiger machte, es zum Dichter erhöbe; und während ich so sang, nahm meine Stimme an Kraft und Fülle zu. – Alle hatte ich für mich gewonnen; ein stürmisches Bravo jubelte mir entgegen, als ich am Ende des Gesanges Poggio die reichen Gaben reichte, um den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen.

Eine junge Dame sank mir zu Füßen, einen schönern Triumph hätte mir mein Talent nie erringen können. Sie ergriff meine Hand und mit Thränen in den wunderbaren dunklen Augen schaute sie mir dankbar bis in die Seele hinein. Seltsam ergriff mich dieser Blick, dieser Schönheitsausdruck; es war, als hätte ich ihn einmal im Traume gesehen.

»Die Mutter Gottes lohne es Ihnen!« stammelte sie, und das Blut stieg ihr flammend in die Wangen, sie verbarg ihr Antlitz, und erschrocken über das, was sie gethan hatte, fuhr sie vor mir zurück. Doch wer hätte so grausam sein können, das reine Gefühl der Unschuld verspotten zu wollen. Man drängte sich um mich. Alle waren unerschöpflich in meinem Lobe; alle sprachen von den Unglücklichen auf dem Lido; ich ward als ihr Wohlthäter verehrt. »Geben ist seliger als nehmen!« Ja, dieser Abend hatte es mich gelehrt. Poggio drückte mich in seine Arme.

»Vortrefflicher Mensch!« sagte er, »ich achte und ehre Sie! Die Schönheit bringt Ihnen ihre Huldigung dar. Sie, die durch einen Blick Tausende glücklich machen kann, beugt sich vor Ihnen in den Staub!«

»Wer war sie?« fragte ich mit gedämpfter Stimme.

»Die Schönste in Venedig!« erwiderte er, »des Podesta Nichte.«

Der wunderbare Blick, die Schönheitsgestalt stand lebendig in meiner Seele abgedrückt. Unerklärliche Erinnerungen wurden wach, und auch ich rief: »Sie war schön!«

»Sie erkennen mich wohl nicht wieder, Signore?« fragte eine ältliche Dame, welche an mich herantrat. »Es ist freilich eine Reihe von Jahren her, seit ich die Ehre hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Sie lächelte, reichte mir die Hand und dankte mir für meine Improvisation. Ich verneigte mich höflich; ihre Züge schienen mir bekannt, aber wann und wo ich sie gesehen hatte, war mir nicht klar. Ich mußte es gestehen. »Ja, das ist erklärlich,« sagte sie; »nur ein einziges Mal haben wir einander gesehen; es war in Neapel. Mein Bruder war Arzt, Sie besuchten ihn mit einem Mitgliede der borghesischen Familie.«

»Jetzt erinnere ich mich!« rief ich; »ja, nun erkenne ich Sie! Am wenigsten hätte ich erwartet, daß wir uns hier in Venedig treffen würden!«

»Ich führte damals meinem Bruder die Wirtschaft,« sagte sie, »vor vier Jahren ist er gestorben! Nun bin ich hier bei meinem älteren Bruder. Der Diener soll Ihnen unsere Karte bringen. Meine Nichte ist ein Kind, ein eigentümliches Kind, sie will fort, augenblicklich fort! Ich muß ihr schon den Willen thun.« – Die alte Dame reichte mir die Hand und verließ das Zimmer.

»Glücklicher Mensch!« sagte Poggio, »das war des Podesta Schwester, Sie kennen sie, sind von ihr eingeladen, das halbe Venedig wird Sie beneiden. Knöpfen Sie nun den Rock fest bis zum Herzen zu, wenn Sie hingehen, damit sie nicht auch, wie fast alle, verwundet werden, die nicht einmal in solche Nähe der feindlichen Batterie geraten.«

Die Schöne war verschwunden. Für den Augenblick hatte ihr Gefühl sie hingerissen, sie war mir zu Füßen gesunken, aber sofort war auch ihre übertriebene Verschämtheit und ihre außerordentliche Schüchternheit erwacht. Angst und Schrecken vertrieben sie deshalb aus dem großen Kreise, dessen Aufmerksamkeit sie auf sich gezogen hatte, und doch erschallte nur ihr Lob und ihre Bewunderung – sie wurden ihr mit mir gemeinschaftlich zu teil! Die Königin der Schönheit hatte alle bezaubert; ihr Herz war ebenso edel wie ihre Formen.

Das Bewußtsein, eine gute Handlung gethan zu haben, warf einen Lichtstrahl in meine Seele, ich fühlte einen edlen Stolz, fühlte mein Glück, die Gabe des Gesanges zu besitzen. All das Lob und die Liebe, womit man mich von allen Seiten überhäufte, schmolz jede Bitterkeit in meiner Seele; es war, als, ob sich meine geistige Kraft aus ihrem bittern Scheintode reiner und besser erhöbe. Ich dachte an Flaminia und dachte an sie ohne Schmerz, sie würde mir schwesterlich die Hand gedrückt haben. Ihr Wort, daß der Dichter nur das Göttliche, nur Gottes Herrlichkeit besingen dürfte, stand mir klar und leuchtend vor der Seele. Ich fühlte wieder Kraft und Mut, eine milde Ruhe verbreitete sich über mein ganzes Wesen und zum erstenmal seit langen, langen Zeiten hatte ich wieder eine frohe Empfindung, Es war ein glücklicher Abend. Poggio stieß mit mir an; wir schlossen Freundschaft und besiegelten sie mit dem brüderlichen Du. Spät kam ich nach Hause, aber ich hatte kein Verlangen nach Schlaf und Ruhe. Hell stand der Mond am Himmel und spiegelte sich in dem Wasser der Kanäle und ein leiser Luftzug wehte mir Kühlung zu. Mit des Kindes frommem Glauben faltete ich meine Hände und betete: »Vater, vergieb mir meine Sünden! Verleihe mir Kraft, ein guter und edler Mensch zu sein, und dann darf ich ja wohl auch Flaminias gedenken, der Schwester gedenken. Stärke auch ihre Seele, laß sie nie von meinem Schmerze träumen! Sei uns gnädig, ewiger Gott!« Ich fühlte mich leicht um das Herz; Venedig mit seinen leeren Kanälen und alten Palästen schien mir eine schöne schwimmende Feenwelt.

Am nächsten Morgen war ich wunderbar aufgeräumt, ein edler Stolz war in meiner Brust erwacht, ich war glücklich durch meine geistigen Gaben und Gott dankbar. Ich nahm eine Gondel, um dem Podesta, dessen Schwester ich ja kannte, einen Besuch abzustatten. Ehrlich gestanden, hatte ich auch Lust, die junge Dame zu sehen, die mir so lebhaft gehuldigt hatte und für die Königin der Schönheit galt.

»Palazzo d'Othello!« sagte der Gondolier und fuhr mich durch den großen Kanal nach einem alten Gebäude, während er erzählte, daß der Mohr von Venedig, der ein solcher Quälgeist seiner schönen Gemahlin Desdemona gewesen wäre, darin gewohnt hätte und daß alle Engländer das Haus mit ebenso großem Interesse betrachteten, als ob es die Markuskirche oder das Arsenal wäre.

Sie nahmen mich sämtlich wie einen lieben Verwandten auf. Rosa, die alte Schwester des Podesta, sprach von dem teuren verstorbenen Bruder, von dem lustigen lebensprudelnden Neapel, welches sie seit vier Jahren nicht gesehen hätte. »Ja,« sagte sie, »Maria hat ebenfalls Sehnsucht, und wir reisen, wir reisen, wenn jemand es am wenigsten vermutet. Ich muß den Vesuv und das wunderbar schöne Capri noch einmal sehen, ehe ich sterbe.«

Maria trat herein und reichte mir mit einer eigentümlichen Schüchternheit die Hand. Schön war sie, ja sie kam mir schöner als bei ihrer gestrigen Huldigung vor. Poggio hatte recht, so mußte die Jüngste der Grazien aussehen, kein weibliches Wesen zeigte edlere Formen. Lara vielleicht? Ja, Lara, das blinde Mädchen, war in seinen Lumpen mit dem kleinen Veilchenstrauße im Haare ebenso schön wie Maria in ihrer reichen Pracht! Die geschlossenen Augen hatten stärker zu meinem Herzen geredet als dieser wunderbar dunkle Feuerblick. Jeder Zug war Wehmut wie bei Lara, aber in dem offenen dunklen Auge lag ein Frieden, eine Freude, die Lara nicht gekannt hatte. Vieles an ihr lenkte meine Gedanken auf das blinde Bettlermädchen, welches sie nie gesehen hatte, selbst die eigentümliche Ehrfurcht, die sie meinem Herzen einflößte, als stände sie vor etwas Höherem. Meine geistigen Fähigkeiten gewannen größere Biegsamkeit, meine Beredsamkeit wurde reicher. Ich gefiel, wie ich fühlte, allen und Maria schien mir die Bewunderung zu zollen, welche mir ihre Schönheit abnötigte. Ich betrachtete sie, wie ein Bräutigam eine herrliche weibliche Statue betrachtet, die das Bild seiner Geliebten vollkommen wiedergiebt. In Maria fand ich Laras Schönheit, fast wie in einem Spiegelbilde und Flaminias schwesterlichen Sinn; man mußte Vertrauen zu ihr haben. Es war mir, als ob wir lange einander gekannt hätten.

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